Katholisch Leben!

The Jesus Brothers

Priesterweihe

"Kirchliche Institutionen, Pastoralpläne und andere rechtliche Strukturierungen sind bis zu einem gewissen Grad schlichtweg notwendig. Aber gelegentlich werden sie als das Wesentliche ausgegeben und verstellen so den Blick auf das wirklich Wesentliche. [...]  Angesichts der augenblicklich abnehmenden Zahl der Priester, wie leider auch der (sonntäglichen) Gottesdienstbesucher, kommen in verschiedenen deutschsprachigen Diözesen Modelle der Um- und Neustrukturierung der Seelsorge zur Anwendung, bei denen das Bild des Pfarrers, das heißt des Priesters, der als Mann Gottes und Mann der Kirche eine Pfarrgemeinde leitet, zu verschwimmen droht."

(Papst Benedikt XVI.)


Priester?

 
"Weißt du, was meine Mutter immer gesagt hat? Die Menschen bekommen die Geistlichen, die sie verdienen!" 
(Fr. Benedict Groeschel quoting a relative in "Living the Call of Peace")
 
"Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt."
(Joh 15, 16 - Einheitsübersetzung)



Von evangelikaler Seite hört man manchmal, die Bibel würde uns doch sagen, wir alle seien Priester. Wozu also noch extra Priester weihen?

Es gibt tatsächlich ein allgemeines Priestertum aller Getauften - hierin stimmt die Katholische Kirche mit anderen christlichen Gemeinden überein. Dieses Wort "allgemein" ist aber nicht im üblichen Sprachgebrauch als etwas unbestimmtes oder undefiniertes zu verstehen. Es bezieht sich auf unsere Charismen, also die Gaben, mit denen wir vom Heiligen Geist ausgestattet wurden. Manch einer ist kreativ, andere sind zum Lehrer berufen, wieder andere haben ein besonderes Organisationstalent usw. Diese Gaben sollen wir zum Lob und Ruhm unseres himmlischen Vaters verwenden.

Das 2. Vatikanische Konzil hat hierzu auch Stellung genommen und betont, dass das eben erwähnte "allgemeine" (besser: gemeinsame) Priestertum vom Priestertum des amtlichen Dienstes unterscheidet - und zwar dem Wesen nach (also nicht nur graduell). Hier geht es aber nicht darum, was besser oder schlechter ist, sondern hier werden die verschiedenen Berufungen angesprochen, die wir als Gläubige haben. Das amtliche Priestertum hat hierbei einen besonderen Sendungsauftrag für alle Gläubigen und die Kirche und deren Einheit insgesamt.

(Quelle: http://www.fernkurswuerzburg.de/ - unbedingt zu empfehlen!!)

(Fortsetzung folgt)

"Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. 38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden."

(Mt 9, 37-38 - Einheitsübersetzung)

 

Das Priestertum hat doch mit Christus aufgehört!

Lesen wir Titus 1,5: "Ich habe dich in Kreta deswegen zurückgelassen, damit du das, was noch zu tun ist, zu Ende führst und in den einzelnen Städten Älteste einsetzt, wie ich dir aufgetragen habe." (Einheitsübersetzung)

Nachdem der Hl. Paulus in Rom Hausarrest bekommen hatte (AD 61-63), hat er Titus in Kreta eingesetzt. Ihm reichte es, eine Gemeinde zu gründen - alles weitere überließ er anderen (siehe auch 2 Kor 10,16; Röm 15,20-21). Etwa um AD 65 schrieb dann der Hl. Paulus diesen Brief an Titus. Wahrscheinlich hielt er sich zu dieser Zeit noch in Mazedonien auf. Eine der ersten Aufgaben von Titus war es dann, Presbyter - also Priester - zu ernennen.

Wo also sind die Priester und Bischöfe der Kirchen, die sich auf das Neue Testament oder das Urchristentum berufen?

1 Thess 5,12-13: "Wir bitten euch, Brüder: Erkennt die unter euch an, die sich solche Mühe geben, euch im Namen des Herrn zu leiten und zum Rechten anzuhalten. Achtet sie hoch und liebt sie wegen ihres Wirkens! Haltet Frieden untereinander!" (Einheitsübersetzung).

Als Leiter der Gemeinde haben es Priester bestimmt nicht leicht. Wir sollten sie lieben, wie wir Jesus lieben - und ihnen das auch zeigen (etwa, indem wir aktiv am Gemeindeleben teil haben). Schließlich bringen sie uns auch den Leib und das Blut Jesu Christi! Außerdem können nur geweihte Priester uns von unseren Sünden lossprechen. Für all das, was sie aus Liebe zu Gott und in Nachfolge Jesu Christi tun, verdienen sie Liebe und Respekt.

Nun zu 1 Kor 12,27-28: "Ihr aber seid der Leib Christi und jeder einzelne ist ein Glied an ihm. So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die anderen als Propheten, die dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede." (Einheitsübersetzung).

Alle Gaben wurden ähnlich den Gliedern des menschlichen Körpers zum Wohle der gesamten Kirche geschenkt. Die "höheren" Gaben sind die, die in irgendeiner Form mehr zum Wohle der Kirche beitragen. Die wertvollste Gabe ist die praktisch gelebte Nächstenliebe. Dies kann aber auch bedeuten, dass man das Geschenk einer religiösen Berufung akzeptiert. Ein Geschenk, bei dem man die Welt verleugnet und Gott alleine sowie Seinem Volk dienen will. 

Sehen wir uns noch Eph 4,11-13 an: "Und er gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So wollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen." (Einheitsübersetzung).

Jesus Christus gibt den Gliedern in Seiner Kirche verschiedene (Auf-)Gaben. Diese Verse wurden Jahre nach Christi Himmelfahrt geschrieben - wie also gibt Er uns diese (Auf)Gaben? Durch die Apostel und ihre Nachfolger, und zwar durch das Handauflegen. Wie oft versuchen wir, Gott in dem, was Er ist und kann zu beschränken! Christus hat eine lebendige und wachsende Kirche ins Leben gerufen - und nicht eine, die nach dem letzten Apostel sterben würde!

Schließlich noch zu 1 Tim 4,14-16: "Vernachlässige die Gnade nicht, die in dir ist und die dir verliehen wurde, als dir die Ältesten aufgrund prophetischer Worte gemeinsam die Hände auflegten. Dafür sollst du sorgen, darin sollst du leben, damit allen deine Fortschritte offenbar werden. Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören." (Einheitsübersetzung).

Timotheus hatte also die "Gnade", also eine spirituelle Gabe, die ihm aufgrund prophetischer Worte durch das Auflegen der Hände seitens der Ältesten verliehen wurde. Dies war eine althergebrachte Geste, die Solidarität ziwchen dem, der Hände auflegte und dem, dem sie aufgelegt wurden, zum Ausdruck brachte. Diese Geste wird im Neuen Testament in verschiedenen Zusammenhängen erwähnt: als eine Geste des Segnens (Mt 19,15), des Heilens (Mk 6,5), des Empfangens des Heiligen Geistes (Apg 8,17) und der Übertragung eines kirchlichen Amtes (Apg. 6,6).

2 Tim 1,6-7: "Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." (Einheitsübersetzung).

Paulus hat Timotheus die Hände aufgelegt hat und ihn damit geweiht hat, wodurch Timotheus eine dauerhafte Gnade genießt. Dieser Vers muss mit 1 Tim 4,14 verglichen werden: "Vernachlässige die Gnade nicht, die in dir ist und die dir verliehen wurde, als dir die Ältesten aufgrund prophetischer Worte gemeinsam die Hände auflegten." (Einheitsübersetzung). Durch seine priesterliche Berufung sagt Paulus Timotheus auch, dass er seine in der Weihe empfangenen Gaben auch nützen muss. Warum sagt ihm dies Paulus, wenn das Priesterum mit Christus sein Ende fand? Das würde dann keinen Sinn ergeben. Die katholische Kirche hält sich also an Paulus' - und damit an Jesu' - Weisung.

1 Tim 5,22: "Lege keinem vorschnell die Hände auf und mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden; bewahre dich rein!" (Einheitsübersetzung).

Das Auflegen der Händ bedeutet die Weihe. Timotheus soll keinem vorschnell die Hände auflegen, bevor er sich nicht von seinen Qualifikationen überzeugt hat. Er wäre dann nämlich verantwortlich für die Sünden dieses unwürdigen Priesters. Paulus sagt Timotheus auch, er solle sich von der Sünde fern halten und rein bewahren. Priester zu sein heißt deshalb auch, ein hohes Maß an Heiligkeit zu besitzen und andere in diese Heiligkeit zu führen.

Heb 8:5-6: "Sie dienen einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge, nach der Anweisung, die Mose erhielt, als er daranging, das Zelt zu errichten: Sieh zu, heißt es, dass du alles nach dem Urbild ausführst, das dir auf dem Berg gezeigt wurde. Jetzt aber ist ihm ein um so erhabenerer Priesterdienst übertragen worden, weil er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist." (Einheitsübersetzung).

Diese enge Beziehung zwischen dem Preistertum und dem Bund ist ähnlich dem zwischen dem Priestertum und dem Gesetz in 7,12. Der alte Bund hatte sein eigenes Priestertum. Jesu' Priestertum ist Teil des neuen und besseren Bundes, dessen Mittler Er ist. Der Titel des "Mittler" (siehe auch 9,15) gehört Ihm, da Sein Opfer das Mittel der Vereinigung zwischen Gott und den Menschen war; es hat die Sünde weg genommen, die das Hindernis bei dieser Vereinigung war, und dadurch die Beziehung des Neuen Bundes möglich gemacht.

(Quelle: www.saintjoe.com)

 

Katholische Priester können doch keine Sünden vergeben!

"Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Darauf sagte er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Und der Mann stand auf und ging heim. Als die Leute das sahen, erschraken sie und priesen Gott, der den Menschen solche Vollmacht gegeben hat." (Mt 9,6-8 - Einheitsübersetzung)

Den Menschen wurde also nicht nur die Vollmacht gegeben, andere Menschen zu heilen, sondern auch die Vollmacht, Sünden zu vergeben! Wohlgemerkt ist "Menschen" hier im Plural - es bezieht sich also nicht nur auf Jesus allein. Die Menschen des Neuen Testaments verstanden darunter also, dass Jesus Menschen die Vollmacht erteilt hat, anderen Menschen zu vergeben. Ebenso wie heute hatte man damals Angst vor dieser Autorität. Dazu gibt es aber keinen Grund, da dies eine Autorität ist, die dienenden und liebenden Charakter hat und vom Heiligen Geist geleitet wird - und nicht etwa ein von Menschen ins Leben gerufenes Machtinstrument.

Lesen wir Lk 17,3-4: "Seht euch vor! Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er sich ändert, vergib ihm. Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern!, so sollst du ihm vergeben." (Einheitsübersetzung).

Wenn nur Gott Sünden vergeben kann, warum sagt hier Jesus Seinen Jüngern, sie sollen die Sünden ihrer Brüder vergeben (Mt 6-14-15)? Als Laien haben wir natürlich auch die Macht, Sünden zu vergeben, diese unterscheidet sich aber von der Autorität zur Sündenvergebung, die Priester besitzen. Ein Priester ist ein Werkzeug Gottes der im Namen Gottes unsere Sünden vergibt. Heißt das nun, wir sollen einander nicht auch vergeben? Nein - wie sir schon im Vaterunser sehen!

Betrachten wir Mt 18,18: "Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein." (Einheitsübersetzung)

Jesus hatte schon Petrus die Macht zu binden und zu lösen gegeben, nun gibt Er sie allen Aposteln. Was auch immer sie auf Erden binden bzw. lösen werden, wird auch im Himmel gebunden bzw. gelöst sein. Warum ist das so? Weil sie Christus selbst repräsentieren. Wenn sie binden, wird dies auch im Himmel gebunden sein, da Gott die Autorität anerkennt, die Er ihnen gegeben hat. Und wenn Gott diese Autorität anerkennt, warum sollten wir dies nicht auch tun?

Sehen wir uns nun 2 Kor 2,10 an: "Wem ihr aber verzeiht, dem verzeihe auch ich. Denn auch ich habe, wenn hier etwas zu verzeihen war, im Angesicht Christi um euretwillen verziehen" (Einheitsübersetzung)

Paulus sagt hier also, er habe im Angesicht Christi verziehen. Paulus und all seine Nachfolger aber sind "im Angesicht Christi", wenn sie die Beichte hören. Christus hat uns geboten, unsere Sünden zu beichten und als gläubige Christen befolgen wir dieses Gebot auch - bei den Priestern, denen Er durch die apsotolische Sukzession die Macht zur Sündenvergebung gegeben hat. Warum nicht direkt zu Gott gehen und ihn selbst um Vergebung bitten? Wissen wir aber, ob unsere Sünden dann vergeben sind? Als Katholiken gehen wir lieber zu Christus - in Gestalt des Priesters!

"Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat." (2 Kor 5,18 - Einheitsübersetzung)

Den Aposteln und ihren Nachfolgern wurde das Sakrament der Versöhnung aufgetragen. Sie sollten nicht nur Gottes Wort predigen, sondern auch den Körper und den Geist der Menschen heilen. Und die Heilung der Seele geschieht durch das Sakrament der Versöhnung, dass uns mit dem Leib Christi - der Kirche - verbindet.

"Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." (Jn 20,21-23 - Einheitsübersetzung).

Gott Vater hat Jesus mit Autorität ausgestattet ausgesendet - und genauso sendete Jesus die Apostel aus. Er hat ihnen den Heiligen Geist eingehaucht. Das einzige Mal, wo Gott jemanden angehaucht hat, war, als Er Leben in Adam eingehaucht hat. Jesus hat also die Apostel angehaucht und ihnen die Autorität gegeben, die Er seinerseits vom Vater bekommen hat. Und um zu wissen, welche Sünden zu vergeben waren und welche nicht, mussten die Apostel zunächst die Beichte gehört haben!

Kommen wir nun zu Jk 5,15-15: "Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben. Darum bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheiligt werdet. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten." (Einheitsübersetzung)

Worüber spricht Jakobus hier? Über die Presbyter (also die Priester), die sowohl deinen Körper wie deine Seele heilen können. Ihnen obliegt dies - ebenso wie die Vergebung der Sünden. Gott vergibt unsere Sünden, und zwar durch die Priester!

(Quelle: www.saintjoe.com)

 

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte

Wer waren die ersten Priester?

Die Leviten?

Ja und nein.

Tatsächlich waren die ersten Priester im Israel des Alten Testaments - noch vor den Leviten - die jeweils erstgeborenen Söhne einer Familie.

Nach dem Tanz um das goldene Kalb und die Bestrafung des Volkes Israels hierfür wurden die Leviten hierfür eingesetzt.

Seit Jesus Christus sind es die Bischöfe, Priester und Diakone.

Man kann es etwa so vergleichen: Bischöfe sind die Großväter, Priester die Väter und Diakone die Erstgeborenen - wir selbst als Gläubige sind die Brüder. Das Christentum war von Beginn an eine Art Familie - mit Gott als dem liebenden Vater.

Prof. Dr. Scott Hahn definiert das Priestertum als "the spiritual authority of sacrificial love" (die geistige Autorität der aufopfernden Liebe). Er meint: "priesthood is fatherhood!" (Ein Priester zu sein, heißt, ein Vater zu sein!).

 

In der wahren christlichen Kirche hat niemand Autorität über den anderen!

Lesen wir Röm 12,4-5: "Denn wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören." (Einheitsübersetzung)

Als Glieder desselben Leibes haben wir also verschiedene Dienste zu leisten. Wir sind zwar alle Glieder desselben Leibes, aber Gott hat uns unterschiedliche Gaben und Funktionen in Seiner Kirche gegeben. Die apostolische Sukzession zeigt sich in unserem Heiligen Vater, den Bischöfen und den Priestern. Die Lehrfunktion der Kirche (das Magisterium) leitet die Gemeinschaft der Gläubigen (als Leib Christi), damit sie nicht vom Weg abkommen.

(Quelle: www.saintjoe.com)

 

In der wahren christlichen Kirche gibt es nicht die Hierarchie, die man in der Katholischen Kirche findet!

Sehen wir uns Lk 10,16 an: "Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat." (Einheitsübersetzung).

In der Kirche von heute spiegelt sich eine Hierarchie wieder, die Christus in der frühen Kirche begründet hat. Er gab den Aposteln die Autorität, in Seinem Namen zu lehren. Diese Autorität wurde wohlgemerkt nicht den Gläubigen insgesamt gegeben, nur den zwölf Aposteln und ihren Nachfolgern (siehe auch Apg 1,20). Überlege doch mal selbst: hätte die Katholische Kirche 2.000 Jahre lang durchgehalten, wenn sie nicht eine unfehlbare Lehramtsautorität unter Führung des Heiligen Geistes hätte? Sieh dir doch mal die tausenden von Gemeinden an, die es heute als Folge der Verleugnung dieser Autorität gibt!

(Quelle: www.saintjoe.com)

 

Warum nur Priester?

Warum dürfen bei den Katholiken nur Priester die Eucharistiefeier vollziehen? In der Bibel ist doch davon nicht die Rede! Dort heißt es doch, dass alle das Brot gebrochen haben?

Nun, Jesus hat beim letzten Abendmahl den Aposteln aufgetragen, dieses von nun an zu Seinem Gedächtnis zu tun: Sein Blut trinken und Sein Fleisch essen. Wohlgemerkt den Aposteln - keineswegs allen, die Ihm damals nachfolgten. Katholiken glauben daran, dass es Männer in apostolischer Nachfolge sein sollten, die dies heute tun. Mit anderen Worten: die Nachfolger der damaligen Apostel. Und dies sind per Weihe entweder Bischöfe oder Priester. Dieses tiefe Geheimnis der Eucharistie kann nur von ihnen aufgeschlossen werden. Es waren schließlich die Apostel, die dies damals vollzogen hatten, die das Brot gemeinsam gebrochen und den Wein getrunken haben.

Um es nochmals ganz klar zu sagen: nirgends in der Bibel steht, dass alle das Brot gebrochen haben. Es ist immer nur die Rede davon, dass Christus oder die Apostel dies getan haben. Wer hier anderer Auffassung ist, möchte doch bitte die betreffenden Stellen genau lesen.

Die Tatsache, dass nur ein Priester oder Bischof die Eucharistiefeier volllziehen kann, ist ferner als Dogma definiert und wird sich demnach auch nicht ändern. 

Die Spendung der Hostien bzw. des Weines kann aber auch von Laien oder Diakonen vorgenommen werden.

Außerdem sollte bedacht werden, dass die Eucharistie auch das Sakrament der Einheit ist und somit nur durch einen Priester gefeiert werden kann, der gültig geweiht ist und somit im Namen und in der Person Jesu sprechen kann: "Das ist mein Leib" - "Das ist mein Blut". Es gibt aber in diesem Zusammenhang durchaus auch noch weitere Dienste: der Diakon, der Lektor, der Akolyth, der Kantor usw. Der Priester feiert also keineswegs nur alleine die Eucharistie, sondern gemeinsam mit der Gemeinde, was man etwa auch im eucharistischen Hochgebet sehen kann, wo es heißt: "Darum, gütiger Vater, feiern wir, deine Diener und dein heiliges Volk, das Gedächtnis deines Sohnes..." (Erstes Hochgebet)-

In der Eucharistie feiern wir bereits das, was wir in Vollendung beim himmlischen Hochzeitsmahl feiern werden. Somit bezeichnet und bewirkt die Eucharistie nicht nur die Einheit der Gläubigen mit Christus, sondern auch die Einheit der Gläubigen in der Kirche - dem Leib Christi. In der Eucharistie werden wir zu diesem Leib zusammen gefügt (siehe auch 1 Kor 10,17). Auch die Kirchenväter haben hiervon schon berichtet. Ausgehend von der Tatsache, dass das Brot aus vielen Körnern besteht, und der Wein aus vielen Beeren sahen sie ein Sinnbild der durch die Kommunion erlangten Vereinigung der Gläubigen zum Leib Christi. Wie schon der hl. Augustinus sieht auch heute noch die Lehre der Kirche die Eucharistie als "Zeichen der Einheit" und "Bund der Liebe". Auch der hl. Thomas von Aquin nennt die Eucharistie das "Sakrament der kirchlichen Einheit".

Aus der Lehre, dass die Eucharistie das Sakrament der Einheit ist, folgert außerdem, dass die Feier der Eucharistie eine Angelegenheit der gesamten Gemeinde ist.

(siehe auch "Katholischer Erwachsenen-Katechismus" - Erster Band)

Wo in der Bibel steht, dass nur Priester die Eucharistie vollziehen dürfen?

"In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weither gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher soll man in dieser unbewohnten Gegend Brot bekommen, um sie alle satt zu machen? Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus." (Mk 8,1-6 - Einheitsübersetzung)

Jesus brach das Brot und gab es Seinen Jüngern zum Verteilen und die Jünger teilten das Brot an die Leute aus. Warum ist das in der Bibel beschrieben? Wir dürfen nicht vergessen, dass kein einziger Satz in der Heiligen Schrift ohne Bedeutung ist. Jesus hätte genauso gut das Brot einfach weiterreichen können, oder irgendjemand aus den anwesenden Menschen bitten können, es zu verteilen. Nein, Er beauftragte Seine Jünger!

Die Bischöfe und Priester heute sind die Nachfolger dieser Jünger. So wie die Jünger damals das Brot verteilten, tuen die Bischöfe und Priester es heute: sie brechen das Brot, sagen Dank und verteilen es an die Leute!

Warum dürfen Frauen keine Priester werden? Nur weil ihnen ein Chromosom fehlt, wird ihnen das Priestertum vorenthalten!

Die kurze Antwort:

Das Priestertum des Alten wie des Neuen Testaments gründet sich auf die geistliche Vaterschaft - ähnlich wie Gott unser Vater ist. Das Christentum ist eine große Familie, und Priester sind unsere geistigen Väter.

Im übrigen geht es hier nicht um ein Chromosom weniger. Männer und Frauen sind zwar in der Bibel gleichberechtigt - im Sinne von "gleich viel wert" oder "wesensgleich" - haben aber unterschiedliche Rollen und Aufgaben.

Ein Beispiel: Jesus ist vom Wesen her auf dem selben Niveau wie Gott Vater - aber Er hat eine andere Rolle. Er ist der Sohn und als solcher hat Er sich dem Willen des Vaters untergeordnet.

Die Bibel hat immer betont, dass ein Mann etwas anderes ist als eine Frau (das sollte all denen, die diesen Unterschied durch das moderne "Gender Mainstreaming" verschwinden lassen wollen, zu denken geben!) - und dieser Unterschied ist gut so und Gott gewollt. Mehr hierzu auf meiner Seite "Mann & Frau".

 

Die etwas längere Antwort:

In 2.000 Jahren Kirchengeschichte war die Kirche, die Jesus gegruendet hat, hierzu immer – ohne Ausnahme – eindeutig: Frauen koennen nicht zum Priester geweiht werden.

Grundlage hierfuer waren sowohl das Zeugnis des Neuen Testaments wie die Lehren der Kirchenvaeter.
 
Frauen konnten zwar oeffentlich beten und prophezeien (1 Kor 11, 1-16), aber nicht lehren oder irgendeine Autoritaet ueber Maenner ausueben (1 Tim 2, 11-14). Ebensowenig war es Frauen erlaubt, oeffentlich die Lehre des Klerus zu kritisieren oder infrage zu stellen (1 Kor 14, 34-38).

Frauen hatten allerdings schon zu Zeiten der Kirchenvaeter eine aktive Rolle im Gemeindeleben gespielt. Bereits damals gab es Orden von Jungfrauen, Witwen und Diakoninnen – jedoch waren sie alle nicht geweiht.

Die Kirchenvaeter hielten Frauen als Priester unvereinbar mit dem christlichen Glauben (Beispiele: Irenaeus, Tertullian, Hippolytus, Didascalia, Firmilian, Konzil von Nizaea I, Konzil von Laodizaea, Epiphanius von Salamis, Johannes Chrysostom, die Apostolischen Konstitutionen, Augustin). Daran hat sich bis heute nichts geaendert.

1994 hat Papst Johannes Paul II offiziell erklaert, dass die Kirche nicht berechtigt sei, Frauen zu weihen, auch wenn dies in manchen Kreisen immer noch diskutiert werde. Manche wuerden auch irrtuemlicherweise meinen, die Tatsache, dass die Kirche keine Frauen zu Priestern weihe, sei eine reine disziplinarische Massnahme. Dem sei aber nicht so. Es handle sich hierbei vielmehr um eine Angelegenheit von grosser Bedeutung, eine Angelegenheit, die auf die Grundlagen der Kirche selbst zurueck gehe. Der Papst war hierzu absolut eindeutig und verwies auch darauf, dass dieses Urteil auch von den treuen Glaeubigen der Kirche zu teilen sei (Ordinatio Sacerdotalis 4).

1995 hat die Glaubenskongregation zusammen mit dem Papst ebendies betont, ebenso die Wichtigkeit, hier einer Meinung zu sein, sowie die Tatsache, dass die Lehre der Kirche zu diesem Punkt biblisch begruendet sei, von Beginn an bewahrt und weitergegeben und vom Magisterium unfehlbar fortgesetzt wurde (vgl. II. Vatik. Konzil, Dogmatische Konstitution ueber die Kirche, Lumen Gentium 25, 2).

Angesichts dieser eindeutigen und aufgrund der lehramtlichen Entscheidung verpflichtenden Stellungnahme der Kirche ist es umso erstaunlicher, dass immer wieder – auch und gerade von Theologinnen und Theologen und sogar von Ordensleuten! – die Weihe von Frauen zu Priestern (ich verwende bewusst nicht das Wort “Priesterinnen”, da es das aus katholischer Sicht nicht gibt) gefordert wird (etwa mit “Argumenten” wie “nur weil ich kein Y-Chromosom habe, kann ich kein Priester werden!). Wer so etwas vertritt, hat zum einen weder das biblische Bild von Mann und Frau noch das Priestertum verstanden – vom katholischen Glauben und dem Lehramt der von Jesus selbst gegruendeten Kirche und den klaren Aussagen der Heiligen Schrift hierzu ganz zu schweigen! Da helfen auch allgemein in solchen Faellen gern zitierte Argumente, diese biblischen Verse seien “im Kontext der damaligen Zeit zu sehen und nicht mit heute zu vergleichen” oder “die Gesellschaft ist heute eine andere” oder “die Bibel wurde zwar von Gott inspiriert, aber von Menschen mit all ihren Fehlern geschrieben” nichts. Ganz abgesehen davon sollte man sich, wenn man derartige “Begruendungen” anfuehrt, der Tatsache bewusst sein, dass sich hiermit saemtliche Bibelverse ins glatte Gegenteil verdrehen und nach eigenem Geschmack auslegen lassen. Wer sich im apostolischen Glaubensbekenntnis klar zur Katholischen Kirche und zum Katholischen Glauben bekennt, muss auch die Konzequenzen tragen und dem kirchlichen Lehramt folgen – wohl wissend, dass die Kirche als ganze sich nicht irren kann, da Jesus versprochen hat, den Heiligen Geist zurueck zu lassen, der bis ans Ende aller Zeiten bei Seiner Kirche sein wird!


(Quelle: u.a. www.catholic.com)

 

Inter insigniores

Erklärung Inter insigniores der Kongregation für die Glaubenslehre unseres Heiligen Vaters Paul VI. zur Frage der Zulassung von Frauen zum Priestertum
15. Oktober 1976
(Lateinischer Text: AAS LXIX [1977] 98-116)

(Quelle: Deutsche Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 117)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramstexte, dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite [1] können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Einleitung: Die Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft und in der Kirche

Zu den besonderen Merkmalen, die unsere Zeit kennzeichnen, zählte Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Pacem in terris vom 11. April 1963 „den Eintritt der Frau in das öffentliche Leben, der vielleicht rascher bei den christlichen Völkern erfolgt und langsamer, jedoch in zunehmendem Umfang auch bei den Völkern anderer Traditionen und Kulturen“. (1) Ebenso nennt das II. Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution Gaudium et spes, wo es die Formen von Diskriminierung in den Grundrechten der Person aufzählt, die überwunden und beseitigt werden müssen, da sie dem Plan Gottes widersprechen, an erster Stelle jene Diskriminierung, die wegen des Geschlechts erfolgt. (2) Die Gleichheit, die sich hieraus ergibt, wird dazu führen, eine Gesellschaft zu verwirklichen, die nicht völlig nivelliert und einförmig, sondern harmonisch und in sich geeint ist, wenn die Männer und die Frauen ihre jeweiligen Veranlagungen und ihren Dynamismus in sie einbringen, wie es Papst Paul VI. erst kürzlich dargelegt hat. (3)

Im Leben der Kirche selbst haben Frauen, wie die Geschichte bezeugt, einen entscheidenden Beitrag geleistet und bedeutsame Werke vollbracht. Es genügt, an die Gründerinnen der großen Frauenorden zu erinnern, wie die hl. Klara oder die hl. Theresia von Avila. Letztere und die hl. Katharina von Siena haben der Nachwelt so tiefgründige geistliche Schriften hinterlassen, dass Papst Paul VI. sie unter die Zahl der Kirchenlehrer aufgenommen hat. Noch sind jene unzähligen Frauen zu vergessen, die sich dem Herrn geweiht haben, um die tätige Nächstenliebe zu üben oder in den Missionen zu arbeiten, noch die christlichen Mütter, die in ihren Familien einen tiefen Einfluss ausüben und vor allem ihren Kindern den Glauben vermitteln.

Unsere Zeit erhebt jedoch noch höhere Forderungen: „Da heute die Frauen eine immer aktivere Funktion im ganzen Leben der Gesellschaft ausüben, ist es von großer Wichtigkeit, dass sie auch an den verschiedenen Bereichen des Apostolates der Kirche wachsenden Anteil nehmen.“ (4) Dieser Hinweis des II. Vatikanischen Konzils hat bereits eine entsprechende Entwicklung in die Wege geleitet: die verschiedenen Erfahrungen müssen natürlich noch reifen. Sehr zahlreich sind jedoch schon, wie Papst Paul VI. noch bemerkt hat (5), die christlichen Gemeinschaften, denen der apostolische Einsatz der Frauen sehr zum Nutzen gereicht. Einige von diesen Frauen wurden als Mitglieder in die Gremien für die pastorale Planung sowohl auf diözesaner wie pfarrlicher Ebene berufen. Auch der Heilige Stuhl hat in einige Ämter der Kurie Frauen aufgenommen.

Nun haben seit einigen Jahren mehrere christliche Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts oder der nachfolgenden Zeit hervorgegangen sind, auch Frauen in der gleichen Weise wie Männern den Zugang zum pastoralen Dienst eröffnet. Ihre Initiative hatte von seiten der Mitglieder dieser Gemeinschaften oder ähnlicher Gruppen Forderungen und Veröffentlichungen zur Folge, die darauf abzielen, diese Zulassung auszuweiten, ebenso aber auch Reaktionen im entgegengesetzten Sinn. Diese Frage stellt also ein ökumenisches Problem dar, zu dem die katholische Kirche ihre Auffassung darlegen muss, und das um so mehr, als man sich in verschiedenen Bereichen der öffentlichen Meinung die Frage gestellt hat, ob die Kirche nicht auch ihrerseits ihre Praxis ändern und Frauen zur Priesterweihe zulassen sollte. Sogar mehrere katholische Theologen haben diese Frage offen gestellt und so zu Untersuchungen nicht nur im Bereich der Exegese, der Patristik und der Kirchengeschichte, sondern auch auf dem Gebiet der geschichtlichen Erforschung der Institutionen und Gebräuche, der Soziologie und der Psychologie angeregt. Die verschiedenen Argumente, die zur Klärung dieses bedeutsamen Problems beitragen können, sind einer kritischen Prüfung unterzogen worden. Da es sich hierbei aber um eine Diskussion handelt, der die klassische Theologie kaum größere Aufmerksamkeit geschenkt hat, läuft die gegenwärtige Argumentation leicht Gefahr, einige wesentliche Elemente zu vernachlässigen.

Aus diesen Gründen erachtet es die Kongregation für die Glaubenslehre in Erfüllung eines Auftrags, den sie vom Heiligen Vater erhalten hat, und als Antwort auf die von ihm in seinem Schreiben vom 30. November 1975 gemachten Erklärung (6) als ihre Pflicht, erneut festzustellen: Die Kirche hält sich aus Treue zum Vorbild ihres Herrn nicht dazu berechtigt, die Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Gleichzeitig ist die Kongregation der Meinung, dass es in der gegenwärtigen Situation nützlich ist, diese Haltung der Kirche näher zu erklären, da sie von einigen vielleicht mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden wird. Auf längere Sicht dürfte jedoch ihr positiver Wert ersichtlich werden, da sie dazu beitragen könnte, die jeweilige Sendung von Mann und Frau tiefer zu erfassen.


Die Tatsache der Tradition

Niemals ist die katholische Kirche der Auffassung gewesen, dass die Frauen gültig die Priester- oder Bischofsweihe empfangen könnten. Einige häretische Sekten der ersten Jahrhunderte, vor allem gnostische, haben das Priesteramt von Frauen ausüben lassen wollen. Die Kirchenväter haben jedoch sogleich auf diese Neuerung hingewiesen und sie getadelt, da sie sie als für die Kirche unannehmbar ansahen. (7) Es ist wahr, dass man in ihren Schriften den unleugbaren Einfluss von Vorurteilen findet, die sich gegen die Frau richten, die sich aber – was ebenfalls festzustellen ist – kaum auf ihre pastorale Tätigkeit und noch weniger auf ihre geistliche Führung ausgewirkt haben. Neben diesen durch den Geist der Zeit beeinflussten Überlegungen findet man, vor allem in den kirchenrechtlichen Werken der antiochenischen und ägyptischen Tradition, als wesentliches Motiv dafür angeführt, dass die Kirche, indem sie nur Männer zur Weihe und zum eigentlichen priesterlichen Dienst beruft, jenem Urbild des Priesteramtes treu zu bleiben sucht, das der Herr Jesus Christus gewollt und die Apostel gewissenhaft bewahrt haben.(8) Dieselbe Überzeugung bestimmt auch die mittelalterliche Theologie (9), obgleich die scholastischen Theologen, wenn sie die Glaubenswahrheiten durch die Vernunft zu erklären suchen, zu dieser Frage oft Argumente anführen, die das moderne Denken nur schwerlich gelten lässt oder sogar mit Recht zurückweist. Seither ist diese Frage bis in unsere Zeit sozusagen nicht mehr erörtert worden, da die geltende Praxis von einer bereitwilligen und allgemeinen Zustimmung getragen wurde.

Die Tradition der Kirche ist also in diesem Punkt durch die Jahrhunderte hindurch so sicher gewesen, dass das Lehramt niemals einzuschreiten brauchte, um einen Grundsatz zu bekräftigen, der nicht bekämpft wurde, oder ein Gesetz zu verteidigen, das man nicht in Frage stellte. Jedes Mal aber, wenn diese Tradition Gelegenheit hatte, deutlicher in Erscheinung zu treten, bezeugte sie den Willen der Kirche, dem ihr vom Herrn gegebenen Beispiel zu folgen.

Dieselbe Tradition ist auch von den Ostkirchen treu bewahrt worden. Ihre Einmütigkeit in diesem Punkt ist um so bemerkenswerter, als ihre Kirchenordnung in vielen anderen Fragen eine große Verschiedenheit zulässt. Auch diese Kirchen lehnen es heute ab, sich jenen Forderungen anzuschließen, die den Frauen den Zugang zur Priesterweihe eröffnen möchten.
Das Verhalten Christi

Jesus Christus hat keine Frau unter die Zahl der Zwölf berufen. Wenn er so gehandelt hat, dann tat er das nicht etwa deshalb, um sich den Gewohnheiten seiner Zeit anzupassen, denn sein Verhalten gegenüber den Frauen unterscheidet sich in einzigartiger Weise von dem seiner Umwelt und stellt einen absichtlichen und mutigen Bruch mit ihr dar.

So spricht er zur großen Verwunderung seiner eigenen Jünger öffentlich mit der Samariterin (vgl. Jo 4, 27); er beachtet nicht die gesetzliche Unreinheit der blutflüssigen Frau (vgl. Mt 9, 20–22); er lässt sich im Hause des Pharisäers Simon von einer Sünderin berühren (vgl. Lk 7, 37 ff.); indem er der Ehebrecherin verzeiht, möchte er zeigen, dass man mit der Verfehlung einer Frau nicht strenger verfahren darf, als mit der von Männern (vgl. Jo 8, 11); ferner zögert er nicht, sich vom Gesetz des Moses zu distanzieren, um die Gleichheit der Rechte und Pflichten von Mann und Frau hinsichtlich des Ehebandes zu bekräftigen (vgl. Mk 10, 2011; Mt 19, 3–9).

Auf seinen Wanderpredigten ließ Jesus sich nicht nur von den Zwölf begleiten, sondern auch von einer Gruppe von Frauen: „Maria, genannt Maria aus Magdala, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Bekannten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen“ (Lk 8, 2–3). Im Gegensatz zur jüdischen Mentalität, die dem Zeugnis von Frauen keinen großen Wert zuerkannte, wie es das jüdische Gesetz bezeugt, waren es dennoch Frauen, die als erste den auferstandenen Christus sehen durften und von Jesus den Auftrag erhielten, die erste österliche Botschaft sogar den Aposteln mitzuteilen (vgl. Mt 28, 7–10; Lk 24, 9–10; Jo 20, 11–18), um sie darauf vorzubereiten, später selbst die offiziellen Zeugen der Auferstehung zu werden.

Gewiss, diese Feststellungen bieten keine unmittelbare Evidenz. Man sollte sich darüber aber nicht wundern, denn die Fragen, die sich aus dem Worte Gottes ergeben, übersteigen die Evidenz. Um den letzten Sinn der Sendung Jesu und den der Schrift zu verstehen, kann die rein historische Exegese der Texte nicht genügen. Man muss jedoch anerkennen, dass es hier eine Anzahl von konvergierenden Fakten gibt, die die bemerkenswerte Tatsache unterstreichen, dass Jesus den Auftrag der Zwölf keinen Frauen anvertraut hat. (10) Nicht einmal seine Mutter, die so eng mit seinem Geheimnis verbunden ist und deren erhabene Funktion in den Evangelien von Lukas und Johannes hervorgehoben wird, war mit dem apostolischen Amt vertraut. Das veranlasst die Kirchenväter, sie als das Beispiel für den Willen Christi in dieser Frage hinzustellen. Dieselbe Lehre hat noch am Anfang des 13. Jahrhunderts Papst Innozenz III. wiederholt, indem er schrieb: „Obwohl die allerseligste Jungfrau Maria alle Apostel an Würde und Erhabenheit übertroffen hat, hat der Herr nicht ihr, sondern jenen die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut.“ (11)
Die Handlungsweise der Apostel

Die apostolische Gemeinde ist dem Verhalten Jesu Christi treu geblieben. Obgleich Maria im engen Kreis derer, die sich nach der Himmelfahrt im Abendmahlssaal versammelten, einen bevorzugten Platz einnahm (vgl. Apg 1, 14), war nicht sie es, die man in das Kollegium der Zwölf berief, sondern man schritt zur Wahl, die dann auf Matthias fiel. Aufgestellt wurden zwei Jünger, die in den Evangelien nicht einmal erwähnt werden.

Am Pfingsttag ist der Heilige Geist auf alle herabgekommen, auf Männer und Frauen (vgl. Apg 2, 1; 1, 14), und dennoch waren es nur „Petrus zusammen mit den Elf“, die die Stimme erhoben und verkündeten, dass in Jesus die Propheten erfüllt sind (Apg 2, 14).

Als diese und Paulus die Grenzen der jüdischen Welt überschritten, haben die Verkündigung des Evangeliums und das christliche Leben in der griechisch-römischen Zivilisation sie veranlasst, mitunter sogar auf schmerzliche Weise mit der Beobachtung des mosaischen Gesetzes zu brechen. Sie hätten also auch daran denken können, Frauen die Weihe zu erteilen, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wären, in diesem Punkt dem Herrn die Treue wahren zu müssen. In der hellenistischen Welt waren mehrere Kulte der heidnischen Gottheiten Priesterinnen anvertraut. Die Griechen teilten nämlich nicht die jüdischen Vorstellungen. Wenn auch die Philosophen die Frau als minderwertiger beurteilten, so weisen die Geschichtsexperten doch während der römischen Kaiserzeit auch die Existenz einer gewissen Bewegung nach, die sich um die Förderung der Frau bemühte. In der Tat stellen wir auch in der Apostelgeschichte und in den Briefen des hl. Paulus fest, dass die Frauen bei der Verkündigung des Evangeliums mit den Aposteln zusammenarbeiteten (vgl. Röm 16, 3–12; Phil 4, 3); er nennt mit Freude ihre Namen in den abschließenden Grußworten seiner Briefe; einige von ihnen üben häufig einen bedeutenden Einfluss bei den Bekehrungen aus: Priscilla, Lydia und andere; Priscilla vor allem, die sich darum bemühte, die Glaubensunterweisung des Apollo noch weiter zu vervollkommnen (vgl. Apg 18, 26) ; Phöbe steht im Dienst der Gemeinde Kenchreä (vgl. Röm 16, 1). All diese Tatsachen offenbaren in der Kirche zur Zeit der Apostel einen beachtlichen Fortschritt im Vergleich zu den Sitten des Judentums. Und dennoch hat man niemals daran gedacht, diesen Frauen die Weihe zu erteilen.

In den paulinischen Briefen haben anerkannte Exegeten einen Unterschied zwischen zwei Redeweisen des Apostels festgestellt: er spricht unterschiedslos von „meinen Mitarbeitern“ (Röm 16, 3; Phil 4, 2–3) hinsichtlich der Männer und Frauen, die ihm auf die eine oder andere Weise in seiner apostolischen Arbeit helfen; dagegen reserviert er die Bezeichnung „Mitarbeiter Gottes“ (1 Kor 3, 9; vgl. 1 Thess 3, 2) für Apollo, Timotheus und sich selbst, Paulus; sie werden so bezeichnet, weil sie direkt zum apostolischen Amt und zur Verkündigung des Gotteswortes berufen sind. Obgleich die Frauen am Tag der Auferstehung eine bedeutsame Aufgabe zu erfüllen hatten, geht ihre Mitarbeit für den hl. Paulus nicht bis zur offiziellen und öffentlichen Verkündigung der Frohbotschaft, die exklusiv der apostolischen Sendung vorbehalten bleibt.
Die bleibende Bedeutung der Verhaltensweise Jesu und der Apostel

Könnte sich die Kirche nicht von dieser Verhaltensweise Jesu und der Apostel, die zwar durch die ganze Tradition bis in unsere Tage als Norm angesehen worden ist, heute eventuell entfernen? Man hat zugunsten einer positiven Beantwortung dieser Frage verschiedene Argumente vorgebracht, die es nun zu prüfen gilt.

Man hat vor allem behauptet, dass das Verhalten Jesu und der Apostel sich durch den Einfluss ihres Milieus und ihrer Zeit erklären ließe. Wenn Jesus, so sagt man, weder den Frauen noch seiner eigenen Mutter ein Amt übertragen hat, das sie den Zwölfen zuordnete, so liegt der Grund darin, dass die historischen Umstände es ihm nicht gestatteten. Keiner hat indes jemals bewiesen, und es ist auch nicht möglich nachzuweisen, dass dieses Verhalten sich allein an soziologisch-kulturellen Motiven orientiert. Die Nachforschungen in den Evangelien ergeben, wie wir oben gesehen haben, gerade das Gegenteil, dass nämlich Jesus mit den Vorurteilen seiner Zeit gebrochen hat, indem er den konkreten Formen der Diskriminierung der Frauen entschlossen entgegengetreten ist. Man kann also nicht behaupten, dass Jesus sich einfach von Opportunitätsgründen habe leiten lassen, wenn er keine Frauen in die Gruppe der Apostel aufgenommen habe. Noch weniger hätten diese soziologisch-kulturellen Bedingungen die Apostel im griechischen Milieu davon zurückhalten können, wo diese Diskriminierungen nicht existierten. Einen weiteren Einwand leitet man von dem zeitbedingten Charakter her, den man heute in einigen Vorschriften des heiligen Paulus für die Frauen und in den Schwierigkeiten, die sich diesbezüglich aus einigen Aspekten seiner Lehre ergeben, zu erkennen glaubt. Man muss jedoch dagegen feststellen, dass diese Vorschriften, die wahrscheinlich durch die Sitten seiner Zeit beeinflusst sind, sich fast nur auf disziplinäre Praktiken von geringer Bedeutung beziehen, wie z. B. die den Frauen auferlegte Verpflichtung, einen Schleier zu tragen (vgl. 1 Kor 11, 2–16); diese Forderungen haben natürlich keinen normativen Wert mehr. Das Verbot des Apostels jedoch, dass Frauen in der Versammlung nicht „sprechen“ dürfen (vgl. 1 Kor 14, 34–35; 1 Tim 2, 12), ist anderer Natur. Die Exegeten erklären seine richtige Bedeutung: Paulus widersetzt sich keineswegs dem Recht, in der Versammlung prophetisch zu reden, was er den Frauen übrigens ausdrücklich zuerkennt (vgl. 1 Kor 11, 5); das Verbot bezieht sich ausschließlich auf die offizielle Funktion, in der christlichen Versammlung zu lehren. Diese Vorschrift ist für den heiligen Paulus mit dem göttlichen Schöpfungsplan verbunden (vgl. 1 Kor 11, 7; Gen 2, 18–24); man könnte sie nur schwerlich als Ausdruck der kulturellen Verhältnisse ansehen. Ferner darf nicht vergessen werden, dass wir dem hl. Paulus einen jener Texte verdanken, in denen im Neuen Testament mit größtem Nachdruck die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau als Kinder Gottes in Christus unterstrichen wird (vgl. Gal 3, 28). Es besteht also kein Grund, ihn unfreundlicher Vorurteile gegenüber den Frauen anzuklagen, wenn man das Vertrauen beachtet, das er ihnen entgegenbringt, und die Mitarbeit, die er von ihnen für seine apostolische Tätigkeit erbittet.

Außer diesen Einwänden, die man aus der Geschichte der apostolischen Zeit entnimmt, gibt es andere, die für eine berechtigte Entwicklung in dieser Frage eintreten und als Argument dafür auf die Praxis hinweisen, die die Kirche hinsichtlich der Riten der Sakramente befolgt hat. Man hat hervorheben können, wie sehr die Kirche gerade in unserer Zeit darum weiß, dass sie über die Sakramente, obgleich sie von Christus eingesetzt worden sind, eine gewisse Verfügungsgewalt besitzt. Sie bedient sich ihrer im Lauf der Jahrhunderte, um für diese das äußere Zeichen und die Bedingungen der Spendung genauer zu bestimmen: die jüngsten Entscheidungen der Päpste Pius XII. und Paul VI. sind ein Beweis dafür.(12) Doch muss betont werden, dass diese Gewalt, die tatsächlich besteht, begrenzt ist. Pius XII. hat daran erinnert, als er schrieb: „Die Kirche hat keine Gewalt über die Substanz der Sakramente, d. h. über alles, von dem Christus nach dem Zeugnis der Quellen der Offenbarung gewollt hat, dass es im sakramentalen Zeichen erhalten bleibt.“(13) Dies war auch schon die Lehre des Trienter Konzils: „Stets hatte die Kirche die Vollmacht, in der Spendung der Sakramente unter Beibehaltung ihres Wesens Bestimmungen oder Abänderungen zu treffen, die, entsprechend dem Wechsel von Verhältnissen, Zeit und Ort, das Seelenheil der Empfänger oder die Ehrfurcht vor den Sakramenten förderten.“(14)

Anderseits darf nicht vergessen werden, dass die sakramentalen Zeichen keine konventionellen Zeichen sind; und selbst wenn es zutrifft, dass sie unter bestimmten Aspekten natürliche Zeichen sind, weil sie der tiefen Symbolik der Gesten und Dinge entsprechen, so sind sie doch mehr als das: sie sind vor allem dafür bestimmt, den Menschen einer jeden Epoche mit dem erhabensten Geschehen der Heilsgeschichte in Verbindung zu bringen, ihm durch den ganzen Reichtum der Pädagogik und der Symbolik der Bibel die Erkenntnis der Gnade zu vermitteln, die sie bezeichnen und bewirken. So ist das Sakrament der Eucharistie nicht nur ein brüderliches Mahl, sondern zugleich auch die Gedächtnisfeier, die das Opfer Christi und seine Hingabe durch die Kirche vergegenwärtigt und wirksam macht; das Priesteramt ist nicht ein einfacher pastoraler Dienst, sondern gewährleistet die Kontinuität jener Funktionen, die Christus den Zwölfen übertragen hat, und der Gewalten, die sich darauf beziehen.

Die Angleichung an bestimmte Zivilisationen und Epochen kann also nicht, was die wesentlichen Elemente betrifft, ihre sakramentale Bezogenheit auf die grundlegenden Ereignisse des Christentums und auf Christus selbst abschaffen.

Es ist letztlich die Kirche, die durch die Stimme ihres Lehramtes in diesen verschiedenen Bereichen die richtige Unterscheidung zwischen den wandelbaren und den unwandelbaren Elementen gewährleistet. Wenn sie gewisse Änderungen nicht übernehmen zu können glaubt, so geschieht es deshalb, weil sie sich durch die Handlungsweise Christi gebunden weiß: ihre Haltung ist also entgegen allem Anschein nicht eine Art Archaismus, sondern Treue. Nur in diesem einen Licht kann sie sich selbst richtig verstehen. Die Kirche fällt ihre Entscheidungen kraft der Verheißung des Herrn und der Gegenwart des Heiligen Geistes, und zwar stets in der Absicht, das Geheimnis Christi noch besser zu verkünden und dessen Reichtum unversehrt zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen.

Diese Praxis der Kirche erhält also einen normativen Charakter: in der Tatsache, dass sie nur Männern die Priesterweihe erteilt, bewahrt sich eine Tradition, die durch die Jahrhunderte konstant geblieben und im Orient wie im Okzident allgemein anerkannt ist, stets darauf bedacht, Missbräuche sogleich zu beseitigen. Diese Norm, die sich auf das Beispiel Christi stützt, wird befolgt, weil sie als übereinstimmend mit dem Plan Gottes für seine Kirche angesehen wird.
Das Priesteramt im Lichte des Geheimnisses Christi

Nachdem die Norm der Kirche und ihre Grundlagen in Erinnerung gebracht worden sind, scheint es nützlich und angemessen zu sein, sie noch weiter zu erläutern. Dabei soll nun die tiefe Übereinstimmung aufgezeigt werden, die die theologische Reflexion zwischen der dem Weihesakrament eigenen Natur – mit ihrem besonderen Bezug auf das Geheimnis Christi – und der Tatsache, dass nur Männer zum Empfang der Priesterweihe berufen werden, feststellt. Es geht hierbei nicht darum, einen stringenten Beweis zu erbringen, sondern diese Lehre durch die Analogie des Glaubens zu erhellen.

Die konstante Lehre der Kirche, die das II. Vatikanische Konzil erneut bekräftigt und präzisiert hat und die auch durch die Bischofssynode von 1971 und durch diese Kongregation für die Glaubenslehre in ihrer Erklärung vom 24. Juni 1973 vorgetragen worden ist, bekennt, dass der Bischof oder der Priester bei der Ausübung seines Amtes nicht in eigener Person, in persona propria, handelt: er repräsentiert Christus, der durch ihn handelt. „Der Priester waltet wirklich an Christi Statt“, schreibt wörtlich schon der hl. Cyprian im 3. Jahrhundert.15 Diese Eigenschaft, Christus zu repräsentieren, ist es, die der hl. Paulus als charakteristisch für seine apostolische Tätigkeit betrachtet (vgl. 2 Kor 5, 20; Gal 4, 14). Sie erreicht ihren höchsten Ausdruck in der Feier der Eucharistie, die die Quelle und der Mittelpunkt der Einheit der Kirche ist, das Opfermahl, in dem sich das Volk Gottes mit dem Opfer Christi vereint. Der Priester, der allein die Vollmacht hat, die Eucharistiefeier zu vollziehen, handelt also nicht nur kraft der ihm von Christus übertragenen Amtsgewalt, sondern in persona Christi16, indem er die Stelle Christi einnimmt und sogar sein Abbild wird, wenn er die Wandlungsworte spricht.(17)

Das christliche Priesteramt ist also sakramentaler Natur: der Priester ist ein Zeichen, dessen übernatürliche Wirksamkeit sich aus der empfangenen Weihe herleitet, ein Zeichen aber, das wahrnehmbar sein muss (18) und von den Gläubigen auch leicht verstanden werden soll. Die Ökonomie der Sakramente ist in der Tat auf natürlichen Zeichen begründet, auf Symbolen, die in die menschliche Psychologie eingeschrieben sind: „Die sakramentalen Zeichen“, sagt der hl. Thomas, „repräsentieren das, was sie bezeichnen, durch eine natürliche Ähnlichkeit.“19 Dasselbe Gesetz der Ähnlichkeit gilt ebenso für die Personen wie für die Dinge: wenn die Stellung und Funktion Christi in der Eucharistie sakramental dargestellt werden soll, so liegt diese „natürliche Ähnlichkeit“, die zwischen Christus und seinem Diener bestehen muss, nicht vor, wenn die Stelle Christi dabei nicht von einem Mann vertreten wird: andernfalls würde man in ihm schwerlich das Abbild Christi erblicken. Christus selbst war und bleibt nämlich ein Mann.

Gewiss, Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, der Frauen ebenso wie der Männer: die Einheit, die er nach dem Sündenfall wiederherstellt, ist derart, dass es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau gibt; denn alle sind eins in Christus Jesus (vgl. Gal 3, 28). Nichtsdestoweniger ist die Menschwerdung des Wortes in der Form des männlichen Geschlechtes erfolgt. Dies ist natürlich eine Tatsachenfrage; doch ist diese Tatsache, ohne dass sie im geringsten eine vermeintliche natürliche Überordnung des Mannes über die Frau beinhaltet, unlösbar mit der Heilsökonomie verbunden: sie steht in der Tat im Einklang mit dem Gesamtplan Gottes, wie er selbst ihn geoffenbart hat und dessen Mittelpunkt das Geheimnis des Bundes ist.

Das Heil, das von Gott den Menschen angeboten wird, die Gemeinschaft, zu der sie mit ihm berufen sind, mit einem Wort der Bund, wird schon von den Propheten des Alten Testaments mit Vorliebe unter dem Bild eines geheimnisvollen Brautverhältnisses beschrieben: das erwählte Volk wird für Gott zur innig geliebten Braut; die jüdische wie die christliche Tradition haben die Tiefe dieser innigen Liebe erkannt, indem man immer wieder das Hohelied der Liebe gelesen hat; der göttliche Bräutigam bleibt treu, selbst dann, wenn die Braut seine Liebe verrät, d. h. wenn Israel Gott gegenüber untreu wird (vgl. Os 1–3; Jer 2). Als die „Fülle der Zeit“ (Gal 4, 4) kam, hat das Wort, der Sohn Gottes, Fleisch angenommen, um in seinem Blut, und das für die vielen zur Vergebung der Sünden vergossen wird, den neuen und ewigen Bund zu beginnen und zu besiegeln: sein Tod wird erneut die zerstreuten Kinder Gottes versammeln; aus seiner durchbohrten Seite wird die Kirche geboren, wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde. Jetzt erst verwirklicht sich vollkommen und endgültig das bräutliche Geheimnis, das im Alten Testament angekündigt und besungen worden ist: Christus ist der Bräutigam; die Kirche ist seine Braut, die er liebt, da er sie durch sein Blut erworben und sie lobwürdig, heilig und ohne Makel gestaltet hat und mit ihr nunmehr untrennbar verbunden ist. Das Brautthema, das sich von den Briefen des hl. Paulus (vgl. 2 Kor 11, 2; Eph 5, 22–33) bis zu den Schriften des hl. Johannes entfaltet (vgl. vor allem Jo 3, 29; Offb 19, 7 und 9), ist auch in den synoptischen Evangelien anzutreffen: solange der Bräutigam unter ihnen weilt, dürfen seine Freunde nicht fasten (vgl. Mk 2, 19) ; das Himmelreich ist zu vergleichen mit einem König, der für seinen Sohn ein Hochzeitsfest veranstaltet (vgl. Mt 22, 1–14). Durch diese Sprache der Schrift, die ganz von Symbolen durchdrungen ist und den Mann und die Frau in ihrer tiefen Identität zum Ausdruck bringt und erfasst, wird uns das Geheimnis Gottes und Christi geoffenbart, ein Geheimnis, das in sich unergründlich ist.

Das ist auch der Grund, warum man nicht die Tatsache vernachlässigen kann, dass Christus ein Mann ist. Um die Bedeutung dieser Symbolik für die Ökonomie der Offenbarung gebührend zu berücksichtigen, muss man daher einräumen, dass in den Funktionen, die den Weihecharakter erfordern und wo Christus selbst, der Urheber des Bundes, der Bräutigam und das Haupt der Kirche, in der Ausübung seiner Heilssendung repräsentiert wird – was im höchsten Maße in der Eucharistie geschieht – seine Rolle von einem Mann verkörpert wird (das ist der eigentliche Sinn des Wortes persona).

Das gründet bei diesem letzteren nicht in irgendeiner persönlichen höheren Würde in der Wertordnung, sondern ergibt sich allein aus einer faktischen Verschiedenheit in der Verteilung der Aufgaben und Dienste.

