Katholisch Leben!

Den katholischen Glauben kennen, leben, lieben & verteidigen!

Modernismus


Im engeren Sinne hat den Begriff Modernismus Papst Pius X. in seiner Enzyklika Pascendi von 1907 geprägt. Er nennt ihn dort das Sammelbecken aller Irrtümer (omnia haereseon collectum). Der Modernismus entwickele sich aus dem Protestantismus des 16. Jahrhunderts und führe zum Atheismus (vgl. auch I. Vatikanum Dei filius 4).

"Extreme Meinungen traditionalistischer oder modernistischer Art an den Rändern der Kirche berühren sich oft. Statt Aggressivitäten gegen Papst und Bischöfe zu pflegen, wenn diese nicht den Eigenwilligkeiten von Randgruppen gefügig sind, soll für jeden katholischen Christen ein „sentire cum ecclesia“ Richtlinie sein, nämlich ein Denken, Fühlen und Handeln mit der Kirche." (Gerhard Ludwig Müller)[1]

Modernismusstreit (1907)

Zurück zum Ausgangspunkt: Die von Pius X. so genannten Modernisten, von denen fast jeder jedoch behauptete, das päpstliche Verdikt habe ihn nur partiell betroffen, versuchten um 1900 die wissenschaftlichen Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts mit der religiösen Tradition zu vereinbaren. Dies unternahmen sie jedoch kurzschlüssig, einseitig und voreilig zugunsten der Wissenschaft bzw. ihres damaligen (heute überholten) Erkenntnisstandes.

Während sich fast alle verdächtigten Theologen alsbald unterwarfen und die generelle Berechtigung des päpstlichen Eingreifens anerkannten, leisteten der Engländer George Tyrrell, der Italiener Ernesto Buonauiti und vor allem der wirkungsmächtigste Vertreter des Modernismus, der frz. Priester Alfred Loisy, erbitterten Widerstand. Weniger heftige Bestrebungen eines Ausgleichs mit der modernen Welt wurden im deutschen Sprachraum unter dem Stichwort "Reformkatholizismus" bekannt.

Bereits im Jahr 1909 bekannte sich der (im Vorjahr) exkommunizierte Loisy als gescheitert und wandte sich weiterreichenden religionsphilosophischen Untersuchungen zu, beharrte aber zeitlebens auf der Richtigkeit seiner Position, die heute allgemein nicht mehr als wissenschaftlich beurteilt wird. Der optimistische Humanismus, der die liberalen Vertreter des Modernismus kennzeichnete, erlebte mit dem I. Weltkrieg eine so tiefgreifende Erschütterung, dass der Gegenwart das heile Selbstbild der "guten alten Zeit" kaum noch vorstellbar ist.

Eine Triebfeder für theologisch-wissenschaftliche Ausgleichsversuche übereilter Art war sicherlich auch, dem modernen Lebensgefühl gegenüber nicht abseits stehen zu wollen. Einige Anliegen des so gen. "Modernismus" wurden in nachfolgenden Jahrzehnten auch vom kirchlichen Lehramt aufgegriffen, insbesondere hinsichtlich der Bibelwissenschaft und der Dogmengeschichte.

Hierfür ist von Bedeutung, dass Pius X. keineswegs verurteilt hat, dass die Kirche durch ihre Amtsträger zu Anpassungen an die Erfordernisse der Zeit befugt ist. Im Gegenteil: Er selbst hat die umfänglichsten Reformmaßnahmen seit dem Tridentinum veranlasst. Die Enzyklika Pascendi war auch, trotz mancher feuriger Aussprüche, nicht gegen die Wissenschaft gerichtet, sondern vielmehr gegen falsche, scheinbare Wissenschaftlichkeit, die ihre veränderlichen Erkenntnisse zum Kriterium der Wahrheit macht.

Moralischer, rechtlicher und sozialer Modernismus

In der Ansprache Sollemnis conventus vom 24. Juni 1939 an die Kleriker von Rom (Nr. 9) sagte auch Pius XII., dass ein gewisser Relativismus (der von Pius XI. dem dogmatischen Modernismus gleichgestellt, streng verurteilt und als „moralischer, rechtlicher und sozialer Modernismus“ bezeichnet wurde), anerkenne nicht mehr die Norm des Wahren und Falschen, des Guten und Bösen als unveränderliches Sittengesetz. Er will vielmehr die ständig sich wandelnden Bedürfnisse der Individuen, der Klassen und Staaten zum obersten Prinzip erheben.

Modernismus und II. Vatikanum

Kritiker des von Papst Johannes XXIII. einberufenen II. Vatikanischen Konzils behaupten, dieses habe aber den "Kampf" gegen neue Erscheinungsformen des Modernismus aufgegeben, damit die Identität der katholischen Religion preisgegeben und die Kirche massiv geschwächt. Demgegenüber findet sich in den Texten des II. Vatikanums (und auch im Lehramt der neueren Päpste) kein greifbarer Beleg für eine im Sinne des Modernismusstreits explizit "modernistische" Position. Die Botschaft des Konzils gestattet jedoch keine allein antimodern motivierte Definition katholischer Identität, da diese dem Missionsauftrag der Kirche widerstreiten würde. Die um ihres öffentlichen Auftrags willen erforderliche Selbstkorrektur des Katholizismus hat das Konzil, mitunter durch päpstliche Eingriffe seitens Paul VI., in den Kontext der Tradition der Kirche aller Jahrhunderte einzufügen gewusst. Heutige Leser der Dokumente können z.B., ohne Rückgriff auf wissenschaftliche Kommentierungen, kaum noch erkennen, welches die heftig umstrittenen Positionen waren, etwa in Dei Verbum, Lumen Gentium oder Gaudium et spes. Den Konzilsaussagen fehlte allerdings ein Kriterium für Maß und Methode erforderlicher Traditionskritik ebenso wie Maßstäbe andererseits notwendiger Intransigenz, so dass die Auslegung des Konzils zur wichtigsten Aufgabe für die nachkonziliaren Päpste wurde. Insbesondere die umfangreiche Lehr- und Reisetätigkeit von Johannes Paul II. hat hier zuvor vermisste Klarheit geschaffen. Bestimmte Projekte, die häufig mit dem Geist des Konzils in Verbindung gebracht wurden, fanden dadurch keine päpstliche Billigung (z.B. Priesterehe, Frauenordination, Ehescheidung). Die Hinwendung der Kirche zu einem integralen Humanismus (Jacques Maritain, 1936) und zum interreligiösen Dialog wurde so aber weiter intensiviert.

Nicht jede Annäherung an wissenschaftliche und gesellschaftliche Fortschritte ist aber zugleich Häresie. Selbst der Syllabus von 1864, der von Kritikern immer wieder zur Beweisführung angeführt wird, verurteilte Zeitirrtümer der Jahre um 1864, nicht ewige Irrtümer aller Zeiten. Unzulässig ist es auch, aus einem lehramtlich nachrangigen Dokument (hier der Enzyklika Quanta cura von Papst Pius IX. beigefügt), das methodisch die (stets interpretationsbedürftige) Verurteilung von irrtumsbehafteten Sätzen vollzog (ohne im gleichen Umfang eine Positionsbestimmung positiv vorzunehmen), einen allzeit verbindlichen Grundriss einer Art von katholischer Ideologie herzuleiten. Denn die aktuelle Missbilligung bestimmter Formulierungen enthält keine positiv verbindliche Definition der "Gegen-Sätze".

Lehramt und Traditionskritik

Das kirchliche Lehramt spricht die Wahrheit der Religion notwendig anhand einzelner Konfliktfälle aus. Nicht jede Teilaussage innerhalb des Klärungsprozesses hat also das gleiche Gewicht. Trotzdem war die wesentliche Hauptrichtung der Position der Päpste schon des 19. Jahrhunderts, bis zu Pius X., von erstaunlichem Weitblick getragen. Keine andere Institution hat mit ähnlicher Deutlichkeit die Gefahren der Moderne vorhergesehen, die in den Verbrechen totalitärer Gewaltstaaten bald zum Durchbruch kamen. Da die päpstliche Perspektive immer eine pastorale ist, mussten theologische Konzepte, die einem falschen Bild vom Menschen und seines religiösen Bewusstseins (und damit letztlich der totalitären Versuchung) zuarbeiten, zurückgewiesen werden. Die Funktion des päpstlich-bischöflichen Lehramts ist nicht über jedwede Kritik erhaben, aber doch ist sie für den Weg der Kirche durch die Zeit völlig unverzichtbar, wie es John Henry Newman anhand seines eigenen Lebensweges ('Apologia pro vita sua') wohl bis heute unübertroffen dargestellt hat.

Die immer wieder erforderlichen Korrekturen des kirchlichen Lehramts zugunsten der Theologie betreffen also nur den (jeweils als kontraproduktiv erwiesenen) "Überschuss" an defensiver Haltung oder auch den "Überschuss" an als untauglich erwiesenen Innovationen. Keineswegs ist das Lehramt aber a priori in der Rolle des defensiven "Nachzüglers", der allmählich den autonomen Erkenntnisfortschritt der Theologie gutheißen muss. Nicht zuletzt der Schock der Moderne selbst (die humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts) haben gezeigt, dass die Kirche mit der Botschaft des Konzils von 1962 bis 1965 eine zeitgemäße Antwort auf die Krise des Humanismus geben konnte.

Konfession und Religionsfreiheit

Da die heutige antimoderne Kritik (seitens kleiner Randgruppen der Christenheit) vor allem die Billigung der Religionsfreiheit im Staat durch Konzil und Päpste angreift, hat sogar sie zu einer weiteren Durchdringung dieses Grundproblems im Dialog mit der Moderne beigetragen. Provoziert durch die Folgen der frz. Revolution von 1789, die zunächst ein Konzept der Menschenrechte förderte, das auf dogmatischer Ebene mit der Religion in aggressive Konkurrenz trat, hat die Kirche seither, in mehreren Schritten, eine zunehmend klare Unterscheidung der beiden ihr zustehenden Wirkungsbereiche (geistlich und weltlich) geleistet.

Der zunächst defensiv antimoderne Kurs im 19. Jh. hat das Papsttum zur Konzentration auf seine eigentlich geistliche, aber universale Sendung zurückgeführt. Diese kann aber nicht hinnehmen, dass die Moderne die Religionsausübung weithin als Privatsache auffasst, wie es mit der Reformation seinen Anfang nahm. Weil (nicht: obwohl!) die katholische Religion einen öffentlichen Anspruch erhebt, muss sie sich aber von der Konkurrenz um politische Macht im Staat freimachen. Solange die Kirche eine "Partei" unter vielen in der Gesellschaft ist, kann sie dem Wort und Sakrament Christi nämlich keine allgemeine Geltung verschaffen. Während der Modernismus im Ergebnis auf die Abschaffung der Kirche zielte (jedenfalls ihrer Amtsverfassung), zugunsten privater Religiosität in der Gesellschaft, befähigt die Lehre des II. Vatikanums (insb. in Lumen Gentium und Dei Verbum), ganz entgegengesetzt, zur besseren gesellschaftlichen Wirksamkeit der Religion, indem sie auf die Durchsetzungskraft der Wahrheit selber vertraut, ohne Zuhilfenahme von Machtmitteln oder Privilegien (in der politischen Ordnung). Soweit die Kirche der Geburtsort der menschlichen Person ist, mithin ihrer Freiheit, betont sie heute ein zentrales Dogma: Glaube und Taufe setzen ein persönliches Bekenntnis voraus. In einer Weise, die das Antlitz Christi deutlicher hervortreten lässt, soll das Glaubensleben, unverwechselbar mit allen anderen Religionen oder Weltanschauungen, glaubwürdig sein.

Ausblick

Die weitere Fundierung dieser zugleich modernen und katholischen Einsichtenn könnte zum zentralen Thema für den öffentlichen Diskurs der Gegenwart werden, da die Gefahren der Moderne eine tragfähige Antwort fordern. Diese Antwort setzt Gewissheit voraus, also Wahrheit, aber auch Entscheidung, also Freiheit. Im Ergebnis wird sich erweisen, dass der Katholizismus, vielleicht als einzige Konfession, zu einer dialogischen Toleranz in der offenen Gesellschaft befähigt ist. Diese Befähigung bildet keine falschen Synthesen (vgl. "Weltethos"), bringt aber den unverzichtbaren Absolutheitsanspruch der Religion einerseits mit der Achtung vor abweichenden Überzeugungen andererseits zum Ausgleich. Die Kirche der Zukunft wird also als eine Gemeinschaft freiwilliger Nachfolge Christi leben und wirken.

Diesen vielleicht wichtigsten Erkenntnisfortschritt des 20. Jahrhunderts hat der Kampf gegen den Modernismus erst ermöglicht. Denn die zu kurzschlüssig konzipierte "Kapitulation" vor der Moderne um 1900 gefährdete die Religion insgesamt. Die wissenschaftliche Theologie deutscher Prägung geht mit diesem Erfolg aber noch zu defensiv um. Allerdings führt es am Problem vorbei, jedwede modernere Theologie schlicht dem Argwohn auszusetzen, dahinter verberge sich nichts anderes als ein Neo-Modernismus. Denn die heutige Problematik ist anders und tiefgreifender als die nur innertheologische "Modernismus-Krise" um 1900 (die kaum je die Frömmigkeit des Volkes berührte). Das hatte schon Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Ecclesiam suam zum Ausdruck gebracht (1964).

Denn Verfechter eines seinerseits ideologisch geprägten Toleranzdogmas sehen sich weiterhin außerstande, den Anspruch Jesu, so wie die Kirche ihn vertritt, in der Öffentlichkeit zu dulden. Die Überzeugungsarbeit hat hier wohl erst begonnen. Sie ist aber nach den komplementären Vorarbeiten sowohl der "Pius-Päpste" wie der Konzilspäpste und ihrer Nachfolger nicht aussichtslos. Neue Impulse gab hierzu auch die Vorlesung, die Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg hielt sowie seine Sapienza-Rede, die für den 17. Januar 2008 vorbereitet war.

Päpstliche Schreiben

Pius X.

8. Juli 1907 Heiliges Offizium Dekret Lamentabili sane exitu (Der so gen. Kleine Syllabus)
8. September 1907 Enzyklika Pascendi Dominici gregis über die Modernisten.
18. November 1907 Motu proprio Praestantia scripturae über die Exkommunikation modernistischer Widersprecher gegen seine o.g. beiden Erlasse;
21. April 1909 Enzyklika Communium rerum über den heiligen Anselm, Erzbischof von Canterbury zum 800jährigen Jubiläum seines Todestages.
26. Mai 1910 Enzyklika Editae saepe zur Dreihundertjahrfeier der Heiligsprechung des Karl Borromäus.

Benedikt XV.

1. November 1914 Enzyklika Ad beatissimi apostolorum, Nr. 25.

Pius XI.

23. Dezember 1922 Enzyklika Ubi arcano dei consilio, Nr. 59-62.

Pius XII.

12. August 1950 Enzyklika Humani generis (Warnung vor falscher Philosophie, ohne Lehrverurteilungen)

Johannes XXIII.

29. Juni 1959 Enzyklika Ad Petri cathedram (Bekräftigung der Mahnungen der Vorgänger)

Paul VI.

6. August 1964 Enzyklika Ecclesiam suam (Warnung vor größerer Krise)

Johannes Paul II.

14. September 1998 Enzyklika Fides et ratio (Bekräftigung der richtigen Philosophie)


Literatur

Walter Lang: Der Modernismus als Gefährdung des christlichen Glaubens. Stella Maris Verlag Buttenwiesen 2004 (264 Seiten; ISBN 3-934225-34-9).
Henri de Lubac: Zwanzig Jahre danach. Ein Gespräch über Buchstabe und Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, München (Neue Stadt) 1985.
Rudolf Graber: Athanasius und die Kirche unserer Zeit, zu seinem 1600. Todestag, Josef Kral Verlag Abensberg 1974.
Norbert Trippen: Theologie und Lehramt im Konflikt. Die kirchlichen Maßnahmen gegen den Modernismus im Jahre 1907 und ihre Auswirkungen in Deutschland, Freiburg i.Br. 1977.
Claus Arnold: Kleine Geschichte des Modernismus, Freiburg i.Br. (Herder), 2007.
Dr. Georg Reinhold: Der alte und der neue Glaube. Josef Habbel Verlag 1924 (Zwei Bände in einem Buche 396/420 Seiten).
Wilhelm Reinhard in: LThK 1. Auflage, Band 7, Sp. 249-254
Robert Scherer in: LThK 2. Auflage, Band 7, Sp. 513-515.
Otto Weiß in: LThK 3. Auflage, Band 7, Sp. 367-370.

(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Modernismus abgerufen am 13.09.2019)


Dekret
Lamentabili sane exitu

Kongregation des Heiligen Offiziums
im Pontifikat von Papst
Pius X.
(Der so gen. Kleine Syllabus Papst Pius X.)
3. Juli 1907
(Offizieller lateinischer Text ASS XL [1907] 470-478)

(Quelle: Papst Pius X. Ein Bild kirchlicher Reformtätigkeit, Anhang S. 251-255, von D. Dr. Alexander Hoch, Leipzig, G. Müller-Mann´sche Verlagsbuchhandlung, mit kirchlicher Druckerlaubnis. Die Rechtschreibung ist der gegenwärtigen Form angeglichen; mögliche Quelle: Franz Heiner: Der neue Syllabus Pius´X. vom 3. Juli 1907 dargestellt und kommentiert, Kirchheim Verlag Mainz 1908, 330 Seiten).

Es ist eine traurige Tatsache, dass unsere Zeit jeder Leitung überdrüssig, bei der Erforschung der höchsten Fragen nicht selten dem Neuen so nachjagt, dass sie das Erbgut der Menschheit preisgibt und den schwersten Irrtümern anheimfallt. Diese Irrtümer werden um so gefährlicher sein, wenn es sich um die heiligen Wissenschaften handelt, um die Erklärung der Heiligen Schrift, um die vorzüglichsten Glaubensgeheimnisse. Es ist aber sehr zu bedauern, dass sich auch unter den Katholiken nicht gerade wenige Schriftsteller finden, welche die von den Vätern und von der Heiligen Kirche selbstgesetzten Grenzen überschreiten und unter dem Schein einer höhern Einsicht und im Namen der geschichtlichen Auffassung einen Fortschritt der Dogmen anstreben, der in Wahrheit ihre Zersetzung ist. Damit aber derartige Irrtümer, die täglich unter den Gläubigen verbreitet werden, in ihrem Herzen keine Wurzel fassen und die Glaubensreinheit beeinträchtigen, hat es dem Heiligen Vater Pius X. gefallen, dass die Heilige römische und allgemeine Inquisition die vorzüglichsten derselben kennzeichne und verurteile. Darum haben die erlauchten Herren Kardinäle, die in Sachen der Glaubens- und Sittenlehre Generalinquisitoren sind, nach vorheriger sorgfältiger Untersuchung und nach Einholung des Gutachtens der Konsultoren ihr Urteil dahin abgegeben, dass folgende Sätze zu verurteilen und zu verfolgen sind, wie es durch folgendes Generaldekret geschieht.

1. Das kirchliche Gesetz, welches vorschreibt, dass Bücher über die göttlichen Schriften einer vorherigen Zensur zu unterwerfen seien, erstreckt sich nicht auf diejenigen, welche sich mit der Kritik oder wissenschaftlichen Erklärung der Bücher des Alten und des Neuen Testaments beschäftigen.

2. Die kirchliche Auslegung der heiligen Bücher ist zwar nicht zu verachten, unterliegt jedoch dem genaueren Urteil und der Verbesserung der Exegeten.

3. Aus den gegen die freie und wissenschaftliche Exegese erlassenen kirchlichen Urteilen und Zensuren lässt sich schließen, dass der von der Kirche vorgetragene Glaube der Geschichte widerspricht und dass die katholischen Dogmen sich mit den eigentlichen Anfängen der christlichen Religion nicht vereinigen lassen.

4. Das Lehramt der Kirche kann nicht einmal durch dogmatische Definitionen den wahren Sinn der Heiligen Schriften feststellen.

5. Da im Schatze des Glaubens nur offenbarte Wahrheiten enthalten sind, kommt es in keiner Beziehung der Kirche zu, Urteile über die Sätze der menschlichen Wissenschaften zu fällen.

6. Bei Feststellung der Wahrheiten arbeiten die lernende und die lehrende Kirche so zusammen, dass die lernende weiter nichts zu tun hat, als die allgemein angenommenen Ansichten der lehrenden gut zu heißen.

7. Wenn die Kirche Irrlehren verdammt, kann sie nicht von den Gläubigen eine innere Zustimmung verlangen, wodurch sie die von ihr erlassenen Urteile annehmen.

8. Als von jeder Schuld frei sind die zu betrachten, die den von der heiligen Indexkongregation und anderen heiligen römischen Kongregationen erteilten Tadel für nichts achten.

9. Eine allzu große Einfalt oder Unwissenheit tragen die zur Schau, die glauben, dass Gott in Wahrheit der Urheber der Heiligen Schrift sei.

10. Die Inspiration der Bücher des Alten Testaments besteht darin, dass die israelitischen Schriftsteller religiöse Lehren von einem besonderen, den Heiden wenig oder gar nicht bekannten Standpunkt dargelegt haben.

11. Die göttliche Inspiration erstreckt sich nicht so auf die ganze Heilige Schrift, dass sie alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum schützt.

12. Wenn der Exeget mit Nutzen biblische Studien treiben will, so muss er vor allen Dingen jede vorgefasste Meinung über den übernatürlichen Ursprung der Heiligen Schrift ablegen und darf diese nicht anders auslegen als andere, rein menschliche Dokumente.

13. Die evangelischen Gleichnisse haben die Evangelisten selbst und die Christen der 2. und 3. Generation künstlich hergestellt und sind dadurch Veranlassung zu dem geringen Erfolg der Predigt Christi bei den Juden gewesen.

14. In mehreren Erzählungen haben die Evangelisten nicht so sehr das, was wahr ist, berichtet, als das, was sie, wenn es auch falsch war, doch nützlicher für ihre Leser glaubten.

15. Die Evangelien wurden bis zur definitiven Festsetzung des Kanons fortwährend durch Zusätze und Korrekturen vermehrt. Daher, blieb in ihnen von der Lehre Christi nur eine schwache und unsichere Spur zurück.

16. Die Erzählungen des Johanries sind nicht eigentlich eine Geschichte, sondern eine mystische Betrachtung des Evangeliums. Die in seinem Evangelium enthaltenen Predigten sind theologische Meditationen über das Mysterium des Heils und ermangeln der historischen Wahrheit.

17. Das 4. Evangelium übertrieb die Wunder nicht allein, um sie außerordentlicher erscheinen zu lassen, sondern auch damit sie geeigneter wurden, das Werk und den Ruhm des Fleisch gewordenen Wortes darzustellen.

18. Johannes nimmt allerdings die Eigenschaft eines Zeugen von Christo für sich in Anspruch; in Wahrheit jedoch ist er nur ein hervorragender Zeuge des christlichen Lebens oder des Lebens Christi in der, Kirche am Ausgang des 1. Jahrhunderts.

19. Die heterodoxen Exegeten haben den wahren Sinn der Schriften treuer wiedergegeben, als die katholischen Exegeten.

20. Die Offenbarung konnte nichts anderes sein als das vom Menschen erworbene Bewusstsein seiner Beziehung zu Gott.

21. Die Offenbarung als Gegenstand des katholischen Glaubens war, mit den Aposteln nicht vollendet.

22. Die Dogmen, welche die Kirche als Offenbarungen hinstellt, sind keine vom Himmel gefallenen Wahrheiten, sondern eine Auslegung der religiösen Tatsachen, welche sich der menschliche Verstand mit mühsamer Anstrengung errungen hat.

23. Bestehen kann und es besteht wirklich ein Gegensatz zwischen den in der Heiligen Schrift erzählten Tatsachen und den darauf gestützten Dogmen der Kirche, sodass der Kritiker Tatsachen als falsch verwerfen kann, welche die Kirche für sehr sicher hält.

24. Der Exeget ist nicht tadelnswert, der Voraussetzungen konstruiert, aus denen folgt, dass Dogmen historisch falsch oder zweifelhaft sind, wenn er nur nicht direkt die Dogmen selbst leugnet.

25. Die Zustimmung des Glaubens beruht im letzten Grunde auf einer Häufung von Wahrscheinlichkeiten.

26. Die Glaubenssätze sind nur nach ihrem praktischen Sinn zu betrachten, d. h. als verpflichtende Richtschnur für das Handeln, nicht jedoch als Richtschnur für den Glauben.

27. Die GÖTTLICHKEIT Christi ist aus den Evangelien nicht zu erweisen, sondern sie ist ein Dogma, welches das christliche Bewusstsein aus dem Begriff des Messias abgeleitet hat.

28. Als Jesus Sein Lehramt ausübte, redete er nicht, um zu zeigen, dass er der Messias sei, und auch seine Wunder hatten nicht den Zweck, dies zu beweisen.

29. Man kann zugeben, dass der Christus, der die Geschichte darbietet, weit unter dem Christus steht, der Gegenstand des Glaubens ist.

30. In allen evangelischen Texten, bedeutet der Name ”Sohn Gottes” lediglich ”Messias“; durchaus nicht aber bedeutet er, dass Christus der wahre und natürliche Sohn Gottes sei.

31. Die Lehre, welche Paulus, Johannes und die Konzilien von Nicäa, Ephesus und Chalcedon über Christus aufstellen, ist nicht die, welche Jesus gelehrt hat, sondern die, welche das christliche Bewusstsein von Jesus empfangen hat.

32. Der natürliche Sinn der evangelischen Texte ist unvereinbar mit dem, was unsere Theologen über das Bewusstsein und das unfehlbare Wissen JESU Christi lehren.

33. Für jeden, der nicht vorgefassten Meinungen folgt, ist es klar, dass entweder Jesus einen Irrtum bezüglich der nahe bevorstehenden messianischen Wiederkunft ausgesprochen hat, oder dass der größte Teil Seiner Lehre, wie sie in den synoptischen Evangelien enthalten ist, der Authentizität ermangelt.

34. Der Kritiker kann Christus ein unbegrenztes Wissen nur unter der Voraussetzung, die historisch undenkbar ist und dem sittlichen Gefühl widerstrebt, zugestehen, dass Christus als Mensch das Wissen Gottes hatte und trotzdem Seinen Jüngern und der Nachwelt die Kenntnis so vieler Dinge nicht mitteilen wollte.

35. Christus hat nicht immer das Bewusstsein seiner messianischen Würde gehabt.

36. Die Auferstehung des Erlösers ist nicht eigentlich eine Tatsache von historischem Range, sondern eine Tatsache von rein übernatürlichem Range, weder bewiesen, noch beweisbar, die das christliche Bewusstsein allmählich aus anderen Tatsachen abgeleitet hat.

37. Der Glaube an die Auferstehung Christi betraf anfangs nicht so sehr die Tatsache der Auferstehung selbst, als das unsterbliche Leben Christi bei Gott.

38. Die Lehre vom Sühnetod Christi ist nicht evangelisch, sondern nur paulinisch.

39. Die Meinungen über den Ursprung der Sakramente, von denen die tridentinischen Väter erfüllt waren, und die ohne Zweifel Einfluss hatten auf ihre dogmatischen Kanones, sind weit entfernt von jenen, die heute mit Recht bei den historischen Erforschern des Christentums vorherrschen.

40. Die Sakramente hatten ihren Ursprung darin, dass die Apostel und ihre Nachfolger irgendeine Idee und irgendeine Absicht Christi unter dem Antrieb und Einfluss der Umstände und Tatsachen interpretierten.

41. Die Sakramente haben nur den Zweck, dem Menschen die immer segensreiche Gegenwart des Schöpfers ins Gedächtnis zu rufen.

42. Die christliche Gemeinschaft führte die Notwendigkeit der Taufe ein, indem sie sie als notwendigen Brauch annahm und mit ihr die Verpflichtungen des christlichen Bekenntnisses verband.

43. Die Einführung der Kindertaufe war eine disziplinarische Entwicklung, die eine der Gründe dafür wurde, dass sich das Sakrament in zwei Teile teilte, nämlich in die Taufe und die Buße.

44. Nichts beweist, dass das Sakrament der Firmung von den Aposteln ausgeübt wurde. Die formale Unterscheidung aber von zwei Sakramenten, nämlich dem der Taufe und dem der Firmung, gehört nicht der Geschichte des Urchristentums an.

45. Nicht alles das, was Paulus von der Einsetzung der Eucharistie erzählt (1. Kor. 11, 28 bis 25), ist als historisch zu betrachten.

46. In der ersten Kirche gab es den Begriff des durch die Autorität der Kirche wieder ausgesöhnten christlichen Sünders nicht, sondern die Kirche gewöhnte sich nur sehr langsam an diesen Begriff, vielmehr auch nachdem die Buße als Einrichtung der Kirche anerkannt war, wurde sie nicht als Sakrament bezeichnet, weil sie als ein schimpfliches Sakrament betrachtet worden wäre.

47. Die Worte des Herrn : Nehmet hin den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten” (Joh. 20, 22 und 28), beziehen sich nicht auf das Sakrament, der Buße, was auch die Tridentinischen Väter immer behaupten mögen.

48. In seiner Epistel (5, 14 – 15) hatte Jakobus nicht die Absicht, ein Sakrament Christi zu verkünden, sondern einen frommen Gebrauch zu empfehlen und, wenn er in diesem Gebrauch vielleicht ein Gnadenmittel sieht, so nimmt er das nicht in jenem strengen Sinne, wie Theologen, welche den Begriff und die Zahl der Sakramente festsetzten.

49. Indem das christliche Abendmahl allmählich die Eigenschaft einer liturgischen Handlung annahm, erlangten diejenigen, welche dem Abendmahl gewöhnlich vorstanden, priesterlichen Charakter.

50. Die Ältesten, die bei den Versammlungen der Christen das Amt der Überwachung ausübten, waren als Priester und Bischöfe von den Aposteln eingesetzt, um für die nötige Organisation der wachsenden Gemeinden zu sorgen und nicht eigens, um die apostolische Sendung und Vollmacht ständig zu erhalten.

51. Die Ehe konnte erst spät Sakrament des neuen Gesetzes in der Kirche werden, da, bevor die Ehe als Sakrament betrachtet werden konnte, die volle theologische Entwicklung der Lehre über die Gnade und die Sakramente voraufgehen musste.

52. Es lag dem Geiste Christi fern, die Kirche auf Erden, als, dauernde Gesellschaft, für eine lange Reihe von Jahrhunderten zu errichten; vielmehr stand nach der Auffassung Christi das Himmelreich, zugleich mit dem Ende der Welt, unmittelbar bevor.

58. Die organische Verfassung der Kirche ist nicht unveränderlich, sondern die christliche Gesellschaft ist ebenso wie die menschliche einer ununterbrochenen Entwicklung unterworfen.

54. Die Dogmen, die Sakramente, die Hierarchie, sind sowohl dem Begriff wie der Tatsache nach nur Auslegungen und Entwicklungen des christlichen Bewusstseins, welche den kleinen, im Evangelium verborgenen Keim mit äußeren Zutaten vermehrt und ausgebildet haben.

55. Simon Petrus hat niemals auch nur geahnt, dass ihm von Christus der Primat in der Kirche anvertraut sei.

56. Die römische Kirche ist nicht durch Anordnung der göttlichen Vorsehung, sondern lediglich durch politische Umstände das Haupt aller Kirchen geworden.

57. Die Kirche zeigt sich den Fortschritten der Naturwissenschaft und der Theologie feindlich.

58. Die Wahrheit ist nicht unveränderlicher als der Mensch selbst, weil sie sich mit ihm, in ihm und, durch ihn entwickelt.

59. Christus hat nicht einen für alle Zeiten und alle Menschen anwendbaren fest bestimmten Lehrgang aufgestellt; vielmehr hat er eine religiöse Bewegung begonnen, die verschiedenen Zeiten und Orten angepasst ist oder angepasst werden kann.

60. Die christliche Lehre war in ihren Anfängen jüdisch, aber in fortschreitender Entwicklung wurde sie erst paulinisch, dann johanneisch, schließlich hellenisch und universell.

61. Man kann ohne Widerspruch sagen, dass kein Kapitel der Schrift, vom ersten der Genesis bis zum letzten der Apokalypse eine Lehre enthält, die gänzlich identisch wäre mit jener, die die Kirche in derselben Frage überliefert lehrt, und dass daher kein Kapitel der Schrift denselben Sinn für den Kritiker hat wie für den Theologen.

62. Die Hauptartikel des Apostolikums hatten für die Christen der ersten Zeiten nicht dieselbe Bedeutung wie für die Christen unserer Zeit.

63. Die Kirche zeigt sich unfähig, die christliche Sittenlehre wirksam zu bewahren, weil sie hartnäckig an unveränderlichen,. mit den heutigen Fortschritten unverträglichen Lehrbegriffen hängt.

64. Der Fortschritt der Wissenschaften verlangt eine Reform der christlichen Lehre von Gott, von der Schöpfung, der Offenbarung, der Person des Fleisch gewordenen WORTES, der Erlösung.

65. Der heutige Katholizismus lässt sich mit der wahren Wissenschaft nicht vereinigen, wenn er nicht in ein undogmatisches Christentum, das heißt in einen erweiterten und freien Protestantismus, sich umwandelt.

Am folgenden Donnerstag desselben Monats und Jahres, nachdem Sr. Heiligkeit Papst Pius X. über dies alles genau Bericht erstattet worden, hat S. Heiligkeit das Dekret der hochwürdigsten Väter, bestätigt und bekräftigt und angeordnet, dass alle und jeder einzelne der oben gekennzeichneten Sätze von allen als verworfen und proscribiert zu betrachten sind.

(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php/Lamentabili_sane_exitu_%28Wortlaut%29 abgerufen am 13.09.2019)



Enzyklika
Pascendi Dominici gregis

von Papst
Pius X.
an die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und sonstigen Ordinarien, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl stehen
über den Modernismus
8. September 1907[1]
(Offizieller lateinischer Text: ASS XL [1907] 593-650)

(Quelle: Papst Pius X. Ein Bild kirchlicher Reformtätigkeit, Anhang S. 256-290, von D. Dr. Alexander Hoch, Leipzig, G. Müller-Mann´sche Verlagsbuchhandlung, mit kirchlicher Druckerlaubnis. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung; auch in: Rundschreiben unseres Heiligen Vaters Pius X., Autorisierte Ausgabe, Erste Sammlung 1909, Lateinischer und deutscher Text [in Fraktur abgedruckt] S. 185-305)


Ehrwürdige Brüder, Gruß und Apostolischen Segen!

Einleitung

1 Das uns von Gott aufgetragene Amt, die Herde des Herrn zu weiden, hat insbesondere von Christus die Aufgabe zugewiesen bekommen, den Schatz des den Heiligen überlieferten Glaubens aufs wachsamste zu hüten, unter Abweisung profaner Neuerungen in der Sprache und des Widerspruchs der falsch berühmten Wissenschaft. Diese Aufsicht des allerhöchsten Hirten war zu jeder Zeit der katholischen Herde notwendig; denn auf Antrieb des bösen Feindes des Menschengeschlechts haben niemals „Männer, die da verkehrte Lehren reden”,[2] „Schwätzer und Verführer”,[3] ”Verführte und Verführende”[4] gefehlt. Aber man muss bekennen : Die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi ist in dieser letzten Zeit gewachsen; mit ganz neuen und verschlagenen Kunstgriffen suchen sie die Lebenskraft der Kirche zu zerstören und möchten gerne, wenn sie könnten, das Reich Christi selbst von Grund aus vernichten. Darum dürfen Wir nicht länger, schweigen; sonst setzen Wir Uns dem Schein aus, unser heiligstes Amt zu versäumen, und Unsere bisher in der Hoffnung auf bessere Einsicht gezeigte Güte könnte als Pflichtvergessenheit beurteilt werden.

Schwerwiegende Situation

2 In dieser Sache unverzüglich vorzugehen, fordert vor allem die Tatsache, dass die Anhänger der Irrtümer nicht mehr nur unter den offenen Feinden zu suchen sind, vielmehr – das ist das Allerschmerzlichste und Furchtbarste – im Herzen und Schoße der Kirche selbst verborgen sind, um so schädlicher, je weniger sichtbar sie sind – Wir reden, ehrwürdige Brüder, von vielen aus der Zahl katholischer Laien, ja, – und das ist weit beklagenswerter – aus dem Kreise der Priester selbst, die, in einer gewissen verfälschten Liebe zur Kirche, ohne festen philosophischen und theologischen Schutz, vielmehr gänzlich angetan von den durch die Feinde der Kirche überlieferten giftigen Lehren, sich, bar jeder Bescheidenheit, zu Kirchenverbesserern aufwerfen und in kühnem Ansturme alles Heilige an Christi Werk angreifen, ja die Person des göttlichen Heilandes selbst nicht unangetastet lassen, die sie in sakrilegischem Unterfangen zu einem reinen und bloßen Menschen herabsetzen.

3 Dass Wir derartige Menschen zu den Feinden der Kirche rechnen, wenn, sie sich auch selbst darüber wundern, darüber kann niemand mit Recht staunen, der ihre Absicht, über die nur Gott ein Urteil zusteht, beiseite lässt und lediglich ihre Lehren und ihre Art zu reden und zu handeln zur Kenntnis nimmt. Der bleibt bei der Wahrheit, der sie für Gegner der Kirche, verderblicher als jeden anderen Gegner, hält; denn nicht außerhalb der Kirche, sondern, wie gesagt, innerhalb treiben sie ihre Anschläge auf das Verderben der Kirche; deshalb sitzt die Gefahr unmittelbar in den Adern und Eingeweiden der Kirche, und um so sicherer wütet der Schaden, je intimer sie die Kirche kennen. Sie legen ferner die Axt nicht an die Äste und Zweige, sondern an die Wurzel selbst, den Glauben und seine feinsten Fibern; ist aber die unsterbliche Wurzel getroffen, so treiben sie das Gift so durch den ganzen Baum, dass kein Teil katholischer Wahrheit übrig bleibt, an den sie nicht Hand anlegten, keiner, den sie nicht zu verderben sich bemühten. Sie gebrauchen tausend schädliche Künste; nichts ist verschlagener, nichts hinterlistiger als sie; durcheinander, spielen sie bald den Rationalisten, bald den Katholiken, und das so heuchlerisch, dass sie den Unvorsichtigen leicht in den Irrtum hereinziehen. Äußerst verwegen schrecken sie vor keinen Folgerungen zurück und drängen sie mit fester Zuversicht auf. Es kommt hinzu bei ihnen –. eine sehr geschickte Seelenfalle ! – ein sehr arbeitsames Leben, ein energischer, allenthalben sich betätigender Bildungstrieb und das Streben nach dem Ruhme einer zumeist strengen Sittlichkeit. Endlich und das nimmt fast das Vertrauen auf Heilung – sind sie auf ihre Lehren so versessen, dass sie jede Leitung verschmähen und keinerlei Zügel annehmen; im Vertrauen auf eine Art trügerisches Gewissen möchten sie dem Wahrheitsstreben zuschreiben, was einzig und allein dem Stolze und der Halsstarrigkeit zuzuschreiben ist.

Wir hatten zwar gehofft, diese Menschen zur besseren Einsicht einmal zurückrufen zu können; darum haben Wir zuerst liebevolle Zurede, wie gegen Söhne, dann Strenge, endlich, wenn auch widerwillig, die öffentliche Rüge gegen sie angewandt. Es war eitel, wie ihr wisst, ehrwürdige Brüder, für den Augenblick beugten sie den Nacken, um ihn alsbald nur stolzer zu straffen. Handelte es sich nur um sie, so könnten Wir vielleicht darüber hinweggehen,[5] aber der feste Bestand des katholischen Namens steht auf dein Spiel. Längeres Schweigen wäre da Sünde. Wir müssen es unterbrechen und der ganzen Kirche jene unter böser Maske versteckten Menschen so zeigen, wie sie wirklich sind.

Einteilung der Enzyklika

4 Weil es aber der Modernisten – so werden sie mit Recht im Volke genannt – schlauester Kunstgriff ist, ihre Lehren nicht in methodischer Ordnung und als, geschlossenes System vorzuführen, sondern immer nur einzelne, versprengte Stücke, die ihnen den Anschein des Schwankenden und Fahrigen geben, während sie doch tatsächlich fest und beharrend sind, so ist es das Beste, ehrwürdige Brüder, die Lehren zunächst von einem Sehwinkel aus aufzuzeigen und das verknüpfende Band darzutun, um dann die Irrtümer aufzudecken und die Heilmittel zur Beseitigung des Verderbens zu befehlen.
Die modernistische Lehre

5 Um aber bei der etwas verwickelten Sache ordnungsgemäß vorzugehen, ist vor allem, zu beachten, dass jeder der Modernisten mehrere Rollen spielt und gleichsam mehrere Persönlichkeiten in sich vereinigt, nämlich den Philosophen, den Gläubigen, den Theologen, den Historiker, den Kritiker, den Apologeten, den Reformator – sie alle muss man einzeln unterscheiden, wenn man das modernistische System recht verstehen und seine Voraussetzungen und Folgerungen wirklich begreifen will.

Das philosophische Fundament - Der Agnostizismus

6 Um beim Philosophen zu beginnen, so setzen die Modemisten als Grundlage der Religionsphilosophie den sogen. A g n o s t i z i s m u s Kraft dessen ist die menschliche Vernunft auf die Phänomena, d. h. die Erscheinungswelt beschränkt; ihre Grenzen zu überschreiten hat sie weder Recht noch Vermögen. Deshalb ist sie auch außerstande, bis zu Gott vorzudringen und seine Existenz auf dem Wege durch sie Phänomena zu erkennen; Daraus folgt, dass Gott Gegenstand des Wissens auf direktem Wege in keiner Weise sein kann, dass, auf die Geschichtswissenschaft angewandt, Gott in keiner Weise als ein historisches Subjekt angesehen werden kann. Was aber bei dieser Annahme aus der natürlichen Theologie, aus den beweisenden Gründen für die Glaubwürdigkeit unseres Glaubens, aus der äußeren Offenbarung wird, ist leicht einzusehen. Das alles werfen die Modernisten völlig beiseite und lehnen es als Intellektualismus ab, ein lächerliches und längst abgetanes System, wie sie sagen. Sie lassen sich nicht zurückhalten durch die unzweideutige kirchliche Verdammung derartiger Irrtümer; denn das Vatikanische Konzil bestimmte:[6] „Wenn einer sagt, dass der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und HERR, auf dem Wege durch die geschaffene Erscheinungswelt, durch das natürliche Licht der menschlichen Vernunft, nicht sicher erkannt werden könne, der sei im Banne !” Ferner : „Wenn einer sagt, es sei unmöglich oder unersprießlich, dass der Mensch durch göttliche Offenbarung über Gott und seine Verehrung belehrt werde, der sei im Banne !” Endlich : „Wenn einer sagt, die göttliche Offenbarung könne durch äußere Zeichen nicht glaubhaft gemacht werden, und deshalb müssten allein durch innere persönliche Erfahrung oder private Eingebung[7] die Menschen zum Glauben bewogen werden, der sei im Banne!“ Wie aber aus dem Agnostizismus, der lediglich in einem Nicht-Wissen besteht, die Modernisten zum wissenschaftlichen und historischen Atheismus, der im Gegensatz zum Agnostizismus ganz in Verneinung aufgeht, fortschreiten, mit welchem Vernunftschlusse aus dem Nicht-Wissen, ob Gott in die Geschichte der Menschheit eingreift oder nicht, der Schritt getan wird zu einer Erklärung dieser Geschichte unter völliger Beiseiteschiebung Gottes, wie wenn Er wirklich nicht eingreife, das weiß, wer’s kann. Das jedoch steht ihnen unverbrüchlich fest, dass Wissenschaft und ebenso Geschichte atheistisch sein müsse;[8] auf ihrem Gebiete können nur die Phänomena eine Stelle haben, Gott und alles Göttliche ist völlig getilgt. Welche Abgeschmacktheiten über die allerheiligste Person Christi, über die Geheimnisse des Lebens und Todes oder über die Auferstehung und Himmelfahrt aus dieser Lehre folgen, werden Wir bald sehen.

Die vitale Immanenz

7 Dieser Agnostizismus ist jedoch in der Lehre der Modernisten nur der negative Teil; der positive besteht in der, wie sie sagen, v i t a l e n I m m a n e n z . Das eine ergibt sich so aus dem andern : Die Religion, mag sie nun natürlich sein oder übernatürlich, muss wie jede Tatsache eine Erklärung zulassen. Da nun aber die natürliche Theologie beseitigt und der Zugang zur Offenbarung durch Verwerfung der Beweise für die Glaubwürdigkeit unseres Glaubens versperrt ist (s. o.), ja, auch jede äußere Offenbarung völlig aufgehoben ist, so sucht man außerhalb des Menschen vergeblich. Man muss die Erklärung also im Menschen selbst suchen, und da die Religion eine Art Lebensform ist, muss man sie im Leben des Menschen finden. So wird das Prinzip der religiösen Immanenz aufgestellt. Nun ist gleichsam der erste Trieb eines jeden Lebens-Phänomens – und, wie gesagt, gehört die Religion dazu – aus einem gewissen Bedürfnis oder einem Verlangen zu gewinnen; die Anfänge des Lebens im engeren Sinne[9] aber liegen in einer Bewegung des Herzens, dem sogenannten Gefühl; um deswillen, da der Gegenstand der Religion Gott ist, folgt, dass der Glaube, der Anfang und Grund jeder Religion, in einer Art von innerstem Gefühl seine Wurzel haben muss, das aus Bedürfnis nach dem Göttlichen entsteht. Dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen kann, da es nur in bestimmten und geeigneten Zusammenhängen gefühlt wird, an sich nicht zum Bereiche des Bewussten gehören; es ist zunächst verborgen unterhalb des Bewusstseins oder – so reden sie mit einem Lehnworte aus der modernen Philosophie – im „Unterbewusstsein”, wo auch seine Wurzel verborgen und unaufgedeckt liegt. - Aber man wird fragen, wie denn dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen, das der Mensch in sich spürt, Religion wird ? Die Modernisten antworten : Wissenschaft und Geschichte sind in zwei Grenzen eingeschlossen; die eine ist eine äußere, die sichtbare Welt, die andere eine innere, das Bewusstsein. Sobald sie eine der Grenzen berühren, können sie nicht weiter; denn jenseits dieser Grenzen liegt das Unerkennbare. Angesicht dieses Unerkennbaren, mag es nun außerhalb des Menschen und jenseits der sichtbaren Natur sein oder im Menschen im Unterbewusstsein verborgen sein, erregt das Bedürfnis nach dem Göttlichen in einer für Religion empfänglichen Seele ohne – wenigstens behauptet der Fideismus[10] das zu wissen – vorhergehendes Verstandesurteil ein gewisses, besonderes Gefühl; dieses nun trägt die Realität des Göttlichen teils als Gegenstand, teils als seine innerste Ursache in sich und verbindet den Menschen gewissermaßen mit Gott. Dieses Gefühl nennen die Modernisten Glauben, das ist für sie der Anfang der Religion.