Könnte man vielleicht dagegen einwenden, dass es nun, da Christus in seiner himmlischen Seinsweise lebt, gleichgültig sei, ob er fortan von einem Mann oder von einer Frau repräsentiert wird, da man ja „im Zustand der Auferstehung nicht mehr heiratet“ (Mt 22, 30)? Dieser Text bedeutet jedoch nicht, dass der Unterschied von Mann und Frau, insofern er die Identität der Person bestimmt, in der ewigen Herrlichkeit aufgehoben wäre. Das gilt für Christus ebenso wie für uns. Es ist offensichtlich, dass der geschlechtliche Unterschied in der menschlichen Natur einen bedeutenden Einfluss ausübt, mehr noch als z. B. die ethnischen Unterschiede: diese berühren die menschliche Person nicht so tief wie der Unterschied der Geschlechter, der direkt auf die Gemeinschaft zwischen den Personen sowie auf die menschliche Fortpflanzung hingeordnet ist und in der biblischen Offenbarung einem ursprünglichen Willensentscheid Gottes zugeschrieben wird: „Als Mann und Weib schuf er sie“ (Gen 1, 27).Es mag einer ferner einwenden, dass der Priester, vor allem wenn er bei den liturgischen und sakramentalen Handlungen den Vorsitz führt, in gleicher Weise die Kirche repräsentiert: er handelt in ihrem Namen, mit der Intention „zu tun, was sie tut“. In diesem Sinn sagten die mittelalterlichen Theologen, dass der Priester auch in persona Ecclesiae handle, d. h. im Namen der ganzen Kirche und um sie zu repräsentieren. Welches auch immer die Teilnahme der Gläubigen an der liturgischen Handlung sein mag, es ist in der Tat der Priester, der sie im Namen der ganzen Kirche vollzieht: er betet im Namen aller; er opfert in der Messe das Opfer der ganzen Kirche: im neuen Ostermahl wird Christus von der Kirche durch die Priester unter sichtbaren Zeichen geopfert.20 Da der Priester also auch die Kirche repräsentiert, könnte man sich da nicht denken, dass diese Repräsentation entsprechend der schon dargelegten Symbolik auch von einer Frau vorgenommen wird? Es ist wahr, dass der Priester die Kirche repräsentiert, die der Leib Christi ist. Er tut das jedoch gerade deshalb, weil er zuvor Christus selbst repräsentiert, der das Haupt und der Hirt der Kirche ist. So sagt es das II. Vatikanische Konzil (21), wodurch es den Ausdruck in persona Christi genauer bestimmt und ergänzt. In dieser Eigenschaft führt der Priester in der christlichen Versammlung den Vorsitz und feiert er das eucharistische Opfer, „das die ganze Kirche aufopfert und in dem sie auch sich selbst ganz als Opfer darbringt“ (22) Wenn man diesen Überlegungen die gebührende Bedeutung beimisst, wird man besser erkennen, wie gut begründet die geltende Praxis der Kirche ist. Durch die Diskussion, die in unseren Tagen um die Priesterweihe der Frau entstanden ist, sollten sich alle Christen eindringlich dazu aufgerufen fühlen, die Natur und die Bedeutung des Bischofs- und Priesteramtes tiefer zu erforschen und die authentische Stellung des Priesters in der Gemeinschaft der Getauften wiederzuentdecken, der er selbst als Glied angehört, von der er sich aber auch unterscheidet. Denn in den Handlungen, die den Weihecharakter erfordern, ist er für sie mit der ganzen Wirksamkeit, die dem Sakrament innewohnt, das Abbild und Zeichen Christi selbst, der zusammenruft, von Sünden losspricht und das Opfer des Bundes vollzieht.
Das Priesteramt im Geheimnis der Kirche

Es ist vielleicht nützlich, daran zu erinnern, dass die Probleme der Ekklesiologie und der Sakramententheologie, besonders wenn sie – wie im hier vorliegenden Fall – das Priestertum betreffen, ihre Lösung nur im Licht der Offenbarung finden können. Die menschlichen Wissenschaften, so wertvoll ihr Beitrag in ihrem jeweiligen Bereich auch sein mag, können hier nicht genügen, denn sie vermögen die Wirklichkeiten des Glaubens nicht zu erfassen: was hiervon im eigentlichen Sinn übernatürlich ist, entzieht sich ihrer Zuständigkeit.

Ebenso deutlich muss hervorgehoben werden, wie sehr die Kirche eine Gesellschaft ist, die von anderen Gesellschaften verschieden ist; sie ist einzigartig in ihrer Natur und in ihren Strukturen. Der pastorale Auftrag ist in der Kirche gewöhnlich an das Weihesakrament gebunden: es ist nicht eine einfache Leitung, die mit den verschiedenen Formen der Autoritätsausübung im Staat vergleichbar wäre. Er wird nicht nach dem freien Belieben der Menschen übertragen. Wenn er auch eine Designierung nach Art einer Wahl miteinschließt, so sind es doch die Handauflegung und das Gebet der Nachfolger der Apostel, die die Erwählung durch Gott verbürgen. Der Heilige Geist ist es, der durch die Weihe Anteil gibt an der Leitungsgewalt Christi, des obersten Hirten (vgl. Apg 20, 28). Es ist ein Auftrag zum Dienst und zur Liebe: „Wenn du mich liebst, weide meine Schafe“ (vgl. Jo 21, 15–17).

Aus diesem Grund ist nicht einzusehen, wie man den Zugang der Frau zum Priestertum aufgrund der Gleichheit der Rechte der menschlichen Person fordern kann, die auch für die Christen gelte. Man beruft sich zu diesem Zweck mitunter auf die früher schon zitierte Stelle aus dem Galaterbrief (3, 28), nach der in Christus zwischen Mann und Frau kein Unterschied mehr besteht. Doch bezieht sich dieser Text keinesfalls auf die Ämter der Kirche. Er bekräftigt nur die universelle Berufung zur Gotteskindschaft, die für alle die gleiche ist. Anderseits missversteht derjenige vor allem völlig die Natur des Priesteramtes, der es als ein Recht betrachtet: die Taufe verleiht kein persönliches Anrecht auf ein öffentliches Amt in der Kirche. Das Priestertum wird nicht zur Ehre oder zum Nutzen dessen übertragen, der es empfängt, sondern zum Dienst für Gott und die Kirche. Es ist die Frucht einer ausdrücklichen und gänzlich unverdienten Berufung: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt“ (Jo 15, 16; vgl. Hebr 5, 4).

Man sagt und schreibt ferner mitunter in Büchern oder Zeitschriften, dass einige Frauen in sich eine Berufung zum Priestertum verspüren. Ein solches Empfinden, so edel und verständlich es auch sein mag, stellt noch keine Berufung dar. Diese lässt sich nämlich nicht auf eine persönliche Neigung reduzieren, die rein subjektiv bleiben könnte. Da das Priestertum ein besonderes Amt ist, von dem die Kirche die Verantwortung und Verwaltung empfangen hat, ist hier die Bestätigung durch die Kirche unerlässlich: diese bildet einen wesentlichen Bestandteil der Berufung; denn Christus erwählte die, „die er wollte“ (Mk 3, 13). Hingegen gibt es eine universelle Berufung aller Getauften zur Ausübung des königlichen Priestertums, indem sie Gott ihr Leben aufopfern und zur Ehre Gottes Zeugnis ablegen.

Die Frauen, die für sich das Priesteramt erbitten, sind sicher von dem Wunsch beseelt, Christus und der Kirche zu dienen. Und es überrascht nicht, dass in dem Augenblick, da die Frauen der Diskriminierungen bewusst werden, denen sie bisher ausgesetzt gewesen sind, einige von ihnen dazu veranlasst werden, sogar das Priesteramt für sich zu erstreben. Man darf jedoch nicht vergessen, dass das Priestertum nicht zu den Rechten der menschlichen Person gehört, sondern sich aus der Ökonomie des Geheimnisses Christi und der Kirche herleitet. Die Sendung des Priesters ist keine Funktion, die man zur Hebung seiner sozialen Stellung erlangen könnte. Kein rein menschlicher Fortschritt der Gesellschaft oder der menschlichen Person kann von sich aus den Zugang dazu eröffnen, da diese Sendung einer anderen Ordnung angehört.

Es bleibt uns also nun doch die wahre Natur dieser Gleichheit der Getauften tiefer zu bedenken, die eine der bedeutendsten Lehren des Christentums darstellt: Gleichheit ist nicht gleich Identität, da die Kirche ein vielgestaltiger Leib ist, in dem ein jeder seine Aufgabe hat. Die Aufgaben sind aber verschieden und dürfen deshalb nicht vermischt werden. Sie begründen keine Überlegenheit der einen über die andern und bieten auch keinen Vorwand für Eifersucht. Das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12–13). Die Größten im Himmelreich sind nicht die Amtsdiener, sondern die Heiligen.

Die Kirche wünscht, dass die christlichen Frauen sich der Größe ihrer Sendung voll bewusst werden. Ihre Aufgabe ist heute von höchster Bedeutung sowohl für die Erneuerung und Vermenschlichung der Gesellschaft als auch dafür, dass die Gläubigen das wahre Antlitz der Kirche wieder neuentdecken.

Seine Heiligkeit Papst Paul Vl. hat diese Erklärung in der am 15. Oktober 1976 dem unterzeichneten Präfekten der Kongregation gewährten Audienz approbiert, bekräftigt und ihre Veröffentlichung angeordnet.
Gegeben zu Rom, bei der Kongregation für die Glaubenslehre,
am 15. Oktober 1976, dem Fest der hl. Theresia von Avila.
Franjo Card. Seper
Präfekt
+ Fr. Jérôme Hamer, O. P.
Titularerzbischof von Lorium
Sekretär

Anmerkungen

(1) AAS 55 (1963), S. 267–268.

(2) Vgl. II. Vat. Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes, 7. Dez. 1965, Nr. 29; AAS 58 (1966), S. 1048–1049.

(3) Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der „Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche“ und des „Komitees für das Internationale Jahr der Frau“, 18. April 1975; AAS 67 (1975), S. 265.

(4) II. Vat. Konzil, Dekret Apostolicam actuositatem, 18. Nov. 1965, Nr. 9; AAS 58 (1966), S. 846.

(5) Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der „Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche“ und des „Komitees für das Internationale Jahr der Frau“, a.a.O., S. 266.

(8) Vgl. AAS 68 (1976), S. 599–600; vgl. ebd., S. 600–601.

(7) Vgl. Irenäus, Adv. haereses I, 13, 2; PG 7, 580–581; ed Harvey, I, 114–122; Tertullian, De praescript. haeretic. 41, 5; CCL 1, S. 221; Firmilian von Cäsarea, in S. Cyprian, Epist. 75; CSEL 3, S. 817–818; Origenes, Fragmenta in I Cor. 74, in Journal of theological studies 10 (1909), S. 41–42; Epiphanes, Panarion, 49, 2–3; 78, 23; 79, 2–4: Bd. 2, GCS 31, S. 243–244; Bd. 3, GCS 37, S. 473, 477–479.

(8) Vgl. Didascalia Apostolorum, c. 15, ed. R. H. Connolly, S. 133 u. 142; Constitutiones Apostolicae, lib. 3, c. 6, Nr. 1–2; c. 9, Nr. 3–4; ed. F. X. Funk, S. 191, 201; Johannes Chrysostomus, De sacerdotio, 2, 2; PG 48, 633.

(9) Vgl. Bonaventura, In IV Sent., Dist. 25, art. 2, q. 1, ed. Quaracchi, Bd. 4, S. 649; Richardus de Mediavilla (Middletown), in IV Sent., Dist. 25, art. 4, Nr. 1, ed. Venedig, 1499, fo 177r; Johannes Duns Scotus, In IV Sent., Dist. 25; Opus Oxoniense, ed. Vivès, Bd. 19, S. 140; Reportata Parisiensia, Bd. 24, S. 369–371; Durand de Saint-Pourcain, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, Venedig, 1571, fo 364v.

(10) Man hat diese Tatsache auch durch einen von Jesus beabsichtigten Symbolismus erklären wollen: die Zwölf hätten die Stammväter der zwölf Stämme Israels repräsentieren sollen (vgl. Mt 19, 28; Lk 22, 30). Doch geht es in diesem Text nur um ihre Teilnahme am eschatologischen Gericht. Der eigentliche Grund für die Wahl der Zwölf ist vielmehr in ihrer gesamten Sendung zu suchen (vgl. Mk 3, 14): sie sollen Jesus im Volk repräsentieren und sein Werk fortsetzen.

(11) Papst Innozenz III., Brief vom 11. Dezember 1210 an die Bischöfe von Palencia und Burgos, in Corpu Iuris, Decret. lib. 5, tit. 38, De paenit., c. 10 Nova: ed. A. Friedberg, Bd. 2, col. 886–887; vgl. Glossa in Decretal. lib. 1, tit. 33, c. 12 Dilecta, v° Iurisdictioni; vgl. Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 27, a. 5, ad 3; Pseudo Albertus Magnus, Mariale, quaest. 42, ed. Borgnet 37, 81.

(12) Vgl. Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, 30. Nov. 1947, AAS 40 (1948), S. 5–7; Papst Paul VI., Apost. Konst. Divine consortium naturae, 15. Aug. 1971, AAS 63 (1971), S. 657–664; Apost. Konst. Sacram unctionem, 30. Nov. 1972, AAS 65 (1973), S. 5–9.

(13) Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, a.a.O., S. 5.

(14) Sessio 21, cap. 2; Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion symbolorum ..., Nr. 1728.

(15) Cyprian, Epist. 63, 14: PL 4, 397 B; ed. Hartel, Bd. 3, S. 713.

(16) Vgl. II. Vat. Konzil, Konst. Sacrosanctum Concilium, 4. Dez. 1963, Nr. 33: „... der Priester, in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde stehend ...“; Dogm. Konst. Lumen gentium, 21. Nov. 1964, Nr. 10; „Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar“; Nr. 28: „kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters, … üben sie ihr heiliges Amt am meisten in der eucharistischen Feier oder Versammlung aus, wobei sie in der Person Christi handeln ...“ ; Dekret Presbyterorum ordinis, 7. Dez. 1965, Nr. 2: „Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so dass sie in der Person des Hauptes Christi handeln können“; Nr. 13: „Im Dienst am Heiligen, vor allem beim Messopfer, handeln die Priester in besonderer Weise an Christi Statt ...“ ; vgl. ferner Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur katholischen Lehre über die Kirche, 24. Juni 1973, Nr. 6.

(17) Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 83, art. 1, ad 3um: „Es ist zu sagen, dass (wie die Feier dieses Sakramentes das vergegenwärtigende Abbild seines Kreuzes ist: ebd. ad 2um) aus demselben Grunde der Priester das Abbild Christi ist, in dessen Person und Kraft er die Wandlungsworte spricht“.

(18) „Denn da das Sakrament ein Zeichen ist, wird in dem, was im Sakrament geschieht, nicht nur die ,res‘, sondern auch die Bedeutung der ,res‘ gefordert“, sagt der hl. Thomas gerade um die Weihe von Frauen zurückzuweisen: In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula la, corp.

(19) Thomas v. Aquin, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula la, ad 4um

(20) Vgl. Konzil von Trient, Sessio 22, cap. 1; DS, Nr. 1741.

(21) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 28: „Das Amt Christi des Hirten und Hauptes üben sie entsprechend dem Anteil ihrer Vollmacht aus ...“; Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2: „... so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“; Nr. 6: „das Amt Christi, des Hauptes und Hirten“. – Vgl. Papst Pius XII., Enzykl. Mediator Dei: „Der Diener des Altares handelt in der Person Christi als des Hauptes, der im Namen aller Glieder opfert“; AAS 39 (1947), S. 556. – Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4: „Christus, das Haupt der Gemeinschaft, setzt er gegenwärtig ...“.

(22) Papst Paul VI., Enzykl. Mysterium fidei, 3. Sept. 1965, AAS 57 (1965), S. 761.


(Quelle: www.kathpedia.com)

Predigen...

Es gibt so viele Priester da draussen, die jeden Sonntag predigen - und praktisch gar nichts sagen!

(Quelle: Fr. Bill Casey: "What are we afraid of?")

 

Bedeutet das "Priestertum aller Gläubigen" nicht, dass wir alle Priester sind?

Nein. Durch Taufe, Eucharistie und Firmung sind wir zwar alle "Priester, Propheten und Könige", aber nicht in dem Sinn, dass wir vom Amtsverständnis einem geweihten Priester gleichgestellt wären. Das hat nichts mit "besser" oder "schlechter" oder "wichtig" und "weniger wichtig" zu tun. Vielmehr haben wir alle eine Berufung, eine Aufgabe, eine Gott-gegebene Sendung - und dafür hat uns Gott auch mit uns eigenen Gaben ausgestattet. Und dort, wo wir selbst nichts vorweisen können, können wir uns immer noch auf Ihn stützen und verlassen. Priester sind geweihte Männer und mit dieser Aufgabe betraut. Jede und jeder von uns hat aber eine Aufgabe. Jede und jeder nimmt an diesem "Priestertum aller Gläubigen" teil - zwar nicht so, wie es von manchen Protestanten verstanden wird, aber dennoch als Gott-gegebene Aufgabe und Auftrag. Dies wird von vielen unterschätzt. Alle Christen sind Jünger Jesu Christi - oder sollten dies zumindest sein. und das ist kein Teilzeit-Job, sondern eine Lebensaufgabe, die alles von uns fordert - bis zur Aufgabe des eigenen Lebens.

Robert

Priesterbruderschaft St. Petrus (= PB)

Die PB wurde am 18.10.1988 als Gemeinschaft päpstlichen Rechtes anerkannt. Ihr Ziel ist es in der Einheit mit dem Hl. Vater und den Bischöfen die ausserordentliche Form der Liturgie nach dem Missale von 1962 zu pflegen und apostolisch zu wirken. Dieses Wirken wird durch des "Motu propio" von Papst Benedikt XVI (7.7.2007) bestärkt, der um die spirituellen Schätze der "alten" Liturgie weiß und sich auch in der "neuen" Liturgie (d.h. das Missale Papst Pauls VI von 1970) um Objektivität, Ehrfurcht und den Historienchrakter bemüht.

Die PB St. Petrus hat ihren Sitz und ein Priesterseminar in Wigratzbad (Allgäu) ca. 15 km von Lindau entfernt und Niederlassungen in Deutschland, A, CH, Frankreich, Italien, Polen und in den USA. Dort befindet sich ebenfalls ein Priesterseminar. Zur PB St. Petrus gehören mittlerweile weltweit ca. 200 Priester und ca. 100 Seminaristen.

Wünschenswert wäre vor allem ein Abbau von Vorurteilen gegenüber den traditionellen Formen, ein unvoreingenommenes Kennenlernen oder Wiederentdecken der Liturgie v. 1962 und eine sachliche Auseinandersetzung mit der Liturgiegeschichte.

Pater Walter Huber

 

Statistik

Gemäß dem Jahrbuch "Annuario Pontificio" 2009 stieg die Zahl der Katholiken weltweit von 2006 auf 2007 gewaltig an: bis Ende 2007 auf 1,147 Milliarden!!

Vergleicht man diese Zahl mit dem Wert von 2006, ergibt das ein Wachstum von 16 Millionen (!!) Gläubigen!

Und wer ständig nur am jammern über den Priesterschwund ist: Während es im Jahr 2000 noch 405.179 Priester gab, waren es 2007 gar 408.024!

Halelujah!

(Quelle: Annuario Pontificio, Münchner Kirchenzeitung)

 

Inwiefern gilt das "Priestertum aller Glaeubigen" auch fuer Katholiken?

Beginnen wir zunächst mit einer negativen Abgrenzung:

Aus katholischer Sicht kann das "Priestertum aller Gläubigen" nicht als etwas gesehen werden, dass getrennt von kirchlichen Ämtern oder Autoritäten geschieht. Auch glauben wir nicht, dass Aufgaben, die in der Regel von geweihten Personen vollzogen werden (etwa die Feier der Eucharistie) einfach so von jedem Gläubigen verrichtet werden können.

Das "Priestertum aller Gläubigen", wenn man es denn katholisch betrachten will, bedeutet, dass jeder von uns von Gott gerufen ist, Gott-gegebene Gaben hat und diese auch zum Ruhme Gottes einsetzen soll. Der Auftrag Jesu, hinauszugehen, Menschen zu taufen und zu Jüngern Jesu zu machen gilt sehr wohl auch für Laien!

Jedoch sollte dies immer im Rahmen und mit Bezug zur Kirche und nicht getrennt von ihr gesehen werden. Auch sollten Laien aus dem reichen Schatz der Möglichkeiten schöpfen, der ihnen zur Verfügung steht - und nicht etwa versuchen, das Priestertum zu ersetzen. Die Weihe ist ein biblisch fundiertes Sakrament und wir haben nicht das Recht, dieses Sakrament einfach zu vernachlässigen, indem wir Aufgaben von geweihten Männern beanspruchen!

Franziskus: Brief an die Kleriker

Brief an die Kleriker 24
(Kler)

Dieser Brief ist in zwei Fassungen überliefert, die hier unmittelbar hintereinandergestellt werden, damit sie besser verglichen werden können. Die erste Fassung ist wahrscheinlich nach dem IV. Laterankonzil (1215) und vor Erscheinen des Schreibens "Sane cum olim" von Papst Honorius III. (1219/20) 25 entstanden. Gedanken dieses Schreibens über die Ehrfurcht vor der Eucharistie hat Franziskus in der zweiten Fassung eingearbeitet. Das Schreiben wendet sich an die Kleriker der ganzen Kirche. Die Verse 8, 10 und 13 zeigen, daß Franziskus sich als Diakon diesen Klerikern besonders verbunden wußte.


1. Fassung

1 Laßt uns beachten, wir Kleriker alle, die große Sünde und Unwissenheit, die manche an den Tag legen gegenüber dem heiligsten Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus und seinen hochheiligen niedergeschriebenen Namen und Worten, die den Leib [Christi] heilig gegenwärtig setzen.
2 Wir wissen, daß der Leib nicht sein kann, wenn er nicht zuvor vom Worte heilig gegenwärtig gesetzt wird.
3 Nichts haben und sehen wir nämlich leiblich in dieser Weltzeit von ihm, dem Allerhöchsten selbst, als den Leib und das Blut, die Namen und Worte, durch die wir geschaffen und "vom Tode zum Leben" (1 Job 3,14) erlöst sind.
4 Alle jene aber, die solche hochheiligen Geheimnisse verwalten, und besonders die, welche sie in unerlaubter Weise verwalten, mögen in ihrem Innern bedenken, wie minderwertig die Kelche, Korporalien und Altartücher sind, auf denen sein Leib und Blut geopfert werden.
5 Und von vielen wird er an gewöhnlichen Orten hingelegt und liegengelassen, in kläglicher Weise getragen und unwürdig empfangen und unterschiedslos anderen ausgeteilt.
6 Auch seine geschriebenen Namen und Worte werden zuweilen mit den Füßen zertreten;
7 denn "der irdisch gesinnte Mensch erfaßt nicht das, was Gottes ist" (1 Kor 2,14).
8 Werden wir nicht über all dies von liebender Hingabe bewegt, da er, der gütige Herr, sich selbst in unseren Händen darbietet und wir ihn berühren und täglich durch unseren Mund empfangen?
9 Oder wissen wir nicht, daß wir in seine Hände gelangen müssen?
10 Daher wollen wir uns in all diesen und in den anderen Dingen schnell und gründlich bessern.
11 Und wo immer der heiligste Leib unseres Herrn Jesus Christus in nicht statthafter Weise aufbewahrt und liegengelassen ist, soll er von jener Stelle fortgenommen und an einen kostbar ausgestatteten Platz hingelegt und verschlossen werden.
12 Ebenso sollen auch die geschriebenen Namen und Worte des Herrn, wo immer sie an unsauberen Stellen gefunden werden, aufgesammelt und an ehrenvoller Stelle hingelegt werden.
13 Alle KIeriker sind verpflichtet, dies alles bis zum Ende vor allem anderen zu beobachten.
14 Und die dies nicht tun sollen wissen, daß sie "am Tage des Gerichtes" vor unserem Herrn Jesu Christus "Rechenschaft" ablegen müssen (vgl. Mt 12,36).
15 Und die dieses Schreiben abschreiben lassen, damit es besser beobachtet werde, sollen wissen, daß sie von Gott, dem Herrn, gesegnet sind.


2. Fassung

1 Laßt uns beachten, wir Kleriker alle, die große Sünde und Unwissenheit, die manche an den Tag legen gegenüber dem heiligsten Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus und seinen hochheiligen niedergeschriebenen Namen und Worten, die den Leib [Christi] heilig gegenwärtig setzen.
2 Wir wissen, daß der Leib nicht sein kann, wenn er nicht zuvor vom Worte heilig gegenwärtig gesetzt wird.
3 Nichts haben und sehen wir nämlich leiblich in dieser Weltzeit von ihm, dem Allerhöchsten selbst, als den Leib und das Blut, die Namen und Worte durch die wir geschaffen und "vom Tode zum Leben" (1 Job 3, 14) erlöst sind.
4 Alle jene aber, die solche hochheiligen Dienste verwalten, und besonders die, welche sie unterschiedslos verwalten, mögen in ihrem Innern bedenken, wie minderwertig die Kelche, Korporalien und Altartücher sind, auf denen der Leib und das Blut unseres Herrn geopfert werden.
5 Und von vielen wird er an gewöhnlichen Orten liegengelassen, in kläglicher Weise getragen und unwürdig empfangen und unterschiedslos anderen ausgeteilt.
6 Auch seine geschriebenen Namen und Worte werden zuweilen mit den Füßen zertreten;
7 denn "der irdisch gesinnte Mensch erfaßt nicht das, was Gottes ist" (1 Kor 2,14).
8 Werden wir nicht über all dies von liebender Hingabe bewegt, da er, der gütige Herr, sich selbst in unseren Händen darbietet und wir ihn berühren und täglich durch unseren Mund empfangen?
9 Oder wissen wir nicht, daß wir in seine Hände gelangen müssen?
10 Daher wollen wir uns in all diesen und in den anderen Dingen schnell und gründlich bessern.
11 Und wo immer der heiligste Leib unseres Herrn Jesus Christus in nicht statthafter Weise aufbewahrt und liegengelassen ist, soll er von jener Stelle fortgenommen und an einen kostbar ausgestatteten Platz hingelegt und verschlossen werden.
12 Ebenso sollen auch die geschriebenen Namen und Worte des Herrn, wo immer sie an unsauberen Stellen gefunden werden, aufgesammelt und an ehrenvoller Stelle hingelegt werden.
13 Und wir wissen, daß wir dies alles vor allem anderen beobachten müssen nach den Geboten des Herrn und den Bestimmungen der heiligen Mutter Kirche 26 .
14 Und wer dies nicht tut, soll wissen, daß er "am Tage des Gerichtes" vor unserem Herrn Jesus Christus "Rechenschaft" ablegen muß (vgl. Mt 12,36).
15 Und die dieses Schreiben abschreiben lassen, damit es besser beobachtet werde, sollen wissen, daß sie von Gott, dem Herrn, gesegnet sind.

(Quelle: http://www.schriften.franziskaner-werd.ch/ankler.htm)

 

Darf ein Mann mit gleichgeschlechtlichen Neigungen Priester werden?

Kurz gesagt: Kommt darauf an. Grundsätzlich aber ja.

Der betroffene Mann sollte keine "tiefgehenden" gleichgeschlechtlichen Neigungen haben und wenigstens drei Jahre vor seiner Entscheidung keusch gelebt haben.

Ebenso sollte er natürlich den schwulen Lebensstil nicht befürworten oder der Schwulenbewegung angehören oder ähnliches.

Wer aber z.B. hart an sich selbst gearbeitet hat (und etwa die Hilfe von Einrichtungen wie JASON in Anspruch genommen hat), anhand seines Lebenswandels, seiner Einstellung und seines Glaubenszeugnisses nachweisen kann, dass er oben genannte Voraussetzungen erfüllt, kann durchaus Priester werden!

 

Die Rolle des Priesters in der Gemeinde

In manchen Gemeinden spielen sich heutzutage wahre Dramen ab, wenn es darum geht, die Rolle des Priesters und der Laien zu definieren. Ich will an dieser Stelle nicht zu sehr auf den theologischen und kirchenrechtlichen Aspekt eingehen, sondern das Problem als Ganzes beleuchten.

Eines der wesentlichen Missverständnisse, die in Gemeinden vorherrschen: viele Gläubige sehen die Kirche als eine demokratische Organisation an. Dies kann und darf die Kirche aber niemals sein. Vom ersten Tag an hatte sie eine hierarchische Struktur, nicht zuletzt Jesus selbst hat Petrus die Schlüssel zum Himmelreich gegeben und ihn zum Felsen gemacht, auf dem die Kirche gebaut wurde. Die Apostel gaben das Bischofsamt schließlich durch Handauflegung an ihre Nachfolger weiter (apostolische Sukzession). Heißt das nun, die Kirche ist eine autoritäre, auf Machtmissbrauch basierende Organisation? Nein. Es gab immer auch schlechte Priester und Bischöfe, das Priestertum leitet sich jedoch direkt aus dem Priestertum Jesu Christi ab und ist somit ein gottgegebenes Amt, beruhend auf der Weihe. Geweihte Menschen, die für den besonderen Dienst berufen waren, gab es bereits im Alten Testament. Sehen wir uns anhand des Konflikts zwischen David und Saul – beide gesalbt und von Gott berufen - an, wie sie dort behandelt wurden:

“Als Saul von der Verfolgung der Philister zurückkehrte, berichtete man ihm: Gib Acht, David ist in der Steppe von En-Gedi. Da nahm Saul dreitausend Mann, ausgesuchte Leute aus ganz Israel, und zog aus, um David und seine Männer bei den Steinbock-Felsen zu suchen. Auf seinem Weg kam er zu einigen Schafhürden. Dort war eine Höhle. Saul ging hinein, um seine Notdurft zu verrichten. David aber und seine Männer saßen hinten in der Höhle. Da sagten die Männer zu David: Das ist der Tag, von dem der Herr zu dir gesagt hat: Sieh her, ich gebe deinen Feind in deine Gewalt und du kannst mit ihm machen, was dir richtig erscheint. Da stand David auf und schnitt Heimlich einen Zipfel von Sauls Mantel ab. Hinterher aber schlug David das Gewissen, weil er einen Zipfel vom Mantel Sauls abgeschnitten hatte. Er sagte zu seinen Männern: Der Herr bewahre mich davor, meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, so etwas anzutun und Hand an ihn zu legen; denn er ist der Gesalbte des Herrn. Und David fuhr seine Leute mit scharfen Worten an und ließ nicht zu, dass sie sich an Saul vergriffen. Als Saul die Höhle verlassen hatte und seinen Weg fortsetzte, stand auch David auf, verließ die Höhle und rief Saul nach: Mein Herr und Koenig! Als Saul sich umblickte, verneigte sich David bis zur Erde und warf sich (vor ihm) nieder. Dann sagte David zu Saul: Warum hörst du auf die Worte von Leuten, die sagen: Gib acht, David will dein Verderben. Doch heute kannst du mit eigenen Augen sehen, dass der Herr dich heute in der Höhle in meine Gewalt gegeben hat. Man hat mir gesagt, ich solle dich töten; aber ich habe dich geschont. Ich sagte: Ich will nicht die Hand an meinen Herrn legen; denn er ist der Gesalbte des Herrn.” (1 Sam 24,2-11 – Einheitsübersetzung)


Aus dieser Geschichte können wir auch auf heutige Verhältnisse bezogen viel lernen. David hätte nun wirklich genügend Gründe gehabt, zornig auf Saul zu sein und ihm nach dem Leben zu trachten. Schließlich wollte Saul ihn töten! David aber war sich bewusst, dass Saul der “Gesalbte des Herrn” war. Und obwohl auch David gesalbt war, wusste er um die herausragende Rolle, die Saul damit vor den Augen Gottes hatte. Er schonte nicht nur sein Leben, als es ihm ein Leichtes gewesen wäre, Saul zu töten, David verteidigte und beschützte Saul sogar vor anderen und erwies ihm die gebührende Ehre und den ihm zustehenden Respekt!

Im Kapitel 31 schließlich begeht Saul Selbstmord (in der gesamten Bibel gibt es übrigens nur zwei Selbstmorde: Saul und Judas). David erfährt von einem Mann aus dem Lager Sauls von dessen Tod. Dieser Mann gab auch an, Saul auf dessen Wunsch hin getötet zu haben, da Saul selbst zu schwach gewesen sei. David erschlug daraufhin den jungen Mann, da dieser den Gesalbten des Herrn getötet hatte.

Eine “menschliche” Reaktion wäre nun gewesen, dass David Sauls Tod mit Genugtuung verkündet hätte. Das hat dieser Saul nun davon, dass er mich umbringen wollte!

Wie aber reagierte David?

Er zerriss sein Gewand, klagte und weinte. Er sang eine Totenklage auf Saul und seinen Sohn Jonathan und ordnete an, dass es die Söhne Judas als Bogenlied lernen. Hierin bekräftigte David, man solle deren Tod nicht in den Strassen verkünden, “damit die Töchter der Philister sich nicht freuen, damit die Töchter der Ungeschnittenen nicht jauchzen. Ihr Berge in Gilboa, kein Tau und kein Regen falle auf euch, ihr trügerischen Gefilde. Denn dort wurde der Schild der Helden befleckt, der Schild des Saul, als wäre er nicht mit Öl gesalbt.” (2 Sam 1,20-21 – Einheitsübersetzung).

Wer wurde im Alten Testament gesalbt? Priester, Propheten und Könige!


Sehen wir uns die Situation in vielen Pfarreien an: die Rolle des Priesters als “Hirte” der Pfarrei wird heute oft als “altmodisch” belächelt. Oft und gerne wird das II. Vatikanische Konzil zitiert – meist jedoch von denen, die mit dem “Geist des Konzils” Missbrauch treiben wollen und den Laien Rollen und Aufgaben anmaßen möchten, die ihnen nicht zustehen.

Ja, es gibt das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Wir alle sind von Gott berufen. Er hat jeden von uns unterschiedliche Gaben und damit auch Auf-Gaben gegeben und jeden von uns berufen. Wir sind ein Leib. Ein Leib mit verschiedenen Gliedern, die alle verschiedene Aufgaben haben. Das bedeutet nicht, dass ein Glied “besser” sei als das andere. Alle sind gleich viel wert – aber sie sind auch unterschiedlich und dieser Unterschied ist gut und von Gott gewollt.

Als ich aufwuchs, waren Priester noch Respektspersonen. Traf man einen Priester auf der Strasse, hatte man sich zu verneigen und ihn mit “Gelobt sei Jesus Christus!” zu grüssen. Vielen lachen darüber heute. Ich nicht. Hiermit erwiesen wir nicht (nur) dem Menschen an sich, sondern den Menschen in seiner von Gott übertragenen Rolle als Hirte der Pfarrei. Als geistlicher Vater (auch ein Begriff, den man heute gerne meidet).

Um es klar und deutlich zu sagen: hier ist nicht die Rede von Unterwerfung, Dominanz oder willenlose Untertänigkeit. All dies sind Früchte des Fleisches und haben mit dem Priestertum und der Kirche an sich nichts zu tun. Hier geht es um die Kirche als Leib Christi und als Familie mit Brüdern, Schwestern, einem Vater im Himmel und einen Priester als geistlichen Vater und Hirten auf Erden. Ihm ist das Seelenheil der Gemeinde anvertraut (ja, noch ein “altmodischer” Begriff). Im Vertrauen darauf sollten wir ihm auch gehorchen, ihm Respekt erweisen und ihn lieben.

Ja, es hat immer wieder auch schlechte Priester gegeben. Priester, die selbst gefallen sind, Missbrauch mit ihrem Amt getrieben haben oder selbst nur lauwarm waren, anstatt mit dem heiligen Feuer zu brennen. Priester, die mehr dem Zeitgeist gefolgt sind als sich um das Seelenheil ihrer Schafe zu kümmern und denen irgendwann die Liebe zur Herde abhanden gekommen ist. Auch Saul war kein Vorbild für einen Gesalbten des Herrn. Gleichwohl steht es uns aber nicht und niemals zu, schlecht über und hinter dem Rücken eines Priesters zu reden, Aufgaben zu übernehmen, die eindeutig nur Priestern zustehen (und wenn wir uns selbst noch für so geeignet dafür halten!), innerhalb der Pfarrei gegen ihn zu hetzen und ihm nicht den gebührenden Respekt zu zollen.

So manche Gemeindeglieder und Pfarrgemeinderäte wollen ihren eigenen Willen durchsetzen. Wenn der Pfarrer hier nicht mitspielt, wird er manchmal dazu gebracht: durch Mobbing, übler Nachrede, Verweigerung der Unterstützung, Missachtung seiner Anweisungen und Wünsche und Untergraben seiner Rolle. Oder ganz einfach nur mit der Drohung, wenn dieses oder jenes nicht nach meinem Willen geht, verlasse ich die Pfarrei (nicht ohne den Pfarrer vorher überall schlecht gemacht zu haben).

Wie bereits erwähnt, war ich lange Zeit in evangelikalen bzw. fundamentalistischen Gemeinden. Auch in den USA. In diesen Kreisen ist es üblich, sich auf die Position des Pastoren bzw. der Ältesten oder Evangelisten zu konzentrieren (was auch nicht wundert: nach dem Prinzip “Sola Scriptura” – allein die Bibel zählt als Autorität – hat man außer dem, der im Gottesdienst predigt und das Wort verkündet, keinen zentralen Punkt. Das “Abendmahl” verkommt dort oft zur Nebensache). Passt einem die Nase des Pastors nicht mehr oder ist die Gemeinde zu langweilig, zieht man weiter zur nächsten Gemeinde (“Church Hopping”) – oder gründet seine eigene “Kirche”, die dann den eigenen Vorstellungen entspricht. Natürlich versäumt man es nicht, die eigentlich zumeist menschlichen Motive mit spirituellen “aufzuwerten” und reichlich Bibelverse für die eigene Position zu zitieren.

Wollen wir dorthin? Laut letzter Schätzung der Oxford University gibt es mittlerweile weltweit etwa 37.000 (!!!) verschiedener protestantischer “Kirchen” – mit teilweise völlig unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen. Wollen wir das auch?

Jesus hat eine Kirche gegründet. Nicht eine spirituelle Einheit unterschiedlichster Gemeinden, sondern eine physisch seit dem ersten Tag der Gründung gegenwärtige Kirche.


Wir sind gerufen, sowohl unseren Priester wie unsere Brüder und Schwestern in der Pfarrei zu lieben – nicht, weil wir sie sympathisch finden, sondern weil Gott sie an unsere Seite gestellt hat. Es ist ein Leichtes, nur die zu lieben, mit denen man etwas “anfangen” kann oder die einen auch lieben. Wo wäre hier der Unterschied zu Nicht-Christen? Nein, wahres Christsein kommt dort zum Ausdruck, wo ich meine Brüder und Schwestern im Herrn – und meinen Priester! – ohne irgendwelche Vorbedingungen liebe. Selbst wenn er/sie etwas tut, das ich für falsch halte oder das ganz objektiv falsch ist.

Das heißt nicht, dass man auf Gedeih und Verderb alles hinnehmen muss, was sich an menschlichen Beziehungsdramen in Pfarreien abspielt. Auch muss man geistigen Missbrauch nicht dulden. Es gibt aber einen erheblichen Unterschied zwischen einer respektvollen Unterhaltung und zwischen selbstgefälligen und egozentrischen Angriffen.

Völlig unverständlich wird es, wenn Gläubige der Heiligen Messe fern bleiben, weil ihnen der Priester nicht passt. Egal wie “gut” oder “schlecht” ein Priester ist und egal wie falsch er sich objektiv verhalten hat – er ist und bleibt ein Priester und die Sakramente, die er spendet, sind gültig!

Ein weiterer Punkt: Vielen selbsternannten “Experten” in katholischer Glaubenslehre fehlt es schlichtweg an Wissen. Manch einer gibt sogar vor, die Katholische Kirche zu hassen oder zumindest in Teilen abzulehnen oder er/sie verlässt die Kirche im guten Glauben, sie wäre nicht “biblisch”. Anderswo lässt man dann wieder den “Experten” raushängen und klärt jeden, der es hören will oder auch nicht darüber auf, was “wirklich” in der Katholischen Kirche los ist. Wie Erzbischof Fulton Sheen schon gesagt hat: Es gibt tatsächlich wenige, die die Katholische Kirche ablehnen. Es gibt jedoch viele, die ablehnen, was sie für die Katholische Kirche halten.

Jede Katholiken und jeder Katholik ist gerufen, sich darüber zu informieren, was die Kirche lehrt und warum sie es lehrt. Dies formt letztlich unser Gewissen, auf das wir uns nur gültig berufen können, wenn wir auch unseren Teil zu der Formung beitragen, indem wir unser Wissen laufend erweitern. Wunderbare Hilfsmittel: die Bibel, der Katechismus, das Gebet, die Heilige Messe, die Sakramente, Werke der Nächstenliebe – und der Priester.


Ich selbst bin Laie. Selbst wenn ich Universitätsprofessor in Theologie werden sollte, bin ich immer noch Laie. Das ist keineswegs “weniger wert” als ein Priester. Es bedeutet ganz einfach, dass ich andere Aufgaben und eine andere Berufung habe wie ein Priester. Als Glied einer Pfarrei jedoch habe ich mich an den Priester zu wenden, wenn ich die Sakramente empfangen möchte. Ich wende mich weiter an ihn, wenn ich Fragen spiritueller Art habe – oder ganz einfach ein menschliches Problem. Schließlich folge ich ihm und bin gehorsam, wohl wissend, dass er als von Gott Gesalbter mir nicht sagt, ich solle etwas tun oder unterlassen, weil er mich gerne herumkommandiert, sondern weil er mich liebt und weiß, wohin es führt, wenn ich einen anderen Weg einschlage.

Andererseits kann es sein, dass (m)ein Priester zu mir kommt, wenn er Hilfe braucht. Wenn ich etwa Zahnarzt bin (was nicht der Fall ist), würde er zu mir kommen, um sich einen Zahn plombieren zu lassen. Auch in geistiger Hinsicht ist er sich (im Idealfall) wohl bewusst meiner besonderen Gaben und des durch die Taufe und die Firmung begründeten allgemeinen Priestertums. Vielleicht habe ich z.B. die Gabe, Menschen zu erreichen, die er selbst nie erreichen könnte.

Ein guter Priester wird auch wissen, dass es nicht sein Theologiestudium ist, das ihn zu einem “besseren” Katholiken macht. Er wird erkennen, dass er von jedem etwas lernen kann, da Gott oft in und durch die niedrigsten Seiner Diener zu uns spricht.

Die, die mich besser kennen, werden wissen, wie mein “Idealbild” eines Priesters aussieht: Fernandel in “Don Camillo und Peppone”. Das mag manch einen zum Lachen bringen und viele mögen mich nun für rückständig halten, mir ist es aber sehr ernst damit.

Ich habe in meiner Zeit als Christ – und in meiner Zeit als Nicht-Christ – einen langen Weg zurück gelegt. Ich habe mittlerweile viel gelesen und gelernt – in praktischer und theoretischer Hinsicht. Es war aber immer der Glaube meiner Kindheit, nach dem ich mich so gesehnt habe. Das heißt nicht, dass man sich nicht theologisch weiterbilden sollte oder das Kindliche / Kindische nicht ablegen sollte. Der unverfälschte, einfache und ehrliche Glaube jedoch ist der Glaube, der mir immer ein Leitbild sein wird und den ich (hoffentlich) nie verlieren werde.

Danken wir Gott für unsere Priester und beten wir für neue Berufungen. Unterstützen und lieben wir sie nach Kräften. Sie sind die von Gott Gesalbten.

Die Katholische Kirche darf nie zu einer Art von christlicher Unterhaltung verkommen. Die Heilige Messe wird immer unser Mittelpunkt bleiben. Und dafür brauchen wir Priester. Auch wenn so manch einer sich anmaßt, auch priesterliche Aufgaben übernehmen zu können, ist das nicht so.



Ja, es ist manchmal schwer, einem Priester zu gehorchen, wenn man selbst glaubt, er liegt völlig falsch. Und wie viel schwerer ist es, ihm zu vergeben, wenn er sein Amt missbraucht hat.

Wie oft hat Gott aber uns vergeben, wenn wir nach all dem, was Er für uns getan hat, wieder gesündigt haben?

Danken wir Gott auf Knien für unsere Priester.


München, 01.08.2009

Robert Gollwitzer

Katholisch Leben: The Jesus Brothers!
www.katholisch-leben.org

Wieso sollen wir Priestern gegenüber gehorsam sein? Wo steht das?

Was sagt die Bibel, wie wir uns unseren Priestern gegenüber verhalten sollen?

"Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über euch und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun können, nicht mit Seufzen, denn das wäre zu eurem Schaden." (Heb 13,17 - Einheitsübersetzung)

Und was der Codex Iuris Canonici, das Kirchenrecht?

CIC 212: "Was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die Gläubigen im Bewußtsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen." (© für alle lateinischen Texte: Heiliger Stuhl / Libreria Editrice Vaticana; © für den deutschen Text: Verband der Diözesen Deutschlands.)

Priester handeln in der erson Jesu Christi. Sie sind die Hirten, die über ihre Herde wachen und ihnen obliegt es, dass keines der Schafe verloren geht - darüber haben sie auch vor Gott Rechenschaft abzulegen. Wenn sie uns also sagen, dieses oder jenes zu unterlassen, dann nicht, weil sie uns gerne herumkommandieren, sondern im Gegenteil weil sie uns lieben und wissen, wohin es führt, wenn wir gegen den Willen Gottes handeln und unseren eigenen Weg gehen.

Ein Hirte kann aber nur wirksam handeln, wenn die Schafe ihm auch gehorchen, wenn sie ihn lieben wie einen Vater und ihm auch den Respekt und den Gehorsam entgegenbringen, der einem Vater gebührt. Genauso lieben Priester ihre Gläubigen wie ihre Kinder und sie tragen Sorge, dass keines vom Weg abkommt.

Wohin eine andere Haltung führt, sieht man an den vielen protestantischen und freikirchlichen Gemeinschaften. Abgesehen davon, dass dort der Pastor keine besondere Rolle hat, sondern auf einer Ebene mit allen anderen steht (was ganz klar dem biblischen Vorbild widerspricht!), sobald er etwas sagt, was einem nicht passt, zieht man beleidigt weiter zur nächsten Gemeinde - oder gründet eine neue, in der man genau das machen kann, was man selbst für richtig hält.

Bin ich froh, dass ich Katholik bin - dann muss nich nicht jeden Tag selbst Papst spielen!


Eschatologisches Zeichen

Ich glaube, es war Michael D. O’Brien, der einmal sinngemäß sagte, dass das zölibatäre Priestertum ein eschatologisches Zeichen ist, also ein Zeichen, das auf das Ende aller Zeiten hinweist. Ein Zeichen, das in seinem eigenen Fleisch etwas über das endgültige Ziel von Liebe trägt, das, wonach jede menschliche Liebe ausgerichtet ist und trachtet und dem gegenüber jede menschliche Liebe nicht gerecht wird.

kathpedia.com: Priesterbewegung Corpus Christi

Die Priesterbewegung Corpus Christi ist eine Gründung der seligen Mutter Teresa. Das erste Mitglied war Johannes Paul II. Es können ihr Weltpriester und Ordensleute angehören. Alle Priester der Bewegung sind zuerst ihrem Bischof oder Ordensobern unterstellt.

 

Ziel


Das Ziel der Bewegung ist, das Evangelium treu zu leben in Einfachheit und Armut im Geiste, in Verbindung mit der Spiritualität und dem Charisma, das Gott der ganzen Welt durch Mutter Teresa gegeben hat.

Jesus am Kreuz sagte: «Mich dürstet». Als Priester sollen die Mitglieder diesen Ruf hören, um Seinen Durst nach Liebe und nach Seelen zu stillen, indem realisiert wird, dass man selber dürstet nach Seiner Liebe. Sie wollen das leben, indem sie sich ganz auf die Eucharistie zentrieren, die für sie Quelle und Höhepunkt des priesterlichen Lebens ist. Dabei wollen sich die Priester ganz in die Hände Mariens, der Mutter der Kirche und der Mutter der Priester, hineinbegeben.

In den einzelnen Ländern sollen ab und zu Treffen organisiert werden, damit ein Austausch untereinander stattfinden kann.

 

Geschichte


Im Rahmen von Exerzitien vom 26. März bis 1. April 2000 in Perth Amboy, New Jersey (USA), wurde der letzte Wunsch von Mutter Teresa, die Priesterbewegung «Corpus Christi», wiederbelebt und offiziell gegründet. Seither finden jährlich 1 bis 2x Exerzitien statt, um neue Interessenten in die Spiritualität von Mutter Teresa und ihrer Bewegung einzuführen.

 

Charakteristik


In der täglichen Zelebration des Heiligen Messeopfers und einer Stunde Eucharistischer Anbetung sollen die Priester das Zentrum ihres Lebens finden. Sie wachsen in der Liebe zu Jesus, indem sie sich so von Seiner Liebe ernähren.
Sie lieben besonders die Armen, sei es die materiell oder spirituell Armen, und versuchen in ihnen den leidenden und dürstenden Christus zu sehen und zu lieben.
Sie bemühen sich um einen einfachen Lebensstil, indem sie überflüssige Dinge weggeben.
Sie sollen den anderen Priestern der Bewegung eine Stütze und Hilfe sein und gegenseitig im geistigen Wachstum bestärken.
Als Mitglieder der Bewegung werden sie von einer Mutter-Teresa-Schwester «adoptiert» und auch sie «adoptieren» diese Schwester, indem sie täglich für sie beten.

Adressen


Schweiz: Corpus Christi Bewegung für Priester
z. Hd. Pfr. Andreas Gschwind, CH-4106 Therwil
E-Mail: [email protected]
Österreich: Pfr. Dr. Leo-M. Maasburg, Wien
E-Mail: [email protected]

Medien


CD: Radio Horeb, Sendung Spiritualität, 16. Januar 2008, Orden stellen sich vor: Priesterbewegung Corpus Christi, (Die CD ist kostenlos – jedoch Spende erwünscht; sie kann hier unter diesen Angaben mit Adresse bestellt werden) oder Herunterladen (Download): 2008-01-16_sp.mp3 [1]

(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php/Priesterbewegung_Corpus_Christi)

 

Fragen...


Gibt es eine biblische Grundlage dafür, dass zuallererst Priester predigen sollten?

"Dann rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen die Kraft und die Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken gesund zu machen.
Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen.
Er sagte zu ihnen: Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd.
Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
Wenn euch aber die Leute in einer Stadt nicht aufnehmen wollen, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg und wanderten von Dorf zu Dorf. Sie verkündeten das Evangelium und heilten überall die Kranken."
(Lk 9,1-6 - Einheitsübersetzung)


Wo steht in der Bibel, dass Priester Dämonen austreiben können?

"Dann rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen die Kraft und die Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken gesund zu machen.
Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen.
Er sagte zu ihnen: Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd.
Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
Wenn euch aber die Leute in einer Stadt nicht aufnehmen wollen, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg und wanderten von Dorf zu Dorf. Sie verkündeten das Evangelium und heilten überall die Kranken."
(Lk 9,1-6 - Einheitsübersetzung)

Die Praxis der Katholischen Kirche, nur Maenner zu Priester zu weihen, ist sexistisch! Fuer Jesus sind Maenner und Frauen doch gleich – warum also koennen Frauen keine Priesterinnen werden? Jesus haette Frauen nie so diskriminiert!

Die Tatsache, dass nur Maenner Priester werden koennen, hat keineswegs etwas damit zu tun, dass Frauen weniger „wert“ seien. Ganz im Gegenteil: vor Gott sind beide gleich viel wert (Gal 3,28) – jedoch haben beide auch unterschiedliche Rollen und Aufgaben. Sie sind also nicht „dasselbe“.

Zunaechst einmal war auch Jesus ein Mann. Na und? werden manche sagen. Nun, der Priester nimmt an Jesu’ Priestertum teil und steht an Seiner Stelle in der Messe am Altar. Genau genommen ist es ja nicht der Priester, sondern Jesus selbst, der das Opfer darbringt. Auch die von Jesus selbst ausgewaehlten Apostel waren dementsprechend Maenner. Auch lesen wir in der Bibel nur von maennlichen Priestern/Aeltesten oder Bischoefen (1 Kor 9,5; 1 Tim 2,12; 1 Tim 3,2, 12). Man kann aber nun weder Jesus noch die Kirche selbst wohl kaum als „sexistisch“ bezeichnen. Denken wir doch nur an die Muttergottes, die die Kirche seit jeher verehrt hat – eine Frau! Ihr wurde die hoechste Ehre zuteil, naemlich den Sohn Gottes in sich zu tragen und zur Welt zu bringen! Auch Jesus selbst hat im Laufe Seines Wirkens immer den hoechsten Respekt vor Frauen gehabt.

Einer weiteren Frau, Maria Magdalena, wurde die Ehre zuteil, als erste den auferstandenen Jesus zu sehen!

So stellt auch die Katholische Kirche den Wert und die Bedeutung von Frauen immer wieder heraus – man denke nur an die Frauen, die wir in der Bibel finden oder an all die weiblichen Heiligen!

Ist es vielleicht auch sexistisch, dass Jesus in einem maennlichen Koerper zur Welt kam? Haette Er vielleicht als eine Art geschlechtsloses Wesen oder als Frau kommen sollen?

Die Katholische Kirche kann Frauen nicht als Priester akzeptieren, weil dies nicht Gottes Willen entsprechen wuerde. Wer sind wir, dass wir Seinen Willen in Frage stellen?

Manche moegen nun einwenden, dass diese Unterschiede der Geschlechter doch nirgends in der Bibel zu finden seien, sondern Ergebnis einer patriarchalen Gesellschaft waeren.

Jesus selbst aber legte die Grundlage fuer das Priestertum. Aus gutem Grund waehlte Er nur Maenner als Apostel aus – und genau diese Apostel bildeten die Basis der apostolischen Sukzession, also der ungebrochenen Nachfolge und Lehre seit Jesu Zeiten, die durch das Handauflegen der Bischoefe weitergegeben wird. Man kann Jesus aber kaum unterstellen, Er haette etwas gegen Frauen gehabt. Auch war Er keineswegs zimperlich, wenn es darum ging, ueberholte Regeln ueber den Haufen zu werfen. Wenn Er also Frauen als Priester gewollt haette, haette Er das auch klargestellt und Frauen auch als Apostel berufen. Nichts dergleichen aber tat Er. Auch duerfen wir nicht Jesu Versprechen vergessen, der Heilige Geist wuerde Seine Kirche immer leiten. In der Kirchengeschichte gab es aber nie (!) weibliche Priester. Selbst in einer patriarchalen Gesellschaft haette Gott, wenn Er dies denn beabsichtigt haette, durch die Fuehrung des Heiligen Geistes jederzeit Priesterinnen berufen koennen.

Frauen und Maenner haben unterschiedliche Rollen. Das bedeutet nicht, dass Frauen weniger wert sind als Maenner. Sie sind anders – und dieser Unterschied ist gut und gottgewollt.

Sehen wir uns Jesus selbst an: Er ordnete sich dem Vater unter (Phil. 2,5-8; vgl. 1 Kor 11,3; 15,28) – ja sogar Maria und Josef (Lk 2,51). Jesus ist gleich viel „wert“ wie der Vater, hat aber andere Aufgaben und hat sich diesem auch untergeordnet. Auch hat Er Seiner Braut – der Kirche – der Er als Haupt vorstand, in einer Art und Weise gedient, die letztlich sogar Sein eigenes Leben kostete!

Die Katholische Kirche hat Frauen immer eine besondere Rolle eingeraeumt. Sie kann aber nicht von Gottes Wort abweichen und etwas tun, dass klar dem biblischen Menschenbild wie der biblischen Lehre und der kirchlichen Tradition widerspricht – auch auf die Gefahr hin, dass Sie damit nicht „politisch korrekt“ ist.

(Quelle: Dave Armstrong, The One-Minute Apologist. Sophia Institute Press. Manchester, New Hampshire 2007. Go and get it!)

 

SCHREIBEN VON PAPST BENEDIKT XVI.

SCHREIBEN VON PAPST
BENEDIKT XVI.
ZUM BEGINN DES PRIESTERJAHRES
ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES DES "DIES NATALIS"
VON JOHANNES MARIA VIANNEY

 
 

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

 
     am kommenden Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, Freitag, dem 19. Juni 2009 – dem Tag, der traditionsgemäß dem Gebet um die Heiligung der Priester gewidmet ist – möchte ich anläßlich des 150. Jahrestags des „dies natalis“ von Johannes Maria Vianney, dem Schutzheiligen aller Pfarrer der Welt[1], offiziell ein „Jahr der Priester“ ausrufen. Dieses Jahr, das dazu beitragen möchte, das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern, wird 2010 wiederum an diesem Hochfest seinen Abschluß finden. „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu“, pflegte der heilige Pfarrer von Ars zu sagen.[2] Diese bewegende Formulierung veranlaßt uns vor allem, uns innerlich angerührt und dankbar bewußt zu werden, welch unermeßliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind. Ich denke an all die Priester, die in Demut Tag für Tag den Christgläubigen und der ganzen Welt die Worte und Taten Christi nahebringen, indem sie versuchen, mit ihren Gedanken, ihrem Willen, ihren Gefühlen und ihrem gesamten Lebensstil mit ihm übereinzustimmen. Wie könnte man es versäumen, ihre apostolischen Mühen, ihren unermüdlichen und verborgenen Dienst und ihre im Grunde allumfassende Liebe zu unterstreichen? Und was soll man zu der mutigen Treue so vieler Priester sagen, die – wenn auch inmitten von Schwierigkeiten und Unverständnis – ihrer Berufung treu bleiben, „Freunde Christi“ zu sein, die von ihm in besonderer Weise gerufen, erwählt und ausgesandt sind?

Ich selbst trage noch die Erinnerung an den ersten Pfarrer im Herzen, an dessen Seite ich meinen Dienst als junger Priester ausübte: Er hinterließ mir das Beispiel einer rückhaltlosen Hingabe an seine seelsorgliche Aufgabe bis zu seinem Tod, der ihn ereilte, als er einem Schwerkranken das Sakrament der Wegzehrung brachte. Und dann kommen mir die unzähligen Mitbrüder in den Sinn, denen ich begegnet bin und immer noch begegne, auch während meiner Pastoralreisen in die verschiedenen Nationen – Mitbrüder, die großherzig in der täglichen Ausübung ihres priesterlichen Dienstes aufgehen. Aber die vom heiligen Pfarrer von Ars gebrauchte Formulierung ruft auch die Erinnerung an das durchbohrte Herz Christi und an die Dornenkrone auf seinem Haupt wach. Folglich gehen die Gedanken zu den unzähligen Situationen des Leidens, in die viele Priester hineingezogen sind, sei es weil sie Anteil nehmen an den menschlichen Erfahrungen von Schmerz in der Vielfalt seiner Ausdrucksformen, sei es weil sie bei denjenigen, denen ihr Dienst gilt, auf Unverständnis stoßen: Wie könnte man die vielen Priester vergessen, die in ihrer Würde verletzt, in ihrer Sendung behindert, manchmal sogar bis hin zum extremen Zeugnis der Hingabe des eigenen Lebens verfolgt werden?

Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewußtsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern. In diesem Zusammenhang können die Lehren und die Beispiele des heiligen Johannes Maria Vianney allen einen bedeutsamen Anhaltspunkt bieten: Der Pfarrer von Ars war äußerst demütig, doch er wußte, daß er als Priester ein unermeßliches Geschenk für seine Leute war: „Ein guter Hirte, ein Hirte nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wertvollsten Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit.“[3] Er sprach vom Priestertum, als könne er die Größe der dem Geschöpf Mensch anvertrauten Gabe und Aufgabe einfach nicht fassen: „Oh, wie groß ist der Priester! … Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben … Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein…“[4] Und als er seinen Gläubigen die Bedeutsamkeit der Sakramente erklärte, sagte er: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele [durch die Sünde] stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester … Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen.“[5] Diese Aussagen, die aus dem priesterlichen Herzen eines heiligen Priesters hervorgegangen sind, mögen übertrieben erscheinen. Doch in ihnen offenbart sich die außerordentliche Achtung, die er dem Sakrament des Priestertums entgegenbrachte. Er schien überwältigt von einem grenzenlosen Verantwortungsbewußtsein: „Wenn wir recht begreifen würden, was ein Priester auf Erden ist, würden wir sterben: nicht vor Schreck, sondern aus Liebe … Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn zu nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt … Was nützte uns ein Haus voller Gold, wenn es niemanden gäbe, der uns die Tür dazu öffnet? Der Priester besitzt den Schlüssel zu den himmlischen Schätzen: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Haushälter des lieben Gottes; der Verwalter seiner Güter  … Laßt eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten … Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, er ist es für euch.“[6]

Als er nach Ars, einem kleinen Dorf mit 230 Einwohnern, kam, war er vom Bischof bereits vorgewarnt worden, daß er eine religiös prekäre Situation vorfinden werde: „Es gibt in dieser Pfarrei nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen.“ Folglich war er sich völlig bewußt, daß er dorthin gehen mußte, um die Gegenwart Christi zu verkörpern, indem er dessen heilbringende Sanftmut bezeugte. „[Mein Gott,] gewährt mir die Bekehrung meiner Pfarrei; ich will dafür alles erleiden, was Ihr wollt, mein ganzes Leben lang!“ – mit diesem Gebet begann er seine Mission.[7] Der Bekehrung seiner Pfarrei widmete sich der heilige Pfarrer mit all seinen Kräften und stellte die christliche Bildung des ihm anvertrauten Volkes in all seinem Denken an erste Stelle. Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, erbitten wir vom Herrn Jesus die Gnade, daß auch wir die pastorale Methode des Johannes Maria Vianney erlernen können! Was wir als erstes lernen müssen, ist die völlige Identifizierung mit der eigenen Aufgabe. In Jesus fallen Person und Sendung im Grunde zusammen: Sein gesamtes Heilshandeln war und ist Ausdruck seines „Sohn-Ich“, das von Ewigkeit her vor dem Vater steht in einer Haltung liebevoller Unterwerfung unter dessen Willen. In bescheidener und doch wahrer Analogie muß auch der Priester diese Identifizierung anstreben. Natürlich geht es nicht darum zu vergessen, daß die substanzielle Wirksamkeit des Dienstes von der Heiligkeit des Priesters unabhängig bleibt; doch man darf auch die außerordentliche Fruchtbarkeit nicht außer Acht lassen, die aus dem Zusammentreffen der objektiven Heiligkeit des Dienstes und der subjektiven des Priesters hervorgeht. Der Pfarrer von Ars begann sofort mit dieser demütigen und geduldigen Arbeit, sein Leben als Priester mit der Heiligkeit des ihm anvertrauten Dienstes in Einklang zu bringen und sagte, daß er sogar materiell in seiner Pfarrkirche „wohne“: „Kaum war er angekommen, wählte er die Kirche zu seinem Wohnsitz … Vor dem Morgenrot betrat er die Kirche und kam erst nach dem abendlichen Angelus wieder heraus. Dort mußte man ihn suchen, wenn man ihn brauchte“, heißt es in seiner ersten Biographie.[8]

Die fromme Übertreibung des ehrfurchtsvollen Hagiographen darf uns nicht veranlassen zu übersehen, daß der heilige Pfarrer auch aktiv im gesamten Gebiet seiner Pfarrei zu „wohnen“ verstand: Er besuchte systematisch die Kranken und die Familien; er organisierte Volksmissionen und Patronatsfeste; er sammelte und verwaltete Geld für seine karitativen und missionarischen Werke; er verschönerte seine Kirche und stattete sie mit Kirchengerät aus; er kümmerte sich um die Waisenmädchen der „Providence“ (einer von ihm gegründeten Einrichtung) und ihre Erzieherinnen; er kümmerte sich um die Schulausbildung der Kinder; er gründete Bruderschaften und forderte die Laien zur Zusammenarbeit mit ihm auf.

Sein Beispiel veranlaßt mich, das Feld der Zusammenarbeit zu betonen, das immer mehr auf die gläubigen Laien auszudehnen ist, mit denen die Priester das eine priesterliche Volk bilden[9] und in deren Mitte sie leben, um kraft des Weihepriestertums „alle zur Einheit in der Liebe zu führen, 'indem sie in Bruderliebe einander herzlich zugetan sind, in Ehrerbietung einander übertreffen' (Röm 12, 10)“.[10] In diesem Zusammenhang ist an die lebhafte Aufforderung zu erinnern, mit der das Zweite Vatikanische Konzil die Priester ermutigt, „die Würde der Laien und die bestimmte Funktion, die den Laien für die Sendung der Kirche zukommt, wahrhaft [zu] erkennen und [zu] fördern … Sie sollen gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit erkennen können.“[11]

Seine Pfarreimitglieder belehrte der heilige Pfarrer vor allem mit dem Zeugnis seines Lebens. Durch sein Vorbild lernten die Gläubigen zu beten und für einen Besuch beim eucharistischen Jesus gern vor dem Tabernakel zu verharren.[12] „Es ist nicht nötig, viel zu sprechen, um gut zu beten“, erklärte ihnen der Pfarrer. „Man weiß, daß Jesus dort ist, im heiligen Tabernakel: Öffnen wir ihm unser Herz, freuen wir uns über seine heilige Gegenwart. Das ist das beste Gebet.“[13] Und er ermunterte sie: „Kommt zur Kommunion, meine Brüder, kommt zu Jesus. Kommt, um von ihm zu leben, damit ihr mit ihm leben könnt…“[14] „Es stimmt, daß ihr dessen nicht würdig seid, aber ihr habt es nötig!“[15] Diese Erziehung der Gläubigen zur eucharistischen Gegenwart und zum Kommunionempfang wurde besonders wirkkräftig, wenn die Gläubigen ihn das heilige Meßopfer zelebrieren sahen. Wer ihm beiwohnte, sagte, daß „es nicht möglich war, eine Gestalt zu finden, welche die Anbetung besser ausgedrückt hätte … Er betrachtete die Hostie liebevoll“.[16] „Alle guten Werke zusammen wiegen das Meßopfer nicht auf, denn sie sind Werke von Menschen, während die heilige Messe Werk Gottes ist“[17], sagte er. Er war überzeugt, daß von der Messe der ganze Eifer eines Priesterlebens abhängt: „Die Ursache der Erschlaffung des Priesters liegt darin, daß er bei der Messe nicht aufmerksam ist! Mein Gott, wie ist ein Priester zu beklagen, der so zelebriert, als ob er etwas Gewöhnliches täte!“[18] Und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei der Zelebration immer auch das eigene Leben aufzuopfern: „Wie gut tut ein Priester, wenn er Gott allmorgendlich sich selbst als Opfer darbringt!“[19]

Dieses persönliche Sicheinfühlen in das Kreuzesopfer führte ihn – in einer einzigen inneren Bewegung – vom Altar zum Beichtstuhl. Die Priester dürften niemals resignieren, wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen. Zur Zeit des heiligen Pfarrers war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen, da der eisige Sturm der Revolution die religiöse Praxis auf lange Zeit erstickt hatte. Doch er versuchte auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schönheit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Gegenwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte. Auf diese Weise verstand er, einen Kreislauf der Tugend in Gang zu setzen. Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, daß die Gläubigen begannen, es ihm nachzutun; sie begaben sich dorthin, um Jesus zu besuchen, und waren zugleich sicher, den Pfarrer anzutreffen, der bereit war zum Hören und zum Vergeben. Später war es dann die wachsende Menge der Bußfertigen aus ganz Frankreich, die ihn bis zu 16 Stunden täglich im Beichtstuhl hielt. Man sagte damals, Ars sei „das große Krankenhaus der Seelen“[20]  geworden. „Die Gnade, die er empfing [für die Bekehrung der Sünder], war so stark, daß sie ihnen nachging, ohne ihnen einen Moment der Ruhe zu lassen“, sagt der erste Biograph.[21] Der heilige Pfarrer sah das nicht anders, wenn er sagte: „Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selbst läuft dem Sünder nach und läßt ihn zu sich zurückkehren.“[22] „Dieser gute Heiland ist so von Liebe erfüllt, daß er uns überall sucht.“[23]

Wir Priester müßten alle spüren, daß jene Worte, die er Christus in den Mund legte, uns persönlich angehen: „Ich beauftrage meine Diener, den Sündern zu verkünden, daß ich immer bereit bin, sie zu empfangen, daß meine Barmherzigkeit unbegrenzt ist.“[24] Vom heiligen Pfarrer von Ars können wir Priester nicht nur ein unerschöpfliches Vertrauen in das Bußsakrament lernen, das uns drängt, es wieder ins Zentrum unserer pastoralen Sorge zu setzen, sondern auch die Methode des „Dialogs des Heils“, der sich darin vollziehen muß. Der Pfarrer von Ars hatte gegenüber den verschiedenen Büßern eine jeweils unterschiedliche Verhaltensweise. Wer zu seinem Beichtstuhl kam, weil er von einem inneren und demütigen Bedürfnis nach der Vergebung Gottes angezogen war, fand bei ihm die Ermutigung, in den „Strom der göttlichen Barmherzigkeit“ einzutauchen, der in seiner Wucht alles mit sich fortreißt. Und wenn jemand niedergeschlagen war beim Gedanken an seine Schwäche und Unbeständigkeit und sich vor zukünftigen Rückfällen fürchtete, offenbarte der Pfarrer ihm das Geheimnis Gottes mit einem Ausspruch von rührender Schönheit: „Der liebe Gott weiß alles. Noch bevor ihr sündigt, weiß er schon, daß ihr wieder sündigen werdet, und trotzdem vergibt er euch. Wie groß ist die Liebe unseres Gottes, der so weit geht, freiwillig die Zukunft zu vergessen, nur damit er uns vergeben kann!“[25] Wer sich dagegen lau und fast gleichgültig anklagte, dem bot er durch seine eigenen Tränen die ernste und erlittene deutliche Einsicht, wie „abscheulich“ diese Haltung sei: „Ich weine, weil ihr nicht weint“[26], sagte er. „Wenn der Herr bloß nicht so gut wäre! Aber er ist so gut! Man muß ein Barbar sei, um sich einem so guten Vater gegenüber so zu verhalten!“[27] Er ließ die Reue im Herzen der Lauen aufkommen, indem er sie zwang, das im Gesicht des Beichtvaters gleichsam „verkörperte“ Leiden Gottes wegen der Sünden mit eigenen Augen zu sehen. Wer sich dagegen voll Verlangen und fähig zu einem tieferen geistlichen Leben zeigte, dem öffnete er weit die Tiefen der Liebe, indem er ihm erklärte, wie unbeschreiblich schön es ist, mit Gott vereint und in seiner Gegenwart zu leben: „Alles unter den Augen Gottes, alles mit Gott, alles, um Gott zu gefallen … Wie schön ist das!“[28] Und er lehrte sie zu beten: „Mein Gott, erweise mir die Gnade, dich so sehr wie nur möglich zu lieben.“[29]

Der Pfarrer von Ars hat in seiner Zeit das Herz und das Leben so vieler Menschen zu verwandeln vermocht, weil es ihm gelungen ist, sie die barmherzige Liebe des Herrn wahrnehmen zu lassen. Auch in unserer Zeit ist eine solche Verkündigung und ein solches Zeugnis der Wahrheit der Liebe dringend: Deus caritas est (1 Joh 4, 8). Mit dem Wort und den Sakramenten seines Jesus wußte Johannes Maria Vianney sein Volk aufzubauen, auch wenn er, überzeugt von seiner persönlichen Unzulänglichkeit, oft schauderte, so daß er mehrmals wünschte, sich der Verantwortung des Dienstes in der Pfarrei zu entziehen, dessen er sich unwürdig fühlte. Trotzdem blieb er in vorbildlichem Gehorsam stets an seinem Posten, denn die apostolische Leidenschaft für das Heil der Seelen verzehrte ihn. Durch eine strenge Askese versuchte er, seiner Berufung völlig nachzukommen: „Das große Unglück für uns Pfarrer“, beklagte der Heilige, „besteht darin, daß die Seele abstumpft“[30], und er meinte damit ein gefährliches Sich-Gewöhnen des Hirten an den Zustand der Sünde oder der Gleichgültigkeit, in der viele seiner Schafe leben. Mit Wachen und Fasten zügelte er den Leib, um zu vermeiden, daß dieser sich seiner priesterlichen Seele widersetzte. Und er schreckte nicht davor zurück, sich selbst zu kasteien zum Wohl der ihm anvertrauten Seelen und um zur Sühne all der Sünden beizutragen, die er in der Beichte gehört hatte. Einem priesterlichen Mitbruder erklärte er: „Ich verrate Euch mein Rezept: Ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf, und den Rest tue ich an ihrer Stelle.“[31] Jenseits der konkreten Bußübungen, denen der Pfarrer von Ars sich unterzog, bleibt in jedem Fall der Kern seiner Lehre für alle gültig: die Seelen sind mit dem Blut Jesu erkauft, und der Priester kann sich nicht ihrer Rettung widmen, wenn er sich weigert, sich persönlich an dem „teuren Preis“ ihrer Erlösung zu beteiligen.

In der Welt von heute ist es ebenso nötig wie in den schwierigen Zeiten des Pfarrers von Ars, daß die Priester sich in ihrem Leben und Handeln durch ein starkes Zeugnis für das Evangelium auszeichnen. Paul VI. hat zu Recht bemerkt: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“[32] Damit in uns nicht eine existenzielle Leere entsteht und die Wirksamkeit unseres Dienstes nicht gefährdet wird, müssen wir uns immer neu fragen: „Sind wir wirklich durchtränkt vom Wort Gottes? Ist es wirklich die Nahrung, von der wir leben, mehr als vom Brot und von den Dingen dieser Welt? Kennen wir es wirklich? Lieben wir es? Gehen wir innerlich damit um, so daß es wirklich unser Leben prägt, unser Denken formt?“[33] Wie Jesus die Zwölf rief, damit sie bei ihm sein sollten (vgl. Mk 3, 14), und sie erst danach zum Predigen aussandte, so sind auch in unseren Tagen die Priester berufen, jenen „neuen Lebensstil“ anzunehmen, den Jesus, der Herr, eingeführt hat und den die Apostel sich zu eigen gemacht haben.[34]

Gerade die rückhaltlose Annahme dieses „neuen Lebensstils“ war ein Merkmal des priesterlichen Einsatzes des Pfarrers von Ars. In der Enzyklika Sacerdotii nostri primordia, die 1959, hundert Jahre nach dem Tod von Johannes Maria Vianney, publiziert wurde, stellte Johannes XXIII. dessen asketische Wesensart unter besonderer Bezugnahme auf das Thema der „drei evangelischen Räte“ dar, die er auch für die Priester als notwendig erachtete: „Auch wenn dem Priester zur Erlangung dieser Heiligkeit des Lebens die Verwirklichung der evangelischen Räte nicht aufgrund seines klerikalen Standes auferlegt ist, bietet sie sich ihm wie allen Jüngern des Herrn doch als der normale Weg der christlichen Heiligung an.“[35] Der Pfarrer von Ars verstand es, die „evangelischen Räte“ in der seiner Situation als Priester angemessenen Weise zu leben. Seine Armut war nämlich nicht die eines Ordensmannes bzw. eines Mönches, sondern die, welche von einem Weltpriester erwartet wird: Obwohl er mit viel Geld wirtschaftete (da die wohlhabenderen Pilger nicht versäumten, sich seiner karitativen Werke anzunehmen), wußte er, daß alles seiner Kirche, seinen Armen, seinen Waisen, den Mädchen seiner „Providence“[36], den am meisten notleidenden Familien zugedacht war. Darum war er „reich, um den anderen zu geben, und sehr arm für sich selbst“.[37] Er erklärte: „Mein Geheimnis ist einfach: Alles geben und nichts behalten.“[38] Wenn er mit leeren Händen dastand, sagte er zufrieden zu den Armen, die sich an ihn wendeten: „Heute bin ich arm wie ihr, bin einer von euch.“[39] So konnte er am Ende seines Lebens in aller Ruhe sagen: „Ich habe nichts mehr. Nun kann der liebe Gott mich rufen, wann er will!“[40] Auch seine Keuschheit war so, wie sie für den Dienst eines Priesters nötig ist. Man kann sagen, es war die angemessene Keuschheit dessen, der gewöhnlich die Eucharistie berühren muß und der sie gewöhnlich mit der ganzen Begeisterung seines Herzens betrachtet und sie mit derselben Begeisterung seinen Gläubigen reicht. Man sagte von ihm, „die Keuschheit strahle in seinem Blick“, und die Gläubigen bemerkten es, wenn er mit den Augen eines Verliebten zum Tabernakel schaute.[41] Auch der Gehorsam von Johannes Maria Vianney war ganz und gar verkörpert in der leidvoll errungenen inneren Einwilligung in die täglichen Anforderungen seines Amtes. Es ist bekannt, wie sehr ihn der Gedanke an seine Unzulänglichkeit für den Dienst des Pfarrers quälte und wie sehr ihn der Wunsch umtrieb, zu fliehen „um in Einsamkeit sein armes Leben zu beweinen“.[42] Nur der Gehorsam und seine Leidenschaft für die Seelen konnten ihn überzeugen, an seinem Platz zu bleiben. Sich selbst und seinen Gläubigen erklärte er: „Es gibt nicht zwei gute Arten, Gott zu dienen. Es gibt nur eine einzige: ihm so zu dienen, wie er es will.“[43] Die goldene Regel für ein Leben im Gehorsam schien ihm diese zu sein: „Nur das tun, was dem lieben Gott dargebracht werden kann.“[44]

Im Zusammenhang mit der Spiritualität, die durch die Übung der evangelischen Räte gefördert wird, möchte ich die Priester in diesem ihnen gewidmeten Jahr gern ganz besonders dazu aufrufen, den neuen Frühling zu nutzen, den der Geist in unseren Tagen in der Kirche hervorbringt, nicht zuletzt durch die kirchlichen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften. „Der Geist ist vielfältig in seinen Gaben … Er weht, wo er will. Er tut es auf unerwartete Weise, an unerwarteten Orten und in vorher nicht ausgedachten Formen … aber er zeigt uns auch, daß er auf den einen Leib hin und in der Einheit des einen Leibes wirkt.“[45] In diesem Zusammenhang gilt die Anweisung des Dekretes Presbyterorum ordinis: „Sie [die Priester] sollen die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind, und die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte und bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen.“[46] Diese Gaben, die viele zu einem höheren geistlichen Leben drängen, können nicht nur den gläubigen Laien, sondern den Priestern selbst hilfreich sein. Aus dem Miteinander von geweihten Amtsträgern und Charismen kann nämlich „ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt“ entspringen.[47] Außerdem möchte ich in Bezugnahme auf das Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis von Papst Johannes Paul II. ergänzen, daß das geweihte Amt eine radikale „Gemeinschaftsform“ hat und nur in der Gemeinschaft der Presbyter mit ihrem Bischof erfüllt werden kann.[48] Es ist nötig, daß diese im Weihesakrament begründete und in der Konzelebration ausgedrückte Gemeinschaft der Priester untereinander und mit ihrem Bischof sich in den verschiedenen konkreten Formen einer effektiven und affektiven priesterlichen Brüderlichkeit verwirklicht.[49] Nur so können die Priester die Gabe des Zölibats vollends leben und sind fähig, christliche Gemeinschaften aufblühen zu lassen, in denen sich die Wunder der ersten Verkündigung des Evangeliums wiederholen.

Das Paulusjahr, das sich seinem Ende zuneigt, richtet unsere Gedanken auch auf den Völkerapostel, in dem vor unseren Augen ein glänzendes Beispiel eines ganz und gar seinem Dienst „hingegebenen“ Priesters aufleuchtet. „Die Liebe Christi hat uns in Besitz genommen“, schreibt er, „da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“ (vgl. 2 Kor 5, 14). Und er fügt hinzu: „Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5, 15). Gibt es ein besseres Programm, das man einem Priester vorschlagen könnte, der damit beschäftigt ist, auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten?

Liebe Priester, die Feier des 150. Todestags des heiligen Johannes Maria Vianney (1859) schließt sich unmittelbar an die kaum abgeschlossenen Feiern zum 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes (1858) an. Schon 1959 hatte der selige Papst Johannes XXIII. bemerkt: „Kurz bevor der Pfarrer von Ars seine lange verdienstvolle Laufbahn beendet hatte, war in einem anderen Teil Franreichs die Unbefleckte Jungfrau einem demütigen und reinen Mädchen erschienen, um ihm eine Botschaft des Gebetes und der Buße zu übermitteln, deren enorme geistliche Resonanz seit einem Jahrhundert wohlbekannt ist. Tatsächlich war das Leben des heiligen Priesters, dessen Gedenken wir feiern, im voraus eine lebendige Darstellung der großen übernatürlichen Wahrheiten, die der Seherin von Massabielle vermittelt wurden. Er selbst hegte für die Unbefleckte Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau eine glühende Verehrung – er, der 1836 seine Pfarrei der ohne Sünde empfangenen Maria geweiht hatte und dann die dogmatische Definition von 1854 mit so viel Glauben und Freude aufnehmen sollte.“[50] Der heilige Pfarrer erinnerte seine Gläubigen immer daran, daß „Jesus Christus, nachdem er uns alles gegeben hatte, was er uns geben konnte, uns noch das Wertvollste als Erbe hinterlassen wollte, das er besitzt, nämlich seine Mutter“[51].

Der Allerseligsten Jungfrau vertraue ich dieses Jahr der Priester an und bitte sie, im Innern jedes Priesters eine großherzige Wiederbelebung jener Ideale der völligen Hingabe an Christus und an die Kirche auszulösen, die das Denken und Handeln des heiligen Pfarrers von Ars bestimmten. Mit seinem eifrigen Gebetsleben und seiner leidenschaftlichen Liebe zum gekreuzigten Jesus nährte Johannes Maria Vianney seine tägliche rückhaltlose Hingabe an Gott und an die Kirche. Möge sein Beispiel die Priester zu jenem Zeugnis der Einheit mit dem Bischof, untereinander und mit den Laien bewegen, das heute wie immer so notwendig ist. Trotz des Übels, das es in der Welt gibt, sind die Worte Christi an seine Apostel im Abendmahlssaal stets aktuell: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16, 33). Der Glaube an den göttlichen Meister gibt uns die Kraft, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen. Liebe Priester, Christus rechnet mit euch. Nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars laßt euch von ihm vereinnahmen, dann seid in der Welt von heute auch ihr Boten der Hoffnung, der Versöhnung und des Friedens!

 

Von Herzen erteile ich euch meinen Segen.

 

Aus dem Vatikan, am 16. Juni 2009

 

 

[1] Dazu hat Papst Pius XI. ihn 1929 erklärt.

[2] Le Sacerdoce, c’est l’amour du cœur de Jésus” (in Le curé d’Ars. Sa pensée – Son cœur. Présantés par l’Abbé Bernard Nodet, éd. Xavier Mappus, Foi Vivante, 1966, S. 98). In der Folge: Nodet.

Dieser Satz ist unter der Nummer 1589 auch im Katechismus der Katholischen Kirche zitiert.

[3] Nodet, S. 101.

[4] Ebd., S. 97.

[5] Ebd., S. 98–99.

 

[6] Ebd., S. 98–100.

[7] Ebd., 183.

[8] Monnin A., Il curato d’Ars. Vita di Gian-Battista-Maria Vianney, Bd. I, ed. Marietti, Turin 1870, S. 122.

[9] Vgl. Lumen gentium, 10.

[10] Presbyterorum ordinis, 9.

[11] Ebd.

[12] „Die Beschauung [ Kontemplation] ist gläubiges Hinschauen auf Jesus. 'Ich schaue ihn an, und er schaut mich an', sagte zur Zeit seines heiligen Pfarrers ein Bauer von Ars, der vor dem Tabernakel betete“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2715).

[13] Nodet, S. 85.

[14] Ebd., S. 114.

[15] Ebd., S. 119.

[16] Monnin A., a.a.O., II, S. 430ff.

[17] Nodet, S. 105.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 104.

[20] Monnin A., a.a.O., II, S. 293.

[21] Ebd., S. 10.

[22] Nodet, S. 128.

[23] Ebd., S. 50.

[24] Ebd., S. 131.

[25] Ebd., S. 130.

[26] Ebd., S. 27.

[27] Ebd., S. 139.

[28] Ebd., S. 28.

[29] Ebd., S. 77.

[30] Ebd., S. 102.

[31] Ebd., S. 189.

[32] Evangelii nuntiandi, 41.

[33] Benedikt XVI., Homilie in der Chrisam-Messe, 9.4.2009.

[34] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus, 16.3.2009.

[35] Teil I.

[36] Diesen Namen gab er dem Haus, in dem er über 60 verlassene Mädchen aufnehmen und erziehen ließ. Um es zu erhalten, war er zum äußersten bereit: „J’ai fait tous les commerces imaginables – Ich habe dafür alle Geschäfte gemacht, die man sich nur vorstellen kann“, sagte er lachend (Nodet, S. 214).

[37] Nodet, S. 216.

[38] Ebd., S. 215.

[39] Ebd., S. 216.

[40] Ebd., S. 214.

[41] Vgl. Ebd., S. 112.

[42] Vgl. Ebd., S. 82-84; 102-103.

[43] Ebd., S. 75.

[44] Ebd., S. 76.

[45] Benedikt XVI., Homilie zur Pfingstvigil, 3.6.2006.

[46] Nr. 9.

[47] Benedikt XVI., Ansprache an die Bischöfe, die der Fokolarbewegung und der Gemeinschaft „Sant’Egidio“ nahestehen, 8.2.2007.

[48] Vgl. Nr. 17.

[49] Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis, 74.

[50] Enzyklika Sacerdotii nostri primordia, Teil III.

[51] Nodet, S. 244.


(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/2009-06/18-13/Let_An_Sac_de.html)

Das Priesterseminar St. Wolfgang in Regensburg - Ein Interview mit Regens Martin Priller

Ordination einer Frau

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ALLGEMEINES DEKRET
in Bezug auf die Straftat der versuchten Ordination einer Frau

 

Zum Schutz des Wesens und der Gültigkeit des Weihesakramentes hat die Kongregation für die Glaubenslehre kraft der besonderen Vollmacht, die ihr von der höchsten kirchlichen Autorität übertragen worden ist (vgl. can. 30, Codex des kanonischen Rechtes), in der Ordentlichen Sitzung vom 19. Dezember 2007 folgendes Dekret erlassen:

Unbeschadet der Vorschrift von can. 1378 des Codex des kanonischen Rechtes zieht sich jeder, der einer Frau die heilige Weihe zu spenden, wie auch die Frau, welche die heilige Weihe zu empfangen versucht, die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation latae sententiae zu.

Ist aber derjenige, der einer Frau die heilige Weihe zu spenden, oder die Frau, welche die heilige Weihe zu empfangen versucht, ein dem Codex der Kanones der Orientalischen Kirchen unterstehender Christgläubiger, dann ist diese Person, unbeschadet der Vorschrift von can. 1443 dieses Codex, mit der großen Exkommunikation zu bestrafen, deren Aufhebung ebenfalls dem Heiligen Stuhl vorbehalten ist (vgl. can. 1423, Codex der Kanones der Orientalischen Kirchen).

Dieses Dekret tritt unmittelbar zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im Osservatore Romano in Kraft.

 

William Cardinale LEVADA
Präfekt
 

L. + S.

+ Angelo AMATO, S.D.B.
Titularerzbischof von Sila
Sekretär

 

In Congr. pro Doctrina Fidei tab., n. 337/02

(Quelle: http://www.doctrinafidei.va/documents/rc_con_cfaith_doc_20071219_attentata-ord-donna_ge.html)

 

Priesterweihe für Frauen?

Kongregation für die Glaubenslehre

 

Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

 

 

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

 

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

 

+ Joseph Kardinal Ratzinger
Präfekt

 

+ Tarcisio Bertone, S.D.B.
em. Erzbischof von Vercelli
Sekretär

 

[L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 1995, Nr. 47, S. 4].

(Quelle: http://www.doctrinafidei.va/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html)

 

Nichtzulassung der Frau zur Priesterweihe

Zur Antwort der Glaubenskongregation
über die im Apostolischen Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» vorgelegte LehrE

 

 

Anläßlich der Veröffentlichung der Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre zu einem Zweifel bezüglich des Grundes, dessentwegen die im Apostolischen Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» dargelegte Lehre als endgültig zu haltende (“definitive tenenda”) zu betrachten ist, scheinen einige Überlegungen angebracht.

Die ekklesiologische Bedeutung des genannten Apostolischen Schreibens wurde schon durch das Datum der Veröffentlichung unterstrichen: An diesem Tag, dem 22. Mai 1994, kehrte das Pfingstfest wieder. Diese Bedeutung konnte man aber vor allem in den abschließenden Worten des Schreibens entdecken: “Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben” (Nr. 4).

Das Eingreifen des Papstes war notwendig geworden nicht bloß, um die Gültigkeit einer Disziplin, die von der Kirche von Anfang an befolgt worden war, einzuschärfen, sondern um eine Lehre (vgl. Nr. 4) zu bestätigen, die “von der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt” und “vom Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt worden ist” - eine Lehre, die “die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft” (ebd.). In diesem Sinn wollte der Heilige Vater klären, daß man die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe nicht für “diskutierbar” halten und daß man dieser Entscheidung der Kirche nicht “lediglich eine disziplinare Bedeutung” (ebd.) zuschreiben dürfte.

In der Zeit, die seit der Veröffentlichung des Schreibens verstrichen ist, haben sich dessen Früchte gezeigt. Viele Gewissen, die sich guten Glaubens vielleicht sehr vom Zweifel der Unsicherheit erschüttern ließen, haben dank der Lehre des Heiligen Vaters die innere Ruhe wiedergefunden. Doch ist die Unschlüssigkeit nicht geringer geworden - nicht nur von Seiten jener, die dem katholischen Glauben fernstehen und das Bestehen einer Lehrautorität in der Kirche, nämlich des sakramental mit der Autorität Christi ausgestatteten Lehramtes (vgl. Konst. «Lumen gentium», Nr. 21), nicht annehmen, sondern auch von einigen Gläubigen, die nach wie vor der Meinung sind, daß der Ausschluß vom Amtspriestertum eine Ungerechtigkeit oder eine Diskriminierung den Frauen gegenüber darstelle. Manche wenden ein, aus der Offenbarung gehe nicht hervor, daß ein derartiger Ausschluß Wille Christi für seine Kirche gewesen sei; und andere fragen sich, welche Zustimmung der Lehre des Schreibens geschuldet ist.

Gewiß können die Gründe, deretwegen die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, noch vertieft werden; Gründe wurden bereits vorgetragen zum Beispiel in der von Paul VI. gebilligten Erklärung «Inter insigniores» (15.10.1976) von der Kongregation für die Glaubenslehre und in verschiedenen Dokumenten von Johannes Paul II. (wie etwa im Apost. Schreiben «Christifideles laici», Nr. 51; und im Apost. Schreiben «Mulieris dignitatem», Nr. 26) sowie im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1577. In jedem Fall darf aber nicht vergessen werden, daß die Kirche als eine absolut fundamentale Wahrheit christlicher Anthropologie die gleiche personale Würde von Mann und Frau lehrt - sowie die Notwendigkeit, “jede Art von Diskriminierung in den fundamentalen Rechten” (Konst. «Gaudium et spes», Nr. 29) zu überwinden und zu beseitigen. Im Licht dieser Wahrheit kann man versuchen, die Lehre besser zu verstehen, gemäß der die Frau die Priesterweihe nicht empfangen kann. Eine korrekte Theologie kann weder von der einen noch von der anderen Lehre absehen, sondern muß beide zusammensehen; nur dann wird sie die Pläne Gottes über die Frau und über das Priestertum - und dann auch über die Sendung der Frau in der Kirche - vertiefen können. Wenn jedoch jemand, der sich vielleicht zu sehr von der Mode oder vom Zeitgeist bestimmen läßt, die Behauptung aufstellte, die beiden Wahrheiten widersprächen einander, wäre der Weg eines Fortschrittes in der Erkenntnis des Glaubens verloren.

Im Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» richtet der Papst seine Betrachtung in paradigmatischer Weise auf die Person der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Gottes und Mutter der Kirche: Die Tatsache, daß sie “nicht den eigentlichen Sendungsauftrag der Apostel und auch nicht das Amtspriestertum erhalten hat, zeigt mit aller Klarheit, daß die Nichtzulassung der Frau zur Priesterweihe keine Minderung ihrer Würde und keine Diskriminierung ihr gegenüber bedeuten kann” (Nr. 3). Die Verschiedenheit in bezug auf die Sendung verletzt nicht die Gleichheit in der personalen Würde.

Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums - sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums - kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet - zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

Bekanntlich gibt es Angemessenheitsgründe, mit denen die Theologie die Vernünftigkeit des Willens des Herrn zu verstehen suchte und sucht. Solche Gründe, die man etwa in der Erklärung «Inter insigniores» dargelegt findet, haben ohne Zweifel ihren Wert, sind aber nicht entworfen oder angewandt, als ob sie logische Aufweise oder zwingende Ableitungen von absoluten Prinzipien wären. Es ist jedoch wichtig, sich vor Augen zu halten, daß der menschliche Wille Christi nicht bloß nicht willkürlich ist, wie diese Angemessenheitsgründe in der Tat zu verstehen helfen, sondern daß er zutiefst mit dem göttlichen Willen des ewigen Sohnes vereint ist, von dem die ontologische und anthropologische Wahrheit der Schöpfung der beiden Geschlechter abhängt.

Angesichts des klaren Lehraktes des Papstes, der ausdrücklich an die ganze katholische Kirche gerichtet ist, haben alle Gläubigen ihre Zustimmung zur darin enthaltenen Lehre zu geben. Diesbezüglich hat die

Kongregation für die Glaubenslehre mit päpstlicher Billigung eine offizielle Antwort über die Natur dieser Zustimmung vorgelegt. Es handelt sich um eine volle definitive, d.h. unwiderrufliche Zustimmung zu einer von der Kirche unfehlbar vorgelegten Lehre. Wie nämlich die Antwort erklärt, leitet sich dieser endgültige Charakter von der Wahrheit der Lehre selber ab, denn - im geschriebenen Wort Gottes gegründet und von der Tradition der Kirche beständig bewahrt und angewandt - ist sie unfehlbar vom ordentlichen universalen Lehramt vorgetragen worden (vgl. Konst. «Lumen gentium», Nr. 25). Darum klärt die Antwort, daß diese Lehre zum Glaubensgut der Kirche gehört. Es wird also unterstrichen, daß der endgültige und unfehlbare Charakter dieser Lehre der Kirche nicht dem Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» entspringt. Wie ebenso die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre erläutert, hat der Papst in diesem Schreiben angesichts der gegenwärtigen Lage diese Lehre durch eine förmliche Erklärung bekräftigt - in neuerlicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen zu halten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört. In diesem Fall bekundet ein Akt des ordentlichen päpstlichen Lehramtes, der in sich selbst nicht unfehlbar ist, den unfehlbaren Charakter der Darlegung einer Lehre, die die Kirche schon besitzt.

Schließlich wurde in einigen Kommentaren zum Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» behauptet, daß dieses ein weiteres und nicht angebrachtes Hindernis auf dem ohnedies schwierigen Weg der ökumenischen Bewegung bilde. Diesbezüglich darf nicht vergessen werden, daß der authentische ökumenische Einsatz, den die katholische Kirche nicht abbrechen will und nicht abbrechen kann, gemäß dem Buchstaben und dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (vgl. Dekret «Unitatis redintegratio», Nr. 11) volle Aufrichtigkeit und Klarheit in der Darlegung der Identität des eigenen Glaubens verlangt. Zudem muß betont werden, daß die im Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» wieder vorgelegte Lehre nicht anders als hilfreich sein kann bei der Suche nach der vollen Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen, die in Übereinstimmung mit der Tradition diesselbe Lehre in Treue gewahrt haben und wahren.

Die einzigartige Originalität der Kirche und des Amtspriestertums in ihrem Inneren erfordert genaue und klare Kriterien. Konkret darf man nie aus den Augen verlieren, daß die Kirche die Quelle des eigenen Glaubens und der eigenen konstitutiven Struktur nicht in den Prinzipien des sozialen Lebens eines jeden geschichtlichen Momentes findet. Obwohl die Kirche mit Aufmerksamkeit auf die Welt blickt, in der sie lebt und für deren Heil sie wirkt, ist sie sich bewußt, Trägerin einer höheren Treue zu sein, an die sie gebunden ist. Es handelt sich um die radikale Treue zum Wort Gottes, das sie von derselben Kirche empfangen hat, die Jesus Christus bis zum Ende der Zeiten gegründet hat. Indem dieses Wort Gottes den wesentlichen Wert und die ewige Bestimmung jeder Person verkündet, offenbart es das letzte Fundament der Würde jedes Menschen, jeder Frau und jedes Mannes.

(Quelle: http://www.doctrinafidei.va/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html)

 

Lehre der Kirchenväter versione testuale


PRIESTER WIE UNSERE VÄTER
Die Kirchenväter, Meister der Priesterausbildung



ERSTES KAPITEL

 
Methodologische und bibliographische Hinweise[1]
 

1. Einführung zum Thema unter Bezugnahme auf Pastores dabo vobis (= PDV)

 
Was die  Priesterausbildung, ist ein Hinweis auf die Ursprünge der Kirche nicht nur nützlich, sondern sogar «eine verpflichtende Notwendigkeit». Da die Urkirche, chronologisch gesehen, nach Christus und den Aposteln entstand, ist sie erste Zeugin der bildenden Beziehung, die zwischen Christus und seinen Jüngern bestand und auf die die Kirche immer wieder zurückgreifen muss, um den wahren Sinn der Ausbildung zum Presbyter zu erfassen.[2]

Der Hinweis auf die Kirchenväter als Meister der Priesterausbildung durchfließt von selbst die vielen Seiten des apostolischen Schreibens Über die Priesterausbildung im Kontext der Gegenwart (PDV) und  ist auf gleiche Weise in den Zitaten des heiligen Augustinus  (elf) und mancher anderen Väter (Cyprian, Beda) enthalten.

Darüber hinaus behauptet das apostolische Schreiben, dort, wo es von der theologischen Ausbildung des Presbyters spricht, dass das Studium des Gotteswortes, «der Seele der gesamten Theologie», geleitet sein muss durch die Lektüre der Kirchenväter und die Aussagen der Lehre der Kirche.[3]
 

Ich will mich aber nicht auf eine Rezension oder Analyse der in PDV enthaltenen patristischen Zitate beschränken. Ich ziehe es vor, über die grundlegende Frage nachdenken, auf der diese Zitate beruhen, und zwar: Auf welche Weise sind die Kirchenväter Meister der Priesterausbildung?

 
Wir werden bei den nachstehenden Betrachtungen zwei Aspekte der Frage getrennt untersuchen. In erster Linie werden wir das Thema der Priesterausbildung bei den Kirchenvätern behandeln (das wichtigste Thema dieser Seiten, auf das wir in den nächsten Kapiteln zurückkommen werden,  indem wir einige der für den Kommentar und die Betrachtungen bedeutendsten Texte herausgreifen werden); an zweiter Stelle werden wir das Studium der Väter in der Presbyterausbildung (eine nicht zweitrangige Frage vor allem für diejenigen, die auf die eine oder andere Weise an der Organisation des Studiums in den Seminaren und den theologischen Instituten beteiligt sind) behandeln.

 

2. Die Priesterausbildung bei den Kirchenvätern. Das Beispiel des Bischofs Ambrosius
 

Wenige Monate vor der Synode, die der Priesterausbildung gewidmet war (September-Oktober 1990), hat die Fakultät für christliche und klassische Philosophie und Philologie der Salesianischen Universität  (Pontificium Institutum Altioris Latinitatis) eine Tagung zu dem Thema: «Die Ausbildung zum Amtspriestertum in der Katechese und im Zeugnis des Lebens der Väter» organisiert (Rom, 15.-17. März 1990).[4]

Diese Tagung wollte aus historisch-katechetischer Sicht einen qualifizierten wissenschaftlichen Beitrag zur Synoden leisten. Die Dokumente der Tagung sind 1992 in einem Band erschienen, der heute noch grundlegend ist, um einige Aspekte der Priesterausbildung bei den Kirchenvätern zu umreißen.[5] Wir wollen davon eine Probe geben, wobei wir den  Mailänder Bischof Ambrosius (337 oder 339-397) und die zwei ihm gewidmeten Berichte, nämlich von G. Coppa und von J. Janssens, als Anhaltspunkt wählen.
 

Der sehr umfassende und gut gegliederte Bericht von G. Coppa[6]  untersucht systematisch das Leben und Wirken des Ambrosius, um die besonders erwähnenswerten Aspekt der menschlichen, geistlichen und pastoralen Ausbildung des Priesters hervortreten zu lassen.
 

Diese Aspekte sind reich an theologischen Inhalten und praktischen Anleitungen. Sie sind in ein Priesterbild einzuordnen, das durch präzise Merkmale gekennzeichnet sind.

Es handelt sich um ein christliche Bild, auf das übrigens das gesamte Wirken des Ambrosius hingeordnet ist. Christus ist der wahre Levit (Priester), der sein Priestertum der ganzen Kirche und besonders den Presbytern vermittelt, die daher wie von ihm verschlungen leben, ihn lieben, nachahmen müssen, sein Abbild den Gläubigen vorstellen, sein Leben hingeben müssen. Wenn Christus der verus levites ist, ist auch der Presbyter levita verus, engagiert in einem ständigen Kampf gegen sich selbst und den Geist der Welt,  um – wie Er – ganz Gottes zu sein.
 

Und es handelt sich um ein totalitäres (ganzheitliche) Bild: Die Innigkeit der Eucharistie, die Demut, der Gehorsam vor dem Bischof, die vollkommene Keuschheit, die Hingabe  seiner selbst sind Ausdruck jener Liebe zu Christus, die keine Kompromisse oder teilweisen Anpassungen zulässt.

 
Es ist eine kommunitäres (alles umfassendes) Bild: Die Ausbildung des Presbyters hat kosmische Breite und ist in das Geheimnis der Kirche eingebettet. Das geistliche Leben ist laut Ambrosius den Bedürfnissen der Welt offen, und nicht Selbstbezogenheit: Der Priester ist ein Mensch, der für die anderen da ist, er bewahrt nichts für sich selbst und heiligt sich somit nicht nur für sich selbst, sondern für die Bereicherung der gesamten Kirchengemeinschaft.

Es ist ein praktisches Bild: Ambrosius versteht den Priester nicht als  «ein engelhaftes Geschöpf», ein irreales Wesen, sondern als einen Christen, der solide menschliche Tugenden besitzt, gemäß Ciceros Modell der antiken Moral, die durch die  Übung des Evangeliums erhoben und verchristlicht wird.
 

Und schließlich ein dynamisches Bild: Der Priester muss sich durch die eifrige Übung der  munera heiligen, die die Kirche ihm durch den Bischof, das heißt durch die Feier der Eucharistie und des Gotteswortes anvertraut hat.
 

So wie der Priester von Christus verschlungen ist, so ist er von den Seelen verschlungen: Die Seelsorge nimmt seine ganze Zeit in Anspruch, seine ganzen körperlichen, intellektuellen und auch materiellen Ressourcen, und er hat kaum Zeit, an seine eigenen Bedürfnisse zu denken. Die pastoralen Tätigkeiten beschränken sich nicht nur auf den kulturellen und ritualen Bereich, sondern bedeuten in der Presbyterausbildung auch die ständige Übung der Nächstenliebe und verlangen von ihm ein genügsamen, armes, selbstloses Leben.[7]


Wir könnten selbst noch eine weitere Betrachtung hinzufügen.

 
Ambrosius erläutert klar und deutlich die verschiedenen Aspekte der Ausbildung und Sendung des Presbyters. Inwieweit dieses Zeugnis die Bekehrung des Augustinus und schließlich seine Ausbildung zum Priester und Hirten beeinflussen konnte, geht aus einigen berühmten Stellen der  Bekenntnisse hervor.[8]

 
Kaum in Mailand angelangt – wir sind im Herbst des Jahres 384 – besucht Augustinus, der junge Professor der  Redekunst die verschiedenen Stadtbehörden und begegnet auch dem Bischof Ambrosius. Unsere Quelle erzählt, dass diese ihn  satis episcopaliter empfingen. Ein etwas geheimnisvolle Adverb: Was meinte Augustinus damit? Vermutlich, dass Ambrosius ihn mit der einem Bischof eigenen Würde, mit Väterlichkeit, aber auch mit ein wenig Abstand empfing.

 
Augustinus war sicher von Ambrosius fasziniert; gleichermaßen besteht die Gewissheit, dass ein Gespräch unter vier Augen  über das, was Augustinus am meisten am Herzen lag, nämlich die grundlegenden Probleme der Suche nach der Wahrheit, von einem Tag auf den anderen verschoben wurde, weshalb so mancher behaupten konnte, dass Ambrosius Augustinus gegenüber sich sehr kühl verhielt und wenig oder nichts mit seiner Bekehrung zu tun hatte.

 
Dennoch begegneten Ambrosius und Augustinus  einander mehrere Male.  Ambrosius aber sprach von allgemeinen Dingen, er beschränkte sich beispielsweise darauf, Monikas Lob zu singen und den Sohn für eine derartige Mutter zu beglückwünschen.

 
Als sich Augustinus zuweilen absichtlich zu Ambrosius begab, war dieser gewöhnlich mit ganzen Scharen von Leuten voll Anliegen beschäftigt, deren Bedürfnissen er seine Aufmerksamkeit schenkte; oder wenn er nicht mit diesen zusammen war ( meist nur ein bisschen Zeit), körperlich, indem er sich mit dem Nötigsten versorgte,  geistige, indem er las.
 

Und hier ist Augustinus erstaunt, denn Ambrosius las die Schriften mit geschlossenen Lippen, nur mit den Augen. In den ersten christlichen Jahrhunderten wurde das Lesen ausschließlich zum Zweck der Verkündung verstanden, und das Lesen mit lauter Stimme erleichterte auch das bessere Verständnis dessen, der las: Dass Ambrosius die Seiten nur mit den Augen überfliegen konnte, beweist dem verwunderten Augustinus, dass Ambrosius eine einzigartige Fähigkeit zur Kenntnis und zum Verständnis der Schriften besaß.

 
Augustinus sitzt oft abseits, in Schweigen versunken, diskret, und beobachtet Ambrosius; dann, als er nicht wagt, ihn zu stören, geht  er im Schweigen wieder. «Mir jedenfalls bot sich keine Gelegenheit», so Augustinus, « von seinem so heiligen Orakel, seinem Herzen, das, was ich wissen wollte, in Erfahrung zu bringen, es sei denn, es handelte sich um eine kurze Audienz. Damit ich ihm aber mein Herz mit seiner inneren Unruhe hätte ausschütten können, hätte er sich sehr viel Zeit nehmen müssen, doch die fand sich niemals».[9]

Das sind sehr schwerwiegende Worte: Man könnte sogar an der pastoralen Fürsorge des Ambrosius und seiner wirklichen Aufmerksamkeit für die Personen zweifeln.

Ich bin jedoch überzeugt, dass Ambrosius Augustinus gegenüber eine echte Strategie zum Einsatz brachte und dass diese die Gestalt des Ambrosius als Hirte und Ausbildner wirklich deutlich macht.

     Ambrosius weiß mit Sicherheit, abgesehen vom Rest, auch von der geistlichen Situation des Augustinus, denn er steht im Genuss des vollen Vertrauens von Monika. Dennoch erachtet es der Bischof als angebracht, sich nicht mit ihm in eine widersprüchliche Dialektik einzulassen, bei der er, Ambrosius, als Verlierer hätte hervorgehen können…

Somit schweigt der Bischof, er lässt die Tatsachen sprechen und bejaht mit seiner Praktik, dass das “Sein” des Hirten vor seinem “Sagen” den Vorrang hat.


Aber welche sind diese Tatsachen?

Zunächst das Lebenszeugnis des Ambrosius, durchtränkt vom Gebet und dem Dienst für die Armen. Augustinus ist heilsam beeindruckt, denn Ambrosius erweist sich als Mann Gottes und ganz dem Dienst an den Gläubigen hingegebener Mensch. Das Gebet und die Nächstenliebe, von welchen dieser außergewöhnliche Hirte Zeugnis ablegt, treten an Stelle der Worte und menschlichen Gedankengänge.

     Das andere, was zu Augustinus spricht, ist das Zeugnis der Mailänder Kirche. Eine glaubensstarke Kirche, versammelt wie ein einziger Leib zu  den heiligen Zusammenkünften, die Ambrosius, der Lehrer, auch mit den von ihm komponierten Hymnen animiert; eine Kirche, die fähig ist, den Forderungen des Kaisers Valentinian und seiner Mutter Justina zu widerstehen, die in deren ersten Tagen des Jahre 386 zurückgekehrt waren und die Beschlagnahmung einer Kirche für die Feiern der Arianer verlangten.

 In der Kirche, die beschlagnahmt werden sollte – so erzählt Augustinus -, verbrachte das gläubige Volk, zum Sterben bereit, mit seinem Bischof die Nacht. «Auch wir», und dieses Zeugnis der Bekenntnisse ist sehr wertvoll, denn es verweist darauf, dass im Inneren des Augustinus etwas geschah, «obwohl uns die Flamme deines Geistes noch nicht erfüllt hatte, nahmen Anteil; die ganze Stadt war bestürzt und aufgewühlt, und das erregte auch uns».[10]

Obgleich es Augustinus nicht gelungen war, mit dem Bischof Ambrosius so zu sprechen, wie er gewollt hätte, war er positiv beeindruckt von dessen Leben, dessen Geist des Gebets, dessen Nächstenliebe und der Tatsache, dass  Ambrosius ein Mann der Kirche war: Er sieht, dass Ambrosius engagiert ist in der Animation der Liturgien, er erfasst dessen mutigen Plan, eine einheitliche und reife Kirche aufzubauen.

Auf diese Weise findet Augustinus im Zeugnis des Bischofs Ambrosius eine echte «Schule der Ausbildung» und das Musterbeispiel eines Priesters und Hirten.[11]


Ein besonderer Aspekt der Forschung von G. Coppa wird dann von J. Janssens auf anregende Weise vertieft, und zwar das Thema der verecundia oder des  «würdigen Verhaltens» in De officiis [ministrorum] des heiligen Ambrosius.[12]

Ausgehend von einer umfassenden Konfrontation zwischen De officiis von Cicero und der gleichnamigen Abhandlung des Ambrosius, konzentriert sich Janssens in seiner Analyse auf das genannte Thema.

Denn sowohl Cicero als auch Augustinus betrachteten die verecundia als wesentlichen Bestandteil in der Ausbildung junger Menschen, seien sie Bürger oder Seminaristen. Laut Janssens ist der vom heiligen Augustinus der äußerlichen Anstand beigemessene Wert mit seiner Auffassung des christlichen Verhaltens in Beziehung zu bringen, das durch Wahrheit und Einfachheit gekennzeichnet ist. Wichtig ist es,  «von Innen heraus» ein echter und aufrichtiger  Mensch zu sein, was folglich zu einem würdigen und natürlichen Verhalten führt.

Die vom Mailänder Bischof vorgegebenen Regeln gelten nicht dem weltlichen Anschein, dessen Ziel es wäre, die echte innere Wirklichkeit zu verbergen, um die anderen zu täuschen: Im Gegenteil, sie tragen dazu bei, den inneren Reichtum einer Person voll an den Tag zu legen. Wenn Ambrosius aber ein gewisses Verhalten für seine Seminaristen festlegt, womit er die in patrizischen Kreisen zu Ciceros Zeit üblichen Verhaltensregeln übernimmt, so muss auch hinzugefügt werden, dass er sie als vom evangelischen Geist belebt versteht. Es ist die Seele, der Geist, die die Natur, das Wesen einer Verhaltensregel festlegen.

Der Anstand, von dem Cicero spricht und der die grundlegenden Tugenden der Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung und selbst die  sophrosyne der Griechen umfasst, enthalten, obwohl sie nicht die Grundlage der ambrosianischen Abhandlung bilden, infolge der biblischen Inspiration des heiligen Bischofs eine besondere geistliche Prägung, die die verecundia  zu einem wesentlichen Bestandteil der Ausbildung der Kleriker macht.[13]

 
 

3. Das Studium der Väter in der Presbyterausbildung

 
Auf den zweiten hier untersuchten Aspekt wollte die jüngste Instruktion der Kongregation für das katholische Bildungswesen über das Studium der Kirchenväter in der Priesterausbildung (IPC) eine genaue Antwort geben.

Das Dokument, das mit dem 10. November 1989, Fest des heiligen Leo d. Großen, datiert ist, wurde im Vatikanischen Pressessaal von Msgr. J. Saraiva Martins, dem Sekretär der Kongregation, vorgestellt. Der Text seiner Ansprache, der auch vom Präfekt Kard. W. Baum unterzeichnet ist, erläutert die grundlegenden Sorgen, die  der Fassung der IPC eine Ausrichtung waren, nämlich die Suche nach den Ursachen und Mitteln  gegen das «geringer Interesse» für die Kirchenväter, das scheinbar die postkonziliare Zeit  gekennzeichnet hat.

Es wird auf die Aporien einer gewissen Theologie angespielt, die sosehr auf die Dringlichkeiten der Gegenwart bezogen ist, dass sie aus den Augen verliert, wie wichtig es sich, sich auf die christliche Tradition zu berufen. Kritisiert wird auch ein auf die Kirchenväter bezogener Ansatz, der sich – weil er zu viel Vertrauen in die historisch-kritischen Methode setzt und wenig aufmerksam ist für die geistlichen und doktrinären Werte der patristischen Lehre -  schließlich als schädlich erweist oder sogar dem vollen Verständnis der antiken christlichen Schriftsteller feindlich gesinnt ist. Die größte Verantwortung trägt jedoch das «zeitgenössische, von den Naturwissenschaften, der Technologie und dem Pragmatismus beherrschte kulturelle Klima, in dem die in der Vergangenheit verwurzelte humanistische Kultur immer mehr an den Rand gestellt wird»: In vielen Fällen «scheint es, dass es heute an echter Sensibilität für die Werte der christlichen Antike, ebenso wie an einer angemessenen Kenntnis der klassischen Sprachen mangelt».

Alles in allem wird die Patristik  «durch die Spannungen zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Offensein und Verschlossensein, zwischen einer vorwiegend technologischen Welt und einer Welt beeinflusst, die immer noch an die geistlichen Werte des christlichen Humanismus glaubt».[14]

Und hier steht vieles auf dem Spiel: das «geringer Interesse» für die  Kirchenvätern könnte sogar das Symptom eines sträflichen Kompromisses zwischen der heutigen Theologie und einer vom Säkularismus und Technologismus entkräfteten Kultur sein.

Daher  kann die Reaktion des Theologen und Hirten – angesichts eine Dokuments, das direkt auf den Kernpunkt einer  unumgänglichen Debatte eingeht -  nur die aufmerksame und dankbare Hinnahme sein, wie die vor einem schon lange erhofften Geschenk: ein umso wertvolleres Geschenk, als es nicht nur seinen Empfängern große Freude schenkt, sie zur gleiche Zeit  aber auch verpflichtet, das empfangene  «Talent zu benutzen auszuschöpfen», - das heißt die lehramtliche Botschaft zu vertiefen, ihre Aspekt und Folgen zu erfassen und sie vor allem wirksam zu machen-.

     Wir sagen „vor allem“ , da sich das Gewicht des Dokuments in einigen abschließenden Vorschriften, die die Lehre der Patristik gewissermaßen revolutionieren, «nach Hinten verschiebt».