8 Aber damit ist das Philosophieren oder besser Phantasieren noch nicht zu Ende. Denn in jenem Gefühl finden die Modernisten nicht nur den Glauben, sondern mit dem Glauben, ja in ihn selbst, wie sie ihn verstehen, setzen sie auch die Offenbarung. „Denn was fordert man für die Offenbarung mehr? Oder sollen wir nicht Offenbarung oder wenigstens Anfang der Offenbarung nennen jenes im Bewusstsein erscheinende religiöse Gefühl? Sollen wir es nicht Gott selbst nennen, der sich, wenn auch noch verworren, in eben diesem religiösen Gefühl offenbart ?” Sie geben aber vor : Da Gott Gegenstand des Glaubens ist und zugleich Ursache, so stammt jene Offenbarung über Gott gleichzeitig von Gott, sie enthält Gott gleichzeitig als Offenbarer und Offenbarung. Daher stammt, ehrwürdige Brüder, jene so abgeschmackte Behauptung der Modernisten nach der jede Religion, je nach dem Gesichtswinkel, zugleich natürlich und übernatürlich zu nennen ist. Daher stammt das Gesetz, nach dem das religiöse Bewusstsein zur allgemeinen Norm gemacht wird, völlig gleich mit der Offenbarung, eine Norm, der sich alle unterwerfen müssen, auch die oberste Kirchengewalt in Lehre, Kultus oder Disziplin.

Deformation der Religionsgeschichte und deren Folgen

9 Bei diesem ganzen Prozess, aus dem nach der Meinung der Modernisten Glaube und Offenbarung hervorgehen, ist ein wegen seiner historisch-kritischen Folgerungen bedeutsamer Punkt scharf zu beachten: Das Unerkennbare, von dem sie reden, gibt sich dem Glauben nicht abstrakt, gleichsam oder als ein Alleiniges; vielmehr zeigt es sich mit einem Phänomenon[11] eng verknüpft, das zwar dem Gebiete der Wissenschaft oder Geschichte angehört, aber dennoch in gewisser Weise darüber hinausgeht, mag dieses Phänomenon nun irgendeine Tatsache in der Natur sein, die ein Geheimnis in sich birgt, oder irgendeine menschliche Persönlichkeit, deren Geist, Handlungen, Worte mit den gewöhnlichen Gesetzen der Geschichte nicht in Einklang gebracht werden zu können scheinen. Dann aber umfasst der Glaube, angelockt von dem Unerkennbaren, das mit dem Phänomenon verbunden ist, dieses ganz und durchdringt es gleichsam mit seinem Leben. Daraus folgt zweierlei: zunächst eine Art Verklärung[12] des Phänomenon, nämlich durch seine Hinaushebung über seine wahren Seinsverhältnisse, um es für die göttliche Form, die der Glaube ihm geben will, geeigneter zu machen. Ferner eine Art von sozusagen Überkleidung[13] desselben Phänomenons, wenn nämlich der Glaube ihm, dass er zuvor der Verbindung von Raum und Zeit entnommen hat, zuspricht, was es in Wirklichkeit nicht besitzt – das geschieht namentlich bei Phänomena der Vergangenheit, und um so mehr, je älter sie sind. Aus dieser Doppelfunktion machen die Modernisten wiederum zwei Gesetze, die zu dem dritten des Agnostizismus gestellt, die Grundlagen historischer Kritik ausmachen. Ein Beispiel wird die Sache klar machen. Nehmen wir die Person Christi : Bei ihr, sagen sie, stoßen Wissenschaft und Geschichte nur auf einen Menschen. Folglich ist kraft jenes ersten Gesetzes des Agnostizismus aus seiner Geschichte alles Göttliche zu streichen. Ferner: es ist kraft des zweiten Gesetzes Christi geschichtliche Person vom Glauben „verklärt”[14] worden, es muss also[15] alles entfernt werden, was sie über die geschichtlichen Bedingungen heraushebt. Endlich ist kraft des dritten Gesetzes dieselbe Person Christi vom Glauben überkleidet[16] worden; folglich muss man von ihr Reden, Handlungen, kurz alles, was seinem Geiste, seiner Stellung, Erziehung, Ort und Zeit, in denen er lebte, nicht entspricht, entfernen.[17] Gewiss eine wunderliche Logik ! Aber das ist modernistische Kritik.

10 Das religiöse Gefühl also, das durch vitale Immanenz aus dem verborgenen Quell des Unterbewusstseins hervorbricht, ist der Keim jeglicher Religion und zugleich der Grund von allem, was in irgendeiner Religion war oder sein wird. Anfänglich roh und fast ungestaltet, ist dieses Gefühl allmählich unter dem Einfluss jenes geheimnisvollen Prinzips, von dem es herstammt, gewachsen zugleich mit dem Fortschritt des menschlichen Lebens, von dem es ja, wie gesagt, eine Art Form ist. So haben wir also hier den Ursprung jeder Religion, mag sie auch übernatürlich sein; denn die Religionen sind alle nur Entfaltungen des religiösen Gefühls. Und man glaube nicht, die katholische Religion sei ausgenommen; sie steht vielmehr den übrigen vollkommen gleich; ist sie doch im Bewusstsein Christi, des auserlesenen Mannes, dem niemand gleich war noch sein wird, durch den Prozess vitaler Immanenz, und nicht anders, entstanden. – Wahrlich, man staunt über die Kühnheit solcher Behauptung, über solchen Frevel am Heiligen ! Aber, ehrwürdige Brüder, das ist nicht nur verwegenes Geschwätz der Ungläubigen, nein Katholiken, ja mehrere Priester sogar, haben das öffentlich gelehrt, sie brüsten sich mit solchem Wahnsinn die Kirche zu reformieren ! Hier handelt es sich nicht mehr um den alten Irrtum, durch den man der menschlichen Natur gleichsam das Recht einer übernatürlichen Ordnung zuschrieb.[18] Darüber ist man weit hinausgegangen : man gibt unserer allerheiligsten Religion in dem Menschen Christus und in uns einen durchaus natürlichen Ursprung aus sich selbst. Das ist aber das beste Mittel, jede übernatürliche Ordnung abzuschaffen. Daher wurde vom vatikanischen Konzil[19] mit Recht bestimmt : „Wenn einer sagt, der Mensch könne zu einer Kenntnis und Vollkommenheit, die die Natur übersteigt, nicht von Gott erhoben werden, sondern könne und müsse zum Besitz des Wahren und Guten von sich selbst aus in wachsendem Fortschritt gelangen, der sei, im Banne !”

Der Ursprung des Dogmas...

11 Bei dem Bisherigen, verehrenswerte Brüder, sahen Wir den Intellekt nicht in Tätigkeit. Aber auch er hat nach modernistischer Lehre seinen Anteil am Glaubensakt. Nämlich so : In jenem vielgenannten Gefühl, so sagen sie, zeigt sich Gott zwar dem Menschen, aber, da Gefühl nicht Erkennen ist, so verworren und mit anderem vermischt, dass er von dem Gläubigen kaum, oder nur wenig unterschieden wird. Es muss also das Gefühl durch ein Licht hell erleuchtet werden, damit Gott klar heraustritt und sich abhebt. Das ist Aufgabe des Intellektes, dessen Wesen das Denken und Analysieren ist; durch ihn teilt der Mensch die in ihm sich erhebenden Lebensphänomene zuerst in ihre Arten und dann gibt er ihnen Namen. Daher das bei den Modernisten gebräuchliche Wort : Der religiöse Mensch muss seinen Glauben denken. – Der Verstand also tritt zum Gefühle hinzu, bohrt sich hinein, arbeitet in, ihm wie ein Maler, der die verwaschenen Züge eines Gemäldes beleuchtet, um sie wieder glänzend heraustreten zu lassen – so nämlich fast legt ein modernistischer Gelehrter die Sache dar. Bei dieser Arbeit aber ist der Verstand in doppelter weise tätig : zuerst, in natürlichem und spontanem Akte, legt er den Sachverhalt, klar und gemeinverständlich dar; dann aber reflektierend und gründlicher, in Gedankenarbeit, wie sie sagen; spricht er seine Gedanken, in abgeleiteten, aber vertieften und schärfer unterscheidenden Aussprüchen aus. Wenn dann schließlich, diese Aussprüche zweiter Ordnung vom höchsten Lehramt der Kirche sanktioniert worden sind, so machen sie ein D o g m a aus.

12 So also kommt man in der Lehre der Modernisten zu einem Hauptkapitel, nämlich zum Ursprung und zur Natur des Dogmas. Sie setzen zwar den Ursprung des Dogmas in jene ursprünglichen, einfachen (Gedanken-)Formeln, die in gewisser Hinsicht für den Glauben notwendig sind – denn die Offenbarung als Realität verlangt, ein deutliches Kundwerden Gottes im Bewusstsein –, aber offenbar lassen sie das Dogma selbst nur in den abgeleiteten Formeln recht eigentlich enthalten sein. – Um seine Natur wirklich zu verstehen, gilt es vor allem die Beziehungen zwischen den religiösen Formeln und dem religiösen Gefühl zu erforschen. Der wird leicht das rechte Verständnis gewinnen, der festhält, dass diese Formeln nur dazu dienen, dem Gläubigen behilflich zu sein, sich über seinen Glauben Rechenschaft zu geben. Darum stehen sie mitten zwischen dem Gläubigen und seinem Glauben; für den Glauben sind sie inadäquate Bezeichnungen seines Gegenstandes, sogenannte Symbole, für den Gläubigen bloße Hilfsmittel.

... sei Entwicklung

13 Deshalb können sie unmöglich die absolute Wahrheit enthalten; denn als Symbole sind sie nur Bilder der Wahrheit, die um deswillen dem religiösen Gefühl in seine Beziehungen zum Menschen sich anzupassen haben. Als Hilfsmittel sind sie nur Werkzeuge der Wahrheit und um deswillen wiederum dem Menschen in seinen Beziehungen zum religiösen Gefühl anzupassen. Der Gegenstand des religiösen Gefühls aber, das Absolute, hat unzählige Erscheinungsformen; bald kann diese, bald jene erscheinen. Entsprechend kann der glaubende Mensch immer wieder in anderen Verhältnissen sich befinden. Darum müssen auch die Formeln, die wir Dogma nennen, demselben Wechsel unterliegen, und darum der Veränderlichkeit verfallen sein. So ist der Weg zu innersten E n t w i c k l u n g des Dogmas, gebahnt. Wahrlich eine Unsumme von Trugschlüssen, die alle Religion vernichtet und zerstört !

Das Dogma kann sich aber nicht nur entwickeln und verändern, sondern muss es, so behaupten die Modernisten unentwegt, und so folgt es aus ihren Meinungen deutlich. Denn eine Hauptlehre, abgeleitet aus dem Prinzipe der vitalen Immanenz, ist für sie : die religiösen Formeln, wenn anders sie wirklich religiöse sein sollen und nicht nur Reflexionen des Verstandes, müssen Leben in sich tragen[20] und das Leben des religiösen Gefühles selbst leben. Das darf man nicht so verstehen, als wenn diese Formeln, zumal wo sie reine Vorstellungen sind, an die Stelle des religiösen Gefühls selbst gesetzt seien – denn auf ihren Ursprung, ihre Zahl oder Eigenschaft kommt es gar nicht an – vielmehr so, dass sie das religiöse Gefühl, wenn nötig unter Veränderung ihrer Form, lebendig mit sich verknüpft. Mit anderen Worten : es muss die ursprüngliche, einfache Formel vom Herzen ergriffen und von ihm geheiligt werden, das Herz muss desgleichen die Leitung haben, wenn die abgeleiteten Formeln gebildet werden. Daher müssen diese Formeln, um lebendig zu sein, dem Glauben und dem Gläubigen angepasst sein und bleiben. Wenn also aus irgend einem Grunde die Anpassung aufhört, so verlieren jene ihren ursprünglichen Inhalt und müssen geändert werden. – Da so Kraft und Schicksal der dogmatischen Formeln unbeständig ist, nimmt es kein Wunder, dass die Modernisten so sehr darüber spotten und sie verachten; sie ihrerseits kennen und preisen nur das religiöse Gefühl und religiöse Leben. Deshalb greifen sie auch verwegen die Kirche an, als wenn sie auf falschem Wege wäre, weil sie von der äußeren Formel nicht die religiöse und sittliche Kraft zu unterscheiden wisse, sich in eitlem Mühen hartnäckig auf inhaltleere Formeln versteife und dabei die Religion selbst fahren lasse. – Blinde und Blindenführer, die aufgeblasen durch den stolzen Namen : Wissenschaft ! in ihrem Wahn so weit gehen, dass sie den ewigen Begriff der Wahrheit und das echte Gefühl der Religion verkehren ! Sie führen ein neues System ein, „in schranken- und zügelloser Begierde nach Neuerungen suchen sie die Wahrheit nicht da, wo sie wirklich und gewiss liegt, sie schieben die heiligen und apostolischen Überlieferungen beiseite und schließen sich an eine unsichere, von der Kirche nicht gebilligte Lehre eitel und nichtig an und glauben – die Toren ! – dadurch die Wahrheit selbst stützen und aufrecht halten zu können.”[21]

Der modernistische Glaube: Einzelerfahrung und Überzeugung

14 Soviel, ehrwürdige Brüder, über die modernistische Philosophie. Gehen Wir nun zum modernistischen Glauben über, und möchte man den Unterschied zwischen beiden wissen, so muss man beachten, dass der Philosoph zwar die Realität des Göttlichen als Glaubensgegenstand zulässt, dennoch aber diese Realität nur im Gemüte des Gläubigen finden lässt, sofern sie Gegenstand des Gefühls und der inneren Bejahung ist und deshalb über den Kreis der Phänomena nicht hinausgeht; ob sie außerhalb des Gefühls und solcher rein inneren Bejahung an sich existiert, das kümmert den Philosophen nicht. Umgekehrt steht es dem Modernisten als Gläubigen fest, dass die Realität des Göttlichen an sich existiert und nicht allein vom Gläubigen abhänge. Fordert man den Stützpunkt dieser Gewissheit des Gläubigen, so verweisen sie auf die persönliche Erfahrung des Einzelnen. Wenn sie dabei auch von den Rationalisten abweichen, so verfallen sie doch in den Wahn der Protestanten und Pseudo-Mystiker. Denn sie erklären den Vorgang so : In dem religiösen Gefühl muss man eine Art unmittelbare Ergriffenheit[22] des Herzens anerkennen; durch sie kommt der Mensch unmittelbar zur Realität Gottes und schöpft daraus eine so feste Überzeugung von der Existenz und inner- wie außermenschlichen Wirksamkeit Gottes, dass sie alle wissenschaftliche Überzeugung weit übertrifft. Sie setzen also die innere Erfahrung als Wahrheit und wertvoller denn jede Vernunfterfahrung; wer sie, wie die Rationalisten, leugnet, zeigt damit, dass er sich den sittlichen Bedingungen, die zur Gewinnung der Erfahrung erforderlich sind, nicht fügen will. Diese Erfahrung macht also ihren Besitzer zum wirklichen und wahrhaftigen Gläubigen. Wie weit sind wir hier von katholischen Anschauungen entfernt ! Dass das vatikanische Konzil solche Erdichtungen verwirft, sahen wir schon. Wir werden unten zeigen, wie bei dieser Annahme in Verbindung mit den übrigen, schon erwähnten Irrtümern der Weg zum Atheismus offen steht. Hier möchten wir nur sogleich bemerken, dass nach dieser Erfahrungslehre in Verbindung mit der andern über den Symbolismus jede Religion, auch eine heidnische, für wahr angesehen werden muss. Denn begegnen nicht in jeder Religion Erfahrungen dieser Art ? Mehr als Einer behauptet es. Mit welchem Recht aber wollen die Modernisten die vom Türken behauptete Wahrheit der Erfahrung seiner Religion leugnen ? Und wie wollen sie wahre Erfahrungen allein für die Katholiken in Anspruch nehmen ?! Tatsächlich leugnen die Modernisten das auch nicht, vielmehr, teils heimlich, teils öffentlich, erklären sie alle Religionen für wahr. Offenbar können sie ja auch gar nicht anders denken. Denn wie könnte nach ihren Prinzipien irgend einer Religion Irrtum zugeschrieben werden ? Doch höchstens auf Grund einer Täuschung über das religiöse Gefühl oder eines Truges in der vom Intellekt gegebenen Formel. Aber das religiöse Gefühl ist allenthalben dasselbe, wenn auch mitunter weniger vollkommen; für die Wahrheit der Formel des Intellekts aber genügt, dass sie dem religiösen Gefühl und dem gläubigen Menschen entspreche, wie es auch um seine geistige Höhenlage stehen mag. Einzig und höchstens könnten vielleicht in dem Widerstreit der verschiedenen Religionen die Modernisten behaupten, die katholische Religion als die lebendigere enthalte mehr Wahrheit, desgleichen sei sie des christlichen Mannes würdiger, weil sie den Anfängen des Christentums mehr entspreche. – Dass diese Folgerungen alle aus den gegebenen Voraussetzungen hervorgehen, wird jeder bestätigen. Darüber muss man am meisten staunen, dass katholische Männer und Priester sich dazu hergeben, zwar, wie Wir lieber vermuten möchten, sich vor diesen Gräueln zu entsetzen, aber doch so zu handeln, als wenn sie sie vollkommen billigten. Loben und ehren sie doch die Lehrer solcher Irrtümer öffentlich so, dass jeder überzeugt sein muss, sie ehren nicht die Menschen, die vielleicht nicht einer gewissen Bedeutung entbehren, sondern vielmehr die Irrtümer, die diese offen vertreten und mit allen Mitteln unter die Menge zu werfen sich bemühen.

Religiöse Erfahrung und Überlieferung

15 Noch ein Anderer ist in diesem Kapitel ihrer Lehre, das der katholischen Wahrheit durchaus entgegen ist. Denn jenes Gebot von der Erfahrung wird auch auf die Tradition übertragen, die die Kirche bisher vertreten hat, und zerstört sie völlig. Denn die Modernisten verstehen unter Tradition die andern gemachte Mitteilung einer ursprünglichen[23] Erfahrung durch die Predigt mit Hilfe der Formel des Intellekts. Dieser Formel schreiben sie daher außer der, wie sie sagen, Repräsentativkraft noch eine gewisse Suggestivkraft zu, sowohl im Gläubigen zur Erweckung seines vielleicht erstarrten religiösen Gefühls und zur Erneuerung einer früheren Erfahrung, als auch in den noch nicht Gläubigen zur ersten Erzeugung des religiösen Gefühls und ersten Hervorrufung der Erfahrung. So aber verbreitet sich die religiöse Erfahrung weithin durch die Völker, nicht nur unter den Zeitgenossen durch die Predigt, sondern auch unter späteren Geschlechtern, teils durch Bücher, teils durch gegenseitige mündliche Mitteilung. Diese Mitteilung der Erfahrung schlägt bald Wurzel und sprießt auf, bald wird sie sofort welk und stirbt ab. Aufsprießen aber ist für die Modernisten ein Beweis für die Wahrheit; denn Wahrheit und Leben ist ihnen dasselbe. Daraus wird man wiederum schließen dürfen : alle existierenden Religionen sind wahr, sonst würden sie nicht leben.

Glaube und Wissenschaft

16 Soweit gekommen, ehrwürdige Brüder, haben Wir genug und übergenug Stoff, um das Verhältnis von Glauben und Wissen bei den Modernisten zu erkennen; unter Wissenschaft verstehen sie auch Geschichte. – Zuerst ist festzuhalten, dass der Gegenstand des Einen dem des Andern vollkommen fremd und von ihm getrennt ist. Denn der Glaube hat allein das im Auge, was die Wissenschaft als für sich unerkennbar bezeichnet. Von da her gewinnen beide verschiedene Aufgaben : die Wissenschaft bewegt sich in der Erscheinungswelt, wo für den Glauben keine Stätte ist; der Glaube umgekehrt bewegt sich im Göttlichen, das die Wissenschaft gar nicht kennt. Daraus folgert man, dass zwischen Glaube und Wissenschaft niemals ein Streit sein kann; denn wenn jedes sein eigenes Gebiet hat, werden sie niemals aufeinander stoßen, und darum sich auch nicht widersprechen können. Hält man dem etwa entgegen, in der Erscheinungswelt begegne doch Einiges, das auch zum Gebiet des Glaubens gehöre, wie etwa das menschliche Leben Christi, so werden die Modernisten das leugnen. Denn (so sagen sie) es gehört jenes zwar zur Erscheinungswelt, aber, sofern es vom Leben des Glaubens durchdrungen und vom Glauben in der oben angegebenen Weise ”verklärt” und ”überkleidet” wird, ist es der Sinnenwelt entnommen und in das Reich des Göttlichen übertragen. Fragt man daher weiter, ob Christus wirklich Wunder getan und wirklich die Zukunft vorausempfunden habe, ob er wirklich wieder lebendig geworden und gen Himmel gefahren sei, so wird die Wissenschaft kraft ihres Agnostizismus das ablehnen, der Glaube aber bejahen, dennoch wird darüber kein Streit zwischen beiden entstehen. Denn der eine wird als Philosoph vor Philosophen ablehnen, da er Christus nur nach seiner geschichtlichen Wirklichkeit betrachtet hat, der Andere wird als Gläubiger vor Gläubigen bejahen, da er Christi Leben betrachtet, wie es wiederum vom Glauben und im Glauben erlebt wird.

Glaube Subjekt der Wissenschaft

17 Jedoch ist die Meinung eine schwere Täuschung, zwischen Glauben und Wissenschaft bestände keinerlei Unterordnung. Richtig ist das bezüglich der Wissenschaft, nicht aber des Glaubens; der muss nicht nur aus einem, nein, aus drei Gründen sich der Wissenschaft unterwerfen. Erstens nämlich muss man beachten, dass bei jedem religiösen Erlebnis, abgesehen von der göttlichen Realität und der Erfahrung des Gläubigen von ihr, alles Übrige, namentlich die religiösen Formeln, keineswegs den Kreis der Erscheinungswelt überschreiten und deshalb dem Spruch der Wissenschaft verfallen. Meinethalben mag der Gläubige, wenn er will, die Welt überfliegen; solange er aber in der Welt ist, wird er, mag er wollen oder nicht, niemals den Gesetzen, der Kontrolle, dem Urteilsspruch der Wissenschaft und Geschichte entrinnen. Zweitens : mag auch, wie gesagt, Gott Gegenstand allein des Glaubens sein, so gilt das zwar von der göttlichen Realität, nicht aber von der Idee von Gott. Die untersteht der Wissenschaft, sie erreicht hei ihrem „Philosophieren in logischer Ordnung”, wie sie sagen, auch das Absolute und ideelle Sein, daher hat die Philosophie oder Erkenntnistheorie eine Macht über die Gottesidee; sie kann sie in ihrer Entwicklung mäßigen und, wenn sie auf fremdes Gebiet gerät, korrigieren. Daher stammt der Spruch der Modernisten : Die religiöse Entwicklung muss mit der moralischen und intellektuellen in Einklang gebracht werden oder, wie einer ihrer Lehrer sagt, sich ihr unterordnen. Drittens : der Mensch duldet in sich keinen Dualismus; ein innerer Zwang drängt daher den Gläubigen, Glauben und Wissen so in Ein klang zu bringen, dass der Glaube mit der allgemeinen wissenschaftlichen Weltanschauung nicht in Zwiespalt gerät. So also kommt es dahin, dass die Wissenschaft dem Glauben völlig unabhängig ist, der Glaube hingegen, mag man ihn auch als fremdes Gebiet der Wissenschaft gegenübergestellt haben, tatsächlich ihr unterworfen ist.

Das alles, verehrenswerte Brüder, widerspricht völlig der Lehre unseres Vorgängers Pius IX. : „Die Philosophie hat in religiösen Dingen nicht zu herrschen, sondern zu dienen, sie hat keine Glaubensvorschriften zu machen, sondern den Glauben mit dem Gehorsam der Vernunft zu umfassen, sie hat nicht die Tiefe der Geheimnisse Gottes zu erforschen, sondern sie fromm und demütig zu verehren.[24] Die Modernisten kehren die Sache gerade um; auf sie passen daher die Worte eines anderen Vorgängers von Uns, Gregors IX., die er gegen einige Theologen seiner Zeit schrieb : „Einige unter Euch, vom Geist der Eitelkeit wie ein Schlauch aufgebläht, streben die von den Vätern gesetzten Grenzsteine in profaner Neuerung, zu verrücken, sie unterwerfen das Verständnis der himmlischen Dinge der philosophisch-rationalen Erkenntnis, nur um mit der Wissenschaft zu prunken, nicht zu irgendeiner Förderung ihrer Hörer. Verführt durch allerlei fremde Lehren, setzen sie den Kopf an den Schwanz und lassen die Magd Königin sein.[25]

Die Methode der Modernisten

18 Noch klarer wird der Sachverhalt werden bei einem Blick auf das praktische Handeln der Modernisten, das sich ganz ihrer Lehre anpasst. Scheinbar nämlich ist Vieles von ihnen widerspruchsvoll geschrieben oder gesagt, so dass man sie leicht für schwankend und unsicher halten könnte; aber das geschieht alles mit Absicht und Überlegung, auf Grund ihrer Meinung über die Trennung von Glauben und Wissen. So haben Wir in ihren Büchern Mancherlei gefunden, dass ein Katholik durchaus billigen könnte; Anderes wieder; auf dem nächsten Blatte, könnte ein Rationalist geschrieben haben. Schreiben sie z. B, Geschichte, so erwähnen sie die Gottheit Christi nicht, beim, Gottesdienst in der Predigt aber, verkündigen sie sie laut. Oder ihre Geschichtsdarstellung kennt keine Autorität von Konzilien und Vätern, beim Katechismusunterricht finden beide ehrenvolle Erwähnung. So trennen sie auch theologisch-erbauliche Exegese von wissenschaftlich-historischer. Ähnlich zeigen sie, kraft ihres Grundsatzes der völligen Unabhängigkeit der Wissenschaft vom Glauben, bei ihren Erörterungen über Philosophie, Geschichte, Kritik, ohne Scheu vor den Spuren Luthers[26] eine Geringachtung katholischer Vorschriften, der heiligen Väter, der ökumenischen Konzile, des kirchlichen Lehramtes auf jede Weise. Fasst man sie deshalb, so klagen sie über Freiheitsberaubung. Nach ihrem Bekenntnis von der Unterordnung des Glaubens unter die Wissenschaft tadeln sie die Kirche allenthalben offen, weil sie die Unterordnung ihrer Dogmen unter die Meinungen der Philosophie und die Anpassung an sie hartnäckigst ablehne; sie selbst aber haben zu dem Zwecke die alte Theologie aufgehoben und wollen eine neue einführen, die den Wahngebilden der Philosophen gefällig ist.

Der Modernist als Theologe: Seine Grundsätze – Immanenz und Symbolismus

19 Damit kommen Wir, ehrwürdige, Brüder, schon zur Theologie der Modernisten, – eine knifflige Sache, aber mit wenigen Worten zu erledigen. – Es handelt sich nämlich um die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft, der Art, dass das Eine dem Andern sich unterordnet. Hier gebraucht der modernistische Theologe dieselben Grundsätze, wie Wir sie beim Philosophen kennen lernten, und passt sie dem Gläubigen an; Wir meinen die Grundsätze der Immanenz und des Symbolismus. So aber stellt sich die Sache sehr einfach dar : vom Philosophen übernimmt man, das Prinzip des Glaubens sei immanent; der Gläubige fügt hinzu, dieses Prinzip sei Gott, folglich – ist Gott selbst im Menschen immanent. Daher die theologische Immanenz. Wiederum : dem Philosophen steht der nur symbolische Wert der Darstellungen des Glaubensgegenstandes fest; dem Gläubigen steht ebenso fest, dass der Gegenstand des Glaubens Gott an sich ist. Folglich, schließt der Theologe, sind die Darstellungen der göttlichen Realität nur symbolisch – daher der theologische Symbolismus. Wahrlich schlimmste Irrtümer; ihre Verderbtheit zeigen die Folgerungen ! Denn, um mit dem Symbolismus zu beginnen, da die Symbole Sinnbilder sind nur im Hinblick auf den Gegenstand, im Hinblick auf den Gläubigen aber nur Hilfsmittel, so muss sich, sagen sie, der Gläubige zunächst hüten, sich auf die Formel, eben weil sie nur Formel ist, zu stark zu verlassen, er darf sie nur gebrauchen als Hilfsmittel auf dem Wege zur absoluten Wahrheit, die die Formel zugleich verhüllt und enthüllt, die sie ausdrücken möchte, ohne sie doch je zu erreichen. Ferner : der Gläubige darf die Formeln nur soweit anwenden, als sie für ihn brauchbar sind; denn zur Förderung sind sie ihm gegeben, nicht als Hemmnis, dabei soll mit Rücksicht auf die Gesellschaft den Formeln, die das öffentliche Lehramt als Ausdruck des Gemeinbewusstseins für geeignet erklärt hat, die schuldige Ehrerbietung gewahrt bleiben, solange dieses Lehramt nichts anderes verfügt. – Wie die Modernisten wirklich über die Immanenz denken, ist schwer zu sagen; denn sie sind nicht alle einer Meinung. Manche finden die Immanenz darin, dass Gott im Innersten des Menschen wirkend vorhanden ist, mehr als der Mensch sich selbst gegenwärtig ist – richtig verstanden, verdient das keinen Tadel. Andere finden sie in einem Zusammenwirken Gottes mit dem Wirken der Natur : Gott ist die erste Ursache, die Natur die zweite – dadurch wird die übernatürliche Ordnung zerstört. Wieder andere erklären sie so, dass sie sich dem Verdachte des Pantheismus aussetzen – das passt am besten zu den übrigen modernistischen Lehren.

20 Zu diesem Begriff der Immanenz gesellt sich ein anderer, den man göttliche Permanenz nennen kann. Beides unterscheidet sich wie eigene Erfahrung von der durch Überlieferung überkommenen. Ein Beispiel wird das klar machen; nehmen wir Kirche und Sakramente. Dass Kirche und Sakramente von Christus selbst eingesetzt sind, darf man keineswegs glauben; der Agnostizismus verbietet das, der in Christus nur den Menschen kennt, dessen religiöses Bewusstsein, wie das der Menschen überhaupt, sich allmählich entwickelt hat; es verbietet das ferner das Gesetz der Immanenz, das, wie sie sagen, einen rein äußeren Anschluß[27] verwirft; es verbietet das ferner das Gesetz der Entwicklung, das für die Entwicklung von Keimen Zeit fordert und eine Reihe voneinander folgenden und untereinander verbundenen Umständen; es verbietet das endlich die Geschichte, die einen derartigen entwicklungsgeschichtlichen Verlauf tatsächlich aufzeigt. Aber die mittelbare Einsetzung von Kirche und Sakrament durch Christus ist festzuhalten. Inwiefern? Sie sagen : Jedes christliche Bewusstsein ist in Christi Bewusstsein virtuell eingeschlossen, wie die Pflanze im Samen. Leben aber die Schösslinge das Leben des Samens, so gleichsam alle Christen das Leben Christi. Nun ist Christi Leben, nach dem Bewusstsein des Gläubigen, göttlich, also auch das Leben der Christen. Wenn also dieses Leben im Lauf der Zeiten Kirche und Sakramente erzeugte, so kann man durchaus mit Recht den Anfang auf Christus zurückführen und ihn als göttlich bezeichnen. Ebenso tun sie die ”Göttlichkeit” der Heiligen Schrift oder Dogmen dar. – Darin erschöpft sich etwa die modernistische Theologie. Gewiss ein bescheidener Haushalt, aber reichlich groß für einen Bekenner des unbedingten Gehorsams gegen die Wissenschaft. Die Anwendung auf das Folgende wird jeder leicht erkennen.

Das Dogma und die Sakramente

21 Vom Ursprung des Glaubens und seinem Wesen sprachen Wir bisher. Der Glaube aber hat viele Schösslinge, namentlich die Kirche, das Dogma, Heiligtümer und Kultus, die Heilige Schrift; so müssen Wir auch die modernistische Lehre darüber prüfen. Beginnen Wir mit dem Dogma, so haben Wir über Ursprung und Wesen schon gesprochen. Es entspringt aus einer Art Trieb oder Notwendigkeit, kraft deren der Gläubige sich um einen immer klareren gedankenmäßigen Ausdruck seines eigenen wie des anderen Bewusstseins bemüht. Diese Arbeit besteht ganz in einem Durchdringen und Klarlegen der ursprünglichen Formel des Verstandes, nicht in der Art einer logischen Entwicklung, sondern nach den Umständen, oder, wie sie selbst, nicht gerade klar, sagen ”vital”. So entstehen um jene ursprüngliche Formel, abgeleitete Formeln, von denen Wir schon sprachen; schließlich werden sie zu einem Korpus zusammengeschlossen oder in ein Lehrgebäude, dann von dem öffentlichen Lehramt sanktioniert als vollentsprechend dem allgemeinen Bewusstsein, und das ”Dogma” ist fertig. Von ihm muss man sorgsam unterscheiden die Erläuterungen der Theologen; zwar sind sie nicht dem Dogma an lebendiger Kraft gleichwertig, aber doch keineswegs unnütz; man gebraucht sie, um die Religion mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen und Zwiespalt zwischen beiden zu beseitigen, oder auch zur Erklärung und Verteidigung der Religion nach außen hin; vielleicht auch dienen sie dazu, Bausteine für ein neues künftiges Dogma zu beschaffen. Über den Kultus wäre nicht viel zu sagen, wenn nicht die Sakramente auch unter diesem Namen liefen; über sie hegen die Modernisten schwerste Irrtümer. Sie lassen den Kultus aus einem doppelten Antrieb oder Zwang entstehen; alles ja, wie wir sahen, muss in ihre Systeme aus inneren Antrieben oder Notwendigkeiten entstehen. Die eine Notwendigkeit ist, die Religion greifbar zu machen, die andere sie zu verbreiten, beides kann, nicht geschehen ohne eine greifbare Form und weihende Handlungen, die wir Sakramente nennen. Die Sakramente sind aber den Modernisten bloße Symbole oder Zeichen, obwohl nicht wirkungslos. Zur Veranschaulichung der Wirkungskraft gebrauchen sie das Beispiel von den sogenannten Schlagworten, die die glückliche Kraft besitzen Ideen weiterzutragen, die durchschlagend wirken. Wie diese Schlagwörter zu den Ideen, so verhalten sich die Sakramente zum religiösen Gefühl nicht anders. Deutlicher wäre es, sie sagten : Sie Sakramente dienen einzig und allein als Glaubensspeise. Das Tridentinum hat den Satz verdammt : „Wenn Einer sagt, diese Sakramente seien nur als Glaubensspeise eingesetzt, der sei im Banne”.[28]

Die Heilige Schrift

22 Über Wesen und Ursprung der Heiligen Schrift haben Wir schon Einiges angedeutet. Will man sie erklären im Sinne der Modernisten, so könnte man sie bezeichnen als eine Sammlung von außergewöhnlichen und hervorragenden Erfahrungen, wie sie nicht jedem zuteil werden. So lehren die Modernisten von unseren alt- und neutestamentlichen Büchern. Sehr schlau aber merken sie an : zwar gehört die Erfahrung der Gegenwart an, aber sie kann ihren Stoff in gleicher Weise aus Vergangenheit und Zukunft schöpfen, je nachdem der Gläubige die Vergangenheit durch Erinnerung als Gegenwart durchlebt oder die Zukunft durch Vorwegnahme. Das erklärt, wie auch historische und apokalyptische Schriften unter den heiligen Büchern sein können. – So redet also in diesen Büchern zwar Gott durch den Gläubigen, aber nach der Theologie der Modernisten nur auf dem Wege der Immanenz und Permanenz. – Fragen wir : Wie steht’s denn mit der Inspiration ? so antworten sie : Die lässt sich von jenem Trieb, der den Gläubigen zur Mitteilung seines Glaubens in Wort oder Schrift treibt, niemals trennen, es liege denn höchstens ein Unterschied der Intensität vor. Etwas Ähnliches haben wir bei der dichterischen Inspiration; daher sagte jemand : „ein Gott ist in uns, seine Kraft lässt uns erglühen.” Auf diese Weise muss Gott der Ursprung der Inspiration der Heiligen Schrift genannt werden. Die Modernisten sagen ferner von dieser Inspiration, nichts in der Heilige Schrift sei ohne sie geschrieben. Wenn sie das sagen, so möchte man sie für orthodoxer halten als einige Neuerer, die die Inspiration etwas einschränken, wenn sie z. B. die sogenannten stillschweigenden Zitate anführen. Aber die Orthodoxie liegt bei ihnen nur in den Worten und ist Heuchelei. Denn wenn wir die Bibel nach den Geboten des Agnostizismus beurteilen als Menschenwerk, von Menschen für Menschen verfasst, mag auch der Theologe das Recht bekommen, sie auf dem Wege der Immanenz als göttlich auszugeben, wie kann dann die Inspiration überhaupt eingeschränkt werden ? So ist freilich alles Inspiration in der Heiligen Schrift für die Modernisten, aber wahrlich nicht in katholischem Sinne !

Die Kirche

23 Mehr zu sagen ist über die Phantasiegebilde der Modernistenschule von der Kirche. – Sie lassen sie aus einer doppelten Notwendigkeit entstehen. Die eine liegt in jedem Gläubigen, besonders in dem, der eine ursprüngliche und besondere Erfahrung gemacht hat, nun diesen seinen Glauben anderen mitzuteilen. Die andere in dem Kollektivdrange, wenn der Glaube für mehrere Gemeinbewusstsein geworden ist, sich zusammenzuschließen zu einer Genossenschaft zum Schutze, zur Stärkung und Verbreitung des gemeinsamen Gutes. Was ist also die Kirche ? Produkt des Kollektivbewusstseins oder des gesellschaftlichen Zusammenschlusses der Einzelbewußtseine; kraft der vitalen Immanenz hängen sie von einem Erstgläubigen ab, nämlich, für die Katholiken, von Christus. – Jede Gesellschaft bedarf ferner einer leitenden Autorität, deren Aufgabe es ist, die gesellschaftlich Verbundenen einem Zwecke zu unterstellen und den Zusammenhalt klug zu wahren, der in einer religiösen Genossenschaft sich in Lehre und Kultus erschöpft. So kam in die Katholische Kirche die dreifache Gewalt hinein : Disziplinargewalt, Lehrgewalt, Kultgewalt. – Das Wesen dieser Autorität ist schon aus ihrem Ursprung zu erschließen, aus ihrem Wesen dann ihre Rechte und Pflichten. In früheren Zeiten war der Irrtum allgemein, dass die Autorität von außen in die Kirche hineingekommen sei, nämlich unmittelbar von Gott; deshalb hielt man die Kirche mit Recht für autokratisch. Aber, das ist jetzt veraltet. Wie die Kirche aus dem Kollektivbewusstsein entstanden ist, so die Autorität aus der Kirche, beide Mal durch vitale Emanation. Die Autorität entsteht also wie die Kirche aus dem religiösen Bewusstsein und ist um deswillen ihm unterworfen; verachtet sie diese Unterordnung, so wandelt sie sich zur Tyrannei. Wir leben jetzt in einer Zeit, in der das Freiheitsgefühl seinen Gipfelpunkt erreicht hat; in der Staatsordnung hat das allgemeine Bewusstsein ein konstitutionelles volkstümliches Regiment eingeführt. Nun gibt es aber im Menschen nur ein Bewusstsein, so gut wie, ein Leben. Will also die Autorität der Kirche nicht innerhalb des menschlichen Bewusstseins einen innern Widerstreit entfachen und begünstigen, so hat sie die Pflicht, demokratische Formen anzuwenden; tut sie es nicht; so droht ihr der Untergang. Denn nur ein Wahnsinniger könnte bei dem jetzt herrschenden Freiheitsgefühl einen Rückschritt erwarten. Will man die Freiheit mit Gewalt zurückdämmen und einsperren, nur kräftiger wird sie durchbrechen, Religion und Kirche zerstören. – Das alles lehren die Modernisten, deshalb gehen sie darin auf, Wege zu finden, um die Autorität der Kirche mit der Freiheit der Gläubigen in Einklang zu bringen.

Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat

24 Die Kirche muss aber nicht nur innerhalb ihrer vier Pfähle freundschaftlich den Zusammenhang wahren, sie hat auch Beziehungen nach außen. Nicht sie allein beherrscht die Welt; neben ihr stehen andere Genossenschaften, mit denen sie notwendig verkehren muss. Die Rechte und Pflichten der Kirche gegenüber den bürgerlichen Genossenschaften sind also auch festzustellen, und zwar entsprechend dem Wesen der Kirche, wie die Modernisten sie uns beschrieben haben. Dabei gebrauchen sie dieselben Regeln wie gegenüber Wissenschaft und Glauben; nur war dort von den Gegenständen die Rede, hier von den Zwecken. Wie wir also bezüglich des Gegenstandes Glauben und Wissen einander fremd gesehen haben, so sind Staat und Kirche einander fremd wegen der Zwecke, die sie verfolgen, dort weltlich, hier geistlich. Früher konnte man das Weltliche dem Geistlichen unterordnen, man konnte von „gemischten Fragen” reden, bei denen die Kirche die Rolle der Königin und Herrin spielte, weil die Kirche als unmittelbar göttliche Einrichtung, stammend vom Urheber der übernatürlichen Ordnung, angesehen wurde. Aber das wird nunmehr von den Philosophen und Historikern verworfen. Staat und Kirche sind zu trennen, wie Katholik und Bürger ! Deshalb hat jeder Katholik, weil er auch Bürger ist, das Recht und die Pflicht, die Autorität der Kirche gering zu achten, hier Wünsche, Ratschläge und Gebote beiseite zu schieben, ja ihren Tadel zu verachten und dem nachzugehen, was er für den Staatsvorteil förderlich ansieht. Dem Bürger eine Handlungsweise unter irgendeinem Vorwand, vorschreiben, ist Missbrauch der Kirchengewalt und völlig zu verwerfen. Die Ursprünge, ehrwürdige Brüder, aller dieser Lehren sind dieselben, die Unser Vorgänger Pius VI. in der apostolischen Konstitution ”Auctorem fidei” feierlich verdammt hat.[29]

Das Lehramt der Kirche

25 Aber der Modernistenschule ist die Trennung von Staat und Kirche noch nicht genug. Wie der Glaube bezüglich seiner der Erscheinungswelt angehört Bestandfeile der Wissenschaft unterworfen werden muss, so muss in weltlichen Angelegenheiten die Kirche dem Staate sich unterordnen. Das sagen sie vielleicht noch nicht offen, aber, wenn sie logisch sind, müssen sie es zugegeben. Denn bei der Annahme der Staatssouveränität in weltlichen Dingen muss, wenn der Gläubige, mit den intimen religiösen Vorgängen nicht zufrieden, nach außen drängt, nämlich zur Verwaltung oder Annahme der Sakramente, dieses unter die Herrschaft des Staates fallen. Und was bleibt dann von der kirchlichen Autorität ? Da sie nur nach außen hin in ihren Maßnahmen sich zeigen kann, so wird sie ganz und gar dem Staate verfallen müssen. In logischer Folgerichtigkeit heben viele von den liberalen Protestanten jeden äußeren heiligen Kultus, ja auch jede äußere religiöse Gemeinschaft auf und möchten die Religion für „individuell“ ausgeben. - Wenn die Modernisten offen noch nicht so weit gehen, so fordern sie doch vorläufig, dass die Kirche freiwillig ihren Wünschen und sich den staatlichen Formen anpasse. Soviel über die disziplinäre Autorität.

Über die Lehr- und dogmatische Autorität denken sie noch viel Schlimmeres und Verderblicheres. Über das Lehramt der Kirche nämlich lehren sie so : Eine religiöse Genossenschaft kann nur dann wirklich zur Einheit zusammenwachsen, wenn ein gemeinsames Bewusstsein, eine Lehrformel sie beherrscht. Diese doppelte Einheit aber erfordert gleichsam einen Gemein-Verstand, der die für das gemeinsame Bewusstsein am besten passende Formel finden und festsetzen muss. Dieser Verstand muss genügend Autorität besitzen, um die Gemeinschaft an die von ihm festgesetzte Formel zu binden. In dieser Verbindung und gleichsam Verschmelzung des die Formel aussuchenden Verstandes und der sie anbefehlenden Autorität sehen die Modernisten den Begriff des kirchlichen Lehramtes. Da also das Lehramt seinen Ursprung im Bewusstsein der einzelnen besitzt, ebenso sein öffentliches Amt zum Nutzen des Bewusstseins der einzelnen auszuüben hat, so muss es notwendig von ihm abhängen und den Formeln der Gesamtheit sich fügen. Deshalb ist eine Hemmung des Bewusstseins der einzelnen Menschen, so dass sie ihre Empfindungen nicht frei und offen kundtun können, und eine Behinderung der Kritik, die das Dogma der notwendigen Entwicklung unterwerfen möchte, nicht ein Gebrauch, vielmehr ein Missbrauch der zum gemeinsamen Nutzen anvertrauten Gewalt. Ähnlich ist beim Gebrauch der Gewalt Maß und Ziel anzuwenden. lrgend ein Buch ohne Wissen des Verfassers auf den Index zu setzen und zu verbieten ohne Erläuterung und Diskussion, kommt wahrlich der Tyrannei nahe. Man muss den Mittelweg einhalten, Autorität und Freiheit zu gleicher Zeit wahren. Indessen muss der Katholik sich so verhalten, dass er öffentlich zwar sich als gehorsamsten Sohn der Autorität bekennt, aber dabei doch seinem eigenen Willen folgt. – Im allgemeinen aber geben sie der Kirche die Vorschrift : Da der Zweck der kirchlichen Gewalt allein auf die geistlichen Dinge sich richtet, muss man allen äußeren Prunk, der die Kirchengewalt in den Augen der Zuschauer glänzender herausputzt, abschaffen. Dabei wird völlig übersehen, dass die Religion doch nicht völlig im Gemüte aufgeht, wenn sie auch Gemütssache ist, und dass die Ehre, die man der Autorität erweist, auf Christus, ihren Urheber, zurückfällt.

Die Lehre der Entwicklung

26 Um endlich mit diesem Thema ”Glaube und seine verschiedenen Ausläufer” abzuschließen, müssen Wir, ehrwürdige Brüder, noch die modernistischen Lehren über die Entwicklung beider hören. Das Allgemeinprinzip ist dieses : in einer lebendigen Religion ist alles veränderlich und muss deshalb verändert werden. Von da schreiten sie fort zu dem Hauptpunkt nahezu ihrer Lehren, der Evolution. Dogma, Kirche, Kultus, Heilige Schriften, ja der Glaube selbst müssen, wollen sie nicht tot sein, den Entwicklungsgesetzen sich beugen. Das kann nicht mehr befremden, wenn man die Einzelgedanken der Modernisten hierüber sich vor Augen hält.

Unter Voraussetzung des Entwicklungsgesetzes beschreiben uns die Modernisten die Art und Weise der Entwicklung. Zuerst bezüglich des Glaubens. Die ersten Keime des Glaubens, so sagen sie, trugen eine rohe und allen Menschen gemeinsame Form, wie sie aus Natur und Lebensform der Menschen selbst entsprang. Lebendige Entwicklung ließ sie fortschreiten, nicht in neuen von außen kommenden Formen, sondern durch immer tieferes Eindringen des religiösen Empfindens in das Bewusstsein. Der Fortschritt aber war ein doppelter : erst negativ, jeder von außen, wie etwa aus der Familie oder Nation kommende Element wurde abgestoßen; dann positiv durch intellektuelle und moralische Verfeinerung des Menschen, wodurch der Begriff des Göttlichen umfassender und klarer, und das religiöse Gefühl feiner wurde. Die Ursachen für den Fortschritt des Glaubens sind dieselben, wie Wir sie früher zur Erklärung seines Ursprungs anführten, nur muss man einige außergewöhnliche Menschen hinzunehmen,[30] teils weil sie in ihrem Leben und in ihren Reden ein Stück Geheimnis an sich trugen, das der Glaube dem Göttlichen zuschrieb, teils weil sie neue und nie da gewesene Erfahrungen gehabt haben, die dem religiösen Bedürfnis ihrer Zeit entsprachen. – Der Fortschritt des Dogmas aber kommt vornehmlich daher, dass der Glaube Hindernisse zu überwinden, Feinde zu besiegen, Widerspruch zu widerlegen hat; eine Art von fortgesetztem Drang, die Glaubensgeheimnisse immer besser zu durchdringen, muss man noch hinzunehmen. So ist es, um sonstige Beispiele zu übergehen, mit Christus gegangen; bei ihm ist das Göttliche, das der Glaube annahm, Schritt für Schritt so erweitert worden, dass man ihn schließlich für Gott hielt – Zur Entwicklung des Kultus treibt vornehmlich die Notwendigkeit der Anpassung an die Sitten und Überlieferungen der Völker, desgleichen die Notwendigkeit, gewisse wohlbewährte Handlungen zu fruktifizieren. Der Grund für die Entwicklung der Kirche endlich liegt in dem Bedürfnis des Einklangs mit den geschichtlichen Verhältnissen und den öffentlichen Formen des Staates. – So denken sie über die einzelnen Punkte.

27 Doch, ehe Wir weiter gehen, müssen Wir diese Lehre von den ”Notwendigkeiten” oder ”Bedürfnissen” charakterisieren; denn sie ist neben dem schon Gehörten gleichsam Basis und Fundament jener berüchtigten sogenannten historischen Methode.

Bleiben Wir also noch bei der Evolutionslehre; es ist zu beachten, dass zwar „Notwendigkeit” oder ”Bedürfnis” zur Entwicklung treibt, aber wenn sie allein wirken, so überschreitet die Entwicklung leicht Grenzen der Überlieferung, reißt sich von ihrem ursprünglichen Prinzip los, und führt eher zum Untergang denn zum Fortschritt. Von da aus müssen Wir, um den Gedanken der Modernisten gerechter zu werden, sagen : Die Evolution erwächst, aus dem Konflikt zweier Kräfte, von denen eine zum Fortschritt treibt, die andere zum Althergebrachten zurückzieht. Diese konservative Macht lebt in der Kirche und fasst sich zusammen in der Überlieferung, es offenbart sie die religiöse Autorität, und zwar sowohl von rechts wegen – Schutz der Überlieferung liegt im Wesen der Autorität – als auch tatsächlich – die Autorität, von den Wechselfällen des Lebens unberührt, wird vom Fortschrittsstachel gar nicht oder kaum getroffen. Umgekehrt ist die zum Fortschritt treibende und den innersten Bedürfnissen entsprechende Macht verborgen tätig im Laien-Bewusstsein, besonders bei denen, die, wie sie sagen, in engerem Konnex mit dem Leben stehen. – Seht, ehrwürdige Brüder, da erhebt schon jene verderbte Lehre ihr Haupt, die die Laien als Elemente des Fortschritts in die Kirche einführt ! – Aus einem Kompromiss und Pakt nun zwischen diesen beiden Kräften, der konservativen und fortschrittlichen, der Autorität und dem Laienbewusstsein, entstehen Fortschritt und Veränderung. Denn das Laienbewusstsein oder etwas Ähnliches wirkt auf das KoIlektivbewußtsein; dieses wieder auf die Autoritätsträger und zwingt sie Vereinbarungen zu treffen und einzuhalten. – Leicht kann man von hier aus verstehen, warum die Modernisten so erstaunt sind, wenn sie sich getadelt oder gestraft wissen. Was man ihnen als Schuld anrechnet, halten sie selbst für religiöse Pflicht. Die inneren Nötigungen des Bewusstseins kennt niemand besser als sie selbst, weil sie ihnen näher stehen als der kirchlichen Autorität. Sie. umschließen gleichsam alle diese Nötigungen in sich, deshalb fühlen sie die Pflicht, öffentlich zu reden und zu schreiben. Mag sie meinethalben die Autorität fassen wollen, sie stützen sich auf ihr Pflichtbewusstsein; aus innerster Erfahrung wissen sie, dass ihnen nicht Tadel gebührt, sondern Lob. Sie wissen auch gut, dass jeder Fortschritt Kampf kostet und jeder Kampf Opfer, so wollen sie Opfer sein wie die Propheten und Christus. Darum zürnen sie auch der Autorität nicht, die sie schlecht behandelt; ohne weiteres lassen sie sie tun, was ihres Amtes ist. Sie klagen nur, dass man gar nicht auf sie hört; denn dadurch wird der geistige Fortschritt aufgehalten. Aber die Stunde wird sicher kommen, da das Zurückhalten zerbrochen wird; denn die Entwicklungsgesetze können eingedämmt, aber nimmermehr zerbrochen werden. So geben sie auf fester Bahn vorwärts; sie gehen vorwärts, unbekümmert um Tadel und Verdammung; unglaubliche Verwegenheit suchen sie mit dem Schleier, äußerer Unterwerfung zu verdecken. Heuchlerisch beugen sie den Nacken, aber mit Herz und Hand setzen sie nur verwegener ihr Unterfangen fort. Klug und wohlüberlegt handeln sie so, teils weil sie daran festhalten, man müsse die Autorität anspornen, aber nicht zerstören, teils weil sie ein Verbleiben in der Kirche brauchen, um das Kollektivbewusstsein allmählich, ändern zu können; damit freilich gestehen sie zu, ohne es zu merken, dass das Kollektivbewusstsein von ihnen abweicht, und dass sie darum kein Recht haben, sich als sein Ausleger auszugehen.

28 So also, ehrwürdige Brüder, darf es für die modernistischen Theoretiker und Praktiker nichts Festes, nichts Unveränderliches in der Kirche geben. In dieser Ansicht sind sie nicht ohne Vorläufer, nämlich die, über die Unser Vorgänger Pius IX. schrieb : ”Jene Feinde der göttlichen Offenbarung, die den Fortschritt der Menschheit aufs höchste herausstreichen und ihn in verwegenem und sakrilegischem Unterfangen in die Kirche einführen möchten, gleich als wenn die Religion nicht Gottes, sondern Menschenwerk wäre oder ein philosophisches Fündlein, das durch menschliche Mittel vervollkommnet werden könnte.”12 - Speziell über Offenbarung und Dogma ist die Lehre der Modernisten keine Neuheit; sie ist dieselbe, die wir im Syllabus Pius’ IX. verworfen finden mit den Worten : ”Die göttliche Offenbarung ist unvollkommen und um deswillen einem beständigen und unbegrenzten Fortschritt unterworfen, der dem Fortschritt der menschlichen Vernunft entspricht” oder noch feierlicher auf dem vatikanischen Konzil mit den Worten : ”Denn die Glaubenslehre, die Gott offenbart hat, ist nicht wie ein philosophisches Fündlein dem Menschengeiste zur Vervollkommnung überlassen, sondern gleichsam als göttlicher Schatz der Braut Christi übergeben, treu zu hüten und unfehlbar auszulegen. Daher ist auch der Sinn der heiligen Dogmen beständig festzuhalten, den einmal die heilige Mutter Kirche kundgetan hat, und niemals darf man unter Schein und Namen höherer Einsicht davon abweichen.”13 Dadurch ist, auch auf dem Gebiete des Glaubens, eine Entwicklung unserer begrifflichen Erkenntnis keineswegs gehindert, im Gegenteil, sie wird gefördert und begünstigt. Deshalb fügt das vatikanische Konzil sofort hinzu : ”Es möge also wachsen und bedeutend zunehmen die Einsicht, die Wissenschaft und Weisheit bei einzelnen wie bei allen, in dem Gläubigen wie in der ganzen Kirche, von Geschlecht zu Geschlecht und Jahrhundert zu Jahrhundert, aber stets nach seiner Art, nämlich nach demselben Dogma, demselben Sinn, derselben Auffassung.”

Der Modernist als Historiker und Kritiker

29 Nachdem Wir so den modernistischen Philosophen, Gläubigen, Theologen kennen gelernt haben, bleibt Uns noch ein Blick auf den Historiker, den Kritiker, Apologeten, Reformator übrig.

30 Einige Modernisten, die sich dem Geschichtsstudium widmen, scheinen sehr darum besorgt zu sein, man möchte sie für Philosophen halten, sie erklären daher von Philosophie gar nichts zu verstehen. Sehr schlau ! Niemand soll meinen, sie hegten vorgefasste philosophische Meinungen und seien deshalb nicht allenthalben objektiv. Tatsächlich redet ihre Geschichte oder Kritik die reine Sprache der Philosophie, was sie nur vorbringen, ist aus ihren philosophischen Prinzipien auf logischem Wege erschlossen. Das sieht man leicht. – Die drei Gesetze dieser Historiker oder Kritiker sind eben jene Prinzipien, die Wir oben bei den Philosophen anführten, nämlich Agnostizismus, die Theorie von der Transfiguration durch der Dinge durch den Glauben, und das, was Wir Defiguration nennen zu nennen glaubten. Die Folgerungen im einzelnen wollen wir sehen. Aus dem Agnostizismus folgt : die Geschichte hat es, genau wie die Wissenschaft, nur mit den Phänomena zu tun. Folglich ist Gott sowie jeder göttliche Eingriff in menschliche Dinge auf den Glauben abzuschieben, zu dem sie allein gehören. Begegnet also etwas, aus doppeltem Bestandteil, göttlichem und menschlichem sich zusammensetzt, wie Christus, Kirche, Sakramente und derartiges mehr, so muss man so teilen und trennen, dass das Menschliche der Geschichte, das Göttliche dem Glauben zugewiesen wird. Deshalb ist bei den Modernisten die Unterscheidung zwischen dem Christus der Geschichte und dem Christus des Glaubens, zwischen der Kirche der Geschichte und der Kirche des Glaubens, den Sakramenten der Geschichte und den Sakramenten des Glaubens, und dergleichen ganz gewöhnlich. – Ferner ist dieser menschliche Bestandteil selbst, den sie für die Geschichte beanspruchen, so wie er in den historischen Denkmälern erscheint, vom Glauben durch Transfiguration über die historischen Bedingungen hinaus erhoben worden. Man muss also die vom Glauben gemachten Zusätze wieder abtrennen und sie dem Glauben der Geschichte des Glaubens zuweisen, so z.B. bei Christus alles die menschliche Bedingtheit übersteigende, mag es nun aus der Psychologie oder der Zeitgeschichte und dem Milieu erschlossen werden. - Endlich, auf Grund des dritten philosophischen Prinzips, sehen sie auch die Dinge, welche das historische Gebiet nicht übersteigen, gleichsam durch ein Sieb, sie scheiden alles aus und weisen es dem Glauben zu, was nach ihrem Urteil nicht in der Logik der Tatsachen oder zu den Personen nicht passt. So behaupten sie, Christus habe das nicht gesagt, was das Verständnis des zuhörenden Volkes zu übersteigen scheint. Von hier aus streichen sie aus dem geschichtlichen Leben JESU alle in Seinen Reden begegnenden Allegorien; sie überlassen sie dem Glauben. Man könnte fragen, nach welchem Gesetze sie die Scheidung vornehmen ? Nach dem Charakter des Menschen Jesus, nach seiner Stellung in seinem Vaterland, nach seiner Erziehung, nach der Gesamtheit von Nebenumständen zu jeder Handlung mit einem Worte, wenn Wir es richtig verstehen, nach einer gänzlich subjektiven Norm. Sie bemühen sich Christi Person zu fassen und gleichsam selbst anzuziehen, und was sie dann selbst unter gleichen Umständen getan haben würden, das alles übertragen sie auf Christus. - So also, um zusammenzufassen, behaupten sie „a priori“ und auf Grund gewisser philosophischer Prinzipien, die sie befolgen, aber angeblich nicht kennen, in der sogenannten wirklichen Geschichte sei Christus nicht Gott und habe nichts Göttliches getan; als Mensch habe er nur das getan oder gesagt, was sie unter Bezugnahme auf Seine Zeit Ihm gestatten.

Der Kritizismus und Grundsätze

31 Wie die Geschichte von der Philosophie, so empfängt die Kritik von der Geschichte ihre Schlüsse. Denn der Kritiker, der den vom Historiker ihm gereichten Angaben folgt, teilt die Geschichtsdenkmäler doppelt. Was nach jener dreifachen Verstümmelung übrig bleibt, weist er der wirklichen Geschichte zu, das Übrige schiebt er der Glaubens- oder inneren Geschichte zu. Denn diese zwei Arten Geschichte unterscheiden sie scharf, und die Glaubensgeschichte setzen sie wohlgemerkt ! der wirklichen Geschichte als solcher gegenüber. Daher, wie gesagt, der doppelte Christus. Der eine, so wie er wirklich war, der andere, der niemals wirklich war, sondern dem Glauben angehört; der eine, der an bestimmtem Orte zu bestimmter Zeit lebte, der andere, der sich nur in den frommen Erwägungen des Glaubens findet; der Art z. B. ist der Christus des Johannesevangeliums; dieses Evangelium ist von Anfang bis zu Ende fromme Erwägung.

32 Aber damit ist die Vormundschaft der Philosophie über die Geschichte nicht erschöpft. Sind die Geschichtsdenkmäler in der angegebenen Weise doppelt geteilt, so kommt wieder der Philosoph zum Wort mit seinem Dogma von der vitalen Immanenz; alle Tatsachen der Kirchengeschichte, so sagt er, müssen durch vitale Entwicklung erklärt werden. Aber die Ursache oder Bedingung jeder vitalen Entwicklung ist in einer Notwendigkeit oder einem Bedürfnis zu suchen, folglich muss die Tatsache nach der Notwendigkeit ins Leben getreten sein, ist also geschichtlich später als diese. – Was tut nun der Historiker ? Zum zweiten Male durchforscht er die Geschichtsdenkmäler, mögen sie in der Heiligen Schrift enthalten oder anderswoher genommen sein, und stellt aus ihnen eine Liste der einzelnen Notwendigkeiten auf, soweit sie das Dogma, den Kultus oder Sonstiges betreffen und in der Kirche nacheinander sich geltend gemacht haben. Diese Liste übergibt er dem Kritiker. Dieser greift mit der Hand nach den Denkmälern, die der Glaubensgeschichte angehören, und verteilt sie so auf die einzelnen Zeiten, dass die einzelnen Stücke der Liste entsprechen, immer des Grundsatzes eingedenk : Tatsache kommt nach Notwendigkeit, Bericht nach Tatsache. Zwar kann es vorkommen, dass einige Teile der Bibel, wie z.B. die Briefe, selbst eine von einer Notwendigkeit geschaffenen Tatsache sind. Wie dem auch sei, Gesetz ist : das Alter eines Denkmals ist nur aus dem Alter der in der Kirche entstandenen Notwendigkeit zu bestimmen. – Man muss ferner unterscheiden zwischen dem Anfang einer Tatsache und ihrer Entwicklung; was an einem Tage entstehen kann, wächst nur im Laufe der Zeit. Deshalb muss der Kritiker die, wie gesagt, schon nach den Zeiten eingeteilten Denkmäler noch einmal teilen; er muss scheiden Ursprung und Entwicklung, und auch hier wieder nach den Zeiten ordnen.

33 Dann tritt wieder der Philosoph auf; er lässt den Historiker seine Studien so ausüben, wie es die Gebote und Gesetze, der Entwicklung vorschreiben. Zu dem Zwecke muss der Historiker die Denkmäler wiederum durchforschen, sorgsam die Umstände und Verhältnisse prüfen, wie sie in der Kirche zu den einzelnen Zeiten vorlagen, ferner ihre konservative Kraft, die inneren wie äußeren zum Fortschritt treibenden Bedürfnisse, die entgegenstehenden Hindernisse, mit einem Worte alles, was die Wirkung der Entwicklungsgesetze erklären kann. Dann endlich beschreibt er in äußeren Umrissen die Entwicklungsgeschichte. Der Kritiker unterstützt ihn und legt die übrigen Denkmäler zurecht. Nun setzt die Hand zum Schreiben an : die Geschichte ist fertig. – Wessen Werk nun, bitte, ist diese Geschichte ? Des Historikers oder Kritikers ? Keines von beiden, vielmehr des Philosophen. Alles ist hier mit Apriorismus gemacht, und zwar mit einem Apriorismus, der von Ketzereien strotzt. Es jammert einen dieser Menschen, von denen der Apostel sagte : „sie sind in ihrem Dichten eitel geworden ... da sie sich für weise hielten, sie sind zu Narren geworden”14, aber man ergrimmt doch, wenn sie die Kirche beschuldigen, die Denkmäler so durcheinander zu mengen und zurechtzurücken, dass sie für ihren Nutzen sprechen. Sie dichten der Kirche an, was ihnen ganz deutlich ihr eigenes Gewissen vorwirft.

Auffassung der Bibel

34 Aus dieser Verteilung und Anordnung der Geschichtsdenkmäler nach Zeiten folgt von selbst, dass die heiligen Bücher der Bibel nicht den Verfassern zugewiesen werden können, nach denen sie tatsächlich genannt werden. Deshalb behaupten die Modernisten ohne Zögern, dass jene Bücher, besonders der Pentateuch und die drei ersten Evangelien, aus einem kurzen, ursprünglichen Berichte allmählich gewachsen sind durch Zusätze, Einschübe; teils in Form theologischer, teils allegorischer Erklärung, teils auch zum Zweck der Verbindung verschiedener Einzelstücke. Um es kurz und klar zu machen : man muss die vitale Entwicklung der Bücher zugeben, entstanden aus der Entwicklung des Glaubens und ihm entsprechend. Sie setzen hinzu, die Spuren dieser Entwicklung seien so offenkundig, dass ihre Geschichte nahezu geschrieben werden könnte. Ja, sie schreiben sie wirklich, so wenig zaghaft, dass man mit eigenen Augen die einzelnen Schriftsteller zu sehen glaubt, die in den einzelnen Zeiten zur Erweiterung der heiligen Bücher Hand angelegt haben. Zu dem Zweck nehmen sie die sogenannte Textkritik zu Hilfe und bemühen sich klar zu machen, diese oder jene Geschichte, dieses oder jenes Wort stehe nicht am rechten Orte, und was dergleichen mehr ist. Man wäre versucht zu sagen : sie haben einige Erzählungen oder Reden als Typen aufgestellt, einen Maßstab für sie, was an seinem Orte steht, was an fremdem.

Wie kompetent ihr Urteil bei diesem Verfahren ist, das mag abschätzen, wer will. Wer aber ihre Behauptungen bei ihren Arbeiten über die heiligen Bücher hört, bei denen sie soviel Unstimmigkeiten in der Bibel nachgewiesen haben wollen, der möchte fast glauben, dass vor ihnen kein Mensch sich mit diesen Büchern beschäftigt habe, und dass nicht eine fast unbegrenzte Menge von Gelehrten sie nach allen Seiten durchforscht habe, an Geist, Bildung, und Heiligkeit des Lebens viel vortrefflicher als sie. Diese hochweisen Gelehrten haben die Heilige Schrift in keiner Weise beanstandet, im Gegenteil, je tiefer ihr Forschen drang, desto mehr dankten sie Gott, dass er sich herabließ, so mit den Menschen zu reden. Freilich, o weh, Unsere Gelehrten arbeiteten nicht mit denselben Hilfsmitteln wie die Modernisten ! Sie hatten nicht zum Lehrer und Führer die Philosophie, die mit der Leugnung Gottes anhebt, und sie wählten sich nicht selbst die Urteilsnorm ! – So, glauben Wir, ist die Geschichtsmethode der Modernisten klar : Der Philosoph geht voran, der Historiker löst ihn ab, dann kommen der Reihe nach die innere und die Textkritik. Und sofern die erste Ursache ihre Kraft allem Folgenden mitteilt, ist offenbar diese Art Kritik nicht eine beliebige, sondern - so nennt man sie mit Recht – die agnostische, immanente, evolutionistische. Wer sie daher anwendet und sich zu ihr bekennt, wird Bekenner der in ihr enthaltenden Irrtümer und Feind der katholischen Lehre. Deshalb möchte es wunderbar erscheinen, dass bei Katholiken diese Art Kritik heut so sehr blüht. Es hat einen doppelte Ursache : zuerst den engen Verband zwischen Historikern und Kritikern dieser Art, unter Zurückschiebung der Verschiedenheit von Nation und Religion; dann die Frechheit, mit der ein Fündlein eines unter ihnen von den übrigen austrompetet und als Fortschritt der Wissenschaft gepriesen wird, bzw. ein unbefangener Beurteiler des ”Wundertiers” in geschlossener Phalanx angegriffen wird. Wer leugnet, ist ihnen Ignorant; wer zustimmt und verteidigt, wird gelobt. So lassen sich nicht wenige täuschen, die zurückschaudern würden, wenn sie sich die Sache genauer ansähen. – Infolge dieser Vorherrschaft der Irrenden, dieser unvorsichtigen Zustimmung unbedachter Gemüter wird eine Art verderbter Luftschicht erzeugt, die alles durchdringt mit ihrem Pesthauche. – Doch gehen Wir zum Apologeten über.

Der Modernist als Apologet

35 Der modernistische Apologet hängt in doppelter Weise auch seinerseits vom Philosophen ab. Zunächst indirekt, indem er sich zum Gegenstande die Geschichte wählt, die, wie wir sahen, nach Vorschrift des Philosophen geschrieben ist; dann direkt, sofern er von ihm Lehranschauungen und Urteile entlehnt. Daher stammt jenes in der Modernistenschule übliche Gebot : die neue Apologetik muss die Streitigkeiten um die Religion beseitigen durch historische und psychologische Forschung. Deshalb beginnen die modernistischen Apologeten ihr Werk mit einer Erinnerung an die Rationalisten; sie stellten die Religion weder sicher durch die Heilige Schrift noch durch die in der Kirche allgemein angenommenen Geschichtsbücher, die nach alter Methode geschrieben seien, vielmehr aufgrund der wirklichen Geschichte nach modernen Gesetzen und moderner Methode. Und das sagen sie nicht gleichsam als diskutable Hypothese, nein, sie halten in der Tat nur diese Geschichte für die richtige. Um den Ruf ihrer Lauterkeit bei ihrer Schriftstellerei sind sie unbekümmert; bei den Rationalisten kennt man und lobt man sie, da sie unter derselben Fahne dienen; zu diesem Lobe, das ein wahrer Katholik verschmähen würde, gratulieren sie sich und stellen es den kirchlichen Verweisen gegenüber. – Doch wie führen sie ihre Apologetik durch ? Ihr Endzweck ist der, den glaubensleeren Menschen dahin zu bringen, dass er von der katholischen Religion die Erfahrung bekommt, welche nach den Grundsätzen der Modernisten das einzig berechtigte Glaubensfundament ist. Dazu führt ein doppelter Weg : der eine ist der objektive, der andere der subjektive. Jener geht vom Agnostizismus aus und will in der Religion, besonders der katholischen, eine Lebenskraft aufweisen, die jeden Psychologen und Historiker, der guten Willens ist, überzeugt, es müsse in der Geschichte der Religion etwas Unbekanntes verborgen sein. Dazu muss gezeigt werden, dass die katholische Religion, so wie sie jetzt ist, dieselbe ist, wie Christus sie gründete, d. h. nur die fortschreitende Entwicklung dieses Ursprungs von Christus her. Zuerst also muss man das Wesen dieses Ursprungskeimes bestimmen. Das möchten sie so : Christus hat die Ankunft des Reiches Gottes, das in kurzem aufgerichtet werden sollte, verkündigt, sich selbst als den künftigen Messias, gottgegebenen Träger und Ordner. Sodann ist die allmähliche historische Entwicklung dieses der katholischen Religion immanenten und permanenten Keimes und seine Anpassung an die Reihenfolge der Zeitumstände zu zeigen, wobei er lebenskräftig an sich zog, was immer von Lehre, Kultus, kirchlichen Formen ihm nützlich war; entgegenstehende Hindernisse hat er überwunden, Gegner niedergeworfen und bei allen Angriffen und Kämpfen gesiegt. – Ist das alles, Hindernisse nämlich, Gegner, Verfolgungen, Kämpfe, ebenso Leben und Fruchtbarkeit der Kirche gezeigt, der Art, dass unbeschadet der Wirksamkeit der Entwicklungsgesetze in der Geschichte der Kirche, diese Gesetze dennoch nicht restlos, die Geschichte erklären, so steht das Unbekannte offen da und präsentiert sich. – So jene. Bei dieser ganzen Reflexion vergessen sie nur eins, dass sie jene Bestimmung des Ursprungskeimes einzig und allein dem Apriorismus des agnostischen Philosophen und Evolutionisten verdanken, und der Keim selbst infolgedessen ohne jeden Wert in Übereinstimmung mit ihrer Sache gebracht wird.

36 Während jedoch die neuen Apologeten so sich um den Beweis der katholischen Religion bemühen, geben sie aus freien Stücken mehrerlei Anstößiges in ihr zu. Ja, ganz offen erklären sie, auch in der Dogmatik Irrtümer und Widersprüche zu finden; sie fügen jedoch bei, das lasse sich nicht nur entschuldigen, sondern – darüber muss man sich wundern - sei nach Recht und Ordnung geschehen. So finden sich nach ihnen auch in der Heiligen Schrift sehr viel wissenschaftliche und historische Irrtümer. Aber, so sagen sie, es handelt sich in der Schrift nicht um Wissenschaft und Geschichte, sondern nur um Religion und Ethik. Wissenschaft und Geschichte sind eine Art Hülle für die religiösen und sittlichen Erfahrungen zum Zweck ihrer Popularisierung; das Volk versteht auf anderem Wege nicht, daher würde eine vollkommenere Form der Wissenschaft oder Geschichte ihm nicht genutzt, sondern geschadet haben. Übrigens, setzen sie hinzu, sind die heiligen Schriften, weil ihrem Wesen nach religiös, notwendig lebendig; das Leben hat seine eigene Wahrheit und Logik, anders als die Wahrheit und Logik der Vernunft, ja überhaupt von einer ganz anderen Ordnung; es ist die Wahrheit des Ausgleichs und der Anpassung, teils an das Milieu (so sagen sie), in dem man lebt, teils an den Zweck, für den man lebt. Schließlich gehen sie so weit, schonungslos auszusprechen. Alles, was sich lebenskräftig entwickelt, ist wahr und berechtigt. – Wir, ehrwürdige Brüder, für die es nur eine einzige Wahrheit gibt, und die Wir die heiligen Bücher so einschätzen, dass sie „auf Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben Gott zum Urheber haben”15 , Wir sagen, dass das Gott eine Nutz- oder Notlüge zuzuschreiben heißt. Mit den Worten Augustins16 sagen Wir : ”Lässt man einmal gegen eine solch hohe Autorität eine Notlüge zu, so wird kein Stückchen von jenen Büchern übrig bleiben, das nicht nach belieben teils als schwer zu erfüllen, teils als schwer zu glauben kraft eben dieser verderblichen Regel zur absichtlichen Lüge des Autors gestempelt würde.” Es wird soweit kommen, wie eben dieser heilige Lehrer weiter sagt : „In ihnen, nämlich den Büchern der Heiligen Schrift, wird jeder glauben was er will, und nicht glauben, was er nicht will”.17 – Aber die modernistischen Apologeten reiten schnell. Sie geben weiterhin zu, dass in den heiligen Büchern Vernunftgründe zum Beweis irgendeiner Lehre, die jedes vernünftigen Grundes tatsächlich entbehren. Z. B. die prophetischen Weissagungen. Aber auch verteidigen sie, das seien eine Art Kunstgriffe der Predigt, die das Leben legitimiert. Was will man mehr ? Sie geben zu, ja sie behaupten fest, dass Christus in Ankündigung der Zeit des Kommens des Reiches Gottes offenbar geirrt habe. Kein Wunder, sagen sie; stand doch auch er unter den Gesetzen des Lebens ! – Was will man nach diesem noch über die Dogmen der Kirche hören ? Die wimmeln von offenbaren Widersprüchen, aber sie widerstreiten nicht der symbolischen Wahrheit, abgesehen davon, dass die vitale Logik sie zulässt. In ihnen handelt es sich ja um das Unendliche, und des Unendlichen Gesichtspunkte sind unendlich. Schließlich halten sie mit solchem Nachdruck dies alles fest, dass sie ohne Scheu bekennen : Dem Unendlichen tut man keine größere Ehre an, als wenn man Widersprechendes über es aussagt. – Hat man aber den Widerspruch gebilligt, was wird man nicht billigen ?

Subjektive Argumente

37 Aber der noch nicht Gläubige kann nicht durch objektive Beweisgründe für den Glauben empfänglich gemacht werden, sondern auch durch subjektive. Zu dem Zweck kehren die modernistischen Apologeten zur Lehre von der Immanenz zurück. Sie bemühen sich um die Überzeugung, dass im Menschen, im innersten Winkel seiner Natur und seines Lebens, eine gewisse Sehnsucht und ein Drang nach Religion schlummert, und zwar nicht nach jeder beliebigen Religion, sondern nach der katholischen; sie nämlich, so sagen sie, wird von der vollkommenen Entwicklung des Lebens gefordert. – Wiederum müssen Wir hier laut klagen, dass unter den Katholiken sich Leute finden, die zwar die Lehre der Immanenz als Lehre zurückweisen, sie aber für die Apologetik benutzen, und zwar so unvorsichtig, dass sie der menschlichen Natur nicht nur die Fähigkeit und Empfänglichkeit für die übernatürliche Ordnung zusprechen, – das haben katholische Apologeten stets nach Zweckmäßigkeitserwägungen erwiesen –, sondern eine wirkliche Forderung daraus machen. Genauer gesagt : diese Forderung katholischer Religion wird von den gemäßigteren Modernisten vertreten, die auch als solche gelten wollen. Die anderen, die man Integralisten nennen kann, wollen dem noch nicht gläubigen Menschen den in ihm schlummernden Keim abweisen, der in Christi Bewusstsein war und von ihm aus den Menschen sich übermittelte.

Das, ehrwürdige Brüder, ist in Kürze die modernistische apologetische Methode, die mit ihren Lehren völlig stimmt; Methode wie Lehren voll von Irrtümern, nicht dienlich zur Erbauung, sondern zur Zerstörung, nicht dazu angetan, Katholiken zu machen, sondern Katholiken zur Ketzerei zu bringen, ja, reif zur Vernichtung jeder Religion !

Der Modernist als Reformer

38 Nur wenig noch ist über den Modernisten als Reformator zu sagen. Schon das bisher Ausgeführte zeigt deutlich genug die Neuerungssucht dieser Menschen. Sie geht auf alle Dinge, die nur immer bei Katholiken sich finden. Sie wollen eine Reform der Philosophie, besonders in den Seminaren; es soll die scholastische Philosophie der Geschichte der Philosophie neben den übrigen schon veralteten Systemen zugewiesen und den jungen Leuten die moderne, zeitgemäße Philosophie vorgetragen werden. Für die Reform der Theologie wünschen sie die moderne Philosophie zur Grundlage der sogenannten spekulativen Theologie, die positive Darstellung der Glaubenslehre aber soll sich hauptsächlich auf die Dogmengeschichte stützen. Auch die Geschichte soll nach ihrer Methode und modernen Gesetzen geschrieben werden. Die Dogmen und ihre Entwicklung müssen mit Wissenschaft und Geschichte in Einklang gebracht werden. In den Katechismen sollen nur dem Volksverständnis neu angepasste Lehren aufgezeichnet werden. Im Kultus sind die äußerlichen Religionsformen zu vermindern, ihre Zunahme ist zu verbieten. Einige freilich, die zum Symbolismus freundlicher stehen, sind hier nachsichtiger. Das Kirchenregiment soll in allen seinen Zweigen reformiert werden, besonders auf dem Gebiete der Disziplin und Lehre. Deshalb, so sagen sie, ist es innerlich wie äußerlich mit dem modernen, ganz zur Demokratie hinneigenden Bewusstsein in Einklang zu bringen. Der niedere Klerus und selbst die Laien müssen am Kirchenregiment teilnehmen, die viel zu stark zentralisierte Autorität muss verteilt werden. Die römischen Kongregationen sollen umgestaltet werden, besonders das Heilige Offizium und die Indexkongregation. Die politische und soziale Tätigkeit des Kirchenregiments möchten sie geändert sehen; es soll sich von ins bürgerliche Gebiet übergreifenden Verordnungen fernhalten, andrerseits sich ihnen anpassen, um sie mit seinem Geiste zu durchdringen. In der Ethik sollen nach Art der Amerikanisten die aktiven Tugenden den passiven vorgehen und auch vor ihnen betätigt werden. Der Klerus soll die alte Demut und Armut wieder annehmen, dabei aber modernistisch denken und handeln. Einige schließlich von ihnen leihen nur zu gerne protestantischen Lehren ihr Ohr und möchten selbst den heiligen Zölibat der Priester abgeschafft sehen. Kurz was lassen sie in der Kirche unangetastet, was soll nicht von ihnen und nach ihren Lehren reformiert werden ?

Der Modernismus – Das Sammelbecken aller Irrtümer

39 Vielleicht wird man Uns, ehrwürdige Brüder, bei der Auseinandersetzung dieser ganzen modernistischen Lehre zu ausführlich finden. Aber das musste so sein; wir dürfen Uns nicht den Vorwurf der Unkenntnis, den man so leicht erhebt, von ihnen machen lassen; es muss auch klar werden, dass es beim Modernismus sich nicht um zerfahrene, untereinander nicht verbundene Lehrstücke handelt, sondern um ein festgeschlossenes Ganzes; wer hier einen Punkt zugibt, hat mit innerer Folgerichtigkeit alles zugegeben. Deshalb sind Wir fast didaktisch vorgegangen und haben mitunter selbst Fremdwörter nicht gescheut, die die Modernisten gebrauchen. – Überschaut man gleichsam mit einem Blick das ganze System, so wird niemand sich wundern, wenn Wir es als ein Sammelbecken aller Häresien bezeichnen. Wenn jemand sich vorgenommen hätte, Kraft und Saft aller Glaubensirrtümer gleichsam zusammenzupressen, hätte es niemand besser machen können als jetzt die Modernisten. Ja sie sind noch weiter gegangen, bis dahin, nicht nur die katholische, nein, wie gesagt, alle Religion zu zerstören. Daher der Beifall bei den Rationalisten; die frei und offen redenden Rationalisten gratulieren sich, sie hätten nie, wirksamere Helfershelfer gefunden als die Modernisten. - Kehren Wir, ehrwürdige Brüder, für einen Augenblick zu jener verderblichen Lehre des Agnostizismus zurück. Durch sie wird vom Intellekt her jeder Zugang zu Gott dem Menschen verschlossen, indem angeblich ein besserer Weg vom Gefühl und der inneren Regung her aufgestellt wird. Wie töricht : denn das Gefühl antwortet nur auf eine Regung, die der Intellekt oder die äußeren Sinne ihm gleichsam vorlegen. Bei Ausschaltung des Intellekts wird der Mensch den äußeren Sinnen, zu denen es ihn schon hinzieht, mit Riesenschritten nachgeben. Ferner töricht um deswillen, weil Phantasien über das religiöse Gefühl den gesunden Menschenverstand nicht niederzwingen werden; der gesunde Menschenverstand aber lehrt uns, dass jede Störung oder Befangenheit der Seele der Erkenntnis der wirklichen Wahrheit nicht förderlich, sondern hinderlich ist; denn die andere subjektive Wahrheit[31] ist als Erzeugnis des inneren Gefühls und der inneren Regung empfänglich für Vorspiegelungen; nützt aber dem Menschen gar nichts, für den das Wichtigste ist, zu wissen, ob es einen Gott außer ihm gibt, in dessen Hand er einst fallen wird. - Die Erfahrung geben sie dem Gefühl zur Stütze. Aber was tut sie hinzu ? Nichts weiter als eine Verstärkung, je stärker das Gefühl, je fester die Überzeugung von der Wahrheit. Aber beide zusammen lassen das Gefühl bleiben und verändern nicht sein Wesen das immer der Täuschung ausgesetzt bleibt, solange es nicht vom Intellekt geleitet wird; ja, sie stärken und fördern die Täuschung, denn je intensiver das Gefühl, desto mehr bleibt der Gefühlscharakter. – Da Wir von dem religiösen Gefühl und der in ihm enthaltenen Erfahrung handeln, so wisst ihr wohl, ehrwürdige Brüder, welcher Klugheit es hier Bedarf, desgleichen welchen Wissens, das die Klugheit leite. Ihr wisst es aus Eurem Umgang mit den Seelen, besonders solchen, in denen das Gefühl prävaliert. Ihr wisst es aus der asketischen Literatur; mögen die Modernisten sie auch für wertlos halten, sie zeigt doch eine viel gesündere und feinere Beobachtungsgabe, als die von den Modernisten selbst sich angepasste. Uns scheint es Torheit oder wenigstens, höchste Unklugheit zu sein, ohne Prüfung innere Erfahrungen nach Art der Modernisten für Wahrheit zu halten. Warum, so fragen wir im Vorbeigehen, wenn diese Erfahrungen solche Kraft und Stärke haben, sprechen sie sie nicht in gleichem Maße der Erfahrung zu, die mehrere tausend Katholiken über den Irrweg der Modernisten zu haben behaupten ? Ist diese Erfahrung nur falsch und trügerisch ? Die überwältigende Mehrheit der Menschen hält fest und wird immer festhalten, dass man mit Gefühl und Erfahrung allein, ohne Führung und Erleuchtung des Verstandes, niemals zur Erkenntnis Gottes kommen kann. Es bleibt also wieder Atheismus und Religionslosigkeit. – Nichts Besseres sollten die Modernisten von ihrer Lehre des Symbolismus sich versprechen. Denn wenn alle intellektuellen Elemente, wie sie sagen, nur Symbole Gottes sind, warum soll dann der Name Gott oder göttliche Persönlichkeit selbst nicht Symbol sein ? Wenn ja, so wird man an der Persönlichkeit Gottes zweifeln können, und die Türe zum Pantheismus steht offen. – Ebendahin, nämlich zum reinen und nackten Pantheismus, führt die andere Lehre von der Immanenz Gottes. Denn Wir fragen : unterscheidet eine solche Immanenz Gott vom Menschen oder nicht ? Wenn ja, worin liegt dann die Abweichung, von der katholischen Lehre, oder warum lehnt man die Lehre von der äußeren Offenbarung ab ? Wenn nein, so haben wir den Pantheismus. Aber diese Immanenz der Modernisten lässt jedes Bewusstseinsphänomen vom Menschen als Menschen ausgehen. Eine richtige Logik folgert daraus, dass Gott und Mensch eines und dasselbe sind. – das heißt Pantheismus. – Endlich ihre Unterscheidung zwischen Wissen und Glauben führt zu demselben Schlusse. Denn zum Gegenstand des Wissens machen sie die Realität des Erkennbaren, zu dem des Glaubens umgekehrt die Realität des Unerkennbaren. Das Wesen des Unerkennbaren liegt in der Kluft zwischen Gegenstand und Erkenntnis. Und diese Kluft ist stets, auch in der modernistischen Lehre, unüberbrückbar. Also wird das Unerkennbare dem Gläubigen wie dem Philosophen stets unerkennbar bleiben. Gibt es also Religion, so muss sie Religion unerkennbarer Realität sein : warum diese Realität nicht auch nach Art einiger Rationalisten Weltseele sein kann, ist nicht einzusehen. – Das wird genügend zeigen, wie die Lehre der Modernisten auf mannigfachem Wege zum Atheismus und zur Beseitigung aller Religion führt. Protestanten-Irrtum hat den ersten Schritt auf diesem Wege getan, Modernisten-Irrtum folgt, Atheismus wird der nächste Schritt sein.

Die Ursache des Modernismus

40 Zum Zweck tieferer Einsicht in den Modernismus und richtiger Bestimmung der Heilmittel für die so schwere Wunde müssen Wir, ehrwürdige Brüder, jetzt die Ursachen dieses Übels oder seines Wachstums, erforschen. – Zweifellos liegt die nächste und unmittelbare Ursache in einem Verstandesirrtum. Weiter zurück liegen zwei weitere Ursachen, Neugierde und Hochmut. Wird die Neugierde nicht durch Weisheit in Schranken gehalten, so genügt sie für sich allein zur Erzeugung von allerlei Irrtümern. Daher schrieb Unser Vorgänger Gregor XVI. mit Recht : ”Sehr traurig ist es, wohin es mit den Wahnprodukten der menschlichen Vernunft kommt, wenn jemand neuerungssüchtig ist und gegen Mahnung des Apostels weiser sein möchte als er darf, sich allzu viel zutraut, die Wahrheit außerhalb der katholischen Kirche suchen will, in der sie ohne auch nur die geringste Spur von Irrtum sich findet.“[32] Aber bei weitem wirkungskräftiger den Geist zu verblenden und in Irrtum zu führen, ist der Hochmut. Er ist in der Lehre des Modernismus gleichsam zu Hause; aus ihr empfangt er Nahrung und zeigt sich nach allen Seiten. Hochmut ist es, wenn die Modenisten verwegen auf sich selbst vertrauen, sich gleichsam für die Gesetzgeber der ganzen Welt halten. Hochmut ist ihre eitle Ruhmsucht, als wenn sie die Wahrheit allein gepachtet hätten, stolz und aufgeblasen sprechen sie : ”Wir sind nicht wie die übrigen Menschen”, um mit diesen nicht, verglichen zu werden, vertreten und erträumen sie allerlei Neuigkeiten mögen sie noch so abgeschmackt sein. Hochmut lässt, sie allen Gehorsam abwerfen und Autorität mit Freiheit zu verbinden suchen. Hochmut lässt sie sich selbst vergessen und nur an die Reformation anderer denken, Respekt haben sie vor keiner Rangstufe, auch nicht vor der höchsten Gewalt. Kein Weg führt kürzer und leichter zum Modernismus als der Hochmut. Wenn ein Katholik aus dem Kreise der Laien oder auch ein Priester das christliche Lebensgebot vergisst, sich selbst zu verleugnen, wenn man CHRISTO folgen will, und er den Hochmut nicht aus seinem Herzen reißt – der ist wie geschaffen für die Irrtümer der Modernisten ! – Darum, ehrwürdige Brüder, muss das Eure erste Pflicht sein, diesen hochmütigen Menschen entgegenzutreten, sie mit niedrigeren und unbeutenderen Aufgaben zu betrauen, damit sie umso tiefer erniedrigt werden, je höher sie sich erheben, und damit sie auf einen unbedeutenden Posten gestellt, weniger schaden können. Prüfet, teils persönlich, teils durch die Seminarvorsteher, sorgsamst die Zöglinge des Klerus; findet ihr Hochmütige, so weiset sie energisch vom Priesteramte zurück. Wäre doch immer die nötige Wachsamkeit und Energie beobachtet worden !

41 Gehen Wir von den moralischen Ursachen zu den intellektuellen über, so wird zuerst die Unwissenheit begegnen. Denn wie viele Modernisten möchten als Lehrer in der Kirche gelten, posaunen die moderne Philosophie mit vollen Backen aus, verachten die Scholastik, haben aber, durch Flitter und Trug getäuscht, jene Philosophie nur deshalb sich angeeignet, weil sie in voller Unkenntnis der Scholastik über keine Beweismittel verfügen zur Beseitigung der Begriffsverwirrung und der Trugschlüsse. Aus der Verbrüderung von falscher Philosophie mit ihrem Glauben ist ihr an Irrtümern überreiches System entsprungen.

Methoden der Werbung

42 Möchten sie doch auf die Propaganda weniger Eifer und Sorge verwenden ! Aber ihr Eifer ist so hurtig, ihr Arbeiten so unermüdlich, dass es einem leid tut um den Verbrauch solcher Kräfte zum Verderben der Kirche, die, richtig angewandt den höchsten Nutzen stiften könnten. – Eine doppelte Kunst gebrauchen sie zur Täuschung der Seelen. Zuerst möchten sie die Hemmnisse nivellieren, dann suchen, sie eifrig nach Vorteilen für sich und wenden sie unermüdlich mit zäher Ausdauer an. Drei Hindernisse für ihre Unternehmungen vornehmlich empfinden sie : die scholastische Methode der Philosophie, Autorität und Überlieferung der Väter, das kirchliche Lehramt. Hiergegen kämpfen sie aufs schroffste. Darum verspotten und verachten sie scholastische ”Philosophie und Theologie. Mögen sie es aus Unkenntnis tun oder aus Furcht oder aus beiden Gründen, gewiss ist, dass Neuerungssucht sich stets mit Hass scholastischer Methode verbindet. Nichts zeigt klarer, dass jemand für modernistische Lehren empfänglich wird, als der beginnende Abscheu vor scholastischer Methode. Möchten doch die Modernisten und Modernistenfreunde gedenken des Verdammungsurteils Pius’ IX. über den Satz : „Methode und Prinzipien der Theologie nach Art der alten scholastischen Lehrer passen zu den Bedürfnissen und dem Fortschritte der Wissenschaften in unserer Zeit ganz und gar nicht.[33]

Kraft und Wesen der Tradition bemühen sie sich hinterlistigst zu zerstören, um ihr jedes Gewicht zu nehmen. Dennoch wird für die Katholiken unerschütterlich feststehen die Autorität der zweiten Nicänischen Synode; sie verdammte, ”die es wagen... nach Art verbrecherischer Häretiker die kirchlichen Überlieferungen zu verachten und beliebige Neuheiten auszudenken... oder die hinterlistig darauf sinnen, aus den anerkannten kirchlichen Überlieferungen etwas herauszubrechen.” Es wird ferner feststehen das Bekenntnis der vierten Synode von Konstantinopel : „Wir bekennen also, die der heiligen katholischen und apostolischen Kirche von den berühmten heiligen Aposteln, den ökumenischen und Lokal-Konzilien oder auch von jedem gottbeauftragten Kirchenvater und -lehrer überlieferten Regeln halten and schützen zu wollen.” Daher haben die römischen Päpste Pius IV. und IX. auch in das Glaubensbekenntnis diesen Zusatz einfügen lassen : ”Die apostolischen und kirchlichen Traditionen und die übrigen Gepflogenheiten und Gesetze der Kirche erkenne ich unverbrüchlich an und halte sie fest.”

Nicht anders wie über die Tradition urteilen die Modernisten über die allerheiligsten Kirchenväter. Mit höchster Verwegenheit erklären sie sie zwar für aller Verehrung sehr würdig, aber doch für schlimmste Ignoranten in Kritik und Geschichte; nur die Zeit, in der, sie lebten, könne die Unwissenheit entschuldigen.