Zunächst muss das Studium der Kirchenväter auf den institutionellen theologischen Zyklus ausgedehnt werden «zumindest über drei Semester mit zwei Wochenstunden».[15] Im allgemeinen, wie Msgr. Saraiva Martins wiederum spricht,  «werden klare Anforderungen sowohl an die Schüler als auch die Professoren gestellt, für die ein spezifischer Vorbereitungskurs an spezialisierten Patristischen Instituten verlangt wird. Diesbezüglich erwähnen wir gerne zwei in Rom seinerzeit von Papst Paul VI. errichtete Institute: das Päpstliche Institut für Höheres Latein an der Päpstlichen Universität der Salesianer und das Patristische Institut “Augustinianum”, das der Päpstlichen Universität Lateranense angeschlossen ist. Beide Institute entfalten schon seit langem im Einklang mit ihren Zielen eine verdienstvolle wissenschaftliche und ausbildnerische Tätigkeit, die viel zur Erforschung und Verbreitung des patristischen Gedankenguts beigetragen hat und den Bischöfen und anderen Oberen der Kirche bei der getreuen Anwendung dieser Instruktion sehr hilfreich sein kann».[16]

An diesem Punkt konnten sich die Universität der Salesianer und das Päpstliche Institut für Höheres  Latein nicht der Aufgabe entziehen, einen originalen Studienbeitrag, verstanden zur Förderung der Rezeption  der IPC und ihrer Aspekte, zu leisten. Und eben aus dieser Überzeugung entstand ein gesammelter Kommentar zum lehramtlichen Text.[17]

Dieser Band umfasst acht von ebenso vielen Professoren der Theologischen Fakultät und des Instituts für Höheres Latein (Fakultät für christliche und klassische Philosophie und Philologie) der Salesianischen Universität unterzeichnete Beiträge.

Das Buch beginnt mit einer Betrachtung von E. dal Covolo über die Natur der patristischen Studien und ihre Ziele, als Kommentar zu Nummer 49-52 der IPC. Der Autor, der im Dokument «einen entscheidenden und maßgebenden Fortschritt in der Anerkennung und Definition der disziplinären und methodologischen Autonomie der patristischen Forschungen erkennt», schlägt einige zusätzliche Argumentationen zum untersuchten Text vor, um einen besser gegliederten und umfassenderen Dialog mit denen herzustellen, die sich der christlichen Antike widmen.[18]

Der nachfolgende Artikel von F. Bergamelli, der die Methode im Studium der Kirchenväter behandelt, setzt diesen Kommentar fort, indem er sich vor allem auf die Nummern 53-56 der IPC bezieht, aber  auch andere Hinweise analysiert, die das Dokument der selben Frage widmet. Der Verfasser verzichtet notwendigerweise auf eine erschöpfende Abhandlung über das epistemiologische Statut der patristischen Studien, bietet aber fruchtbare Perspektiven und Orientierungen zur Vertiefung der  Überlegungen zum Lehramt.[19]

Der gleiche analytisch-integrative Charakter wird von O. Pasquato in der neuerlichen Untersuchung der Beziehung zwischen patristischen Studien und historischen Lehrfächern  aufgegriffen, die in der IPC vor allem in Nummer 60 umrissen wird. Im ersten Teil des Beitrags wird ein zusammenfassender Überblick über die ganzheitliche Rolle der Geschichtswissenschaften gegenüber den patristischen Forschungen geboten; der zweite, eher analytisch geprägte Teil behandelt den besonderen Beitrag, den jeder historische Wissenszweig zum Studium der Patrologie leistet.[20]

Verglichen mit den ersten drei Artikeln, scheint man in den nachfolgenden Ausführungen  Betrachtungen zu wählen, die «am Rande» IPC oder «aus Anlass» dieser  angestellt werden, ohne eine direkte Verbindung mit dem Kommentar oder den jeweiligen Ergänzungen zu einigen ihrer Absätze zu schaffen.

In seinem Beitrag setzt sich A. Amato also mit einem tragende Problemkreis des Dokuments auseinander, nämlich dem des reziproken Dienens zwischen Studium der Kirchenväter und dogmatischer Theologie : Daraus resultiert lebhaft umrissen der globale Kontext, in den der jeweilige Beitrag des Lehramtes einzureihen ist.[21]

Auch R. Iacoangeli greift auf die gleiche Methodik zurück, indem er die klassische «humanitas» als  «praenuntia aurora» der Lehre der Väter definiert.  Seine Ausführungen sind ein leidenschaftlicher – von geeigneten Beispielen begleiteter – Aufruf zum Studium der klassischen Kultur und Sprachen, als unumgängliche Voraussetzung für einen fruchtbaren Ansatz an die patristische Botschaft.[22]

Selbst die Ausführungen über die  Bedeutung der philosophischen und literarischen Studien  werden in dem darauffolgenden Artikel von S. Felici fortgesetzt: Auch er erkennt in der sprachlichen und literarischen Kompetenz das  «technische» Instrument, um die Schriften der Väter zu entschlüsseln.[23]    

A.M. Triacca hingegen, der die Anwendung der patristischen «loci» in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils in Betracht zieht, erkennt einerseits in der lectura Patrum eine unersetzliche Hilfe für das  sentire cum Ecclesia, getreu der in der Stundenliturgie aufgenommenen Disziplin; andererseits sieht er in der Liturgie selbst einen vorzüglichen Schlüssel zum Verständnis und zur Aufnahme des Gedankenguts und der Spiritualität der Väter gemäß einer vom Lehramt des Konzils übernommenen und geteilten Instanz.[24]

M. Maritano schließlich umreißt die Situation der patristischen Studien im 19. Jahrhundert und bietet einen wertvollen bibliographische Führer, der sich – obwohl  er sich vorwiegend auf das vergangene Jahrhundert konzentriert, als neue historische und kulturelle Situationen die Wiederentdeckung der patristischen Tradition förderten – de facto auch in der heutige Zeit noch gilt. [25]

Und die letzten zwei Studien bilden den Abschluss des Bandes, wobei sie die Forschung wieder anregen wollen und den Forscher auffordern, die jüngste Lehre der Wissenschaft und Geschichte zu beherzigen.

Wir sind der Ansicht, dass diese acht Beiträge insgesamt eine einigermaßen gute Radiographie einiger der bedeutendsten Züge der IPC bieten können.

In dem Band wird jedoch nicht auf die Fragen der Entstehung des Dokuments eingegangen. Wir erwähnen nur kurz, dass seine «Inkubationszeit» eher lange dauerte, zumal da – wie Msgr. J. Saraiva Martins den Journalisten erklärte-[26]  «seit 1981 an der Abfassung dieser Instruktion gearbeitet wurde». Es ist nicht auszuschließen, dass «die bevorstehende Präsentation der Instruktion», die von der Synode September-Oktober 1990 vorgesehen wurde, dazu veranlasste, die endgültige Abfassung zu beschleunigen. So ist vielleicht einer der Gründe zu erklären, weshalb der anfänglichen «ausführlichen Beratung» keine ebenso allgemein geteilte Verifizierung bei der abschließenden Erarbeitung des Dokuments folgte.
 

Wenn wir zusammenfassend die von der IPC eröffneten Perspektiven betrachten, müssen wir in erster Linie anerkennen, dass das Dokument deutlich auf die Zukunft hingeordnet ist.

Die grundlegende Forderung des Dokuments nach einer erneuten Förderung  der patristischen Studien im Rahmen der Priesterausbildung hätte vielleicht über eine vollständigere und konsequentere doktrinäre Erarbeitung laufen können; die Reihe von  Argumentierungen hätte auf andere und einschneidende Dimensionen erweitert werden können, der interdisziplinäre Dialog hätte offener und umfassender sein können.

Das Diktat der Lehre, das besonders auf die abschließenden Vorschriften eingeht, verleiht der IPC einen charakteristischen dynamischen Zug.

Unter diesem Gesichtspunkt – so glauben wir – empfiehlt das Dokument den Hirten und Theologen eine operative Übereinstimmung und konsequente Entscheidungen, während es kritisch-integrativen Eingriffen seiner theoretischen Instrumente das Terrain offen lässt.

Dieser Perspektive folgt klar und deutlich der von uns vorgestellte Band.[27]
 

Am Rande der IPC  jedoch existiert ein anderer maßgebender Beitrag des Kard. P. Laghi, Nachfolger von W. Baum in der Leitung der Kongregation für das katholische Bildungswesen. Es handelt sich um einen Vortrag, den er am 31. Oktober 1991 anlässlich der wissenschaftlichen Veranstaltungen zur «Neuerlichen Lancierung» der Corona Patrum, der wertvollen turinischen Sammlung von patristischen Texten, an der Päpstlichen Universität der Salesianer gehalten hat.[28]

Eine Zusammenfassung der bedeutendsten Stellen ist an diesem Punkt angebracht.[29]

In erster Linie behauptet Krad. Laghi, dass die Instruktion , die zwar das Engagement zum Studium und zur Forschung in der Patristik ermutigt und unterstützt, auch über deren Grenzen hinausblickt und allgemeinere Ziele verfolgt. Denn sie ist nicht nur an die Patrologen, sondern an alle Theologen gerichtet und fordert diese auf, den zukünftigen Presbytern eine gesunde und möglichst komplette kulturelle Vorbereitung zu bieten: Und gerade die patristischen Studien, so bemerkt Kardinal Laghi, können den Priestern eine wertvolle Hilfe sein für die Realisierung der Synthese ihres theologischen Wissens.  

Auf dieses Weise lädt die IPC die Theologiestudenten in die Schule der Väter ein, eine Schule, deren Ziel immer das Wesentliche ist.  «Wie diesbezüglich Yves-Marie Congar spricht, ist die patristische Tradition “nicht eine trennende, sie ist hingegen Synthesis, Harmonisierung. Sie geht nicht von der Peripherie (vom Rande aus, indem sie da und dort einige Texte isoliert, im Gegenteil, sie arbeitet von Innen heraus, indem sie alle im Zentrum verbindet und die Einzelheiten je nach ihrer Bezugnahme auf das Wesentliche disponiert“. Die patristische Tradition „ist somit Erzeugerin der Totalität, Harmonie und Synthesis. Sie lebt und lässt vom dem ganzheitlichen Sinn des Plans Gottes leben, von dem ausgehend die Architektur dessen, was Irenäus System oder oikonomia  nennt, sich verteilt und zu verstehen ist"».[30]

Selbstverständlich werden sich die Theologiestudenten nicht nur mit einfachen Hinweisen der Patrologen zufrieden geben müssen, um sich eine derartige spirituelle Haltung und Gewohnheit  anzueignen, sondern sie müssen immer inniger vertraut werden mit den patristischen Werken. Wenn sie diesen Weg beschreiten, werden sie lernen,   den wesentlichen Kern der christlichen Theologie besser zu erfassen. Die Einheit des theologischen Wissens – wie jedes Wissens – ist ein sehr hochgestecktes Ziel, das viel Mühe verlangt und nur in der Erkenntnis der wahren Natur und Sendung der Theologie selbst erreicht werden kann.[31]  Sehr zweckmäßig wird in Nummer 6 der IPC ein berühmter Satz aus dem Brief zitiert, den Paul VI. 1975 an Kard. M. Pelelgrino anlässlich des 100. Todestages von J.-P. Migne schrieb. Unter anderem heißt es dort: «L'étude des Pères, d'une grande utilité pour tous, apparaît d'une impérieuse nécessité pour ceux qui ont à coeur le renouvellement théologique, pastoral et spirituel promu par le récent Concile, et qui veulent y coopérer».[32]

Doch es gibt noch einen anderen Grund, so setzt Kardinal Laghi fort, weshalb die Väter Meister in der Priesterausbildung sind. Denn sie, die zum Großteil erfahrene und voll dem Dienst gewidmete Bischöfe waren, bieten den Schülern ausgezeichnete Beispiele und Impulse für ihre Vorbereitung auf ihre Sendung als Hirten. Die pastorale Dimension, die vom II. Vatikanischen Konzil besonders stark hervorgehoben wird, ist ein Bestandteil der Ausbildung, dem heute große Wichtigkeit beigemessen wird und der bei den Priesterkandidaten Begeisterung erweckt. Diese Begeisterung verwandelt sich jedoch oft in ein einseitiges Aktivsein, arm an Motivierungen und theologischen Inhalten, das mit jenem sublimen pastoralen Ideal, das von den Kirchenvätern verkörpert wird, in Widerspruch steht. Die bekanntesten dem Priestertum gewidmeten patristischen Schriften, wie z.B. der Dialog über das Priestertum von Johannes Chrysostomos oder die Pastorale Regel von Gregor dem Großen, offenbaren das wahre Herz der Hirten, die einerseits auf alle spirituellen Bedürfnisse der Seelen eingehen, andererseits aber versuchen, diese zum hohen Grad der evangelischen Vollkommenheit zu erheben, aber auch die Schwierigkeiten und materiellen Bedürfnisse, in denen sie sich befinden, nicht vernachlässigen.

Um der Gefahr eine horizontal verlaufenden Vereinheitlichung zu entfliehen, muss der Priesterkandidat und jeder Priester von den Vätern lernen, dass sie in dieser Welt und nicht von dieser Welt sein sollen und wie sie dies erreichen können; dass und wie sie zutiefst menschlich und zur gleichen Zeit übernatürlich, echte Männer der Kirche sein sollen. Diese  grandiose Auffassung des Hirtendienste enthält die lebendigen Sorgen der Väter für die Einheit der Kirche (was wir heute als ökumenisches Problem bezeichnen würden); sie enthält die Anstrengungen für die Einbindung des Christentums in den griechisch-römischen Kulturbereich (das missionarische Problem der Inkulturation) sowie die unermüdliche Fürsorge, um das Schicksal der Unterdrückten und der Armen zu lindern (das soziale Problem).

Aus den oben genannten postoralen Leitlinien, so schließt Kard. Laghi, schimmert die christuszentrische Theologie der Väter durch, die ihren ganzen heiligen Dienst stützt und nährt. Daraus ergibt sich ein leuchtendes Beispiel für die Vorbereitung der zukünftigen Priester, die, um gute Seelenhirten zu werden, ihr Apostolat auf eine gesunde Theologie und ein tiefes geistliches Leben gründen müssen.[33]

 
Ich persönlich bin der Ansicht, dass die  IPC  zahlreiche und wohl begründete Hinweise zur neuen Förderung der patristischen Studien in der Priesterausbildung enthält.

 
Ich begnüge mich in diesem Hinblick mit einem ganz einfachen Hinweis, der jedoch ausreichend ist, um eine Vorstellung von der raschen Veränderung der Perspektiven in den letzten Jahren zu vermitteln.

Noch am Beginn der 50er-Jahre beklagte Kard. M. Pellegrino, dass in der Erforschung der patristischen Theologie «eine angemessene philologische Grundlage und eine solide historische Ausrichtung fehlten», an deren Stelle oft «ein bequemerer doktrinärer Schematismus» trat, «der oft eingegeben war von  Entwicklungen des theologischen Denkens“, das der Mentalität der Väter meist fremd war.[34]

M. Pellegrino erklärte auf diese Weise das «Unterworfen-sein» der Patristik gegenüber der Dogmatik, die die theologischen Curricula der 50er- und 60er-Jahre prägte. Das Studium der Kirchenväter in diesen Lehrgängen gewöhnlich kein eigenes Fach. Es wurde zwar eine mehr oder weniger umfassende Darstellung der patristischen Doktrinen gewährleistet, die aber immer abhängig war von den jeweils untersuchten dogmatischen Abhandlungen. So konnten die kirchlichen Schriftsteller dem Studenten nur sehr selten als wirkliche Personen erscheinen, eingebunden in ihren historisch-kulturellen Kontext. Es bestand die deutliche Gefahr einer gewissen „Vereinheitlichung“ der theologischen Reflexion und einer unpassenden Verabsolutierung des theologischen, von den dogmatischen Abhandlungen durchwobenen Modells: An dieses Modell – wie an ein „Prokustesbett“ – wurde die Lektüre der Väter angepasst. [35]

Angesichts eines solchen Kontextes, eröffnet die IPC – wie bereits erwähnt – eine Art «kopernikanische Revolution», wenn es stimmt, dass die Patristik dort unter den Hauptfächern des Ausbildungsgangs erwähnt wird, die getrennt, mit ihrer Methode und ihrem Stoff, «zumindest über drei Semester mit zwei Wochenstunden» unterrichtet werden solle.[36]

 
 

4. Vorläufige Schlussfolgerungen

 
Es ist klar, dass die verwendeten lehramtlichen Dokumente – vornehmlich  die IPC und PDV – die Kirchenväter als unersetzbare Meister in der intellektuellen, geistlichen und pastoralen Ausbildung der zukünftigen Priester betrachten.[37]

Ja, ich glaube, vor allem den Dienern der Kirche sollen die Worte vor Augen gehalten werden, mit denen Benedikt die Mönche zur Lektüre der heiligen Väter aufforderte, denn ihre Lehren – so erklärte er – können zum «höchsten Grad der Vollkommenheit» führen.[38]

 

[1]Quellenangaben, in der Reihenfolge der Absätze: 1) JOHANNES PAUL II., Pastores dabo vobis, «Acta Apostolicae Sedis» 84 (1992), S. 657-804 (in per Folge: PDV); E. DAL COVOLO-A.M. TRIACCA (curr.), Sacerdoti per la nuova evangelizza­zione. Studi sull'Esortazione apostolica «Pastores dabo vobis» von Johannes Paul II. (= Bibliothek d. Religionswissenschaften , 109), Rom 1994, S. 333-345; 2) S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale nella catechesi e nella testimonianza di vita dei Padri (= Bibliothek d. Religionswissenschaften, 98), Rom 1992; 3) KONGREGATION FÜR DAS KATH. BILDUNGSWESEN, Instructio de Patrum Ecclesiae studio in Sacerdotali Institutione, «Acta Apostolicae Sedis» 82 (1990), S. 607-636 (in per Folge: IPC); E. DAL COVOLO - A.M. TRIACCA, Lo studio dei Padri della Chiesa oggi (= Bibliothek d. Religionswissenschaften, 96), Rom 1991.

[2]Über den «Normencharkater» und damit die Gefahren der «Idealisierung» der antiken Kirche, s. R. FARINA, La Chiesa antica modello di riforma, «Salesianum» 38 (1976), S. 593-612; L. PERRONE, La via dei Padri. Indicazioni contemporanee per un «ressourcement» critico, in A. u. G. ALBERIGO (curr.), «Con tutte le tue forze». I nodi della fede cristiana oggi. Omaggio a Giuseppe Dossetti, Genua 1993, S. 81-122 (vor allem 94 ff.), und  E. DAL COVOLO, Raccogliere l'eredità dei Padri, «Rivista del clero italiano» 77 (1996), S. 57-63.

[3]Vgl. PDV 54, S. 753 f.

[4]Vgl. E. DAL COVOLO, La formazione sacerdotale nei Padri della Chiesa. Il XIII Convegno di catechesi patristica, «Salesia­num» 52 (1990), S. 703-715. Zum Argument - nach A. ORBE, Lo studio dei Padri della Chiesa nella formazione sacerdota­le, in R. LATOURELLE (cur.), Vaticano II: bilancio e prospettive venticinque anni dopo (1962-1987), Assisi 1987, S. 1366-1380 - siehe A.-G. HAMMAN, La formation du clergé latin dans les quatre premiers siècles, nun in ID., Études patristi­ques. Méthodologie - Liturgie - Histoire - Théologie (= Théologie historique, 85), Paris 1991, S. 279-290, und die umfassende bibliographische Auswahl von A. FAIVRE, Ordonner la fraternité. Pouvoir d'innover et retour à l'ordre dans l'Église ancienne (= Hi­stoire), Paris 1992, S. 455-511, und von S. LONGOSZ, De sacerdotio in antiquitate christiana bibliographia [in polnischer Sprache], «Vox Patrum» 13-15 (1993-1995), S. 499-555 (vgl. ibidem, S. 29-311, einige wichtige Beiträge zu unserem Thema).

[5]Vgl. S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale...

[6]Vgl. G. COPPA, Istanze formative e pastorali del presbitero nella vita e nelle opere di S. Ambrogio, in S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale..., S. 95-132.

[7]Ibidem, S. 131 f.

[8]Vgl. A. PINCHERLE, Ambrogio ed Agostino, «Augustinianum» 14 (1974), S. 385-407; G. BIFFI, Conversione di Agostino e vita di una Chiesa, in A. CAPRIOLI-L. VACCARO (curr.), Agostino e la conversione cristiana (= Augustiniana. Testi e Stu­di, 1), Palermo 1987, S. 23-34.

[9]AUGUSTINUS, Bekenntnisse 6,4, edd. M. SKUTELLA - H. JUERGENS - W. SCHAUB, BT, Stuttgart 1981, S. 102. Siehe auch Hl. AUGUSTINUS , Bekenntnisse, 2 (Bücher IV-VI), edd. M. SIMONETTI et alii, Fondazione Lorenzo Valla 1993, S. 94-99 (Kommentar, S. 252-255).

[10]AUGUSTINUS, Confessiones 9,7, edd. M. SKUTELLA et alii, S. 192.

[11]Über die Sorge um die Berufungen und das ideale Priesterbild des Augustinus, aus vieler Sicht dem des Ambrosius ähnlich, s. letztlich JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben «Augustinum Hipponensem», «Acta Apostolicae Sedis» 79 (1987), S. 164-167; G. CERIOTTI, La pastorale delle vocazioni in S. Agostino (= Quaerere Deum, 9), Palermo 1991; A.-G. HAMMAN, Saint Augustin et la formation du clergé en Afrique chrétienne, nun in ID., Études patristiques..., S. 269-278; P. LANGA, La ordinación sacerdotal de san Augustín, «Revista Augustiniana» 33 (1992), S. 133-143.

[12]Vgl. J. JANSSENS, La verecondia nel comportamento dei chierici secondo il "De officiis ministrorum" di Sant'Ambrogio, in S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale..., S. 133-143.

[13]Ibidem, S. 142 f.

[14]Vgl. «L'Osservatore Romano» 10.1.1990, S. 1.5.

[15]IPC 62, S. 634 f.

[16]«L'Osservatore...», S. 5.

[17]Vgl. E. DAL COVOLO-A.M. TRIACCA (curr.), Lo studio dei Padri della Chiesa.... Das Patristische Institut  Augu­stininum hat selbst folgenden Text veröffentlicht:  Lo studio dei Padri della Chiesa nella ricerca attuale, Rom 1991 (Auszug aus «Seminarium» n.s. 30 [1990], S. 327-578): für unsere Untersuchung ist besonders nützlich  C. CORSATO, L'insegnamento dei Padri della Chiesa nell'ambi­to delle discipline teologiche: una memoria feconda di futuro, ibidem, S. 460-485.

[18]Vgl. E. DAL COVOLO-A.M. TRIACCA (curr.), Lo studio dei Padri della Chiesa..., S. 7-17.

[19]Ibidem, S. 19-43.

[20]Ibidem, S. 45-88.

[21]Ibidem, S. 89-100.

[22]Ibidem, S. 101-131.

[23]Ibidem, S. 133-148.

[24]Ibidem, S. 149-183.

[25]Ibidem, S. 185-202.

[26]«L'Osservatore...», S. 5.

[27]Vgl. E. DAL COVOLO-A.M. TRIACCA (curr.), Lo studio dei Padri della Chiesa..., S. 3-6. Siehe auch die eingehende Rezension von G. CREMASCOLI in «La Civiltà Cattolica» 143 (1992) III, S. 448 f.

[28]Vgl. E. DAL COVOLO, Corona Patrum: recenti e prossime pubblicazioni nel progresso delle ricerche patristiche italiane, «Ricerche Teologiche» 1 (1990), S. 207-219; ID., La «Corona Patrum»: un contributo al progresso degli studi patristici in Italia, «Filosofia e Teologia» 6 (1992), S. 321-330; ID., I Padri della Chiesa e la cultura odierna. In margine a due convegni sugli studi patristici, «La rivista del clero italiano» 73 (1992), S. 221-231.

[29]Vgl. P. LAGHI, Riflessioni sulla formazione culturale del sacerdote in margine all'istruzione sullo studio dei Padri della Chie­sa, in E. DAL COVOLO (cur.), Per una cultura dell'Europa unita. Lo studio dei Padri della Chiesa oggi, Turin 1992, S. 77-86.

[30]Ibidem, S. 83 f.

[31]Ibidem, S. 84.

[32]PAUL VI., Lettera a Sua Eminenza il Cardinale Michele Pellegrino per il centenario della morte di J.P. Migne, «Acta Apo­stolicae Sedis» 67 (1975), S. 471.

[33]Vgl. P. LAGHI, Riflessioni sulla formazione culturale del sacerdote..., S. 86.

[34]Vgl. M. PELLEGRINO, Un cinquantennio di studi patristici in Italia, «La scuola cattolica» 80 (1952), S. 424-452 (neuveröffentlicht  in ID., Ricerche patristiche, 2, Torino 1982, S. 45-73). Siehe auch ID., Il posto dei Padri nell'insegnamento teologico, «Seminarium» 18 (1966), S. 894; E. DAL COVOLO, I Padri della Chiesa negli scritti del salesiano don Giuseppe Quadrio, «Ricerche storiche salesiane» 9 (1990), S. 443; ID., Fra letteratura cristiana antica e teologia: lo studio dei Padri, «Ricerche Teologiche» 2 (1991), S. 45-56; ID., Un'intervista al prof. Manlio Simonetti, ibidem, S. 139-144.

[35]Vgl. ID., I Padri della Chiesa..., S. 443.  M. PELLEGRINO, Un cinquantennio..., verwies unter den Symptomen einer schon aktuellen Erneuerung darauf hin, dass der Unterricht in Patrologie bereits um die 50er-Jahre als selbständiges Lehrfach in verschiedenen Seminaren eingeführt wurde. Laut A. MARRANZINI, La teologia italiana dal Vaticano I al Vaticano II, in Bilancio della teologia del XX secolo, 2. La teologia del XX secolo, Rom 1972, S. 104, «die Fortschritte der biblischen und patristischen Studien nach dem 2. Weltkrieg  sind in den dogmatischen Abhandlungen wiederzuerkennen, die meist noch in lateinischer Sprache abgefasst waren,  aber nur wenig von jenen aus der Vorkriegszeit abwichen». Marranzini identifiziert die Merkmale der Erneuerung mit der «besseren Kenntnis der Exegese, der Patristik und der historischen Methode» und «mit der größeren Sorge, den vitalen Wert der Dogmen hervortreten zu lassen und auf die Beziehung zwischen der ewigen christlichen Wahrheit und den spirituellen Einstellungen der Menschen hinzuweisen» (ibidem).

[36]Vgl. supra, Anm. 16 und Kontext.

[37]«Die Väter können durch den Reichtum ihres theologischen Gedankenguts, durch ihre tiefe Geistlichkeit und ihre pastorale Sensibilität auch in unserer Zeit zu einer soliden Ausbildung der zukünftigen Presbyter wirksam beitragen»: J. SARAIVA MAR­TINS, Lo studio dei Padri della Chiesa nella formazione sacerdotale, «L'Osservatore Romano» 13.6.1992, S. 5 (neuveröffentlicht in Vi darò pastori secondo il mio cuore... Testo e commenti [= Quaderni de «L'Osservatore Romano», 20], Vatikanstadt 1992, S. 302); vgl. ID., Gli studi teologici secondo gli orientamenti del Magistero. Loro funzione nella preparazione al presbite­rato, «Seminarium» n.s. 32 (1992), S. 330-345, wo «die Gründe aufgezeigt werden, die uns zum Studium und Unterrichten der Werke der Väter» in Der Priesterausbildung veranlassen (ibidem, S. 333); ID., I Padri della Chiesa nella ricerca teologica attuale, «Semina­rium» n.s. 33 (1993), S. 272-285. Siehe auch P. MELONI, Lo studio dei Padri della Chiesa nella formazione sacerdotale, in Theologica. Annali della Pontificia Facoltà Teologica della Sardegna, 2, Cagliari 1993, S. 85-94; C. DAGENS, Une certaine manière de faire de la théologie. De l'interêt des Pères de l'Église à l'aube du IIIe millénaire, «Nouvelle Revue Théologique» 117 (1995), S. 65-83.

[38]BENEDIKT, Regula 73,2, edd. A. DE VOGÜÉ-J. NEUFVILLE, SC 182, Paris 1972, S. 672.


(Quelle: http://www.annussacerdotalis.org/clerus/dati/2009-06/18-13/indicazioni_metodologiche_de.html)






ZWEITES KAPITEL
 

Die antiochenische Tradition: von Ignatius bis Johannes Chrysostomos[1]

 

1. Einführung


In diesem und dem nächsten Kapitel möchte ich einige  auf die Priesterausbildung bezogene patristische Dokumente behandeln.

Notgedrungen werde ich mich unter den vielen Beispielen[2] nur auf einige beschränken und in diesem Kapitel auf die «antiochenische Tradition» und im nächsten auf die «alexandrinische Tradition» eingehen.

Mit dieser Entscheidung will ich ein wenig Ordnung schaffen in meinen Ausführungen, was andererseits auch helfen soll, das Bild einer wie ein Monolith starren und kompakten “Theologie der Väter“ zu überwinden. In der Tat, die Vielfalt der antiken «Schulen» von Antiochien, Alexandrien, Edessa…sowie der jeweiligen historisch-kulturellen Wurzeln ist der Grund für unterschiedliche Stellungnahmen und verschiedene Formen von Sensibilität in den patristischen Texten.

Wohl bekannt sind die Ausrichtungen der antiken Traditionen von Antiochien und Alexandrien.

Auf der einen Seite haben wir Antiochien, das wahrscheinlich die deutlichsten Merkmal des sogenannten asiatischen «Materialismus» verkörpert, der in der Exegese das Wort  und in der Christologie das Menschsein des Sohnes in den Vordergrund stellt; Alexandrien hingegen scheint die zwei – jeweils komplementären – Aspekt der Allegorie in der Exegese und der Göttlichkeit des Wortes in der Christologie zu übernehmen.[3]

 

2. Aus den Briefen des Ignatius (+ 107)[4]

 
Verbreitet ist der Brauch, Lukian, den Lehrer des Arius, als Gründer der antiochenischen «Schule» zu erachten.

Aber schon Ignatius nimmt in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts einige charakteristische Züge, vor allem im deutlichen Realismus der Hinweise auf das Menschsein Christi, vorweg. Er «stammt wahrhaft aus dem Geschlecht Davids», so schreibt Ignatius an die Smyrnäer, «er ist wahrhaft aus einer Jungfrau geboren..., er wurde wahrhaft für uns im Fleisch angenagelt».[5]

Ignatius spricht von der Kirche mit dem selben Realismus. Im Besonderen spielt er mehrmals auf die kirchliche Hierarchie an, wenn er von den Bischöfen, Presbytern und Diakonen spricht.[6]

«Es ziemt sich für euch», schreibt er an die Epheser, «dem Willen des Bischofs entsprechend zu wandeln, wie ihr es auch tut. Denn euer ehrwürdiges Presbyterium, seines Gottes wert, ist so mit dem Bischof verbunden, wie die Saiten mit der Zither. Deshalb erklingt Jesu Christi Lied in eurer Eintracht und einmütigen Liebe. Aber auch die einzelnen sollen einen Chor bilden, damit ihr in Eintracht zusammenstimmet, in Einigkeit die Melodie Christi auffasset und mit einer Stimme dem Vater singet».[7] Und nachdem er den Smyrnäern empfohlen hatte, «in den Dingen, die die Kirche betreffen nichts ohne den Bischof zu tun»,[8] vertraut er Polykarp an: «Meine Seele setze ich daran für die, die dem Bischof, den Presbytern und den Diakonen untertan sind; möge es mir gegönnt sein, mit ihnen mein Teil zu bekommen bei Gott. Mühet euch miteinander, kämpfet, laufet, leidet, ruhet, wachet miteinander als Verwalter, Genossen und Diener Gottes. Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig. Eure Taufe bleibt als Rüstung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als volle Rüstung».[9]

 

In den Briefen des Ignatius ist eine Art ständige und fruchtbare Dialektik zwischen zwei kennzeichnenden Aspekten der christlichen Erfahrung herauszulesen: ohne Zweifel die hierarchische Struktur der kirchlichen Gemeinschaft, von der wir schon gesprochen haben, aber auch die grundlegende Einheit, die alle Christusgläubigen miteinander verbindet.

Folglich gibt es keine Möglichkeit zu einander widersprechenden Rollen.[10]  Im Gegenteil, die Tatsache, dass er auf der Gemeinschaft und Gegenseitigkeit der Gläubigen besteht, die immer wieder durch Bilder und Analogien (die Zither, die Saiten, das Anstimmen, der Chor…) dargestellt werden, mag der bewusste Widerhall der gemeinsamen Identität der Gläubigen sein, seien sie geweihte Diener oder nicht.

Andererseits geht deutlich hervor, dass die Diakone, die Presbyter und die Bischöfe für die Erbauung der Gemeinschaft verantwortlich sind.[11]

Vor allem ihnen gilt die Aufforderung zur Liebe und Einheit: «Ihr sollt eins sein», schreibt Ignatius an die Magnesier, indem er auf das Gebet Jesu beim letzte Abendmahl zurückgreift: «Ein Bitte, ein Sinn, eine Hoffnung in Liebe…Kommet alle zusammen wie in einen Tempel Gottes, wie zu einem Altar, zu dem einen Jesus Christus, welcher von einem Vater ausging und bei dem einen blieb und zu ihm zurückgekehrt ist».[12]

Ignatius erklärt nicht die ausbildnerischen Aspekte, die sich auf die heiligen Diener beziehen, deswegen aber nicht weniger deutlich sind. Man nehme zum Beispiel die Stelle aus dem Brief an die Tallianer, wo der Bischof, auf die Lehre der Apostelgeschichte 6 (Ordination der ersten Diakone) zurückgreifend, offen erklärt: «Es ist nötig, dass die Diakonen, welche die Geheimnisse Jesu Christi verwalten, auf jede Weise allen angenehm seien. Denn sie sind nicht (einfache) Diener für Speise und Trank, sondern Gehilfen (huper­étai: wörtlich "Ruderer") der Kirche Gottes. Daher müssen sie sich vor Anschuldigen hüten wir vor Feuer».[13]

Diese Stelle des Ignatius kann auf nützliche Weise mit dem Identikit des Diakons verglichen werden, das sich aus der Erzählung der Apostelgeschichte ergibt.

Die Diakone, so heißt es dort, sind Männer «von gutem Ruf», oder besser «Leute von nachgewiesenem Zeugnis, Geist und Weisheit» (martyrouménoi: Apg 6,3). Wie wir sehen, ist das dort verwendete Wort an den Terminus «Märtyrer» gebunden. Wir könnten also sagen, der Diakon muss in jedem Falle ein «Märtyrer» sein, in dem Sinn, dass er niemals auf das Zeugnis seines Diakonats verzichten kann, selbst zum Preis – wenn nötig – des eigenen Lebens. In diesem Sinne erklärt Ignatius, dass die Diakone Diener der Kirche und Gottes sind.

An zweiter Stelle muss der Diakon, laut der Apostelgeschichte  «von Geist und Weisheit » sein (6,3). Sie ist die Weisheit, die von Gott kommt: die «Weisheit des Geistes», die eine tiefe Innigkeit mit dem Herrn verlangt. Der Dienst der Liebe – der sogenannte «Dienst an den Tafeln», zu dem die Diakone bestimmt sind – setzt daher auch voraus, das in ihrem Leben der geistlichen Dimension der Vorrang eingeräumt wird.

Um zu den Worten des Ignatius zurückzukehren, die Diakone wirken nicht einfach als Verteiler von Speise und Trank, sondern stehen im Dienst der Geheimnisse Jesu Christi. Wenn ein Diener sich nicht in der Beschauung der heiligen Geheimnisse Christi bildet und zur «wahrhaften Einheit» mit ihm gelangt, kann er den echten Dienst der Liebe nicht ausüben und die Kirche Gottes  «nicht verwalten».  

 

3. Johannes Chrysostomos (+ 407)[14]

 
Ich komme nun zu einem anderen antiochenischen Vater, der auf mystische Weise  in das

 Priestertum verliebt war.

Bevor ich jede andere Betrachtung anstelle, möchte ich diesen Hirten bei seinem Wirken, «auf dem Gipfel» seines Dienstes überrascht, vorstellen.

Ich beziehe mich auf die berühmten Homilien auf das Evangelium nach Matthäus und die Art und Weise, wie sich Chrystostomos  als Hirte mit den brennenden Problemen, nämlich dem Reichtum und der Armut in der christlichen Gemeinschaft von Antiochien, auseinandersetzte.

Die Homilien des Chrysostotmos (etwa 350-407) Über das Evangelium nach Matthäus sind für uns der älteste vollständige Kommentar zum ersten Evangelium. Sie stellen gleichermaßen ein bedeutendes Zeugnis jener homilitischen Tätigkeit dar, die Chrysostomos die höchste Anerkennung unter den kirchlichen Rednern gewährleistet hätte. Sie gehen auf die Jahre zwischen 386 und 397 zurück – nämlich die Zeit zwischen der Priesterweihe in Antiochien und der Wahl zum Patriarchen der Kathedrale von Konstantinopel -, als Chrysostomos mit verschiedenen Predigten in den wichtigsten antiochenischen Kirchen beauftragt wurde. Diese Aufgaben sagten Johannes besonders zu, der sich nach seiner Erfahrung als Mönch und Eremit infolge einer unwiderstehlichen pastoralen Berufung,[15] dem Priestertum widmete und vor allem durch das Predigen der Schriften diese Berufung realisieren wollte: Dementsprechend waren seine Predigten und seine Exegese – die den grundlegenden Vorgaben  der «antiochenischen Schule» treu waren – besonders empfindlich für die konkreten Bedingungen, die Probleme und auch materiellen Erfordernisse der Adressaten.

Im besonderen wird Chrysostomos – im Antiochien der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, als ungeheure soziale und wirtschaftliche Missverhältnisse infolge der Kriege, der Latifundien, des Kapitalismus, des ungerechten Steuersystems bestanden... -  ständig angeregt, sich mit den vielfältigen,  durch das Zusammenleben von Reichen und Armen innerhalb der Gemeinschaft aufgeworfenen Problemen auseinanderzusetzen:[16] Man bedenke, dass dieses Thema alleine in den Homilien Über das Evangelium nach Matthäus nicht weniger als hundert Mal erwähnt wird!
 

Nun wollen wir «den Hirten auf der Höhe seines Wirkens» und einige Stellen aus der fünfzigsten Homilie Über das Evangelium nach Matthäus lesen.[17]

Insgesamt kommentiert er in dieser Homilie die abschließende Perikope von Matthäus 14: Doch der letzte Vers des Kapitels – in welchem zu lesen ist, dass die Leute von Gennesaret Jesus ihre Kranken brache  «und ihn baten, er möge sie wenigsten den Saum seines Gewandes berühren lassen» (Matthäus 14,36) – erlaubt es Chrysostomos, sich  im Wesentlichen und vorwiegend auf eine eigenständige Paränese zu konzentrieren, die alleine die zweite Hälfte der Homilie einnimmt.

Diese Ausgestaltung ist durch den Kontext der eucharistischen Liturgie gerechtfertigt, in den die Homilie eingebunden wird: “«Berühren auch wir den Saum seines Gewandes», fordert Chrysostomos auf; «im Gegenteil, wenn wir wollen, haben wir den ganzen Christus für uns. Denn sein Leib ist jetzt und hier vor uns». Und weiter: «Glaubet also, dass es auch jetzt noch das gleiche Mahl ist, an dem er selber zugegen war».[18]

Nach Ansicht des Chrysostomos befrag diese Glaubensgewissheit entschlossen die Verantwortlichkeit der Gläubigen, denn die Teilnahme am Mahl des Herrn lässt keine folgewidriges Handeln zu: «Keinen Judas möge diesem Tisch sich nahen!», ruft der Homilet aus. Und es ist kein Maßstab der Würde, wenn man mit goldenen Gefäßen an den Tisch tritt: «Jener Tisch war ja damals auch nicht aus Silber und der Kelch nicht aus Gold, aus dem Christus seinen Jüngern sein eigenes Blut reichte... Willst du also Christi Leib ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn du ihn nackt siehst; ehre ihn nicht hier mit seidenen Gewändern, während du dich draußen auf der Straße nicht um ihn kümmerst, wo er vor Kälte und Blöße zugrunde geht. Derselbe, der da gesagt hat: „Dies ist mein Leib“, und derselbe hat auch gesagt: „Ihr habt mich hungern gesehen, und habt mich nicht genährt, und: Was ihr einem von diesen Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan“. Lernen wir also, weise zu sein, und Christus so zu ehren, wie er  geehrt sein will. So verwende deinen Reichtum für die Armen. Gott braucht keine goldenen Kelche, sondern goldene Seelen. Was nützt es dem Herrn, wenn sein Tisch voll ist von goldenen Kelchen, er selber dagegen vor Hunger stirbt? Stille zuerst seinen Hunger, dann magst du auch seinen Tisch schmücken, soviel du kannst!».[19]

 Diese hier erwähnten Zitate sind hinreichend, um zu beweisen, dass sich Christus ganz mit dem Armen und Bedürftigen identifiziert. Chrysostomos weiß sehr wohl, dass ohne jede weitere Erklärung, dieser Grundsatz gilt: Wer den Armen dient, der dient Christus, wer den Armen abweist, weist Christus ab. Und darüber  werden wir gerichtet werden (Matthäus  25, 31-46).  Chrysostomos ist sich aber irgendwie bewusst, dass diese Nächstenliebe – um wahrhaft jener Jesu gleich zu sein – sich an der Gemeinschaft mit Gott, an seiner Liebe zu uns nähren muss.

In seiner Predigt unterstreicht der Bischof eindringlich die innige Beziehung, die zwischen dem Gebot der Liebe und dem Leben Gottes  besteht. Der echte Zeuge der Liebe muss wie der Apostel Johannes sagen können: «Was wir mit unseren Augen gesehen haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens!» (1 Johannes 1-4).

Mit anderen Worten, die Gläubige, und umso mehr die geweihten Diener, müssen,  um in echter Liebe zu wachsen, Jesus kennen , in innige Gemeinsamkeit mit ihm treten.[20]

Und wieder kehren wir hier auf die «betrachtende Dimension» des Presbyters und die Qualität seiner Begegnung mit dem Herrn im Wort und in den Sakramenten zurück.
 

In dieser Sicht kann auch der berühmte Dialog mit Basilius gedeutet werden, der um etwa 390 geschrieben wurde,[21]  in dem Johannes Chrysostomos vom “Beispiel” und vom “Wort” als Heilmittel des Presbyters spricht: «Diejenigen, die die Körper der Menschen behandeln», so schreibt er, «verfügen über eine Menge Heilmittel... Was uns angeht, gibt es, abgesehen vom Beispiel, kein anderes Mittel, keine andere Methode zur Heilung, als die der Lehre, die mit dem Wort verwirklicht wird». [22]

Im demselben Dialog  spricht Chrysostomos  vom Priestertum wie von «einem Leben aus Mut und Hingabe», denn der Dienst des (wahren) Hirten kennt die engen Grenzen des persönlichen Nutzen nicht, sondern gereicht der ganzen Herde.[23]

Für Chrysostomos ist die Sorge um die Herde das  «Zeichen der Liebe », der konkrete Beweis, dass der Diener den Herrn wirklich liebt: «Wenn du mich liebst, weide meine Schafe…».

Bei dieser Gelegenheit, so bemerkt Chrysostomos, fragt der Meister den Jünger, ob er ihn liebte, nicht um es selbst zu wissen: Weshalb hätte er es tun sollen, er, der das Herz aller erforscht und kennt? Noch  «wollte er uns beweisen, wie sehr Petrus ihn liebte: Das war uns schon aus vielen anderen Tatsachen bekannt; aber er wollte beweisen, wie sehr er (der Herr) seine Kirche liebt, und er wollte Petrus und uns allen lehren, mit welcher Sorge wir uns in diesem Werk ergehen müssten».[24]  

Gerade darin liegt der unüberwindbare Unterschied zwischen dem «Tagelöhner» und dem «Hirten»: «Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe» (Johannes  10,11).

 
 

4. Vorläufige Schlussfolgerungen

 
Man hat den Eindruck, dass sowohl Ignatius als auch Johannes eher die Identität und Sendung des Presbyters, als seinen Ausbildungsweg in den Vordergrund stellen. In der Mehrheit der Fälle jedoch sind die Elemente der Ausbildung stillschweigend inbegriffen.

Bei beiden Vätern konnten wir aber feststellen, dass sie die  Einheit des Presbyters mit Christus als unerlässlich hervorheben.

Darüber hinaus sind für beide Antiochener  die vollkommene Einheit mit Christus und die totale Hingabe an die Herde nicht einfach Merkmale, die den Presbyter kennzeichnen (auf welche folglich jeder Weg der Priesterausbildung ständig hingeordnet sein muss). Sie bilden eine einzige Wirklichkeit. Sie sind wie zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die eine macht die andere wahr, und es sollte keinen Priester geben, der das eine Merkmal ohne die andere besitzt. Für den Presbyter ist die totale Hingabe an die Herde das Zeichen seiner Einheit mit Christus; denn die volle Hingabe an die Herde verpflichtet ihn, ständig «zu Jesus Christus als einzigen Tempel Gottes, als einzigen Altar hinzustreben».

Schließlich fordert der «Realismus» der antiochenischen Väter den Presbyter auf, eine schrittweise Synthese zwischen Angleichung an Christus ( Vereinigung mit ihm, Leben in ihm) und pastoraler Hingabe (Mission, Dienst an  Kirche und  Welt) zu finden, dahingehend, dass eine Dimension durch die andere spricht, und die Diener nicht nur «einfache Verteiler», sondern «echte Zeugen» der Geheimnisse Christi und seiner Kirche seien.

 

[1]Grundlegende Bibliographie: L. PADOVESE, I sacerdoti dei primi secoli. Testimonianze dei Padri sui ministeri ordinati, Casale Monferrato 1992; F. RODERO, El sacerdocio en los Padres de la Iglesia. Grandeza, Pequeñez y Ascesis. Antología de Textos, Madrid 1993; G. HAMMANN, L'amour retrouvé. La diaconie chrétienne et le ministère de diacre du christianisme primitif aux réformateurs protestants du XVIe siècle (= Histoire), Paris 1994.

[2]Eine Liste Der wichtigsten patristischen Texte zur Heiligkeit, zu der der Presbyter gerufen ist, finden wir beispielsweise bei A. TRAPÉ, Il sacerdote uomo di Dio al servizio della Chiesa. Considerazioni patristiche (= Collana Studi Agostiniani, 1), Rom 19852, S. 41-42.

[3]Zur Vertiefung der Fragen vgl. E. DAL COVOLO (cur.), Storia della teologia, 1. Dalle origini a Bernardo di Chiaravalle, Bologna-Rom 1995, S. 181-203 («Esegesi biblica e teologia tra Alessandria e Antiochia») imd S. 520, Anm. 11. Vor allem zur «antiochenischen Theologie» vgl. D.S. WALLACE-HADRILL, Christian Antioch. A study of Early Christian Thought in the East, Cambridge 1982; S. ZINCONE, Studi sulla visione dell'uomo in ambito antiocheno (Diodoro, Crisosto­mo, Teodoro, Teodoreto) (= Quaderni di studi e materiali di storia delle religioni, 1), L'Aquila-Rom 1988.

[4]Eine wertvolle Einführung zu Ignatius ist die von F. BERGAMELLI in G. BOSIO - E. DAL COVOLO - M. MARITANO, Intro­duzione ai Padri della Chiesa. Secoli I e II (= Strumenti della Corona Patrum, 1), Torino 19953, S. 88-106 (mit Quellenangaben). Für das von uns behandelte Argument siehe ebenso C. RIGGI, Il sacerdozio ministeriale nel pensiero di Ignazio di Antiochia, in S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale..., S. 39-57; M. SIMONETTI, Presbiteri e vescovi nella chiesa del I e II secolo, «Vetera Christianorum» 33 (1996), S. 115-132.

[5]IGNATIUS, Smyrnäer 1,1, ed. P.T. CAMELOT, SC 10, Paris 19694, S. 132.

[6]Auch J. COLSON, Ministre de Jésus-Christ ou le sacerdoce de l'Évangile. Étude sur la condition sacerdotale des ministres chrétiens dans l'Église primitive (= Théologie historique, 4), Paris 1966 – der auch «dans le Corpus ignacien la tendance à "spiritualiser" les valeurs cultuelles et sacerdotales» sieht (ibidem, S. 332) -, muss anerkennen, dass sich der christliche Kult wirklich  «dans une société, dirigée par une hiérarchie fortement constituée, qui en est l'organisme visible» verkörpert (ibidem, S. 334).

[7]ID., Epheser 4,1-2, S. 60.

[8]ID., Smyrnäer 8,1, S. 138.

[9]ID., Polykarp 6,1-2, S. 150-152.

[10]Vgl. E. DAL COVOLO, Sacerdozio ministeriale e sacerdozio comune. La rilettura patristica di 1 Petri 2,9 nell'attuale dibatti­to sulle origini della distinzione gerarchica, in S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale..., S. 255-266.

[11]Vgl. E. DAL COVOLO, Ministeri e missione alle origini della Chiesa, in E. DAL COVOLO-A.M. TRIACCA (curr.), La mis­sione del Redentore. Studi sull'Enciclica missionaria di Giovanni Paolo II, Leumann (Torino) 1992, S. 123-136.

[12]IGNATIUS, Magnesier 7,1-2, S. 84-86.

[13]ID., Trallianer 2,3, S. 96.

[14]Eine gute Einführung zu Chrysostomos, vgl. O. PASQUATO in G. BOSIO - E. DAL COVOLO - M. MARITANO, Intro­duzione ai Padri della Chiesa. Secoli III e IV (= Strumenti della Corona Patrum, 3), Torino 19952, S. 390-435 (mit Quellenangaben).

[15]Vgl. O. PASQUATO, Ideale sacerdotale e formazione al sacerdozio del giovane Crisostomo: evoluzione o continuità?, in S. FELICI (cur.), La formazione al sacerdozio ministeriale..., S. 59-93.

[16]Vgl. S. ZINCONE, Ricchezza e povertà nelle omelie di Giovanni Crisostomo, L'Aquila 1973, und jetzt A. OLIVAR, I poveri alle porte delle chiese nella predicazione del IV secolo, in E. MANICARDI - F. RUGGIERO (curr.), Liturgia ed evangelizzazione nell'epoca dei Padri e nella Chiesa del Vaticano II. Studi in onore di Enzo Lodi, Bologna 1996, S. 219-235.

[17]Vgl. E. DAL COVOLO, I Padri della Chiesa e la Sollicitudo Rei Socialis, in M. TOSO (cur.), Solidarietà. Nuovo nome della pace. Studi sull'Enciclica Sollicitudo Rei Socialis di Giovanni Paolo II, Leumann (Torino) 1988, S. 15-27.

[18]JOHANNES CHRYSOSTOMOS, Über das Evangelium nach Matthäus 50,2-3, PG 58, c. 507.

[19]Ibidem 50,3-4, PG 58, cc. 508-509.

[20]Siehe z.B. auch die vierzigste Homilie Über das Evangelium nach Johannes: «Um ein Leib zu werden, nicht nur für die Liebe, sondern auch die Wirklichkeit, müssen wir mit seinem Fleisch Eins werden; und dies geschieht durch die Speise, die er uns als Zeichen seiner großen Liebe zu uns gegeben hat. Er hat uns so sehr durchdrungen, dass er gerade deshalb nur ein Leib ist; damit wir Eins mit ihm seien, so wie der mit dem Haupt vereinte Körper, Eins ist. Das ist das Zeichen der größten Liebe» (ID., Über das Evangelium nach Johannes 46,3, PG 59, c. 260).

[21]Siehe z.B. JOHANNES CHRYSOSTOMOS, Dialogo sul sacerdozio von G. Falbo (= Schon in Pocketausgabe, 33), Mailand 1978; F. MARINELLI, La carta del prete. Guida alla lettura del «Dialogo sul sacerdozio» des Heiligen Johannes Chrysostomos, Rom 1986; und vor allem  M. LOCHBRUNNER, Über das Priestertum. Historische und systematische Untersuchung zum Priesterbild des Johannes Chrysostomus (= Hereditas. Studien zur Alten Kirchengeschichte, 5), Bonn 1993.

[22]JOHANNES CHRYSOSTOMOS, Über das Priestertum 4,3,5-13, ed. A.M. MALINGREY, SC 272, Paris 1980, S. 248-250.

[23]Ibidem 2,4,51-64, S. 116-118: Es wird vor allem auf die Redewendung ghennáia psyché in der semantischen Bedeutung hingewiesen,  die das Adjektiv im christlichen Wortschatz und vor allem bei Chrysostomos übernimmt (vgl. ibidem, S. 117, Anm. 3).

[24]Ibidem 2,1,35-40, S. 102.


(Quelle: http://www.annussacerdotalis.org/clerus/dati/2009-06/18-13/La_tradizione_antiochena_de.html)




 

DRITTES KAPITEL

 
Die alexandrinische Tradition: Origenes[1]

 

1. Einführung

 
Wir setzen unsere Präsentation und unseren Kommentar zu einigen patristischen Texten fort, die von der Priesterausbildung sprechen. Ich nehme nun auf die sogenannte  «alexandrinische Tradition» Bezug.

Alexandrien scheint – wie bereits erwähnt – zwei zusätzliche Aspekte zur antiochenischen Tradition zu verkörpern, nämliche die Allegorie in der Exegese und die Valorisierung der Göttlichkeit des Wortes in der Christologie. Allgemeiner gesagt,  Alexandrien ist weit entfernt von dem sogenannten asiatischen «Materialismus», von dem im zweiten Kapitel gesprochen wurde: Dies ist auch in der  Ekklesiologie, vor allem in der Auffassung des geweihten Dienstes zu erkennen.[2]

In der Darlegung der alexandrinischen Orientierungen zum Thema der Priesterausbildung beschränke ich mich nur auf ein Beispiel, das in höchster Weise bezeichnend ist: Ich spreche von Origenes, vor allem seinen Homilien zum Buch Levitikus , die er in Cesarea von Palästina zwischen 239 und 242 gesprochen hatte. Die schwere Krise, die – aufgrund der Priesterweihe, die ihm um 231 von den Bischöfen von Cesarea und Jerusalem ohne Wissen des Bischofs von Alexandrien erteilt wurde – zu Gegensätzen zwischen Origenes und seinem Ordinarius Demetrius führten, liegt schon einige Jahre zurück. Die Krise wurde nicht beigelegt und war der Grund zur Versetzung des Origenes nach Cesarea.

 
Erbe der alexandrinische Tradition im Abendland – vor allem im exegetischen Bereich – ist Ambrosius, der Bischof von Mailand. (+ 397).[3] Über Ambrosius und Augustinus, seinen «Schüler», haben wir bereits im ersten Kapitel gesprochen. Zur Ergänzung dieser Ausführungen verweise auch auf den oben zitierten Bericht von Pater Janssens über die verecundia (oder «würdiges Verhalten») der Kleriker, von der Ambrosius in seiner Abhandlung De officiis [ministrorum]spricht.[4]


 

2. Origenes (+ 254)[5]

 
In erster Linie muss zugeben werden, dass es für Origenes, als echten Alexandriner, wichtiger ist, die Kirche in ihrem geistlichen Aspekt als mystischen Leib Christi, und nicht in ihrer Sichtbarkeit zu betrachten.

Origenes schenkt sein Augenmerk also mehr der  sogenannten «Hierarchie der Heiligkeit», gesehen als der jeden Christen vorgeschlagene, unablässige Weg der Vollkommenheit, als der   «sichtbaren Hierarchie».

Demzufolge spricht der Alexandriner häufiger vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen und seinen Eigenarten, als vom hierarchischen Priestertum.[6]

Wenn wir den Ausführungen des Origenes über das eine und andere Argument folgen, wird es keinesfalls schwierig sein, daraus einige Hinweise über den Weg der Ausbildung der Presbyter abzuleiten.

 

2.1. Das Priestertum der Gläubigen und die Bedingungen für dessen Ausübung
 

Eine lange Reihe von  Texten des Origenes will die für die Ausübung des allgemeinen Priestertums verlangten Voraussetzungen erläutern.

In der neunten Homilie zum Buch Levitikus warnt Origines – indem er sich darauf bezieht, dass Aaron nach dem Tod seiner beiden Söhne verboten wurde, das  sancta sanctorum (das Heiligtum) «zu jeder beliebigen Zeit» zu betreten (Levitikus 16,2) - : «Damit wird bewiesen, dass, wenn einer zu jeder beliebigen Zeit, ohne die gebotenen Vorbereitungen, ohne die priesterliche Gewänder zu tragen, ohne die vorgeschrieben Opfergaben vorbereitet zu haben und sich Gott gewogen gemacht zu haben, das Heiligtum betritt, er  sterben wird [...]. Dies Sache betrifft uns alle: Es wird nämlich angeordnet, dass wir wissen, wie wir zum Altar Gottes treten sollen. Oder weißt du nicht, dass auch dir, das heißt der ganzen Kirche Gottes und dem Volk der Gläubigen das Priestertum übertragen worden ist? Höre, wie Petrus von den Gläubigen spricht: “Auserwähltes Geschlecht - königliches, priesterliches Geschlecht”, sagt er, „heiliger Stamm, Volk, das Gottes besonderes Eigentum wurde". Du also hast das Priestertum, weil du „priesterliches Geschlecht“ bist, und deshalb musst du Gott das Opfer darbringen, das Opfer des Gebets, das Opfer der Barmherzigkeit, das Opfer der Reinheit, das Opfer der Gerechtigkeit, das Opfer der Heiligkeit darbringen. Damit du es aber würdig darbringen kannst, brauchst du ein reines Gewand, die sich von den gewöhnlichen Gewändern der anderen Menschen unterscheiden, und du brauchst das das göttliche Feuer – nicht ein Gott fremdes Feuer, sondern das Feuer, das den Menschen von Gott gegeben wird -, von dem der Sohn Gottes spricht: “Ich bin gekommen, um das Feuer auf die Erde zu senden».[7]

Auch in der vierten Homilie, in der Origines die levitischen Regeln, gemäß der das Feuer für das Brandopfer auf dem Altar brennen bleiben soll (Levitikus 6,8-13), zum Anlass nimmt, wendet er sich mit diesen Worten an seine Gläubigen:  «Höre: Das Feuer muss immer auf dem Altar bleiben: Und auch du, wenn du Priester Gottes sein willst – wie geschrieben steht: „Ihr alle werdet Priester des Herrn sein“, und dir wird gesagt werden: „Auserwähltes Geschlechte, königliches Priestertum, Volk, das Gottes Eigentum wurde“ -; wenn du das Priesteramt deiner Seele ausüben willst, lass niemals das Feuer auf deinem Altar erlöschen».[8]

Wie wir sehen, deutet der Alexandriner auf die inneren Bedingungen hin, die den Gläubigen mehr oder weniger der Ausübung seines Priesteramtes würdig machen. Denn mit diesen Worten setzt diese Homilie fort: «Das bedeutet das, was der Herr in den Evangelien befiehlt, dass “eure Flanken geschürzt seien und eure Lampe brennen“. Für dich also brenne immer das Feuer des Glaubens und die Lampe der Weisheit».[9]

Schließlich nehmen einerseits die «geschürzten Flanken»[10] und die  «priesterlichen Gewänder», das heißt die Reinheit und Rechtschaffenheit des Lebens, und andererseits die «stets brennende Lampe», nämlich der Glaube und das Wissen um die Schriften, Gestalt an als die  unverzichtbaren Bedingungen für die Ausübung des universalen Priestertums.