Endlich unterfangen sie sich, die Autorität des kirchlichen Lehramtes nach Kräften herabzusetzen und zu schwächen; teils zerstören sie frevlerisch ihren Ursprung, Wesen und Rechte, teils streuen sie offen gegnerische Verleumdungen gegen sie aufs neue aus. Auf die Modernistenschar trifft zu, was in tiefstem Leid Unser Vorgänger schrieb : ”Um die mystische Braut Christi, der das wahre Licht ist, der Verachtung und der Missgunst preiszugeben, pflegen die Söhne der Finsternis sie öffentlich tückisch zu verleumden, die Dinge und Begriffe auf den Kopf zu stellen, sie als Freundin des Dunkelmännertums, Förderin der Unwissenheit, Feindin des Lichtes der Wissenschaft und des Fortschritts zu bekämpfen.[34] – Angesichts dessen, ehrwürdige Brüder, ist es kein Wunder, wenn die Modernisten Katholiken, die wacker für die Kirche streiten, mit höchstem Übelwollen und Scheelsucht verfolgen. Mit jeder nur möglichen Beleidigung kränken sie sie; der Vorwurf der Unwissenheit und Starrköpfigkeit kehrt allenthalben wieder. Wenn sie die Bildung und Geisteskraft ihrer Gegner fürchten, so brechen sie durch verabredetes Totschweigen dem die Spitze ab. Diese Handlungsweise gegen Katholiken ist um so gehässiger, als sie in gleicher Zeit alle ihre Anhänger fortgesetzt maßlos herausstreichen; ihren Büchern, die von Neuerungen strotzen, spenden sie Beifall; je grundstürzender eines ist, Tradition und kirchliches Lehramt verachtet, eine um so bessere Weisheitsnote erhält es; schließlich, wenn einen der kirchliche Bannstrahl getroffen hat, dann – jeder Gute würde zurückschaudern – loben sie ihn nicht nur in geschlossener Phalanx überreichlich, sondern verehren ihn fast als Märtyrer der Wahrheit. – Die von all diesem Tam-tam an Lobhudelei und Schmähungen verwirrten jungen Brauseköpfe geben sich, um nicht in den Ruf der Unwissenheit zu kommen, vielmehr den der Weisheit beanspruchen zu können, unter dem inneren Zwang von Neugierde und Hochmut oft gefangen und liefern sich dem Modernismus aus.

43 Doch die gehört schon zu den Kunstgriffen, mit denen die Modernisten ihre Ware verkaufen. Was tun sie nicht für das Wachstum der Zahl ihrer Anhänger ? In den geistlichen Seminaren, den Universitäten nehmen sie Lehrstühle, ein, die sie in Giftsitze verwandeln. Ihre Lehren, wenn auch vielleicht verborgen,[35] verbreiten sie im Gotteshause bei der Predigt; offener verkündigen sie sie auf Kongressen; in die Vereine schleppen sie sie ein und preisen sie an. Bücher, Zeitschriften, Abhandlungen geben sie unter ihrem oder fremdem Namen heraus. Ein und derselbe Schriftsteller gebraucht verschiedene Namen, um durch Vorspiegelung vieler Autoren Arglose zu täuschen. Kurz, in Wort, Werk, Presse lassen sie nichts unversucht, man möchte sie fiebertoll nennen. – Und wohin führt das alles ? Zahlreiche Jünglinge, schönste Hoffnungen, die das Beste für die Kirche versprachen, sehen Wir tränenden Auges vom rechten Pfade abgeirrt ! - Sehr viele auch pflegen zu Unserem Schmerze, wenn sie auch noch nicht direkt abgeirrt sind, laxer zu denken, zu reden und zu schreiben, als sich für den Katholiken ziemt – gleichsam als, wenn sie verdorbene Luft eingeatmet hätten. Es sind Laien, aber auch Priester, ja, – das hatte man weniger erwarten sollen – sie fehlen selbst nicht in Mönchskreisen. Die Bibel behandeln sie nach modernistischen Gesetzen, in der Geschichtsschreibung zerren sie unter dem Scheine der Wahrheit mit offenbarer Lust sorgsamst das ans Licht, was die Kirche mit Flecken zu bespritzen scheint. Die heiligen populären Überlieferungen suchen sie von vorgefasster Meinung aus mit aller Kraft zu zerstören. Heilige, durch ihr Alter empfohlene Reliquien verachten sie. In eitlem Wunsche möchten sie, dass die Welt von ihnen rede, und sie wissen, das wird nicht geschehen, wenn sie nur Althergebrachtes sagen. Dabei reden sie sich ein, sie gehorchten Gott und der Kirche; tatsächlich beleidigen sie beide aufs Schwerste, nicht sowohl durch ihre Tätigkeit, als durch den Geist, der sie leitet, und die Hilfe, die sie den Unternehmungen der Modemisten leisten.

Heilmittel

44 Unser Vorgänger seligen Gedächtnisses Leo XllI. hat energisch in Wort und Tat dieser offen wie heimlich auftretenden Schar von Irrtümern zu begegnen sich bemüht, besonders betreffs des Bibelstudiums. Aber, wie Wir schon sahen, die Modernisten lassen sich nicht leicht durch solche Waffen schrecken, Gehorsam und Demut heuchelnd, haben sie die Worte Päpste in ihrem Sinne ausgelegt und seine Taten auf beliebige andere, nicht auf sich selbst bezogen. So ist das Übel von Tag zu Tag stärker geworden. Darum, ehrwürdige Brüder, haben Wir Uns entschlossen, nicht länger zu zögern und schärfere Maßregeln zu ergreifen. – Wir bitten und beschwören Euch, in einer so wichtigen Sache es an Wachsamkeit, Sorgfalt, Mut auch nicht im geringsten fehlen zu lassen. Was Wir von Euch erbitten und erwarten, das erbitten und erwarten Wir auch von den übrigen Seelenhirten, von den Erziehern und Lehrern des jungen Klerus insbesondere von den Klostervorstehern.[36]

Das Studium der scholastischen Philosophie

45 1. Was zuerst die Studien betrifft, so wünschen und verfügen Wir, dass die scholastische Philosophie zur Grundlage der Theologie gemacht werde. „Wenn etwas von den scholastischen Doktoren so spitzfindig gefragt oder zu wenig überlegt von ihnen überliefert wurde, wenn etwas mit ausgemachten Lehren späterer Zeit weniger zusammenhängt oder auf irgend eine Weise unannehmbar erscheint, so wollen Wir das natürlich in keiner Weise unserer Zeit zur Nachahmung empfehlen.[37] Die Hauptsache ist : wenn Wir die scholastische Philosophie als Vorbild hinstellen, so meinen Wir vornehmlich die vom heiligen Thomas von Aquino überlieferte. Was über sie Unser Vorgänger bestimmte, soll alles in Kraft bleiben; soweit nötig, erneuern und bekräftigen Wir es und befehlen strengen Gehorsam allenthalben. Pflicht der Bischöfe wird es sein, wo in den Seminaren Nachlässigkeit in diesem Punkte herrschte, in Zukunft strenge Befolgung zu verlangen. Dasselbe befehlen Wir den Ordensobern. Die Lehrer ermahnen Wir, ordnungsgemäß daran festzuhalten : den Aquinaten gibt man, besonders in der Metaphysik, nur mit großem Schaden preis.

46 Auf diesem philosophischen Fundamente erhebe sich sorgsam der Bau der Theologie ! – Fördert, ehrwürdige Brüder, das Studium der Theologie, soviel ihr könnt, lasset die Kleriker beim Verlassen der Seminare von ihrem herrlichen Werte und von Liebe zur Theologie durchdrungen sein, so dass ihr Studium ihnen immer eine Lust ist ! Denn ”Jedermann weiß, dass unter der Menge der Disziplinen, die ein wahrheitsdurstiger Geist ergreifen kann, die heilige Theologie den ersten Platz einnimmt, so dass ein alter Spruch der Weisen sagt : alle anderen Wissenschaften und Künste müssen ihr als Mägde dienen und Handreichung tun.“[38] – Wir setzen hinzu, dass die Lob zu verdienen scheinen, die in unentwegter Ehrerbietung gegen Tradition, Väter und kirchliches Lehramt, in weisem Urteil, nach katholischer Norm,[39] die positiv-systematisch-darstellende Theologie mit wahrem historischem Lichte zu erleuchten suchen. Vielmehr Wert als ehedem ist dieser positiv-systematisch-darstellenden Theologie beizumessen; doch muss es ohne Schaden der Scholastik geschehen; solche, die mit dem Anscheine einer Verachtung der scholastischen Theologie jene positive herausstreichen, verdienen als Anwälte der Modernisten Tadel.

47 Für die profanen Disziplinen mag es genügen, die weisheitsvollen Worte Unseres Vorgängers ins Gedächtnis zu rufen : „Arbeitet eifrig, an der Erforschung der Natur; die genialen Entdeckungen unserer Zeit und ihre nützliche Anwendung, die die Gegenwart mit Recht bewundert, wird auch die Zukunft dauernd loben.” Freilich – ohne Schaden der Theologie. Daran hat in den folgenden Worten Unser Vorgänger mahnend erinnert : „Wenn jemand die Ursache dieser Irrtümer sorgsam erforscht, so wird er sie vornehmlich darin finden, dass zu unserer Zeit infolge des gewaltigen Aufschwungs der Naturwissenschaften die Geisteswissenschaften strengerem Sinne in gleichem Maße gesunken sind; einige sind fast ganz in Vergessenheit geraten, andere werden geringschätzig und oberflächlich behandelt, ihr früheres Ansehen ist ihnen genommen, und sie werden, unwürdig ihrer, durch falsche Lehren und grausige Meinungen vergiftet.[40] Nach dieser Norm soll in den Seminaren das Studium der Naturwissenschaften betrieben werden.

Praktische Anwendung

48 2. Alle diese Vorschriften, von Uns oder Unserem Vorgänger, muss man, im Auge behalten, wenn es sich um die Wahl der Rektoren und den Dozenten an den Seminaren oder katholischen Universitäten handelt. Wer nur irgendwie vom Modernismus angetan ist, soll ohne jede Rücksicht vom Rektor- oder Dozentenamte ausgeschlossen sein; ist er schon im Amte, so wird er entfernt. Desgleichen wer den Modernismus heimlich oder öffentlich begünstigt, die Modernisten lobt, ihre Schuld entschuldigt; Scholastik, Väter und kirchliches Lehramt kritisiert oder der kirchlichen Gewalt, gleichgültig wer sie ausübt, Gehorsam verweigert; desgleichen wer in Geschichte oder Archäologie oder im Bibelstudium nach Neuerungen strebt, wer die Theologie vernachlässigt oder Profanwissenschaften ihr vorzuziehen scheint – Bei dieser Aufgabe, ehrwürdige Brüder, besonders bei der Wahl der Lehrer, werdet ihr niemals zuviel an Aufmerksamkeit und Energie tun können; denn nach dem Lehrer bildet sich zumeist der Schüler. Darum, fest im Bewusstsein eurer Pflicht, handelt klug und energisch !

49 Ebenso sorgsam und strenge sind die zu prüfen und auszuwählen, die die heiligen Weihen empfangen möchten. Fern, fern sei vom Priestertum, Neuerungssucht ! Hochmütige und Widerspenstige hasst Gott ! – Das Doktorrat in Theologie und im kanonischen Recht soll fortan niemandem verliehen werden der nicht vorher den festgesetzten Kursus in scholastischer Philosophie absolviert hat. Wird er trotzdem verliehen, ist er ungültig. Die Vorschriften der Heiligen Kongregation der Bischöfe und Ordensleute vom Jahre 1896 an die Säkular- und Regularkleriker Italiens über den Besuch von Universitäten sollen künftighin für alle Nationen gelten. Kleriker und Priester, die an einer katholischen Universität oder einem katholischen Institut eingeschrieben sind, sollen Disziplinen, für die dort Lehrstühle vorhanden sind, an keiner Staatlichen Universität lernen. Wo das, bisher erlaubt war, ist es künftig verboten. Bischöfe, die in der Spitze solcher Universitäten oder Institute stehen, sollen sorgsamst über der Ausführung, dieser Vorschriften wachen.

Wachsamkeit der Bischöfe über Veröffentlichungen

50 3. Ferner ist es Pflicht der Bischöfe, die Lektüre gedruckter Schriften der Modernisten oder solcher, die nach Modernismus schmecken und ihn begünstigen, zu verhindern, bzw., wenn sie noch nicht gedruckt sind, den Druck zu verbieten. Desgleichen sollen alle Bücher, Zeitschriften, Broschüren aller Art weder den jungen Leuten in den Seminaren noch den, Studenten an den Universitäten gestattet werden; denn solche Schriften sind nicht weniger schädlich als unmoralische, ja, noch schädlicher, denn sie vergiften die Quellen des christlichen Lebens. Nicht anders ist zu urteilen über die Schriften gewisser Katholiken, sonst nicht übler Leute, die aber, ohne Kenntnis der Theologie und angetan von der neueren Philosophie, sie mit dem Glauben in Einklang zu bringen suchen und, wie sie sagen, für den Glauben fruchtbar machen möchten. Da diese Schriften um des Namens und Rufes ihrer Verfasser willen unbedenklich gelesen werden, so vermehren sie die Gefahr, allmählich den Leser zum Modernismus zu führen.

51 Im allgemeinen, ehrwürdige Brüder, geben Wir in dieser ernsten Sache Befehl : Wo nur immer in einer Diözese schädliche Bücher : vorhanden sind, da bemüht Euch wacker um ihre Fernhaltung, selbst durch feierliches Verbot. Wenn auch der Apostolische Stuhl sich in jeder Weise um die Beseitigung solcher Schriften bemüht, so sind sie doch schon so zahlreich geworden, dass kaum die Kräfte zur Zensurierung aller reichen. So erklärt es sich, dass mitunter die Arznei zu spät gereicht wird, weil das Übel schon lange Zeit sich eingefressen hat. Wir wünschen daher, dass die Bischöfe ohne alle Furcht, ohne Rücksicht auf fleischliche Klugheit, ohne Acht auf böses Geschrei, milde zwar, aber fest ihre Aufgaben anfassen, eingedenk der Vorschrift Leos XIII. in der Apostolischen Konstitution „Officiorum“ : ”Die Bischöfe sollen, auch als Delegaten des apostolischen Stuhles, schädliche Bücher und Schriften, die, in ihrer Diözese erscheinen oder verbreitet werden, zu verbieten und aus den Händen der Gläubigen zu entfernen suchen.”[41] Hier wird ein Recht sowohl gewährt als eine Pflicht geboten. Niemand glaube, diese Pflicht erfüllt zu haben, wenn er das eine oder andere Buch Uns angezeigt hat, während zahlreiche andere ruhig verteilt und verbreitet werden dürfen. – Lasst Euch, ehrwürdige Brüder, nicht stutzig machen durch die vielleicht einem Buche anderswoher beigegebene Druckerlaubnis des sogenannten Imprimatur; es könnte ja gefälscht oder zu sorglos erteilt, oder von zu großer Güte und zu großem Vertrauen auf den Verfasser diktiert sein : das geschieht vielleicht mitunter bei den Orden. Es kommt hinzu, dass, wie eine Speise sich nicht für alle schickt, so Bücher, die an einem Orte harmlos sind, am anderen unter Umständen schädlich sein können. Wenn also ein Bischof nach Beratung mit Sachverständigen die Zensurierung auch solcher Bücher in seiner Diözese für gut befindet, so geben Wir ihm ohne weiteres dazu Vollmacht, ja Wir gebieten es als seine Pflicht. Taktvoll unter Einschränkung des Gebotes, wenn das genügt, auf den Klerus allein, muss verfahren werden, aber die Pflicht katholischer Buchhändler, vom Bischofe zensurierte Bücher nicht zu verkaufen, bleibt bestehen. – Und da von den Buchhändlern die Rede ist, so sollen die Bischöfe darüber wachen, dass sie nicht aus Gewinnsucht schlechte Buchware feilhalten; ganz gewiss werden in manchen Bücherkatalogen modernistische Bücher marktschreiend angeboten. Weigern sie den Gehorsam, so sollen die Bischöfe nach vorhergehender Ermahnung unbedenklich ihnen den Titel ”katholischer Buchhändler” entziehen; erst recht den Titel ”bischöflicher Buchhändler”; führen sie den Titel ”päpstlicher Buchhändler”, so hat Anzeige beim Apostolischen Stuhl zu erfolgen. Allen schließlich rufen Wir die Worte der Apostolischen Konstitution „Officiorum“ Artikel 26 ins Gedächtnis zurück : „Alle, die apostolische Erlaubnis für die Lektüre und den Besitz verbotener Bücher erhalten haben, dürfen darum noch nicht alle beliebigen von dem betreffendem Diözesanbischof verbotenen Bücher oder Zeitschriften lesen und besitzen, es sei denn, dass ihnen in der apostolischen Vollmacht eine ausdrückliche Erlaubnis gegeben sei, alle nur irgendwie verdammte Bücher zu lesen und zu besitzen.”

Zensuramt

52 4. Aber es genügt noch nicht, die Lektüre und den Verkauf schlechter Bücher zu verhindern, auch die Herausgabe[42] muss verhindert werden. Deshalb sollen die Bischöfe bei Erteilung der Druckerlaubnis so streng wie möglich verfahren. Da aber nach der Konstitution „Officiorum“ die für die Erteilung der Druckerlaubnis seitens des Diözesanbischofs erforderlichen Bedingungen sehr zahlreich sind und der Bischof allein nicht alles prüfen kann, so wurden amtlich in einzelnen Diözesen Zensoren in genügender Zahl eingesetzt, um den Bischof zu unterrichten. Diesen Zensoreninstitut findet Unseren vollen Beifall, Wir ermahnen nicht, nur dazu, nein Wir befehlen seine Ausdehnung auf alle Diözesen. An allen Bischofsitzen also sollen amtlich Zensoren zur Prüfung der Druckmanuskripte sein; sie sollen aus dem Welt- und Ordensklerus ausgewählt werden. Männer, die sich durch ihr Alter, Bildung, Klugheit empfehlen und bei der Billigung und Verwerfung die sichere Mittelstraße gehen. Ihnen soll die Prüfung der Schriften übertragen werden. Sie nach der Schriften übertragen werden, die nach 41 und 48 genannter Konstitution der Druckerlaubnis bedürfen. Der Zensor hat sein Urteil schriftlich abzugeben. Ist es günstig, soll der Bischof die Druckerlaubnis durch das Wort : Imprimatur[43] erteilen; doch soll ihm die Formel : Nihil obstat[44] mit dem Namen des Zensors voraufgehen. - An der römischen Kurie sollen genau wie an den übrigen Bischofssitzen amtlich Zensoren eingerichtet werden. Nach Anhören des Kardinalvikars in Rom, unter Zustimmung des Papstes selbst soll, sie der Magister „sacri palatii“ ernennen. Er soll zur Prüfung der einzelnen Schriften den Zensor bestimmen; desgleichen erteilt er die Druckerlaubnis, oder auch der Kardinalvikar oder der stellvertretende Bischof; wie gesagt; ist die Approbationsformel vorauszuschicken und der Name des Zensors beizusetzen. – Nur bei außerordentlichen Umständen und sehr selten soll nach dem Gutachten des: Bischofs die Erwähnung des Zensors unterbleiben können. Den Verfassern soll der Name des Zensors niemals bekannt werden, ehe er ein günstiges Urteil gefällt hat, damit der Zensor bei der Prüfung oder Verweigerung der Druckerlaubnis keine Schwierigkeiten erfährt. – Zensoren sollen aus den Ordensleuten nur nach geheimer Anhörung des Provinzial- bzw. in Rom des General-Oberen gewählt werden; über Sitten, Wissen und Glaubensreinheit des Kandidaten, soll der betreffende Obere unter Amtspflicht ein Zeugnis abgeben. Die Ordensoberen gemahnen Wir an die furchtbare ernste Pflicht, niemals von ihren Untergebenen ohne ihre und die bischöfliche Erlaubnis etwas drucken zu lassen. – Schließlich bestimmen Wir, dass der Titel Zensor für die Bestätigung der Privatansichten des betreffenden Verfassers gar keine Bedeutung hat und niemals in diesem Sinne herangezogen werden darf.

Priester als Verleger

53 Nach diesen allgemeinen Anordnungen wünschen Wir insbesondere sorgsame Beachtung der Worte in Artikel 42 der Konstitution „Officiorum“ : „Weltgeistlichen ist es verboten, ohne vorherige Erlaubnis ihres Bischofs die Leitung von Zeitungen oder Zeitschriften zu übernehmen.“ Wer die gegebene Erlaubnis zum Unheil missbraucht, dem wird sie nach vorheriger Ermahnung entzogen. Da Priester, die, wie man sagt, Korrespondenten oder Mitarbeiter sind, häufiger in Zeitungen oder Zeitschriften vom Modernismus infizierte Artikel veröffentlicht haben, so sollen die Bischöfe darauf achten, dass hier keine Vergehen vorkommen, im Übertretungsfalle ermahnen und die Schriftstellerei verbieten. Genau so sollen, wie Wir eindringlich ermahnen, die Ordensobern verfahren; sind sie nachlässig, so sollen die Bischöfe mit päpstlicher Vollmacht einschreiten. – Katholische Zeitungen und Zeitschriften sollen, soweit möglich, einen bestimmten Zensor haben. Seine Aufgabe ist, die einzelnen Blätter oder Hefte nach Erscheinen zu gelegener Zeit durchzulesen; findet er etwas Gefährliches, so soll er es baldmöglichst verbessern lassen. Dieselbe Befugnis soll den Bischöfen zustehen, selbst wenn der Zensor vielleicht günstig geurteilt haben sollte.

Kongresse

54 5. Kongresse und öffentliche Versammlungen haben Wir schon als Mittel für öffentliche Verteidigung und Propaganda der Modernistenlehre oben erwähnt. – Priesterkongresse sollen die Bischöfe künftighin nur in den allerseltensten Fällen dulden. Tun sie es, so doch nur unter der Bedingung, dass nichts verhandelt wird, was vor die Bischöfe oder den apostolischen Stuhl gehört; nichts soll vorgeschlagen oder gefordert wegen, was Anmaßung kirchlicher Gewalt bedeutet; von allem, was nach Modernismus, Presbyterianismus[45] oder Laizismus schmeckt, darf keine Rede sein. – Derartigen Versammlungen, die nur vereinzelt, bei günstiger Gelegenheit durch schriftliche Verfügung gestattet werden dürfen, darf ein Priester aus einer anderen Diözese nur auf Grund eines Empfehlungsschreibens seines Bischofs beiwohnen. Alle Priester aber sollen der ernsten Worte Leos XIII. gedenken : ”Heilig sei den Priestern die Autorität ihrer Bischöfe; es sei ihnen gewiss, dass das Priesteramt nur unter Leitung der Bischöfe heilig, nützlich und ehrbar sein kann.”[46]

Diözesane Wächterkomitees

55 6. Aber, ehrwürdige Brüder, was nützen Unsere Gebote und Vorschriften, wenn sie nicht ordentlich und streng ausgeführt werden? Um den Erfolg nach Wunsch zu erzielen, beschlossen Wir die Ausdehnung einer vor mehreren Jahren erlassenen klugen Verfügung umbrischer Bischöfe auf alle Diözesen : ”Zur Ausrottung schon verbreiteter Irrtümer und zur Verhinderung der Weiterverbreitung oder Aufrechterhaltung der schlimmen Folgen der Verbreitung durch gottlose Lehrer, beschließt der heilige Konvent, in den Spuren des heiligen Karl Borromäus, die Einrichtung eines Aufsichtsrates in jeder Diözese, bestehend aus Männern des Welt- und Ordensklerus; seine Aufgabe ist, darüber zu wachen, ob und mit welchen Kunstgriffen neue Irrtümer weiter schleichen oder verbreitet werden, und den Bischof davon zu benachrichtigen, damit er nach gemeinsamer Beratung Mittel ergreife, das Übel noch sogleich im Anfang, zu unterdrücken; so wird es sich zum Verderben der Seele nicht immer weiter verbreiten können oder, was noch schlimmer ist, täglich sich kräftigen und wachsen.” – Einen solchen Aufsichtsrat wünschen wir baldmöglichst in den einzelnen Diözesen eingerichtet zu sehen. Seine Mitglieder sollen ebenso erwählt werden wie die Zensoren. Jeden zweiten Monat, an bestimmtem Tage sollen sie mit dem Bischof zusammenkommen; ihre Verhandlungen und Beschlüsse sind Amtsgeheimnis, ihre amtlichen Aufgaben diese : sorgsame Aufspürung aller Anzeichen und Spuren des Modernismus, in Büchern wie im Lehrunterricht, kluge, aber treffende und wirksame Vorschriften zur Bewahrung des Klerus und der Jugend. – Neue Begriffe sollen sie nicht zulassen und der Mahnung Leos XIII. gedenken : ”In katholischen Schriften kann eine Redeweise nicht geduldet werden, die neuerungssüchtig, die Frömmigkeit der Gläubigen zu verspotten scheint und von einer Neuordnung des christlichen Lebens spricht, von neuen Kirchengesetzen, von neuen Bedürfnissen des modernen Geistes, einem neuen sozialen Beruf des Klerus, neuer christlicher Humanität u. dergl. . Derartiges darf in Büchern und Vorlesungen nicht geduldet werden. Bücher in denen fromme Lokal-Überlieferungen oder heilige Reliquien behandelt werden, sollen sie im Auge behalten. Derartige Fragen sollen sie nicht in Zeitungen oder Erbauungszeitschriften behandeln lassen auch, nicht mit spöttischen oder despektierlichen Worten oder in apodiktischem Urteilsspruch, namentlich wenn es sich, wie gewöhnlich, bei den Aussagen nur um Wahrscheinlichkeiten oder vorgefasste Meinungen handelt.

Bezüglich der heiligen Reliquien soll Folgendes gelten. Wenn die hier allein zuständigen Bischöfe sicher wissen, eine Reliquie ist unecht, sollen sie sie der Verehrung der Gläubigen entziehen. Sind die Beglaubigungen einer Reliquie, vielleicht infolge bürgerlicher Unruhen oder sonst irgendwie zugrunde gegangen, so soll sie nur nach ordnungsgemäßer Anerkennung durch den Bischof ausgestellt werden. Verjährung oder begründete Echtheitsvermutung soll nur dann als Beweis gelten, wenn die Verehrung sich durch ihr Alter empfiehlt; entsprechend hat sich Dekret der heiligen Kongregation für Ablässe und Reliquien von 1896 ausgesprochen : ”Alte Reliquien sind in der bisherigen Verehrung zu belassen, außer wenn man im besonderen Falle bestimmte Beweise für die Fälschung oder Unechtheit besitzt.” – Bei einem Urteile über fromme Überlieferungen aber muss man bedenken : die Kirche lässt mit größter Klugheit derartige Überlieferungen nur unter Anwendung der von Urban VIII. erlassenen Vorsichtsmaßregel schriftlich behandeln; geschieht das auch ordnungsgemäß, so behauptet die Kirche damit noch nicht die Wahrheit der Tatsache, sondern gestattet nur daran zu glauben wenn menschliche Beweise für die Glaubwürdigkeit nicht fehlen. So bestimmte vor 30 Jahren[47] die heilige Ritenkongregation: ”Derartige Erscheinungen oder Offenbarungen sind vom apostolischen Stuhle weder gebilligt noch verworfen worden, vielmehr erlaubt als Gegenstände des frommen, allerdings nur menschlichen Glaubens,[48] nach der Überlieferung die sie mit sich führen und die durch geeignete Zeugnisse und Geschichtsdenkmäler bekräftigt wird.” Wer das festhält, braucht keinerlei Besorgnis zu hegen. Denn die Verehrung einer Erscheinung, sofern sie auf die Tatsache selbst geht und relativ heißt, schließt immer die Wahrheit der Tatsache als Voraussetzung in sich. Sofern sie aber absolut ist, stützt sie sich stets auf die Wahrheit; denn sie bezieht sich auf die Personen der verehrten Heiligen selbst. Dasselbe ist von den Reliquien zu sagen. – Endlich gebieten Wir dem Aufsichtsrate, die sozialen Einrichtungen und Schriften aller Art zur sozialen Frage sorgsam und beständig im Auge zu behalten, damit keinerlei Modernismus sich dort verberge, sie vielmehr den Vorschriften der römischen Päpste entsprechen.

Berichterstattung an den Heiligen Stuhl

56 7. Damit Unsere Verordnungen nicht in Vergessenheit geraten, wünschen und befehlen Wir, dass die Bischöfe der einzelnen Diözesen ein Jahr nach Veröffentlichung dieses Erlasses, später alle drei Jahre, sorgsam und unter Eid an den apostolischen Stuhl über die Verfügungen dieses Unseres Erlasses Bericht erstatten, desgleichen über die im Klerus herrschenden Lehranschauungen, insbesondere in den Seminaren und sonstigen katholischen Instituten, einschließlich der bischöflicher Autorität nicht unterstehenden. Den gleichen Befehl erteilen Wir den Ordensobern für ihre Zöglinge.

Schluss

57 Das, ehrwürdige Brüder, haben Wir Euch mitteilen zu müssen geglaubt, zum Heile aller Gläubigen. Die Feinde der Kirche werden sicher diese Anweisung benutzen zur Neubelebung der alten Verleumdung, Wir seien Feinde der Weisheit und des Fortschrittes der Menschheit. Um auf diese Beschuldigungen, die die Geschichte des Christentums überreichlich fortdauernd widerlegt, eine neue Antwort zu geben, ist Unsere Absicht, ein besonderes Institut mit allen Mitteln zu fördern, in dem mit Unterstützung aller hervorragenden katholischen Gelehrten alle Zweige der Wissenschaft und Bildung unter Führung und Leitung der katholischen Wahrheit gepflegt werden sollen. Gebe Gott die glückliche Erfüllung dieses Vorhabens ! mögen alle wahren Freunde der Kirche dabei helfen ! Doch davon bei anderer Gelegenheit.

58 Inzwischen, ehrwürdige Brüder, auf deren Hilfe und Eifer Wir fest vertrauen, erflehen Wir Euch von ganzem Herzen die Fülle des göttlichen Lichtes, damit ihr angesichts der Größe der Gefahr, die von den allenthalben einherschleichenden Irrtümern droht, Eure Aufgabe klar erkennet und auf ihre Erfüllung alle Kraft und Energie verwendet. Jesus Christus, der Urheber und Vollender unseres Glaubens stehe Euch bei mit Seiner Kraft, mit Gebet und Hilfe die Unbefleckte Jungfrau, die Vernichterin aller Ketzereien ! – Wir aber erteilen Euch, Eurem Klerus und Eurem Volke als Unterpfand Unserer Liebe und göttlichen Trostes im Leid in voller Liebe den Apostolischen Segen.

Pius X. Pontifex Papae


Anmerkungen

1) Wir folgen der Übersetzung der ”Chr. Welt“.
2) Apg 20,30 EU.
3) Tit 1,10 EU.
4) 2 Tim 3,13 EU.
5) ”dissimulieren”.
6)↑ de revelatione c. 1.
7) „Inspiration”.
8) vgl. dazu Chr. Pesch, Theologische Zeitfragen, vierte Folge ; Glaube, Dogmen und geschichtliche Tatsachen 1908.
9) des menschlichen Innenlebens
10) Fidéisme nennt man die namentlich von den Pariser protestantischen Theologen A. Sabatier und Ménégoz vertretene Glaubenslehre, die, wie oben angegeben den Glauben nicht als intellektuelle Anerkennung der Offenbarungslehren fasst vielmehr ihn aus einem inneren Bedürfnis der Seele ableitet.
11) einem Erscheinenden.
12) „Transfiguration“.
13) „Defiguration“.
14) „transfiguriert“.
15) um das historische Bild zu gewinnen.
16) „defiguriert”.
17) vgl. zu diesem Beispiel Satz 27 – 38 des Syllabus.
18) Gemeint ist wohl die Lehre von Hermes und Günther.
19) de revelatione c. 3.
20) „vital” sein.
21) Aus der Enzyklika „Singulari nos“ Gregors XVI., 25. Juni 1834, ursprünglich gegen Lamennais gerichtet.
22) "Intuition”.
23)↑ "originalen".
24) Breve vom 15. Juni 1857 gegen Günther.
25) An die Magister der Theologie zu Paris 7. Juli 1228.
26) Vgl. die Bulle ”Exsurge, Domine“ Leos X., 1520, Satz 29.
27) des Gläubigen an die Autorität von Kirche und Sakrament.
28) Sess. 7 de sacramentis c. 5.
29) Vom 28. August 1794. Satz 2.
30) sogenannte Propheten, deren edelster Christus ist.
31) zum Unterschiede von der wirklichen, objektiven.
32) Enzyklika “Singulari nos” vom 25. Juni 1834, gegen Lamenais.
33) Satz 13 des „Syllabus“ vom 8. Dezember 1864.
34)↑ Motu proprio : “Ut mysticam”, 14. März 1891.
35) implicite.
36) Die Antwort auf diesen Appell des Papstes sind die von verschiedener Seite erfolgenden Ergebenheitsadressen an den Papst. Die in Köln versammelten deutschen (mit Ausnahme der bayrischen) Bischöfe schrieben :
Heiligster Vater!
Deine Heiligkeit wird sich nicht wundern, sondern es in Anbetracht der Umstände sehr angezeigt erachten, dass wir Bischöfe des Königreiches Preußen, im Verein mit den Oberhirten von Mainz, Strassburg, Metz, Rottenburg und Sachsen, erst wenige Monate nach der Fuldaer Konferenz noch einmal zusammengetreten sind. Als Versammlungsort haben wir diesmal die Kölner Metropole gewählt, die wegen ihrer günstigen Lage von den Meisten leichter zu erreichen ist. Weshalb wir aber mitten im Winter und so eilig zu einer Konferenz aufgebrochen sind, dafür ist selbstverständlich Grund und Ursache nirgends sonst zu suchen, als in Deinem sehr wichtigen Rundschreiben, das Du neulich über die Irrtümer der Modernisten erlassen hast. Es war fürwahr ein schwieriges Wort, aber für die Zeitbedürfnisse sehr nützlich, ja sogar notwendig, die vielfachen und vielgestaltigen Irrtümer der Modernisten, die teils offen wuchern, teils im Verborgenen schleichen, mit dem Licht der natürlichen Wissenschaft sowohl wie der übernatürlichen aufzudecken und klar zu unterscheiden, ihre Ursachen und Wurzeln zu erforschen und genau zu untersuchen, ihre unheilvollen und verderblichen Wirkungen zu kennzeichnen, und endlich die Heilmittel zur Rettung der Völker zu finden und anzugeben. Deshalb sei Gott Lob und Preis und gebührt Dir unvergänglicher Dank: seitdem Du nämlich mit ebenso viel Autorität wie Freimut gesprochen hast, erleuchtete die christliche Wahrheit die Welt wie ein strahlendes Licht des Heils, sehr wirksam zur Verscheuchung der Finsternis oder der Irrtümer. Um ein so großes Übel zu hemmen, hast Du durch die gewaltige Wucht Deiner Worte alle Bischöfe der Welt zur Mithilfe aufgerufen. Und jetzt siehst Du uns vor Dir, wie aufrichtig bereit sind, Deine Befehle und Mahnungen auszuführen und mit allen unseren Kräften und mit allem Eifer und aller Anspannung unseres Geistes mitzuarbeiten, damit das Unkraut der Irrtümer, welches der Feind in den Acker des Herrn gesät hat, mit der Wurzel ausgerissen und vernichtet werde. Als Helferin möge uns die heilige und unbefleckte Jungfrau Maria beistehen und sich mit ihrer mächtigen Fürsprache bei ihrem göttlichen Sohne für uns verwenden. Inzwischen bitten wir zu Füssen Deiner Heiligkeit hingeworfen, Dich inständigst, uns und den unserer Sorge anvertrauten Herden den apostolischen Segen erteilen zu wollen. Köln, den 24. Dezember 1907.
37) Leo XIII. in der Enzyklika „Aeterni patris“ vom 4. August 1879.
38) Leo XIII. Litt. apost. “In magna“ vom 10. Dezember 1889.
39) was nicht bei allen in gleichem Maße begegnet.
40) Leo XIII. Allokution vom 7. März 1880.
41) Tit. 1 c. 10 und 29.
42) Edition.
43) es kann gedruckt werden.
44) es liegt kein Hindernis vor.
45) es liegt kein Hindernis vor.
46) Enzyklika „Nobilissima gallorum“ vom 10. Februar 1884.
47)↑ 2. Mai 1877.
48) Instruktion der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten vom 27. Januar 1908.

(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Pascendi_Dominici_gregis_(Wortlaut) abgerufen am 13.09.2019)


Enzyklika
Communium rerum

von Papst
Pius X.

an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die andere Ordinarien, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über den heiligen Anselm, Erzbischof von Canterbury zum 800jährigen Jubiläum seines Heimganges
21. April 1909
(Offizieller lateinischer Text: AAS 1 [1909] 333-388)

(Quelle: Rundschreiben unseres Heiligen Vaters Pius X. über den hl. Anselm, Freiburg im Breisgau, Herder Verlagsbuchhandlung 1909, Lateinischer und deutscher Text (in Fraktur abgedruckt), Autorisierte Ausgabe. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung)


Ehrwürdige Brüder !
Gruß und apostolischen Segen
Anselm von Canterbury


Einleitung: Tugend und Dank

1 Inmitten der schwierigen Zeitverhältnisse haben jüngst noch die inneren Missstände Uns mit drückendem Schmerz erfüllt. Aber eines tröstet Uns und erquickt Uns; das ist der frische Hauch der Frömmigkeit, der durch das ganze christliche Volk weht und auch heute nicht aufgehört hat, ein Schauspiel zu sein für die Welt, die Engel und die Menschen.[1] Die gegenwärtigen Übelstände haben sie vielleicht zu größerer Lebendigkeit erweckt. Ihr letzter Grund aber ist einzig die Liebe unseres Herrn Jesu Christi. Denn da keine Tugend, die mit Recht diesen Namen führt, auf Erden existiert noch vorhanden sein kann außer durch Christus. So sind auf ihn allein die guten Früchte zurückführen, die von ihr ausgehen auch unter Menschen, deren Glaube minder lebendig ist, ja die vielleicht selbst der Religion feindlich gesinnt sind. Wo in solchen die Spuren wahrer Liebe sich finden, da sind sie der von Christus auf die Welt gebrachten Gesittung zu verdanken, welche man nicht ganz ablegen und von der christlichen Gesellschaft nicht ganz verbannen konnte.

2 Wenn Wir auf den edeln Wettstreit hinblicken, indem die Christgläubigen ihrem Vater Trost und ihren Brüdern in öffentlichen und privaten Anliegen Hilfe zu bringen suchen, da erfasst Uns eine tiefe Rührung, und Wir finden kaum Worte, um Unsere dankbare Befriedigung auszusprechen. Mehr als einmal haben Wir sie einzelnen gegenüber ausgesprochen. Wir wollen aber auch nicht zögern, die Pflicht öffentlicher Danksagung zu erfüllen, zunächst vor Euch, Ehrwürdige Brüder, und durch Euch auch vor allen Gläubigen, die Euerer Obhut anvertraut sind.

3 Wir wollen zugleich offen Unsere Dankbarkeit bekunden gegen Unsere geliebten Kinder aus allen Teilen der Erde, welche mit so vielen und so herrlichen Beweisen ihrer Liebe und Ergebenheit Unseres fünfzigjährigen Priesterjubiläums gedachten. Alle diese Bezeigungen der Liebe haben Uns nicht so sehr Unsretwillen, als um der Religion und Kirche willen erfreut. Sind sie doch Zeugnisse eines furchtlosen Glaubens und gleichsam öffentliche Bekundungen der Christus und der Kirche schuldigen Verehrung. Denn sie sind Ergebenheitsbezeigungen vor dem, den der Herr an die Spitze seiner Heilsfamilie setzen wollte. Auch Erfolge anderer Art haben Uns Grund zu großer Freude gegeben. Nordamerika konnte die Jubelfeier seiner Bistumsorganisation begehen und freute sich des Anlasses, Gott unauslöschlichen Dank zu sagen dafür, dass er der Katholischen Kirche so viele Kinder angegliedert hat. Die Britische Insel sah das ruhmvolle Schauspiel, dass innerhalb ihrer Grenzen die Verehrung des Allerheiligsten Sakramentes mit wunderbaren Glanze entfaltet wurde in Gegenwart zahlreicher Unserer Ehrwürdigen bischöflichen Brüder und Unseres Legaten und unter der Teilnahme dichtgedrängter Scharen des Volkes. In Frankreich trocknete die bedrängte Kirche ihre Tränen, als sie die Triumphzüge des Allerheiligsten Sakramentes schauen durfte, allermeist in der Stadt Lourdes, wo zu Unserer Freude der Anlass des Ruhmes der Stadt in feierlichem fünfzigjährigen Jubelfeste begangen worden ist. Mögen die Feinde des katholischen Namens an diesen und ähnlichen Begebenheiten erkennen und sich überzeugen, dass die Veranstaltung größerer Feierlichkeiten, die Verehrung der hehren Gottesmutter, die dem höchsten Oberpriester gezollten Ehrenbezeigungen, alle auf die größere Ehre Gottes abzielen, darauf, dass Christus alles in allen sei[2] und dass durch sein auf Erden bestelltes Reich den Menschen ewiges Heil gebracht werde.

Ziel: der göttliche Triumph

4 Der göttliche Triumph über die einzelnen und die ganze menschliche Gesellschaft besteht in nichts anderem als in der Rückkehr der Abgeirrten zu Gott durch Christus, zu Christus aber durch seine Kirche. Wir haben da in Unserer ersten Enzyklika E supremi Apostolatus Cathedra vom 4. Oktober 1903[3] und oft seitdem offen als Unser Ziel ausgesprochen. Vertrauensvoll hoffen Wir auf diese Rückkehr; ihrer Beförderung gelten Unsere Pläne und Gebete; in ihr schauen Wir gleichsam den Hafen, wo auch die Stürme des gegenwärtigen Lebens zur Ruhe kommen. Aus diesem Grunde haben Wir die Unserer Person erzeigten Ehrungen gern und dankbar im Gefühle der Bescheidenheit hingenommen, weil sie als der Kirche öffentlich erwiesene Ehrenbezeigungen mit Gottes Gnade gleichsam zum Zeichen dienen möchten für die Rückkehr der Völker zu Christus und den engeren Anschluss an Petrus und die Kirche.

Der heilige Anselm von Aosta

5 Ist auch dieses Band der Liebe zum Apostolischen Stuhl nicht immer und überall gleich stark und zeigt es sich auch nicht überall in der gleichen Weise, so ist es doch als eine Fügung der göttlichen Vorsehung zu betrachten, dass es sich umso fester erwies, je mehr, wie es ja heute zutrifft, die schlimmen Zeitläufe der gesunden Lehre, der geistlichen Lebensordnung und der Freiheit der Kirche entgegenwirken. Das Beispiel solcher Anhänglichkeit haben einst in den Tagen der Verfolgung der Herde Christi oder des sittlichen Niedergangs die Heiligen gegeben, deren Tugend und Weisheit im rechten Augenblick Gott jenen Übeln entgegenstellte. Einen derselben haben Wir in diesem Rundschreiben erwähnten den trefflichen Grund. Man begeht ja in diesem Jahre zu seiner Ehre besondere Jubelfeiern, da seit seinem seligen Hinscheiden nunmehr acht Jahrhunderte verflossen sind. Es ist Anselm von Aosta, der Kirchenlehrer, der Herold der katholischen Wahrheit und mutige Vorkämpfer der kirchlichen Rechte als Mönch und Abt in Gallien wie als Erzbischof von Canterbury und Primas von England. Nachdem Wir mit festlichen Feiern zu den Kirchenlehrern Gregor der Große und Johannes Chrysostomus als wunderbaren Lichtgestirnen, der eine für das Abendland, der andere für den Osten, den Blick gelenkt haben, scheint es Uns sehr passend zu sein, zu einem anderen Stern aufzuschauen. Und wenn dieser in seinem Glanz von den vorgenannten sich auch unterscheidet,[4] so ist er doch ein treues Abbild von jenen und hat das Licht des guten Beispiels und der Lehre in nicht geringem Maße ausgestrahlt. In einer Hinsicht darf man ihn sogar als bedeutender bezeichnen, denn Anselm steht uns zeitlich und örtlich näher, näher auch nach seiner Geistesanlage und seinem Studiengang. Die Kämpfe seiner Zeit haben wir denen unserer Tage nähere Verwandtschaft, ebenso wie die Art, wie er die Hirtensorge ausübte, die Methode des Unterrichtes, die er übte, wie seine Schüler sie weiter überliefert haben oder wie sie in Schriften niedergelegt ist. Dieselben zeigen den richtigen Weg, wie die christliche Religion verteidigt werden muss und das Heil der Seelen zu fördern ist. Alle Theologen, welche die heilige Wissenschaft in scholastischer Methode gepflegt haben, sind durch sie vorangeführt worden.[5] Wie im Dunkel der Nacht die einen Sterne untergehen, andere die Welt zu erleuchten aufgehen, so folgen in der Kirche im Werk der geistigen Erleuchtung auf die „Väter“ Söhne. Und unter ihnen ist der heilige Anselm gleich dem lichtesten Gestirne strahlend aufgegangen.

Lob von allen, und aller Seiten

6 In den düstern Wirrnissen seiner Zeit, die Irrtum und Listen zusammengewoben, erscheint er wahrhaft als Licht der Wissenschaft und Heiligkeit und für die besten seiner Zeitgenossen. Er war ein Fürst des Glaubens, eine Zierde der Kirche ..., der Ruhm des bischöflichen Stuhles und übertraf alle auserlesenen und vortrefflichen Männer jener Tage.[6] – Er war weise und gut, ein glänzender Redner, ein klarer Denker.[7] Sein Ruf war so weit gedrungen, dass man mit Recht sagen konnte, es gebe niemand auf Erden, der hätte sagen wollen: Anselm muss hinter mich zurücktreten, oder: er ist mir ähnlich.[8] Daher war er der Liebling der Könige, der Fürsten und der Päpste. Nicht nur seinen Freunden und dem gläubigen Volke, auch seinen Feinden war er teuer.[9] Als er Abt war, schickte der große und starke Papst Gregor VII. an ihn einen Brief voll Hochachtung und Wohlwollen und empfahl seinem Gebete sich und die Kirche.[10] Urban II. anerkannte gern seinen religiösen und gelehrten Vorrang.[11] In mehreren Briefen voll oberhirtlicher Liebe lobte Paschalis II. an ihm die ehrfurchtsvolle Ergebenheit, die Kraft seines Glaubens und die Beharrlichkeit seines frommen Eifers. Seinem religiösen Geist und seiner Weisheit brachte er solches Vertrauen entgegen,[12] dass er gerne den Wünschen seiner Gesellschaft zustimmte. Nannte er ihn doch ohne Zögern den weisesten und gewissenhaftesten Bischof Englands.

7 In seinen eigenen Augen freilich war Anselm nur ein verächtliches Menschenwesen, eine unbekannte bloße Nummer im Menschenschwarm, ein Mann von unzulänglichem Wissen, ein Sünder. Doch hinderte ihn seine demütige Selbstüberschätzung nicht, einen hohen Flug der Gedanken zu nehmen im Gegensatze zur Meinung jener, welche einer verdorbenen Sitten- und Geistesrichtung huldigen, und von denen die Heilige Schrift sagt: Der fleischliche Mensch versteht nicht, was des Geistes Gottes ist.[13] Am meisten aber muss man sich wundern, dass seine Seelengröße und ungebeugte Standhaftigkeit trotz vieler Leiden, Verfolgungen und Verbannung mit einer Sanftmut und Freundlichkeit gepaart war, vor welcher selbst der Zorn der Feinde erlahmte und in Wohlwollen umschlug. So geschah es, dass auch jene ihn lobten, welchen seine Sache zur Last war, weil er persönlich doch selbst gut sei.[14]

8 Es fand sich bei ihm ein wunderbarer Zusammenklang von Charaktereigenschaften, von welchen meistens, wenn auch fälschlich, geglaubt wird, sie müssten notwendig einander widerstreiten und könnten durchaus nicht miteinander vereinbart werden: Schlichtheit und Vornehmheit, hohes Streben und Bescheidenheit, mutige Entschlossenheit und Milde, frommer Sinn und Wissenschaft; deshalb galt er, wie in den Jahren seiner Einführung in den Orden, so während seines ganzen Lebens allen als ein bewunderungswürdiges Vorbild des Strebens nach Heiligung und Wissenschaft.[15]

Schutz der kirchlichen Lehre

9 Die heimatlichen Mauern und die Grenzen seiner Schule konnten diesen zweifachen Ruhm Anselms nicht in sich abgeschlossen bewahren. Er musste aus dem Übungszelt hinaus und im freien Feld der Kämpfe sich bewähren. Es kam, wie Wir schon hervorgehoben, die Zeit, wo die Gerechtigkeit die Wahrheit von ihm forderte, dass er in die schwersten Kämpfe für sie eintrete. Seine Geistesanlage wandte ihn mehr den Studien kontemplativ-spekulativer Art zu. Aber die Verhältnisse zwangen ihn, sich mit mannigfaltigen und schwierigen Angelegenheiten des Lebens zu befassen, und als er sich zur leitenden Stellung in der Kirche erhoben sah, fand er sich auch mitten in Kämpfe und Schwierigkeiten versetzt. Den milden und sanftmütigen Mann zwang der Schutz der kirchlichen Lehre und Würde, auf die Freuden eines ruhigen Lebens zu verzichten, Freundschaft und Gunst der führenden Männer preiszugeben, selbst die angenehmsten Beziehungen zu Mitgliedern des religiösen Ordens und zu den Genossen seines Amtes, den Bischöfen, abzubrechen, die Mühen beständigen Kampfes zu tragen und die drückende Last jeder Beschwerde auf sich zu nehmen. England erwies sich für ihn als eine Stätte voll Hass und Gefahr. Gegen Könige und Fürsten, denen die Geschicke der Kirche und der Völker in die Hände gelegt waren, war da nachdrücklicher Widerstand notwendig. Träg und unwürdig waren selbst Geistliche. Die Vornehmen wie das Volk steckten tief in Unwissenheit und frönten den schlimmsten Lastern; doch niemals erlahmte in ihm der glühende Eifer, sich als Herold des Glaubens und der guten Sitten, der Ordnung und der Freiheit der Kirche und demgemäss ihrer Lehre und heiligen Würde zu zeigen. Er verdiente es so wahrlich dass der schon erwähnte Paschalis dieses Lob über ihn aussprach: Gott sei es gedankt, dass in dir das bischöfliche Ansehen immer erhalten wurde, und dass du unter Barbaren dich weder durch tyrannische Gewalttat noch durch die Gunst der Mächtigen, weder durch Feuersgefahr noch durch tätliche Angriffe von der Verkündigung der Wahrheit hast abhalten lassen. Und wiederum, wenn derselbe sagte: Wir sind voll Jubel darüber, dass Gottes Gnade dir beistand und dich weder Drohungen erschüttern noch Versprechungen verlocken konnten.[16]

Zur Bewunderung und Nachahmung

10 Demgemäss ist es nur angemessen, Ehrwürdige Brüder, dass Wir jetzt, acht Jahrhunderte seit jener Zeit, mit Unserem Vorgänger Paschalis Uns freuen und seinen Worten zustimmen, indem Wir Gott danken. Zugleich möchten Wir Euch ermuntern, zu diesem Licht der Heiligkeit und Gelehrsamkeit hinaufzuschauen, das in Italien aufging, mehr als dreißig Jahre in Gallien leuchtete und mehr als fünfzehn in England und zuletzt für die ganze Kirche zum gemeinsamen Schutz und zur Zierde wurde.

11 Ragte Anselm durch Wort und Tat hervor, im Feld des Lebens wie der Wissenschaft, durch kontemplative Kraft und frische tätige Entschlossenheit, durch entschiedenen Kampf und stille Friedensliebe, hat er der Kirche glänzenden Triumphe bereitet und die bürgerliche Gesellschaft mit ausgezeichneten Wohltaten beglückt, so entstammt das alles seiner denkbar innigsten Anhänglichkeit an Christus und die Kirche, welche er in allen Abschnitten seines Lebens und in allen Verhältnissen seines Lehramtes treu bewahrt hat.

12 Wenn Wir, Ehrwürdige Brüder, an der Erinnerungsfeier des großen Lehrers dies den Herzen einprägen, so werden Wir dabei zur Bewunderung und Nachahmung vortreffliche und vorbildliche Züge finden. Diese Betrachtung bringt auch reichlich Kraft und Trost im heiligen Dienst, sie lehrt ihn bei aller Schwierigkeit und Besorgnis mutig zu erfüllen, sie ermutigt, nachdrücklich dafür zu wirken, dass alles in Christus erneuert und Christus in allen gestaltet werde,[17] am meisten in denjenigen, welche den priesterlichen Beruf erhoffen lassen; sie stärkt zum mutigen Eintreten für das kirchliche Lehramt; sie stählt zum entschiedenen Kampf für die Freiheit der Braut Christi, für die Heilighaltung des göttlichen Rechtes und für den Schutz des oberhirtlichen Amtes in jeder Beziehung.

Außerhalb und innerhalb der Kirche im Vergleich zu Anselms Zeiten

Plan, der Kirche all ihrer Rechte zu berauben

13 Ihr wisst es ja genau, Ehrwürdige Brüder, und habt es oft mit Uns beklagt, wie traurig die Zeiten sind, in denen wir leben, und wie ungünstig die Lage ist, in der Wir uns befinden. Die schmerzlichen Wunden, welche Uns die öffentlichen Unglücksfälle mit unglaublicher Schärfe geschlagen haben, sind neu aufgegriffen worden, als auf die Geistlichkeit die Beschuldigung gewälzt wurde, dass sie in jener Notlage sich zu träg zur Hilfe gezeigt habe. Und dabei hat man Hindernis auf Hindernis versucht, um die rege Wohltätigkeit der Kirche vor ihren unglücklichen Kindern zu verbergen, und ist ihrer mütterlichen Fürsorge mit Verachtung begegnet. Wir wollen schweigen von anderen listigen und schlauen Anschläge und frevelhaften Taten zum Verderbnis der Kirche, die unter Verletzung des öffentlichen Rechtes und mit Hintansetzung aller natürlichen Angemessenheit und Gerechtigkeit unternommen worden sind. Am schwersten drückt es auf die Seele, dass solche Vorkommnisse in den Gegenden eintraten, in welche der Strom der von der Kirche verbreiteten Gesittung am vollsten geflossen ist. Kann es etwas Ungesittetes geben, als dass unter jenen Kindern der Kirche, welche sie wie ihre Erstgeborenen genährt und gepflegt hat in ihrer Blüte und Kraft, manche sich nicht scheuen, ihre Geschosse gegen die Brust der liebevollen Mutter zu richten? – Auch die Lage in andern Gegenden gibt nicht viel Anlass zur Beruhigung. Der Kampf geht dort in andere Weise vor sich, die Feindseligkeit ist dieselbe, mag sie nun schon ausgebrochen sein oder noch im verborgenen getroffenem Plane bald hervortreten. Das Endziel dieser Pläne ist das, die Kirche gerade bei denjenigen Völkern, welche den reichsten Anteil an den Wohltaten der christlichen Religion empfangen haben, all ihrer Rechte zu berauben; man will mit ihr verfahren, als wäre sie nicht eine nach ihrem Wesen und ihrer Begründung vollkommene Gesellschaft, wie sie der Erneuerer unserer Natur eingesetzt hat; sein Reich soll gebrochen werden, obwohl es, vorzüglich und direkt das seelische Gebiet umfassend, doch nicht weniger das ewige Heil der Seelen als die Sicherheit der bürgerlichen Wohlfahrt befördert; alles soll aufgeboten werden, um an die Stelle der Herrschaft Gottes die Herrschaft zügelloser Willkür zu setzen, die man in trügerischer Weise als Freiheit bezeichnet. Während sie dabei nur den Erfolg haben, dass mit der Herrschaft des Lasters und der Begierlichkeit die allerschlimmste Sklaverei auflebt und die Bürger in jähem Sturz dem Untergang verfallen – die Sünde macht ein Volk elend[18] -, hören sie nicht auf zu rufen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche![19] Aus diesem Grunde sind die Ordensgenossenschaften aufgehoben worden, die immer einen starken Schutz und eine große Zier der Kirche gebildet und für die Verbreitung der Gesittung und der Wissenschaft sowohl unter heidnischen Naturvölkern als bei den Kulturnationen bahnbrechend gewirkt haben. Daher wurden die christlichen Wohltätigkeitsanstalten vernichtet und niedergedrückt. In dieser Absicht setzt man die Mitglieder des geistlichen Standes herab und tritt ihnen so in den Weg, dass sie ihre Anstrengungen vereitelt sehen, oder man verschließt ihnen den Weg zum öffentlichen Lehramt bald gänzlich, bald erschwert man ihn aufs äußerste, oder man lässt ihnen an dem Unterricht der Jugend keinen Anteil. Solchen Plänen entspringt die Behinderung jeder christlichen Unternehmung zum öffentlichen Wohle, die Zurücksetzung vortrefflicher Männer aus dem Volke, die ihren katholischen Glauben ganz offen bekennen, von ehrenvollen und einflussreichen Stellungen, die schroffe und ungerechte Art, sie anzugreifen, sie wie nichtswürdige und wehrlose Menschen zu misshandeln, gleichwie wenn früher oder später der Tag erscheinen müsste, wo die gesetzliche Macht in den Händen ihrer Feinde sie von der Beteiligung an allen zum öffentlichen Leben gehörigen Angelegenheiten ausschließen werde. Inzwischen erklären die Urheber des so gehässig und schlau eingeleiteten Kampfes, dass nur die Liebe zur Freiheit und das Streben nach Kulturfortschritt und insbesondere die Vaterlandsliebe ihr Beweggrund sei. Mit dieser Angabe freilich lügen sie, nicht anders als ihr Vater, der ein Menschenmörder war von Anbeginn, der da er lügt, aus seinem Eigenen redet, weil er ein Lügner ist[20] und von unersättlichem Hasse gegen Gott und das Menschengeschlecht brennt. Menschen mit kecker Stirne sind sie wahrlich, die Worte zu machen suchen und arglosen Ohren Fallstricke legen. Nicht teure Vaterlandsliebe noch ängstliche Sorge für das Volkswohl, kein Hauch des Rechten und Ehrenhaften treibt sie zu ihrem nichtswürdigem Kampf, sondern wahnwitzige Raserei gegen Gott und sein bewunderungswürdiges Werk, die Kirche. Aus der giftigen Quelle dieses Hasses stammen alle die verbrecherischen Pläne zur Unterdrückung der Kirche und zur Lostrennung derselben von der menschlichen Gesellschaft. Diesem Hass leihen jene unedeln Stimmen das Wort, welche die Kirche als tot verschreien, während man doch nicht ablässt, gegen sie zu kämpfen. So weit darf Keckheit und Sinnlosigkeit sich vorwagen, dass man ohne Scheu die Kirche, obwohl sie all ihrer Freiheit beraubt ist, doch beschuldigt, dass sie der Menschheit und dem Staate keinen Segen zeitige. Die herrlichen Wohltaten der Kirche und des Apostolischen Stuhles weiß dabei derselbe Geist der Feindseligkeit schlau zu verdunkeln oder mit Schweigen zu bedecken. Er ergreift auch wohl die Gelegenheit, um beim Volke Verdacht zu erregen und mit schlauen Kunstgriffen ihr Ohr und Herz zu beeinflussen, die einzelnen Maßnahmen und Erklärungen der Kirche aufzugreifen und als ebenso viele dem Staate drohende Gefahren hinzustellen, während doch kein Zweifel sein kann, dass die Ausbreitung wahrer Freiheit und edler Gesittung von Christus hauptsächlich ausgegangen und von der Kirche getragen worden ist.

14 Überall sehen Wir in diesem Kampfe, welcher von äußeren Feinden entfacht worden ist, die Kirche bedrängt, mag man nun an einem Ort in förmlicher Streiterreihe und offen zum Angriff vorgehen oder an einem andern mit List und aus verdecktem Hinterhalt es versuchen, und Wir haben Euch, Ehrwürdige Brüder, bei anderer Gelegenheit schon oft zu sorgsamer Wachsamkeit aufgefordert, insbesondere auch in der Allokution beim heiligen Konsistorium vom 10. Dezember 1907.

Krieg im Innern der Kirche, Verlangen nach neuem Gesetz und neuem Recht

15 Nicht minder ernst, nicht minder schmerzlich ist es für Uns, noch auf eine andere Art der Kriegsbedrängnis hinweisen und ihr entgegentreten zu müssen. Wir meinen den inneren, im eigenen Haus der Kirche entfachten Krieg, der um so unheilvoller wirkt, je verborgener die Schläge geführt werden. Verlorene Söhne der Kirche selber, die sich in ihrem Schoße verborgen halten, haben diese pestschwangeren Angriffsweise ersonnen. Hier fliegen die Geschosse in das Herz der Kirche, gleichsam in die Wurzel des Baumes, um sicher und planmäßig zu verwunden. Sie verfolgen den Plan, die Quellen des christlichen Lebens und der christlichen Lehre zu trüben, die heilige Hinterlage des Glaubens zu entfernen, durch Verächtlichmachung der päpstlichen und bischöflichen Autorität die Grundmauern der Kirche Christi einzureißen. Dann soll die Kirche neu gestaltet werden, neu Gesetze und ein neues Recht sollen entstehen, so wie es den ungeheuerlichen verderblichen Lehrmeinungen entspricht, welche sie hegen. Verblendet durch den hohlen Schein einer sogenannten neuen Kultur, d.h. einer fälschlich sogenannten Wissenschaft, entstellen sie gänzlich die Erscheinung der Braut Gottes. Vor solcher Scheinwissenschaft uns zu hüten, mahnt wiederholt der Apostel, indem er schreibt: Lasst euch von niemand täuschen durch Weltweisheit und leeren Trug menschlicher Überlieferung, die Kindheitslehren der Welt, die nicht Christus gemäß sind.[21]

Der Modernismus – erheuchelte Frömmigkeit

16 Dieser Schein der Weltweisheit und der Verirrung einer eiteln Vielwisserei, die immer bereit ist, sich zur Schau zu stellen, und mit kühnstem Wagemut aburteilt, hat viele getäuscht, die nun eitel wurden in ihren Gedanken[22] und, weil sie das gute Gewissen ... von sich stießen, im Glauben Schiffbruch gelitten haben.[23] Andere werden von Zweifeln hin und her geworfen. Von der Flut der Meinungen gleichsam überschüttet, wissen sie nicht, an welcher Küste sie noch landen werden. Noch andere missbrauchen ihre Muße und die wissenschaftliche Arbeit, um in fruchtlosem Kraftaufwand sich mit leeren Schwierigkeiten abzuplagen. Dadurch lassen sie sich vom Studium der göttlichen Wahrheiten und den lautern Quellen der Glaubenslehre abhalten. Diese verderbliche Krankheit, welche nach der von ihr entfachten krankhaften Neuerungssucht den Namen Modernismus bekommen hat, ist nun wohl öfters erwiesen und durch die Maßlosigkeit ihrer Vertreter ihrer Hüllen beraubt worden, aber sie hat noch nicht aufgehört, der christlichen Gesellschaft schweren Schaden zuzufügen. Noch ist das Gift in den Adern und im Herzen der Gesellschaft unserer Tage verborgen, die von Christus und der Kirche abgefallen sind. Am meisten schleicht sie wie ein Krebs unter der heranwachsenden Jugend einher, deren Erfahrung ja klein genug ist, und der in geistigen Dingen der Wagemut wie von Natur innewohnt. Denn nicht weil sie ein gründliches und ausgesuchtes Wissen besitzen, sind sie dieser Haltung verfallen, kann doch zwischen Vernunft und Glaube kein wirklicher Widerspruch bestehen,[24] sondern deshalb, weil sie wunderbar hoch von sich denken, weil sie vom verderblichen Hauch des Zeitgeistes erfasst sind und gleichsam unter einem unreinen und schwülen Klima leben, weil sie keine oder nur verworrene und ungeordnete Kenntnisse von den Dingen der Religion haben und damit eine törichte Anmaßung verbinden. Die Ansteckung dieser Krankheit wird durch Unglauben und den Abfall von Gott verbreitet. Denn diejenigen, welche diese blinde Neuerungssucht berückt hat, halten sich leicht für stark genug, um das Joch der göttlichen Autorität offen oder versteckt ganz abzuschütteln und sich eine Religion zusammenzuzimmern, die kaum über die Grenzen des Naturrechtes hinausgeht uns ich jeder Geistesrichtung anbequemt. Aussehen und Namen leiht sie noch vom Christentum, in der Tat aber ist sie in Leben aufs tiefste von ihr verschieden.

17 Der ewige Krieg gegen die Sache Gottes hat so neue Kriege hervorgebracht. Die Kampfesart ist eine andere geworden, eine gefährlichere, denn gar verschlagen führt ihre Waffen eine erheuchelte Frömmigkeit, eine großmütig sich gebende Natürlichkeit, ein gereizter Wille; und mit solchen streben hier die Parteigänger, die unvereinbarsten Dinge zu vereinigen, nämlich mit den Träumen einer irrigen menschlichen Wissenschaft den göttlichen Glauben, mit dem veränderlichen Geiste eines Zeitalters die würdevolle Gleichmäßigkeit der Kirche.

Zum Vergleich die Zeit des heiligen Anselm

18 Beklagt Ihr nun dies mit Uns, Ehrwürdige Brüder, so lasst dennoch den Mut nicht sinken, gebt die Hoffnung nicht preis. Ihr wisst,, vor welch schwere Kämpfe die vergangenen Jahrhunderte die christliche Gesellschaft gestellt haben, wenn sie auch anderer Art waren als die heutigen. Blicken wir zur Ermutigung auf die Zeiten des heiligen Anselm. Die Geschichte zeigt, dass jene zu den Schwierigkeiten gehörten. Der Kampf tobte damals um Altar und Herd, d. h. um das öffentliche Recht, um die Freiheit, die Gesittung, die Wahrheit; die Hut all dieser Güter war der Kirche anvertraut; sie musste der Gewalt der Fürsten Einhalt gebieten, die gemeinhin keinen Unterschied der Rechte zu beachten pflegten; die Lasterhaftigkeit musste ausgetilgt werden, Geistesbildung und bürgerliche Gesittung bedurften eifriger Pflege; schielte man doch noch sehr nach den alten barbarischen Gebräuchen zurück. Auch in der Geistlichkeit bedurfte es teilweise des Weckrufes, und während ein Teil zu saumselig war, fehlte der andere durch Mangel an Beherrschung. Überhaupt fanden sich im geistlichen Stand viele, welche lediglich nach Verfügung der Fürsten oder durch andere verkehrte Wege für ihn ausgewählt worden waren und welche deshalb sich in sklavischer Fügsamkeit allem zu beugen pflegten.

19 Das war der Stand der Gesittung gerade in den Ländern, in welchen Anselm seine beste Kraft und Sorge aufbot, um Abhilfe zu leisten. Ihrer Besserung weihte er die lehramtliche Tätigkeit, ihr diente sein vorbildliches religiöses Leben, ihr die unausgesetzte Wachsamkeit und allseitige Regsamkeit als Bischof und Primas. Die gallischen Länder, seit wenigen Generationen von den Normannen unterjocht, und die Britischen Inseln, damals einige Jahrhunderte der Kirche einverleibt, haben vor allem die einzigartigen Wohltaten dieser Bestrebungen erfahren. Häufige Aufstände im Innern und Kriegsbedrängnis von außen hatten bei Fürsten und Untertanen, bei Klerus und Volk die guten Sitten gelockert.

20 Niemals hat es bei den führenden Männern an ernster Klage über diese Zustände gefehlt. Wir sehen unter ihnen schon Lanfrank, den alten Lehrer Anselms, seinen Vorgänger auf dem Erzstuhl zu Canterbury. Besonders ist dies von den römischen Päpsten zu sagen. Es mag genügen, an einen zu erinnern, den unbeugsamen Geist, den furchtlosen Vorkämpfer für die Gerechtigkeit, den standhaften Anwalt der kirchlichen Rechte und Freiheiten, den wachsamen Hüter und Verfechter der Zucht im geistlichen Stande, an Gregor VII.

21 In die Fußstapfen dieser Männer trat der heilige Anselm und eignete sich ihre Bestrebungen an. An den Fürsten seines Volkes, der ihn mit Vorliebe seinen Vetter und Freund zu nennen pflegte, schrieb er mit gesteigerter Betonung des Schmerzes: Wie Ihr seht, mein teuerster Herr, wird die Kirche Gottes, unsere Mutter, welche Gott als seine Freundin voll Schönheit und als seine geliebte Braut bezeichnet, von schlechten Fürsten niedergetreten. Von denjenigen, welchen von Gott ihre Obhut anvertraut ist, wird sie, ungeachtet der Strafe der ewigen Verdammnis, gepeinigt. Voll Verwegenheit rissen sie ihr Eigentum zu selbstsüchtiger Verwendung an sich. Grausam rauben sie ihr die Freiheit und erniedrigen sie zum Sklavendienst. So gottlos sind sie, dass sie ihr Gesetz und die Verbindlichkeit desselben missachten und zerstören. Sie verweigern den apostolischen Anordnungen, welche den Rückrat der christlichen Religion ausmachen, den Gehorsam und beweisen dadurch, dass sie vom Gehorsam und beweisen dadurch, dass sie vom Gehorsam gegen den Apostel Petrus, an dessen Stelle der Inhaber des apostolischen Primates steht, abgefallen sind, ja von Christus, welcher Petrus seine Kirche übergab. ... Denn alle, welche dem Gesetze Gottes nicht gehorchen wollten, werden ohne Zweifel mit gutem Recht für Feinde Gottes betrachtet.[25] So trat Anselm auf. O möchten doch seine Worte immer geeignetes Gehör gefunden haben, nicht nur bei den Nachfolgern jenes tapferen Fürsten, seinen Enkeln, sondern auch sonst bei den Königen und Völkern, die er so sehr geliebt, beschützt und gesegnet hat!

Treue zu Gott und zum Heiligen Stuhl

22 Beschwernisse uns Stürme, Beraubung und Verbannung und Streitigkeiten haben, weit entfernt, seine Tugendkraft zu brechen, Anselm nur enger mit der Kirche und mit dem Apostolischen Stuhle verbunden. Ich fürchte, schrieb er deshalb mitten in Nöten und Sorgen an den schon genannten Papst Paschalis, weder Exil noch Armut, weder Folter noch Tod. Zu allem dem bin ich bereit, mit Gottes Hilfe, wenn der Gehorsam gegen den Apostolischen Stuhl und die Freiheit der Kirche Christi, meiner Mutter, es erfordern.[26] Er nahm seine Zuflucht zum Stuhl Petri in der Absicht, dass niemals die Stellung der kirchlichen Religion oder der apostolischen Autorität durch ihn oder um seinetwillen an Kraft einbüße. So spricht er es selbst in den Briefen an zwei gefeierte Bischöfe der Römischen Kirche aus. In der Begründung, die er dafür angibt, findet eine hervorragende Hirtenstärke und Hirtenwürde ihren klaren Ausdruck: Eher will ich sterben und lebenslang in tiefster Art der Verbannung darben, als dass meinetwegen oder durch mein Beispiel die Ehre der Kirche Gottes die geringste Einbuße erleide.[27]

23 Die Ehre, die Freiheit und Unversehrtheit der Kirche waren die drei Ideale, welche also Tag und Nacht dem Heiligen vorschwebten. Für ihre Erhaltung bestürmte er Gott mit Tränen, Gebeten und Opfern; sie zu fördern, gereute ihn keine Anstrengung, möchte er ihre Gegner tapfer zu bekämpfen oder männlich für sie zu dulden haben. Ihrer Verteidigung diente seine Tatkraft, seine Feder, sein Wort. Zu ihrem Schutze rief er die Mitglieder der Orden, die Bischöfe, den Klerus und das gläubige Volk mit hinreisender und erschütternder Beredsamkeit auf. Dabei sparte er auch die strenge Rüge jener Fürsten nicht, welche die Rechte und die Freiheit der Kirche zum großen Schaden ihrer selbst und ihrer Untertanen mit Füßen traten.

Die Regierenden zur Wahrheit anmahnen

24 Gar sehr passt sein heiliger Freimut in unserer Zeit. Ganz besonders ist er jener würdig, die der Heilige Geist als Bischöfe eingesetzt hat, die Kirche Gottes zu regieren.[28] Er wird selbst dann nicht ohne Frucht sein, wen sein Wort bei glaubensleeren, sittenschwachen oder verblendeten Hörern taube Ohren findet. Uns vor allen, Ehrwürdige Brüder, gilt, wie Ihr wohl wisst, die göttliche Aufforderung: Rufe, und höre nicht auf zu rufen, wie eine Posaune, so erhebe deine Stimme.[29] Sie gilt zumeist, wo der Allerhöchste selbst seine Stimme erschallen ließ[30] im Knirschen der Erde und schreckvollen Heimsuchungen, die Stimme, mit welcher der Herr die Erde erschüttert, diese Stimme, die unsern Ohren, obgleich sie es nicht hören möchten, so schrill zuruft, dass alles nichts ist, was nicht ewig ist; denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern suchen die zukünftige.[31] Es war die Stimme der Gerechtigkeit und doch auch des Erbarmens, denn sie rief die Völker von den Abwegen zurück zum Pfade des Rechten und Guten. Bei solchen öffentlichen Unglücksfällen müssen wir unser Wort lauter erschallen lassen. Nicht nur den untersten Schichten müssen wie die gewaltigen Beweise des Glaubens einschärfen, sondern auch den höchsten sind sie mit Nachdruck vorzuhalten, denen, die in allem Wohlstand leben, den Lenkern der Völker und den Beratern der Staatsoberhäupter und –regierungen. Allen müssen wir jene unumstößlichen Wahrheiten vorhalten, welche die Geschichte mit blutigen Zügen bestätigt hat, wie z.B. die Sätze: Die Sünde macht elend die Völker[32] – Die Mächtigen werden mächtig gestraft werden,[33] ebenso das Wort aus dem zweiten Psalm: Und nun, ihr Könige, versteht, lasst euch unterrichten, die ihr Richter seid auf Erden ..., ergreifet die Zucht, dass nicht etwa zürne der Herr ihr zum Untergange gehet vom rechten Wege. Mit aller Bitterkeit werden diese Drohungen zur Erfüllung kommen, wo die Sünde öffentlich sich breit machen darf, wo man Fürsten und Untertanen gerade dadurch am schwersten gesündigt wird, dass Gott beiseite gesetzt und die Kirche verlassen wird. Diese zweifache Abkehr hat den Umsturz aller Verhältnisse zur Folge. Eine endlose Saat des Unheils entspringt aus ihr für die einzelnen wie für den Staat.

25 Wenn wir etwa meinen möchten, wir könnten solche Missetaten bei uns schweigend geschehen lassen und uns ihnen unbequemen im Verhalten, das wir nicht selten selbst bei Guten beobachten können, das sollte doch ein jeder geistliche Hirt die Worte auf sich anwenden und andern geschickt nahe zu bringen suchen, welche Anselm an den damals mächtigen Fürsten von Flandern geschrieben hat: Ich bitte und beschwöre, ich mahne und rate in treuer Sorge für Eure Seele, mein in Gott wahrhaft geliebter Herr, haltet es niemals für eine Minderung Eurer Würde und Hoheit, wenn Ihr die Freiheit der Braut Christi und Euerer Mutter, der Kirche, liebt und verteidigt. Fürchtet nicht, Euch zu erniedrigen, wenn Ihr sie erhöht, noch glaubt, in ihrer Kräftigung eine eigene Schwächung zu erleiden. Schaut achtsam um Euch, die Beispiele liegen vor Augen. Schaut auf die Fürsten, welche die Kirche befehden und drücken. Was nützt es ihnen, was erreichen sie? Jedermann sieht es, ich brauche es nicht zu sagen.[34] Mit Worten von gleicher Kraft und Schönheit hat er dasselbe weiter ausgeführt in einem Briefe an den König Balduin von Jerusalem. Als treuer Freund bitte ich Euch, ermahne und beschwöre Euch unter Gebet zu Gott, untertan dem Gesetze Gottes unterwerft in allem Euern Willen dem göttlichen Willen. Dann herrscht Ihr in Wahrheit zu Eurem Nutzen, wenn Ihr nach ‚Gottes Willen herrschet. Viele schlechte Könige glauben, die Kirche Gottes sei ihnen wie eine Sklavin übergeben. So sollt Ihr es nicht halten, sondern bedenken, dass Ihr der Schützer und Verteidiger derselben sein sollt. Nichts liebt Gott mehr auf dieser Welt als die Freiheit seiner Kirche. Wer aber mehr darauf denkt, sie zu beherrschen, als sie zu fördern, der erweist sich klar als ein Feind Gottes. Für seine Braut will Gott Freiheit, nicht Knechtschaft. Sie kindlich als Mutter lieben und verehren, das heißt auf sich als Kind Gottes zeigen. Wer aber über sie herrscht wie über Unterworfene, bekundet selbst, dass er nicht ein Sohn von ihr, sondern dass er ihr fremd ist. Mit Recht wird ein solcher daher auch von dem Erbe ausgeschlossen, das jener als Brautgabe verheißen ist.[35] – So glühte in der Brust des heiligen Mannes die Liebe zur Kirche und brach hervor. Der Eifer für ihre Freiheit tritt als die notwendigste Angelegenheit im christlichen Staate, als das Gott teuerstes Werk zu Tage, so zwar, dass derselbe vortreffliche Lehrer kurz und kraftvoll den Grundsatz behauptet: Nichts liebt Gott mehr auf dieser Welt als die Freiheit seiner Kirche. Und mit nichts, Ehrwürdige Brüder, kann besser gezeigt werden, was Unsere Gedanken und Absichten sind, als wenn die Worte, die Wir eben angeführt haben, recht häufig gesprochen werden.

26 Auch die Worte, welche er an die Fürsten und Edlen gerichtet hat, möchten Wir Uns gleichermaßen zu eigen machen. Er schreibt an Mathilde, die Königin von England: Wenn Ihr gerecht, trefflich und erfolgreich in der Tat danken wollt, so denkt an jene Königin, welche er aus dieser Welt zu seiner Braut erheben wollte. ... An diese, sage ich, denket ... sie sollt Ihr erheben, ehren und verteidigen, damit Ihr in dieser Braut und mit ihr Gott gefallet und in ewiger Seligkeit mit ihr herrschet und lebet.[36] Insbesondere dann, wenn Ihr einen Sohn findet, den die weltliche Macht aufgebläht hat, oder der seiner liebvollen Mutter vergaß und ihren Rechten Abtrag tut, dann vergesst nicht die Worte: Eure Sache ist es, dieses und ähnliches häufig, ob gelegen oder ungelegen, zur Beherzigung vorzulegen, und Sorge zu tragen, dass derselbe sich nicht als Herrn, sondern als Schützer, nicht als Stiefsohn, sondern als Kind der Kirche bewähre.[37] Unsere Pflicht gebietet uns das. Es gereicht uns zur Zierde, solche aus dem edeln und väterlichen Herzen des heiligen Anselm stammende Worte zu empfehlen und in den Herzen mit Sorgfalt zu befestigen: Würde ich von Euch etwas hören, was Gott nicht gefällt und Euch nichts nützt, und würde ich es unterlassen. Euch zu warnen, so würde ich weder Gott fürchten noch Euch pflichtgemäß lieben.[38] – Sollten wir hören, dass Ihr die Eurer Hand anvertrauten Kirchen anders behandelt, als wie es denselben und Eurem eigenen Seelenheile frommt, dann befiehlt uns das Vorbild des heiligen Anselm, Euch eindringlich zu bitten, vorzustellen und zu mahnen, doch ja diese Angelegenheiten mit großer Achtsamkeit wahrzunehmen, und wenn Ihr im Gewissen auf Dinge stoßet, welche der Besserung bedürfen, ohne Verzug diese zu bewirken.[39] Denn man darf verbesserungsfähige Verhältnisse nicht verächtlich beruhen lassen. Gott wird von allen Rechenschaft fordern, nicht bloß über das, was sie Böses getan haben, sondern auch für das Böse, das sie zu bessern versäumt haben, obwohl sie es hätten tun können. Je größerere Gewalt jemand gegeben ist, bessernd zu wirken, um so strenger fordert Gott von ihm, dass er der Gewalt, die ihm aus Barmherzigkeit anvertraut ist, in Willen und Werk gerecht werde. ... Könnt Ihr nicht alles auf einmal vollbringen, so lasst den Eifer nicht erlahmen und strebt von einem guten Ziel zum andern und besseren vorzudringen. Gute Absichten und Unternehmungen pflegt Gottes Güte zur Verwirklichung zu führen und mit vollem Segen zu vergehen.[40]

Vertrauensvoller Mut

27 Diese und ähnliche Erinnerungen hat einst der Heilige mutvoll den Königen und Machtgewaltigen zugerufen. Und sie geziemen sich an erster Stelle für die gerechten Hirten und Fürsten der Kirche, denen ja die Verteidigung der Wahrheit, Gerechtigkeit und Religion anvertraut ist. Wohl hat uns die Zeit viele Hindernisse in den Weg gelegt. Viele Fallstricke lauern auf uns, und kaum findet sich irgendwo eine Stelle, wo man ungehemmt uns sicher sich bewegen könnte. Während man in allen Verhältnissen die Zügel gelockert und die Willkür straflos walten lässt, schlägt man die Kirche hartnäckig und streng in Fesseln. Den Namen Freiheit behält man wie zum Spott noch bei und erfindet täglich neue Künste, Eure und des Klerus Tätigkeit zu unterbinden. So kann man sich nicht wundern, dass Ihr nicht alles zumal tun könnt, um die Menschen von Irrtum und Sünden zurückführen, schlechte Gewohnheiten abzustellen, in die Herzen die Begriffe von wahr und recht einzupflanzen und endlich die Kirche, welche unter so vielen Schwierigkeiten seufzt, zu fördern.

28 Doch dürfen wir guten Mut bewahren. Der Herr lebt. Er wird bewirken, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten hilft.[41] Auch aus den Übeln wird er Gutes herleiten und der Kirche um so herrlichere Triumphe bereiten, je vermessener menschlicher Aberwitz sein Werk zu stören sich bemüht hat. Dass ist der bewunderungswürdige Ratschluss der göttlichen Vorsehung: das sind in den heutigen Verhältnissen seine unerforschlichen Wege;[42] meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.[43] So muss die Kirche der Verähnlichung mit Christus, welcher so vieles und so Schweres erduldet hat, täglich näher kommen und sein getreues Abbild werden; so muss sie gewissermaßen erfüllen, was an den Leiden Christi noch fehlt.[44] Darum ist ihr die Zeit des irdischen Kriegsdienstes das ‚Gesetz gegeben, dass sie in Kämpfen, Mühsalen und Nöten sich stets erprobt. In dieser Lebenslage soll sie durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen[45] und zuletzt der triumphierenden Kirche im Himmel sich einmal anschließen können.

29 Der heilige Anselm wendet darauf die Stelle bei Matthäus an: Jesus trieb seine Jünger an, in dass Schifflein zu steigen, und erklärt sie folgendermaßen: Nach dem mystischen Sinn wird hier im allgemeinen der Stand der Kirche von der Ankunft des Erlösers bis zum Ende der Welt beschrieben. ... Das Schifflein also wurde mitten auf dem Meere von den Fluten hin und her geworfen, während Jesus auf dem Gipfel des Berges weilte; denn seitdem der Erlöser zum Himmel hinaufgestiegen ist, haben große Trübsale die Heilige Kirche in dieser Welt befallen, und viele Verfolgungen haben sie mit ihren Stößen getroffen, der verkehrte Sinn böser Menschen sie mannigfach bedrückt und vielfältig lasterhaft versucht. Denn der Wind war ihr entgegen, weil stets die Geister des Bösen ihr widerstehen, auf dass sie nicht zum Hafen des Heiles gelange; der Wogenprall der Gegnerschaft dieser Welt soll sie bedecken und alle Widrigkeiten über sie bringen, welche dieselbe wirken kann.[46]

Der Kampf gegen die Religion

30 Demgemäß befinden sich jene in einem großen Irrtum, welche von einem Zustande der Kirche frei von allen Störungen träumen und eine Gestaltung erhoffen, bei welcher alles nach Wunsch geht, wo niemand gegen die Geltung und Betätigung der kirchlichen Gewalt sich auflehnt, so dass man gleichsam des süßesten Friedens genießen könnte. Noch kläglicher ist die Täuschung derjenigen, welche sich von der falschen und eitlen Hoffnung auf einen solchen Frieden verleiten lassen, Besitz und Recht der Kirche zu verschleiern, sie privaten Rücksichten hintansetzen, widerrechtlich zu verkleinern und einer Welt, die ganz im argen liegt,[47] beizupflichten, indem sie sich den Anschein geben, nach der Gunst jener Anhänger neuer Richtung zu haschen und mit ihnen die Kirche aussöhnen zu wollen, gleich als könnte es jemals eine Vereinbarung zwischen Licht und Finsternis oder zwischen Christus und Belial geben. Das sind Fieberträume. Ihre Trugbilder sind nie verschwunden und werden nie verschwinden, solange es feige Krieger gibt, die beim ersten Anblick den Schild wegwerfen und fliehen, oder Verräter, die nicht schnell genug mit dem Feinde ein Abkommen treffen können, das heißt in unserem Falle mit Gottes und des Menschengeschlechtes unversöhnlichstem Gegner.

Die Geistlichen Hirten

31 Die göttliche Vorsehung hat Euch, Ehrwürdige Brüder, zu Hirten und Führern des christlichen Volkes bestellt. Daher erwächst für Euch die Pflicht, nach Kräften dafür zu sorgen, dass unsere solch Bestrebungen geneigte Zeit aufhöre, während eines so erbitterten Kampfes gegen die Religion sich in schimpflicher Sorglosigkeit und Erschlaffung zu Gefallen, aufhöre, eine neutrale Stellung einzunehmen, dass sie aufhöre, durch Ausflüchte und Halbheiten göttliches und menschliches Recht zu beugen, und tief und dauernd jenes sichere und klare Wort Christi ins Herz eingrabe: Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich.[48] Gewiss sollen die Diener Christi von väterlicher Liebe überfließen, denn ihnen gilt der Satz des heiligen Paulus: Ich bin allen alles geworden, um alle zu retten.[49] – Gewiss kann es einmal geraten sein, etwas von seinem strengen Rechte zurückzutreten, wo es das Heil der Seelen zulässt oder fordert. Euch, welche die Liebe Christi drängt, trifft sicher hierin kein Verdacht, etwas verfehlt zu haben. Die Beobachtung der Angemessenheit unterliegt nicht dem Vorwurf der Pflichtverletzung, sie rührt auch nicht im mindesten an den ewigen Grundlagen der Wahrheit und Gerechtigkeit.

32 So ist es auch, wie wir in der Geschichte lesen, in der Sache des heiligen Anselm, oder besser gesagt, in der Sache Gottes und der Kirche gehalten worden, für welche er so lange und schwere Kämpfe wagen musste. Als der lange Streit endlich beigelegt worden war, da hat Unser schon oft erwähnter Vorgänger Paschalis die folgenden Worte des Lobes an ihn gerichtet: Das hat, so glauben wir, der Zauber Deiner Liebe und Deine Beharrlichkeit im Gebete zustande gebracht, dass die Erbarmung von oben jenem Volke hierbei zu teil geworden ist, welchen du als sorgsamer Hirt vorstehst. – Über die väterliche Nachsicht, mit welcher derselbe oberste Hohepriester die Schuldbeladenen aufnahm, lesen wir: Dass Wir so weit Uns herabgelassen haben, ist, wie Du weißt, aus Teilnahme und Mitleid geschehen. Wir wollten dadurch die Gelegenheit gewinnen, die Gefallenen aufzurichten. Der Stehende kann einem Gefallenen nur dann die Hand reichen und ihn aufrichten, wenn er auch sich selbst niederbeugt. Ein solches Sichniederbeugen kann dem Falle nahe scheinen, aber es verliert nicht den festen Standpunkt des Rechts.[50]

Das Vorbild des heiligen Anselm

33 Was Unser edler Vorgänger zum Troste des heiligen Anselm ausgesprochen hat, machen wir Uns zu eigen, jedoch ohne Uns zu verhehlen, welch bange Zweifel gerade die besten geistlichen Hirten manchmal durchkämpfen müssen, wenn es in einer strittigen Sache sich fragt, ob Nachgiebigkeit oder entschiedener Widerstand am Platze sei. Die Beängstigungen, das Zagen und die Tränen heiliger Männer beweisen das, welche sie schwere Verantwortlichkeit der Seelenleitung und die Größe der über ihnen lastenden Gefahr wohl kannten. Ein hervorragendes Beispiel dessen bietet das Leben des heiligen Anselm. Von den liebgewordenen Übungen der Frömmigkeit und des Studiums wurde er in bedrohlichsten Zeiten, wie schon erwähnt wurde, zu den höchsten Ämtern berufen und musste sich den schwierigsten Aufgaben unterziehen. Und während er dabei von zahlreichen Sorgen bedrängt wurde, war seine größte Furcht immer die, er möchte für sein und des Volkes Heil, für die Ehre Gottes und die Würde der Kirche zu wenig tun. In den Stunden der Niedergeschlagenheit seiner Seele, welche solche Gedanken herbeiführten, in dem Schmerze, den der Abfall so vieler, selbst aus der Zahl kirchlicher Würdenträger, ihm bereitete, da war die vertrauensvolle Zuversicht auf Gottes Hilfe und die Zuflucht im Schoße der Kirche seine beste Erquickung. So floh er aus dem Schiffbruch und aus dem Gewoge der Stürme an die Mutterbrust der Kirche und erbat vom Papst in Rom gütige und rasche Hilfe und Trost.[51] Vielleicht hat es aber gerade Gottes Weisheit gefügt, dass dieser Mann einzigartiger Weisheit und Heiligkeit von so vielen Bedrängnissen heimgesucht worden ist. Denn durch seine Kümmernisse kann er uns zum Beispiel und Trost gereichen in den Arbeiten des kirchlichen Amtes und in den großen Schwierigkeiten, die uns verfolgen, und in denen jeder von uns die Gefühle und Wünsche des heiligen Paulus in sich erwecken darf, der schreibt: Gern will ich meiner Schwachheiten mich rühmen, damit in mir wohne die Kraft Christi, deshalb freue ich mich meiner Leiden ..., denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.[52] Verwandt mit diesen Worten ist, was Anselm an Urban II. geschrieben hat: Heiliger Vater, es schmerzt mich, zu sein, was ich bin, und es schmerzt mich, nicht zu sein, was ich war. Es schmerzt mich, Bischof zu sein, weil ich meiner Sünden wegen nicht tue, was des Bischof Amt ist. Als ich in niedriger Stellung mich befand, schien ich etwas zu leisten; zum hohen Amte auserlesen, drückt mich seine schwere Last, und ich erreiche für mich selbst keinen Gewinn noch bringe ich andern Nutzen. Ich unterliege unter der Last, weil es mir mehr, als man glauben möchte, an der kraft der Tugendfülle, dem Fleiße und der Wissenschaft fehlt, die zu solchem Amte erforderlich sind. Ich wünsche einer unerträglichen Sorge los zu werden und ihrer Last mich ledig machen; im Gegensatz dazu fürchte ich, Gott zu beleidigen. Die Furcht Gottes hat mich angetrieben, die Last auf mich zu nehmen; gleiche Gottesfurcht drängt mich, sie auf mir zu behalten. ... Da mir der Wille Gottes nur verborgen ist und nicht weiß, was ich tun soll, so irre ich seufzend umher und weiß nicht, nach welchem Ausgang der Angelegenheit ich streben soll.[53]

Eifer und Gehorsam dem Apostolischen Stuhl

34 Gottes Güte wollte es fügen, dass Männer von ausgezeichneter Heiligkeit recht erfahren sollen, wie schwach ihre Natur ist. Daran sollen alle sich überzeugen, dass der von oben gegebenen Tugend vollständig zuzuschreiben sei, was sie Hervorragende vollführten. Und jene Demut des Geistes soll dadurch in ihnen geweckt werden, welche die Menschen zu inniger Ergebenheit gegen die kirchliche Autorität führt. Anselm und andern Bischöfen, welche für die Freiheit und Wahrheit der Kirche unter Führung des Apostolischen Stuhles im Kampfe standen, ist dies geglückt. Der Gehorsam führte sie in den Kämpfen zum Sieg, und ihr Beispiel bestätigt den göttlichen Ausspruch: Ein gehorsamer Mann wird sich des Sieges rühmen.[54] Diejenigen haben die größte Hoffnung auf einen solchen Erfolg, welche dem Stellvertreter Christi mit lauterem Herzen gehorsamen in allen auf die Leitung der Seelen, die Verwaltung der christlichen Gemeinschaft bezüglichen Dingen oder irgendwie mit denselben verbundenen Angelegenheiten; denn für die Söhne der Kirche unterstehen Wege und Entschließungen der Autorität des Apostolischen Stuhles.[55]

35 Wie rühmenswert hat Anselm auf diesem Gebiet sich bewährt! Mit welchem Eifer, mit welcher Treue hat er der Verbindung mit dem Heiligen Geist festgehalten! Wir haben einen Maßstab dafür in den Worten, welche in einem Schreiben eben desselben an Papst Paschalis zu lesen sind: Wie eifervoll mein Herz die Ehrfurcht und den Gehorsam gegen den Apostolischen Stuhl sucht und pflegt, bezeugen meine vielen und schweren Trübsale, die allein Gott und ich kennen. ... Ich hoffe in Gott, dass nichts mich davon wird abziehen können. Soweit es mir möglich ist, will ich daher all meine Handlungen der Leitung dieser Autorität unterstellen, und wo es nötig ist, ihrer Berichtigung anvertrauen.[56]

36 Alle Taten und Schriften geben Zeugnis von demselben festen Willen des Mannes. Obenan stehen dabei jene anmutigen Briefe, von denen Unser schon genannter Vorgänger Paschalis sagt, sie seien mit dem Griffel der Liebe geschrieben.[57] Nicht allein gütigen Beistand und Trost erbittet er aber in seinen Briefen,[58] sondern sie enthalten auch das Versprechen, dass er ohne Unterlass sein Gebet zu Gott senden werde. So richtet der Abt von Beck an Urban II. die liebevollen Worte: Für Eure und der Römischen Kirche Bewahrung vor Trübsal, die auch unsere und wohl aller Gläubigen Trübsal ist, bitten wir unablässig zu Gott, auf dass er Euch lindere die bösen Tage, bis dem Sünder ein Grab gegraben wird.[59] Und wenn es auch scheint, als zögere er, so sind wir doch dessen gewiss, dass er nicht dauernd die Herrschaft der Sünder über dem Los der Gerechten dulden wird; denn er wird sein Erbe nicht im Stiche lassen, und die Pforten der Hölle werden gegen dasselbe nicht obsiegen.[60]

37 Außerordentlich erfreuen Wir Uns an diesen und ähnlichen vom heiligen Anselm niedergeschriebenen Sentenzen, teils weil sie das Andenken an den Mann neu beleben, der in seiner Ergebenheit gegen diesen Apostolischen Stuhl wahrlich von niemand übertroffen wird, teils weil sie Uns an Eure treue Gesinnung, Ehrwürdige Brüder, in Kämpfen gleicher Art erinnern, die Ihr in Euren Briefen und so vielen andern Zeichen der Verbindlichkeit dargelegt habt.