Umso unerlässlicher sind sie natürlich für die Ausübung des Amtspriestertums: Ja, wir könnten sagen, dass sie im Gedankengut des Origenes die «Meilensteine» der Ausbildung zum Presbyter sind. Darauf werden wir jedoch in den Schlussfolgerungen zurückkommen.

 

2.2. Priestertum der Gläubigen und Aufnahme des Wortes
 

Mehr als auf den «geschürzten Flanken», besteht Origenes auf der «brennenden Lampe», nämlich der Aufnahme und dem Studium des Gotteswortes.

«Jericho bricht unter den Widderhörnern der Priester zusammen», so beginnt der Alexandriner die siebente Homilie über das Buch Josua; und kurz danach folgt sein Kommentar: «Du hast dank des Glaubens Josua[= Jesus] als Führer  in dir. Wenn du Priester bist, baue dir „metallene Hörner“ (tubae ductiles); oder besser, weil du Priester bist – und du bist “königliche Sippe”, und von dir wird gesagt, dass die “heiliges Priestertum” bist -, baue dir “metallene Hörner” aus den heiligen Schriften, ihnen entnehme (duc) die wahre Bedeutung, ihnen entnehme deine Worte; gerade deswegen werden sie tubae ductiles genannt. Mit ihnen sollst du singen, singen mit den Psalmen, den Hymnen und heiligen Gesängen, sollst du singen mit den Symbolen der Propheten, mit den Geheimnissen des Gesetztes, mit der Lehre der Apostel».[11]

Laut der dritten Homilie über das Buch Genesis muss das “auserwählte Volk, das Gottes Eigentum geworden ist»  die Beschneidung des Gotteswortes in sich aufnehmen: «Ihr, das Gottesvolk», so spricht Origenes, «"das Volk, das auserwählt wurde, um von den Tugenden des Herrn zu erzählen“, nehmt die würdige Beschneidung des Gotteswortes in eure Ohren und eure Lippen und euer Herz und auf dem Präputium eures Fleisches auf und allgemeinen in allen euren Gliedern».[12]

«Du, Volk Gottes», fügt Origenes in einem anderen Zusammenhang hinzu, «bist gerufen, das Wort Gottes zu hören, nicht als plebs, sondern als rex. Denn dir wird ja gesagt: „königliches und priesterliches Geschlecht, Volk, das Gott auserwählt hat"».[13]

Die Aufnahme der heiligen Schriften ist entscheidend für das volle Teilhaben am «priesterlichen Geschlecht». In seiner allegorischen Deutung von Ezechiel 17, erläutert Origenes seinen Gläubigen zwei gegensätzliche Möglichkeiten: den Bund mit Nebukadnezaar– gezeichnet durch Fluch und Exil -, ein charakteristisches Merkmal dessen, der das Wort zurückweist; oder der Bund mit Gott, dessen unterscheidendes Element eben die Aufnahme der Schriften ist. Diesem Bund folgt die Segnung und das Versprechen: So  «sind wird alle, die das Gotteswort gehört haben, regium semen», erklärt Origenes in der zwölften Homilie zum Buch Ezechiel. «In der Tat, wir werden “auserwähltes Geschlecht und königliches Priestertum, heiliger Stamm, Volk, das Gottes Eigentum geworden ist, genannt"».[14]

 

2.3. Priestertum der Gläubigen und «Hierarchie der Heiligkeit»

 
Diese Bedingungen  - eine rechtschaffener Lebenswandel, vor allem aber die Aufnahme und das Studium des Wortes – legen eine echte  «Hierarchie der Heiligkeit»[15] im allgemeinen Priestertum der Christen fest.

Origenes, zum Beispiel, denkt eher und ganz klar an eine  «Hierarchie  geistlicher Dienste», als an eine «sichtbare Hierarchie», wenn er in der vierten Homilie zum Buch Numeri bei der Erklärung der Zählung der Kehatiter unter den Leviten (Numero 4) abschließend behauptet: «Da also Gott auf diese Weise seine Geheimnisse verteilt und den Dienst der heiligen Gegenstände regelt, müssen wir uns als solche zeigen, nämlich des Priesterranges würdig [...]. Denn wir sind ein “heiliger Stamm, königliches Priestertum, ein an Kindes Statt angenommenes Volk”, denn, wenn wir mit den Verdiensten unseres Lebens der empfangenen Gnade antworten, werden wir des heiligen Dienstes als würdig erachtet».[16]

In der nachfolgenden Homilie , der fünften zum Buch Numeri, interpretiert er allegorisch die verschiedenen Elemente, die das “Offenbarungszelt” bilden, indem er sich auf eine kühne Auslegung des Textes (Numeri 4,7-9) einlässt. Zu erkennen sind noch einige Hinweise auf die «Hierarchie der Heiligkeit» , wo der Homilet behauptet, «unter diesem Zelt», das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, gäbe es «an Verdienst höhere und an Gnade reichere Personen». Alle Gläubigen in ihrer Ganzheit bilden somit den «Rest», das heißt das Volk der Heiligen, die die Engel auf ihren Händen tragen, damit ihr Fuß nicht über den Stein stolpere, und sie in den Ort des Versprechens eintreten können. Trotz der strengen Vorsichtsmaßnahmen der Leviten, ist es jedem von ihnen erlaubt, ohne Frevel einige Aspekte des Geheimnisses Gottes zu betrachten, denn alle zusammen werden «königliches Geschlecht und Priestertum, heiliger Stamm, Volk, das Gottes Eigentum geworden ist, genannt».[17]

Ebenso in der Homilie zum Buch Numeri  lesen wir die berühmte origenische Auslegung des Brunnens zu Beer, «von dem der Herr zu Mose gesagt hat:  "Versammle das Volk, damit ich ihnen Wasser gebe". Damals sang Israel das folgende Lied: "Steig auf, Brunnen! Singt über ihn ein Lied! Über den Brunnen, den die Heerführer gruben, den die Edlen des Volkes aushoben mit dem Zepter, mit ihren Stäben"» (Numeri 21,16-18). Origenes sieht in diesem Brunnen Jesus Christus selbst, die Quelle des Wortes, und im Hinweis auf die Heerführer und Edlen des Volkes den verschiedenartigen Grad der Tiefe, mit der die Schriften gelesen und gedeutet werden. Und dort, wo zwischen den Heerführern und Edlen zu unterscheiden ist, meint Origines in den Heerführern die Propheten und in den Edlen die Apostel zu sehen.  «Dass nun die Apostel Edle genannt werden könne», so erklärt der Alexandriner, «ist leicht dem zu entnehmen, was allen Gläubigen gesagt wird: "Ihr seid königliches Geschlecht, höchstes Priestertum, heiliger Stamm"».[18]

Damit wird in jedem Fall bekräftigt, dass die wirkliche Hierarchie laut Origines jene ist, die darauf gründet, wie die Schriften aufgenommen werden, während es – zumindest in der letztgenannten Homilie – als selbstverständlich erscheint, dass die Bezugnahme auf das Gotteswort unerlässlich ist für die Ausübung des allen Gläubigen gemeinsamen «königlichen Priestertums».

 

2.4. Die «Hierarchie des Dienstamtes»

 
Origenes spricht in seinen Homilien ausdrücklich von den Bischöfen, den Presbytern und Diakonen. Seiner Ansicht nach, muss diese «sichtbare Hierarchie» in den Augen der Gläubigen die «unsichtbare Hierarchie» der Heiligkeit darstellen. Mit anderen Worten,  die Ordination zum Dienst und die Heiligkeit müssen in der Doktrin des Origenes Hand in Hand gehen.

«Die Priester», so schreibt er in der sechsten Homilie zum Buch Levitikus  «müssen sich in den Vorschriften des göttlichen Gesetzes wie in einem Spiegel anblicken  und  dieser Prüfung den Grad ihres Verdienste entnehmen: Wenn sie in die priesterlichen Gewänder gekleidet sind [...], wenn sie erkennen, dass sie den Höhepunkt [ihrer Berufung] im Wissen, in den Handlungen, in der Lehre erreicht haben; dann können sie glauben, dass sie das höchste Priestertum nicht nur dem Namen nach, sondern auch durch den wirklichen Verdienst erlangt haben. Andernfalls sollen sie sich als  niedrigeren Ranges betrachten, auch wenn sie dem Namen nach den ersten Rang erhalten haben».[19]

Wie wir sehen, die sehr hohe Achtung des Origenes für das geweihte Priestertum lässt ihn besonders anspruchsvoll, gleichsam radikal, gegenüber den heiligen Dienern werden. Deshalb warnt er jeden davor, sich «auf jene Würden, die von Gott kommen, und die Präsidentschaft und Dienste der Kirche zu stürzen».[20] Und in der zweiten Homilie zum Buch Numeri stellt er die schmerzliche Frage: «Glaubst du, dass die, die den Titel Priester tragen, die sich rühmen, dem Priesterorden anzugehören, ihrer Weihe entsprechend wandeln und all das tun, was ihrer Weihe angemessen ist? Und glaubst du auch, dass die Diakone gemäß der Ordnung ihres Dienstes wandeln? Und wie kommt es, dass man  Leute oft klagen und sagen hört: "Schau dir diesen Bischof, diesen Priester, diesen Diakon an…?“ Sagt man das nicht vielleicht, weil der Priester oder der Diener Gottes den Pflichten seiner Weihe nicht entspricht?». [21]

So zögert er in seinen Homilien nicht, die deutlichsten Mängel der Priester seiner Zeit offen zu tadeln. Für uns ergibt sich daraus ein wirksames, wie «im Negativ» gesehenes Bild der Gefahren, die in der Ausbildung der Presbyter zu vermeiden sind.
 

Eine schwache Seite der Priester ist, nach Ansicht des Origenes, der Hunger nach Geld und zeitlichen Verdiensten; kurz und gut – wie wir sagen würden – die Versuchung der Verbürgerlichung und des übertriebenen Horizontaslismus.  Origenes klagt darüber, dass sich die Priester von den profanen Sorgen ganz in Anspruch nehmen lassen und nichts anderes wollen, als dieses Leben damit zu verbringen, dass sie «an die Geschäfte der Welt, die zeitlichen Verdienste und das gute Essen denken».[22] Und in einem anderen Kontext fügt er hinzu: «Unter uns Geistlichen wird es auch diejenigen geben, die alles daran setzen, ihren Leib zu befriedigen, um verehrt zu werden und die für die Kirche bestimmten Spenden zu eigen Vorteil zu erhalten. Das sind die, die von nichts anderem als dem Leib sprechen und von dort alle ihre Worte ableiten...».[23]

 

Origenes wirft den Priester auch die Überheblichkeit und den Hochmut vor. «Zuweilen», so bemerkt er in der zweiten Homilie zum Buch der Richter ,  «befinden sich unter uns – die wir Beispiel der Demut sein sollten, versammelt um den Altar des Herrn als Spiegel für jene, die auf uns blicken, einige Männer, von denen die Untugend der Überheblichkeit ausströmt. So verbreitet sich der widerlicher Geruch des Hochmuts vom Altar des Herrn».[24]. Und an anderer Stelle spricht er: «Wie viele geweihte Priester haben die Demut vergessen! Als wären sie geweiht worden, um zu vergessen, demütig zu sein. [...] Sie haben dich als Oberhaupt gewählt: Rühme dich nicht, sondern sei unter den deinen wie einer von ihnen; du musst die Hoffart fliehen, die Gipfel alles Bösen ist».[25]

 

Andere Sünden der Priester sind, nach Ansicht des Origenes, die Verachtung – oder zumindest die Geringschätzung – der Einfachen, der Demütigen und Armen, und in ihrer Beziehung zu den Gläubigen eine Art von «Auf und Ab» zwischen übermäßiger Strenge und einer nicht weniger übertriebenen Nachsicht.

 

3. Vorläufige Schlussfolgerungen

 
Wenn wir die Ausführungen des Origenes über das allgemeine und das Hierarchische Priestertum zusammenfassen, können wir aus diesen den folgenden Weg für die Ausbildung zum Presbyter ableiten.

Der «Ausweis», um diesen Weg zu begehen, ist die «brennende Lampe», das heißt das Anhören des Wortes. Andere unverzichtbare Bedingungen sind  «die geschürzten Flanken» und die «priesterlichen Gewänder», nämlich ein rechtschaffenes und reines Leben: In diesem Hinblick müssen sich die geweihten Diener in erster Linie vor den Versuchungen der Verbürgerlichung, des Hochmuts, der übermäßigen Strenge und der Nachsicht hüten. Von den Priestern wird also ein radikaler Gehorsam vor dem Herrn und seinem Wort, die Abkehr vom Geist der Welt, die volle Brüderlichkeit mit dem Volk verlangt. Der Gipfel dieses Weges der Vollkommenheit – das heißt  das Endziel des Wegs der Priesterausbildung, zumal da die  «Hierarchie der Heiligkeit» und die «Hierarchie des Dienstes» sich gleichen müssen – ist laut Orignes das Martyrium.

In der neunten Homilie zum Buch  Levitikus – wo er auf das  «Feuer für das Brandopfer», anspielt, das heißt den Glauben und das Wissen um die Schriften, das auf dem Altar dessen, der das Priestertum ausübt, nie erlöschen darf -[26]– fügt der Alexandriner hinzu: «Aber jeder von uns» hat nicht nur das Feuer in sich; er hat «auch das Brandopfer, und mit seinem Brandopfer entzündet er den Altar, damit stets brenne. Wenn ich auf alles verzichte, was ich besitze, mein Kreuz nehme und Christus nachfolge, biete ich mein Sühneopfer auf dem Altar Gottes dar; und wenn ich meinen Leib gebe, damit er in Liebe brenne, und den Ruhm des Martyriums erlangen werde, biete ich mein Sühneopfer auf dem Altar Gottes dar».[27]

Diese Worte offenbaren die ganze Sehnsucht des Origenes nach der Blutstaufe. In der siebten Homilie zum Buch der Richter – die vielleicht auf die Jahre von Philipp des Arabers (244-249) zurückgeht, als die Möglichkeit eines grausamen Zeugnisses schon ausgeschlossen schien – ruft er aus:: «Würde Gott mir gewähren, mit meinem eigenen Blut gewaschen zu werden, damit ich die zweite Taufe empfange, da ich den Tod Christi hingenommen habe, würde ich mich sicher von der Welt abkehren [...]. Aber selig sind die, die diese Dinge verdienen».[28]
 

Ich schließe mit einer ganzheitlichen Betrachtung über den origenischen Weg der Priesterausbildung.

Man kann dem Eindruck nicht entgehen, dass Origenes Einstellung in diesem Bereich, wie auch in anderen, als sehr anspruchsvoll, wenn nicht sogar als radikal zu bezeichnen ist.

Seine Reflexion über das Priestertum (wie auch die anderer alexandrinischer Lehrer: siehe auch Clemens Alexandrinus),[29] stellt den Priester, obwohl er die «Hierarchie des Dienstes» mit der «Hierarchie der Vollkommenheit» verbindet, niemals als eine Art Engel dar: Er versteht ihn eher so, als wäre er auf einem sehr konkreten Weg der täglichen Askese, im Kampf gegen die Sünde und das Böse.

Ich möchte hier nur ein Beispiel nennen: Die schrittweise Abkehr von der Welt, die die Priesterausbildung kennzeichnen soll, wird keineswegs zur mühevollen Suche nach einem von der Welt getrennten Ort, denn, wie Origenes in der zwölften Homilie zum Buch Levitikus schreibt, «ist es nicht an einem Ort, wo man das Heiligtum suchen muss, sondern in den Handlungen, im Leben und in den Gewohnheiten. Wenn sie nach dem Willen Gottes sind, wenn sie den Geboten Gottes entsprechen, ist es unwichtig, ob du zu Hause oder auf dem offenen Platz bist; was sage ich,  "auf dem offenen Platz"? Es ist sogar nicht wichtig, ob du vielleicht im Theater bist: Wenn du dem Wort Gottes dienst, bist du im Heiligtum, zweifle nicht».[30]


Letzten Endes aber bereichert die alexandrinische Tradition das  von Ignatius von Antiochien und Johannes Chrysostomos umrissene Bild des Hirten – vielleicht auf unerwartete Weise – doch gewissermaßen korrekt.


[1]Grundlegende Bibliographie: siehe oben, Anmerkung 39.

[2]Es handelt sich selbstverständlich um Betonungen, nicht  einseitige und ausschließliche Lehren, wie z.B. die Tatsache beweist, dass Origenes, Meister der Allegorie und geistlichen Auslegung der Bibel, ein Wissenschaftler ist, der nur selten den heiligen Text wörtlich  wiedergibt. Zur Vertiefung der Fragen verweise ich auch auf E. DAL COVOLO (cur.), Storia della teologia..., S. 181-203 («Esegesi biblica e teologia tra Alessandria e Antiochia») und S. 520, Anm. 11. Siehe ebenso  H. CROUZEL, La Scuola di Alessandria e le sue vicissitudini, in ISTITUTO PATRISTICO AUGUSTINIANUM (cur.), Storia della teologia, 1. Età pa­tristica, Casale Monferrato 1993, S. 179-223; J.J. FERNáNDEZ SANGRADOR, Los origenes de la comunidad cristiana de Alejandría (= Plenitudo Temporis, 1), Salamanca 1994.

[3]Vgl. M. SIMONETTI, Lettera e/o allegoria. Un contributo alla storia dell'esegesi patristica (= Studia Ephemeridis «Augu­stinianum», 23), Rom 1985, S. 271-280.

[4]Siehe oben, Anm. 12-13 und Kontext.

[5]Als Einführung zu Origenes, nach dem Band von H. CROUZEL, Origenes (= Antike christliche Kultur) (franz. Ausgabe, Paris 1985), Rom 1986, siehe M. MARITANO, in G. BOSIO - E. DAL COVOLO - M. MARITANO, Introduzione ai Padri della Chiesa. Secoli II e III (= Strumenti della Corona Patrum, 2), Torino 19953, S. 290-395 (mit Bibliographie). Über die Priesterweihe des Origenes, siehe letztlich M. SZRAM, Das Problem per Priesterweihe von Origenes [in polnischer Sprache], «Vox Patrum» 10 (1990), S. 659-670.

[6]Neben den Werken von J. Lécuyer und A. Vilela (weiter unten zitiert, Anm. 76), über das Priestertum bei Origenes vgl. vor allem - nach H.U. von BALTHASAR, Parole et mystère chez Origène, Paris 1957, S. 86-94 (ital. Übersetzung in ID., Origene: il mondo, Cri­sto e la Chiesa [= Teologia. Fonti, 2], Mailand 1972, S. 60-65), worauf sich Vilela oft bezieht - Th. SCHÄFER, Das Priester-Bild im Leben und Werk des Origenes, Frankfurt 1977 und Zusammenfassungen v. H. CROUZEL, Origenes, S. 299-301, und v. L. PADOVESE, I sacerdoti dei primi secoli..., pp. 52-66. Siehe ebenso A. QUACQUARELLI, I fondamenti della teologia comuni­taria in Origene: il sacerdozio dei fedeli, in S. FELICI (cur.), Sacerdozio battesimale e formazione teologica nella catechesi e nella testimonianza di vita dei Padri (= Biblioteca di Scienze Religiose, 99), Rom 1992, S. 51-59; Th. HERMANS, Origène. Théologie sacrificielle du sacerdoce des chrétiens (= Théologie historique, 102), Paris 1996.

[7]ORIGENES, Homilie zum Buch Levitikus 9,1, ed. M. BORRET, SC 287, Paris 1981, S. 72-74.

[8]Ibidem 4,6, ed. M. BORRET, SC 286, Paris 1981, S. 180.

[9]Ibidem.

[10]Hinsichtlich der origenischen Auslegung der «geschürzten Flanken» ist es nützlich, eine Stelle aus der ersten Abhandlung Über das Paschafest  zu zitieren, die 1941 in Tura aufgefunden wurde, wo der Alexandriner die Bedeutung der «gegürteten Hüften» für das Paschamahl (Exodus 12,11) erklärt. «Es ist uns geboten», kommentiert Origenes, «rein zu sein von körperlichen Begegnungen, womit die Umgürtung der Hüften gemeint ist. [Die Bibel] lehrt uns, ein Band um den Ort zu legen, woher die Samen kommen, und befiehlt uns, die geschlechtlichen Impulse zu bremsen, wenn wir am Fleische Christi teilhaben» (vgl. O. GUÉRAUD-P. NAUTIN, Origène. Sur la Pâque. Traité inédit publié d'après un papyrus de Toura [= Christianisme antique, 2], Paris 1979, S. 74. Die italien. Übersetzung ist von G. SGHERRI, Origene. Sulla Pasqua. Il papiro di Tura [= Letture cristiane del primo millennio, 6], Milano 1989, S. 107, auf die ich auch zum Kommentar verweise. Vgl. schließlich E. DAL COVOLO, Origene: sulla Pasqua, «Ricerche Teologiche» 2 (1991), S. 207-221).

[11]  ORIGENES, Homilie zum Buch Josua 7,2 ed. A.JAUBERT, SC 71, Paris 1960, S.200.

[12]ID., Homelie über das Buch Genesis 3,5, ed. L. DOUTRELEAU, SC 7 bis, Paris 1976, S. 130. Die Stelle erinnert an einige Aspekte der origenischen Doktrin der geistlichen Sinne, dazu siehe K. RAHNER, I «sensi spirituali» secondo Origene, in ID., Teologia dell'esperienza dello Spirito (= Nuovi Saggi, 6), Rom 1978, S. 133-163. Allgemeine Hinweise zur origenischen Exegese siehe letztlich T. HEIT­HER, Origenes als Exeget. Ein Forschungsüberblick, in G. SCHÖLLGEN - C. SCHOLTEN (curr.),Stimuli. Exegese und ihre Hermeneutik in Antike und Christentum. Festschrift für Ernst Dassmann, Münster Westfalen 1996, S. 141-153.

[13]ORIGENES,  Homilie zum Buch der Richter 6,3, edd. P. MESSIÉ-L. NEYRAND-M. BORRET, SC 389, Paris 1993, S. 158. Laut Origenes ist somit jeder, der das Wissen um das göttliche Gesetz besitzt, ein Priester, «et, ut breviter explicem, qui legem et secundum spiritum et secundum litteram novit»: ID., Homilie zum Buch Levitikusmelia  6,3, ed. M. BORRET, SC 286, S. 280.

[14]ID., Homilie zum Buch Ezechiel 12,3, ed. M. BORRET, SC 352, Paris 1989, S. 386.

[15]J. LÉCUYER, Sacerdoce des fidèles et sacerdoce ministériel chez Origène, «Vetera Christianorum» 7 (1970), S. 259; A. VI­LELA, La condition collégiale des prêtres au III siècle (= Théologie historique, 14), Paris 1971, S. 79-83.

[16]ORIGENES, Homilie zum Buch Numeri 4,3, ed. W.A. BAEHRENS, GCS 30, Leipzig 1921, S. 24; vgl. A. MÉHAT, SC 29, Paris 1951, S. 108: «Origène songe plus à la hiérarchie des mérites qu'à la hiérarchie visible».

[17]ORIGENES, Homilie zum Buch Numeri 5,3, ed. W.A. BAEHRENS, GCS 30, S. 28 f.

[18]Ibidem 12,2,  S. 99.

[19]ID., Homilie zum Buch Levitikus  6,6,  ed. M. BORRET, SC 286, S. 290-292.

[20]ID., Homilie zum Buch Jesaja 6,1, ed. W.A. BAEHRENS, GCS 33, Leipzig 1925, S. 269.

[21]ID., Homilie zum Buch Numeri 2,1, ed. W.A. BAEHRENS, GCS 30, S. 10.

[22]ID., Homilie zum Buch Ezechiel 3,7, ed. M. BORRET, SC 352, Paris 1989, S. 140.

[23]ID., Homilie zum Buch Jesaja 7,3,  ed. W.A. BAEHRENS, GCS 33, S. 283.

[24]ID., Homilie zum Buch der Richter 2,2, ed. W.A. BAEHRENS, GCS 30, S. 481.

[25]ID., Homilie zum Buch Ezechiel 9,2, ed. M. BORRET, SC 352, S. 304-306.

[26]  Siehe oben, Anmerkung 68 und Kontext.

[27]ID., Homilie zum Buch Levitikus 9,9, ed. M. BORRET, SC 287, S. 116.

[28]ID., Homilie zum Buch der Richter 7,2, edd. P. MESSIÉ-L. NEYRAND-M. BORRET, SC 389, S. 180-182. Zur origenischen Martyrologie siehe nun E. DAL COVOLO, Appunti di escatologia origeniana con particolare riferimento alla morte e al martirio, «Sale­sianum» 51 (1989), S. 769-784; ID., Morte e martirio in Origene, «Filosofia e Teologia» 4 (1990), S. 287-294; ID., Note sul­la dottrina origeniana della morte, in R.J. DALY (cur.), Origeniana Quinta (= Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lo­vaniensium, 105), Leuven 1992, S. 430-437; T. BAUMEISTER, La teologia del martirio nella Chiesa antica (= Traditio Christiana, 7), Torino 1995, S. 138-151 (siehe auch die Quellenangaben, S. XXIX-XXXIX). Siehe schließlich Anm. 2, S. 180-181, der genannten Ausgabe P. MESSIÉ-L. NEYRAND-M. BORRET, SC 389.

[29]«Die Großen der Kirche hier auf Erden, Bischöfe, Presbyter, Diakone, sind, so glaube ich, ein Reflex der engelhaften Hierarchie und jener Ökonomie, die – wie die Schriften sagen - ,  diejenigen erwartet, die auf den Spuren der Apostel in vollkommener Gerechtigkeit nach dem Evangelium gelebt haben»: CLEMENS AL., Stromateis 6,13,107,2, edd. O. STÄHLIN-L. FRÜCHTEL-U. TREU, GCS 524, Berlin 1985, S. 485.

[30]ORIGENES, Homilie zum Buch Levitikus 12,4, ed. M. BORRET, SC 287, S. 182.


(Quelle: http://www.annussacerdotalis.org/clerus/dati/2009-06/18-13/La_tradizione_alessandrina_de.html)





VIERTES KAPITEL

 
Zusammenfassung der Perspektiven: die Ausbildung des Priesters in den ersten Jahrhunderten der Kirche[1]
 

In den vorhergehenden Kapiteln haben wir – nach einer eingehenden methodologischen und bibliographischen Einführung – einige Texte über die Priesterausbildung untersucht, wobei wir auf die «antiochenische Tradition» (von Ignatius bis Johannes Chrysostomos) und die «alexandrinische Tradition» (vor allem Origenes) Bezug genommen haben.

In diesem abschließenden Kapitel wollen wir die bisher erwähnten Lektüren und angestellten Überlegungen – von den Ursprüngen bis zum 5. Jahrhundert – in einen systematischen historischen Rahmen eingliedern. Die Hinweise auf das spezifische Thema der Priesterausbildung bei den Vätern werden somit Hand in Hand gehen mit den historischen Ausführungen über die Ursprünge und Entwicklung der hierarchischen Diener in der Kirche.[2]

 

1. Vor dem Konzil von Nizäa (325)

 
Die vornizäischen Zeugnisse über die geweihten Diener entsprechen zwei sich ergänzenden Elementen: einerseits die Treue zu den neutestamentlichen Schriften und die Kontinuität der Erfahrung der ersten christlichen Gemeinschaften;[3] andererseits die Anpassung an die neuen innerkirchlichen und außerkirchlichen Situationen.

Wie wir sehen werden, laufen die beiden Aspekte in Nizäa zusammen, im Sinne einer schrittweisen Hierarchisierung des Amtspriestertums.

 
In der  antikeren Zeit, nämlich vom Ende des 1. Jh. bis in die  letzten Jahrzehnten des 2. Jh., überwiegt das starke Gefühl für die Einheit der Kirche und die gemeinsame Zugehörigkeit der Christen zum «auserwählten Geschlecht», zum «königlichen Priestertum», zur «heiligen Nation», «zum Volk, das Gottes Eigentum geworden ist». Daher überarbeiten antike und ehrwürdige Texte wie die Didaché, der Brief an die Korinther von Clemens Romanus und die Briefe des Ignatius  die neutestamentlichen Angaben über die geweihten Diener, ohne sich besonders um die Unterscheidung zwischen den Rollen zu kümmern, als vielmehr um die neue gemeinsame Identität aller Gläubigen.

In der nachfolgenden Zeit , das heißt zwischen dem Ende des 2. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 3. Jahrhundert, entwickelt sich die Situation. In erster Linie ändert sich das politische Panorama; infolge dieser neuen Situation erfreut  sich die Kirche im Rahmen der Toleranz, die den ersten heftigen Verfolgungen folgte, einer Zeit der Ruhe und des Friedens, womit sie ihre innerkirchliche Struktur festigen kann. In diesem historischen Rahmen wird das  «geweihte Priestertum» immer  deutlicher durch die  «Hierarchie» geprägt, wobei die soziologische Unterscheidung zwischen Klerikern und Laien festgelegt wird. Dieses Phänomen verweist auf eine präzise Gegenüberstellung des Wortes laikós  in der Geschichte und in einer Reihe von Zeugnissen – vor allem von Clemens Alexandrinus, von Origenes und Cyprian - , die die zwei Wirklichkeiten des Klerus und des Laientums sogar entgegenstellen, indem sie zuweilen den Laienstandes pejorativer darstellen .[4] Nicht deswegen lässt in der Kirche das Bewusstsein nach, dass auch die geweihten Diener aus der Laienschaft stammen, und dass das Priestertum der Gläubigen das gemeinsame Unterscheidungsmerkmal des neuen Gottesvolkes ist.

Im Übergang von der ersten zur zweiten Periode gewinnt die Kaiserzeit der  Severer (193-235) ganz besondere Bedeutung. Anhand der historiographischen Analyse kann behauptet werden, dass einige Merkmale der sogenannten  «konstantinischen Wende» durch die Toleranz der Dynastie der Severer vorweggenommen wurden – in welchem Maß dies geschah, kann nur schwer gesagt werden. In diesem historisch-institutionellen Kontext nahmen die Bischöfe – und vornehmlich Viktor, Zephirinus und Callistus – klar und deutlich die Notwendigkeit war, die Organisation der Gemeinschaft zu festigen. Ihre Aufgabe erfüllten sie auf zweifacher Ebene. Mit der bürgerlichen Gesellschaft und den politischen Institutionen förderten sie einen vorsichtigen missionarischen Dialog, der bis in die einflussreichsten Schichten des Reiches erstreckt wurde; innerhalb der Gemeinschaft sorgten sie jedoch für eine effizientere Organisation der kirchlichen Einrichtungen,  angefangen vom hierarchischen Priestertum bis zur Autorität des Bischof. Diesbezüglich ist als Dokument in erster Linie  die Apostolische Überlieferung zu untersuchen.

 
Allgemein muss anerkannt werden, dass bei den vornizäischen Vätern nur ganz zufällige Hinweise auf den Ausbildungsweg des Presbyters zu finden sind. Erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts erscheint die Gestalt des  «Diakons», der mit der Ausbildung der Geistlichen beauftragt ist: In den ersten christlichen Generationen sind es eben «die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel, die die Ausbildung der Priesterkandidaten fortsetzen, wie es die Apostel taten [...]. Der Ausbildner der  Geistlichen ist somit der Bischof in seiner Rolle als Lehrer, Kenner der Liturgie, Hirte».[5]

Doch betrachten wir nun im Einzelnen die drei angesprochenen Momente: zunächst die antikere Zeit, dann das 3. Jahrhundert und schließlich das «Zwischenglied», nämlich die Zeit der Severer.   

 

1.1.  Die Väter des 1. Und 2.. Jahrhunderts
 

«Wählt für euch Bischöfe und Diakone, die des Herrn würdig sind, sanftmütige, nicht an das Geld geklammerte, aufrichtige und bewährte Männer. Denn auch sie üben für euch den Dienst (leitourgia) der Propheten und Lehrer aus. Daher missachtet sie nicht, weil sie, gemeinsam mit den Propheten und Lehrers, unter euch ehrbare Männer sind».[6]

So erwähnte die Didaché anhand des Neuen Testamentes  «Bischöfe und Diakone», die von der Gemeinschaft gewählt werden. Sie üben einen ähnlichen Dienst wie die Propheten und Lehrer aus, die ihrerseits  «lehren , um die Gerechtigkeit und die Kenntnis  des Herrn festzulegen».[7]

Der Kontext des Zitats – und zwar die Kapitel 11-15 – macht vieles klar und deutlich. Dort wird die wesentliche Einheit der Christen beschrieben, die, den «lieblichen lukanischen Szenen» der Apostelgeschichte gemäß, das Gebot der brüderlichen Liebe derart leben, dass sie  «alles gemeinsam haben». Jeder fühlt sich als «Gefährte» des Nachbarn, alle waren gleichberechtigt und gleich. Dennoch aber handelt es sich nicht um eine amorphe, unterschiedslose Gemeinschaft. Im Gegenteil, es treten schon verschiedene Charismen und Rollen hervor. Man spricht in der Tat von wandernden Propheten, die in der Gemeinschaft besondere Achtung und Verehrung genossen, von Lehrern und schließlich von Bischöfen und Diakonen. Letzterer Hinweis ist sehr wichtig, auch weil er von der langsamen Eingliederung der charismatisch-wandernden Hierarchie (Apostel-Propheten-Lehrer) in die institutionelle Hierarchie der einzelnen Ortskirchen(Bischöfe-Presbyter-Diakone) Zeugnis ablegt.[8]

Interessant ist die Feststellung, dass diese Pluralität an Dienern dem Bild einer Kirche entspricht, die heilsam in ihrer Sendung auf der Erde «verstreut» ist, während das Geschenk der Einheit erbeten und erwartet wird: «Wie das gebrochen Brot auf den Hügeln verstreut war und gesammelt zu Eins wurde», lautet das Hochgebet der Didaché, «so sammelt sich deine Kirche von den Grenzen der Erde in deinem Reich». Und kurz danach: «Herr, vergiss nicht deine Kirche. Mach sie vollkommen in deiner Liebe und geheiligt sammle sie aus den vier Winden deines Reiches, das du für sie vorbereitet hast, denn dein ist die Macht und Ehre in alle Ewigkeit».[9]

 
Clemens wiederum empfiehlt den Korinthern in seinem ersten Brief , «alles, was der Herr zu den ordentlichen Zeiten vorgeschrieben hat, der Ordnung gemäß zu tun. Er hat nämlich vorgeschrieben, die Spenden und liturgischen Dienste (leitourgiai) nicht aufs Geratewohl und ohne Ordnung, sondern zu festgelegten Zeiten und Stunden zu verrichten.  Er selbst hat dann, mit seinem unumschränkten Willen festgelegt, wo und von wem sie verrichtet werden sollen, damit alle heilig und mit seiner Billigung gemachten Dinge seinem Willen genehm seien [...]. Dem Hohepriester sind die im eigenen liturgischen Funktionen anvertraut, den Priestern wurde die ihnen vorherbestimmte Stellung eingeräumt, den Leviten stehen eigene Dienste zu. Der laienhafte Mensch ist an die laienhaften Regelungen gebunden».[10]

Auf diese Weise und unter Bezugnahme auf die Liturgie im antiken Israel, offenbart Clemens seine Idealvorstellung von der Kirche. Schon in den vorherigen Kapiteln des Briefes hatte er sich auf zwei anderen Analogien bezogen. Die erste, die des Heeres, in dem die Soldaten, je nach dem eigenen Rang, den Befehlshabern unterworfen sind. Die zweite ist dies des Körpers, in dem alle Glieder sich «gemeinsam-atmen» (con-spirare) in einer einzigen Unterwerfung für die Erhaltung des gesamten Körpers.  Doch die Grundlage, auf der sich die drei Analogien bewegen – die des Heeres, des Körpers und des antiken Israels – ist nur eine, nämlich die universale Ordnung, auf der das Marko- und Mikrokosmos beruht. Seine vereinenden Kraft ist  «der einzige über uns ausgegossene Geist der Gnade», der in den verschiedenen Gliedern des Leibs der Kirche atmet, in dem alle, ohne je getrennt zu sein, «die einen Glieder der anderen sind».[11] Die Kirche ist jedoch nicht Ort der Verwirrung und Anarchie, wo jeder tun kann, was er will, denn jeder verrichtet in ihr seinen Dienst in seiner Ordnung , indem er an dem Platz bleibt, der ihm gemäß dem empfangenen Chrisma zugewiesen wird.

Aber diese Pluralität von Diensten ist – sowohl bei Clemens als auch in der Didaché – auf die gemeinsame Sendung  hingeordnet , die im abschließenden «großen Gebet» erwähnt wird:  «Alle Völker sollen wissen, dass du der einzige Gott bist, und dass Jesus Christus dein Sohn ist, und wir dein Volk, deine Herde auf deiner Weide sind».[12]


Dieses wunderbare «gemeinsame Atmen», von dem Clemens spricht, wird in den Briefen des Ignatius zur  «Symphonie der Einheit» : Diesbezüglich verweisen wir auf die bereits über die Ignatiusbriefe angestellten Betrachtungen.[13]

Was den bislang untersuchten Dokumente gemeinsam ist und bei Ignatius den Höhepunkt erreicht, ist – wie wir schon bemerken konnten – eine gewisse Dialektik zwischen zwei unverzichtbaren Elementen des christlichen Lebens: einerseits die grundlegende Einheit, die alle Christusgläubigen untereinander verbindet, andererseits der hierarchische Aufbau der Kirche.

 Diese antiken Texte aber lassen dem Gegensatz der Rollen keinen Raum. Im Gegenteil, die grundlegende Erfahrung der Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit der Gläubigen begründet und stützt das Wissen um die gemeinsame Sendung. Eben die Gewissheit, einem einzigen Leib anzugehören, der ganz auf die Sendung hingeordnet ist , geht über die Kraft hinaus, aufgrund derer man sich mit jedem Dienst identifiziert, der in dem selben Körper verrichtet wird, dessen Haupt Christus ist.[14]

 

1.2. Die Väter des 3. Jahrhunderts
 

Im 3. Jahrhundert ändert sich die Situation, und man beginnt, in der Kirche ausdrücklich von den Laien als «Kategorie» zu sprechen. Sie werden von den Geistlichen  unterschieden, obwohl man weiß, dass auch diese aus dem Laienstand kommen. Das Wort Laie wird gewissermaßen im negativen Sinn gesehen, wohingegen das ganze hierarchische Gewicht der geweihten Diener  zutage tritt.

Andererseits kann auch nicht behauptet werden, dass im 3. Jahrhundert das Wissen darum verloren ging, dass das gemeinsame Priestertum der Gläubigen ein kennzeichnendes Merkmal des neuen Gottesvolkes war. Dies beweisen unzählige Zeugnisse, auch jene, die üblicherweise aufgegriffen werden, um die fortschreitende Hierarchisierung der Kirche unter Beweis zu stellen.

Selbst Clemens Alexandrinus,  der an anderer Stelle auf die «Untreue der Laien» anspielt,[15] wiederholt immer wieder, dass der Logos der gemeinsame Pädagoge eines einzigen «neuen und jungen Volkes» ist, das das Volk des «neuen und jungen Bundes» ist.[16] Und Origenes, der wieder zurückgreift auf die reichhaltige subapostolische Exegese im 1. Brief des Petrus  2,9 («Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das Gottes Eigentum wurde»),[17] stellt in der neunten Homilie zum Buch Levitikus die priesterliche Identität jedes Gläubigen mit folgenden Worten dar: “Weißt du nicht, dass auch dir, das heißt der ganzen Kirche Gottes und dem Volk der Gläubigen die Priesterschaft erteilt wurde? Höre, was Petrus zu den Gläubigen spricht: "Auserwähltes, königliches, priesterliches Geschlecht“, sagt er, „heiliger Stamm, Volk, das Gottes Eigentum geworden ist". Du hast also die Priesterschaft, weil die „priesterliches Geschlecht“ bist».[18]

Dass alle Gläubigen dann, in der Vielfalt ihres spezifischen Dienstes, zu einer gemeinsamen Heilsmission gerufen sind, ergibt sich unter anderem aus einem besonderen Zeugnis in Contra Celsum : Die Christen, so behauptet Origenes, leisten keinen Heeresdienst, weil sie Priester sind, und nehmen somit Anteil an der Rolle, die die Heiden ihren Priestern zuerkannten. «Die Christen», setzt der Aleandriner in diesem Kontext fort, «sind dem Vaterland sehr viel nützlicher als alle anderen Männer; sie bilden ihre Mitbürger aus und lehren sie die Frömmigkeit gegenüber Gott, dem Hüter der Stadt. Sie helfen, zur  göttlichen und himmlischen polis diejenigen aufsteigen zu lassen, die in ihren kleine Städten  rechtschaffen leben ».[19]
 

1.3. Der Übergang von der ersten zur zweiten Periode

 Alles in allem ist es  – trotz Ansicht mancher, die geneigt sind, in den patristischen Zeugnissen eine systematische Kontraposition zwischen Hierarchie und Laientum[20], und letztendlich einen bedingungslosen Auftrag der Sendung an die geweihten Diener zu sehen -  wahrscheinlich, dass in der vornizäischen Zeit immer eine fruchtbare Dialektik zwischen der grundlegenden Einheit des «auserwählten Geschlechts» und dem hierarchischen Aufbau der Kirche bestand. Man sollte eher von einer andersartigen “Ausbalancierung” der beiden Aspekte sprechen. Im höchsten Maß vereinfacht könnten wir sagen, dass die Hegemonie des ersten dem zweiten Element nachfolgt, das die Oberhand gewinnt: zwischen den beiden erstreckt sich, gleichsam als  «Zwischenglied»  die Kaiserzeit der Severer (193-235).

Eine derartige Simplifizierung mag zweifelsohne übertrieben sein. Sie will aber auch eine Herausforderung sein, die sofort zum Studium des historisch-institutionellen Umfelds zwischen dem 2. Und 3. Jahrhundert auffordert. Und es ist tatsächlich ein entscheidendes Kapitel für diejenigen, die «eine Geschichte der christlichen Sendung und der Bekehrung über die antike Welt schreiben wollen».[21]


Alles in allem weist die Organisation der respublica in diesem Zeitraum schon die Risse der kommenden Krise auf, während sich die kirchlichen Institutionen in dem offiziell als Verfolger wirkenden Reich Schritt für Schritt durchsetzen. Und während die Krise durch den Aufstieg der Severer – die ganz deutlich in der Festigung und der religiösen Propaganda der Monarchie engagiert sind – etwas verzögert wird, kündigt der Beitritt des Hofes und der clarissimae senatorischen Familien zum Christentum die endgültige Eroberung des Kaiserreiches durch die Kirche an, die sich wie nie zuvor darin engagiert,  den missionarischen Dialog sogar auf die einflussreichsten Schichten der Gesellschaft auszudehnen.


In diesem paradoxen Kontext des Zeitalters der Severer – wo die Christen verfolgt wurden, obwohl sie in die Kaiserfamilie zugelassen waren – führte diese weitgehende Ausdehnung des Christentums zunächst zu einem parallel laufenden quantitativen und qualitativen Anstieg der Laien in der Kirche. An zweiter Stelle setzte der intensivere Austausch zwischen heidnischer und christlicher Kultur die kirchlichen Institution einer Reihe von heterogenen Einflüssen aus, die einerseits von der römischen Gesellschaft und ihrer pyramidalen Organisation, andererseits von der platonischen Tradition und ihren Modellen einer polis ausgingen, deren Aufbau von der Vollkommenheit des Einen zur Unvollkommenheit des Vielfachen regredierte. Zu diesen Einflüssen sind noch jene hinzuzuzählen, die aus verschiedenen alttestamentlichen Darstellungen abgeleitet wurden, die auf eine deutliche Trennung zwischen der Priesterkaste und dem Volk hinwiesen.[22]

Dementsprechend wurden die zwei sich ergänzenden und unumgänglichen Aspekte des kirchlichen Lebens – auf der einen Seite die Achtung für das allgemeine Priestertum der Gläubigen und die charismatische Struktur der Kirche, auf der anderen die Valorisierung des Sakraments der Weihe und der hierarchischen Struktur des Gottesvolkes – durch die neue politische und kulturelle Atmosphäre wie nie zuvor angeregt.

Vor allem musste sich die dringende Notwendigkeit, genauer umrissene und effizientere organisatorische Strukturen zu schaffen, angefangen von der Autorität des Bischofs und der Ausbildung der Geistlichen , in einer deutlichen Hierarchisierung der Gemeinschaft widerspiegeln.

Die dokumentarische Bestätigung finden wir in erster Linie in einer berühmten Schrift aus dem corpus ippolitanus : die Apostolische Überlieferung, das älteste Ritual für die Ordinationen, das auch unsere Liturgien noch inspiriert. Denn noch heute zelebriert die römische Kirche die Weihe der Bischöfe anhand des Textes der Traditio  und rezeptiert das Wesen der Anaphora im zweiten Hochgebet.[23]

     Die Probleme der Autorschaft, der Datierung und Überlieferung dieses ehrwürdigen Dokuments – das uns nicht direkt überliefert wurde, sondern erst anhand späterer Quellen identifiziert und rekonstruiert wurde – kreuzen sich mit der vexata quaestio der Hippolyt.[24] In jedem Fall wird der antike Text der Traditio allgemein auf das Herz der Zeit der Severer, und zwar um das Jahr 215 zurückgeführt.

In der Apostolischen Überlieferung werden die Kleriker endgültig in der Triade Bischöfe-Presbyter-Diakone dargestellt.

Nur diesen ist die Weihe durch  die Handauflegung vorbehalten.[25] Durch diesen Ritus wird die Gnade ausgegossen, die auf besondere Weise der Ausübung des entsprechenden Dienstes gilt. Andere Diener werden anerkannt und eingeführt, jedoch ohne Weihe und impositio manuum: Denn es geht nicht darum, jemanden zu einem liturgischen Dienst der Präsidentschaft zu befähigen, sondern einfach einen Tatbestand anzuerkennen (Beichtväter, Jungfrauen, Heiler), einen Titel zu verleihen (Witwen) oder eine Aufgabe anzuvertrauen (Lektor, Subdiakon).

Der Rolle des Bischofs wird die höchste Bedeutung beigemessen: Es ist er, der weiht, er ist das Oberhaupt, er ist der Nachfolger der Apostel, er wird des Geistes des Hohepriesters teilhaftig. Die Presbyter sind seine Ratgeber und Helfer in der Leitung des Volkes, wie die von Mose auserwählten Priester. Die Diakone werden dann nicht zum Priestertum, sondern zum Dienst am Bischof geweiht, denn sie führen dessen Anordnungen aus.

«Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus», so lautet das Hochgebet  der Bischofsweihe, «gieße nun die – von dir kommende - Kraft des ersten Geistes  aus, den du deinem geliebten Sohn Jesus Christus gegeben hast, und den er den heiligen Aposteln geschenkt hat (…). Lass o Vater, Kenner der Herzen, deinen Diener, den du für das Episkopat gewählt hast deine heilige Herde weiden, lass ihn für dich das Primat des Priestertums untadelig ausüben, indem er Tag und Nacht dient, lass ihn dein Antlitz immer wieder geneigt machen und die Gaben deiner heiligen Kirche darbieten, gib ihm die Macht – durch den Geist des Hohepriesters  - nach deinem Auftrag die Sünden zu vergeben, nach deinem Gebot die Ämter zu verteilen, jedes Band zu lösen gemäß der Macht, die du den Aposteln erteilt hast».[26]

Sicher kann der dreifache Hinweis auf die Vorrangstellung des bischöflichen Priestertums nicht entgehen. Wir vertreten die Meinung, dass dieses als die Summe jenes «hierarchisierenden Impulses» zu betrachten ist, der die Pontifikate von Viktor, Zephyrus und Callistus durchkreuzte und die christliche Gemeinschaft von Rom zwischen Ende des 2. Und Anfang des 3. Jahrhunderts dazu führte, «eine stark durch die Einheit geprägte Organisation zu schaffen, indem die Autorität des Bischofs gestärkt wurde».[27]

Andererseits – wie wir gesehen haben – enthält die Apostolische Überlieferung auch eine fruchtbare Pluralität von nicht geweihten Diensten  - nämlich die der Beichtväter,  der Witwen, der Jungfrauen, der Subdiakone und der Exorzisten, zu denen noch die der Ostiarien und der Akolythen hinzuzuzählen sind -, eine Pluralität, die durch die Autorität des Bischofs gewiss nicht «abgeflacht» wird.[28] Den Dialog mit den Dienern und allen Gläubigen feiert der Bischof mit diesen, in der Liturgie und im Leben, das Opfergebet und die abschließende feierliche Doxologie, die die ewige Sendung des Sohnes und des Geistes für die Kirche und die Welt zum Ausdruck bringt: «Dich bitten wir, sende deinen Geist herab auf die Darbietung der heiligen Kirche, schenken allen Einheit, die dieses Geistes teilhaftig werden, gewähre ihnen, dass sie erfüllt seinen vom heiligen Geist und gestärkt im Glauben der Wahrheit, damit wir dich für Jesus Christus, deinen Sohn, lobpreisen und verehren, durch den du, Vater und Sohn mit dem heiligen Geist in der heiligen Kirche Ehre und Ruhm in alle Ewigkeit hast».[29]

 
2. Nach Nizäa, hin zu Kalzedonien (325-451)

 
2.1. Der historische Kontext
 

Der in der Kirche des 4.-5. Jahrhunderts vorherrschende «geschichtliche Trend» war der, dass sich die christliche Religion gegenüber dem Heidentum immer mehr durchsetzte. In weniger als achtzig Jahren gewinnt sich das anfänglich verfolgte Christentum die Übermacht   (Edikt des Theodosius von 380).[30]

In diesem Kontext ist die sogenannte  «kaiserliche Kirche»[31] immer mehr angespornt, den kircheninternen Strukturen, in erster Linie den verschiedenen hierarchischen Graden und der Ausbildung der heiligen Diener, eine Organisation zu verleihen.

 

2.2. Die hierarchischen Ordnungen oder «Ränge»

 
Gerade im Zuge des 4. Jahrhunderts setzt sich die Aufteilung des Klerus in zwei Gruppen durch, die Innozenz I. (401-417) am Beginn des darauffolgenden Jahrhunderts als clerici superioris ordinis (Bischöfe-Presbyter-Diakone) und clerici inferioris ordinis (Subdiakon- Akolyth- Exorzist –Ostiarius-Lektor) bezeichnet.[32] Die unteren Ränge jedoch sind weiterhin starken Veränderungen unterworfen, sei es was die Zahl als auch die Evaluierung (gehörten sie wirklich dem Klerus an?) sowie die Definierung der jeweiligen Aufgaben anbelangt.[33]

 

2.3. Die Abhandlungen über das Priestertum
 

Im selben Zeitraum, zwischen dem 4. Und 5. Jahrhundert, wohnt man einer regelrechten Proliferation von Schriften über die priesterliche Heiligkeit bei. Ich möchte diese hier aufzählen. Im Orient haben wir, neben der kurzen Predigt über das Priestertum von Efrem Siro (+ 373), die zweite Oration von Gregorius Natianzenus (+390) und den berühmten Dialog über das Priestertum von Johannes Chrysostomos (+470); im Abendland sind zumindest die  De officiis [ministrorum] des Ambrosius (+ 397), der Brief des Hieronymus  (+ 419 oder 420) an Nepotianus und die verschiedenen Reden und Briefe des heiligen Augustinus (+ 430) zu erwähnen.[34].

 

2.4. «Klerikale Ausbildung» und  «monastische Ausbildung»


Der ausbildnerische Aspekt ist auch in den monastischen Erfahrungen des 4. Und 5. Jahrhunderts gut zu erkennen.[35] Man kann sogar von einer  «engen Interaktion» zwischen klerikaler und monastischer Ausbildung sprechen.[36] In diesem Sinne sind in erster Linie die Conlationes, gemeinschaftliche Gespräche in Form eines Dialogs, zu berücksichtigen, die von dem  «Ältesten» geleitet wurden: So entstand vor allem in den monastisch und Einsiedlerkreisen die Gestalt des  «geistlichen Vaters».

Antonius Abate (+ 356) ist der Initiator des Monachismus  in eremitischer Form. Und ebenso Antonius erteilt dem geistlichen Vater die Aufgabe, als Leiter zur Vollkommenheit zu wirken: «Ihr als Söhne», sprach er zu seinen Mönchen, «bringt mir, wie einem Vater, die Dinge, die ihr wisst, und sagt sie mir. Ich aber, der ich dem Alter nach der Älteste bin, werde euch an dem teilhaben, was ich weiß und erlebt  habe».[37]

Neben Antonius ist jedoch auch Pacomius zu erwähnen, der 323 die erste zönobitische Gemeinschaft mit ihren charakteristischen Einrichtungen (Kloster, Regel, Abt) gründete, und Basilius (+ 379), für den das Klosterleben die vollkommene Umsetzung des christlichen Lebens ist.

Doch vor allem im Westen ist die Begegnung zwischen klerikaler und monastischer Ausbildung zu verzeichnen. Eusebius, Bischof von Vercelli ab 345, ist der erste, der seinen Klerus in vita communis versammelt, weshalb er als Gründer des antiksten mona­sterium clericorum gesehen wird.  Diese Begegnung zwischen monastischer und kirchlicher Einrichtung findet ihre Fortsetzung bei Ilarius von Poitiers  (+ 367) und Martin von Tours (+ 357), der als echtes Beispiel eines Mönchs und Bischofs galt. «Am Ende» gelangen wir bei  Augustinus an. Nach der Bischofsweihe, so schreibt er selbst,  «wollte ich bei mir zu Hause ein Kloster mit Klerikern haben…Und ihr wisst alle», bemerkt er vor seinen Leuten,  «dass wir hier leben, im sogenannten Haus des Bischofs, um im Rahmen des Möglichen jene Heiligen nachzuahmen, von denen das Buch der Apostelgeschichte spricht: „Es gab keinen, der das, was er besaß, als sein Eigen betrachtete, sondern sie hatten alles gemeinsam“».[38] Auch in Karthago gründet Augustinus ein Kloster, das die selben Ziele verfolgt.
 

3. Abschließenden Betrachtungen

 
Zum Abschluss dieser zusammenfassenden Betrachtungen, mit welchen wir die patristischen Zeugnisse über die Priesterausbildung in ihrem historischen Rahmen durchlaufen wollten, sollte eine wichtige Stelle des Apostolischen Schreibens Evangelii Nuntiandi gelesen werden: «Ein Blick auf die Ursprünge der Kirche», so schrieb Paul VI. im Jahre 1975, «macht vieles klar und deutlich und erlaubt, eine alte Erfahrung bei den Dienstämtern aufzugreifen. Die Erfahrung ist umso wertvoller, weil sie es der Kirche erlaubt, zu wachsen, sich zu festigen und auszubreiten».[39]

Das ist die Perspektive, die wir auf diesen Seiten vorgestellt haben, wo wir anfängliche Reflexionen über die PDV mit der Geschichte der christlichen Ursprünge vergleichen wollten: «"Jesus stieg auf den Berg, er rief jene zu sich, die er wollte, und sie gingen zu ihm hin...". Wir können behaupten, das die Kirche in unserer Geschichte», so lautet unser Text, «diese Seite des Evangeliums, obgleich mit anderer Intensität und anderen Modalitäten, immer wieder durch das Ausbildungswerk gelebt hat, das den Presbyterkandidaten und den Priestern selbst vorbehalten ist».[40]

Wir sind überzeugt, dass der Hinweis auf die lebendige Tradition der Väter den  «Ausbildnern» und den «Auszubildenden» eine Hilfe ist, um sich in jedem Augenblick der Priesterausbildung mit der sich niemals ändernden Wesensart des Priester»  wirksam zu konfrontieren:[41] Denn der Priester der «neuen Evangelisierung», ist wie der Presbyter der christlichen Ursprünge wohl immer gerufen, lebendiges und transparentes Abbild Christi, des guten Hirten, zu sein.  
 
Enrico dal Covolo

                                                                                   

[1]Grundlegende Bibliographie:  O. PASQUATO, L'istituzione formativa del presbitero nel suo sviluppo storico (sec. I-XVI), «Sale­sianum» 58 (1996), S. 269-299 (umfassende weit verstreute Bibliographie).