Der Zusammenschluss der Glieder mit dem Haupte muss täglich inniger werden

38 Die Stürme, welche im langen Laufe der Jahrhunderte gegen das Christentum erbraust sind, haben wahrlich ganz wunderbar zur Kräftigung und Befestigung der Verbindung gewirkt, durch welche die Bischöfe und die gläubige Herde täglich enger dem römischen Papste anhängen bis auf diese Tage; und in ihnen ist der Eifer hierin so sehr gewachsen, dass man es als ein Wunder Gottes betrachten möchte, wie der Wille der Menschen zu einer solchen Einmütigkeit sich zusammenschließen konnte. Diese Einigkeit, getragen von Gehorsam und Liebe, richtet Uns mächtig auf und bestärkt Uns; der Kirche selbst dient sie zur Zierde und zum kräftigsten Schutz. Der Neid der alten Schlange aber regt sich um so gehässiger gegen uns, je größer die Wohltat ist, die uns beglückt; böse Menschen sammeln um so heftigeren Zorn in sich an gegen uns, je mehr die Überraschung über die unerwarteten Vorgänge sie erschüttert. Denn mit Bewunderung sehen sie hier Dinge, die keine andere Gesellschaft aufweisen kann, und können über die Ursachen derselben sich nicht klar werden. Die politischen Vorgänge bringen ihnen keine Erklärung dafür, noch vermögen sie eine andere zureichende Ursache in den menschlichen Verhältnissen zu finden.

39 An jenes erhabene Gebet denken sie nicht, das Christus beim letzten Abendmahle im Kreise der Apostel verrichtete,[61] und welches im Erfolge keine Kraft offenbart. Daher muss, Ehrwürdige Brüder der Zusammenschluss der Glieder mit dem Haupte täglich inniger werden. Alle Mühe müsst Ihr Euch hierfür geben, geleitet nicht von irdischen Rücksichten, sondern von dem Gesichtspunkt der göttlichen Ziele, so dass alle eins seien[62] in Christus. Wenn wir diesem Ziele mit allen Kräften und Mitteln zusteuern, dann erfüllen wir die uns übertragene Pflicht, Christi Werk zu fördern und sein Reich auf Erden auszubreiten, aufs Beste. In diesem Geiste betet die Kirche freudig zu ihrem himmlischen Bräutigam mit inständigem Flehen, und auch Unsere innigsten Wünsche spricht dieses Gebet aus: Heiliger Vater, bewahre diejenigen, die du mir gegeben hast, in deinem Namen, damit sie eins seien wie auch wir.[63]

Ansteckung durch den Zeitgeist

40 Das Ziel dieser Bestrebungen ist die Verteidigung der Kirche nicht allein gegen die äußeren Angriffe jener, welche im offenen Kampf die Rechte und Freiheiten derselben zu erschüttern suchen, sondern auch gegen die Gefahren des häuslichen, inneren Krieges. Es geschah oben dieser Gefahr Erwähnung, als Wir Unserem Schmerze darüber Ausdruck gaben, dass eine gewisse Gruppe mit listiger Umdeutung die Form und Natur der Kirche in ihrem Kerne abzuändern sucht, die Reinheit der Lehre bedroht und alle Zucht verderben möchte. Noch schleicht jenes Gift durch den Zeitgeist und steckt viele an, selbst Mitglieder des geistlichen Standes, besonders von den jüngeren. Sie werden, wie Wir hervorgehoben haben, gleichsam von der verdorbenen Luft erfasst, und die entfesselte Neuerungssucht reißt sie, ohne ihnen Besinnung zu lassen, unaufhaltsam fort.

durch Materialismus

41 Auch in der Klasse der Menschen geringerer Geistestiefe und Selbstbeherrschung gibt es solche, welche die augenblicklichen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Forschung und die technische Bereicherung in Nutzbarmachung und Verschönerung dieses Lebens als neue Angriffswaffen gegen die göttliche Offenbarungswahrheit mit großer Schlauheit und Frechheit zu kehren suchen. Diese mögen doch bedenken, wie weit die Begünstiger dieser unbesonnen Neuerungen auseinandergehen in ihren Ansichten über Dinge, die zur Erkenntnis der Seele und zur rechten Lebensführung durchaus notwendig sind. Da mögen sie erkennen, wie der menschliche Stolz gerade dadurch gestraft wird, dass solche zu keiner festen Überzeugung kommen und auf ihrer Fahrt schon von den Wellen verschlungen werden, ehe sie den Hafen der Wahrheit nur erblicken können. Allein diese haben auch an ihrem eigenen Beispiel, von sich bescheiden zu denken und von sich alle Pläne fernzuhalten und alle Überhebung, welche gegen die Weisheit Gottes sich auflehnt, und ihren Geist dem Gehorsam gegen Christus gefangen zu geben.[64]

durch Agnostizismus

42 Von der allzu großen Anmaßung sind sie sogar eher in den entgegngesetzten Fehler verfallen. Sie folgten einer philosophischen Methode, welche an allen zweifelt und die Dinge gleichsam in Nacht hüllt, und bekannten sich zum Agnostizismus mit dem ganzen Gefolge seiner Irrtümer, die fast unzählig nach Menge und Mannigfaltigkeit in wunderlicher Weise einander widersprechen. In diesem Widerstreit sind sie der Eitelkeit verfallen mit ihrem Denken ...; indem sie sich für weise erklärten, sind sie zu Toren geworden.[65]

43 Bei dem Aufputz großklingender Worte und dem Versprechen, eine neue, gleichsam vom Himmel gefallene Wissenschaft und neuentdeckte Methode des Lernens mitzuteilen, ist inzwischen ein Teil der Jugend wankend geworden und begann sich allmählich abzuwenden. Gleiches widerfuhr einst Augustinus, als der Trug der Manichäer ihn umgarnt hatte. Indessen haben Wir über die unglückseligen Lehrer dieser wahnwitzigen Wissenschaft, ihre Anschläge, Täuschungen und Blendwerke Uns genugsam in dem Rundschreiben vom 8. September 1907 Pascendi Dominici gregis geäußert.

44 Da aber müssen Wir an dieser Stelle erwähnen, dass die dort bezeichneten Gefahren jetzt noch schwerer und drohender geworden sind. Und sie sind denen nicht ganz unähnlich, welche zur Zeit des heiligen Anselm die Kirchenlehre bedrohten. Außerdem müssen wir beherzigen, dass Anselm fast gleichermaßen durch seine Lehr zur Hut der Wahrheit und durch seine apostolische Tatkraft für die Verteidigung der kirchlichen Rechte und Freiheit uns Schutz und Trost bringen kann.

Gefahren in der Zeit des heiligen Anselm

45 Wir übergehen hier den Rückstand der Gesittung jener Zeit und der Bildung bei Klerus und Volk und wollen kurz die doppelt Gefahr berühren, die damals die Geister beunruhigte, doppelt, weil dieselben nach zwei entgegengesetzten Abwegen auseinander gingen.

46 Da waren eitle und alberne Menschen, oberflächlich und ungenau unterrichtet, die, während sie sich der unverdauten Masse ihrer Kenntnisse rühmten, doch nur vom leeren Schein der Philosophie und Dialektik berückt waren. Indem sie ihr trügerisches Scheinwissen mit dem Namen der Wissenschaft bezeichneten, glaubten sie die geistliche Autorität missachten zu dürfen. Mit Frevelmut erkühnen sie sich, Einwände zu erheben gegen alles, was der christliche Glaube lehrt. ... Eher urteilen sie in hochmütiger Unwissenheit, dass es nichts gebe, was sie nicht einsehen können, als dass sie in weiser Demut geständen, wie viele Dinge es gibt, welche sie nicht erfassen können. ... Wenn manche kaum begonnen haben, von ihrer Wissenschaft voll Selbstvertrauen die Früchte zu erzielen, und noch gar nicht wissen, dass, wie sehr man auch etwas zu wissen meint, doch noch lange nicht auch die rechte Methode der Wissenschaft gewonnen ist, da vermessen sie sich schon, die schwierigsten Fragen über den Glauben in Angriff zu nehmen, noch ehe sie zu diesem Flug durch festen Glauben die Vorbereitung erworben haben. Daher kommt es dann ..., dass sie beim verfrühten Versuch, zur geistig-vernünftigen Erfassung des Glaubensinhaltes sich zu erheben, infolge des Mangels an Vernunftdurchbildung in vielerlei Irrtümer herabgedrängt werden.[66] Solche Beispiele schweben Uns auch aus dem heutigen Leben in großer Zahl vor Augen.

47 Auf der andern Seite hinwieder gab es Leute, welche durch den Sturz der vielen, die am Glauben Schiffbruch gelitten hatten, so erschüttert wurden, dass sie bei ihrer geistigen Genügsamkeit und Zaghaftigkeit, aus Furcht vor der Wissenschaft, die aufbläht, alle Beschäftigung mit der Philosophie, vielleicht selbst jede ernste Erörterung sogar über geistliche Dinge, flohen.

48 Die katholische Übung hält zwischen beiden die Mitte ein. Sie hält sich gleich fern von den Überschreitungen der erstgenannten Gruppe – die Gregor IX. im folgenden Jahrhundert schon rügte, weil sie vom Geist der Eitelkeit strotzten und den Glauben über Gebühr der Vernunft anpassen wollten, dabei aber das Wort Gottes durch die Beimengung philosophischer Meinungen entstellten[67] – wie von der Saumseligkeit der andern, die von keinem Wunsche, die Wahrheit zu erforschen, berührt werden, noch durch den Glauben zur Erkenntnis vorzudringen[68] suchen, selbst wenn ihr Amt ihnen die Pflicht auferlegte, den wahren Glauben gegen die zusammengetragenen Irrtümer zu verteidigen.

Anselm, der Vorläufer der Scholastik

49 In dieser Aufgabe der Glaubensverteidigung scheint Gott den heiligen Anselm berufen zu haben. Durch Beispiel, Wort und Schrift scheint er bestimmt gewesen zu sein, den sichern Weg zu zeigen, den Trank der christlichen Weisheit zum allgemeinen Wohl darzubieten und den Lehrern Führer und Regel zu sein, die nach ihm die heilige Wissenschaft in der Weise der Scholastik lehrten.[69] Mit Recht wird er für ihren Vorläufer gehalten.

50 Das ist nicht so zu verstehen, als hätte der Kirchenlehrer von Aosta beim ersten Anlauf die Höhe der philosophischen und theologischen Spekulation erreicht oder als sei er zu einer Berühmtheit gelangt gleich den großen Theologen Thomas und Bonaventura. Zur Reife der Weisheit dieser Männer bedurfte es der Zeit und der vereinigten Arbeit der Lehrer in der vorangehenden Epoche. Mit der Bescheidenheit des echten Gelehrten hat Anselm, obwohl ebenso produktiven und scharfsinnigen Geistes, keine seiner Schriften herausgegeben, ohne dass die Zeitlage es erfordert oder andere angesehene Männer ihn dazu getrieben hätten. Immer hat er die Mahnung auf den Lippen: Wenn wir etwas geschrieben haben, was der Berichtigung bedarf, so weigerten wir uns nicht, sie vorwegzunehmen.[70] Ja in Sachen, die nicht zum Glauben gehören und über die noch Unklarheit bestand, wollte er nicht, dass der Schüler so an das, was wir lehrten, sich halte, dass du auch dann noch hartnäckig darauf beharrest, wenn ein anderer dies mit besseren Gründen entkräften und das Gegenteil erweisen kann. Wo das eintrifft, wirst du immerhin nicht in Abrede stellen, dass die Erörterung uns in der Kunst des Disputierens gefördert habe.[71]

Dialektiker in der Zeit des Anselm

51 Dennoch hat er weit mehr erreicht, als er selbst hoffte oder ein anderer sich versprochen hätte. Denn seine Erfolge sind so bedeutend, dass der Ruhm der nach ihm aufgetretenen Theologen sein Verdienst nicht verdunkeln konnte, selbst nicht der Glanz des heiligen Thomas, obwohl letzterer nicht allen Schlussfolgerungen des heiligen Anselm beitrat und andere Gegenstände später umfänglicher und vollkommener behandelt wurden. Das Hauptverdienst bleibt dem heiligen Anselm, dass er der Forschung die Wege gebahnt, ängstliche Befürchtungen gegen den Wissenschaftsbetrieb zerstreut, minder Vorsichtige hinwieder vor Gefahr gefeit und die Schädigungen hohlen, leichtfertigen Eigensinns abgewehrt hat. Mit Recht hat er selbst letzteren Geist mit den Worten gekennzeichnet: Jene Dialektiker unserer Zeit oder besser die dialektischen Häretiker,[72] weil ihr Geist im Bann ihrer Träumereien und ihres Ehrgeizes sich allein bewegte.

Beziehung zwischen Philosophie und Theologie

52 Bezüglich dieser eben Erwähnten äußerte er sich so: Wenn alle zu ermahnen sind, dass sie nur mit größter Vorsicht an die Untersuchung der Offenbarungswahrheiten herantreten, so muss man jene Dialektiker unserer Zeit führwahr ganz von der Erörterung theologischer Fragen fernhalten. Und der Grund, den er hierfür angibt, passt trefflich auf die heutigen Nachtreter dieser Richtung, welche jene Torheiten aufs neue nachbeten: Die Vernunft, welche Fürst und Führer für alles sein muss, was im Menschen ist, ist in ihren Seelen so sehr von den körperlichen Phantasiebildern umwölkt, dass sie denselben gar nicht entwinden kann, noch von ihnen dasjenige recht zu unterscheiden vermag, was sie allein und für sich zum Gegenstand ihrer Betrachtung machen muss.[73] Auf unsere Zeit sind auch die Worte anwendbar, mit welchen er die Philosophen jener Klasse verspottet, welche gegen die von den heiligen Vätern bestätigte Wahrheit des Glaubens sich wenden, weil sie nicht einsehen können, was Gegenstand des Glaubens ist. Es ist, wie wenn Fledermäuse und Nachteulen, die nur nachts den Himmel sehen, eine Meinung über die Lichtstrahlen der Mittagssonne gegen die Adler durchsetzen wollen, welche die Sonne selbst mit offenem Blick schauen.[74] Daher hat er hier wie an anderen Stellen[75] die verkehrte Haltung derjenigen getadelt, welche der Philosophie ungebührliche Konzessionen machten und ihr selbst das Recht zugestanden, in das Gebiet der Theologie einzubringen. Solcher Verkehrtheit trat der treffliche Lehrer entgegen und stellte die Grenzen beider Disziplinen fest, ohne zu vergessen, welche Aufgabe die Vernunft in Hinsicht auf di mit der göttlichen Offenbarungslehre in Verbindung stehenden Dinge habe. Unser Glaube, sagt er, muss gegen die Gottlosen mit Vernunftgründen verteidigt werden. – Aber wie und wie weit? – Darüber gibt er im folgenden klaren Aufschluss: Man muss ihnen mit Vernunftgründen zeigen, wie unvernünftig ihre ablehnende Haltung gegen uns ist.[76]

53 Die Hauptaufgabe der Philosophie ist also die klare Darlegung, dass unser Glaube eine vernünftige Zustimmung ist und, was sich daraus ergibt, dass es Pflicht ist, der Autorität sich zu unterwerfen, wenn sie die tiefen Geheimnisse des göttlichen Glaubens vorlegt, die durch die reichlichsten Merkmale der Wahrheit gar sehr glaubhaft geworden sind.[77] Seht verschieden hiervon ist die theologische Aufgabe. Die Theologie stützt sich auf die göttliche Offenbarung und wirkt für die Befestigung jener im Glauben, welche bereits zur christlichen Sache mit Freude und zu ihrer Ehre sich bekennen. Kein Christ darf also bei der wissenschaftlichen Erörterung den kirchlichen Glaubensinhalt und das kirchliche Glaubensbekenntnis in Frage stellen. Feststehend auf dem Standpunkt des Glaubens, voll Liebe zu ihm und in seiner treuen Betätigung soll der Christ mit aller Demut in der Untersuchung nur zu verstehen suchen, wie die Wahrheit des Glaubens sich ergibt. Vermag er das einzusehen, so danke er Gott; kann er es nicht, so erhebe er nicht das Haupt, um zu kritisieren, sondern er beuge sich, um anzubeten.[78]

54 Wenn daher entweder die Theologen nach Vernunftgründen für unsern Glauben suchen oder die Gläubigen nach solchen verlangen, so stützen sie sich nicht auf diese Gründe, sondern auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes. Da erfüllt sich, war wir bei Anselm lesen: Wie die rechte Ordnung verlangt, dass wir die tiefen Lehren des christlichen Glaubens, welche Geheimnisse genannt werden, annehmen, ehe wir sie der Vernunfterkenntnis zu unterziehen versuchen, ebenso scheint es mir eine Nachlässigkeit zu sein, wenn wir uns nicht um ein Verständnis des Glaubensinhaltes bemühen, nachdem wir zur Befestigung im Glauben gelangt sind.[79] Hier stimmt er mit seinem Wort über das Verständnis wahrhaft mit dem Vatikanischen Konzil[80] überein. An einer anderen Stelle drückt er sich ja folgendermaßen aus: Wenngleich nach den Aposteln unsere vielen heiligen Väter und Lehrer so vieles und Bedeutsames über den Grund unseres Glaubens aussprechen ..., so haben sie doch nicht alles gesagt, was ihnen bei längerem Leben möglich gewesen wäre, und die Wahrheit ist so groß und tief, dass kein Sterblicher auf ihren Grund hinabdringt. Der Herr hört nun in seiner Kirche, bei welcher er bis zum Weltende zu bleiben versprochen hat, nicht auf, die Geschenke seiner Gnade zu spenden. Ich will von andern Ermunterungen der Heiligen Schrift, die zur Erforschung ihres Sinnes einlädt, schweigen. Doch wo sie sagt: Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht zum Verständnis kommen, da ermutigt sie uns doch offenbar, unser Streben auf die Erkenntnis zu richten, indem sie lehrt, wie wir zu ihr vordringen sollen. Wir dürfen hierbei den Grund nicht übersehen, welchen er zuletzt angibt: Zwischen Glauben und Schauen halte die Einsicht, die wir in diesem Leben erlangen, die Mitte. Zu dem Maße (also), als jemand nach jener strebt, in dem wird er sich dem Schauen nähern, nach dem wir alle uns sehnen.[81]

55 So hat – um hierbei stehen zu bleiben – Anselm für die Philosophie und Theologie ein festes Fundament gelegt. Das ist die Ordnung des Studiums, welche der Nachwelt zum Gebrauch vorgelegt hat. Die weisesten Vertreter und Fürsten der Scholastik haben sie eingehalten und mit bedeutsamen Zutaten bereichert, sie erläutert und fortgebildet der Kirche zu hehrer Zier und Wehr, darunter zumeist der Kirchenlehrer Thomas von Aquin.

Schluss

Wir haben all dies über den heiligen Anselm erwähnen wollen, Ehrwürdige Brüder, weil Wir dabei gewünschte Gelegenheit zur Ermahnung fanden, wie Ihr die heilvollen, zuerst vom Doktor von Aosta erschlossenen und vom heiligen Thomas reichlich vermehrten Quellen der christlichen Weisheit dem Nachwuchs des geistlichen Standes sorgfältig offen halten sollt. Möchte nie vergessen werden, was hierüber Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII.,[82] und Wir selbst an Bestimmungen erlassen haben, unter anderem besonders in dem Rundschrieben vom 8. September 1907 Pascendi Dominici gregis. Allzu viele Ruinen sind zu sehen, welche die Vernachlässigung dieser Studien oder ihr Betrieb ohne sichere Wegrichtung geschaffen hat, da selbst viele Kleriker ohne entsprechende Veranlagung und Vorbereitung unbedenklich sich kühn an die schwierigsten Fragen des Glaubens heranmachten.[83] Mit Anselm trauern Wir über solche Vorkommnisse und schließen Uns seinen ernsten Mahnworten an: Keiner soll verwegen sich in die verwickelten Fragen der Gotteswissenschaft hineinwagen, ehe er zur Festigkeit im Glauben gekommen ist und eine ernste sittliche Haltung und ernste Erschaffung der Weisheit erreicht hat, auf dass er nicht, unvorsichtig und oberflächlich die mannigfaltigen Winkelzüge der Sophistik abwandelnd, von irgend einem Irrtum dauernd gefesselt werde.[84] Wo Leichtsinn und Leidenschaft sich die Hand reichen, wie es vorkommt, da ist es vorbei mit ernsten Studien und der Reinheit der Lehre. Aufgeblasen von unwissendem Hochmut, wie ihn Anselm bei seinen dialektischen Häretikern mit Schmerz feststellt, verachten sie die geistliche Autorität, die Heilige Schrift, die Väter, die Kirchenlehrer; und doch kann über diese, wer einigermaßen Ehrfurcht hat, nicht anders urteilen, als dass er sagt: Weder jetzt noch in künftigen Zeiten können wir jemand erhoffen, der jenen gleichkäme in Betrachtung der Wahrheit.[85]

56 Ebenso wenig wissen sie die Mahnungen der Kirche und ihres Oberhauptes zu schätzen, welche sie zu einer besseren Haltung zurückrufen möchten. Statt Tatsachen zu zeigen, suchen sie mit guten Worten sich los zu machen, bereit zu einer scheinbaren Ergebenheit, und mit diesen Äußerlichkeiten streben sie in weiten Kreisen Ansehen und Gunst zu erlangen. Es ist kaum noch Hoffnung, dass diese zu einer besseren Einsicht zurückkehren; denn sie haben den Gehorsam gegen jenen verweigert, welchen die göttliche Vorsehung als Herrn und Vater der ganzen Kirche, die auf Erden pilgert, die Hut des christlichen Glaubens und Lebens und die Leitung der Kirche übertragen hat. Dort ist daher die Stelle, wo am allerrichtigsten in der Kirche gegen den Glauben auftretende Irrtümer ihre maßgebende Berichtigung finden. Nirgendwo anders kann mit größerer Sicherheit das, was dem Irrtum entgegengestellt wird, zur umsichtigen Prüfung vorgetragen werden.[86] Möchten doch diese Feinde, welche sich so rein, so offen, so pflichttreu, so erfahren in Leben und Religion, so tätig im Glauben hinstellen, die weisen Worte des heiligen Anselm vernehmen, sein Beispiel befolgen und vor allem tief ins Herz sich die Worte einschreiben: Zuerst muss durch den Glauben das Herz rein gemacht werden ... Zuerst muss durch Beobachtung der Gebote Gottes das Auge erleuchtet werden, in demütigem Gehorsam gegen die Bezeugungen Gottes müssen wir erst Kinder werden, um Weisheit zu lernen. Und nicht nur für den Aufstieg zur höheren Erkenntnis verliert der Geist ohne Glauben und Gehorsam gegen die Gebote Gottes die Fähigkeit, sondern auch die schon gewonnene Erkenntnis geht wieder verloren, und der Glaube selbst bricht zusammen, wo das gute Gewissen nicht bewahrt wird.[87]

57 Aufrührerische und verkehrte Menschen werden fortfahren, Irrungen und Zwietracht zu veranlassen, das Erbgut des heiligen Glaubens zu zerpflücken, die christliche Zucht zu verletzen, ehrwürdige Übungen, die zu durchbrechen eine Art Häresie ist,[88] dem Spott preiszugeben, ja sogar die göttliche Gründung der Kirche selbst an ihrer Wurzel umzustürzen; so seht Ihr, Ehrwürdige Brüder, wie sehr Wir wachen müssen, dass dieses schwere Verderben nicht die Herde Christi, ganz besonders nicht ihre jugendlichen Sprossen, erfasse. Mit unablässigem Gebet flehen Wir dafür zu Gott, unter Anrufung des kräftigen Schutzes der allerheiligsten Mutter Gottes und der Fürbitte der triumphierenden Kirche im Himmel, besonders des heiligen Anselm, dieser Leuchte christlicher Weisheit, dieses unbestechlichen Hortes und Verfechters aller kirchlichen Rechte. Ihn dürfen wir mit demselben Worten jetzt bestürmen, mit denen einst Gregor VII., Unser Vorgänger, in ihn drang, als er noch auf Erden weilte: Der Wohlgeruch Deiner guten Werke ist bis zu Uns gedrungen. Wie danken Wir Gott dafür und umarmen Dich aus herzlicher Liebe in Christus! Wir glauben fest, dass das Vorbild Deiner Studien die Kirche Gottes zu besseren Verhältnissen führen wird und dass Deine Gebete und diejenigen Deiner Geistesverwandten sie nach Christi Barmherzigkeit aus den drohenden Gefahren erretten können. ... Daher wünschen Wir, dass Du und Deine Genossenschaften unablässig zu Gott beten mögen, er möge seine Kirche und Uns, die Wir, ob zwar unwürdig, ihr vorstehen, vor dem Ausbruch häretische Gefahren bewahren und jene vom Irrtum heilen und auf den Pfad der Wahrheit zurückführen.[89]

58 Im Vertrauen auf solchen Schutz und in Erwartung Eurer eifrigen Mitarbeit erteilen Wir als Interpfand der Gnade und als Zeichen Unseres besonderen Wohlwollens Euch allen, Ehrwürdige Brüder, Eurem gesamten Klerus und dem einem jeden von Euch anvertrauten Volk in aller Liebe den apostolischen Segen im Herrn.


Gegeben zu Rom bei Sankt Peter

am Feste des heiligen Anselm, am 21. April 1909,
im sechsten Jahre Unseres Pontifikates.

Papst Pius X.


Anmerkungen

1) 1 Kor 4,9 EU.
2) Kol 3,11 EU.
3) Zum Regierungsantritt, Freiburg im Breisgau 1904.
4) 1 Kor 15,41 EU.
5) Römisches Brevier am 21. April.
6) Epidzedium zum Tod des heiligen Anselm; cf. Op. Ed. Gerberon, Paris. 1721, Suppl.
7) Grabschrift.
8) Epizedium.
9) Epizedium zum Tod des heiligen Anselm.
10) Römisches Brevier am 21. April.
11) Briefe des heiligen Anselm 2. Buch, 32. Brief.
12) Ebd. 3. Buch, 74. und 42. Brief.
13) 1 Kor 2,14 EU.
14) Epizedium zum Tod des heiligen Anselm.
15) Römisches Brevier am 21. April.
16) Briefe des heiligen Anselm 3. Buch, Brief 44 und 74.
17) Gal 4,19 EU.
18) Spr 14,34 EU.
19) Lk 19,14 EU.
20) Joh 8,44 EU.
21) Kol 2,8 EU.
22) Röm 1,21 EU.
23) 1 Tim 1,10 EU.
24) Conc. Vat. Const. Dei filius No. 4. Denzinger, Enchir. N. 1645 (9. Aufl.).
25) Briefe des heiligen Anselm 3. Buch, 65. Brief.
26) Ebd. 73. Brief.
27) Briefe des heiligen Anselm 4. Buch, 48. Brief.
28) Apg 20,28 EU.
29) Jes 58,1 EU.
30) Ps 17,14 EU.
31) Hebr 13,14 EU.
32) Spr 14,34 EU.
33) Weish 6,7 EU.
34) Briefe des heiligen Anselm (ed. Gerberon) 4. Buch, 13. Brief.
35) Ebd. 9 Brief.
36) Briefe des heiligen Anselm 3. Buch, 57. Brief.
37) Ebd. 59. Brief.
38) Ebd. 4. Buch, 54. Brief.
39) Briefe des heiligen Anselm 4. Buch, 54. Brief.
40) Ebd. 3. Buch, 142. Brief.
41) Röm 8,28 EU.
42) Röm 11,38 EU.
43) Jes 55,8 EU.
44) Kol 1,24 EU.
45) Apg 14,21 EU.
46) 3. Homilie.
47) 1 Joh 5,19 EU.
48) Mt 12,30 EU.
49) 1 Kor 9,22 EU.
50) Briefe des heiligen Anselm 3. Buch, Brief 140.
51)↑ Briefe des heiligen Anselm 3. Buch, 37. Brief.
52) 2 Kor 12,9.10 EU.
53) Briefe des heiligen Anselm 3. Buch, 37. Brief.
54) Spr 21,28 EU.
55) Briefe des heiligen Anselm 4. Buch, 1. Brief.
56) Briefe des heiligen Anselm 4. Buch, 6. Brief.
57) Ebd. 3. Buch, 74. Brief.
58) Ebd. 37. Brief.
59) Ps 98,13 EU.
60) Briefe des heiligen Anselm 2. Buch, 33. Brief.
61) Joh 17,1-26 EU.
62) Joh 17,21 EU.
63) Joh 17,11 EU.
64) 2 Kor 10,4.5 EU.
65) Röm 1,21.22 EU.
66) Sankt Anselm, Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, Kap. 2.
67) Gregor IX., Brief an die Theologen zu Paris, 7. Juli 1228. Denz. 379.
68) Briefe des heiligen Anselm 2. Buch, 41. Brief.
69) Römisches Brevier am 21. April
70) Weshalb Gott Mensch wurde, 9. Buch, 22. Kap.
71) De Grammatico, 21. Kap. am Ende.
72) Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, 2. Kap.
73) Ebd.
74) Ebd.
75) Briefe des heiligen Anselm 2. Buch, 41. Brief.
76) Ebd.
77) Ps 92,5 EU.
78) Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, 2. Kap.
79) Weshalb Gott Mensch wurde, 1. Buch, 2. Kap.
80) Konstitution Dei filius, 4. Kap.
81) Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, Vorrede.
82) Rundschreiben Aeterni patris vom 4. August 1879. Erste Sammlung S. 54ff.
83) Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, 2. Kap.
84) Ebd.
85) Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, Vorrede.
86) Ebd.
87) Über den Glauben an die Dreifaltigkeit, Vorrede.
88) Sankt Anselm, Über die Ehe der Blutsverwandten, 1. Kap.
89) Briefe des heiligen Anselm 2. Buch, 31. Brief.


(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Communium_rerum abgerufen am 13.09.2019)



Motu proprio
Sacrorum antistitum

von Papst
Pius X.
zur Verfügung einiger Abwehrmaßregeln gegen die Modernistengefahr
1. September 1910
(Offizieller lateinischer Text: AAS II [1910] 655-680)
(Quelle: Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, lateinischer und deutscher Text. Autorisierte Ausgabe)

Einleitung

Die Modernisten

1 Seitdem Wir durch die Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“[1] den Modernisten, diesen verschlagenen Menschen, die Maske herabgerissen haben, gaben dieselben, wie es Unserer Meinung nach keinem Bischof entgangen ist, ihre Umtriebe zur Störung des Friedens in der Kirche nicht auf. Denn sie haben nicht aufgehört, neue Bundesgenossen zu werben und solche in ihrem Geheimbund aufzunehmen und mit denselben das Gift ihrer Meinungen in die Adern der christlichen Gesellschaft einzuimpfen. Sie tun das in Büchern und Zeitschriften, welche sie teils ohne Namen des Verfassers, teils unter verdecktem Namen herausgeben. Groß und brennend ist der Schmerz, den das Ausreifen dieser Verwegenheit Uns zufügt. Wer Unser soeben erwähntes Rundschreiben gelesen hat und die Sache aufmerksam überlegt, dem wird es klar werden, dass Wir diese Leute ganz richtig beschrieben haben als Gegner, die man um so mehr fürchten muss, je näher sie sind. Unter Missbrauch ihres Amtes suchen sie ihre Angeln mit vergiftetem Köder zu versehen und Unvorsichtige zu fangen, während sie einer Lehrrichtung huldigen, in welcher alle Irrtümer sich zusammendrängen.

Pflicht der Verantwortlichen

2 Wo ein solcher Schlamm über einen Teil des Ackers des Herrn sich ergießt, auf dem freudigere Früchte zu erwarten gewesen wären, da müssen alle Bischöfe zur Verteidigung des Glaubens sich erheben und mit aller Sorgfalt wachen, dass das hinterlegte göttliche Gut unversehrt bleibe und keinen Schaden leide. Am allermeisten aber obliegt die Pflicht, die Befehle Christi des Erlösers zu vollführen, die es Petrus, dessen Primat Wir, obgleich unwürdig, innehaben, gab, da er sprach: Bestärke deine Brüder. In dieser Absicht, d.h. um die Herzen der Guten für den gegenwärtigen Kampf zu stärken, hielten Wir es für angemessen, die Sätze und Vorschriften Unserer erwähnten Kundgebung zu wiederholen, die also lauten:

3 Wir bitten und beschwören euch, in dieser wichtigen Angelegenheit es nicht im geringsten an Wachsamkeit, Eifer und Entschlossenheit bei euch fehlen zu lassen. Was Wir aber nun von euch erbitten und erwarten, das erbitten und erwarten Wir ebenso von allen andern Seelenhirten, von den Erziehern und Lehrern des theologischen Nachwuchses, ganz besonders aber auch von den obersten Vorstehern der Ordensgesellschaften


Was die Studien betrifft

Das philosophische Fundament

4 Was die Studien angeht, so ist es Unser Wille und Unsere gerechte Vorschrift, dass mit der scholastischen Philosophie die Grundlage des theologischen Studiums gelegt werde, so zwar, „dass Wir in seiner Weise beabsichtigen, etwaige ungesunde Subtilitäten oder nicht reiflich geprüfte Meinungen scholastischer Lehrer oder den erprobten Lehrgängen der späteren Zeit fernliegende Dinge oder endlich irgendwie Unhaltbares unserer Zeit fernliegende Dinge oder endlich irgendwie Unhaltbares unserer Zeit zur Nachahmung vorzulegen“.[2] Unter der scholastischen Philosophie, die Wir vorschreiben, verstehen Wir in erster Linie die Philosophie, wie sie Thomas von Aquin gelehrt hat, was Wir hauptsächlich betonen. Alles, was darüber von Unserem Vorgänger verfügt wurde, soll auch unter Unserer Regierung in Kraft bleiben, und wo es nötig ist, erneuern und bekräftigen Wir dasselbe und gebieten dessen genaue und allgemeine Beobachtung. Wo in den Seminarien diese Vorschriften nicht beachtet worden sind, werden die Bischöfe ihre Befolgung in Zukunft einschärfen und durchsetzen. Das gleiche schreiben Wir den Leitern der religiösen Orden vor. Die Lehrer aber mahnen Wir ernstlich, sich an den Grundsatz zu halten, dass vom Aquinaten, besonders in metaphysischen Dingen, auch nur wenig abzuweichen, nie ohne großen Schaden ist. Es dürfte am Platze sein, die eigenen Worte des Aquinaten anzuführen: Ein geringer Irrtum in Prinzipienfragen bedeutet einen großen Irrtum für das Endergebenis.[3]

Das theologische Lehrgebäude

5 Wenn auf diese Weise das philosophische Fundament gelegt ist, so soll darauf mit größter Sorgfalt das theologische Lehrgebäude errichtet werden. – Fördert, ehrwürdige Brüder, das theologische Studium mit aller Kraft, damit die Kleriker beim Verlassen des Seminars eine recht große Liebe für dasselbe mitnehmen und immer darin ihre Freude finden. Denn durch die große Zahl vielverzeigter Lehrfächer, welche sie dem wahrheitssuchenden Geist darbietet, hat die Theologie ganz offenbar sich den ersten Rang gesichert, so dass seit alters die Gelehrten sagen, es sei Aufgabe der andern Wissenschaften und Künste, ihr zu dienen und gleichsam wie Gehilfinnen sie zu unterstützen.[4] Wir fügen hier bei, dass Wir auch die Bestrebung für lobenswert halten, welche unter Wahrung der schuldigen Ehrerbietung gegen die Überlieferung, die Väter und das kirchliche Lehramt mit klugem Urteil und nach katholischen Grundsätzen (was nicht überall gleichmäßig beachtet wird), die positive Theologie mit den Ergebnissen der geschichtlichen Wissenschaft zu beleuchten suchen. Mehr als zuvor muss heute der positiven Theologie Beachtung geschenkt werden, doch darf dadurch die scholastische Theologie nicht geschädigt werden und jene alle, welche die positive Theologie mit Geringschätzung der scholastischen anpreisen, sind wie Parteigänger der Modernisten, zu tadeln.

Die profanen Fächer

6 Bezüglich der profanen Fächer wollen Wir nur wiederholen, was Unser Vorgänger so weisheitsvoll gesagt hat: Lasst euch das Studium der Naturwissenschaften ernstlich angelegen sein. Was auf diesem Gebiete in unseren Tagen mit Scharfsinn entdeckt und zum Segen unternommen worden ist, das bewundern die Zeitgenossen mit Recht und die Nachwelt wird es ebenso immer rühmlich in der Erinnerung bewahren.[5] Doch soll dies nie zum Nachteil der Theologie geschehen, wie Unser Vorgänger ebenso mit ernstesten Worten betonte: Forscht man achtsam nach der Ursache der Irrtümer, so wird man die hauptsächlichste Veranlassung derselben in dem Niedergang des Betriebes der ernsteren höheren Lehrfächer finden, der im gleichen Maße abnahm, in dem das gewaltige Aufblühen der Naturwissenschaften wuchs. Denn jene sind teilweise fast in Vergessenheit geraten und verstummt, teilweise werden sie nur nachlässig und oberflächlich betrieben und was noch unwürdiger ist, nachdem der Schimmer der alten Weihe verblasst ist, dürfen sich auf ihrem Boden verkehrte Lehren und abenteuerliche Ausgeburten von Hypothesen auspflanzen.[6] Das ist die Regel, nach der auch Wir das Studium der naturwissenschaftlichen Fächer in den geistlichen Seminarien gehandelt wissen wollen.

Wahl der Vorsteher und Lehrer

7 Alle diese Vorschriften, welche Wir und Unser Vorgänger erlassen haben, müssen ins Auge gefasst werden, wenn es sich um die Wahl der Vorsteher und Lehrer von Seminarien oder katholischen Universitäten handelt. Alle, welche irgendwie dem Modernismus anhängen, sollen ohne irgend welche Rücksichtnahme von der Leitung und vom Lehramt ferngehalten werden oder, wenn sie schon damit betraut sind, entfernt werden; gleiches ist jenen gegenüber zu beobachten, welche den Modernismus offen oder heimlich begünstigen, sei es, dass sie die Modernisten loben oder entschuldigen, oder dass sie die Scholastik, die Väter oder das kirchliche Lehramt tadeln oder, wie immer, es am Gehorsam gegen die kirchliche Gewalt fehlen lassen; ebenso gegenüber denjenigen, welche im Gebiete der Geschichte, der Archäologie oder der biblischen Wissenschaft Neuerungen einführen wollen und ebenso gegen jene, welche die theologischen Fächer zu vernachlässigen und die weltlichen ihnen vorzuziehen scheinen. In dieser Angelegenheit, ehrwürdige Brüder, besonders in der Auswahl der Lehrer kann eure Umsicht und Festigkeit nie groß genug sein. Nach dem Vorbild der Lehrer richten sich meistens die Schüler. Daher handelt, auf das Bewusstsein der Pflicht gestützt, in dieser Sache mit Klugheit und Festigkeit.

Auswahl der Kandidaten

8 Gleiche Wachsamkeit und Strenge tut bei Prüfung und Auswahl der Kandidaten für die heiligen Weihen not. Ferne, ja ferne sei vom Priesterstand die Neuerungssucht; stolze und widerspenstige Seelen hasst Gott! Keiner soll in Zukunft die theologischen Grade erhalten, der nicht zuvor den vorschriftsmäßigen Kurs in der scholastischen Philosophie durchlaufen hat. Werden sie trotzdem verliehen, so soll die Verleihung ungültig sein. – Was die heilige Kongregation für die Angelegenheiten der Bischöfe und der Religiosen über den Besuch der Universitäten für den Welt- und Ordensklerus in Italien im Jahre 1896 vorgeschrieben hat, das dehnen Wir hiermit in Zukunft durch Unseren Beschluss auf alle Völker aus. Kleriker und Geistliche, welche bei irgend einer katholischen Universität oder einem katholischen Institut eingeschrieben sind, dürfen die Fächer, für welche an diesen Lehrstühle errichtet sind, nicht an den weltlichen Universitäten hören. Wenn das irgendwo erlaubt wurde, gebieten Wir, dass es in Zukunft nicht mehr geschehe.

9 Die Bischöfe, welche die Leitung solcher Universitäten oder Institute innehaben, sollen eifrigst dafür sorgen, dass beständig beobachtet werde, was Wir bis jetzt befohlen haben.

Schrifttum

10 Gleichermaßen ist es Pflicht der Bischöfe, die Lesung von Schriften von Modernisten und Schriften, welche modernistischen Geist verraten oder den Modernismus befördern, zu verhindern, wenn sie schon herausgegeben sind oder die Herausgabe zuvor zu verbieten. – Desgleichen sollen alle Bücher, Zeitungen, Zeitschriften dieser Art den Jünglingen in den Seminarien und den Hörern an den Universitäten verboten bleiben. Denn dieselben schaden nicht weniger als Schriften gegen die guten Sitten; ja sie schaden mehr, weil sie die Grundlagen des christlichen Lebens verderben. Nicht anders ist von den Schriften gewisser Katholiken zu verurteilen, die an sich übrigens guter Gesinnung sind, aber ohne Ausbildung in der theologischen Wissenschaft und Anhänger der neueren Philosophie, diese mit dem Glauben ausgleichen und zur Förderung des Glaubens anwenden wollen. Da man solchen Schriften wegen des Namens ihrer Verfasser und wegen des guten Rufes ohne Furcht vertraut, so wird die Gefahr noch größer, dass sie einen unmerklich zum Modernismus führen.

11 Ganz allgemein geben Wir in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache, ehrwürdige Brüder, die Vorschrift, dass ihr alle zum Leben gefährliche Bücher, welche sich in euerer Diözese finden, tatkräftig zu verbannen sucht, selbst unter Anwendung des öffentlichen Verbotes. Denn wenngleich der Apostolische Stuhl sich alle Mühe gibt, solche Schriften aus der Welt zu schaffen, so ist nach ihre Zahl dermaßen gewachsen, dass es kaum möglich ist, sie alle namhaft zu machen. So kommt es, dass manchmal die Heilmittel zu spät einsetzen, wenn das Übel während der langen Verzögerung schon groß geworden ist. Daher wollen Wir, dass die Bischöfe alle Furcht beiseite setzen, die Klugheit des Fleisches nicht zu Rat kommen lassen, alles Geschrei der Bösen verachten und wenn auch mild, so doch fest alles ihres Amtes walten. Es gilt hier dessen eingedenk zu sein, was Leo XIII. in der apostolischen Konstitution „Officiorum ac munerum“[7] vorgeschrieben hat: Die Ordinarien sollen auch als Delegation des Apostolischen Stuhles schlechte Bücher und andere verderbliche Schriften, welche in ihren Diözesen erschienen sind oder verbreitet werden, verbieten und sich bestreben, sie aus den Händen der Gläubigen zu entfernen. Mit diesen Worten wird ihnen das Recht zugesprochen, aber auch die Pflicht auferlegt. Niemand möge wähnen, diese Amtspflicht erfüllt zu haben, wenn er das eine oder andere Buch bei uns zur Anzeige bringt, während andere und das in sehr großer Zahl, ungehindert ausgeteilt und verbreitet werden. Es braucht euch, ehrwürdige Brüder, durchaus nicht zurückhalten, dass vielleicht der Autor irgend eines Buches anderswo die Genehmigung erlangt hat, die man mit Imprimatur zu bezeichnen pflegt. Denn dieselbe kann bloß vorgeschützt sein, sie kann unvorsichtigerweise erteilt sein oder aus zu großer Güte oder zu großem Vertrauen zum Verfasser. Letzteres kommt wohl bisweilen bei Mitgliedern der religiösen Orden vor. Wie ferner dieselbe Speise nicht allen zusagt, so können Bücher in einer Gegend ohne Schaden sein, in einer andern aber wegen des Standes der Verhältnisse Schaden bringen. Wenn also der Bischof der Ansicht ist, dass irgend eines dieser Bücher in seiner Diözese zu verbieten ist und er darüber den Rat der Erfahrenen gehört hat, so geben Wir ihm gerne dazu die Vollmacht, ja Wir verpflichten ihn dazu. Die Ausführung soll indessen in geeigneter Weise geschehen; wenn es genügt, soll das Verbot nicht weiter als auf den Klerus ausgedehnt werden; dabei bleibt aber die Pflicht der katholischen Buchhändler bestehen, vom Bischof verbotene Bücher nicht zum Kaufe bereit zu stellen. – Da nun doch die Rede auf die Buchhändler kommt, so mögen die Bischöfe darüber wachen, dass die Buchhändler nicht aus Gewinnsucht schlechte Ware feilbieten. Bekanntlich werden in manchen Verzeichnissen Bücher von Modernisten in reicher Zahl und mit großem Lobe angeboten. Mögen die Bischöfe solchen, wenn sie den Gehorsam verweigern, ohne Zögern nach vorheriger Mahnung die Bezeichnung „katholische Buchhändler“ aberkennen; das um so entschiedener, wenn sie die Bezeichnung „bischöfliche Buchhändler“ führen; führen sie aber einen vom Papst verliehenen Titel, so sind sie dem Apostolischen Stuhl anzuzeigen. Allen rufen Wir endlich ins Gedächtnis zurück, was die erwähnte apostolische Konstitution Officiorum im 26. Artikel sagt: Alle, welche die päpstliche Erlaubnis erlangt haben, verbotene Bücher zu lesen und zu behalten, können deshalb noch nicht auch jedes beliebige, vom Ordinarius des Ortes verbotene Buch oder jede beliebige, von ihm verbotene Zeitung lesen und aufbewahren, wenn ihnen nicht in dem apostolischen Indult ausdrücklich die Ermächtigung zum Lesen und Aufbewahren von Büchern gegeben ist, mögen dieselben von wem immer auch verboten sein.

„Nihil obstat“ und „Imprimatur“

12 Jedoch ist es nicht genügend, das Lesen und den Verkauf unverderblicher Bücher zu verhindern, man muss schon dem Erscheinen derselben vorbeugen. Daher sollen die Bischöfe die Erlaubnis zur Herausgabe von Büchern mit größter Strenge handhaben. Die Zahl der Bücher, welche zufolge der Konstitution Officiorum nur mit Erlaubnis des Bischofs erscheinen können, ist nun sehr groß und der in manchen Diözesen besondere Zensoren in hinlänglicher Anzahl zur Bewältigung der Prüfung eingesetzt worden. Die Aufstellung solcher Zensoren loben Wir auf das Höchste. Wir wünschen nicht nur, sondern schreiben geradezu vor, dass dieselbe in allen Diözesen erfolge. In allen bischöflichen Kanzleien sollen offizielle Zensoren zur Prüfung herauszugebender Schriften bestellt werden. Sie sollen aus dem Welt- und Ordensklerus erwählt werden, sich durch ihr Alter, ihre Bildung und Umsicht empfehlen und ein sicheres Urteil auf dem Gebiete haben, in welchem sie über Gutheißung oder Nicht-Gutheißung entscheiden sollen. Ihnen sollen die Schriften vorgelegt werden, welche nach Artikel 41 und 42 der erwähnten Konstitution einer Vorprüfung unterzogen werden müssen. Der Zensor hat sein Urteil schriftlich abzugeben. Lautet es günstig, so wird der Bischof die Ermächtigung zur Herausgabe erteilen durch das Wort: Imprimatur. Es soll demselben aber die Formel: Nihil obstat (Es liegt kein Hindernis vor), mit dem Namen des Zensors versehen, vorangestellt werden. In der römischen Kanzlei sollen wie an allen andern amtliche Zensoren aufgestellt werden. Dieselben wird unter Anhörung der Kardinalsvikars und unter Zustimmung des Papstes selbst der „Magister Sacri palatii“ ernennen. Er erwählt für die Prüfung jeder einzelnen Schrift den Zensor. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung wird auch vom „Magister Sacri palatii“ erteilt, ebenso auch vom Kardinalvikar oder seinem Stellvertreter. Dabei ist, wie oben bemerkt, die Approbationsformel und die Unterschrift des Zensors voranstellen. Nur in außerordentlichen Fällen und ganz selten kann nach klugem Ermessen des Bischofs der Name des Zensors wegbleiben. Den Schriftstellern darf der Name des Zensors nie bekannt gegeben werden, ehe derselbe zu einem günstigen Urteil gekommen ist. Sonst könnten dem Zensor Unannehmlichkeiten erwachsen, während er die Schriften durchsieht oder wenn er die Veröffentlichung nicht gutheißt. Aus den Oden sollen niemals Zensoren genommen werden, ohne dass der Provinzial vertraulich befragt worden ist. Dieser hat nach bestem Wissen über den Wandel, die Gelehrsamkeit und die Glaubenstreue des Kandidaten Zeugnis zu geben. – Es ist die ernstliche Pflicht der Ordensvorsteher, an die Wir sie hier erinnern, dass sie niemals ihren Untergebenen die Drucklegung einer Schrift hingehen lassen, wenn nicht ihre und des Bischofs Erlaubnis nachgesucht wurde. – Schließlich verordnen und erklären Wir, dass der Titel Zensor, den jemand führt, keine weitere Bedeutung hat und niemals in die Wagschale fallen kann, um dessen Privatansichten Geltung zu verschaffen.

Der Zensor

13 Nach diesen allgemeinen Bestimmungen schärfen Wir namentlich die Verfügung des 42. Artikels der Konstitution Officiorum ein, welche folgendermaßen lautet: „Den Weltgeistlichen ist es verboten, ohne vorherige Erlaubnis des Bischofs die Leitung von Zeitungen oder Zeitschriften zu übernehmen. Wird diese Erlaubnis missbraucht, so soll sie ihnen nach einer Verwarnung entzogen werden. Bezüglich der Priester, welche als Korrespondenten und Mitarbeiter, wie der Ausdruck lautet, tätig sind, mögen die Bischöfe sehen, dass dieselben nicht ihre Befugnisse zu überschreiten suchen und, wenn es nötig ist, ihnen die Erlaubnis entziehen. Denn es kommt häufig vor, dass solche in Zeitungen und Zeitschriften Aufsätze veröffentlichen, die vom Modernismus angesteckt sind. Die Ordensvorsteher ermahnen Wir mit allem Nachdruck, in gleicher Weise, wie es den Bischöfen vorgeschrieben ist, vorzugehen. Versäumen sie ihre Pflicht, dann sollen die Bischöfe im Namen des Papstes einschreiten. Katholische Zeitungen und Zeitschriften sollen, soweit es möglich ist, ihren bestimmten Zensor haben. Diesem obliegt die Pflicht, die einzelnen Blätter oder Hefte, nachdem sie erschienen sind, ganz und aufmerksam durchzulesen. Findet sich ein gefährlicher Satz, so soll er im nächsten Blatt oder Heft eine Berichtigung fordern. Dieselbe Vollmacht steht ferner den Bischöfen zu, wenn vielleicht ein Zensor zu nachsichtig gewesen sein sollte.

Versammlungen

14 Die öffentlichen Kongresse und Versammlungen haben Wir schon oben als Gelegenheiten erwähnt, bei denen die Modernisten ihre Ansichten offen zu vertreten und zu verbreiten pflegen. In Zukunft sollen die Bischöfe Versammlungen der Priester nur ganz selten zulassen. Werden solche erlaubt, so darf es nur unter der Bedingung geschehen, dass keine Dinge auf ihnen verhandelt werden, deren Ordnung die Bischöfe oder der Apostolische Stuhl vorzunehmen haben; dass keine Vorlagen oder Forderungen aufgestellt werden, welche eine Anmaßung geistlicher Gewalt in sich schlössen und dass sie endlich keine Verlautbarungen zulassen, welche dem Modernismus, Presbyterianismus und Laizismus irgendwie verwandt sind. Derartigen Versammlungen, von welchen jede einzelne schriftlicher Erlaubnis für eine passende Zeit bedarf, kann kein Priester aus einer andern Diözese beiwohnen ohne schriftliche Empfehlung seines Bischofs. – Kein Priester vergesse je, was Leo XIII. aufs ausdrücklichste ihm ans Herz gelegt hat: Das Ansehen ihrer Bischöfe soll den Priestern heilig sein; sie sollen überzeugt sein, dass das priesterliche Amt nur dann heilig, wahrhaft segenbringend und ehrend ist, wenn es unter der Leitung der Bischöfe ausgeübt wird.[8]

Ein Rat zur Wirksamkeit der Vorschriften

15 Was würde es, ehrwürdige Brüder, indes helfen, Befehle und Verordnungen zu geben, wenn dieselben nicht gehörig und nachhaltig beobachtet werden? Um hierin den gewünschten Erfolg zu sichern, haben Wir beschlossen, auf alle Diözesen die weisen Maßnahmen auszudehnen, welche die Bischöfe Umbriens[9] vor mehreren Jahren für ihre Diözesen getroffen haben. Diese Bestimmung lautet: Um die bereits verbreiteten Irrtümer auszurotten und um die weitere Verbreitung derselben und die Befestigung des Einflusses gottloser Lehrer durch dieselbe zu verhindern, beschließt diese heilige Versammlung nach dem Vorbild des hl. Karl Borromäus, dass in jeder Diözese ein Rat bewährter Priester aus dem Welt- und Ordensklerus eingesetzt wird, dessen Pflicht es ist, Umlauf, Verbreitung und Verbreitungsweise neuer Irrtümer wachsam festzustellen und den Bischof davon unterrichten. In Beratung mit ihnen soll dann der Bischof die Maßregeln treffen, welche dieses Übel schon in seinem Entstehen ersticken lassen, dass es nicht zum Verderben der Seele immer weiter greift und was noch schlimmer ist, mit der Zeit sich fest einlebt und auswächst. – Wir beschließen daher, dass ein solcher Rat, den Wir die Aufsichtsbehörde nennen wollen, sobald als möglich in jeder Diözese errichtet werde. Bei der Ernennung der Mitglieder soll in derselben Weise etwa verfahren werden, wie Wir es für die Wahl der Zensoren bestimmt haben. Jeden zweiten Monat sollen sie an einem bestimmten Tage beim Bischof sich versammeln. Die Verhandlungen und Beschlüsse müssen geheim gehalten werden. Ihre amtlichen Obliegenheiten sind die folgenden: Sie haben den Anzeichen und Spuren des Modernismus in Büchern und Lehrvorträgen sorgfältig nachzugehen; zum Schutze des Klerus und der Jugend haben sie klug, aber unverzüglich und nachdrücklich die nötigen Verordnungen zu erlassen. – Neuerungen in der Terminologie haben sie zu verhüten, eingedenk der Mahnung Leos XIII.: Man könne es nicht gutheißen, wenn in den Schriften von Katholiken eine Sprache angewandt wird, welche durch die Parteinahme für verkehrte Neuerungen den Anschein weckt, die gläubige Frömmigkeit zu verlachen, und sich da ergeht über neue Ordnung des christlichen Lebens, neue Vorschriften der Kirche, neue Bedürfnisse des modernen Geistes, neuen sozialen Beruf des Klerus, neue christliche Gesittung und dergleichen.[10] Derartiges dürfen sie weder in Büchern noch in Vorlesungen dulden. Auch auf jene Bücher sollen sie ein Auge haben, in welchen fromme örtliche Überlieferungen oder religiöse Reliquien behandelt werden. Die Behandlung solcher Gegenstände in Zeitungen oder erbaulichen Zeitschriften dürfen sie nicht zugeben noch Ausdrücke dulden, welche Spott und Verachtung verraten, nach den Anspruch auf entscheidendes Urteil, insbesondere, wenn, wie es oft vorkommt, die vorgebrachten Behauptungen sich nur auf Wahrscheinlichkeiten oder Vorurteile stützen.

Reliquien

Bezüglich der Reliquien halte man sich an folgende Richtschnur: Wenn die Bischöfe, die hier allein zuständig sind, sicher wissen, dass eine Reliquie nicht echt ist, müssen sie dieselbe der Verehrung der Gläubigen entziehen. Wenn die Zeugnisse für die Echtheit einer Reliquie vielleicht bei bürgerlichen Wirren oder durch irgend einen Zufall verloren gegangen sind, darf dieselbe zur öffentlichen Verehrung nicht ausgesetzt werden, bis der Bischof sie als echt anerkennt hat. Der Beweis aus Verjährung und begründeter Vermutung soll nur dann zur Geltung kommen, wenn ein hohes Alter der Verehrung ihn unterstützt gemäß dem Dekret, welches von der heiligen Kongregation für die Beurteilung der Ablässe und Reliquien im Jahre 1896 erlassen wurde und welches lautet: Die alten Reliquien sind mit jener Verehrung zu bewahren, welche ihnen bisher zukam, es sei denn, dass in besondern Fällen sichere Beweise für ihre Fälschung oder Unechtheit vorliegen. Stehen fromme Überlieferungen zur Beurteilung, so beachte man folgendes: Die Kirche ist in diesem Stücke so vorsichtig, dass sie nur mit großem Bedacht und unter Vorausschickung der von Urban VIII. verordneten Erklärung solche Überlieferungen in Schriften vortragen lässt; und auch wenn die Forderung erfüllt wird, spricht sie sich nicht für die Wahrheit des Falles aus, sondern verbietet nur nicht, daran zu glauben, sofern nicht die menschlichen Beweggründe dazu fehlen. Ganz in diesem Geiste hat die Ritenkongregation vor dreißig Jahren hierüber die Bestimmung getroffen: Solche Erscheinungen und Offenbarungen seien vom Apostolischen Stuhl weder beglaubigt noch verworfen, sondern nur zum Gebrauche erlaubt als Gegenstände frommen, jedoch allein auf menschliche Zeugnisse gestützten Glaubens, gemäß der Überlieferung, aus welcher er stammt und der Bestätigung, welche er in Bezeugungen und Denkmälern findet.[11] Wer sich daran hält, hat nichts zu fürchten. Denn die religiöse Verehrung jeglicher Erscheinungen hat, soweit die Tatsache in Betracht kommt und sie als relative bezeichnet wird, immer die Bedingung zur Voraussetzung, dass die Erscheinung auf Wahrheit beruht. Soweit aber die Verehrung absolut ist, beruht sie immer auf Wahrheit, denn sie richtet sich als solche an die Personen der Heiligen selbst, denen die Verehrung gilt. Dasselbe ist von den Reliquien zu sagen. – Endlich beauftragen Wir die Aufsichtsbehörde, dass sie auf die sozialen Institute und desgleichen auf die Literatur über die soziale Frage unermüdlich und sorgsam ihr Auge richte, damit nicht irgendwie dahinter der Modernismus sich verberge, sondern die Vorschriften der Päpste dabei eingehalten werden.

Berichterstattung

16 Damit diese Verordnungen nicht der Vergessenheit anheimfallen, befehlen Wir gemäß Unserer Willensentschließung, dass die Bischöfe der einzelnen Diözesen ein Jahr nach Veröffentlichung des gegenwärtigen Schreibens, später jedoch alle drei Jahre dem Heiligen Stuhl genauen und eidlich bekräftigen Bericht erstatten über die Durchführung der in diesem Rundschreiben getroffenen Anordnungen, ferner über die Lehren, welche beim Klerus Anklang gefunden haben, besonders aber auch in Seminarien und andern katholischen Instituten, auch jene nicht ausgenommen, welche der bischöflichen Gewalt nicht untergeben sind. Die gleichen Vorschriften geben Wir den Generalobern der religiösen Orden in Hinsicht auf ihre Untergebenen. Diese Anordnungen bestätigen Wir alle und diejenigen, welche den Gehorsam gegen sie verweigern sollten, verfallen der Strafe der Verletzung des Gewissens.

Schrifttum und Kleriker

17 Mit Rücksicht auf die Alumnen des geistlichen Standes in den Seminarien und auf die Zöglinge der religiösen Institute fügen Wir dann noch nachstehend einige besondere Vorschriften bei.
Alumnen

In den Seminarien nämlich soll alles darauf hinarbeiten, dass Priester herangebildet werden, welche dieses Namens würdig sind. Man soll nicht meinen, dass diese Häuser bloß für das Studium oder das religiöse Leben geschaffen seien. Durch beider Pflege erst erfüllt das Institut seinen Zweck ganz. Sie sind gleichsam Übungsplätze zur Einschulung der Kriegsschar Christi in täglicher Vorbereitung. Soll ein ganz gut geübtes Heer aus ihnen hervorgehen, dann bedarf es unbedingt zweier Dinge: der Wissenschaft zur Bildung des Geistes, der Tugend zur Vervollkommnung der Seele. Der Geist der ersteren erfordert, dass der geistliche Nachwuchs recht eigentlich in diejenigen Disziplinen unterrichtet werde, welche mit dem Studium der göttlichen Wahrheiten im engeren Zusammenhang stehen, der Geist der andern verlangt einzigartige Erprobung der Tugend und der Charakterstärke. Die Leiter des Unterrichts und der religiösen Übungen mögen also achten, zu welcher Hoffnung die einzelnen Alumnen berechtigen und welche Veranlagung ihnen verliehen ist, ob sie ihren Neigungen, mehr als angemessen ist, nachgeben oder vom Weltgeist sich erfasst zeigen; ob sie gerne gehorchen, Eifer für die Frömmigkeit haben, ohne Aufgeschlossenheit und treu gegen die Ordnung sind; ob sie von einem richtigen Ziel geleitet werden oder ob nur menschliche Rücksichten sie zur priesterlichen Würde zu streben veranlassen; ob sie endlich Heiligungseifer und wissenschaftliches Streben in nötigem Maße verbinden oder wo es ihnen daran fehlt, aufrichtig und willig danach streben. Diese Beobachtung ist nicht allzu schwer.

18 Ob ihnen die Tugenden, die Wir angeführt haben, mangeln, verrät sich bald darin, dass sie die religiösen Pflichten nur mit verstelltem Eifer erfüllen und die Ordnung nur aus Furcht und nicht mit Gewissenhaftigkeit beobachten. Wer sich nur aus knechtischer Furcht daran hält oder sie leichtsinnig und verächtlich übertritt, bei dem fehlt alle Hoffnung, dass er das Priesteramt heilig verwalten werde. Wer die Hausordnung gering schätzt, gilt nicht wohl als künftiger treuer Beobachter der öffentlichen Kirchengesetzte. Entdeckt der Leiter der geistlichen Erziehungsanstalt eine solche Seelenverfassung und findet er, dass trotz der einen oder andern Warnung im Laufe einjähriger Probezeit die Gewohnheit nicht aufgegeben wird, so soll er den Betreffenden ausschließen, so zwar, dass weder er noch irgend ein anderer Bischof ihn wieder aufnehmen darf.

19 Diese beiden Stücke sind für die Zulassung zum geistlichen Stand durchaus erforderlich: ein unbescholtenes Leben und damit verbunden eine gesunde Auffassung der Glaubenslehre. Man vergesse auch nicht: die Gebote und Mahnungen, welche die Bischöfe an die Weihekandidaten richten sollen, wenden sich nicht minder an sie selbst als an die Empfänger der Weihen; so wenn es dort heißt: „Man muss darauf achten, dass himmlische Weisheit, gute Sitten und langerprobte Übung der Gerechtigkeit den Ausgewählten empfehle ... Sie sollen erprobte und reif sein in der Wissenschaft zugleich und im Werke ... es leuchte in ihnen jegliche Gerechtigkeit.“

Tiefes Eindringen in die Vorzüge der Glaubenslehre

20 Was den guten Lebenswandel angeht, so könnte es an dem Gesagten genügen, wenn derselbe von den wissenschaftlichen Anschauungen und den Meinungen, zu denen jemand hält, leicht getrennt werden könnte. Aber das Buch der Sprichwörter sagt mit Recht: An seiner Lehre erkennt man den Mann.[12] Und der Apostel lehrt: Wer nicht in der Lehre Christi verbleibt, hat Gott nicht.[13] Welche Mühe man sich geben soll, viele und mannigfache Kenntnisse zu erwerben, das beweist schon unsere Zeitrichtung, von welcher nichts höher angeschlagen wird als die Aufklärung der fortschreitenden Bildung. Wer also im priesterlichen Stand sein Amt verwalten will, wie seine Zeit es fordert, wer mit Erfolg in der gesunden Lehre ermuntern und die Widersprechenden zurückweisen will,[14] wer seine Geistesgaben zum Nutzen der Kirche anwenden möchte, der muss eine mehr als gewöhnliche wissenschaftliche Bildung sich aneignen und tief eindringen in die Vorzüge der Glaubenslehre. Denn man hat nicht mit unerfahrenen Gegnern zu kämpfen. Sie verbinden mit der Geschicklichkeit in den Studien ein oft mit Arglist auferbautes Wissen. Ihre täuschenden und blendenden Lehrsätze bringen sie mit großem Aufwand klangvoller Worte zum Vortrag und es gewinnt den Anschein, als wäre in ihnen etwas Weithergeholtes dargelegt worden. Daher muss man rechtzeitig die Geisteswaffen bereitstellen, d.h. alle, welche für das heilige, schwere Amt im Schatten der heimischen Schulen sich rüsten, sollen ein reiches Fruchtfeld der Wissenschaft sich verschaffen.

21 Da jedoch das menschliche Leben so eng begrenzt ist, dass man aus der reichen Quelle der Erkenntnis kaum die Probe kosten kann, so muss auch wieder der Wissensdurst gezügelt werden treu den Worten des heiligen Paulus: Nicht höher sich zu schätzen, als wie es sich geziemt, sondern sich zu schätzen nach dem richtigen Maße.[15] Nun sind dem Kleriker schon Gegenstände des Studiums in genügend reicher Menge und schwieriger Natur aufgegeben, seien es solche der Heiligen Schrift, der Glaubenslehren, der Moral, der Wissenschaft vom frommen Leben und den religiösen Übungen, die man Aszetik nennt, der Kirchengeschichte, des kanonischen Rechtes oder der Homiletik. Um die studierende Jugend davor zu bewahren, mit andern Dingen ihre Zeit zu verlieren und sich von ihrem Hauptstudium abhalten zu lassen, verbieten Wir ihnen durchaus die Lektüre aller Zeitungen und Zeitschriften, selbst der besten und machen die Vorsteher in ihrem Gewissen verantwortlich, wenn sie nicht ängstlich dafür gesorgt haben, dass nichts derartiges vorkomme.

Den Eid zu Leistenden

22 Um dann jede Furcht vor einem heimlichen Einschleichen des Modernismus abzuschneiden, wollen Wir nicht nur alle oben unter Nr. 2 gegebenen Verordnungen beachtet sehen, sondern schreiben außerdem noch vor, dass alle Lehrer, bevor sie im Beginn des Studienjahres ihre Vorlesungen aufnehmen, dem Bischof die Abfassung dessen vorlegen, was sie als Gegenstand des Unterrichts behandeln wollen oder die Gegenstände ihrer Abhandlungen oder die Thesen; dann soll im Verlauf des Jahres die Lehrweise jedes Dozenten zur Kenntnis genommen werden; weicht sie von der gesunden Lehre ersichtlich ab, dann soll der Dozent sofort entfernt werden. Endlich müssen sie außer dem Glaubensbekenntnis ihrem Bischof nach der unterstehenden Formel einen Eid leisten und mit ihrem Namen unterzeichnen. Außerdem haben diesen Eid nach Ableistung des Glaubensbekenntnisses, wie es Unser Vorgänger Pius IV. vorgeschrieben hat und mit Beifügung der Definitionen des Vatikanischen Konzis ihrem Bischof zu schwören:

A). Die Kleriker, welche die höheren Weihen empfangen sollen. Jedem einzelnen derselben soll zuvor ein Exemplar des Glaubensbekenntnisses und des vorgeschriebenen Eides eingehändigt werden, damit sie dasselbe vorher genau zur Kenntnis nehmen. Dabei ist die Folge, welche die Verletzung des Eides nach sich zöge, wie unten geschieht, hervorzuheben.

B) Die Beichtväter und Kanzelredner, bevor sie die Ermächtigung zur Ausübung dieses Amtes erhalten.

C) Die Pfarrer, Kanoniker und Benefiziaten, ehe sie in den Besitz ihrer Pfründe eintreten.

D) Die Beamten der bischöflichen Kanzleien und der kirchlichen Gerichtshöfe mit Einschluss des Generalvikars und der Richter.

E) Die Fastenprediger für die vierzigtägige Fastenzeit.

F) Alle Beamten der römischen Kongregationen und Gerichtshöfe vor dem Kardinalpräfekten oder dem Sekretär der Kongregation oder des Gerichtshofes.

G) Die Leiter und Lehrer der religiösen Orden und Kongregationen der Übernahme ihres Amtes.

23 Die Akten über die Ablegung des Glaubensbekenntnisses, wie es angegeben ist und die Leistung des Eides sollen in besonderen Tabellen in den bischöflichen Kanzleien aufbewahrt werden, ebenso bei den römischen Kongregationen die sie betreffenden diesbezüglicher Schriftstücke. Wenn aber jemand, was Gott verhüte, sich erkühnen sollte, diesen Eid zu verletzen, so soll er sofort dem Tribunal des heiligen Offiziums angezeigt werden.

Eidesformel

24 „Ich ... heiße festiglich gut und nehme an alles und jedes, was vom unfehlbaren Lehramt der Kirche definiert, ausgesprochen und erklärt worden ist, insbesondere jene Lehrsätze, welche direkt gegen die Irrtümer der gegenwärtigen Zeit gerichtet sind. Zunächst bekenn ich, dass Gott, aller Dinge Ursprung und Ziel, mit dem Lichte der natürlichen Vernunft, durch das, was erschaffen worden ist, d.h. durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, gleichwie die Ursache durch ihre Wirkungen, mit Sicherheit erkannt und somit auch bewiesen werden kann. Zweitens: Ich anerkenne die äußeren Beweismittel der Offenbarung, d.h. die göttlichen Taten, in erster Linie die Wunder und Prophezeiungen als ganz sichere Zeichen des göttlichen Ursprungs der christlichen Religion und halte dafür, dass dieselben dem Geiste aller Zeiten und Menschen, auch der Gegenwart, auf das beste angepasst sind. Drittens: Ich bekenne desgleichen mit festem Glauben, dass die Kirche, die Hüterin und Lehrerin des göttlichen Wortes, durch den wahren und geschichtlichen Christus selbst, als er bei uns weilte, also gleich und unmittelbar eingesetzt und dass dieselbe auf Petrus, den Fürsten der apostolischen Hierarchie und seine Nachfolger durch alle Zeit hindurch auferbaut worden ist. Viertens: Die von den Aposteln der durch die rechtgläubigen Väter im gleichen Sinn und immer gleichen Inhalt bis auf uns überlieferte Glaubenslehre nehme ich aufrichtig an. Daher verwerfe ich durchaus die häretische Annahme von der Entwicklung der Glaubensätze, als gingen sie von einem Sinn in einen andern, vom früher in der Kirche geltenden verschiedenen über; ebenso verdamme ich jeden Irrtum, durch welchen an Stelle des göttlichen, der Braut Christi übergebenen und von ihr zu bewahrenden Glaubensgutes eine Erfindung der Philosophie oder eine Schöpfung des menschlichen Bewusstseins gesetzt wird, welche durch menschliche Bemühung sich nach und nach gebildet habe und in Zukunft in unbegrenztem Fortschritt zur Vollendung kommen soll. Fünftens: Aus gewisseste halte ich fest und bekenne aufrichtig, dass der Glaube nicht ein blindes religiöses Gefühl ist, das aus dem Dunkel des Unterbewusstseins entspringt unter dem Druck des Herzens und Beugung des sittlich gestalteten Willens, sondern dass er eine wahre Zustimmung des Verstandes zur von außen durch das Hören empfangenen Wahrheit ist, durch welche wir wegen der Autorität Gottes des Allwahrhaften für wahr halten, was uns vom persönlichen Gott, unserm Schöpfer und Herrn gesagt, bezeugt und geoffenbart worden ist.

25 „Ich unterwerfe mich auch mit gebührender Ehrfurcht und pflichte mit ganzer Seele bei allen Verurteilungen, Erklärungen und Vorschriften, welche in dem Rundschreiben „Pascendi“ und in dem Dekret „Lamentabili“ enthalten sind, insbesondere jenen, welche die sogenannte Geschichte der Dogmen betreffen. – Desgleichen weise ich den Irrtum derjenigen zurück, welche behaupten, der von der Kirche gelehrte Glaube könne der Geschichte widersprechen und die katholischen Dogmen könnten in dem Sinne, in welchem sie heute verstanden werden, mit den im helleren Licht der Wahrheit erkannten Anfängen der christlichen Religion nicht vereinbart werden. – ich verwerfe auch und lehne ab die Lehre derjenigen, welche sagen, der gebildete Christi trage in sich eine doppelte Persönlichkeit, die eine als gläubiger, die andere als geschichtlich denkender Mensch, gleich als wäre es gestattet im geschichtlichen Denken festzuhalten, was dem Glauben des gläubigen Menschen widerspricht, oder Sätze aufzustellen, aus denen folgte, die Glaubenslehren seien falsch oder zweifelhaft, sofern man diese nur nicht direkt leugnet. – Gleichermaßen weise ich zurück jene kritische und exegetische Behandlung der Heiligen Schrift, welche die Überlieferung der Kirche, die Analogie des Glaubens und die Vorschriften des Apostolischen Stuhls beiseite setzt und sich an die Voraussetzungen der Rationalisten hält und die Textkritik als einzige und höchste Regel ebenso frei als kühn aufstellt. – Außerdem weise ich die Lehre derjenigen zurück, welche meinen, der Lehrer der kirchlichen Dogmengeschichte oder der Schriftsteller auf diesem Gebiete müsse zuerst jede zuvor gewonnene Meinung über den göttlichen Ursprung der katholischen Überlieferung oder über den göttlichen versprochenen Beistand zur dauernden Bewahrung aller geoffenbarten Wahrheit beiseite setzen; ferner die Schriften der einzelnen Väter seien nur nach den Grundsätzen der Wissenschaft unter Außerachtlassung jeder kirchlichen Autorität und mit derselben Urteilsfreiheit zu erklären, mit welcher man beliebige profane Denkmäler zu erforschen pflegt. – Schließlich erkläre ich mich völlig frei von jenem Irrtum, mit dem die Modernisten behaupten, dass der kirchlichen Überlieferung nichts Göttliches innewohne oder was noch viel schlimmer ist, es nur im pantheistischen Sinne zugeben; so dass nur eine bloße menschliche Tatsache übrig bleibt, die den gemeinen Tatsachen der Geschichte gleichsteht, nämlich die, dass eine Schule von Christus und keinen Aposteln begonnen, durch die folgenden Zeitalter von den Menschen durch ihren Fleiß, ihre Wachsamkeit und ihre Geisteskraft fortgesetzt worden ist. Daher halte ich aufs standhafteste fest und werde ich bis zum letzten Atemzug bewahren den Glauben der Väter vom sichern Charisma der Wahrheit, das liegt, war und immer sein wird in der Nachfolge der Bischöfe von den Aposteln her;[16] so zwar, dass nicht das festgehalten wird, was für die Kultur des jeweiligen Zeitalters besser und passender erscheint, sondern so, dass niemals anders geglaubt und anders verstanden wird die absolute und unveränderliche, im Anfang durch die Apostel verkündete Wahrheit.[17]

26 „Alles dieses gelobe ich getreu, unverkürzt und aufrichtig zu bewahren und unverletzlich zu behüten und davon niemals, sei es beim Lehren, sei es sonst wie in Wort und Schrift abzuweichen. Das gelobe ich und schwöre ich, so wahr mir Gott und dieses heilige Evangelium helfe.“

Über das geistliche Predigtamt

27 Aus langer Beobachtung haben Wir außerdem die Gewissheit gewonnen, dass die Sorgen der Bischöfe für die Verkündigung des Wortes Gottes nicht von den zu erhoffenden Früchten begleitet werden. Die Schuld daran glauben Wir nicht so sehr der Nachlässigkeit der Zuhörer beizumessen zu sollen, als dem Ehrgeiz der Kanzelredner, die mehr Menschenwort als Gotteswort vortragen. Daher haben Wir es für zeitgemäß erachtet, einen Erlass, den auf Befehl Unseres Vorgängers Leo XIII. seligen Angedenkens die Kongregation der Bischöfe und Regularen am 31. Juli 1894 herausgegeben und an die Ordinarien Italiens und an die Leiter der Orden und Kongregationen daselbst versandt hat, in lateinischer Übersetzung zu veröffentlichen und den Ordinarien zu empfehlen.

Die Tugenden der geistlichen Redner

28 Was in erster Linie die Tugenden angeht, welche allermeist den geistlichen Redner zieren und auszeichnen sollen, so mögen die Ordinarien und Ordensvorsteher es verhüten, dass das heilige und heilsame Amt der Verkündigung des göttlichen Wortes Männern anvertraut werde, die nicht in reichem Maße der Schmuck der Gottesfurcht und der Liebe gegen Christum unsern Herrn ziert. Wenn diese Eigenschaften den Verkündern des katholischen Glaubens fehlen, so sind sie nichts anderes als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle,[18] wenn sie auch noch so sehr über rednerische Begabung verfügen. Niemals besitzen sie das, was der Predigt des Evangeliums alle Kraft und Starke gibt, den Eifer für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen. Diese für den geistlichen Redner in erster Linie nötige Religiosität muss auch im äußeren Lebensverkehr sich zeigen. Nicht sollen, während die Rede die christlichen Gebote und Einrichtungen feiert, die Sitten der Redner die Predigt verleugnen; und nicht sollen sie im Werke niederreißen, was sie durch ihre Predigt auferbaut haben. Auch soll außerdem diese Religiosität nicht von weltlichen Dingen beeinflusst sein, sondern sie sei mit jenem Ernst verbunden, welcher wirklich die Diener Christi und die Ausspender der Geheimnisse Gottes[19] charakterisiert. Sanft nämlich trifft das scharfe Wort des englischen Lehrers zu: Wenn die Lehre gut, der Verkündiger aber schlecht ist, dann ist gerade er die Veranlassung zur Verschmähung der Lehre Gottes.[20] Die Frömmigkeit und die andern Tugenden soll dann die Wissenschaft treu begleiten. Denn es ist an sich klar und wird durch die tägliche Erfahrung bestätigt, dass eine weise, wohlgebaute und fruchtbringende Beredsamkeit dort nicht zu finden ist, wo kein reichliches Wissen zumal in der Theologie vorhanden ist und wo der Redner im Vertrauen auf eine angeborene Gewandtheit im Sprechen die Kanzel unbesonnen und fast ohne Vorbereitung betritt. Diese Rede ist nur ein Luftgetön. Ohne es zu wissen, setzen solche das Gotteswort der Verachtung und dem Spotte aus und verdienen es wohl, dass man den Ausspruch Gottes auf sie anwende: Weil du die Wissenschaft von dir gestoßen hast, will auch die dich von mir stoßen und von der Verwaltung des Priestertums zurückweisen.[21]

Nötige Religiosität und wissenschaftliche Bildung

29 Daher dürfen die Bischöfe und Ordensobern die Verkündigung des göttlichen Wortes keinem Priester anvertrauen, ehe von demselben bewesen ist, dass er die nötige Religiosität und wissenschaftliche Bildung besitze. Auch sollen sie sorgfältig darüber wachen, dass nur solche Gegenstände zum Thema der Predigt genommen werden, welche in das Gebiet der geistlichen Rede gehören. Dieses hat Christus der Herr selbst bezeichnet, als er sagte: Verkündigt das Evangelium …[22] Lehret sie alles halten, was immer ich euch geboten habe.[23] Passend bemerkt zu diesen Worten des heiligen Thomas: „Die Prediger sollen belehren über die Gegenstände des Glaubens, leiten in der Verrichtung der guten Werke, zeigen, was zu meiden ist und bald mit Drohungen, bald mit Ermutigungen den Menschen predigen.“[24] Und das Konzil von Trient stellt die Aufgabe: Die Fehler anzugeben, welche man meiden und die Tugenden zu zeigen, denen man nachstreben muss, um der ewigen Verdammnis zu entgehen und die himmlische Herrlichkeit zu erlangen.[25] Dieses alles hat auch Pius IX. seligen Angedenkens ausführlich dargelegt in der Erklärung: „Die Prediger sollen nicht sich selbst, sondern Christum den Gekreuzigten, die Glaubenssätze und Gebote unserer heiligen Religion nach der Lehre der katholischen Kirche und der Väter in ernster und gutgebauter Rede dem katholischen Volke klar und offen verkündigen; mit Sorgfalt sollen sie die besondern Pflichten der einzelnen darlegen, alle vom Wege des Lasters abschrecken und die Frömmigkeit entzünden, damit die Gläubigen, durch das Wort Gottes heilsam bestärkt, alle Verfehlungen vermeiden, den Tugenden nachstreben und so der ewigen Strafe entgehen, aber die himmlische Herrlichkeit gewinnen können.“[26] Aus alldem geht klar hervor, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis, die Gebote Gottes und der Kirche, die heiligen Sakramente, die Tugenden und Sünden, die besondern Standespflichten, die letzten Dinge und die andern ewigen Wahrheiten, die eigentlichen und notwendigen Gegenstände für die Predigt sind.

Lechzen nach der Gunst des Volkes

30 Jedoch auf diese reichen, ergiebigen und wichtigen Stoffquellen legen nicht selten neuere Kanzelredner gar kein Gewicht. Wie an etwas Veraltetem und Nichtigem gehen sie daran voll Nachlässigkeit fast vorbei. Diese haben wohl beachtet, dass die erwähnten Gegenstände wenig geeignet sind, die Gunst des Volkes zu gewinnen, nach der sie so sehr lechzen. Da sie ihren eigenen Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi[27] suchen, so haben sie jene Gegenstände ganz beiseite gesetzt. Sie tun das sogar in den Tagen der heiligen Fastenzeit und an den Hauptfesttagen des Jahres. Mit der Sache berauschen sie zugleich auch den Namen und setzen an die Stelle der alten Predigten eine neue und zu wenig verstandene Spezialität der Beredsamkeit, welche sie als Konferenzrede bezeichnen und welche besser geeignet ist, Geist und Gedanken anzuregen als den Willen aufzurütteln und die Sitten zu heben. Sie haben wahrlich nicht überlegt, dass Moralpredigten allen, Konferenzreden nur wenigen etwas nützen und dass, wenn für die sittliche Hebung dieser besser gesorgt würde durch häufige Ermahnung zur Keuschheit, zur Demut, zum Gehorsam gegen die Vorsteher der Kirche, sie ganz von selbst ihre Vorurteile gegen den Glauben ablegen würden und das Licht der Wahrheit mit empfänglichem Geiste aufnehmen würden. Wenn viele in Sachen der Religion verkehrten Ansichten huldigen, besonders unter katholischen Völkern, so hat man die Ursache eher in der Entfesselung der Begierlichkeit als in einem Irrgang des Geistes zu suchen. Das spricht das Wort Gottes selbst aus: „Aus dem Herzen kommen verkehrte Gedanken ..., Gotteslästerungen.“[28] Daher bemerkt Augustinus zur Erfüllung des Psalmverses: „Der Tor spricht in seinem Herzen, es ist keinen Gott“[29] „,in seinem Herzen, nicht in seinem Verstande`.“

Zur Abwehr von Irrtümern

31 Das ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob Predigten dieser Art ganz und gar missbilligt werden sollten. Wenn sie richtig behandelt werden, können sie recht nützlich sein, ja sogar notwendig zur Abwehr von Irrtümern, durch welche die Religion angegriffen wird. Aber gänzlich ist von der Kanzel fernzuhalten jenes Wortgepränge, welches mehr bei der Zurschaustellung der Dinge sich aufhält, als zur Bestätigung der Religion anleitet, mehr mit den politischen Angelegenheiten sich befasst als mit der Religion und mehr in äußerem Glanz seinen Wert sucht als in reichlichen Früchten. Eine solche Behandlungsweise passt mehr für wissenschaftliche Abhandlungen und akademische Vorträge, der Würde und Weihe des Gotteshauses entspricht sie ganz und gar nicht. Vorträge aber oder Konferenzen, deren Zweck die Verteidigung der Religion gegen feindliche Angriffe ist, sind wohl manchmal notwendig, aber nicht für die Fassungskraft aller verständlich, sondern nur für die entsprechend Ausgerüsteten. Auch hervorragende Redner müssen hier große Vorsicht anwenden; solche Apologien dürfen nicht unternommen werden, außer wo die Zeit- und Ortverhältnisse oder die Lage der Zuhörer sie dringend fordern und wo man hoffen darf, Erfolg zu erzielen; das zuständige Urteil darüber haben die Ordinarien zu fällen, was niemand bezweifeln wird. Außerdem müssen bei solchen Vorträgen die Beweise mehr auf die göttliche Wahrheit sich stützen als auf menschliches Wissen; alles muss nachdrücklich und lichtvoll ausgesprochen werden, damit nicht etwa die Zuhörer die Irrtümer schärfer erfassen als die gegenteilige Wahrheit und die Einwürfe kräftiger packen als die Widerlegungen. Vor allem aber muss man zu verhüten trachten, dass solche Vorträge durch ihre Häufigkeit der Sittenpredigt an ihrem Ansehen Abtrag tun und sie zurückdrängen, gleich als wäre sie etwas weniger Wertvolles gegenüber jener streitbaren Beredsamkeit und daher auf die Hörer und Redner in den gewöhnlichen Volksreisen zu beschränken. Gerade das Gegenteil ist wahr. Sittenpredigten sind für die Wahrheit der Gläubigen höchst notwendig; an Wert aber stehen sie hinter den polemischen Erörterungen keineswegs zurück. Deshalb sollten auch die besten Redner vor jedem Publikum, mag es noch so vornehm oder zahlreich sein, mit allem Eifer mehrfach sich denselben widmen. Geschieht dies nicht, so sieht sich sie Mehrzahl der Gläubigen gezwungen, immer von Irrtümern zu hören, die ihnen meistenteils verhasst sind, niemals aber erfährt sie etwas von den Lastern und Sünden, von denen eine solche Zuhörerschaft mehr als andere betroffen wird.

Gestalt und Form der Predigt

32 Ist die Auswahl des Gegenstandes nicht vor Fehlgriffen sicher, so sind noch ernstere Missstände zu beklagen, wenn man die Gestalt und Form der Predigt in Betracht zieht. Der heilige Thomas von Aquin sagt darüber in vortrefflicher Erörterung: „Um ein Licht für die Welt zu sein, muss der Prediger des göttlichen Wortes drei Eigenschaften haben: die erste ist die Glaubensfestigkeit, so dass er nicht von der Wahrheit abirrt, die zweite ist die Klarheit, so dass er bei der Lehre keine Dunkelheit übrig lässt, die dritte ist die Nützlichkeit, gemäß der er Gottes Lob, nicht das eigene suchen soll.“[30] Die heutige Art zu predigen ist nun aber oft so, weil von der Klarheit und Schlichtheit des Evangeliums entfernt, welche ihr eigen sein sollte, dass sie sich ganz in Weitschweifigkeiten und Tüfteleien verliert, welche die Fassungskraft des Volkes übersteigen. Wahrhaft eine beklagenswerte Erscheinung, von welcher man mit dem Propheten bedauernd sagen muss: „Die Kinder haben nach Brot verlangt und niemand brach es ihnen.“[31] Noch schlimmer aber ist, dass solchen Predigten oft jener religiöse Geist, jener Hauch christlicher Frömmigkeit, endlich jene göttliche eindringliche Kraft und jene Macht des Heiligen Geistes fehlt, der zur Seele von innen spricht und die Herzen sanft zum Guten antreibt. In dieser Kraft und Macht aber sollten die geistlichen Redner immer die Worte des Apostels auf sich anwenden: „Mein Vortrag und meine Predigt stützt sich nicht auf die Überredungskünste menschlicher Weisheit, sondern auf den Erweis des Geistes und der Kraft.“[32] Statt dessen aber verlassen sie sich gerade auf diese Überredungskünste menschlicher Weisheit, kaum oder gar nicht achten sie auf die göttlichen Aussprüche und auf die Heilige Schrift, wo doch für die geistliche Beredsamkeit die vorzüglichsten und reichsten Quellen fließen, wie dies neuestens die bedeutsamen Worte unseres Heiligen Vaters Leo XIII. so beredt dargetan haben: „Diese eigentümliche und einzigartige Kraft der Heiligen Schrift, die ihr vom Heiligen Geiste in göttlicher Eingebung eingehaucht worden ist, sie gibt dem geistlichen Redner Kraft, sie verleiht ihm apostolischen Freimut der Rede, sie gibt seinen Worten obsiegenden Nachdruck. Denn jeder, der in seiner Rede Geist und Kraft des göttlichen Wortes walten lässt, der spricht nicht nur in Worten, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in reicher Fülle.[33] Darum muss man jene eines verkehrten und unbesonnenen Verfahrens zeihen, welche bei religiösen Vorträgen und bei der Verkündigung der Gebote Gottes sich fast ganz auf menschliche Wissenschaft und Weisheit beschränken und sich mehr auf selbstersonnene Beweisgründe als auf Gottes Wort stützen. Solche Reden können wohl glänzen durch geistreiche Stellen, aber sie können nur Erschlaffung und Erkaltung hervorbringen, da ihnen das Feuer des göttlichen Wortes fehlt und sie ganz von der Kraft unberührt sind, die im Worte Gottes wogt; denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und dringt schärfer ein als jedes zweischneidige Schwert und führt hinein bis dort, wo es Seele und Geist scheidet.“[34] Gleichwohl ist auch den Gelehrten zuzustimmen, dass die Heilige Schrift in wunderbarer Weise erfüllt ist von einer abwechslungsvollen, reichen und großzügigen Beredsamkeit. Der heilige Augustinus hat das schon erkannt und hervorgehoben[35] und die Tatsache bestätigt es, dass die besten geistlichen Redner mit Dank gegen Gott erklärt haben, ihren Ruf dem beständigen Studium der Bibel und der frommen Betrachtung vorzüglich zu verdanken.[36]

Quelle der Predigt

33 So ist also die Hauptquelle der geistlichen Beredsamkeit die Bibel. Aber die Prediger, welche sich nach neuen Vorbildern schulen, suchen den Inhalt ihrer Rede nicht aus dem Brunnen des lebendigen Wassers zu schöpfen, sondern unter unerträglichen Missbrauch wenden sie sich schadhaften Zisternen menschlicher Weisheit zu; die von Gott eingegebene Lehre lassen sie beiseite, ebenso die Väter und die Konzilien und können nicht genug Namen und Aussprüche weltlicher neuerer Schriftsteller, selbst noch lebender, anführen. Oft geben solche Aussprüche dann Anlass zu zweideutigen und sehr gefährlichen Auslegungen.“

Allein von der Liebe Christi reden - Übergehen der Pflichten

34 Eine andere Gefahr des Anstoßes schaffen Prediger, indem sie bei ihren Darlegungen das Religiöse ganz am Nutzen und Vorteil dieses hinfälligen Lebens messen und des künftigen und ewigen fast vergessen; sie legen dabei die Früchte klar dar, welche die Gesellschaft von der christlichen Religion empfängt, übergehen aber die Pflichten, welche den Menschen obliegen; sie sprechen allein von der Liebe Christi des Erlösers und schweigen von seiner Gerechtigkeit. Diese Art zu predigen, ist naturgemäß wenig fruchtbar. Der weltliche Mensch hört dabei zu und bleibt überzeugt, dass er seine Sitten nicht zu ändern brauche und doch ein guter Christ sein werde, wenn er nur sagt: Ich glaube an Jesum Christum.[37] – Doch was liegt ihnen daran, Früchte zu sammeln? Das ist ja gar nicht ihre Absicht, sondern ihr höchstes Ziel ist nur der Beifall jener, welche zuhören, um sich die Ohren kitzeln zu lassen; sehen sie nur volle Gotteshäuser, dann dürfen die Herzen schon leer bleiben. Dieser Grund verführt sie, jede Erwähnung der Sünde, der letzten Dinge und anderer hochwichtigen Angelegenheiten zu unterlassen und ihr ganzes Bestreben erschöpft sich in gefälligem Wortprunk. Eine solche Beredsamkeit ist eher eine politisch weltliche als eine apostolische und geistliche. Sie sucht Geschrei und Beifall, wogegen einst der heilige Hieronymus erklärte: „Wenn du im Gotteshause lehrst, so soll nicht ein Beifallsgeschrei, sondern Zerknirschung im Volke erwachen. Die Tränen der Zuhörer seien dein Lob.“[38] Für solche Predigten bieten sie innerhalb und außerhalb der Kirchen selbst eine theatralische Zurüstung auf und nehmen damit der Veranstaltung alle Heiligkeit und allen Ernst. So ist dem Ohre des Volkes und vielfach auch der Kleriker aller Freude verloren gegangen, die man sonst aus dem Worte Gottes schöpfte. Alle Gutgesinnten haben daran Anstoß genommen. Gerade bei den Abirrenden aber sieht man nur geringe oder gar keine Erfolge. Sie kommen wohl bisweilen zur Predigt und wollen schöne Worte vernehmen und es schmeichelt ihnen besonders, das hochklingende und immer wieder ertönende Lied vom Kulturfortschritt, vom Vaterland, von der neu aufblühenden Wissenschaft zu hören. Da folgen sie dem gewandten Redner mit reichem Beifall. Dann aber gehen sie zum Tempel hinaus, wie sie gekommen sind, nicht unähnlich jenen, die zwar von Bewunderung erfüllt wurden, aber sich nicht bekehren.[39]

Mahnung

35 In der Absicht, diese vielen und tadelnswerten Missbräuche abzustellen, richtet diese Kongregation im Auftrag unseres Heiligen Vaters an alle Bischöfe und obersten Vorsteher von Ordensgesellschaften und kirchlichen Institution die Ermahnung, dass sie mit apostolischem Mute denselben entgegentreten und sie mit allem Eifer auszutilgen streben sollen. Mögen sie der Vorschrift des tridentinischen Konzils eingedenk sein;[40] dass die geistlichen Vorsteher verpflichtet sind, zur Ausübung des Predigtamtes befähigte Männer herbeizuziehen und in dieser Sache allen Eifer und alle Vorsicht walten lassen. Handelt es sich um Priester aus der eigenen Diözese, so mögen die Ordinarien nachdrücklichst darauf achten, dass zur Ausübung dieses Amtes niemand zugelassen werde, ohne zuvor durch seinen Wandel, durch Wissenschaft und Sitte erprobt zu sein,[41] d.h. ohne dass durch eine Prüfung oder sonst auf geeignete Weise für ihre Tüchtigkeit der Beweis vorliegt. Handelt es sich aber um Priester einer andern Diözese, so sollen sie solche die Kanzel nicht besteigen lassen, am allerwenigsten bei festlichen Anlässen, außer wenn durch ein schriftliches Zeugnis des eigenen Ordinarius oder Ordensvorstehers der Beweis für die Rechtschaffenheit des Wandels und die Befähigung für das Amt erbracht ist. Die Leiter eines Ordens, einer geistlichen Gesellschaft oder Kongregation sollen durchaus keines ihrer Mitglieder das Predigtamt übernehmen lassen und noch weniger es durch ein schriftliches Zeugnis dem Ordinarius einer Gegend empfehlen, wenn sie nicht von seiner Rechtschaffenheit und der Befähigung zum Predigen, wie es erforderlich ist, sich überzeugt haben. Haben sie aber auf Grund schriftlicher Empfehlung einen Prediger angenommen, hernach jedoch die Erfahrung machen müssen, dass er beim Predigen die Regeln des gegenwärtigen Erlasses nicht einhalte, so sollen sie ihn sofort zum Gehorsam rufen. Gibt er nicht nach, so müssen sie ihm das Betreten der Kanzel verbieten und wenn es nötig ist, mit jenen kanonischen Strafen gegen ihn einschreiten, welche der Fall erfordert.