[2]Vgl. A. FAIVRE, Naissance d'une hiérarchie. Les premières étapes du cursus clérical (= Théologie historique, 40), Paris 1977; ID., Ordonner la fraternité..., S. 55-109 (mit umfassender bibliographischer Auswahl: vgl. vor allem  S. 459-472, zusätzlich nun auch J. YSEBAERT, Die Amtsterminologie im Neuen Testament und in der Alten Kirche. Eine lexikographische Untersuchung, Bre­da 1994. Die von Faivre aufgestellten Thesen sind jedoch einer aufmerksamen kritischen Prüfung zu unterziehen: vgl. E. DAL COVOLO, Chiesa Società Politica. Aree di «laicità» nel cristianesimo delle origini [= Ieri Oggi Domani, 14], Rom 1994, S. 160-162). Zu den Ursprüngen des hierarchischen Priestertums s. auch  R.M. HÜBNER, Die Anfänge von Diakonat, Presbyterat und Episkopat in der frühen Kirche, in A. RAUCH-P. IMHOF SJ (curr.), Das Priestertum in der Einen Kirche. Diakonat, Presbyterat und Episkopat. Regensburger Ökumenisches Symposion 1985 (= Koinonia, 4), Aschaffenburg 1987, S. 45-89; A. HOUSSIAU, Le sacerdoce ministériel dans l'Église ancienne, in A. HOUSSIAU-J.-P. MONDET (curr.), Le sacerdoce du Christ et de ses serviteurs selon les Pères de l'Église (= Collection Cerfaux-Lefort, 8), Louvain-La-Neuve 1990, S. 1-47; P. CHAUVET, Sacerdoce des baptisés, sa­cerdoce des prêtres (= Pères dans la foi, 46), Paris 1991; J. SARAIVA MARTINS, Il sacerdozio ministeriale. Storia e teologia (= Subsidia Urbaniana, 48), Rom 1991; E. FERGUSON (cur.), Church, Ministry, and Organization in the Early Church Era (= Studies in Early Christianity, 13), New York-London 1993; siehe ebenso M. SIMONETTI, Presbiteri e vescovi nella chiesa del I e II secolo, «Vetera Christianorum» 33 (1996), S. 115-132, und vor allem E. CATTANEO, I ministeri nella Chiesa anti­ca. Testi patristici dei primi tre secoli (= Letture cristiane del primo millennio, 25), Milano 1997.

[3]Über die kirchliche Ordnung im Neuen Testament – gesehen  als ein sich weiterentwickelndes System  - siehe G. GHIBERTI, Sa­cerdozio ministeriale e laicità. Il progetto neotestamentario, in DIPARTIMENTO DI SCIENZE RELIGIOSE DELL'UNI­VERSITA' CATTOLICA (cur.), Laicità nella Chiesa (= Glaube und moderne Welt, 3), Milano 1977, S. 160-180.

[4]Vgl. E. DAL COVOLO (et alii), Laici e laicità nei primi secoli della Chiesa (= Letture cristiane del primo millennio, 21), Mailand 1995.

[5]O. PASQUATO, L'istituzione formativa del presbitero...

[6]Didaché 15,1-2, edd. W. RORDORF-A. TUILIER, SC 248, Paris 1978, S. 192-194.

[7]Ibidem 11,2, S. 182-188.

[8]Vgl. Didaché. Dottrina dei Dodici Apostoli. Einführung, Übersetzung und Anmerkungen  U. MATTIOLI (= Letture cristiane delle ori­gini, 5/Testi), Rom 19803, S. 63-69, und zum Gesamtüberblick K. NIEDERWIMMER, Die Didaché (= Kommentar zu den Apo­stolischen Vätern, 1), Göttingen 1989. Siehe auch F.E. VOKES, Life and Order in Early Church: the Didache, in W. HAASE (cur.), Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt, 2,27,1, Berlin-New York 1993, S. 209-233; C.N. JEFFORD (cur.) The Didache in Context. Essays on Its Text, History and Transmission (= Supplements to Novum Testamentum, 77), Leiden - New York - Köln 1995 (A Bibliography of Literature on the Didake, S. 368-382). Über die Beziehung zwischen  «Charisma» und «Institution» in den ersten Jahrhunderten, siehe nun E. CATTANEO, Carisma e istituzione nella Chiesa antica 37 (1996), S. 201-216.

[9]Didaché 9,4. 10,5, S. 176.

[10]CLEMENS ROMANUS, Brief an die Korinther 40,1-5, ed. A. JAUBERT, SC 167, Paris 1971, S. 166.

[11]Ibidem 46,6-7, S. 176.

[12]Ibidem 59,4, S. 196.

[13]Siehe oben, Anmerkungen 42-51 und Kontext.

[14]Vgl. E. DAL COVOLO, I laici nella chiesa delle origini, in M. TOSO (cur.), Laici per una nuova evangelizzazione. Studi sull'esortazione apostolica «Christifideles Laici», Leumann (Torino) 1990, S. 41-54; E. DAL COVOLO, Ministeri e missio­ne..., pp. 123-136; ID., Laici e laicità nei primi secoli della Chiesa, «Rassegna di Teologia» 37 (1996), S. 359-375.

[15]CLEMENS AL., Stromateis 5,6,33,3, edd. O. STÄHLIN - L. FRÜCHTEL - U. TREU, GCS 524, S. 347-348.

[16]ID., Paidagogos 1,7,58,1. 59,1, edd. H.I. MARROU - M. HARL, SC 70, Paris 1960, S. 214.

[17]Siehe vor allem G. OTRANTO, Il sacerdozio comune dei fedeli nei riflessi della 1 Petr. 2,9 (I e II secolo), «Vetera Christia­norum» 7 (1970), S. 225-246.

[18]ORIGENES, Homilie zum Buch Levitikus 9,1, ed. M. BORRET, SC 287, S. 72. Vgl. E. DAL COVOLO, «Voi siete stirpe eletta, sacerdozio regale, popolo santo...». Esegesi e catechesi nell'in­terpretazione origeniana di 1 Petri 2,9, in S. FELICI (cur.), Esegesi e catechesi nei Padri della Chiesa (secc. II-IV) (= Bibliothek für Religionswissenschaften, 106), Rom 1993, S. 85-95.

[19]ORIGENES, Contra Celsum 8,74, ed. M. BORRET, SC 150, Paris 1969, S. 348-350.

[20] Siehe besonders A. FAIVRE, Die Laien im Ursprung der Kirche (franz. Ausgabe, Paris 1984), Cinisello Balsamo 1986. Aber vgl. die “zusammenfassenden Perspektiven” v.P. Siniscalo und mir in E. Dal COVOLO, Chiesa Società Politica…, S.159-173.

[21]C. PIETRI, Prefazione, in E. DAL COVOLO, I Severi e il cristianesimo. Ricerche sull'ambiente storico-istituzionale delle origini cristiane tra il secondo e il terzo secolo (= Biblio­thek für Religionswissenschaften, 87), Rom 1989, S. 6.

[22]Zur gegenständlichen Dokumentation verweise ich auf E. DAL COVOLO, I Severi e il cristianesi­mo...; P. SINISCALCO, I laici nei primi secoli del cristianesimo, in P.S. VANZAN (cur.), Il laica­to nella Bibbia e nella storia (= Nuovi saggi, 2), Rom 1987, S. 95-96.

[23]A.G. MARTIMORT, Nouvel examen de la "Tradition Apostolique" d'Hippolyte, «Bul­letin de Littérature Ecclésiastique» 88 (1987), S. 5-25; ID., Encore Hippolyte et la "Tradition Apostolique", ibidem 92 (1991), S. 133-137; M. METZGER, Enquêtes autour de la pretendue "Tradition Apostolique", «Ecclesia orans» 9 (1992), S. 7-36; ID., A' propos des règlements ec­clésiastiques et de la prétendue Tradition Apostolique, «Revue des Sciences Religieuses» 66 (1992), S. 249-261; A.G. MARTIMORT, Encore Hippolyte et la "Tradition Apostolique" (II), «Bulletin de Littérature Ecclésiastique» 97 (1996), S. 275-287; F. RUGGIERO, Celebrazione, effusione della grazia e annuncio nella Tradizione Apostolica, in E. MANICARDI - F. RUGGIE­RO (curr.), Liturgia ed evangelizzazione..., S. 147-184.

[24]Vgl. M. SIMONETTI, Aggiornamento su Ippolito, in INSTITUTUM PATRISTICUM AUGUSTINIANUM (cur.), Nuove ricerche su Ippolito (= Studia Ephemeridis "Augustinianum", 30), Rom, 1989, S. 75-130 (vor allem über die Apostolische Überlieferung vgl. Anm.160, S. 127-128). Die kürzliche Publikation des Bandes von A. BRENT, Hippolytus and the Roman Church in the Third Century. Communities in Tension before the Emergence of a Monarch-Bishop (= Supplements to Vigiliae Christianae, 31), Leiden - New York - Köln 1995, scheint weitere Anregungen zur Forschung zu geben. Ich habe jedoch den Eindruck, die im Titel ausgesprochene These kann nur schwer der Untersuchung anhand der Zeugnisse standhalten: siehe diesbezüglich  M. SIMONETTI, Una nuova proposta su Ippolito, «Augustinianum» 36 (1996), S. 13-46. Vgl. schließlich J.-P. BOU­HOT, L'auteur romain des Philosophumena et l'écrivain Hippolyte, «Ecclesia Orans» 13 (1996), S. 137-164.

[25]Im Griechischen cheirotonia. Vgl. C. VOGEL, Cheirotonie et Chirotésie. Importance et relati­vité de l'imposition des mains dans la collation des ordres, «Irénikon» 45 (1972), S. 7-21. 207-238; G. KRETSCHMAR, Die Ordination im frühen Christentum, «Freiburger Zeitschrift für Phi­losophie und Theologie» 22 (1975), S. 35-69; E. FERGUSON, Laying on of Hands: its Signifi­cance in Ordination, «Journal of Theological Studies» 26 (1975), S. 1-12. Über die Theologie der Ordintation vom Beginn des 3. Jh. bis zum Konzil von Nizäa, vgl. J. LÉCUYER, Le sacrement de l'ordination. Recherche historique et théologique (= Théologie historique, 65), Paris 1983, S. 28-59.

[26]PSEUDOHIPPOLYT, Die Apostolische Überlieferung 3, ed. B. BOTTE, SC 11 bis, Parigi 19842, S. 42-46.

[27]M. SIMONETTI, Roma cristiana tra II e III secolo, «Vetera Christianorum» 26 (1989), S. 135-136 (Neudruck in ID., Ortodossia ed eresia tra I e II secolo [= Armarium. Biblioteca di storia e cultura religiosa, 5], Messina 1994, S. 291-314).

[28]Siehe zuletzt U. FALESIEDI, Le diaconie. I servizi assistenziali nella Chiesa antica (= Sussidi Patristici, 7), Rom 1995, vor allem  S. 51-55.

[29]PSEUDOHIPPOLYTH,  Die Apostolische Überlieferung 4, ed. B. BOTTE, SC 11 bis, S. 52.

[30]Siehe die kurze, nicht weniger effiziente Zusammenfassung von  P.F. BEATRICE, Storia della Chiesa An­tica, Torino 1991, S. 67-73 (kritisch-bibliographische Anmerkung, S. 119-127).

[31]Vgl. B. STUDER, La teologia nella Chiesa imperiale (300-450), in ISTITUTO PATRI­STICO AUGUSTINIANUM (cur.), Storia della teologia..., S. 305 ff.

[32]INNOZENZ I., Epistola 2,3, PL 20, c. 472.

[33]Vgl. K. BAUS - E. EWIG, Die Zeit der Konzile (= Kirchengeschichte geleitet von Hubert Jedin, 2) (deut. Ausgabe, Freiburg im Breisgau 1971), Mailand 1972, S 295-315.

[34]Vgl., auch als Hinweis auf die jeweiligen Ausgaben, A. TRAPÉ, Il sacerdote uomo di Dio..., S 16-17.

[35]Siehe z.B. L. BOUYER, La spiritualità dei Padri (III-VI secolo). Monachesimo antico e Padri (= Storia della spiritualità, 3/B), Bologna 1986.
 
[36]Ebenso O. PASQUATO, L'istituzione formativa del presbitero..., S. 278, worauf wir auch für die nachfolgenden Betrachtungen verweisen.

[37]ATANASIUS, Leben des Antonius, ed. G.J.M. BARTELINK, SC 400, Paris 1994, S. 178.

[38]AUGUSTINUS, Sermon 355,2, Neue Augustinische Bibliothek 34, Rom 1989, S. 244-246.

[39]PAUL VI. , Evangelii Nuntiandi 73, «Acta Apostolicae Sedis» 68 (1976), S. 62.

[40]PDV 2, S. 659. Für einen Gesamtüberblick über den ganzen Zeitraum der Kirchengeschichte, sie auch L. PACOMIO (cur.), I preti da 2.000 anni memoria di Cristo tra gli uomini, Casale Monf. 1991 (über das patristiche Zeitalter siehe den Beitrag von PADOVESE, Sacerdote in un «regno di sacerdoti» (Ap 1,6): riflessioni e testimonianze patristiche sul ministero ordinato, ibidem, S. 85-151).

[41]PDV 5, S. 664.


(Quelle: http://www.annussacerdotalis.org/clerus/dati/2009-06/18-13/Prospettive_di_sintesi_de.html)

Ad catholici sacerdotii

Unseres Heiligen Vaters

Pius XI.

durch göttliche Vorsehung Papst

 

Rundschreiben

 
über das katholische Priestertum

 
 

20. Dezember 1935:

„Ad catholici sacerdotii"

 

An die Patriarchen, Primaten,

Erzbischöfe, Bischöfe und alle anderen Ordinarien,

die im Frieden und in Vereinigung mit dem

Apostolischen Stuhle leben:

Über das katholische Priestertum.

 
Papst Pius XI.

entbietet seinen ehrwürdigen Brüdern

Gruß und Apostolischen Segen.

 

Seit dem Tage, da Wir Uns durch den unerforschlichen Ratschluß der göttlichen Vorsehung auf dem höchsten Gipfel des katholischen Priestertums erhoben sahen, haben Wir unablässig Unsere ganz besondere Aufmerksamkeit und Liebe jenen Unserer zahllosen, gottgeschenkten Söhne zugewendet, die, mit dem Charakter des Priestertums geschmückt, den Auftrag erhalten haben, „Salz der Erde und Licht der Welt" (Matth. 5, 13 14) zu sein; und in noch höherem Grade jenen lieben jungen Männern, die im Schatten des Heiligtums erzogen werden und sich auf diese erhabene Mission vorbereiten.

Schon in den ersten Monaten Unseres Pontifikates, noch vor Unserem ersten feierlichen Rundschreiben an die Gläubigen des ganzen Erdkreises (Rundschreiben Ubi arcano vom 23. Dez. 1922), ließen Wir es Uns in dem Apostolischen Schreiben Officiorum omnimum von 1. August 1922 an Unsern geliebten Sohn, den Kardinalpräfekten der Heiligen Kongregation der Seminare und Universitäten (A.A.S. 14, 1922, 449 ff.), angelegen sein, die Richtlinien zu entwerfen, nach denen die jungen Diener des Heiligtums zu Priestern erzogen werden sollen. Und sooft Uns die Hirtensorge antreibt, die Anliegen und Bedürfnisse der Kirche mehr im einzelnen zu betrachten, gilt Unsere Aufmerksamkeit in erster Linie den Priestern und Klerikern. Sie sind immer der Hauptgegenstand Unserer fürsorglichen Liebe.

In beredter Weise zeigen Unser besonderes Interesse für Priester und Priestertum zahlreiche Seminare. Wo noch seine bestanden, haben Wir solche gegründet. Andern haben Wir unter hohen Kosten ein neues geräumiges und würdiges Heim errichtet oder sie reichlicher mit Mitteln und Personal ausgestattet, so daß sie ihr hohes Ziel in entsprechenderer Weise erreichen können.

Anläßlich Unseres goldenen Priesterjubiläums haben Wir Unsere Zustimmung dazu gegeben, daß der schöne Erinnerungstag festlich begangen würde, und hocherfreut war Unser Vaterherz über die Äußerungen kindlicher Liebe, die Uns aus allen Teilen der Welt entgegengebracht wurden. Aber das geschah weniger, weil Wir darin eine Huldigung Unserer Person sahen, sondern vor allem darum, weil Wir in dieser Feier eine gebührende Ehrung der priesterlichen Würde und des priesterlichen Charakters erblickten. Auch mit der Reform der Studien in den kirchlichen Fakultäten, die Wir durch die Apostolische Konstitution Deus scientiarum Dominus vom 24. Mai 1931 anordneten, beabsichtigten Wir hauptsächlich, die Bildung und das Wissen der Priester zu erweitern und zu heben (A.A.S. 23, 1931, 241FF.).

Das Priestertum scheint Uns jedoch ein Gegenstand von so großer und allgemeiner Bedeutung zu sein, daß Wir darüber noch ausdrücklicher in diesem Unserem Rundschreiben handeln wollen; denn nicht nur jene, die schon das unschätzbare Geschenk des Glaubens besitzen, sollen die Erhabenheit des katholischen Priestertums und seine providentielle Sendung in die Welt erkennen, sondern auch alle jene, die mit ehrlichem und aufrichtigem Herzen die Wahrheit suchen. Vor allem aber sollen jene die Größe des Priestertums erkennen und schätzen, die zu ihm berufen sind.

Gerade für den Abschluß dieses Jahres scheint Uns das Priestertum ein geeigneter Gegenstand Unseres Hirtenschreibens zu sein. Sah dieses Jahr doch zu Lourdes, im helleuchtenden Heiligtum der Unbefleckten, und beiden andächtigen, ununterbrochenen Feiern des Eucharistischen Triduums, das katholische Priestertum aller Zungen und aller Riten, wie umflossen von den letzten himmlischen Sonnenstrahlen des untergehenden Gnadentages des Jubiläums der Erlösung, das von der Hauptstadt der Christenheit auf den ganzen katholischen Erdkreis ausgedehnt war; jener Erlösung, deren Diener Unsere treuen, verehrten Priester sind, die sich nie so eifrig und wohltätig zeigten wie in diesem außerordentlichen Heiligen Jahr, in dem auch, wie Wir in der Apostolischen Konstitution Quod nuper (A.A.S. 25, 1933, 5 — 10) ausgeführt haben, die 19. Jahrhundertfeier der Einsetzung des Priestertums begangen wurde.

So wollen Wir denn diese Enzyklika in die Reihe Unserer früherer Rundschreiben eingliedern, in denen Wir die schweren und drückenden Fragen des modernen Lebens durch das Licht katholischen Lehre zu erhellen suchten, und dadurch allen jenen Unsern feierlichen Unterweisungen eine zeitgemäße Ergänzung geben.

Der Priester ist nämlich durch den Beruf und göttlichen Auftrag der besondere Apostel und unermüdliche Förderer der christlichen Jungenderziehung (Rundschreiben Divini illius Magistri von 31. Dez. 1929). Der Priester segnet im Ramen Gottes die christliche Ehe und verteidigt ihre Heiligkeit und Unauflöslichkeit gegen die Angriffe und Irrungen, die herrühren von der Begirde und Sinnlichkeit (Rundschreiben Casti connubii vom 31. Dez. 1930). Der Priester trägt am meisten zur Lösung oder wenigstens zur Linderung der sozialen Gegensätze bei: er predigt die christliche Bruderliebe; er erinnert an alle gegenseitigen Pflichten der Gerechtigkeit und evangelischen Liebe: er beruhigt die Gemüter, die durch sittliche und wirtschaftliche Mißstände erbittert sind; reich und arm weist er auf die einzig wahren Güter hin, die alle erstreben müssen und können (Rundschreiben Quadragesimo anno vom 15. Mai 1931). Der Priester ist schließlich der wirksamste Bannerträger jenes Kreuzzuges der Sühne und Buße, zu dem Wir alle Guten aufgefordert haben, um die Gotteslästerungen, Schändlichkeiten und Verbrechen zu sühnen, die die Menschheit in der jetzigen Zeit entehren (Rundschreiben Caritate Christi vom 3. Mai 1932), einer Zeit, die wie wenige andere in der Geschichte Gottes Barmherzigkeit und Verziehen nötig hat.

Die Feinde der Kirche kennen sehr wohl die lebenswichtige Bedeutung der Priestertums. Richten sie doch ihre Angriffe — wie Wir es schon für Unser liebes mexikanisches Volk beklagt haben (Rundschreiben Acerba animi vom 29. Sept. 1932) — vor allem gegen das Priestertum, um es zu beseitigen und sich dadurch den Weg zu bahnen zu der immer ersehnten, aber nie erreichten Vernichtung der Kirche selbst.

 

I.

 
Immer hat die Menschheit das Bedürfnis nach Priestern empfunden, d. h. nach Menschen, die durch ihre amtliche Sendung Mittler zwischen Gott und den Menschen sind und aus der gänzlichen Hingabe an ihre Mittlerschaft ihre Lebensaufgabe machen. Sie sind beauftragt, Gott öffentliche Gebete und Opfer im Namen der Gesellschaft darzubringen; denn diese hat auch als solche die Pflicht, Gott durch einen öffentlichen und sozialen Kult zu verehren, ihn als ihren höchsten Herrn und ersten Ursprung anzuerkennen, zu ihm als dem letzten Ziele zu streben, ihm unaufhörlich zu danken und ihn zu versöhnen. In der Tat, bei allen Völkern, deren Gebräuche wir kennen, finden sich, wenn sie nicht durch Gewalt zur Verleugnung der heiligsten Gesetze der menschlichen Natur gezwungen wurden, Priester, wenn auch oft im Dienste falscher Gottheiten. Wo immer sich Religion zeigt, wo immer man Altäre errichtet, dort gibt es auch ein Priestertum, das mit besondern Erweisen der Achtung und Verehrung umgeben ist.

Aber im Glanze der göttlichen Offenbarung zeigt sich das Priestertum mit weit größerer Würde umkleidet, von der eine ferne Andeutung ist (Gen. 14, 18) die geheimnisvolle, ehrwürdige Gestalt des Melchisedech, des Priesters und Königs, den der hl. Paulus zu der Person und zum Priestertum Jesu Christi selbst in Beziehung bringt (Hebr. 5, 10; 6, 20; 7, 1 10 11 15).

Der Priester ist nach der großartigen Begriffsbestimmung des hl. Paulus zwar ein Mensch „aus der Zahl der Menschen genommen", aber einer, der „für die Menschen aufgestellt wird in ihren Angelegenheiten mit Gott" (Hebr. 5,1). Gegenstand seines Amtes sind nicht menschliche und vergängliche Dinge, so hoch und schätzenswert sie auch scheinen mögen, sondern göttliche und ewige: Dinge, die man zwar aus Unwissenheit verlachen und verachten kann, die aus Bosheit und mit teuflischer Wut bekämpft werden, wie es eine traurige Erfahrung oft gezeigt hat und noch heute zeigt, die aber immer an erster Stelle aller Einzel und Gemeinschaftsinteressen der menschlichen Gesellschaft stehen; denn diese fühlt unwiederstehlich, daß sie von Gott geschaffen ist und darum nur in ihm zur Ruhe kommen kann.

Im mosaischen Gesetz wurden dem Priestertum, dessen positiv—göttliche Einsetzung von Moses auf Eingebung Gottes veröffentlicht wurde, bestimmte Aufgaben, Obligenheiten und Riten im einzelnen zugewiesen. Es scheint, daß Gott in seiner Sorge dem noch unentwickelten Geiste des jüdischen Volkes einen großen Grundgedanken einprägen wollte, der in der Geschichte des auserwählten Volkes sein Licht über alle Ereignisse, Gesetze, Würden und Ämter ausstrahlen sollte: Opfer und Priestertum, die durch den Glauben an den fünftigen Messias (vgl. Hebr. Kap.11) ein Quell der Hoffnung, des Ruhmes, der Kraft und geistigen Befreiung werden sollten. Der Tempel des Salomon, herrlich in seinem Reichtum und Glanz, aber noch herrlicher in seinen Einrichtungen und Riten, dem einzig wahren Gott als Zelt der göttlichen Majestät auf Erden errichtet, war ein hohes Lied, gesungen auf jenes Opfer und jenes Priestertum, das — Schatten und Gleichnis nur — doch ein so gewaltiges Geheimnis in sich schloß, daß es den Sieger Alexander den Großen in Ehrfurcht von der geheiligten Erscheinung des Hohenpriesters auf die Kniee zwang (vgl. Ios. Flav., Antiquit. 1. 9, c. 8, n. 5 Ausg. Teubner III, 61, § 331). Und Gott selbst ließ den ruchlosen König Balthasar seinen Zorn fühlen, weil er mit den geweihten Gefäßen des Tempels Zechgelage gehalten hatte (vgl. Dan. 5,1 — 30).

Und doch besaß jenes alte Priestertum seine erhabene Majestät und Herrlichkeit nur als Vorbild des christlichen Priestertums, des Priestertums des Reuen und Ewigen Bundes, der geschlossen ist in dem Blute des Welterlösers Jesus Christus, der da ist Wahrer Gott und Wahrer Mensch!

Der Völkerapostel faßt das kurz in die plastischen Worte zusammen, soweit Worte die erhabene Würde und Aufgabe des christlichen Priestertums überhaupt ausdrücken können: „So betrachte man uns als Diener Christi und als Ausspender der Geheimnisse Gottes" (1 Kor. 4,1).

Der Priester ist Diener Jesu Christi: er ist also Werkzeug in der Hand des göttlichen Erlöser zur Fortführung seines Erlösungswerkes in seiner ganzen Weltweite und göttlichen Wirksamkeit, zur Fortführung jenes Wunderwerkes, das die Welt umgestaltet hat. Ja, der Priester ist, wie man mit voller Berechtigung zu sagen pflegt, in der Tat „ein zweiter Christus", weil er in gewisser Weise Jesus Christus selbst fortsetzt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh. 20, 21). Wie Christus fährt auch er fort, nach dem Lobgesang der Engel, „Ehre" zu geben „Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind" (Luk. 2, 14).

Zunächst also setzte, wie das Konzil von Trient lehrt (sess. 22 , cap.1 ), Jesus Christus beim letzten Abendmahle das Opfer und Priestertum des Reuen Bundes ein: „Zwar hat sich unser Herr und Gott nur einmal durch den Tod auf dem Altare des Kreuzes dem himmlischen Vater darbringen wollen, um dort unsere ewige Erlösung zu wirken. Es sollte aber sein Priestertum durch den Tod nicht ausgelöscht werden. Deshalb hat er beim letzten Abendmahle, in der Nacht, da er verraten wurde, seiner geliebten Braut, der Kirche, ein Opfer hinterlassen, ein sichtbares Opfer, wie es die menschliche Natur verlangt. Durch dieses Opfer sollte jenes einmalige blutige Kreuzesopfer dargestellt werden, und sein Gedächtnis sollte fortdauern bis zum Ende der Welt und uns seine Kraft zur Tilgung all unserer täglichen Sünden zugewendet werden. Er erklärte sich als ewigen Priester nach der Ordnung des Melchisedech. Seinen Leib und sein Blut brachte er unter den Gestalten von Brot und Wein dem göttlichen Vater dar. Unter den Sinnbildern der gleichen Gestalten reichte er sie seinen Aposteln zum Empfange dar, die er damals zu Priestern des Reuen Bundes einsetzte. Ihnen und ihren Nachfolgern im Priestertum befahl er zu opfern, indem er sprach: ¸Tut dies zu meinem Andenken!‘ (Luk. 22, 19; 1 Kor. 11, 24)."

Von da an begannen die Apostel und ihre Nachfolger im Priesteramte jene „reine Opfergabe" zum Himmel zu erheben, durch die nach Weissagung des Malachias (1, 2) der Name Gottes groß ist unter den Völkern und die, nunmehr dargebracht in allen Teilen der Erde und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, unaufhörlich bis zum Ende der Welt sich opfern wird.

Es ist dies eine wahre und nicht bloß symbolische Opferhandlung. Durch die Versöhnung des Sünders mit der göttlichen Majestät übt sie eine reale Wirksamkeit aus, „da Gott, durch diese Opfergabe versöhnt, die Gnade und die Gabe der Buße verleiht und dadurch Verbrechen und Sünden — auch die schwersten — nachläßt" (Conc. Trid. sess. 22, cap. 2).

Den Grund hierfür gibt dasselbe Konzil von Trient mit den Worten an: „Es ist ein und dieselbe Opfergabe. Derselbe, der sich damals selbst am Kreuze geopfert hat, bringt jetzt durch den Dienst der Priester das Opfer dar. Nur die Art zu opfern ist verschieden" (Conc. Trid. sess. 22, cap. 2). Daraus erhellt die unaussprechliche Größe des menschlichen Priesters, der Gewalt selbst über den Leib Jesu Christi hat. Er macht ihn auf unsern Altären gegenwärtig und bringt ihn, im Namen Christi selbst, als unendlich wohlgefällige Opfergabe der göttlichen Majestät dar. „Wunderbar ist das, wunderbar und staunenswert", ruft da voller Berechtigung der hl. Johannes Chrysostomus aus (De sacerdotio 1. 3, c. 4: Migne, P.G. 48, 642).

Außer der Macht, die der Priester über den wirklichen Leib Christi ausübt, hat er noch andere hohe und erhabene Gewalten erhalten: über Christi mystischen Leib. Wir brauchen Uns, Ehrwürdige Brüder, nicht dabei aufzuhalten, diese herrliche Lehre vom mystischen Leibe Jesu Christi, die dem hl. Paulus so lieb war, darzulegen; jene Lehre, die uns die Person des fleischgewordenen Wortes zeigt in Vereinigung mit all seinen Brüdern, auf die sich die übernatürliche Wirkung, die von ihm ausgeht, erstreckt und die mit ihm als dem Haupte einen einzigen Leib bilden, dessen Glieder sie sind. Der Priester ist nun eingesetzt als „Ausspender der Geheimnisse Gottes" (1 Kor. 4,1) zum Segen dieser Glieder des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi. Er ist der ordentliche Ausspender fast aller Sakramente, die da sind die Kanäle, durch welche die Gnade des Erlösers zum Heile der Menschheit uns zufließt. Fast bei jedem entscheidungsvollen Schritt seines Erdenweges findet der Christi an seiner Seite den Priester, bereit, ihm mit der von Gott verliehenen Vollmacht jene Gnade mitzuteilen oder zu vermehren, die das übernatürliche Leben der Seele ist. Gerade ist der Mensch zum Erdenleben geboren, da teilt ihm der Priester durch die Taufe die Wiedergeburt zu einem edleren und kostbareren Leben mit, zum übernatürlichen Leben, und macht ihn zum Kinde Gottes und der Kirche Christi. Um ihn stark zu machen für einen großmütigen geistlichen Kampf, macht ihn ein Priester, der mit besonderer Würde bekleidet ist, in der Firmung zum Streiter Christi. Sobald er das Brot der Engel zu unterscheiden und würdigen vermag, reicht es ihm der Priester, diese lebendige und lebenspendende Speise, die vom Himmel herabgestiegen ist. Ist er gefallen, dann richtet ihn der Priester im Namen Gottes wieder auf und versöhnt ihn mit Gott im Bußsakrament. Beruft ihn Gott dazu, eine Familie zu gründen und mit ihm an der Weitergabe des menschlichen Lebens in der Welt mitzuwirken, um die Zahl der Gläubigen auf Erden und damit die Zahl der Auserwählten im Himmel zu vermehren, dann ist der Priester zur Stelle, um seine Ehe und seine keusche Liebe zu segnen. Und wenn der Christ an der Schwelle der Ewigkeit angekommen ist und Stärkung und Ermutigung benötigt, bevor er vor dem Richterstuhle Gottes erscheint, dann neigt sich der Priester über den schmerzenden Leib des Kranken und heiligt und stärkt mit dem heiligen Öl. Hat endlich der Priester den Christen so auf der Erdenpilgerschaft bis zur Pforte des Himmels begleitet, dann geleitet er den Leib zum Grade mit den heiligen Zeremonien und Gebeten, die voll unsterblicher Hoffnung sind, und folgt der Seele über die Schwelle der Ewigkeit, um ihr mit christlicher Fürsprache zu helfen, falls sie noch der Reinigung und Tröstung bedarf. So ist der Priester von der Wiege bis zum Grabe, ja bis zum Himmel an der Seite der Gläubigen: als Führer und Tröster, Diener des Heiles, Ausspender von Gnaden und Segnungen.

Jedoch unter allen diesen Vollmachten, die der Priester über den mystischen Leib Christi zum Segen der Gläubigen besitzt, befindet sich eine, bei der Wir Uns nicht mit dem einfachen obigen Hinweis begnügen können. Wir meinen die Vollmacht, „die Gott", nach einem Wort des hl. Johannes Chrysostomus, „weder Engeln noch Erzengeln verlieh" (De sacerdotio 1. 3, c. 5: P.G. 48, 642), die Gewalt der Sündenvergebung: „Welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten" (Joh. 20, 23). Eine staunenerregende Vollmacht, die nur Gott zukommt, so daß selbst menschlicher Stolz nicht begreifen konnte, daß es möglich sei, sie Menschen mitzuteilen: „Wer kann Sünden nachlassen als Gott allein?" (Mark. 2,7.)

Und wenn wir sie von einem gewöhnlichen Menschen ausgeübt sehen, da fragen wir uns mit Recht, nicht in pharisäischem Ärgernis, sondern in ehrfürchtigem Staunen vor so großer Würde:„Wer ist dieser, daßer sogar Sünden vergibt?" (Luk. 7, 49.) Aber der Gottmensch, der die „Vollmacht, Sünden auf Erden zu vergeben" (Luk. 5, 24), hatte und noch hat, wollte sie gerade seinen Priestern mitteilen, um mit der Freigebigkeit und dem Erbarmen Gottes dem Bedürfnis nach Reinigung der Seele entgegenzukommen, das den Herzen aller Menschen eingepflanzt ist.

Welch einen Trost bedeutet es für den schuldbeladenen, von Gewissensbissen geqälten, reuigen Menschen, das Wort zu hören, das der Priester im Namen Gottes zu ihm sagt: „Ich spreche dich los von deinen Sünden„! Und der Umstand, daß er es hört aus dem Munde eines Menschen, der auch seinerseits es für sich von einem andern Priester erbitten muß, entwertet nicht nur nicht dieses Geschenk der Barmherzigkeit, sondern läßt es ihm nur so größer erscheinen; denn so wird durch das gebrechliche Geschöpf hindurch viel deutlicher sichtbar Gottes Hand, dessen Macht das Wunder wirkt. Und deshalb „sind wir", um ein Wort des berühmten Schriftstellers zu gebrauchen, der über religiöse Fragen mit einer für Laien seltenen Sachkenntnis handelt, „uns bewußt, keine niedrige Handlung begangen zu haben, wenn wir uns von den Füßen des Priesters erheben. Denn in tiefer Ergriffenheit vor seiner eigenen Unwürdigkeit und vor der Erhabenheit seines Tuns streckt dieser ja seine geweihten Hände über unser Haupt aus; und im demütigenden Bewußtsein seiner Unwürdigkeit, Ausspender des Blutes des Bundes zu sein, und jedesmal voll Staunen darüber, daß er Worte des Lebens sagen kann, sprach er — der Sünder — den Sünder los. Zu Füßen eines Menschen haben wir uns befunden, der Christi Stelle vertrat. Wir standen dort, um Freiheit und Gotteskindschaft zu erlagen" (Al. Manzoni, Osservazioni sulla morale cattolica Kap. 18).

Und diese erhabenen Gewalten, die dem Priester in einem eigens dafür eingesetzten Sakramente verliehen wurden, sind in ihm nicht nur zeitweilig und vorübergehend, sondern ständig und dauernd. Denn sie sind mit einem unauslöschlichen Merkmal verbunden, das seiner Seele eingeprägt wurde. „Priester in Ewigkeit"(vgl. Ps. 109, 4) wurde er dadurch, änlich dem, an dessen ewigen Priestertum er Anteil bekam. Dieses Merkmal wird er, auch in den bedauerlichsten Verirrungen, in die er durch menschliche Schwäche fallen kann, nie aus seiner Seele austilgen können. Zusammen mit diesem Charakter und diesen Vollmachten empfängt der Priester durch das Weihesakrament eine neue und besondere Gnade mit dem Recht auf besondere Hilfen. Wenn er die göttlich mächtige Wirksamkeit der Gnade mit seiner freien persönlichen Mitarbeit begleitet, dann kann er in Kraft dieser Hilfen alle die harten Pflichten des erhabenen Standes, zu dem er berufen wurde, würdig erfüllen und kann, ohne erdrückt zu werden, die furchtbare Verantwortung des priesterlichen Amtes tragen, die sogar die stärksten Helden des christlichen Priestertums erzittern ließ, wie einen hl. Johannes Chrysostomus, einen hl. Gregor den Großen, einen hl. Karl Borromäus und so machen andern.

Der katholische Priester ist ferner „Diener Christi und Ausspender der Geheimnisse Gottes" (1 Kor. 4, 1) auch durch das Wort, durch jenen „Dienst am Worte" (Apg. 6, 4) der ein unveräußerliches Recht ist und zugleich eine unverjährbare Pflicht, von Jesus Christus selbst ihm auferlegt: „Gehet hin und lehret alle Völker ..., lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe" (Matth. 28, 19—20). Die Kirche Christi, die unfehlbare Verwalterin und Hüterin der göttlichen Offenbarung, teilt durch ihre Priester die Schätze der himmlischen Wahrheit aus. Die predigt ihn, der da ist „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt" (Joh. 1, 9). Mit göttlicher Fülle streut sie jenen Samen aus, der in den Augen der Welt unbedeutend und verächtlich ist, der aber, dem Senfkörnlein des Evangeliums gleich (vgl. Matth. 13, 31—32), in sich die Kraft birgt, feste und tiefe Wurzeln in die aufrichtigen und nach Wahrheit dürstenden Seelen zu senken und sie starken Bäumen gleich auch in den heftigsten Stürmen unerschüttert dastehen zu lassen.

Inmitten der Verirrungen des menschlichen Denkens, das gleichsam aufgebläht ist durch eine falsche Freiheit von jedem Gesetzt und jeder Bindung, inmitten der erschreckenden Verderbnis menschlicher Schlechtigkeit, erhebt sich als heller Leuchtturm die Kirche. Sie verurteilt jede Abirrung von der Wahrheit nach rechts und nach links und weist allen und jedem den rechten Weg. Kraft der unfehlbaren Verheißungen, auf denen er steht, kann dieser Leuchtturm nie verlöschen. Aber wehe, wenn er daran gehindert wird, sein segenbringendes Licht in Fülle auszusenden! Wir sehen es ja mit eigenen Augen, wohin die Welt dadurch gekommen ist, daß sie in ihrem Stolz die göttliche Offenbarung verworfen hat und — wenn auch unter dem Scheintitel der Wissenschaft — falschen Theorien der Philosophie und Sittenlehre gefolgt ist. Wenn die Welt auf der abschüssigen Bahn des Irrtums und des Lasters nicht noch tiefer abgeglitten ist, dann schuldet sie das dem Licht der christlichen Wahrheit, das immer noch in die Welt hineinstrahlt. Nun wohl, diesen ihren „Dienst am Worte" übt die Kirche durch die Priester aus. In weiser Ordnung sind diese von ihr auf die verschiedenen Stufen der heiligen Hierarchie verteilt und werden von ihr in alle Länder ausgesandt als unermüdliche Bannerträger der Frohbotschaft, die allein wahre Kultur erhalten, bringen oder neu erstehen lassen kann.

Das Wort des Priesters bringt in die Seelen und bringt ihnen Licht und Kraft. Auch mitten im Sturme der Leidenschaften ertönt es in unbeirrbarer Ruhe und verkündet unerschrocken die Wahrheit und fordert das Gute: jene Wahrheit, welche die schwersten Fragen des menschlichen Lebens aufklärt und löst; jenes Gute, das kein Unglück, nicht einmal der Tod, rauben kann, ja das der Tod sogar sicherstellt und unsterblich macht.

Betrachtet man die einzelnen Wahrheiten in sich, die der Priester pflichtgemäß immer wieder einschärfen muß, und wägt man ihre innere Kraft, dann begreift man, wie groß und wohltuend der Einfluß des Priester für die sittliche Hebung und für die Versöhnung und die Ruhe der Völker sein muß. So wenn er z. B. vornehm und gering erinnert an die Vergänglichkeit des gegenwärtigen Lebens, an die Wertlosigkeit der irdischen Güter, an den Wert der geistigen Güter und der unsterblichen Seele, an die Strenge der göttlichen Gerichte, an die unbestechliche Heiligkeit des Auges Gottes, der die Herzen aller erforscht und „einem jeden nach seinen Werken vergilt" (Matth. 16, 27). So gibt es kein besseres Mittel als alle diese und ähnliche Unterweisungen zur Beherrschung der fieberhaften Vergnügungssucht und ungezügelten Gier nach zeitlichen Gütern, die heute so viele Menschen entwürdigen und die verschiedenen Klassen der menschlichen Gesellschaft dazu treiben, sich als Feinde zu bekämpfen, statt einander in gegenseitiger Zusammenarbeit zu helfen. Inmitten sodann des Zusammenpralls so hemmungsloser egoistischer Wünsche, beim Auflodern so großen Hasses, bei so finsteren Racheplänen gibt es kein angebrachteres und wirksameres Mittel als die laute Verkündigung des „neuen Gebotes" Christi (Joh. 13, 14) des Gebotes der Liebe, das sich auf alle Menschen erstreckt und keine Schranken und Grenzen kennt, ja selbst die Feinde nicht ausnimmt.

Eine ruhmreiche Erfahrung von nunmehr zwanzig Jahrhunderten beweist die ganze segenbringende Wirksamkeit des priesterlichen Wortes. Denn da es ein treuer Widerhall des „Wortes Gottes" ist, das „lebendig, wirksam und schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert", so dringt auch dieses vor „bis zur Scheidung von Seele und Geist" (Hebr. 4, 12). Es erweckt Heldentum jeglicher Art, in jeder Menschenklasse und an allen Orten, und gibt selbstloses Wirken den ganz großmütigen Herzen ein.

Alle Wohltaten, welche die christliche Kultur in die Welt gebracht hat, sind wenigstens in ihrer Wurzel dem Wort und Wirken des katholischen Priester zu verdanken. Eine solche Vergangenheit würde aus sich schon eine Gewähr auch für die Zukunft bieten, hätten wir nicht in den unfehlbaren Verheißungen Christi ein „noch zuverlässigeres Wort" (2 Petr. 1, 19).

Auch das Missionswerk, das so klar die gottgegebene innere Kraft der Kirche zur Ausbreitung offenbart, wird hauptsächlich durch den Priester gefördert und getragen. Als Bahnbrecher des Glaubens und der Liebe breitet er unter zahllofen Opfern das Reich Gottes auf Erden immer weiter aus.

Endlich ist der Priester der öffentliche und amtliche Fürsprecher der Menschlichkeit bei Gott: auch darin setzt er die Sendung Christi fort, der „die ganze Nacht im Gebete mit Gott verbrachte" (Luk. 6, 12) und „immer lebt, um für uns Fürbitte einzulegen" (Hebr. 7, 25): darum hat er die Aufgabe und den Auftrag, Gott im Namen der Kirche nicht allein das eigentliche Opfer, sondern mit dem öffentlichen und amtlichen Gebet auch das „Opfer des Lobes" darzubringen (Ps. 49, 14). Täglich entrichtet er Gott mit Psalmen, Gebeten und Gesängen, die großenteils den heiligen Büchern entnommen sind, zu wiederholten Malen den schuldigen Tribut der Anbetung und erfüllt die notwendige Aufgabe der Fürsprache für die Menschheit, die heute mehr denn je in Bedrängnis ist und Gottes Hilfe bedarf. Wer kann sagen, wie viele Strafen das Gebet des Priesters von der treulosen Menschheit fernhält und wie viele Wohltaten es beständig erwirkt?

Wenn schon das Privatgebet so großartige und feierliche Verheißungen von Jesus Christus erhalten hat (vgl. Matth. 7, 7—11; Mark. 11, 24; Luk. 11, 9—13), wie machtvoll muß dann erst das Gebet sein, das amtlich im Ramen der Kirche, der geliebten Braut des Erlösers, verrichtet wird. Und der Christi, auch wenn er in den Tagen des Glückes allzu selten an Gott denkt, bewahrt in der Tiefe seines Herzens doch das Vertrauen auf das Gebet und fühlt, daß das Gebet alles vermag. Gleichsam durch heiligen Naturtrieb nimmt er in allem Unheil, in jeder privaten oder öffentlichen Not seine besondere Zuflucht zum priesterlichen Gebet. Von ihm erwarten die Unglücklichen aller Art Trost und Kraft. An ihn wendet man sich, daß er in den verschiedenen Wechselfällen dieser irdischen Verbannung Gottes Hilfe erflehe. In Wahrheit „mitten zwischen Gott und Mensch steht der Priester: Gottes Wohltaten bringt er zu uns herab; unsere Bitten trägt er zu ihm empor und versöhnt den Herrn in seinem Zorne" (S. Io. Chrysost., Hom. 5 in Isaiam: P.G. 56, 131).

Schließlich zeigen in ihrer Weise selbst die Feinde der Kirche — wie Wir eingangs andeuteten —, daß sie die ganze Würde und Bedeutung des katholischen Priestertums fühlen; denn immer richten sie gegen dieses ihre ersten und leidenschaftlichsten Angriffe. Wissen sie doch recht wohl, wie innig das Band zwischen der Kirche und ihren Priestern ist. Am erbittertsten hassen heute das katholische Priestertum die, welche auch Gott hassen: ein Ehrentitel, der das Priestertum nur noch mehr der Achtung und Verehrung würdig macht.

 

II.

 
Erhaben ist also, Ehrwürdige Brüder, die Würde des Priesters. Sind auch die Schwächen einiger Unwürdiger noch so beklagenswert und schmerzlich, so können sie doch nicht den Glanz einer so hohen Würde verdunkeln; zumal da man ihretwegen die Verdienste so vieler Priester nicht vergessen darf, die sich durch Tugend und Wissen, durch Werke des Seeleneifers, ja selbst durch das Martyrium ausgezeichnet haben. Dazu kommt, daß die Unwürdigkeit des Trägers keineswegs die Ausübung des Amtes ungültig macht. Die Unwürdigkeit des Spenders berührt nicht die Gültigkeit der Sakramente. Diese empfangen ja ihre Wirksamkeit vom Blute Christi, unabhängig von der Heiligkeit des Werkzeuges: sie üben ihre Wirksamkeit nach dem Sprachgebrauch der Scholastik ex opere operato aus.

Trotzdem verlangt gerade die Würde des Priesters in ihrem Träger einen Hochsinn, eine Reinheit des Herzens und eine Heiligkeit des Lebens, wie sie der Erhabenheit und Heiligkeit des priesterlichen Amtes entspricht. Dieses macht ja, wie Wir schon gesagt haben, den Priester zum Mittler zwischen Gott und den Menschen, in Vertretung und im Auftrage dessen, der da ist „der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus" (1 Tim. 2,5).

Darum muß auch der Priester der Vollkommenheit Christi, dessen Stelle er vertritt, möglichst nahe kommen und sich Gott immer wohlgefälliger machen durch die Heiligkeit des Lebens und Wirkens; denn mehr als den Duft des Weihrauchs, mehr als den Glanz der Altäre und Tempel liebt und wünscht Gott die Tugend. „Wer zwischen Gott und dem Volke Mittler ist", sagt der hl. Thomas, „muß im Glanze eines reinen Gewissens vor Gott und in gutem Rufe bei den Menschen stehen" (Summ. Theol., Suppl. q. 36, a. 1 ad 2).

Anderseits aber, wenn jemand, der heilige Dinge zu besorgen oder zu verwalten hat, ein tadelnswertes Leben führt, so entheiligt er sie und macht sich des Sakrilegs schuldig: „Wer nicht heilig ist, soll auch nicht mit Heiligem umgehen" (Decret., dist. 88, can. 6).

Darum befahl Gott im Alten Bunde seinen Priestern und Leviten: „Sie sollen heilig sein, weil auch ich, der Herr, heilig bin, ich, der sie heiligt" (Lev. 21, 8). Um Heiligkeit bittet den Herrn auch der weise Salomon im Lied der Tempelweihe für die Söhne Aarons: „Mögen deine Priester sich in Gerechtigkeit kleiden; mögen deine Heiligen Frohlocken" (Ps. 131, 9). Nun wohl, Ehrwürdige Brüder, „wenn so große Gerechtigkeit, Heiligkeit und Eifer schon von jenen Priestern verlangt wurde" so sagen Wir mit dem hl. Robert Bellarmin, „die doch nur Schafe und Rinder opferten und Gottes Lob sagen nur für zeitliche Wohltaten, was wird dann erst von den Priestern verlangt, die das göttliche Opferlamm darbringen und Dank sagen für ewige Wohltaten?" (Explanatio in Psalmos, Ps. 131, 9.) „Groß ist die Würde der Vorsteher", ruft der hl. Laurentius Justinianus aus, „aber größer die Verantwortung: zu erhabener Stellung vor den Augen der Menschen erhoben, müssen sie auch auf dem Gipfel der Tugend vor dem Auge des Allwissenden stehen; sonst gereicht ihnen ihre Gewalt nicht zum Verdienst, sondern zum Gericht" (De instit. et regim. prael. c. 11; Ausg. Venedig 1606, fol. 380—381).

Und in der Tat können jetzt alle von Uns oben angeführten Beweisgründe für die Würde des katholischen Priestertums gleichfalls als Beweise für die Pflicht des Priesters dienen, nach hoher Heiligkeit zu streben. Denn „zur würdigen Ausübung der Weihen genügt nicht", wie der hl. Thomas lehrt, „irgend eine Stufe der Vollkommenheit, sondern ein hervorragenden Grab der Tugend wird verlangt; wie nämlich durch den Weihegrad der Empfänger der Weihe über das Volk gestellt wird, so soll er auch durch das Verdienst seiner Heiligkeit über ihm stehen" (Summ. Theol., Suppl. q. 35, a. 1 ad 3). Wirklich fordert das eucharistische Opfer, in dem sich das unbefleckte Opferlamm, das da die Sünden der Welt hinwegnimmt, selbst darbringt, in besonderer Weise, daß der Priester durch ein reines und unbeflecktes Leben sich Gottes möglichst wenig unwürdig mache. Täglich bringt er ja ihm jene anbedeutungswürdige Opfergabe dar, die da Gottes Wort selbst ist, das aus Liebe zu uns Fleisch ward. „Beachtet, was ihr tut, und ahmt nach, was ihr vollzieht", spricht die Kirche durch den Bischof zu den Diakonen, die bald zu Priestern geweiht werden sollen (Pont. Rom. in ordinat. presbyt.).

Der Priester ist ferner der Ausspender der göttlichen Gnade, die uns durch die Sakramente zuströmt. Aber gar ungeziemend und widerspruchsvoll würde es für einen solchen Gnadenspender sein, wenn er selbst jene so kostbare Gnade nicht besäße oder sie auch nur gering einschätzte und nachlässig behütete. Der Priester soll weiterhin die Wahrheit des Glaubens verkünden! Aber die religiöse Wahrheit wird am würdigsten und wirksamsten gelehrt, wenn der Lehrer groß ist an Tugend. Deshalb sagt ein bekanntes Wort: „Worte bewegen, Beispiele reißen hin." Der Priester muß das Gesetz des Evangeliums verkünden! Aber zur Erreichung der Annahme dieses Gesetzes gibt es mit der Gnade Gottes kein annehmbareres und überzeugenderes Motiv als das Vorbild der Gesetzestreue im Leben dessen, der die Gesetzesbeobachtung einschärft. Den Grund dafür gibt der hl. Gregor der Große an: „Jenem Wort gewährt der Hörer lieber Eingang in sein Herz, das der Lebenswandel des Sprechers empfiehlt; denn was dieser durch sein Wort verlangt, hilft er durch sein Beispiel bereits verwirklichen" (Epist. I. 1, ep. 25: P.L. 77, 470). So sagt auch die Heilige Schrift vom göttlichen Erlöser: „Er fing an zu handeln und zu lehren" (Apg. 1,1), und die Volksmenge jubelte im zu, nicht so sehr weil „noch nie einer so gesprochen hatte wie dieser" (Joh. 7, 46), sondern vielmehr weil „er alles gut gemacht hat" (Mark. 7, 37). Alle hingegen, „die lehren, aber nicht nach ihrer Lehre handeln", machen sich den Schriftgelehrten und Pharisäern gleich, die derselbe göttliche Heiland von der lauschenden Volksmenge tadelte mit einem Vorwurf, der zugleich das Ansehen des Gotteswortes schützte, das jene gesetzmäßig predigten: „Auf dem Lehrstuhl Moses' sitzen Schriftgelehrte und Pharisäer; alles, was sie euch sagen, tuet und beobachtet, nach ihren Werken aber sollt ihr nicht handeln" (Matth. 23, 2—3). Ein Prediger, der sich nicht bemüht, die Wahrheit, die er lehrt, durch seinen Lebenswandel zu bekräftigen, würde mit der einen Hand zerstören, was er mit der andern aufbaut. Reichlich dagegen segnet Gott die Mühen der Bannerträger des Evangeliums, die vor allem auf die eigene Heiligung Gewicht legen. Sie werden zahlreiche Blüten und Früchte ihres Apostolates wachsen sehen, und am Tage der Ernte „kehren sie jauchzend heim mit ihrem Garben in den Armen" (Pf. 125, 6).

Es wäre ein schwerer und gefärlicher Irrtum, wenn ein Priester aus falschem Eifer die eigene Heiligung vernachlässigte, um in den äußern Arbeiten seines Priesterberufes, so wertvoll sie auch sind, ganz unterzugehen. Denn dadurch brächte er nicht bloß sein eigenes ewiges Heil in Gefahr, wie der große Völkerapostel es von sich selbst sagt: „Ich züchtige meinen Leib und mache ihn mir dienstbar, damit ich nicht etwa verloren gehe, nachdem ich andern gepredigt habe"(1 Kor. 9, 27); nein, er setzte sich auch der Gefahr aus, wenn nicht Gottes Gnade selbst, dann sicher jene Salbung des Heiligen Geistes zu verlieren, die dem äußern Apostolat eine wunderbare Kraft und Wirksamkeit verleiht.

Übrigens, wenn schon zu allen Christen gesagt ist: „Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist"(Matth. 5, 48), um wieviel mehr müssen dann aber die Priester dieses Wort des göttlichen Meisters auf sich beziehen, weil sie ja in besonderer Weise zu seiner näheren Nachfolge berufen sind.

Darum schärft die Kirche diese ernste Pflicht offen in ihrem Gesetzbuch allen Klerikern ein: „Die Kleriker haben die Pflicht, ihr inneres Leben und ihr äußeres Benehmen heiliger als die Laien zu gestalten und in Tugend und rechtem Handeln ihnen als Beispiel voranzuleuchten"(Cod. Iur. Can. can. 124). Da der Priester „an Christi Statt die Sendung ausübt"

(2 Kor. 5, 20), muß er auch in seinem Leben nach Kräften das Wort des Apostels wahr machen: „Ahmt mir nach, wie ich meinerseits Christus nachahme!" (1 Kor. 4, 16; 11, 1.) Er muß wie ein zweiter Christus leben, der mit dem Glanze seiner Tugend die Welt erleuchtete und noch heute erleuchtet.

Gewiß sollen alle christlichen Tugenden in der Seele des Priesters blühen. Es gibt aber doch einige, die sich für den Priester in ganz besonderer Weise ziemen und ihm mehr entsprechen. Das ist nach der Mahnung des Apostels an seinen lieben Timotheus an erster Stelle die Frömmigkeit: „Übe dich in der Frömmigkeit (1 Tim. 4,7). Wirklich, so innig, so zart und häufig ist ja der Verkehr des Priesters mit Gott, daß er ohne Zweifel begleitet und wie durchdrungen sein muß vom Duft der Frömmigkeit. „Frömmigkeit ist zu allem nützlich"(1 Tim. 4, 8), somit ganz besonders zur rechten Ausübung des priesterlichen Amtes. Ohne Frömmigkeit werden der heiligste Dienst und die erhabensten Riten des heiligen Amtes mechanisch und gewohnheitsmäßig ausgeübt. Es fehlt ihnen den Geist, die Salbung und das Leben. Die Frömmigkeit jedoch, Ehrwürdige Brüder, von der Wir hier sprechen, ist nicht jene leichtfertige und oberflächliche Frömmigkeit, die gefällt, aber nicht stark macht, die angenehme Gefühle weckt, aber nicht heiligt. Wir meinen jene gediegene Frömmigkeit, die nicht den unbeständigen Schwankungen des Gefühls unterworfen ist, sondern sich stützt auf die Grundsätze ganz sicherer Doktrin; die Frömmigkeit, die somit entstanden ist aus festen Überzeugungen heraus, die auch den Angriffen und Schmeicheleien der Versuchung Widerstand leisten.

Und diese Frömmigkeit muß sich zwar an erster Stelle in kindlicher Liebe auf den Vater im Himmel richten, muß sich dann aber auch auf die Gottesmutter erstrecken, und zwar mit größerer Zärtlichkeit beim Priester als bei den einfachen Gläubigen, weil besonders wahre und tiefe Ähnlichkeit besteht zwischen den Beziehungen des Priesters zu Christus und denen Marias zu ihrem göttlichen Sohn.

Innig verbunden mit der Frömmigkeit, von der sie ihren Bestand und ihren Glanz erhalten muß, ist die Keuschheit, der andere leuchtende Edelstein des katholischen Priestertums. Zu ihrer vollkommenen und allseitigen Beobachtung sind die Kleriker der höheren Weihen in der Lateinischen Kirche unter so schwerer Verpflichtung gehalten, daß die Verletzung dieser Verpflichtung ein Sakrileg sein würde (Cod. Iur. Can. can. 132, § 1). Wenn auch ein derartiges Gesetzt die Kleriker der Orientalischen Kirchen nicht in seiner ganzen Strenge verpflichtet, so steht doch auch bei ihnen der kirchliche Zölibat in Ehren und ist in bestimmten Fällen, zumal für die höchsten Grade der Hierarchie, eine notwendige und verpflichtende Forderung.

Einen gewissen Zusammenhang zwischen dieser Tugend und dem priesterlichen Amt nimmt schon allein die natürliche Vernunft wahr. Da „Gott Geist ist" (Joh. 4, 24), scheint es angebracht, daß ein jeder, der sich seinem Dienste widmet und weiht, sich auch in gewisser Weise „von seinem Liebe freimache". Schon die alten Römer hatten das Geziemende eines solchen Verhaltens erkannt. Eines ihrer Gesetze, das folgenden Wortlaut hat: „Man soll keusch zu den Göttern hintreten", wurde vom größten ihrer Redner angeführt und mit der Erklärung versehen: „Keusch befiehlt uns das Gesetz vor die Götter hinzutreten, nämlich im Geiste, der alles umfaßt; doch sieht das von der Reinheit des Leibes nicht ab, sondern diese muß mit- verstanden werden, da der Geist über dem Lieb steht; auch möge bemerkt sein, daß die Keuschheit vor allem im Geiste zu pflegen ist, um die Keuschheit des Körpers zu haben" (M.T. Cicero, De legibus 1. 2, c. 8 u. 10).

Im Alten Bunde wurde Aaron und seinen Söhnen und Moses im Namen Gottes befohlen, nicht aus dem Zelte zu gehen und somit Enthaltsamkeit zu beobachten in den sieben Tagen bis zur Beendigung ihrer Weihe (vgl. Lev. 8, 33—35).

Aber dem christlichen Priestertum, das viel erhabener ist als das alte, entsprach darum auch eine viel größere Reinheit. So findet sich denn die erste schriftliche Spur des kirchlichen Zölibatsgesetzes, die offenbar eine ältere Beobachtung des Zölibates voraussetzt, schon in einem Kanon des Konzils von Elvira (Conc. Eliberit. can. 33: Mansi tom. 2, col. 11), aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts, zu einer Zeit, wo die Christenverfolgung noch wütete. Doch das Kirchengesetz hat nur zu einer strengen Verpflichtung erhoben, was eine gewisse, sagen Wir, moralische Forderung, die ihren Ursprung im Evangelium und in der Predigt der Apostel hat, auferlegt. Die Hochschätzung, die der göttliche Meister von der Keuschheit hatte: er pries sie ja als etwas, was über die Fassungskraft der menge geht (vgl. Matth. 19, 11); die Tatsache, daß er selbst die „Blüte einer jungfräulichen Mutter" ist (vgl. Brev. Rom., Hymn. ad Laud. in festo SS. Nom. Iesu) und von Kindheit an in der jungfräulichen Familie Josephs und Marias aufwuchs, daß er eine besondere Vorliebe zeigte für reine Seelen wie für die beiden Johannes, den Täufer und den Evangelisten; der Umstand, daß der große Apostel Paulus, der treue Ausleger der evangelischen Gesetze und des Gedankens Christi, die unschätzbaren Vorzüge der Jungfräulichkeit verkündet, besonders hinsichtlich eines Dienstes Gottes: „Wer unverheiratet ist, der ist um die Sache des Herrn besorgt, wie er dem Herrn gefalle" (1 Kor. 7, 32): Alles das mußte die fast notwendige Wirkung haben, die die Priester des Neuen Bundes den himmlischen Zauber dieser erhabenen Tugend spürten, daß sie sich bemühten, doch auch zur Zahl derer zu gehören, „denen es gegeben ist, jenes Wort zu verstehen" (vgl. Matth. 19,11), und daß sie sich freiwillig die Beobachtung der Jungfräulichkeit auferlegten, die dann bald noch durch ein strenges kanonisches Gesetz in der ganzen Lateinischen Kirche zur Pflicht gemacht wurde: „Auch wir sollen", wie am Ende des 4. Jahrhunderts das zweite Konzil von Karthago erklärte, „üben, was schon die Apostel lehrten und was bereits die alte Zeit beobachtete" (Conc. Carthag. II can. 2: Mansi, Collect. Conc. tom. 3, col. 692).

Auch fehlen nicht Zegnisse berühmter orientalischer Väter, die die Erhabenheit des katholischen Zölibates preisen und beweisen, daß schon damals in den Gegenden, wo einen strengere Disziplin herrschte, auch in diesem Punkte zwischen der Lateinischen und Orientalischen Kirche Übereinstimmung bestand. Der hl. Epiphanius bezeugt gegen Ende des gleichen 4. Jahrhunderts, daß der Zölibat sich schon bis auf die Subdiakone erstreckte: „Niemand, der in der Ehe lebt und sich um Kinder bemüht, wird von der Kirche zur Weihe des Diakons, Priesters, Bischofs oder des Subdiakons zugefallen, auch wenn es die erste Ehe war; nur den ist die Kirche bereit zu weihen, der die Lebensgemeinschaft mit seiner ersten und einzigen Gattin aufgegeben oder diese bereits durch den Tod verloren hat. Das geschieht vor allem an den Orten, wo die kirchlichen Kanones genau beobachtet werden" (S. Epiph., Advers. haer. Panar. 59, 4: P. G. 41, 1024). Ganz besonders beredt ist in dieser Frage der heilige Diakon von Edessa und Kirchenlehrer Ephrem der Syrer, der mit Recht „Zither des Heiligen Geistes" heißt (Brev. Rom., d. 18 Iun., lect. 6). In einem seiner Lieder richtet er an seinen Freund, den Bischof Abraham, das Wort: „Du bist wirklich", so sagt er ihm, „was dein Name sagt, Abraham, weil auch du Vater vieler geworden bist. Weil du aber keine Gattin hast, wie Abraham die Sara, siehe, so ist deine Herde deine Gattin. Erziehe ihre Kinder in deiner Wahrheit. Mögen sie dir Kinder des Geistes werden und Söhne der Verheißung, damit sie auch Erden werden in Erden. O schöne Frucht der Keuschheit! Du machtest das Priestertum wohlgefällig, ....das Horn schäumte über und salbte dich, die Hand lag auf dir und wählte dich aus, die Kirche rief und liebte dich" (Carm. Nisib., carm. 19; Ausg. Bickell 112).An einer andern Stelle sagt er: „Es genügt nicht für den Namen des Priesters, der den lebendigen Leib des Herrn opfert, Gedanken und Zunge zu läutern, die Hände zu reinigen und seinen ganzen Leid sauber zu halten, sondern er muß stets ganz rein sein, weil er als Mittler zwischen Gott und das Menschengeschlechts gestellt ist. Gepriesen sei, der da seine Diener gereinigt hat!" (Carm. Nisib., carm. 18; Ausg. Bickell 112). Johannes Chrysostomus behauptet gleicherweise, daß „der Priester so rein sein muß, als ob er in den Himmel mitten unter die himmlischen Mächte versetzt sei" (De sacerdotio lib. 3, cap. 4: P. G. 48, 642).

Die höchste Angemessenheit des Zölibats und des Gesetzes, das ihn den Dienern des Altares zur Pflicht macht, wird schließlich auch durch die Erhabenheit selbst oder — nach einem Ausdruck des hl. Epiphanius (Advers. haer. Panar. 59, 4: P. G. 41, 1024) — durch die „unglaubliche Ehre und Würde" des christlichen Priestertums, die schon von Uns ausgeführt ist, erweisen. Wenn jemand ein Amt hat, das in gewisser Hinsicht selbst jenes der reinsten Geister überragt, die „vor dem Herrn stehen" (vgl. Tob. 12, 15), ist er dann wohl nicht das Richtige, daß er auch möglichst wie ein reiner Geist leben muß? Wer ganz „in dem sein muß, was des Herrn ist" (vgl. Luk. 2, 49; 1 Kor. 7, 32), muß der dann nicht wohl entsprechenderweise von den irdischen Dingen gänzlich losgelöst, muß sein Wandel nicht immer im Himmel sein? (Vgl. Phil. 3, 20.) Wenn jemand eifrig in der Sorge um das Heil der Seelen das Werk des Erlösers fortführen soll, ist es dann nicht wohl angemessen, daß er sich freihält von den Sorgen um eine eigene Familie, die einen großen Teil seiner Tätigkeit in Anspruch nähme?

Und es ist in Wahrheit ein bewundernswertes, doch in der katholischen Kirche so häufiges Schauspiel, das die Jungen Leviten, bevor sie die heilige Weihe des Subdiakonates empfangen und sich damit dem Dienste und der Verehrung Gottes gänzlich weihen, frei den Freuden und Annehmlichkeiten entsagen, die sie sich in einem andern Lebensstande ehrbarerweise gestatten dürften. Nach der Weihe sind sie allerdings nicht mehr frei, eine irdische Ehe einzugehen. Dennoch gebrauchen Wir das Wort „frei": weil sie nicht gezwungen durch irgend ein Gesetz oder eine Person zur Weihe hinzutreten, sondern aus eigenem freiem Willen (vgl. Cod. Iur. Can. can. 971).

Was Wir zur Empfehlung des kirchlichen Zölibats gesagt haben, wollen Wir aber keineswegs so verstanden wissen, als ob Wir in irgend einer Form gegen den anders gearteten, in der Orientalischen Kirche rechtmäßig zugelassenen Brauch Tadel oder Vorwürfe erheben wollten. Wir sagen es einzig deshalb, um im Herrn zu preisen jene Wahrheit, die Wir für einen der Größten Ruhmestitel des katholischen Priestertums halten und die Uns mehr den Wünschen und Absichten des heiligsten Herzens Jesu in Bezug auf die Seelen der Priester zu entsprechen scheint.

Nicht weniger als in der Keuschheit muß sich der katholische Priester in der Uneigennützigkeit auszeichnen. Mitten in der Korruption der Welt, in der alles käuflich und verkäuflich ist, muß er frei von jeglicher Selbstsucht wandeln, in heiliger Verachtung für jede niedrige Gier nach irdischem Gewinn, auf der Suche nach Seelen und nicht nach Geld, nach Gottes Ehre und nicht nach seiner eigenen. Er ist nicht der Taglöhner, der um zeitlichen Lohn arbeitet, auch nicht der Beamte, der bei aller gewissenhaften Erfüllung seiner Amtspflichten doch auch an seine Laufbahn und seine Beförderung denkt. Er ist vielmehr „der wackere Streiter Christi", der „sich nicht in weltliche Geschäfte einläßt, um dem zu gefallen, denn er sich verschrieben hat" (2 Tim. 2, 3 — 4). Er ist der Diener Gottes und der Vater der Seelen. Er weiß, daß sich seine Mühen und Sorgen nicht mit irdischen Schätzen und Ehren vollwertig entgelten lassen. Die Annahme eines angemessenen Unterhaltes ist ihm nicht verboten nach dem Wort des Apostels: „Wer dem Altare dient, erhält auch vom Altare seinen Anteil; ... der Herr hat befohlen, daß die Boten des Evangeliums auch vom Evangelium leben sollen" (1 Kor. 9, 13 14). Jedoch „zum Anteil des Herrn berufen", wie sein Name „Kleriker" andeutet, erwartet er keinen andern Lohn als den, welchen Christus seinen Aposteln versprach: „Euer Lohn ist groß im Himmel" (Matt. 5, 12). Wehe, wenn der Priester, uneingedenk so göttlicher Verheißungen, begänne, sich „gierig nach häßlichem Gewinn" (Tit. 1,7) zu zeigen, und sich der Masse der Kinder dieser Welt zugesellte, über welche die Kirche mit dem Apostel klagt: „Alle suchen nur das Ihrige, nicht aber die Sache Jesu Christi!" (Phil. 2, 21.) In einem solchen Falle würde er sich nicht nur an seinem Berufe verfehlen, er zöge sich auch die Verachtung der Gläubigen zu. Denn diese würden in ihm einen beklagenswerter Widerspruch finden zwischen seiner Lebensführung und der Lehre des Evangeliums, die Jesus so klar ausgesprochen hat und die der Priester verkünden muß: „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Rost und Motten sie verzehren, wo Diebe sie ausgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel!" (Matth. 6, 20.) Wenn man bedenkt, das Judas, ein Apostel Christi, „einer der Zwölfe" — wie traurig die Evangeliesten bemerken —, gerade durch den Geist der Habsucht nach irdischen Gütern in den Abgrund seiner Bosheit gestürzt wurde, dann begreift man, wie derselbe Geist im Laufe der Jahrhunderte so viel Unglück über die Kirche hat bringen können. Diese Habsucht, die vom Heiligen Geist „die Wurzel aller Übel" (1 Tim. 6,10) genannt wird, kann zu jedem Verbrechen hinreißen; und sollte es auch nicht so weit kommen, so macht ein Priester, der vom diesem Laster angesteckt ist, in der Tat bewußt gemeinsame Sache mit den Feinden Gottes und der Kirche und arbeitet mit an ihren schändlichen Plänen.

Echte Selbstlosigkeit gewinnt dagegen dem Priester die Herzen aller. Das gilt um so mehr, da mit dieser Loslösung von den Erdengütern, die aus innere Glaubenskraft entspringt, auch immer jene zarte Teilnahme mit Unglücklichen aller Art verbunden ist, die den Priester zu einem wahren Vater der Armen macht. Sieht er ja in ihnen, eingedenk jener ergreifenden Worte seines Herrn: „Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan, habt ihr mir getan" (Matth. 25, 40), und verehrt und liebt in ihnen mit besonderer Herzlichkeit Jesus Christus selbst.

Ist so der katholische Priester von den beiden Banden frei, die ihn hauptsächlich an die Erde fesseln könnten, von den Banden einer eigenen Familie und von den Fesseln des Eigennutzes, dann kann er viel leichter von jenem himmlischen Feuer ergriffen werden, das aus dem Innern des Herzens Jesu hervorlodert und nichts so sehr sucht, als überzugreifen auf apostolische Herzen, um die ganze Erde zu entflammen (vgl. Luk. 12, 49): vom Feuer des Eifers. Dieser Eifer für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen muß, wie es in der Heiligen Schrift von Jesus heißt, den Priester verzehren (Ps. 68, 10; Joh. 2, 17), muß ihn dahin bringen, sich selbst und alle irdischen Interessen zu vergessen, und muß ihm ein mächtiger Ansporn sein, sich restlos seiner erhabenen Sendung zu weihen und immer geeignetere Mittel zu suchen, um seine Sendung in immer weiteren Kreisen und stets besser zu erfüllen.

Wie kann denn ein Priester das Evangelium betrachten, wie kann er die Klage des Guten Hirten hören: „Noch andere Schafe habe ich, die nicht aus diesem Schafstall sind, auch sie muß ich heimführen" (Joh. 10, 16), wie kann er ansehen, wie „die Saaten schon reif für die Ernte sind" (Joh. 4, 35), ohne in sich die Sehnsucht entbrannt zu fühlen, doch auch solche Seelen zum Herzen des Guten Hirten zu führen, und ohne sich dem Herrn der Ernte als unermüdliche Arbeiter anzubieten? Wie kann ein Priester soviel armes Volk sehen, das „verlassen ist wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Matth. 9,36) — nicht nur in den fernen Missionsgebieten, nein, leider auch in Ländern, die seit Jahrhunderten schon christlich sind —, ohne in seiner Seele einen tiefen Widerhall jenes göttlichen Erbarmens zu spüren, das sooft das Herz des Gottessohnes bewegte? (Vgl. Matth. 9, 36; 14, 14; 15, 32; Mark. 6, 34; 8, 2 usw.) Könnte das bei einem Priester geschehen, der weiß, daß er auf seinen Lippen Worte des Lebens und in seinen Händen die göttlichen Mittel der Wiedergeburt und des Heiles hat? Aber Gott sei gelobt, gerade dieses Feuer des apostolischen Eifers ist einer der leuchtenden Strahlen, die auf der Stirn des katholischen Priestertum glänzen! Mit freudigem Trost im Vaterherzen schauen Wir auf Unsere Ehrwürdigen Brüder und geliebten Söhne, die Bischöfe und Priester. Wie eine erlesene Truppe sind sie stets bereit, auf den Ruf des Führers an alle Fronten des ungeheuren Kampffeldes zu eilen, um dort die friedenbringenden, aber doch harten Kämpfe der Wahrheit gegen den Irrtum, des Lichtes gegen die Finsternis, des Reiches Gottes gegen das Reich des Teufels zu führen.

Aber diese Eigenschaft des katholischen Priestertums, eine bewegliche und tapfere Streiterschar zu sein, bringt mit sich die Notwendigkeit eines Geistes der Disziplin oder, um es mit einem mehr christlichen Wort anzudrücken, die Notwendigkeit des Gehorsams: jenes Gehorsams, der alle die verschiedenen Grade der kirchlichen Hierarchie so schön miteinander verbindet. So „ist in wunderbarerer Mannigfaltigkeit die heilige Kirche gekleidet, geschmückt und regiert — wie der Bischof in seiner Ermahnung an die Weihekandidaten sagt —, da in ihr die einen zu Bischöfen, die andern zu Priestern niederer Ordnung geweiht werden und so aus vielen Gliedern verschiedener Würde der eine Leib Christi gebildet wird" (Pont. Rom. in ordinat. presb.). Diesen Gehorsam versprachen die gerade geweihten Priester ihrem Bischof, bevor er sie am Schluß der Weihe entließ. Diesen Gehorsam schwuren ihrerseits die Bischöfe am Tage ihrer Konsekration dem höchsten sichtbaren Haupte der Kirche, dem Nachfolger des hl. Petrus, dem Stellvertreter Jesu Christi.

Der Gehorsam soll also immer mehr die verschiedenen Glieder der kirchlichen Hierarchie untereinander und mit dem Haupte verbinden und so die streitende Kirche den Feinden Gottes wahrhaft furchtbar machen „wie ein gutgeordnetes Schlachtheer" (vgl. Hohel. 6, 3 9). Er soll den vielleicht zu stürmischen Eifer der einen mäßigen und die Schwäche und Schlaffheit der andern anspornen; er soll jedem seinen Posten und seine Aufgaben anweisen, und jeder soll folgen ohne Widerstand: denn dieser würde das herrliche Werk, das die Kirche in der Welt leistet, nur stören; jeder soll in den Weisungen der kirchlichen Obern die Weisungen des wahren und einzigen Hauptes sehen, dem wir alle gehorchen, Jesus Christus, unseres Herrn, der „für uns gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze" (Phil. 2,8).

In der Tat wollte der göttliche Hohepriester, daß sein ganz vollkommener Gehorsam gegen den himmlischen Vater uns in ganz besonderer Weise offenbar würde, und deshalb sind die Zeugnisse der Propheten und Evangelisten für diese restlose und vollkommene Unterwerfung des Sohnes Gottes unter den Willen des Vaters sehr zahlreich: „Bei seinem Eintritt in die Welt spricht er: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gewollt; aber einen Leib hast du mir bereitet.... Da sprach ich: Sieh, ich komme, in der Buchrolle steht von mir geschrieben, daß ich deinen Willen, o Gott, erfülle" (Hebr. 10, 5—7). „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat" (Joh. 4, 34). Selbst noch am Kreuze wollte er seine Seele nicht in die Hände des Vaters übergeben, bevor er nicht erklärt hatte, alles sei erfüllt, was die Heilige Schrift von ihm vorausgesagt hatte: nämlich die ganze Sendung, die ihm vom Vater anvertraut war, bis zu jenem letzten, so tief geheimnisvollen „Mich dürftet", das er aussprach, „damit die Schrift erfüllt würde" (Joh. 19, 28).

Er wollte damit zeigen, wie auch der glühendste Eifer immer dem Willen des Vaters vollkommen untergeordnet sein müsse, mit andern Worten, stets geregelt sein müsse durch den Gehorsam dem gegenüber, der für uns die Stelle des Vaters im Himmel vertritt und uns seinen Willen übermittelt, das heißt, gegenüber den rechtmäßigen kirchlichen Obern.

Aber das Bild des katholischen Priesters, das Wir in heller Beleuchtung der ganzen Welt zeigen wollen, würde unvollständig sein, wenn Wir es unterließen, eine andere notwendige Eigenschaft von großer Wichtigkeit einzuzeichnen, die die Kirche von ihm verlangt: die Wissenschaft. Der katholische Priester ist zum „Lehrer in Israel" (Joh. 3, 10) bestellt. Von Christus hat er das Amt und die Sendung empfangen, die Wahrheit zu lehren: „Lehret alle Völker...!" (Matth. 28, 19.) Er soll die Wissenschaft des Heiles lehren und dadurch, dem Völkerapostel gleich, Schuldner „für Gebildete und Ungebildete" (Röm. 1, 14) sein. Aber wie kann er sie lehren, wenn er sie nicht besitzt? „Die Lippen des Priesters werden die Weisheit hüten, und von seinem Munde wird man das Gesetz fordern", spricht der Heilige Geist bei Malachias (2, 7), und niemand könnte jemals mit ernsteren Worten die Forderung auf Wissenschaft im Priester stellen als die göttliche Weisheit selbst, die einst durch den Mund des Propheten Oseas gesagt hat: „Du hast die Erkenntnis verschmäht. Darum will auch ich dich verschmähen, daß du mir nicht mehr als Priester dienest!" (Os. 4, 6.) Der Priester muß die katholische Glaubens- und Sittenlehre vollkommen beherrschen. Er muß sie vortragen können und fähig sein, Rede und Antwort zu stehen über die Dogmen, Gesetze und den Kult der Kirche, deren Diener er ist. Die Unwissenheit in religiösen Fragen, die trotzt des Fortschrittes der weltlichen Wissenschaft tatsächlich den Geist so vieler Zeitgenossen verdunkelt, muß er beseitigen. Nie war die Mahnung Tertullians so zeitgemäß wie heute: „Das eine verlangt bisweilen die Wahrheit, nicht ungehört verurteilt zu werden" (Apolog. c. 1: P.L. 1, 260). Es ist Pflicht des Priesters, seine Zuhörer von Vorurteilen und Irrtümern zu befreien, die der Haß der Gegner aufgehäuft hat. Dem modernen Menschen, der so sehnsüchtig die Wahrheit sucht, muß er sie mit unbefangenem Freimut zeigen können. Den Seelen, die noch suchen und von Zweifeln gequält sind, muß er Mut und Vertrauen einflößen und sie mit ruhiger Sicherheit zum sicheren Hafen des bewußt und fest angenommenen Glaubens führen. Den Angriffen des anmaßenden und hartnäckigen Irrtums muß er einen mutigen und starken, aber doch ruhig besonnenen und gut begründeten Widerstand entgegensetzen können.

Deshalb, Ehrwürdige Brüder, ist es für den Priester notwendig, das ernste und gründliche Studium der Theologie mit Rücksicht auf seine Aufgaben auch mitten im Drang der Geschäfte jenes heiligen Amtes fortzusetzen. So wird er zu der hinreichenden wissenschaftlichen Ausbildung, die er aus dem Seminar mitgebracht hat, immer reichere theologische Kenntnisse hinzufügen und sich so für Predigt und Seelenleitung immer geeigneter machen (Cod. Iur. Can. can. 129).Ferner muß der Priester, um seinem Amte Ansehen zu verschaffen und sich, wie es sich gehört, beim Volke Vertrauen und Achtung zu erwerben, was so sehr dazu beiträgt, seine Hirtentätigkeit erfolgreicher zu gestalten, jene Bildung, auch soweit sie nicht streng theologischer Natur ist, besitzen, die Gemeingut der Gebildeten unserer Zeit ist. Das heißt: Er soll in gesunder Weise modern sein, wie es die Kirche ist, die alle Zeiten und Länder umspannt und sich allen anpaßt, die alle gefunden Anregungen segnet und fördert und sich auch nicht fürchtet vor den kühnsten Fortschritten der Wissenschaft, wenn sie nur wahre Wissenschaft ist. Immer zeichnete sich der katholische Klerus auf allen Gebieten des menschlichen Wissens aus. Ja es gab Zeiten, da trat er so an die Spitze der Wissenschaft, daß „Kleriker" gleichbedeutend wurde mit „Gelehrter". Und die Kirche hat nicht nur die Schätze der antiken Kultur behütet und bewahrt, die ohne sie und ihre Klöster fast gänzlich verlorengegangen wären, sondern auch in ihren größten Gelehrten bewiesen, wie alle menschliche Erkenntnis zur Erläuterung und Verteidigung des katholischen Glaubens dienen kann. Dafür haben Wir selbst der Welt noch jüngst ein leuchtendes Beispiel vor Augen geführt, als Wir jenen großen Lehrer des noch größeren Aquinaten mit dem Glorienschein des Heiligen und der Aureola der Kirchenlehrer schmückten, jenen Albert den Deutschen, den schon seine Zeitgenossen mit dem Namen „der Große" und „Doctor Universalis" ehrten.

Sicher kann man heute eine solche Vorrangstellung auf allen Wissensgebieten vom Klerus nicht mehr verlangen. Der menschliche Wissensschatz ist jetzt so groß geworden, daß ihn kein Mensch völlig umspannen und sich noch viel weniger in all den unzähligen Wissenszweigen auszeichnen kann. Aber man soll jene Glieder des Klerus, die sich durch Neigung oder besondere Anlagen zur Pflege und Vertiefung dieses oder jenes Kunst- und Wissensgebietes — sofern es für ihre kirchliche Stellung nicht unpassend ist — berufen fühlen, in kluger Weise ermutigen und unterstützen. Denn hält sich diese Betätigung in den erforderlichen Grenzen und unter der Leitung der Kirche, so gereicht sie der Kirche selbst zur Zierde und ihrem göttlichen Haupte Jesus Christus zur Ehre. Jedoch auch die übrigen Kleriker dürfen sich nicht mit dem Wissensstand begnügen, der vielleicht in früheren Zeiten ausreichte. Sie müssen sich um umfassendere und vollständigere Allgemeinbildung bemühen; ja vielmehr sollen sie diese tatsächlich schon besitzen. Wir meinen eine Allgemeinbildung, die dem Höheren Stand und der breiteren Ausdehnung entspricht, die heute, ganz allgemein gesprochen, die moderne Kultur gegenüber der Bildung früherer Zeiten erreicht hat.

Gewiß, der Herr hat mitunter, „auf dem Erdkreis spielend" (Spr. 8, 31), auch noch in neuerer Zeit Menschen zur Priesterwürde berufen und Wunder des Segens wirken wollen durch solche, die fast gänzlich dieses Wissensschatzes, von dem Wir sprechen, entbehrten. Er tat dies, damit alle lernten, die Heiligkeit höher zu schätzen als die Wissenschaft und auf menschliche Mittel nicht mehr Vertrauen zu setzen als auf die göttlichen. Mit andern Worten: Er tat es, weil die Welt von Zeit zu Zeit diese heilsame praktische Lehre wieder hören muß: „Was der Welt als töricht gilt, hat Gott auserwählt, um die Weisen zu beschämen ..., damit sich kein Erdenmensch vor seinen Augen rühmen könne" (1 Kor. 1, 27 29). Aber wie in der natürlichen Ordnung die Wunder Gottes die Wirkung der Naturgesetze für kurze Zeit aufheben, ohne die Gesetze selbst abzuschaffen, so sind auch diese Menschen wahre lebendige Wunder, in denen die hohe Heiligkeit alles Fehlende ersetzt, ohne daß jedoch dadurch die Wahrheit und Notwendigkeit dessen aufgehoben wurde, was Wir hier einschärfen wollten.

Heute ist sodann diese Notwendigkeit von Tugend und Wissenschaft, dieses Bedürfnis nach vorbildlichem Wandel und Erbauung, nach diesem „Wohlgeruch Christi" (vgl. 2 Kor. 2, 15), den der Priester überall in seiner Umgebung verbreiten soll, um so fühlbarer und eindringlicher, als die Katholische Aktion — diese so tröstliche Bewegung, welche die Seelen auch zu den höchsten Idealen der Vollkommenheit anspornt — die Laien in häufigere Berührung und innigere Zusammenarbeit mit dem Priester bringt, an dem sie natürlich nicht nur einen Führer haben wollen, sondern zu dem sie auch aufschauen wie zu einem Vorbild christlichen Lebens und apostolischer Tugend.

 

III.
 

Erhaben ist die Würde des Priesters, und wirklich groß sind die Anforderungen, die sie an ihn stellt. Darum, Ehrwürdige Brüder, müssen auch die Kandidaten des Priestertums unbedingt eine der Würde und dem Amte entsprechende Ausbildung erhalten. Die Kirche war sich dieser Notwenigkeit bewußt. Sie hat darum wohl für nichts anderes im Laufe der Jahrhunderte eine so zarte Sorge und mütterliche Aufmerksamkeit gezeigt wie für die Ausbildung ihrer Priester. Sie weiß sehr wohl, daß, wenn die religiöse und sittliche Lage der Völker zum großen Teil vom Priesterstand abhängt, die Zukunft des Priesters von der Ausbildung bestimmt wird, die er empfangen hat. Auch für ihn bleibt das Wort des Heiligen Geistes wahr: „Selbst im Alter weicht der Mensch von dem Wege seiner Jugend nicht ab" (Spr. 22, 6). Daher wünschte die Kirche auf die Anregung des Heiligen Geistes hin, daß allerorts Seminare errichtet werden, in denen die Priesteramtskandidaten heranwachsen und erzogen werden sollen. Das Seminar müßt ihr daher, Ehrwürdige Brüder, die ihr mit Uns die verantwortungsschwere Leitung der Kirche teilt, wie euern Augapfel behüten. Es ist und muß der Hauptgegenstand eurer Sorge sein. Besonders sorgfältig muß die Auswahl der Obern, der Lehrer und vor allem des Spirituals sein; denn dieser hat ja einen so innigen und wichtigen Anteil an der Bildung der Priesterseele. Gebt euern Seminaren die besten Priester! Fürchtet nicht, sie auch Aufgaben zu entziehen, die scheinbar wichtiger sind, aber in Wirklichkeit nicht verglichen werden können mit dieser grundlegenden und unersetzbaren Tätigkeit. Suchet sie auch anderswo, wo immer ihr für diese hohe Aufgabe wirklich geeignete Männern findet! Männer sollen es sein, die zuerst durch ihr Beispiel, dann durch ihr Wort die priesterlichen Tugenden lehren, und die es verstehen, mit dem Wissen auch den gediegenen, mannhaften, apostolischen Geist einzuflößen. Sie sollen im Seminar Frömmigkeit, Reinheit, Zucht und Studium zur Blüte bringen. Die jugendlichen Herzen sollen sie in kluger Weise nicht bloß gegen die augenblicklichen Versuchungen festigen, nein, auch gegen die weit schwereren Gefahren, denen sie sich später in der Welt ausgesetzt sehen; denn in ihr müssen sie einst leben, „um alle zu retten" (1 Kor. 9, 22).

Damit die künftigen Priester jenes zeitgemäße Wissen besitzen — wir Wir oben angeführt haben —, ist es von höchster Bedeutung, daß sie nach einer gründlichen Ausbildung in den klassischen Studien auch gut in der scholastischen Philosophie „nach Art, Lehre und Grundsätzen des Doctor angelicus" (Cod. Iur. Can. can. 1366, § 2) unterrichtet und geübt werden. Diese Philosophia perennis, wie sie Unser großer Vorgänger Leo XIII. genannt hat, ist ihnen nicht nur für die Vertiefung des Dogmas nötig, sondern bewahrt sie auch wirksam gegen alle Arten moderner Irrtümer: sie befähigt ihren Geist, das Wahre vom Falschen genau zu unterscheiden, und verleiht ihnen in den verschiedensten Fragen oder späteren Studien eine Klarheit des Denkens, die dem anderer, die diese philosophische Schulung nicht erhalten haben, weit überlegen ist, auch wenn diese mit einem ausgedehnteren Einzelwissen ausgerüstet sind.

Vielleicht gestatten aber, wie es besonders in einigen Gebieten der Fall ist, die geringe Ausdehnung der Diözese, ein bedauernswerter Mangel an Nachwuchs, Knappheit an Mitteln und geeignetem Personal nicht jeder Diözese die Errichtung eines eigenen Seminars, das allen Bestimmungen des Kirchlichen Gesetzbuches (Cod. Iur. Can. tit. 21, can. 1352—1371) und den sonstigen kirchlichen Vorschriften wahrhaft entspricht. In diesem Falle ist es höchst angebracht, daß sich die Bischöfe dieses Gebietes in brüderlicher Weise helfen und mit vereinten Kräften ein gemeinsames Seminar unterhalten, das seiner hohen Aufgabe vollständig gewachsen ist.

Die großen Vorteile einer solchen Kräftevereinigung lohnen reichlich die Opfer, die man dafür gebracht hat. Zuweilen wird es freilich einen schmerzlichen Verzicht für das Vaterherz des Bischofs bedeuten, zu sehen, wie seine Kleriker zeitweilig getrennt werden von ihm, dem Hirten, der doch selbst gerne seine apostolischen Geist in die Herzen seiner künftigen Mitarbeit senken möchte, und von dem Arbeitsfeld, auf dem sie einmal ihre Hirtensorge betätigen sollen. Aber dieses Opfer wird doch dadurch überreich belohnt, daß er sie weit besser durchgebildet zurückerhält und reichlicher ausgestattet mit geistlichen Gütern, die sie dann in größerer Fülle und mit größerem Segen zum Wohle ihrer Diözese ausspenden werden. Darum haben Wir es nie unterlassen, solche Pläne zu unterstützen, zu fördern und zu begünstigen, ja oft haben Wir sie sogar angeregt und empfohlen. Wo Wir es für notwendig hielten, haben Wir selbst eine Anzahl solcher Regionalseminare errichtet oder vervollkommnet oder erweitert, und zwar, wie allen bekannt ist, unter großen Kosten und nicht geringen Bemühungen. Und auch in Zukunft werden Wir weiter mit Gottes Hilfe eifrig an einem Werke mitarbeiten, das Wir unter diejenige rechnen, die am meisten zum Wohle der Kirche dienen.

Aber all diese herrlichen Anstrengungen für die Erziehung des Priesternachwuchses würden nur wenig Nutzen bringen ohne eine sorgfältige Auslese der Kandidaten, für die die Seminare errichtet und unterhalten sind. Daher müssen an der guten Auswahl alle mitarbeiten, die in Bezug auf die Ausbildung des Klerus in leitender Stellung sind: die Obern, die Spirituale und die Beichtväter, jeder in der Weise und in den Grenzen seines Amtes! Sie sollen zwar mit den göttlichen Beruf pflegen und festigen. Aber mit nicht geringerem Eifer sollen sie zeitig von einem Wege, der nicht der ihrige ist, abzubringen suchen und entfernen jene jungen Leute, die offenbar nicht die erforderliche Tauglichkeit zum geistlichen Berufe haben, und von denen man daher voraussieht, daß sie nicht imstande sein werden, ihre priesterlichen Verpflichtungen würdig und angemessen zu erfüllen. Am besten ist es, ungeeignete Leute gleich zu entfernen. Denn Zögern und Warten bedeutet in solchen Angelegenheiten nur schweren Irrtum und großen Schaden. Sollte man jedoch aus irgend einem Grunde gezögert haben, so muß man den Fehler wieder gutmachen, sobald man ihn erkannt, ohne menschliche Rücksichten, ohne jenes falsche Mitleid, das zu einer wahren Grausamkeit würde nicht bloß der Kirche gegenüber, weil man ihr einen untauglichen und unwürdigen Diener gäbe, sondern auch dem jungen Mann selbst gegenüber, der, auf einem falschen Weg belassen, nur zu leicht sein und anderer ewiges Heil gefährden würde.

Für den wachsamen und erfahrenen Blick des Seminarleiters, der die ihm anvertrauten jungen Männer und ihre Neigungen im einzelnen liebevoll studiert, wird es nicht schwierig sein, sich über den echten Priesterberuf eines jeden zu vergewissern. Dieser zeigt sich, wie ihr wißt, Ehrwürdige Brüder, weniger in einem Gefühle des Herzens oder in einer spürbaren Neigung der Seele, die mitunter fehlen oder vergehen können, sondern vielmehr in der rechten Absicht des Priesteramtskandidaten im Verein mit all den körperlichen, geistigen und sittlichen Anlagen, die ihn für diesen Stand geeignet machen. Wer nach dem Priestertum strebt einzig aus dem edlen Beweggrund, sich dem Dienste Gottes und dem Heile der Seelen zu weihen, und dazu gediegene Frömmigkeit, erprobte Reinheit des Lebens und genügendes Wissen — „genügend" in dem von Uns oben erklärten Sinn — besitzt oder sich ernstlich darum bemüht, der zeigt, daß er von Gott zum Priesterstand berufen ist. Wer dagegen, vielleicht von unklugen Eltern gedrängt, diesen Stand erwählen wollte wegen der Aussicht auf zeitliche und irdische Vorteile, die er im Priestertum sieht oder von ihm erhofft, wie es in der Vergangenheit häufiger geschah; wer sich gewohnheitsmäßig gegen Gehorsam und Disziplin vergeht, wer wenig Neigung zur Frömmigkeit, wenig Liebe zur Arbeit und wenig Seeleneifer besitzt; besonders aber wer zur Sinnlichkeit neigt und auf Grund einer langen Erfahrung gezeigt hat, daß er sie nicht zu beherrschen versteht; wer endlich ungeeignet ist für das Studium, so daß er voraussichtlich den vorgeschriebenen Studiengang nicht mit genügendem Erfolg machen kann: alle diese sind für das Priestertum nicht geschaffen! Läßt man sie aber doch gleichsam bis zur Schwelle des Heiligtums kommen, so macht man ihnen den Rücktritt immer schwieriger, ja man treibt sie vielleicht sogar an, aus menschlichen Rücksichten die Schwelle des Heiligtums ohne Beruf und priesterlichen Geist zu überschreiten. Die Seminarleiter, die Spirituale und Beichtväter mögen daher bedenken, welch schwere Beantwortung sie vor Gott, vor der Kirche und vor den jungen Leuten selbst auf sich nehmen, wenn sie von ihrer Seite nicht tun, was sie tun können, um einen so falschen Schritt zu verhindern. Auch die Beichtväter und Spirituale könnten, so sagten Wir, für einen so schweren Irrtum verantwortlich sein. Nicht etwa, weil sie nach außen hin irgend etwas tun könnten, was ihnen ja aufs strengste ihr Amt, das so viel Feingefühl verlangt, und oft sogar auch das unverletzliche Beichtgeheimnis verbietet, sondern weil sie einen großen Einfluß auf den Geist der einzelnen Alumnen auszuüben vermögen und einen jeden mit väterlicher Festigkeit so, wie es sein geistliches Wohl erfordert, leiten müssen. Sie haben daher die Pflicht, zumal wenn aus irgend einem Grunde die Obern nicht eingreifen oder sich schwächlich zeigen, ohne Menschenrücksicht die untauglichen und unwürdigen Alumnen auf die Verpflichtung aufmerksam zu machen, zurückzutreten, solange es noch Zeit ist. Sie sollen sich dabei an die sicherere Auffassung halten, die in einem solchen Falle für das Beichtkind auch die wohlwollendere ist, da sie es vor einem Schritt bewahrt, der für es ewig verhängnisvoll sein könnte.

Auch in den Fällen, wo es ihnen nicht ganz klar ist, daß sie eine strenge Verpflichtung auferlegen müssen, sollen sie wenigstens von dem ganzen Ansehen Gebrauch machen, das ihnen ihr Amt und ihr väterliches Wohlwollen zu ihren geistlichen Söhnen gibt, um die Ungeeigneten zum freiwilligen Rücktritt zu veranlassen. Die Beichtväter mögen an jenes Wort denken, das der hl. Alfons von Liguori in einer ähnlichen Frage schreibt: „Allgemein gesprochen, (in diesen Fällen) wird der Beichtvater um so mehr dem Seelenheile seiner Beichtkinder deinen, je strenger er mit ihnen verfährt; dagegen wird er um so grausamer gegen sie sein, je gutmütiger er mit ihnen ist. Der hl. Thomas von Villanova nannte solche allzu gütigen Beichtväter herzlos barmherzig, impie pios. Eine solche Liebe ist aber gegen die Liebe" (Opere asc. vol. 3; Ausg. Marietti, 1847, S. 122).

Die Hauptverantwortung trägt aber stets der Bischof. Denn nach dem strengen Gesetzt der Kirche „darf er keinem die höheren Weihen spenden, von dessen kanonischer Eignung er nicht auf Grund positiver Beweise moralische Sicherheit hat. Sonst begeht er selbst nicht bloß eine sehr schwere Sünde, sondern setzt sich noch obendrein der Gefahr aus, auch fremder Sünden mitschuldig zu werden" (Cod. Iur. Can. can. 973, § 3). In diesem Kanon klingt sehr deutlich die Mahnung des Apostels an Timotheus nach: „Lege niemand voreilig die Hände auf, und mache dich nicht fremder Sünden mitschuldig!" (1 Tim. 5, 22.) „Voreilig die Hände auflegen, bedeutet aber", nach einer Erklärung Unseres Vorgängers, des hl. Leo des Großen, „die Übertragung der priesterlichen Würde an die, welche noch nicht die Reife des Alters und das Verdienst des Gehorsams besitzen, noch genügend lange erprobt sind und ihre Treue gegenüber der Kirchenzucht bewiesen haben; und sich fremder Sünden mitschuldig machen, bedeutet, daß der weihende Bischof so wird, wie jener ist, der die Weihe nicht verdient" (Ep. 12: P.L. 54, 647). „Darum", so richtet der hl. Johannes Chrysostomus an den Bischof das Wort, „wirst auch du für seine vergangenen und zukünftigen Sünden bestraft werden, der du ihm die Würde verliehen hast" (Hom. 16 in Tim.: P. G. 62, 587).

Ernste Worte, Ehrwürdige Brüder, aber noch viel erschreckender ist die Verantwortung, auf die sie hinweisen. Sie ließ den großen Bischof von Mailand, den hl. Karl Borromäus, das Wort sprechen: „In dieser Angelegenheit kann schon eine kleine Nachlässigkeit mir eine schwere aufbürden" (Hom. ad ordinand., d. 1 Iun. 1577: Homiliae, ed. Bibl. Ambros., Mediolani 1747, t. 4, pag. 270). Haltet euch darum an den Rat des oben schon zitierten hl. Johannes Chrysostomus: „Nicht nach der ersten, auch nicht nach der zweiten oder dritten Prüfung, sondern erst, nachdem du dich genau umgehört und sorgfältige Untersuchungen angestellt hast, lege die Hände auf" (Hom. 16 in Tim.: P. G. 62, 587). Vor allem gilt das von der untadeligen Lebensführung der Priesteramtskandidaten. „Es genügt nicht", schreibt der heilige Bischof und Kirchenlehrer Alfons Maria von Liguori, „daß der Bischof nichts Nachteiliges über den Weihekandidaten erfahren hat, er muß vielmehr über sein wirklich tugendhaftes Verhalten Gewißheit haben" (Theol. mor., de Sacram. Ord. n. 803). Fürchtet darum nicht, zu strenge zu erscheinen, wenn ihr im Hinblick auf euer Recht und in Erfüllung eurer Pflicht schon vor der Weihe solche positive Beweise der Tugend verlangt und im Zweifelsfalle die Weihe aufschiebt. „Geeignetes Bauholz fällt man im Walde", schreibt der hl. Gregor der Große. „Aber man setzt die Last des Gebäudes nicht zu früh auf die frisch gefällten Stämme. Man wartet vielmehr so lange, bis sie trocken und für den Gebrauch tauglich geworden sind. Vernachlässigt man diese Vorsicht, so brechen die noch grünen Stämme unter der Last zusammen" (lib. 9, ep. 106: P. L. 70, 1031), oder, um die knappen und klaren Worte des hl. Thomas zu gebrauchen, „die heiligen Weihen setzen Heiligkeit voraus....Deshalb ist die Last der Weihen auf Wände zu setzen, durch die Heiligkeit die Feuchtigkeit der Laster verloren haben" (Summ. Theol. 2, 2, q. 189, a. 1 ad 3).

Werden übrigens sämtliche kanonischen Vorschriften sorgfältig beobachtet, richten sich alle nach den klugen Weisungen, die Wir vor einigen Jahren durch die heilige Sakramentenkongregation über diese Frage veröffentlichen ließen (Instructio super scrutinio candidatorum instituendo antequam ad ordines promoveantur, d. d. 27 Dec. 1930: A.A.S. vol. 23, pag. 120), dann bleiben viele Tränen der Kirche und viele Ärgernisse den Gläubigen erspart. Ähnliche Richtlinien sind auf Unsern Wunsch für die Ordensleute gegeben worden (Instructio ad supremos Religiosorum etc. Moderatores de formatione clericali etc., d. d. 1 Dec. 1931: A.A.S. vol. 24, pag. 74—81). Ihre genaue Beobachtung schärfen Wir allen ein, die sie angehen, und ermahnen die Generalobern aller religiösen Institute, die junge Leute haben, welche fürs Priestertum bestimmt sind, sie sollen alles, was Wir bis jetzt in Bezug auf die Heranbildung des Klerus empfohlen haben, auch als an sich gerichtet betrachten. Sie präsentieren ja ihre Alumnen zur Weihe, und der Bischof verläßt sich gewöhnlich auf ihr Urteil.

Weder die Bischöfe noch die Ordensobern sollen sich von dieser notwendigen Strenge abschrecken lassen aus Furcht, die Zahl der Priester könne sich in ihrer Diözese oder Genossenschaft dadurch vermindern. Der hl. Thomas hat sich schon diese Schwierigkeit vorgelegt und beantwortet sie so in seiner gewohnten Klarheit und Weisheit: „Wenn die Würdigen geweiht und die Untauglichen ferngehalten würden, dann wird Gott seine Kirche nie so verlassen, daß nicht geeignete Männer in hinreichender Zahl für die Bedürfnisse des Volkes gefunden werden" (Summ. Theol., Suppl. q. 36, a. 4 ad 1). „Übrigens", so bemerkt derselbe heilige Kirchenlehrer sehr gut fast mit denselben ernsten Worten wie das 4. Allgemeine Laterankonzil (Conc. Later. IV, an. 1215, can. 22: Decret. p. I, dist. 23, can. 4), „sollten sich nicht so viele Diener des Altares finden lassen, wie es jetzt gibt, so wäre es immer noch besser, wenige gute als viele schlechte zu haben" (S. Thom. a. a. O.). Es ist derselbe Gedanke, den Wir bei einer feierlichen Gelegenheit erwähnt haben, nämlich damals, als Wir bei Gelegenheit erwähnt haben, nämlich damals, als Wir bei Gelegenheit der internationalen Wallfahrt der Seminaristen im Jahre Unseres Priesterjubiläums vor einer großen Anzahl von Erzbischöfen und Bischöfen Italiens sagten: ein gut durchgebildeter Priester sei mehr wert als viele, die wenig oder gar nicht vorbereitet seien und auf die die Kirche sich nicht verlassen könne, mögen sie ihr auch keinen Anlaß zu ernster Sorge geben (vgl. Osserv. Rom. 1929, Nr. 176, 29./30. Juli). Welch furchtbare Rechenschaft, Ehrwürdige Brüder, müßten wir dem Obersten Hirten (1 Petr. 5, 4) und Höchsten Bischof der Seelen (1 Petr. 2, 25) ablegen, wenn wir diese Seelen ungeeigneten und unfähigen Führern anvertraut hätten!

Obgleich man immer die Wahrheit im Auge behalten muß, daß die große Zahl der Seminaristen an sich nicht die Hauptsorge für die Erzieher des Klerus sein darf, sollen sich aber doch alle bemühen, daß die Schar tüchtiger und eifriger Arbeiter im Weinberge des Herrn wachse, besonders, weil die religiösen Bedürfnisse der Menschheit statt abzunehmen ständig steigen. Das leichteste, zugleich wirksamste und auch ganz allgemein anwendbare Mittel für diesen edlen Zweck ist das Gebet. Zu ihm sollen deshalb alle fleißig ihre Zuflucht nehmen nach dem Gebot Jesu Christi selbst: „Die Ernte ist groß; aber der Arbeiter sind wenige. Bittet darum den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende!" (Matth. 9, 37 38.) Welches Gebet könnte auch dem heiligsten Herzen unseres Erlösers lieber sein; welches Gebet könnte eher und reichlicher auf Erhörung rechnen als jenes, das so sehr den brennenden Wünschen des göttlichen Herzens selbst entspricht? „Bittet also, und es wird euch gegeben werden!" (Matth. 7, 7.) Bittet um gute und heilige Priester! Der Herr wird sie seiner Kirche nicht verweigern. Immer hat er sie ihr im Laufe der Jahrhunderte gewährt, auch in Zeiten, die weniger geeignet schienen zur Erweckung von Priesterberufen; ja gerade dann in noch größere Zahl, wie allein die katholische Hagiographie des 19. Jahrhunderts bezeugt, die so reich an herrlichen Gestalten des Welt- und Ordensklerus ist. Unter ihnen glänzen als Sterne erster Größe jene drei ganz großen Heiligen, die sich auf drei so sehr verschiedenen Arbeitsfeldern betätigt haben und denen Wir zu Unserer großen Freude den Glorienschein der Heiligen verleihen durften: der hl. Johannes Maria Vianney, der hl. Joseph Benedikt Cottolengo und der hl. Johannes Bosco.

Indes dürfen die menschlichen Bemühungen zur Pflege der kostbaren Saat des Priesterberufes, die Gott so reichlich in die Herzen großmütiger junger Männer ausstreut, nicht vernachlässigt werden. Darum loben, segnen und empfehlen Wir von ganzem Herzen jene segenbringenden Werke, die in großer Mannigfaltigkeit und mit zahllosen heiligen, vom Heiligen Geist eingegebenen Bemühungen die Priesterberufe hüten, fördern und unterstützen wollen. „Mögen wir noch soviel nachdenken", versicherte der liebenswürdige Heilige der Nächstenliebe, Vinzenz von Paul, „immer werden wir feststellen müssen, daß wir zu nichts Größerem hätten mitwirken können als zur Heranbildung guter Priester" (vgl. P. Renaudin, St Vincent de Paul chap. 5). Nichts in der Tat ist Gott wohlgefälliger, nichts für die Kirche ehrenvoller, nichts für die Seelen gewinnbringender als das kostbare Geschenk eines heiligen Priesters! Und wenn schon jeder, der einen Becher Wassers einem der geringsten Jünger Christi reicht, „nicht seines Lohnes verlustig gehen wird" (Matth. 10, 42), welchen Lohn wird dann erst jener erhalten, der sozusagen in die reinen Hände eines jungen Leviten den heiligen Kelch gibt, in dem das Blut der Erlösung rot leuchtet, und ihm diesen Kelch zum Himmel erheben hilft als Unterpfand des Friedens und Segens für die Menschheit?

Und hier geht Unser Gedanke in Dankbarkeit zur Katholischen Aktion, die Wir so unablässig gewünscht, gefördert und verteidigt haben. Als Anteilnahme der Laienwelt am hierarchischen Apostolat der Kirche kann sie gegen diese lebenswichtige Frage der Priesterberufe nicht gleichgültig sein. Zu Unserem innigen Troste sehen Wir auch, daß sie sich überall, wie auf jedem andern Feld christlicher Betätigung, so in besonderer Weise auf diesem auszeichnet. Sicherlich ist der reichste Lohn für diese Wirksamkeit gerade der wahrhaft erstaunliche Reichtum an Priester- und Ordensberufen, die im Schoß ihrer Jugendverbände heranreifen und so zeigen, daß diese nicht nur ein fruchtbarer Boden für das Gute sind, sondern auch ein wohlgehütetes und wohlgepflegtes Beet, in dem die schönsten und zartesten Blumen ohne Gefahr sich entwickeln können. Alle Mitglieder der Katholischen Aktion mögen die Ehre fühlen, die dadurch auf ihre Verreinigung zurückstrahlt, und sie mögen überzeugt sein, daß der katholische Laienstand durch diese Mitarbeit an dem Wachstum des Welt- und Ordensklerus in vorzüglichster Weise teilnimmt an der hohen Würde des „königlichen Priestertums" (1 Petr. 2, 9), die der Apostelfürst dem ganzen Volke der Erlösten zuschreibt.

Aber der beste und natürlichste Boden, aus dem fast wie von selbst die Blumen des Heiligtums keimen und erblühen müssen, ist immer die echt und tief christliche Familie. Die Mehrzahl der heiligen Bischöfe und Priester, „deren Lob die Kirche verkündet" (Ekkli. 44, 15), verdanken die Grundlage ihres Berufes und ihrer Heiligkeit dem Beispiel und den Unterweisungen eines Vaters voll Glauben und mannhafter Tugend, einer keuschen und frommen Mutter, einer Familie, in der neben der Sittenreinheit die Liebe zu Gott und dem Nächsten als Königin herrschte.

Die Ausnahmen von dieser Regel der gewöhnlichen göttlichen Vorsehung sind selten und bestätigen nur die Regel selbst. Wenn in einer Familie die Eltern nach dem Beispiel von Tobias und Sara Gott um eine zahlreiche Nachkommenschaft bitten, „durch die der Name des Herrn in alle Ewigkeit gepriesen werde" (Tob. 8, 9), und die Kinder mit Dankbarkeit als Geschenk des Himmels und als kostbaren Schatz annehmen, wenn sie sich alle Mühe geben, ihnen von den ersten Kinderjahren an heilige Gottesfrucht, christliche Frömmigkeit, eine innige Verehrung zu Christus im heiligsten Sakramente und zu der Unbefleckten Jungfrau, Achtung und Ehrfurcht von den heiligen Orten und Personen einzuflößen; wenn die Kinder in ihren Eltern das Vorbild eines ehrbaren, arbeitsamen und frommen Lebens sehen; wenn sie sehen, wie sich die Eltern im Herrn lieben, wie sie oft zu den heiligen Sakramenten gehen, wie sie nicht bloß die kirchlichen Abstinenz- und Fastengebote beobachten, sondern auch dem Geist der freiwilligen christlichen Abtötung entsprechen; wenn sie Zeugen sind, wie die Eltern beten und die ganze Familie im Haufe zum Gebet um sich versammeln, weil das gemeinsame Gebet dem Himmel wohlgefälliger ist: wenn sie ihr mitleidiges Herz für das Leid anderer kennen und sehen, wie sie mit den Armen das viele oder Wenige teilen, das sie besitzen: dann kann es kaum vorkommen, daß nicht wenigstens eines dieses Kinder, die sich doch alle bemühen, dem Beispiel der Eltern nachzueifern, in seinem Herzen die Einladung des göttlichen Meisters hört: „Komm, folge mir nach (Matth. 19, 21), und ich werde dich zum Menschenfischer machen!" (Matth. 4, 19.) Glücklich jene Eltern, die eine solche Berufung als eine ganz große Ehre, als einen ganz besondern Liebeserweis des Herrn für ihre Familie anzusehen wissen! Sie haben vielleicht nicht um ein solches Kommen Gottes, um einen solchen göttlichen Ruf an ihre Söhne inbrünstig gebetet, wie es häufiger als heute in Zeiten stärkeren Glaubens geschah; aber sie haben doch wenigstens davor keine Furcht gehabt.

Leider müssen Wir indes gestehen, daß oft, nur zu oft, Eltern, auch solche, die sich rühmen, aufrichtige Christen und Katholiken zu sein, zumal in den höheren und gebildeteren Kreisen der Gesellschaft, sich offenbar mit der Berufung ihrer Kinder zum Priester- oder Ordensstande nicht zufrieden erklären wollen. Ungescheut bekämpften sie mit allen möglichen Mitteln den göttlichen Ruf, auch mit Mitteln, die nicht bloß den Beruf zum Stand einer höheren Vollkommenheit gefährden, sondern selbst das Gewissen und das ewige Heil jener Seelen, die ihnen doch so teuer sein müßten. Sicher bringt dieser bedauerlicher Mißbrauch jenen höheren Gesellschaftskreisen, die heute so spärlich, allgemein gesprochen, in den Reihen des Klerus vertreten sind, keine Ehre ein; ebensowenig wie jener entgegensetze Übelstand vergangener Jahrhunderte, da man die Söhne gegen ihren Willen und ohne jegliche Eignung (vgl. Cod. Iur. Can. can. 971) zum Klerikerstand zwang. Gewiß, die Zerstreuungen des modernen Lebens, die Verführungen, die zumal in den Großständen die jugendlichen Leidenschaften vorzeitig wecken, die Schulen ferner, die vielerorts der Entwicklung von religiösen Berufen so wenig förderlich sind, verursachen und erklären zum großen Teil die bedauerliche Seltenheit solcher Berufe in den wohlhabenden und vornehmen Familien. Aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß diese Seltenheit auch eine schmerzliche Abnahme des Glaubensgeistes in diesen Familien zeigt. In der Tat, wenn man die Dinge im Licht des Glaubens betrachten würde, welch höhere Würde könnten dann christliche Eltern ihren Kindern wünschen; welch vornehmeres Amt als jenes, das — wie Wir gesagt haben — der Verehrung der Menschen und Engel würdig ist? Eine lange, schmerzliche Erfahrung lehrt, daß ein verratener Beruf (man halte dieses Wort nicht für zu scharf!) eine Quelle von Tränen nicht nur für den Sohn ist, den Gott rief, sondern auch für die unklugen Eltern; und verhüte Gott, daß solche Tränen zu ewigen Tränen werden.

 

IV.


Und jetzt wollen Wir an euch, geliebte Söhne, Unser väterliches Wort richten, an euch alle aus dem Welt- und Ordensklerus auf dem weiten katholischen Erdenrund, die ihr Priester des Allerhöchstens seid. Ihr, „Unser Ruhm und Unsere Freude" (1 Thess. 2, 20), tragt mit Großmut „die Last und Hitze des Tages" (Matth. 20, 12). Ihr seid Uns und Unsern Brüdern im Bischofsamt eine so starke Hilfe bei der Erfüllung der Pflicht, die Herde Christi zu weiden. Empfanget dafür Unsern väterlichen Dank und Unsere warme Ermunterung. Und da Wir euern lobenswerten Eifer kennen und schätzen, rufen Wir euch in Unserer Sorge auf, mitzuhelfen in den Nöten der Gegenwart. Je drückender diese werden, um so größer und stärker muß euer Wirken für die Erlösung sein. Denn „ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt" (Matth. 5, 13 14).