36 Diese Vorschriften und Erinnerungen haben Wir für nötig gehalten und befehlen, sie gewissenhaft zu beobachten. Es drängt Uns dazu die von Tag zu Tag wachsende Größe des Übelstandes, der sich später ohne schwerste Gefahr nicht mehr beheben lässt. Denn man hat es nicht mehr wie im Anfang mit Rednern zu tun, welche in Schafskleidern einhergehen, sondern mit offenen und gehässigen Feinden und zwar im eigenen Haus. Sie stehen im Bunde mit den Hauptfeinden der Kirche und haben zum Ziel den Umsturz des Glaubens. Es sind das nämlich jene, welche mit Verwegenheit täglich gegen die vom Himmel gebrachte Weisheit sich erheben und die sich das Recht anmaßen, sie zu verbessern, gleich als wäre sie verdorben, sie zu erneuern, als wäre sie altersschwach geworden, sie zu erweitern und den Wünschen des Zeitgeistes anzupassen, dem Fortschritt und der Wohlfahrt, gerade als wäre sie eine Feindin, nicht des Leichtsinns einiger wenigen, sondern des Wohles der Gesellschaft.

37 Diesem Unterfangen gegen die Lehre des Evangeliums und die kirchliche Tradition können die treuen berufenen Hüter dieses heiligen Schatzes niemals mit genug Wachsamkeit, niemals mit zu großer Strenge entgegentreten.

38 Die Ermahnungen und heilsamen Gebote, welche Wir hiermit durch dieses Motuproprio und auf Grund sicherer Kenntnisnahme erlassen haben, müssen von den Ordinarien und obersten Leitern der religiösen Orden und kirchlichen Institute auf gewissenhafteste beobachtet werden und Wir wollen und befehlen in Kraft Unserer Amtsgewalt, dass sie gültig sind und fest bestehen sollen, ohne dass irgend etwas Gegenteiliges Eintrag tun könne.


Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 1. September 1910,

im achten Jahre Unseres Pontifikates.

Pius PP. X.


Anmerkungen

1) 8. September.1907: über die Lehre der Modernisten.
2) Rundschreiben Leos XIII: „Aeterni Patris“ I 101.
3) Über Sein und Wesen, Einf.
4) Leo XIII., Rundschreiben vom 10. Dezember 1889.
5) Ansprache an die Männer der Wissenschaft vom 7. März 1880.
6) Ansprache a. a. O.
7) 25. Januar 1897.
8) Rundschreiben „Nobilissimus“ vom 8. Februar 1884.
9) Akten der Versammlung, der umbrischen Bischöfe, Nov. 1849, Tit. 2, Art. 6.
10) Instruktion der Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten der Kirche vom 27. Januar 1902.
11) Dekret vom 2. Mai 1877.
12) Spr 12,8 EU.
13) 2 Joh 9 EU.
14) Tit 1,9 EU.
15) Röm 12,3 EU.
16) Irenäus von Lyon, 4 c. 26.
17) Praescr. c 28.
18) 1 Kor 18,1 EU.
19) 1 Kor 4,1 EU.
20) Kommentar zu Mt 5.
21) Hos 4,6 EU.
22) Mk 16,15 EU.
23) Mt 28,20 EU.
24) Ebd.
25) 5. Sitzung, 2. Kap. Über die Reform.
26) Rundschreiben vom 9. November 1846.
27) Phil 2,21 EU.
28) Mt 15,19 EU.
29) Ps 14,1 EU.
30) U. a. O.
31) Klgl 4,4 EU.
32) 1 Kor 2,4 EU.
33) 1 Thess 1,5 EU.
34) Hebr 4,12 EU.
35) De doct. Christ. (Die christliche Glaubenslehre) IV., 6.7.
36) Rundschreiben über das Bibelstudium vom 18. Nov. 1893 a. a. O. IV 102.
37) Kard. Bausa von Florenz, An den jungen Klerus, 1892.
38) Brief an Nepotian.
39) Aug. zu Mt 19,25 EU.
40) Konzil von Trient, 5. Sitzung, 2. Kap. Über die Reform.
41) Konzil von Trient, 5. Sitzung, 2. Kap. Über die Reform.

(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Sacrorum_antistitum abgerufen am 13.09.2019)


Modernism


Origin of the word

Etymologically, modernism means an exaggerated love of what is modern, an infatuation for modern ideas, "the abuse of what is modern", as the Abbé Gaudaud explains (La Foi catholique, I, 1908, p. 248). The modern ideas of which we speak are not as old as the period called "modern times". Though Protestantism has generated them little by little, it did not understand from the beginning that such would be its sequel. There even exists a conservative Protestant party which is one with the Church in combating modernism. In general we may say that modernism aims at that radical transformation of human thought in relation to God, man, the world, and life, here and hereafter, which was prepared by Humanism and eighteenth-century philosophy, and solemnly promulgated at the French Revolution. J.J. Rousseau, who treated an atheistical philosopher of his time as a modernist, seems to have been the first to use the word in this sense ("Correspondance à M. D.", 15 Jan. 1769). Littré (Dictionnaire), who cites the passage; explains: "Modernist, one who esteems modern times above antiquity". After that, the word seems to have been forgotten, till the time of the Catholic publicist Périn (1815-1905), professor at the University of Louvain, 1844-1889. This writer, while apologizing for the coinage, describes "the humanitarian tendencies of contemporary society" as modernism. The term itself he defines as "the ambition to eliminate God from all social life". With this absolute modernism he associates a more temperate form, which he declares to be nothing less than "liberalism of every degree and shade" ("Le Modernisme dans l'Église d'après les lettres inéditesde Lamennais", Paris, 1881).

During the early years of the present century, especially about 1905 and 1906, the tendency to innovation which troubled the Italian dioceses, and especially the ranks of the young clergy, was taxed with modernism. Thus at Christmas, 1905, the bishops of the ecclesiastical provinces of Turin and Vercelli, in a circular letter of that date, uttered grave warnings against what they called "Modernismo nel clero" (Modernism among the clergy). Several pastoral letters of the year 1906 made use of the same term; among others we may mention the Lenten charge of Cardinal Nava, Archbishop of Catania, to his clergy, a letter of Cardinal Bacilieri, Bishop of Verona, dated 22 July, 1906 and a letter of Mgr Rossi, Archbishop of Acerenza and Matera. "Modernismo e Modernisti", a work by Abbate Cavallanti which was published towards the end of 1906, gives long extracts from these letters. The name "modernism" was not to the liking of the reformers. The propriety of the new term was discussed even amongst good Catholics. When the Decree "Lamentabili" appeared, Mgr Baudrillart expressed his pleasure at not finding the word "modernism" mentioned in it (Revue pratique d'apologetique, IV, p. 578). He considered the term "too vague". Besides it seemed to insinuate "that the Church condemns everything modern". The Encyclical "Pascendi" (8 Sept., 1907) put an end to the discussion. It bore the official title, "De Modernistarum doctrinis". The introduction declared that the name commonly given to the upholders of the new errors was not inapt. Since then the modernists themselves have acquiesced in the use of the name, though they have not admitted its propriety (Loisy, "Simples réflexions sur le décret 'Lamentabili' et sur l'encyclique 'Pascendi' du 8 Sept., 1907", p. 14; "Il programma dei modernisti": note at the beginning).

Theory of theological Modernism

The essential error of Modernism

A full definition of modernism would be rather difficult. First it stands for certain tendencies, and secondly for a body of doctrine which, if it has not given birth to these tendencies (practice often precedes theory), serves at any rate as their explanation and support. Such tendencies manifest themselves in different domains. They are not united in each individual, nor are they always and everywhere found together. Modernist doctrine, too, may be more or less radical, and it is swallowed in doses that vary with each one's likes and dislikes. In the Encyclical "Pascendi", Pius X says that modernism embraces every heresy. M. Loisy makes practically the same statement when he writes that "in reality all Catholic theology, even in its fundamental principles the general philosophy of religion, Divine law, and the laws that govern our knowledge of God, come up for judgment before this new court of assize" (Simples réflexions, p. 24). Modernism is a composite system: its assertions and claims lack that principle which unites the natural faculties in a living being. The Encyclical "Pascendi" was the first Catholic synthesis of the subject. Out of scattered materials it built up what looked like a logical system. Indeed friends and foes alike could not but admire the patient skill that must have been needed to fashion something like a coordinated whole. In their answer to the Encyclical, "Il programma dei Modernisti", the Modernists tried to retouch this synthesis. Previous to all this, some of the Italian bishops, in their pastoral letters, had attempted such a synthesis. We would particularly mention that of Mgr Rossi, Bishop of Acerenza and Matera. In this respect, too, Abbate Cavallanti's book, already referred to, deserves mention. Even earlier still, German and French Protestants had done some synthetical work in the same direction. Prominent among them are Kant, "Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft" (1803); Schleiermacher, "Der christliche Glaube" (1821-1822); and A. Sabatier, "Esquisse d'une philosophie de la religion d'après la psychologie et l'histoire" (1897).

The general idea of modernism may be best expressed in the words of Abbate Cavallanti, though even here there is a little vagueness: "Modernism is modern in a false sense of the word; it is a morbid state of conscience among Catholics, and especially young Catholics, that professes manifold ideals, opinions, and tendencies. From time to time these tendencies work out into systems, that are to renew the basis and superstructure of society, politics, philosophy, theology, of the Church herself and of the Christian religion". A remodelling, a renewal according to the ideas of the twentieth century — such is the longing that possesses the modernists. "The avowed modernists", says M. Loisy, "form a fairly definite group of thinking men united in the common desire to adapt Catholicism to the intellectual, moral and social needs of today" (op. cit., p. 13). "Our religious attitude", as "Il programma dei modernisti" states (p. 5, note l), "is ruled by the single wish to be one with Christians and Catholics who live in harmony with the spirit of the age". The spirit of this plan of reform may be summarized under the following heads:

A spirit of complete emancipation, tending to weaken ecclesiastical authority; the emancipation of science, which must traverse every field of investigation without fear of conflict with the Church; the emancipation of the State, which should never be hampered by religious authority; the emancipation of the private conscience whose inspirations must not be overridden by papal definitions or anathemas; the emancipation of the universal conscience, with which the Church should be ever in agreement;
A spirit of movement and change, with an inclination to a sweeping form of evolution such as abhors anything fixed and stationary;
A spirit of reconciliation among all men through the feelings of the heart. Many and varied also are the modernist dreams of an understanding between the different Christian religions, nay, even between religion and a species of atheism, and all on a basis of agreement that must be superior to mere doctrinal differences.

Such are the fundamental tendencies. As such, they seek to explain, justify, and strengthen themselves in an error, to which therefore one might give the name of "essential" modernism. What is this error? It is nothing less than the perversion of dogma. Manifold are the degrees and shades of modernist doctrine on the question of our relations with God. But no real modernist keeps the Catholic notions of dogma intact. Are you doubtful as to whether a writer or a book is modernist in the formal sense of the word? Verify every statement about dogma; examine his treatment of its origin, its nature, its sense, its authority. You will know whether you are dealing with a veritable modernist or not, according to the way in which the Catholic conception of dogma is travestied or respected. Dogma and supernatural knowledge are correlative terms; one implies the other as the action implies its object. In this way then we may define modernism as "the critique of our supernatural knowledge according to the false postulates of contemporary philosophy".

It will be advisable for us to quote a full critique of such supernatural knowledge as an example of the mode of procedure. (In the meantime however we must not forget that there are partial and less advanced modernists who do not go so far). For them external intuition furnishes man with but phenomenal contingent, sensible knowledge. He sees, he feels, he hears, he tastes, he touches this something, this phenomenon that comes and goes without telling him aught of the existence of a suprasensible, absolute and unchanging reality outside all environing space and time. But deep within himself man feels the need of a higher hope. He aspires to perfection in a being on whom he feels his destiny depends. And so he has an instinctive, an affective yearning for God. This necessary impulse is at first obscure and hidden in the subconsciousness. Once consciously understood, it reveals to the soul the intimate presence of God. This manifestation, in which God and man collaborate, is nothing else than revelation. Under the influence of its yearning, that is of its religious feelings, the soul tries to reach God, to adopt towards Him an attitude that will satisfy its yearning. It gropes, it searches. These gropings form the soul's religious experience. They are more easy, successful and far-reaching, or less so, according as it is now one, now another individual soul that sets out in quest of God. Anon there are privileged ones who reach extraordinary results. They communicate their discoveries to their fellow men, and forthwith become founders of a new religion, which is more or less true in the proportion in which it gives peace to the religious feelings.

The attitude Christ adopted, reaching up to God as to a father and then returning to men as to brothers — such is the meaning of the precept, "Love God and thy neighbour" — brings full rest to the soul. It makes the religion of Christ the religion par excellence, the true and definitive religion. The act by which the soul adopts this attitude and abandons itself to God as a father and then to men as to brothers, constitutes the Christian Faith. Plainly such an act is an act of the will rather than of the intellect. But religious sentiment tries to express itself in intellectual concepts, which in their turn serve to preserve this sentiment. Hence the origin of those formulae concerning God and Divine things, of those theoretical propositions that are the outcome of the successive religious experiences of souls gifted with the same faith. These formulae become dogmas, when religious authority approves of them for the life of the community. For community life is a spontaneous growth among persons of the same faith, and with it comes authority. Dogmas promulgated in this way teach us nothing of the unknowable, but only symbolize it. They contain no truth. Their usefulness in preserving the faith is their only raison d'être. They survive as long as they exert their influence. Being the work of man in time, and adapted to his varying needs, they are at best but contingent and transient. Religious authority too, naturally conservative, may lag behind the times. It may mistake the best methods of meeting needs of the community, and try to keep up worn-out formulae. Through respect for the community, the individual Christian who sees the mistake continues in an attitude of outward submission. But he does not feel himself inwardly bound by the decisions of higher powers; rather he makes praiseworthy efforts to bring his Church into harmony with the times. He may confine himself, too, if he cares, to the older and simpler religious forms; he may live his life in conformity with the dogmas accepted from the beginning. Such is Tyrrell's advice in his letter to Fogazzaro, and such was his own private practice.

Catholic and Modernist notions of dogma compared

The tradition of the Catholic Church, on the other hand, considers dogmas as in part supernatural and mysterious, proposed to our faith by a Divinely instituted authority on the ground that they are part of the general revelation which the Apostles preached in the name of Jesus Christ. This faith is an act of the intellect made under the sway of the will. By it we hold firmly what God has revealed and what the Church proposes to us to believe. For believing is holding something firmly on the authority of God's word, when such authority may be recognized by signs that are sufficient, at least with the help of grace, to create certitude.

Comparing these notions, the Catholic and the modernist, we shall see that modernism alters the source, the manner of promulgation, the object, the stability, and the truth of dogma. For the modernist, the only and the necessary source is the private consciousness. And logically so, since he rejects miracles and prophecy as signs of God's word (Il programma, p. 96). For the Catholic, dogma is a free communication of God to the believer made through the preaching of the Word. Of course the truth from without, which is above and beyond any natural want, is preceded by a certain interior finality or perfectibility which enables the believer to assimilate and live the truth revealed. It enters a soul well-disposed to receive it, as a principle of happiness which, though an unmerited gift to which we have no right, is still such as the soul can enjoy with unmeasured gratitude. In the modernist conception, the Church can no longer define dogma in God's name and with His infallible help; the ecclesiastical authority is now but a secondary interpreter, subject to the collective consciousness which she has to express. To this collective consciousness the individual need conform only externally; as for the rest he may embark on any private religious adventures he cares for. The modernist proportions dogma to his intellect or rather to his heart. Mysteries like the Trinity or the Incarnation are either unthinkable (a modernist Kantian tendency), or are within the reach of the unaided reason (a modernist Hegelian tendency). "The truth of religion is in him (man) implicitly, as surely as the truth of the whole physical universe, is involved in every part of it. Could he read the needs of his own spirit and conscience, he would need no teacher" (Tyrrell, "Scylla and Charybdis", p. 277).

Assuredly Catholic truth is not a lifeless thing. Rather is it a living tree that breaks forth into green leaves, flowers, and fruits. There is a development, or gradual unfolding, and a clearer statement of its dogmas. Besides the primary truths, such as the Divinity of Christ and His mission as Messias, there are others which, one by one, become better understood and defined, e.g. the dogma of the Immaculate Conception and that of the Infallibility of the Pope. Such unfolding takes place not only in the study of the tradition of the dogma but also in showing its origin in Jesus Christ and the Apostles, in the understanding of the terms expressing it and in the historical or rational proofs adduced in support of it. Thus the historical proof of the dogma of the Immaculate Conception has certainly been strengthened since the definition in 1854. The rational conception of the dogma of Divine Providence is a continual object of study; the dogma of the Sacrifice of the Mass allows the reason to inquire into the idea of sacrifice. It has always been believed that there is no salvation outside the Church, but as this belief has gradually come to be better understood, many are now considered within the soul of the Church who would have been placed without, in a day when the distinction between the soul and the body of the Church had not generally obtained. In another sense, too dogma is instinct with life. For its truth is not sterile, but always serves to nourish devotion. But while holding with life, progress and development, the Church rejects transitory dogmas that in the modernist theory would be forgotten unless replaced by contrary formulae. She cannot admit that "thought, hierarchy, cult, in a word, everything has changed in the history of Christianity", nor can she be content with "the identity of religious spirit" which is the only permanency that modernism admits (Il programma dei Modernisti).

Truth consists in the conformity of the idea with its object. Now, in the Catholic concept, a dogmatic formula supplies us with at least an analogical knowledge of a given object. For the modernist, the essential nature of dogma consists in its correspondence with and its capacity to satisfy a certain momentary need of the religious feeling. It is an arbitrary symbol that tells nothing of the object it represents. At most, as M. Leroy, one of the least radical of modernists, suggests, it is a positive prescription of a practical order (Leroy, "Dogme et critique", p. 25). Thus the dogma of the Real Presence in the Holy Eucharist means: "Act as if Christ had the local presence, the idea of which is so familiar to you". But, to avoid exaggeration, we add this other statement of the same writer (loc. cit.), "This however does not mean that dogma bears no relation to thought; for (1) there are duties concerning the action of thinking; (2) dogma itself implicitly affirms that reality contains in one form or another the justification of such prescriptions as are either reasonable or salutary".

Various degrees of Modernism and its criterion

Modernist attacks on dogma, as we have already remarked, vary according to the degree in which its doctrines are embraced. Thus, in virtue of the leading idea of their systems, Father Tyrrell was an agnostic modernist, and Campbell (a Congregationalist minister) is a symbolic modernist. Again the tendency to innovation is at times not at all general, but limited to some particular domain. Along with modernism in the strict sense, which is directly theological, we find other kinds of modernism in philosophy, politics, and social science. In such cases a wider meaning must be given to the term.

Here, however, it is needful to speak a word of warning against unreasonable attacks. Not every novelty is to be condemned, nor is every project of reform to be dubbed modernist because it is untimely or exaggerated. In the same way, the attempt fully to understand modern philosophic thought so as to grasp what is true in such systems, and to discover the points of contact with the old philosophy, is very far from being modernism. On the contrary, that is the very best way to refute modernism. Every error contains an element of truth. Isolate that element and accept it. The structure which it helps to support, having lost its foundation, will soon crumble. The name modernist then will be appropriate only when there is question of opposition to the certain teaching of ecclesiastical authority through a spirit of innovation. The words of Cardinal Ferrari. Archbishop of Milan, as cited in "La Revue Pratique d'Apologétique" (VI, 1908, p. 134), will help to show the point of our last remark. "We are deeply pained", he says, "to find that certain persons, in public controversy against modernism, in brochures, newspapers and other periodicals, go to the length of detecting the evil everywhere, or at any rate of imputing it to those who are very far from being infected with it". In the same year, Cardinal Maffei had to condemn "La Penta azurea", an anti-modernist organ, on account of its exaggeration in this respect. On the other hand, it is regrettable that certain avowed leaders of modernism, carried away perhaps by the desire to remain within the Church at all costs — another characteristic of modernism — have taken refuge in equivocation, reticence, or quibbles. Such a line of action merits no sympathy; while it explains, if it does not altogether justify, the distrust of sincere Catholics.

Proofs of the foregoing views

But does the principle and the quasi-essential error of modernism lie in its corruption of dogma? Let us consult the Encyclical "Pascendi". The official Latin text calls the modernist dogmatic system a leading chapter in their doctrine. The French translation, which is also authentic, speaks thus: "Dogma, its origin and nature, such is the ground principle of modernism." The fundamental principle of modernism is, according to M. Loisy, "the possibility, the necessity and the legitimacy of evolution in understanding the dogmas of the Church, including that of papal infallibility and authority, as well as in the manner of exercising this authority" (op. cit., p. 124). The character and leaning of our epoch confirm our diagnosis. It likes to substitute leading and fundamental questions in the place of side issues. The problem of natural knowledge is the burning question in present-day metaphysics. It is not surprising therefore that the question of supernatural knowledge is the main subject of discussion in religious polemics. Finally, Pius X has said that modernism embraces all the heresies. (The same opinion is expressed in another way in the encyclical "Editae" of 16 May, 1910.) And what error, we ask, more fully justifies the pope's statement than that which alters dogma in its root and essence? It is furthermore clear — to use a direct argument — that modernism fails in its attempt at religious reform, if it makes no change in the Catholic notion of dogma. Moreover, does not its own conception of dogma explain both a large number of its propositions and its leanings towards independence, evolution, and conciliation?

Modernist aims explained by its essential error

The definition of an unchangeable dogma imposes itself on every Catholic, learned or otherwise, and it necessarily supposes a Church legislating for all the faithful, passing judgment on State action — from its own point of view of course — and that even seeks alliance with the civil power to carry on the work of the Apostolate. On the other hand, once dogma is held to be a mere symbol of the unknowable, a science which merely deals with the facts of nature or history could neither oppose it nor even enter into controversy with it. If it is true only in so far as it excites and nourishes religious sentiment, the private individual is at full liberty to throw it aside when its influence on him has ceased; nay, even the Church herself, whose existence depends on a dogma not different from the others in nature and origin, has no right to legislate for a self-sufficing State. And thus independence is fully realized. There is no need to prove that the modernist spirit of movement and evolution is in perfect harmony with its concept of ever-changing dogma and is unintelligible without it; the matter is self-evident. Finally, as regards the conciliation of the different religions, we must necessarily distinguish between what is essential to faith regarded as a sentiment, and beliefs which are accessory, mutable, and practically negligible. If therefore you go as far as making the Divinity a belief, that is to say, a symbolical expression of faith, then docility in following generous impulses may be religious, and the atheist's religion would not seem to differ essentially from yours.

Modernist propositions explained by its essential error

We make a selection of the following propositions from the Encyclical for discussion:

the Christ of faith is not the Christ of history. Faith portrays Christ according to the religious needs of the faithful; history represents Him as He really was, that is, in so far as His appearance on earth was a concrete phenomenon. In this way it is easy to understand how a believer may, without contradiction, attribute certain things to Christ, and at the same time deny them in the quality of historian. In the "Hibbert Journal" for Jan., 1909, the Rev. Mr. Robert wished to call the Christ of history "Jesus" and reserve "Christ" for the same person as idealized by faith;
Christ's work in founding the Church and instituting the sacraments was mediate, not immediate. The main point is to find supports for the faith. Now, as religious experience succeeds so well in creating useful dogmas, why may it not do likewise in the matter of institutions suited to the age?
The sacraments act as eloquent formulae which touch the soul and carry it away. Precisely; for if dogmas exist only in so far as they preserve religious sentiment, what other service can one expect of the sacraments?
The Sacred Books are in every religion a collection of religious experiences of an extraordinary nature. For if there is no external revelation, the only substitute possible is the subjective religious experience of men of particular gifts, experiences such as are worthy of being preserved for the community.

The Modernist movement

The late M. Périn dated the modernist movement from the French Revolution. And rightly so, for it was then that many of those modern liberties which the Church has reproved as unrestrained and ungoverned, first found sanction. Several of the propositions collected in the Syllabus of Pius IX, although enunciated from a rationalist point of view, have been appropriated by modernism. Such, for example are, the fourth proposition which derives all religious truth from the natural force of reason; the fifth, which affirms that revelation, if it joins in the onward march of reason, is capable of unlimited progress; the seventh, which treats the prophecies and miracles of Holy Scripture as poetical imaginings; propositions sixteen to eighteen on the equal value of all religions from the point of view of salvation; proposition fifty-five on the separation of Church and State; propositions seventy-five and seventy-six, which oppose the temporal power of the pope. The modernist tendency is still more apparent in the last proposition, which was condemned on 18 March, 1861: "The Roman Pontiff can and ought to conform with contemporary progress, liberalism, and civilization."

Taking only the great lines of the modernist movement within the Church itself. we may say that under Pius IX its tendency was politico-liberal, under Leo XIII and Pius X social; later, under Pius X, its tendency became avowedly theological.

It is in France and Italy above all that modernism properly so-called, that is, the form which attacks the very concept of religion and dogma, has spread its ravages among Catholics. Indeed, some time after the publication of the Encyclical of 8th September, 1907 the German, English, and Belgian bishops congratulated themselves that their respective countries had been spared the epidemic in its more contagious form. Of course, individual upholders of the new error are to be found everywhere, and even England as well as Germany has produced modernists of note. In Italy, on the contrary, even before the Encyclical appeared, the bishops have raised the cry of alarm in their pastoral letters of 1906 and 1907. Newspapers and reviews, openly modernist in their opinions, bear witness to the gravity of the danger which the Sovereign Pontiff sought to avert. After Italy it is France that has furnished the largest number of adherents to this religious reform or ultra-progressive party. In spite of the notoriety of certain individuals, comparatively few laymen have joined the movement; so far it has found adherents chiefly among the ranks of the younger clergy. France possesses a modernist publishing house (La librairie Nourry). A modernist review founded by the late Father Tyrrell, "Nova et Vetera", is published at Rome. "La Revue Moderniste Internationale" was started this year (1910) at Geneva. This monthly periodical calls itself "the organ of the international modernist society". It is open to every shade of modernist opinions, and claims to have co-workers and correspondents in France, Italy, Germany, England, Austria, Hungary, Spain, Belgium, Russia, Rumania and America. The Encyclical "Pascendi" notes and deplores the ardour of the modernist propaganda. A strong current of modernism is running through the Russian Schismatic Church. The Anglican Church has not escaped. And indeed liberal Protestantism is nothing but a radical form of modernism that is winning the greater number of the theologians of the Reformed Church. Others who oppose the innovation find refuge in the authority of the Catholic Church.

The philosophical origin and consequences of Modernism

The origin

Philosophy renders great service to the cause of truth; but error calls for its assistance too. Many consider the philosophic groundwork of modernism to be Kantian. This is true, if by Kantian philosophy is meant every system that has a root connection with the philosophy of the Koenigsberg sage. In other words, the basis of modernist philosophy is Kantian if, because Kant is its father and most illustrious moderate representative, all agnosticism be called Kantism (by agnosticism is meant the philosophy which denies that reason, used at any rate in a speculative and theoretical way, can gain true knowledge of suprasensible things). It is not our business here to oppose the application of the name Kantian to modernist philosophy. Indeed if we compare the two systems, we shall find that they have two elements in common, the negative part of the "Critique of Pure Reason" (which reduces pure or speculative knowledge to phenomenal or experiential intuition), and a certain argumentative method in distinguishing dogma from the real basis of religion. On the positive side, however, modernism differs from Kantism in some essential points. For Kant, faith is a really rational adhesion of the mind to the postulates of practical reason. The will is free to accept or reject the moral law; and it is on account of this option that he calls its acceptance "belief". Once it is accepted, the reason cannot but admit the existence of God, liberty, and immortality. Modernist faith, on the other hand, is a matter of sentiment, a flinging of oneself towards the Unknowable, and cannot be scientifically justified by reason. In Kant's system, dogmas and the whole positive framework of religion are necessary only for the childhood of humanity or for the common people. They are symbols that bear a certain analogy to images and comparisons. They serve to inculcate those moral precepts that for Kant constitute religion. Modernist symbols, though changeable and fleeting, correspond to a law of human nature. Generally speaking, they help to excite and nourish the effective religious sentiment which Kant (who knew it from his reading of the pietists) calls schwärmerei. Kant, as a rationalist, rejects supernatural religion and prayer. The modernists consider natural religion a useless abstraction; for them it is prayer rather that constitutes the very essence of religion. It would be more correct to say that modernism is an offshoot of Schleiermacher (1768-1834), who though he owed something to Kant's philosophy, nevertheless built up his own theological system. Ritschl called him the "legislator of theology" (Rechtf. und Vers., III, p. 486). Schleiermacher conceives the modernist plan of reforming religion with the view of conciliating it with science. Thus would he establish an entente cordiale among the various cults, and even between religion and a kind of religious sentimentality which, without recognizing God, yet tends towards the Good and the Infinite. Like the modernists, he has dreams of new religious apologetics; he wants to be a Christian; he declares himself independent of all philosophy; he rejects natural religion as a pure abstraction, and derives dogma from religious experience. His principal writings on this subject are "Ueber die Religion" (1799: note the difference between the first and the later editions) and "Der Christliche Glaube" (1821-22). Ritschl, one of Kant's disciples, recognizes the New Testament as the historical basis of religion. He sees in Christ the consciousness of an intimate union with God, and considers the institution of the Christian religion, which for him is inconceivable without faith in Christ, as a special act of God's providence. Thus has he prepared the way for a form of modernism more temperate than that of Schleiermacher. Though he predicted a continual development of religion, Schleiermacher admitted a certain fixity of dogma. For this reason it seems to us that modernists owe their radical evolutionary theory to Herbert Spencer (1820-1903). It was through the writings of A. Sabatier (18391901), a French Protestant of the Broad Church type) that the religious theories we have spoken of, spread among the Latin races, in France and in Italy. It is in these countries, too, that modernism has done greatest harm among the Catholics. Sabatier is a radical modernist. He has especially drawn upon Schleiermacher for the composition of his two works on religious synthesis ("Esquisse d'une philosophie de la religion d'après la psychologie et l'histoire", Paris, 1897; Les religions d'autorité et la religion de l'esprit", Paris, 1902).

The fundamental error of the modernist philosophy is its misunderstanding of the scholastic formula which takes account of the two aspects of human knowledge. Doubtless, the human mind is a vital faculty endowed with an activity of its own, and tending towards its own object. However, as it is not in continual activity, it is not self-sufficient; it has not in itself the full principle of its operations, but is forced to utilize sensible experience in order to arrive at knowledge. This incompleteness and falling short of perfect autonomy is due to man's very nature. As a consequence, in all human knowledge and activity, account must be taken both of the intrinsic and of the extrinsic side. Urged on by the finality that inspires him man tends towards those objects which suit him, while at the same time objects offer themselves to him. In the supernatural life, man acquires new principles of action and, as it were, a new nature. He is now capable of acts of which God is the formal object. These acts, however, most be proposed to man, whether God deigns to do so by direct revelation to man's soul, or whether, in conformity with man's social nature, God makes use of intermediaries who communicate exteriorly with man. Hence the necessity of preaching, of motives of credibility, and of external teaching authority. Catholic philosophy does not deny the soul's spontaneous life, the sublimity of its suprasensible and supernatural operations, and the inadequacy of words to translate its yearnings. Scholastic doctors give expression to mystical transports far superior to those of the modernists. But in their philosophy they never forget the lowliness of human nature, which is not purely spiritual. The modernist remembers only the internal element of our higher activity. This absolute and exclusive intrinsecism constitutes what the Encyclical calls "vital immanence". When deprived of the external support which is indispensable to them, the acts of the higher intellectual faculties can only consist in vague sentiments which are as indetermined as are those faculties themselves. Hence it is that modernist doctrines, necessarily expressed in terms of this sentiment, are so intangible. Furthermore, by admitting the necessity of symbols, modernism makes to extrinsecism a concession which is its own refutation.

The consequences

The fact that this radically intrinsic conception of the spiritual or religious activity of man (this perfect autonomy of the reason vis-à-vis of what is exterior) is the fundamental philosophical conception of the modernists, as the alteration of dogma is the essential characteristic of their heresy, can be shown without difficulty by deducting from it their entire system of philosophy. First of all, of their agnosticism: the vague nature which they attribute to our faculties does not permit them, without scientific observation, to arrive at any definite intellectual result. Next, of their evolutionism: there is no determined object to assure to dogmatic formulae a permanent and essential meaning compatible with the life of faith and progress. Now, from the moment that these formulae simply serve to nourish the vague sentiment which for modernism is the only common and stable foundation of religion, they must change indefinitely with the subjective needs of the believer. It is a right and even a duty for the latter freely to interpret, as he sees fit, religious facts and doctrines. We meet here with the a priorisms to which the Encyclical "Pascendi" drew attention.

We wish to insist a little on the grave consequence that this Encyclical puts especially before our eyes. In many ways, modernism seems to be on the swift incline which leads to pantheism. It seems to be there on account of its symbolism. After all, is not the affirmation of a personal God one of these dogmatic formulae which serve only as symbolic expressions of the religious sentiment? Does not the Divine Personality then become something uncertain? Hence radical modernism preaches union and friendship, even with mystical atheism. Modernism is inclined to pantheism also by its doctrine of Divine Immanence that is, of the intimate presence of God within us. Does this God declare Himself as distinct from us? If so, one must not then oppose the position of modernism to the Catholic position and reject exterior revelation. But if God declares Himself as not distinct from us, the position of modernism becomes openly pantheistic. Such is the dilemma proposed in the Encyclical. Modernism is pantheistic also by its doctrine of science and faith. Faith having for object the Unknowable cannot make up for the want of proportion that modernists put between the intellect and its object. Hence, for the believer as well as for the philosopher, this object remains unknown. Why should not this "Unknowable" be the very soul of the world? It is pantheistic also in its way of reasoning. Independent of and superior to religious formulae, the religious sentiment on the one hand originates them and gives them their entire value, and, on the other hand, it cannot neglect them, it must express itself in them and by them; they are its reality. But we have here the ontology of pantheism, which teaches that the principle does not exist outside of the expression that it gives itself. In the pantheist philosophy, Being or the Idea, God, is before the world and superior to it, He creates it and yet He has no reality outside the world; the world is the realization of God.

The psychological causes of Modernism

Curiosity and pride are, according to the Encyclical "Pascendi", two remote causes. Nothing is truer; but, apart from offering an explanation common to all heretical obstinacy, we ask ourselves here why this pride has taken the shape of modernism. We proceed to consider this question. In modernism we find, first of all, the echo of many tendencies of the mentality of the present generation. Inclined to doubt, and distrustful of what is affirmed, men's minds tend of their own accord to minimize the value of dogmatic definitions. Men are struck by the diversity of the religions which exist on the face of the earth. The Catholic religion is no longer, in their eyes, as it was in the eyes of our ancestors, the morally universal religion of cultured humanity. They have been shown the influence of race on the diffusion of the Gospel. They have been shown the good sides of other cults and beliefs. Our contemporaries find it hard to believe that the greater part of humanity is plunged in error, especially if they are ignorant that the Catholic religion teaches that the means of salvation are at the disposal of those who err in good faith. Hence they are inclined to overlook doctrinal divergencies in order to insist on a certain fundamental conformity of tendencies and of aspirations.

Then again they are moved by sentiments of liberalism and moderation, which reduce the importance of formal religion, as they see in the various cults only private opinions which change with time and place, and which merit an equal respect from all. In the West where people are of a more practical turn, a non-intellectual interest explains the success of heresies which win a certain popularity. Consider the countries in which modernism is chiefly promulgated: France and Italy. In these two countries, and especially in Italy, ecclesiastical authority has imposed social and political directions which call for the sacrifice of humanitarian and patriotic ideas or dreams. That there are important reasons for such commands does not prevent discontent. The majority of men have not enough virtue or nobility to sacrifice for long, to higher duties, a cause which touches their interest or which engages their sympathy. Hence it is that some Catholics, who are not quite steady in their faith and religion, attempt to revolt, and count themselves fortunate in having some doctrinal pretexts to cover their secession.

The founder of the periodical "La Foi Catholique", a review started for the purpose of combating modernism, adds this explanation: "The insufficient cultivation of Catholic philosophy and science is the second deep explanation of the origin of modernist errors. Both have too long confined themselves to answers which, though fundamentally correct, are but little suited to the mentality of our adversaries, and are formulated in a language which they do not understand and which is no longer to the point. Instead of utilizing what is quite legitimate in their positive and critical tendencies, they have only considered them as so many abnormal leanings that must be opposed . . ." (Gaudeau, "La Foi Catholique", I, pp. 62-65). Another point is that the intrinsic nature of the movement of contemporary philosophy has been too much despised or ignored in Catholic schools. They have not given it that partial recognition which is quite consonant with the best scholastic tradition: "In this way, we have failed to secure a real point of contact between Catholic and modern thought" (Gaudeau, ibid.). For lack of professors who knew how to mark out the actual path of religious science, many cultured minds, especially among the young clergy, found themselves defenseless against an error which seduced them by its speciousness and by any element of truth contained in its reproaches against the Catholic schools. It is scholasticism ill-understood and calumniated that has incurred this disdain. And for the pope, this is one of the immediate causes of modernism. "Modernism", he says "is nothing but the union of the faith with false philosophy". Cardinal Mercier, on the occasion of his first solemn visit to the Catholic University of Louvain (8 December, 1907), addressed the following compliment to the professors of theology: "Because, with more good sense than others, you have vigorously kept to objective studies and the calm examination of facts, you have both preserved our Alma Mater from the strayings of modernism and have secured for her the advantages of modern scientific methods." ("Annuaire de l'Université Catholiquede Louvain", 1908, p. XXV, XXVI.) Saint Augustine (De Genesi contra Manicheos, I, Bk. I, i) in a text that has passed into the Corpus Juris Canonici (c. 40, c. xxiv, q. 3) had already spoken as follows: "Divine Providence suffers many heretics of one kind or another, so that their challenges and their questions on doctrines that we are ignorant of, may force us to arise from our indolence and stir us with the desire to know Holy Scripture." From another point of view, modernism marks a religious reaction against materialism and positivism, both of which fail to satisfy the soul's longing. This reaction however, for reasons that have just been given, strays from the right path.

Pontifical documents concerning Modernism

The semi-rationalism of several modernists, such as Loisy for instance, had already been condemned in the Syllabus; several canons of the Vatican Council on the possibility of knowing God through his creatures, on the distinction between faith and science, on the subordination of human science to Divine revelation on the unchangeableness of dogma, deal in a similar strain with the tenets of modernism.

The following are the principal decrees or documents expressly directed against modernism.

The pope's address on 17 April, 1907, to the newly-created cardinals. It is a résumé which anticipates the Encyclical "Pascendi".
A letter from the Congregation of the Index of 29 April, 1907, to the Cardinal Archbishop of Milan with regard to the review "Il Rinnovamento". In it we find more concrete notions of the tendencies which the popes condemn. The letter even goes so far as to mention the names of Fogazzaro, Father Tyrrell, von Hügel and the Abbate Murri.
Letters from Pius X, 6 May, 1907, to the archbishops and bishops and to the patrons of the Catholic Institute of Paris. It shows forth clearly the great and twofold care of Pius X for the restoration of sacred studies and Scholastic philosophy, and for the safeguarding of the clergy.
The decree "Lamentabili" of the Holy Office, 3-4 July, 1907, condemning 65 distinct propositions.
The injunction of the Holy Office, "Recentissimo", of 28 August, 1907, which with a view to remedying the evil, enjoins certain prescriptions upon bishops and superiors of religious orders.
The Encyclical "Pascendi", of 8 September, 1907, of which we shall speak later on.
Three letters of the Cardinal Secretary of State, of 2 and 10 October, and of 5 November, 1907, on the attendance of the clergy at secular universities, urging the execution of a general regulation of 1896 on this subject. The Encyclical had extended this regulation to the whole Church.
The condemnation by the Cardinal-Vicar of Rome of the pamphlet "Il programma dei modernisti", and a decree of 29 October, 1907, declaring the excommunication of its authors, with special reservations.
The decree Motu Proprio of 18 November, 1907, on the value of the decisions of the Biblical Commission, on the decree "Lamentabili", and on the Encyclical "Pascendi". These two documents are again confirmed and upheld by ecclesiastical penalties.
The address at the consistory of 16 December, 1907.
The decree of the Holy Office of 13 February, 1908, in condemnation of the two newspapers, "La Justice sociale" and "La Vie Catholique". Since then several condemnations of the books have appeared.
The Encyclical "Editae" of 26 May, 1910, renewed the previous condemnations.
Still stronger is the tone of the Motu Proprio "Sacrorum Antistitum", of 1 September, 1910, declared:
by a decree of the Consistorial Congregations of 25 September, 1910. This Motu Proprio inveighs against modernist obstinacy and specious cunning. After having quoted the practical measures prescribed in the Encyclical "Pascendi", the pope urges their execution, and, at the same time, makes new directions concerning the formation of the clergy in the seminaries and religious houses. Candidates for higher orders, newly appointed confessors, preachers, parish priests, canons, the beneficed clergy, the bishop's staff, Lenten preachers, the officials of the Roman congregations, or tribunals, superiors and professors in religious congregations, all are obliged to swear according to a formula which reprobates the principal modernist tenets.

The pope's letter to Prof. Decurtins on literary modernism.

These acts are for the most part of a disciplinary character (the Motu Proprio of September, 1910, is clearly of the same nature); the decree "Lamentabili" is entirely doctrinal; the Encyclical "Pascendi" and the Motu Proprio of 18 March, 1907, are both doctrinal and disciplinary in character. Writers do not agree as to the authority of the two principal documents; the decree "Lamentabili" and the Encyclical "Pascendi". In the present writer's opinion, since the new confirmation accorded to these decrees by the Motu Proprio, they contain in their doctrinal conclusions the infallible teaching of the Vicar of Jesus Christ. (For a more moderate opinion cf. Choupin in "Etudes", Paris, CXIV, p. 119-120.) The decree "Lamentabili" has been called the new Syllabus, because it contains the proscription by the Holy Office of 65 propositions, which may be grouped under the following heads: Prop. 1-8, errors concerning the teaching of the Church; Prop. 9-19, errors concerning the inspiration, truth, and study of Holy Writ, especially the Gospels; Prop. 20-36, errors concerning revelation and dogma; Prop. 37-38, Christological errors; Prop. 39-51, errors relative to the sacraments; Prop. 52-57, errors concerning the institution and organization of the Church; Prop. 58-65, errors on doctrinal evolution. The Encyclical "Pascendi" in the introduction laid bare the gravity of the danger, pointed out the necessity of firm and decisive action, and approved of the title "Modernism" for the new errors. It gives us first a very methodical exposition of modernism; next follows its general condemnation with a word as to corollaries that may be drawn from the heresy. The pope then goes on to examine the causes and the effects of modernism, and finally seeks the necessary remedies. Their application he endeavors to put into practice by a series of energetic measures. An urgent appeal to the bishops fittingly closes this striking document.

Sources

Protestant Sources

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FICHTE, Versuch einer Kritik aller Offenbarung (1792)
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IDEM, Der christliche Glaube nach den Grundsaetzen der evangelischen Kirche, im Zusammenhang dargestellt (1811-22; 6th ed., 1884(
SCHELLING, Vorlesungen ueber die Methode des akademischen Studiums (3rd ed., 1830);
HEGEL, Vorlesungen ueber die Philosophie der Religion (1832), in vols. XI and XII of his complete works;
RITSCHL, ALBRECHT, Die christliche Lehre von der Rechtfertigung und Versoehnung (3 vol., 1870-84);
IDEM, Theologie und Metaphysik (1881);
HERMAN, Die Gewissheit des Glaubens und die Freihet der Theologie (2nd ed., 1889);
LIPSIUS, Dogmatische Beitraege (1878);
IDEM, Philosophie und Religion (1885)
LANGE, Geschichte des Materialismus (4th part, 3rd ed., 1876)
SCHWARZ, Zur Geschichte der neusten Theologie (3rd ed., 1864);
EUCKEN, from his numerous works on the subject we may mention Der Wahrheitsgehalt der Religion (1901); PFLEIDERER, Die Religion, ihr Wesen und ihre Geschichte (2nd vol., 1869);
IDEM Grundriss der christlichen Glaubens- und Sittenlehere (1880);
IDEM, Entwickelung der protestantischen Theologie seit Kant (1892);
SABATIER, Esquisse d'une philosophie de la religion après la philosophie et l'histoire (1897);
IDEM, Les religions d'autorite et la religion de l'espirit [posthumous] (1902);
HAMILTON, Discussion on Philosophy and Literature (3rd ed., 1866);
CAMP"cenotes">Modernist Sources

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HARNACK, Das Wesen des Christentums (enlarged ed., Jena, 1908);
GORE (anti-modernist), The New Theology and the Old Religion (London 1907);
HAKLUYT (anti-modernist), Liberal Theology and the Ground of Faith (London, 1908); Father Tyrell's Modernism: an expository criticism of "Through Scylla and Charybdis" in an open letter to Mr. Athelstan Riley (London, 1909).

MURRI, Psicologia della religione, note ed appunti, published under the pseudonym of SOSTENE GELLI (Rome, 1905);
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IDEM, I principi comuni in Programma della societa regionale di cultura (Rome, 1906);
IDEM, La Vita religiosa nel cristianesimo: Discorsi (Rome, 1907)
IDEM, La filosofia nuova e l'enciclica contro il modernismo (Rome, 1908)
FOGAZZARO, Il Santo (Milan, 1905);
Il Programma dei Modernisti. Riposta all' Enciclica di Pio X, "Pascendi Dominici gregis" (Rome, 1908);
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LEROY, Dogme et critique (Paris) [In referring to this book, which has been condemned, we do not wish to make any reflexion on the Catholicity of the author];
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Catholic Sources

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(Source: http://newadvent.org/cathen/10415a.htm September 13th, 2019)