Damit aber euer Wirken wirklich von Gott gesegnet werde und reiche Frucht bringe, muß es auf Heiligkeit des Lebenswandels gegründet sein. Diese ist, wie Wir oben erklärt haben, das erste und wichtigste Erfordernis für den katholischen Priester. Ohne sie ist der Wert aller andern guten Eigenschaften gering. Mit ihr können auch weniger begabte Priester Wunderbares leisten. Das zeigen (um nur einige Beispiele anzuführen) der hl. Joseph von Copertino und in neuerer Zeit der schon erwähnte demütige Pfarrer von Ars, der hl. Johannes Maria Vianney, den Wir allen Pfarrern zum Vorbild und himmlischen Patron gegeben haben. Darum „schauet", so rufen Wir euch mit dem Völkerapostel zu, „auf euern Beruf"! (1 Kor. 1, 26.) Diese Erwägung wird euch eine immer größere Wertschätzung jener Gnade geben, die euch mit der heiligen Weihe zuteilt ward, und wird euch anspornen, „würdig des Berufes zu wandeln, zu dem ihr berufen seid" (Eph. 4, 1).

Dazu wird euch in höchstem Maße jenes Mittel helfen, welches Unser Vorgänger, Pius X., seligen Angedenkens, in seiner so frommen und herzlichen Exhortatio ad clerum catholicum (Haerent animo vom 4. Aug. 1908: A.A.S. vol. 41, p.555—577), deren eifrige Lesung Wir euch warm empfehlen, an die erste Stelle setzt unter den wirksamsten Hilfsmitteln zur Bewahrung und Stärkung der Weihegnade (a. a. O. 575), jenes Mittel, das auch Wir schon oft, zumal in Unserem Rundschreiben Mens Nostra (vom 20. Dez. 1929: A.A.S. vol. 21, 1929, p. 689—706), in väterlicher und feierlicher Weise allen Unsern Söhnen, besonders aber Unsern Priestern, angeraten haben: wir meinen die öfteren Geistlichen Übungen. Zum Abschluß Unseres Priesterjubiläums glaubten Wir Unsern Söhnen kein besseres und heilsameres Andenken an jenes glückliche Ereignis geben zu können als die Einladung, die Wir in dem genannten Rundschreiben an sie richteten, doch reichlicher das lebendige Wasser, das zum ewigen Leben emporquillt (Joh. 4, 14), aus diesem stets fließenden Quell zu schöpfen, der da durch Gottes Vorsehung in seiner heiligen Kirche erschlossen wurde. Auch heute glauben Wir euch, geliebte Söhne, die ihr Uns besonders teuer seid, weil ihr mit Uns ganz unmittelbar an der Verwirklichung des Reiches Christi auf Erden mitarbeitet, Unsere väterliche Liebe nicht besser zeigen zu können als durch die eindringliche Mahnung, euch dieses gleichen Mittels zur Heiligung in bester Weise zu bedienen: Zieht euch nach den Grundsätzen und Vorschriften Unseres erwähnten Rundschreibens in die heilige Einsamkeit der Geistlichen Übungen zurück, nicht nur in der Zeit und für die Dauer, die die Kirchengesetze streng vorschreiben (Cod. Iur. Can. can. 126 595 1001 1367), sondern auch öfter und länger, soweit es euch gestattet ist, und widmet ferner monatlich einen Tag inständigerem Gebete und größerer Sammlung (Rundschreiben Mens Nostra: A.A.S. vol. 21, 1929, p. 705), wie es eifrige Priester schon immer getan haben.

In der Einsamkeit und Sammlung wird auch jener Priester „die Gnade Gottes zum Leben erwecken" (2 Tim. 1, 6) können, der in das „Erbe des Herrn" nicht auf dem geraden Wege der wahren Berufung, sondern aus irdischen oder weniger edlen Beweggründen eingetreten ist. Da auch er unlösbar an Gott und die heilige Kirche gebunden ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem Rate des hl. Bernhard zu folgen: „Mache gut deine Wege, dein Wollen und dein heiliges Amt! War das vergangene Leben nicht heilig, so soll es wenigstens das zukünftige sein" (Epist. 27, ad Ardut.: P.L. 182, 131). Die Gnade Gottes, vor allem jene, die das Weihesakrament mit sich bringt, wird ihm, wenn er es aufrichtig wünscht, sicher helfen, das zu verbessern, was früher fehlerhaft in seinem persönlichen Verhalten war, und alle Pflichten seines Standes treu zu erfüllen, ganz gleich in welcher Verfassung er in ihn eingetreten ist.

Aus den Tagen der Sammlung und des Gebetes werdet ihr alle dann neu gestärkt gegen die Nachstellungen der Welt heraustreten, voll heiligen Eifers für das Heil der Seelen, ganz entflammt von Gottesliebe. So müssen die Priester mehr denn je in diesen Zeiten sein, wo zwar die Sittenverderbnis und die teuflische Bosheit erschreckend groß sind, wo man aber auch in allen Teilen der Welt ein mächtigeres religiöses Erwachen in den Seelen spürt, ein Wehen des Heiligen Geistes, das durch die Welt geht, um sie zu heiligen und durch seine Schöpferkraft das Angesicht der Erde zu erneuern (Ps. 103, 30). Erfüllt mit diesem Heiligen Geiste, werdet ihr diese große Gottesliebe wie ein heiliges Feuer allen mitteilen, die sich euch nahen. So werdet ihr in Wahrheit zu Christusträgern mitten in einer verderbten Welt, die nur von Jesus Christus Rettung erhoffen kann. Denn er bleibt allein und für immer „wahrhaft der Retter der Welt" (Joh. 4, 42).

Bevor wir schließen, wenden Wir Uns in Gedanken und mit diesem Unserem Wort in besonders herzlicher Liebe an euch, ihr jungen Kleriker, die ihr euch für das Priestertum ausbildet. Aus innerstem Herzen heraus bitten Wir euch, mit allem Eifer euch für die große Sendung zu rüsten, zu der Gott euch ruft. Ihr seid die Hoffnung der Kirche und der Völker. Von euch erwarten sie viel, ja alles, weil sie von euch jene tätige und lebenspendende Erkenntnis Gottes und Jesu Christi erhoffen, in der das ewige Leben besteht (Joh. 17, 3). Strebt danach, in Frömmigkeit und Reinheit, in Demut und Gehorsam, durch Zucht und Studium Priester so ganz nach dem Herzen Gottes zu werden! Seid überzeugt: auch die peinlichste und eifrigste Sorgfalt, mit der ihr an eurer gründlichen Ausbildung arbeitet, ist nicht zu groß! Von ihr hängt ja großenteils euer ganzes späteres apostolisches Wirken ab. Sorgt dafür, daß ihr euch der Kirche am Tage eurer Priesterweihe so vorstellen könnt, wie sie euch wünscht, daß nämlich „himmlische Weisheit, reine Sitten und treue Beobachtung der Gerechtigkeit euch empfehlen". Dann wird „der Wohlgeruch eures Lebens eine Freude für die Kirche Christi sein; dann werdet ihr in Wort und Beispiel das Haus erbauen, das da ist die Familie Gottes" (Pont. Rom., in ordinat. Presbyt.).

So allein könnt ihr die ruhmreiche Vergangenheit des katholischen Priestertum fortführen. Nur so könnt ihr die Ankunft der glückverheißenden Stunde beschleunigen, in der sich die Menschheit der Früchte des Friedens Christi im Reiche Christi erfreuen darf.

Wir schließen jetzt dieses Rundschreiben mit einer Mitteilung an euch, Ehrwürdige Brüder im Bischofsamte, und durch euch an all Unsere geliebten Söhne des Welt- und Ordensklerus. Als feierliches Zeichen Unseres Dankes für jene heilige Mitarbeit, mit der sie unter eurer Führung und nach eurem Beispiel dieses Heilige Jahr der Erlösung so überaus segensreich für die Seelen gestaltet haben, besonders aber zur immerwährenden Erinnerung und Verherrlichung jenes Priestertums, an dem das Unsere, das eurige, Ehrwürdige Brüder, und das aller Priester Christi teilnimmt und das es fortsetzt, hielten Wir es, nachdem Wir den Rat der Heiligen Ritenkongregation eingeholt haben, für angebracht, eine eigene Votivmesse „vom höchsten und ewigen Priestertum Jesu Christi" verfallen zu lassen. Wir haben den Trost und die Freude, mit diesem Rundschreiben zugleich die neue Messe veröffentlichen zu können. Sie kann an den Donnerstagen entsprechend den liturgischen Vorschriften gefeiert werden.

Zum Schluß, Ehrwürdige Brüder, erteilen Wir allen jenen apostolischen und väterlichen Segen, den alle von ihrem gemeinsamen Vater erwarten und ersehnen. Er soll sein ein Segen der Danksagung für alle Wohltaten, die Gottes Güte in diesem außerordentlichen Heiligen Jahre der Erlösung geschenkt hat; ebenso soll er ein glückverheißender Segen für das neue Jahr sein, an dessen Schwelle wir stehen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 20. Dezember 1935, am 56. Jahrestag Unserer Priesterweihe, im 14. Jahre Unseres Pontifikates.
 

Papst Pius XI.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/2000-04/15-10/Adcatsac.html)

Johannes Paul II:

Jede Berufung ist ein Geschenk Gottes

Ansprache bei der Generalaudienz am 29. September 1993

 

„Nos vos me elegistis sed ego elegi vos." „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Mit diesen Worten möchte ich die Katechese beginnen, die zum großen Katechesezyklus über die Kirche gehört. In diesem umfangreichen Zyklus befindet sich die Katechese über die Priesterberufungen. Die Worte, die Jesus an die Apostel gerichtet hat, sind sinnbildlich gemeint und beziehen sich nicht nur auf die Zwölf, sondern auf alle Generationen von Menschen, die Jesus Christus im Laufe der Jahrhunderte berufen hat. Sie beziehen sich auf manche Menschen persönlich:

Wir sprechen von der priesterlichen Berufung, denken aber zugleich an die Berufungen zum gottgeweihten Leben der Männer und Frauen. Die Berufungen sind eine Hauptaufgabe für die Kirche, für den Glauben, für die Zukunft des Glaubens in dieser Welt: Jede Berufung ist ein Geschenk, nach den Worten Jesu ein Geschenk Gottes. Ich habe euch gewählt. Also ist es eine Wahl, eine Erwählung durch Jesus, die immer den Menschen trifft, aber dieser lebt in einem bestimmten Umfeld der Familie, der Gesellschaft, der Zivilisation und der Kirche. Deshalb ist die Berufung ein Geschenk, aber auch Antwort auf dieses Geschenk. Wie jeder von uns, wie der Berufene, der Erwählte auf diesen göttlichen Ruf zu antworten weiß, hängt von vielen Umständen ab, von einer gewissen inneren Reife des Menschen, von dem, was man Mitarbeit mit der Gnade Gottes nennt.

Mitarbeiten, hören, nachfolgen. Wir wissen gut, wir erinnern uns, daß Jesus zu dem jungen Mann im Evangelium gesagt hat: „Folge mir!" Nachfolgen können, und wenn man Jesus nachfolgt, dann ist die Berufung reif, sie wird konkrete Wirklichkeit. Und das geschieht immer zum Wohl des Menschen und der Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft ihrerseits soll auch auf diese Berufungen zu antworten wissen, die aus ihren Bereichen erwachsen. Sie entstehen in der Familie, und die Familie soll es verstehen, die Berufung zu fördern. Es sind die Bereiche des menschlichen Lebens, des Daseins: die Lebensbereiche.

Die Berufung und die Antwort auf die Berufung hängen im höchsten Maß vom Zeugnis der ganzen Gemeinschaft, der Familie, der Pfarrgemeinde ab. Die Menschen sind es, die zum Wachstum der Berufungen beitragen. Die Priester sind es, die durch ihr Beispiel die Jugendlichen anziehen und die Antwort erleichtern auf die Einladung Jesu: „Folge mir!" Diejenigen, die den Ruf angenommen haben, sollen ein Beispiel geben, wie man nachfolgt.

Heute sieht man in der Pfarrgemeinde immer mehr, daß vor allem die Vereinigungen und Bewegungen zum Werk der Berufungen beitragen. Eine der Bewegungen oder vielmehr Vereinigungen, die typisch sind für die Pfarrei, ist die der Ministranten.

Sie dient den zukünftigen Berufungen. So war es in der Vergangenheit. Viele Ministranten sind Priester geworden. Auch heute ist das gut, aber man soll auch andere Wege ausprobieren sozusagen andere Methoden wie mit dem göttlichen Ruf mit der göttlichen Erwählung mitzuwirken ist; wie Jesu Worte: Die Ernte ist groß, aber die Arbeiter sind wenige, auszuführen sind; wie man dazu beiträgt, sie zu vollbringen. Und das ist wahr: Die Ernte ist immer groß, die Arbeiter sind immer wenige, besonders in einigen Ländern.

Aber Jesus sagt: Bittet den Herrn der Ernte darum. Also bleibt für uns alle, ohne Ausnahme, insbesondere das schmerzliche, sorgenvolle Gebet für die Berufungen. Wenn wir uns in das Erlösungswerk Christi und der Kirche einbezogen fühlen, müssen wir für die Berufungen beten. Die Ernte ist groß.

Gelobt sei Jesus Christus!

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es ist mir eine besondere Freude, Euch, die Ihr aus den Ländern deutscher Sprache so zahlreich am Grab des Apostels Petrus versammelt seid, willkommen heißen zu können.

In der Reihe unserer Katechesen über das Priestertum wollen wir heute über die dazu unerläßliche Berufung nachdenken Sie ist ein Ruf ein Geschenk ein Werk Gottes sie ist eine Tat der Gnade die zum Geheimnis der unverdienten Gaben Gottes gehört mit denen er durch Jesus Christus das Haupt der Kirche die Menschen beschenkt.

Dies kommt auch in den Worten Jesu zum Ausdruck Nicht ihr habt mich erwählt sondern ich habe euch erwählt daß ihr Frucht bringt und eure Frucht bleibt (Joh 15,16).

Dieser Anruf Gottes bedarf jedoch des Mitwirkens vor allem des Berufenen selbst. Nachdem er die vom Bischof bestätigte Berufung zur Christusnachfolge angenommen hat, soll er ihr durch Verfügbarkeit, Gehorsam, Hingabe seiner selbst und durch die erforderliche Vorbereitung entsprechen.

Um dies verwirklichen zu können, bedarf es dazu des Zusammenwirkens der Gemeinschaft der Gläubigen, wie das jüngste Konzil lehrt: „Berufe zu fördern ist Aufgabe der gesamten christlichen Gemeinde sie erfüllt sie vor allem durch ein wirklich christliches Leben" (Optatam totius, Nr. 2). Den wichtigsten Beitrag dazu leisten einmal die Familien, die gleichsam zum ersten Seminar werden; zum anderen die Pfarrgemeinden, an deren Leben die Jugendlichen selbst teilnehmen. Auch die Lehrer und die katholischen Verbände sollen die ihnen anvertrauten jungen Menschen so zu erziehen suchen, daß sie den göttlichen Ruf wahrnehmen und ihm bereitwillig folgen Schließlich sollen die Priester selbst ihren apostolischen Eifer vor allem in der Förderung der geistlichen Berufe zeigen.

Aufgabe der Bischöfe ist es, die Angehörigen ihrer Diözese in der Förderung von Berufungen anzuspornen, für den Zusammenschluß aller Kräfte und Berufungen zu sorgen und diejenigen, „die nach ihrem Urteil zum Anteil des Herrn berufen sind, väterlich zu unterstützen ohne dabei irgendein Opfer zu scheuen (Optatam totius Nr. 2).

Indem ich Euch, liebe Schwestern und Brüder, herzlich bitte, für Priesterberufe ohne Unterlaß zu beten (Mt 9,38) und den jungen Menschen mit Wort und Tat beizustehen, grüße ich Euch alle sehr herzlich. Mein besonderer Willkommensgruß gilt der Pilgergruppe aus Augsburg anläßlich des tausendjährigen Jubiläums der Heiligsprechung des Bischofs Ulrich, der Pilgergruppe aus Osnabrück mit Herrn Bischof Ludwig Averkamp, den Teilnehmern an der jährlichen Pilgerfahrt „Rom im Rollstuhl aus der Schweiz einer ökumenischen Pilgergruppe aus Salzgitter sowie den Seminaristen der Diözese Fulda.

Euch, Euren lieben Angehörigen und Freunden in der Heimat sowie allen, die uns in diesem Augenblick verbunden sind, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/290993.rtf.html)





Die Priester sollen immer und überall Menschen des Friedens sein

Ansprache bei der Generalaudienz am 22 September 1993

 

1. Die priesterliche Gemeinschaft über die wir mehrmals in den vorhergehenden Katechesen gesprochen haben ist nicht zu trennen von der kirchlichen Gemeinschaft sondern gehört zu ihrem innersten Wesen Sie ist ihr Wesenskern und steht ständig in Verbindung mit allen anderen Gliedern des Leibes Christi Dieser lebendigen Gemeinschaft dienen die Priester in ihrer Eigenschaft als Hirten kraft des Weihesakraments und der Sendung mit der die Kirche sie betraut hat.

Beim II. Vatikanischen Konzil hat die Kirche versucht, in den Priestern dieses Bewußtsein der Zugehörigkeit und der Teilhabe neu zu beleben, damit jeder von ihnen daran denkt, daß er zwar ein Hirt, aber weiterhin auch ein Christ ist, der allen Anforderungen seiner Taufe entsprechen und als Bruder unter allen anderen Getauften leben soll, im Dienst „ein und desselben Leibes Christi, dessen Auferbauung allen anvertraut ist" (Presbyterorum ordinis, Nr. 9). Es ist wichtig, daß das Konzil gemäß der Ekklesiologie des Leibes Christi den brüderlichen Charakter der Beziehungen des Priesters zu den anderen Gläubigen unterstreicht, so wie es bereits den brüderlichen Charakter der Beziehungen des Bischofs zu den Priestern bekräftigt hat. In der christlichen Gemeinschaft sind die Beziehungen grundlegend brüderlich, wie Jesus in „seinem" Auftrag gefordert hat, den der Apostel Johannes im Evangelium und in den Briefen so beharrlich unterstreicht (vgl. Joh 13, 14: 15,12. 17; 1 Joh 4, 11. 21) Jesus selbst sagt zu seinen Jüngern: „Ihr alle .... seid Bruder" (Mt 23,8).

 

2. Nach der Lehre Jesu heißt der Gemeinschaft vorstehen nicht, über sie zu herrschen, sondern ihr zu dienen. Er selbst hat uns das Beispiel des Hirten gegeben, der seine Herde weidet und ihr dient, und er hat verkündet, daß er nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen (vgl. Mk 10,45; Mt 20,28). Wenn er Jesus, den guten Hirten und einzigen Herrn und Meister (vgl.; Mt 23,8), betrachtet, versteht der Priester, daß er weder die eigene Ehre noch das eigene Interesse suchen kann, sondern nur das, was Jesus Christus gewollt hat, so daß er sich in den Dienst seines Reiches in der Welt stellt. Deshalb weiß er - und das Konzil erinnert ihn daran daß er sich als Diener aller, mit ehrlicher und hochherziger Selbsthingabe verhalten soll, indem er alle mit dem Dienst verbundenen Opfer auf sich nimmt und immer daran denkt, daß Jesus Christus, der einzige Herr und Meister, gekommen ist, um zu dienen, und es getan hat, um „sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mt 20,28).

 

3. Das Problem der Beziehungen der Priester zu den anderen Gläubigen in der christlichen Gemeinschaft ist von besonderer Bedeutung in bezug auf die sogenannte Laienschaft die als solche außerordentliches Gewicht in unserer Zeit besitzt durch das neue Bewußtsein von der entscheidenden Rolle die die Laienchristen in der Kirche spielen.

Bekanntlich haben die geschichtlichen Umstände die kulturelle und organisatorische Wiedergeburt der Laienschaft besonders im 19 Jahrhundert begünstigt und in der Kirche hat sich zwischen den zwei Weltkriegen eine Theologie der Laienschaft entwickelt, die zum besonderen Konzilsdekret Apostolicam actuositatem und noch weiter zur gemeinschaftlichen Sicht der Kirche geführt hat, die in der dogmatischen Konstitution Lumen Gentium dargelegt ist, und zu der Rolle, die dort der Laienschaft zuerkannt wird.

Was die Beziehungen der Priester zu den Laien betrifft, so betrachtet sie das Konzil in bezug auf eine lebendige, aktive und organische Gemeinschaft, die zu bilden und zu leiten der Priester berufen ist. Zu diesem Zweck empfiehlt das Konzil den Priestern die Wurde der Laien wirklich zu fordern die Wurde der Menschen die durch die Taufe zur Gotteskindschaft erhoben und mit den Gnadengaben bekleidet werden. Für jeden von ihnen bringt die göttliche Gnade eine eigene Aufgabe in der kirchlichen Heilssendung mit sich, auch in den Bereichen wie Familie, Gesellschaft, Beruf, Kultur usw., wo die Priester gewöhnlich nicht die besonderen Aufgaben der Laien erfüllen können (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 9). Das Bewußtsein dieser Besonderheit soll sowohl von den Laien als auch von den Priestern immer mehr entwickelt werden aufgrund eines verstärkten Sinnes der kirchlichen Zugehörigkeit und Teilhabe.

 

4. Dem Konzil entsprechend sollen die Priester die rechte Freiheit der Laien achten die als Kinder Gottes vom Heiligen Geist beseelt sind In dieser Atmosphäre der Achtung der Würde und Freiheit ist die Mahnung des Konzils an die Priester zu verstehen: „Sie sollen gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit verstehen können." Die Priester werden versuchen, mit Hilfe des Herrn die Charismen der Laien, „schlichte wie bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen" (ebd.).

Es ist wichtig und interessant, daß das Konzil feststellt: „Unter den Gaben Gottes, die sich reichlich bei den Gläubigen finden, verdienen die eine besondere Pflege, die nicht wenige zu einem intensiveren geistlichen Leben anspornen" (ebd.). Gott sei Dank, wissen wir, daß sich viele Gläubige - auch in der Kirche von heute und oft sogar über ihre sichtbaren Vereinigungen hinaus - dem Gebet, der Meditation, der Buße widmen oder widmen wollen (zumindest der täglichen Arbeit die fleißig und geduldig verrichtet wird, und dem schwierigen Zusammenleben) mit oder ohne unmittelbare Verpflichtung zum aktiven Apostolat. Sie fühlen häufig das Bedürfnis nach einem priesterlichen Berater oder sogar geistlichen Führer, der sie empfängt, anhört und in christlicher Freundschaft bescheiden und liebevoll behandelt. Man konnte sagen daß die moralische und soziale Krise unserer Zeit mit den Problemen die sich sowohl für den Einzelnen als auch für die Familien stellen dieses Bedürfnis nach priesterlicher Hilfe im geistlichen Leben starker spuren laßt Eine neue Einsicht und neue Hingabe an den Beichtdienst und die geistliche Führung ist den Priestern lebhaft zu empfehlen auch in bezug auf die neuen Forderungen der Laien die eifriger danach streben den Weg der vom Evangelium vorgezeichneten christlichen Vollkommenheit zu gehen.

 

5. Das Konzil empfiehlt den Priestern die Mitarbeit der Laien im Apostolat und in der Seelsorge innerhalb der Christengemeinde anzuerkennen zu fordern und zu nähren und nicht zu zögern ihnen Ämter zum Dienst in der Kirche anzuvertrauen ihnen Freiheit und Raum zum Handeln zu lassen (ebd.) Wir befinden uns folgerichtig im Bereich der Achtung der Wurde und der Freiheit der Kinder Gottes aber auch des Dienstes im Sinn des Evangeliums Dienst in der Kirche sagt das Konzil Es ist gut zu wiederholen daß das alles ein lebendiges Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und der aktiven Teilhabe an ihrem Leben voraussetzt. Und noch tiefer den Glauben und das Vertrauen auf die Gnade die in der Gemeinschaft und ihren Gliedern wirksam ist.

Als Bezugspunkt kann für den Seelsorgedienst in diesem Bereich das dienen was das Konzil sagt das heißt daß die Priester mitten unter den Laien (leben) um alle zur Einheit in der Liebe zu führen (ebd.) Alles kreist um diese Hauptwahrheit und insbesondere um die Öffnung und Aufnahme für alle das ständige Bemühen den Eintracht zu bewahren oder wiederherzustellen den Einklang die Versöhnung zu begünstigen die gegenseitige Verständnisbereitschaft zu fordern und eine Atmosphäre des Friedens zu schaffen Ja die Priester sollen immer und überall Menschen des Friedens sein.

 

6. Das Konzil vertraut den Priester diese Friedensmission für die Gemeinschaft an: Frieden in der Liebe und Wahrheit Ihre Aufgabe ist es darum die verschiedenen Meinungen so in Einklang zu bringen daß niemand sich in der Gemeinschaft der Gläubigen fremd fühlt. Sie sind die Verfechter des gemeinsamen Wohls für das sie im Namen des Bischofs Sorge tragen und zugleich die entschiedenen Verteidiger der Wahrheit damit die Gläubigen nicht von jedem Wind der Lehre hin und her getrieben werden Ihrer besonderen Sorge sind die anvertraut die die Sakramente nicht mehr empfangen ja vielleicht sogar vom Glauben abgefallen sind sie werden es nicht unterlassen als gute Hirten gerade auch ihnen nachzugehen (ebd.).

Ihre Sorge gilt folglich allen in und außerhalb des Schafstalls entsprechend den Anforderungen der missionarischen Dimension, die heute nicht anders als seelsorglich sein kann Vor diesem pastoralen Hintergrund wird jeder Priester das Problem der Kontakte mit den Nichtglaubenden sehen die keiner Kirche angehören ja sich sogar als gottlos bezeichnen Er wird sich von der Hirtenliebe gedrängt zu allen hinge zogen fühlen. Allen wird er die Türen der Gemeinschaft zu öffnen versuchen. Das Konzil erinnert hier die Priester an das besondere Augenmerk das sie auf die Brüder richten sollen die nicht in voller kirchlicher Gemeinschaft mit uns stehen Das ist der ökumenische Horizont Das Konzil schließt mit der Aufforderung an die Priester, „alle diejenigen sich anvertraut zu wissen, die Christus nicht als ihren Erlöser anerkennen (ebd.) Christus bekanntmachen ihm die Türen der Sinne und der Herzen öffnen an seinem immer neuen Kommen in die Welt mitarbeiten Das ist der Hauptzweck des Hirtendienstes.

 

7. Es handelt sich um einen schweren Auftrag der den Priestern von Christus durch die Kirche zukommt. Verständlicherweise bittet das Konzil alle Gläubigen um ihre Mitarbeit, die sie als Hilfe bei der Arbeit, bei der Bewältigung von Schwierigkeiten und vielmehr noch durch ihr Verständnis und ihre Liebe zu leisten imstande sind. Die Gläubigen sind das andere Ende der Liebesbeziehung, die zwischen den Priestern und der gesamten Gemeinschaft bestehen soll. Die Kirche, die ihren Priestern Aufmerksamkeit und Sorge gegenüber den Gläubigen empfiehlt, ruft die Gläubigen ihrerseits zur Solidarität gegenüber den Hirten auf: „Die Christgläubigen aber sollen sich bewußt sein, daß sie ihren Priestern gegenüber in Schuld stehen. Darum mögen sie diesen als ihren Hirten und Vätern in Kindesliebe verbunden sein. Sie sollen an den Sorgen und Nöten ihrer Priester Anteil nehmen und ihnen durch Gebet und Tat nach Kräften helfen (ebd.).

Das wiederholt der Papst, indem er an alle Laienchristen einen dringenden Aufruf im Namen Jesu, unseres einzigen Herrn und Meisters, richtet: Helft euren Hirten durch das Gebet und durch die Tat! Liebt und unterstützt sie bei der täglichen Ausübung ihres Dienstes.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In der Petersbasilika heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher herzlich willkommen und verleihe meiner Freude Ausdruck daß Ihr so zahlreich dem Nachfolger Petri Eure Verbundenheit bekundet.

Mein besonders herzlicher Willkommensgruß gilt der großen Zahl von Schülerinnen und Schülern aus Deutschland. Für das begonnene Schuljahr erbitte ich Euch Gottes Segen und wünsche Euch viel Erfolg Ferner grüße ich die Polizeibeamten aus Nordrhein Westfalen ich danke. Euch für Euren treuen Dienst am Mitmenschen Außerdem heiße ich den Kirchenchor der Pfarrei Eversberg sowie die Professoren, Studentinnen und Studenten der Theologie der Philipps-Universität Marburg herzlich willkommen.

Euch Euren lieben Angehörigen zu Hause sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/220993.rtf.html)





Das Verhältnis der Priester untereinander

Ansprache bei der Generalaudienz am 1. September 1993

 

1. Die priesterliche Gemeinschaft (das Presbyterium), über die wir in den vorhergegangenen Katechesen gesprochen haben, schafft unter denen, die an ihr teilhaben, ein Netz wechselseitiger Beziehungen: Diese bestehen im Bereich der kirchlichen Gemeinschaft, die ihren Ursprung in der Taufe hat. Das besondere Fundament dieser Beziehungen ist die gemeinsame sakramentale und geistliche Teilhabe am Priestertum Christi, aus dem spontan ein Zugehörigkeitsgefühl zum Presbyterium erwächst.

Das wurde vom Konzil gut hervorgehoben: „Die Priester, die durch die Weihe in den Priesterstand eingegliedert wurden, sind in inniger sakramentaler Bruderschaft miteinander verbunden. Besonders in der Diözese, deren Dienst sie unter dem eigenen Bischof zugewiesen werden, bilden sie das eine Presbyterium" (Presbyterorum ordinis, Nr. 8). In bezug auf dieses Diözesanpresbyterium entwickelt sich hauptsächlich durch das gegenseitige Kennenlernen, die Nachbarschaft und die Lebens und Arbeitsgewohnheiten jenes Zugehörigkeitsgefühl, das die brüderliche Gemeinschaft schafft und erhält und sie öffnet für die pastorale Zusammenarbeit.

Die Verbundenheit in der Hirtenliebe drückt sich aus im Dienst und in der Liturgie, wie auch das Konzil betont: „Mit den übrigen Gliedern dieses Presbyteriums ist jeder einzelne durch besondere Bande der apostolischen Liebe, des Dienstes und der Brüderlichkeit verbunden. Das wird schon seit frühen Zeiten in der Liturgie bekundet, wenn die anwesenden Priester aufgefordert werden, dem Neuerwählten zusammen mit dem weihenden Bischof die Hände aufzulegen, und wenn sie einmütig die heilige Eucharistie zusammen feiern" (ebd.). In diesen Fällen kommt die sakramentale, aber auch die geistliche Gemeinschaft zum Ausdruck, die in der Liturgie die „eine Stimme" findet, um vor Gott und den Mitmenschen die Einheit des Geistes zu verkünden und zu bezeugen.

 

2. Die priesterliche Verbundenheit findet ebenso Ausdruck in der Einheit des Hirtenamtes, im ganzen weitgefächerten Bereich der Aufgaben, Ämter und Tätigkeiten, die den Priestern übertragen sind, die „trotz ihrer verschiedenen Ämter für den Menschen den einen priesterlichen Dienst leisten" (ebd.).

Die Vielfalt der Aufgaben kann groß sein. So sind zum Beispiel zu nennen: das Dienstamt in den Pfarreien und der zwischen- oder überpfarrliche Dienst; die diözesanen, nationalen, internationalen Werke; der Schulunterricht, die Forschung und ‘Analyse, der Unterricht in den verschiedenen Bereichen von Religion und Theologie; jedes Apostolat in Form des Bezeugens, manchmal verbunden mit der Pflege und Lehre eines menschlichen Wissenszweiges; die Verbreitung des Evangeliums durch die Medien; die religiöse Kunst in ihren vielen Ausdrucksformen; die vielfachen karitativen Dienste; die moralische Hilfe für die einzelnen Kategorien von Menschen, die forschen oder arbeiten, und schließlich die heute besonders aktuellen und wichtigen ökumenischen Aktivitäten. Diese Vielfalt bewirkt keine Abstufungen oder Unterschiede, denn es handelt sich um Aufgaben, die für die Priester immer zum Evangelisierungsplan gehören. „In dem einen - so sagen wir mit dem Konzil kommen sie alle überein: in der Auferbauung des Leibes Christi, die besonders in unserer Zeit vielerlei Dienstleistungen und neue Anpassungen erfordert" (ebd.).

 

3. Deshalb ist es wichtig, daß jeder Priester bereit und innerlich entsprechend geformt ist, das von seinen Mitbrüdern im Priesteramt vollbrachte Werk zu verstehen und hochzuschätzen. Es ist eine Frage des christlichen und kirchlichen Geistes sowie der Offenheit gegenüber den Zeichen der Zeit. Er soll zum Beispiel verstehen können, daß es beim Aufbau der christlichen Gemeinschaft unterschiedliche Bedürfnisse wie auch verschiedene Charismen und Gaben gibt; die apostolischen Werke werden in unterschiedlicher Weise verstanden und gestaltet, so daß neue Arbeitsmethoden im Seelsorgebereich vorgeschlagen und angewandt werden können unter Beibehaltung der Gemeinschaft des Glaubens und Handelns der Kirche.

Gegenseitiges Verständnis ist die Grundlage der wechselseitigen Hilfe in den verschiedenen Bereichen. Wir wiederholen mit dem Konzil: „Deshalb ist es von großer Bedeutung, daß alle, Welt- und Ordenspriester, einander helfen, damit sie stets Mitarbeiter der Wahrheit sind" (ebd.) Gegenseitige Hilfe kann in vielerlei Weisen geleistet werden: durch die Bereitschaft, die Arbeit im Geist seelsorglicher Zusammenarbeit zu planen, die sich unter den verschiedenen Einrichtungen und Gruppen und in der Gesamtordnung des Apostolats selbst als immer notwendiger erweist. Hier ist zu berücksichtigen, daß die Pfarrei selbst (und manchmal auch die Diözese), obwohl sie selbständig ist, sich nicht isolieren kann; besonders in einer Zeit wie heute, wo die Kommunikationsmittel überhandnehmen ebenso wie die Mobilität der Leute, die Anziehungskraft von Ballungszentren sowie die Gleichschaltung neuer Tendenzen, Gewohnheiten, Moden, Zeitplänen. Die Pfarreien sind lebendige Organe des einen Leibes Christi, der einen Kirche, in der sowohl die Mitglieder der Ortsgemeinden als auch all jene hilfreich aufgenommen werden, die aus irgendeinem Grund in einem bestimmten Augenblick kommen, der ein Erscheinen Gottes in ihrem Bewußtsein, ihrem Leben, bedeuten kann. Natürlich darf das keine Unordnung bzw. kein Vergehen gegen die kanonischen Gesetze verursachen, die ebenso im Dienst der Pastoral stehen.

 

4. Ein besonderes Bemühen um gegenseitiges Verständnis und Hilfe untereinander ist wünschenswert und zu fördern vor allem in den Beziehungen zwischen den älteren und den jüngeren Priestern: Die einen wie die anderen sind für die christliche Gemeinschaft so notwendig und den Bischöfen und dem Papst so teuer. Das Konzil empfiehlt den Älteren, für die Initiativen der Jüngeren Verständnis und Wohlwollen zu hegen: die Jüngeren ermahnt es, die Erfahrung der Älteren zu achten und ihnen Vertrauen zu schenken; die einen wie die anderen werden angewiesen, einander mit wahrer Liebe zu behandeln nach dem Beispiel, das so viele Priester gestern und heute gegeben haben (vgl. ebd.).

Wieviel möchte aus dem Herzen und über die Lippen kommen in bezug auf diese Dinge, in denen sich die „priesterliche Gemeinschaft" konkret offenbart, die die Priester miteinander verbindet! Begnügen wir uns mit den Worten des Konzils: „Der Geist der Bruderliebe verpflichtet die Priester, die Gastfreundschaft zu pflegen, Gutes zu tun und ihre Güter zu teilen, wobei ihre besondere Sorge den kranken, bedrängten, mit Arbeit überlasteten, den einsamen, den aus ihrer Heimat vertriebenen Mitbrüdern gelten soll sowie denen, die Verfolgung leiden" (ebd.).

Jeder Bischof, jeder Priester, findet, wenn er auf seinen Lebensweg zurückblickt, ihn durchsetzt mit Erfahrungen, wo so viele Mitbrüder wie auch weitere Gläubige, die sich in den soeben genannten und vielen anderen Notsituationen befinden, Verständnis, Hilfe und Mitarbeit brauchen! Wer weiß, ob es nicht möglich gewesen wäre, mehr zu tun für all die „Armen", die vom Herrn geliebt und der Liebe der Kirche anvertraut wurden. Auch für jene, die - wie das Konzil sagt (ebd.) - sich in Schwierigkeiten befinden. Auch im Bewußtsein, der Stimme des Herrn und des Evangeliums gefolgt zu sein, sollen wir uns jeden Tag vornehmen, immer mehr und immer Besseres für alle zu tun.

 

5. Das Konzil rät auch zu gemeinschaftlichen Initiativen, die die gegenseitige Hilfe in Notfällen und auch ständig, ja gewissermaßen institutionell zugunsten der Mitbrüder fördern sollen.

Es weist vor allem auf regelmäßige brüderliche Zusammenkünfte hin, die der Entspannung und Ruhe dienen sollen, damit das Bedürfnis des Menschen nach Erholung der körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte erfüllt wird, das auch Jesus, unser Herr und Meister, in seiner liebevollen Aufmerksamkeit für die Lage der anderen vor Augen hatte, als er die Apostel aufforderte: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus" (Mk 6,31). Diese Einladung gilt auch für die Priester aller Zeiten und in der unsrigen mehr denn je angesichts der zunehmenden Tätigkeiten und ihrer Verflechtungen auch im Pastoraldienst (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 8).

Das Konzil ermutigt weiter die Initiativen, die das Gemeinschaftsleben der Priester ständig ermöglichen und erleichtern wollen, auch in Form eines klug gestalteten und geordneten Zusammenwohnens oder wenigstens einer leicht zugänglichen und nutzbaren Mensa an entsprechenden Stellen. Die nicht nur ökonomischen und praktischen, sondern auch geistlichen Gründe solcher Unternehmen im Einklang mit den Einrichtungen der Urgemeinde von Jerusalem (vgl. Apg 2,46-47) sind offensichtlich und dringend angesichts der heutigen Lage vieler Priester und Prälaten, auf die man achten und für die man sorgen muß, um ihnen Schwierigkeiten und Mühen zu ersparen (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 8). „Hochzuschätzen und achtsam zu unterstützen sind auch Vereinigungen, die nach Prüfung ihrer Satzungen von der zuständigen kirchlichen Autorität durch eine geeignete und entsprechend bewährte Lebensordnung sowie durch brüderliche Hilfe die Heiligkeit der Priester in der Ausübung ihres Dienstes fördern und auf diese Weise dem ganzen Priesterstand dienen möchten" (ebd.).

 

6. Letztere Erfahrung wurde in der Vergangenheit an nicht wenigen Orten von heiligen Priestern gemacht. Das Konzil wünscht und ermutigt ihre möglichst weite Verbreitung, und es fehlt nicht an neuen Einrichtungen, die das Wohl des Klerus und des christlichen Volkes fördern. Ihrem Wachstum und ihrer Wirksamkeit entspricht das Maß der Erfüllung der vom Konzil festgelegten Bedingungen: die Zielsetzung der priesterlichen Heiligung, die brüderliche Hilfe unter den Priestern, die Gemeinschaft mit der kirchlichen Autorität auf diözesaner Ebene und auf der des Apostolischen Stuhls den jeweiligen Fällen entsprechend. Diese Gemeinschaft bringt approbierte Statuten als Lebens- und Arbeitsregel mit sich, ohne die die Mitglieder fast unweigerlich in Unordnung oder willkürlichen Zwängen seitens einer starken Persönlichkeit ausgesetzt wären. Es ist ein altes Problem für jede Form der Vereinigung, das auch im religiösen und kirchlichen Bereich auftaucht. Die kirchliche Obrigkeit erfüllt ihre Sendung des Dienstes an den Priestern und allen Gläubigen auch dadurch, daß sie diese Rolle der Unterscheidung der echten Werten und des Schutzes der geistigen Freiheit der Menschen spielt. Ferner will sie die Gültigkeit der Vereinigungen wie des ganzen Gemeinschaftslebens gewährleisten.

Auch hier handelt es sich darum, das heilige Ideal der priesterlichen Gemeinschaft zu verwirklichen.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Sehr herzlich heiße ich Euch, die Pilger aus den verschiedenen Ländern deutscher Sprache, zu dieser Audienz willkommen. Ich freue mich, mit Euch zusammentreffen zu können, und will, wie es die Aufgabe des Nachfolgers Petri ist, Euch in Eurem Glauben stärken (vgl. Lk 22,32).

Mein besonderer Willkommensgruß gilt den Schüler- und Studentengruppen, den Kirchenchören aus der Diözese Passau, den Teilnehmern der Leserfahrt des Bistumsblatts „Paulinus" der Diözese Trier sowie den Ordensschwestern aus verschiedenen europäischen Ländern, die an einem Weiterbildungskurs der Salvatorianerinnen in Rom teilnehmen. Möge der Besuch an den Gräbern der Apostel Euch in Eurem Glauben neue Kraft und Freude schenken. Dazu erteile ich Euch, Euren lieben Angehörigen in der Heimat sowie all jenen, die uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/010993.rtf.html)





Die Beziehung der Priester zu ihren Bischöfen stärken

Ansprache bei der Generalaudienz am 25. August 1993

 

1. Die Gemeinschaft die Jesus für all jene gewollt hat die am Weihesakrament teil haben, soll sich ganz besonders in der Beziehung der Priester zu ihren Bischöfen zeigen. Das II. Vatikanische Konzil spricht dabei von einer hierarchischen Gemeinschaft die der Einheit von Weihe und Sendung entspringt Wir lesen Alle Priester haben zusammen mit den Bischöfen so an ein und demselben Priestertum und Amt Christi teil, das diese Einheit der Weihe und Sendung ihre hierarchische Gemeinschaft mit dem Stand der Bischöfe erfordert Diese Gemeinschaft bekunden sie vorzüglich bei gelegentlicher Konzelebration desgleichen bei jeder Euchari-stiefeier (Presbyterorum ordinis Nr. 7). Wie man sieht tritt auch hier wieder das Geheimnis der Eucharistie als Zeichen und Quelle der Einheit hervor. Mit der Eucharistie ist das Weihesakrament verbunden, das die hierarchische Gemeinschaft zwischen all denen bestimmt die am Priestertum Christi teilhaben Diözesan wie Ordenspriester sind also alle zusammen aufgrund ihrer Weihe und ihres Dienstamtes dem Kollegium der Bischöfe zugeordnet sagt das Konzil (Lumen Gentium Nr. 28).

 

2. Diese Verbundenheit zwischen Priestern jeder Ordnung und jeden Grades und den Bischöfen ist wesentlich für die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Die Priester empfangen vom Bischof die sakramentale Vollmacht und die hierarchische Befugnis zu diesem Dienst. Auch die Ordensleute empfangen eine solche Vollmacht und Autorisation vom Bischof, der sie zu Priestern weiht, und von dem, der die Diözese leitet, in der sie ihren Dienst ausüben. Auch wenn sie Orden angehören, die in ihrer Lebensweise nicht der Jurisdiktion der Diözesanbischöfe unterstehen, erhalten sie vom Bischof gemäß dem kanonischen Recht den Auftrag und die Zustimmung für ihre Eingliederung und Tätigkeit im Bereich der Diözese, ausgenommen jedoch die Befugnis, womit der römische Papst als Haupt der Kirche den kirchlichen Ordensgemeinschaften oder anderen Instituten die Vollmacht erteilen kann, aufgrund ihrer Konstitutionen weltumspannend tätig zu sein. Den Bischöfen wiederum stehen die Priester „als ihre notwendigen Helfer und Ratgeber im Dienstamt der Belehrung, der Heiligung und der Leitung des Gottesvolkes" zur Seite (Presbyterorum ordinis, Nr. 7).

 

3. Durch diese Verbundenheit der Priester und Bischöfe in der sakramentalen Gemeinschaft sind die Priester Hilfe und Organ der Ordnung der Bischöfe schreibt die Konstitution Lumen Gentium (Nr. 28). Sie führen in jeder Gemeinschaft die Tätigkeit des Bischofs fort und machen ihn in seiner Eigenschaft als Hirten an den verschiedenen Orten gewissermaßen gegenwärtig.

Es ist klar, daß der Dienst der Priester aufgrund seiner pastoralen Identität und seines sakramentalen Ursprungs „unter der Autorität des Bischof‘ ausgeübt wird. Wie es in Lumen Gentium heißt, sollen die Priester „ihren Anteil beitragen zur Hirtenarbeit an der ganzen Diözese", indem sie den ihnen zugewiesenen Teil der Herde des Herrn heiligen und leiten (ebd.).

Es ist wahr, daß die Priester Christus darstellen und an seiner Statt handeln, indem sie ihrem Dienstgrad entsprechend an seinem Amt des einzigen Mittlers teilhaben. Sie können aber nur als Mitarbeiter des Bischofs handeln und dehnen so den Dienst des diözesanen Hirten auf die Ortsgemeinden aus.

 

4. Auf diesem theologischen Prinzip der Teilhabe im Bereich der hierarchischen Gemeinschaft gründen die Beziehungen zwischen Bischöfen und Priestern die reich an Spiritualität sind Lumen Gentium sagt darüber Um dieser Teilhabe an Priestertum und Sendung willen sollen die Priester den Bischof wahrhaft als ihren Vater anerkennen und ihm ehrfürchtig gehorchen Der Bischof wiederum soll seine priesterlichen Mitarbeiter als Söhne und Freunde ansehen gleichwie Christus seine Junger nicht mehr Knechte sondern Freunde nennt (vgl. Joh 15, 15) (ebd).

Das Beispiel Christi ist auch hier die Verhaltensregel für die Bischöfe und für die Priester Wenn er der die göttliche Vollmacht hatte seine Junger nicht als Knechte sondern als Freunde behandeln wollte dann kann der Bischof seine Priester nicht als Menschen betrachten die in seinem Dienst stehen Denn sie dienen mit ihm dem Volk Gottes. Und die Priester sollen ihrerseits dem Bischof antworten, wie es das Gebot der Wechselseitigkeit der Liebe in der kirchlichen und priesterlichen Gemeinschaft erfordert: das heißt als Freunde und als geistliche „Söhne". Die Autorität des Bischofs und der Gehorsam seiner Mitarbeiter, der Priester, sollen deshalb im Rahmen wahrer und echter Freundschaft ausgeübt werden.

Dieser Einsatz gründet nicht nur auf der Brüderlichkeit, die durch die Taufe zwischen allen Christen besteht, und jener, die dem Weihesakrament entspringt, sondern auf dem Wort und Beispiel Jesu, der sich auch als siegreich Auferstandener aus seiner unermeßlichen Höhe zu seinen Jüngern herabbeugte, indem er sie „meine Brüder" nannte und seinen Vater auch als „ihren" Vater bezeichnete (vgl. Joh 20,17; Mt 28,10). So soll der Bischof nach dem Beispiel und der Lehre Jesu seine Mitarbeiter, die Priester, als Brüder und Freunde behandeln, ohne daß seine Autorität als Hirt und kirchlicher Vorgesetzter beeinträchtigt wird. Ein Klima der Brüderlichkeit und Freundschaft fördert das Vertrauen unter den Priestern und ihre Bereitschaft, mit ihren Bischöfen in Freundschaft und brüderlicher Liebe zusammenzuarbeiten.

 

5. Das Konzil geht auch auf einige Einzelheiten über die Pflichten der Bischöfe den Priestern gegenüber ein. Es genügt, sie hier in Erinnerung zu rufen: Die Bischöfe seien nach Kräften auf das leibliche Wohl der Priester bedacht, „und vor allem deren geistliches Wohl sei ihnen ein Herzensanliegen. Denn hauptsächlich auf ihnen lastet die schwere Sorge für die Heiligung ihres Presbyteriums; deshalb sollen sie die größte Mühe für deren ständige Weiterbildung aufwenden. Sie sollen sie gern anhören, ja sie um Rat fragen und mit ihnen besprechen, was die Seelsorge erfordert und dem Wohl des Bistums dient" (Presbyterorum ordinis, Nr. 7).

Die Pflichten der Priester ihren Bischöfen gegenüber werden mit folgenden Worten zusammengefaßt: „Die Priester aber sollen die Fülle des Weihesakramentes der Bischöfe vor Augen haben und in ihnen die Autorität des obersten Hirten Christus hochachten. Sie sollen ihrem Bischof in aufrichtiger Liebe und Gehorsam anhängen" (ebd.).

Liebe und Gehorsam das sind die zwei wesentlichen geistlichen Merkmale für das Verhalten seinem Bischof gegenüber Es handelt sich um einen von der Liebe beseelten Gehorsam Die grundlegende Absicht des Priesters in seinem Dienst kann nur sein mit seinem Bischof zusammenzuarbeiten Wenn er Glaubensgeist hat er kennt er den Willen Christi in den Entscheidungen des Bischofs Verständlicherweise kann es manchmal besonders in Augenblicken wo verschiedene Meinungen einander gegenüberstehen schwierig sein zu gehorchen. Aber der Gehorsam war die Grundhaltung Jesu bei seinem Opfertod und hat die für die ganze Welt bestimmte Frucht der Erlösung hervorgebracht Auch der Priester der aus dem Glauben lebt weiß daß er zum Gehorsam berufen ist der ihm dadurch daß er den Grundsatz Jesu über die Opferbereitschaft verwirklicht die Macht und die Herrlichkeit gibt an der erlösenden Fruchtbarkeit des Kreuzestodes teilzuhaben.

 

6. Schließlich ist noch hinzuzufügen daß der priesterliche Dienst aufgrund seiner Vielfältigkeit und Weite bekanntlich heute mehr denn je die Zusammenarbeit der Priester und folglich ihre Verbundenheit mit den Bischöfen erfordert. Das Konzil schreibt: „Die Einheit der Priester mit den Bischöfen wird in unseren Tagen um so mehr gefordert, als heute aus vielerlei Gründen das Apostolat notwendigerweise nicht nur vielfältige Formen annimmt, sondern auch die Grenzen einer Pfarrei oder einer Diözese überschreitet. Kein Priester kann abgesondert und als einzelner seine Sendung hinreichend erfüllen, sondern nur in Zusammenarbeit mit anderen Priestern, unter Führung derer, die die Kirche leiten" (ebd.).

Deshalb haben auch die „Priesterräte" versucht, die Beratungen mit den Priestern seitens der Bischöfe systematisch und organisch zu gestalten (vgl. Der priesterliche Dienst, zweiter Teil, II,1: O.R.dt. Nr. 11, 1971, 5. 6). Die Priester ihrerseits sollen sich an diesen Räten im Geist treuer und erleuchteter Mitarbeit beteiligen in der Absicht, zum Aufbau des „einen Leibes" beizutragen. Und auch in ihrem persönlichen Verhältnis als einzelne zu ihrem Bischof sollen sie vor allem an eines denken, das ihnen ein Herzensanliegen sein soll: das Wachstum eines jeden und aller in der Liebe die aus der Selbsthingabe im Licht des Kreuzes erwächst.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Unsere heutigen Überlegungen gelten der Verbundenheit, die nach dem Willen Jesu zwischen den Priestern und ihrem Bischof als „hierarchische Gemeinschaft" besteht (Presbyterorum ordinis, Nr. 7) besteht. In der Tat sind „die Diözesan- und Ordenspriester alle zusammen aufgrund ihrer Weihe und ihres Dienstamtes dem Kollegium der Bischöfe zugeordnet", wie das Konzil in Erinnerung ruft (Lumen Gentium, Nr. 28).

Die Beziehung der Priester zu ihrem Bischof ist von einem Gehorsam gekennzeichnet, der seine Wurzel in der Liebe hat. Wenn der Priester mit dem Geist des Glaubens erfüllt ist, erkennt er in den Entscheidungen des Bischofs den Willen Christi selbst Es ist besonders im Fall gegensätzlicher Meinungen verständlich daß der Gehorsam schwierig erscheinen mag. Auch die Sendung Jesu war von Gehorsam geprägt, und in seinem Opfer hat er der ganzen Welt Erlösung gebracht.

In ihrer persönlichen Verbundenheit mit ihrem Bischof wird den Priestern stets eine Sache am Herzen liegen: das Wachsen eines jeden und aller gemeinsam in der Liebe die Frucht der Selbsthingabe im Lichte des Kreuzes Christi ist.

Mit dieser kurzen Betrachtung richte ich einen herzlichen Willkommensgruß an alle deutschsprachigen Pilger und Besucher Besonders grüße ich die Pilgergruppe aus der Pfarrei Heiligenkreuz in Niederösterreich und die jungen Männer aus Nossgem-Zaventem in Belgien die nach Rom gekommen sind um im Gebet Stärkung und Klärung in ihrer geistlichen Berufung zu suchen Schließlich gilt mein Gruß den Pilgern aus Bischofferode mit denen mich der aufrichtige Wunsch verbindet daß die derzeitigen Probleme in ihrer Region in solidarischem Verantwortungsbewußtsein gelost werden mögen und die Zukunft der Menschen sich auf einer verläßlichen wirtschaftlichen Grundlage hoffnungsvoll entwickeln kann.

Euch allen liebe Schwestern und Bruder Euren lieben Angehörigen daheim sowie all jenen die sich uns geistlich verbunden wissen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/250893.rtf.html)





Absage an ein politisches Mandat der Priester

Ansprache bei der Generalaudienz am 28. Juli 1993

 

1. Das Thema des inneren Abstands des Priesters von den irdischen Gütern ist eng mit seinem Verhalten zur politischen Frage verknüpft. Mehr denn je zeigt sich heute eine ständige Verflechtung der Wirtschaft mit der Politik sowohl in dem weiten Problembereich von nationalem Interesse als auch auf dem engeren Feld des Familien- und Privatlebens. So geschieht es bei den Wahlen, wo die eigenen Vertreter im Parlament und die öffentlichen Verwalter zu wählen sind, bei der Stimmabgabe für die den Bürgern vorgeschlagenen Kandidatenlisten, bei der Wahl der Parteien und bei der Meinungsäußerung zu Personen, Programmen und Bilanzen, welche die öffentliche Verwaltung betreffen. Es wäre ein Irrtum, machte man die Politik ausschließlich oder hauptsächlich von ihrem ökonomischen Kontext abhängig. Aber die Pläne für den Dienst am Menschen und am Gemeinwohl auf höherer Ebene sind dadurch bedingt und müssen in ihren Inhalten auch die Fragen in bezug auf Besitz, Gebrauch, Verteilung und Umlauf der irdischen Güter umfassen.

 

2. Alle diese Punkte schließen eine ethische Dimension ein, an der auch die Priester interessiert sind gerade im Hinblick auf den Dienst, der am Menschen und an der Gesellschaft gemäß der von Christus erhaltenen Sendung zu leisten ist. Denn er hat eine Lehre verkündet und Gebote formuliert, die nicht nur das Leben des Einzelmenschen, sondern auch das der Gesellschaft erhellen. Jesus hat besonders das Gebot der gegenseitigen Liebe ausgesprochen. Sie bezieht die Achtung jedes Menschen und seiner Rechte mit ein. Sie schließt die Regeln der sozialen Gerechtigkeit ein, die darauf abzielen, jedem Menschen das zu garantieren, was ihm gebührt, und die irdischen Güter gleichmäßig unter den Menschen, Familien und Gruppen zu verteilen. Jesus hat außerdem die Universalität der Liebe unterstrichen, die über alle Unterschiede zwischen Rassen und Nationen hinausgeht, aus denen sich die Menschheit zusammensetzt. Man könnte sagen, er habe, indem er sich selbst als „Menschensohn" bezeichnete, auch durch diesen Hinweis auf seine messianische Identität erklären wollen, daß sein Werk für jeden Menschen ohne Unterschied des Standes, der. Sprache, der Kultur, der ethnischen und sozialen Gruppe bestimmt ist. Indem er den Frieden für seine Jünger und für alle Menschen ankündigte, hat Jesus das Fundament im Gebot der Nächstenliebe, der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe auf dem gesamten Erdkreis gelegt. Es ist klar, daß dies für ihn der Zweck und der Anfang einer. guten Politik war.

Jesus wollte sich jedoch nie in einer politischen Bewegung engagieren und lehnte jedes Angebot ab, das gemacht wurde, um ihn in irdische Angelegenheiten und Geschäfte zu verwickeln (vgl. Joh 6,15). Das Reich, das er zu gründen gekommen ist, ist nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). Deshalb hat er zu denen, die ihn zu einer Stellungnahme in bezug auf die weltliche Macht zwingen wollten, gesagt: „Gebt dem. Kaiser, was dem Kaiser. gehört, und Gott, was Gott gehört!" (Mt 22,21). Er hat der jüdischen Nation, der er angehörte und die er liebte, nie die politische Befreiung versprochen, die viele vom Messias erwarteten: Jesus versicherte, daß er als Sohn Gottes gekommen war, um der Menschheit, die der Knechtschaft der Sünde unterworfen war, die geistliche Befreiung und die Berufung zum Reich Gottes anzubieten (vgl. Joh 8,34-36); und daß er gekommen war, nicht um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen (vgl. Mt 20,28); und daß auch seine Jünger, besonders die Apostel, nicht wie die Regierenden dieser Erde an die irdische Macht und die Herrschaft über die Völker denken, sondern demütige Diener aller sein sollten (vgl. Mt 20,20-28) wie ihr „Herr und Meister" (Joh 13,13-14).

Gewiß sollte diese von Jesus gebrachte geistliche Befreiung entscheidende Folgen in allen Bereichen des privaten und sozialen Lebens haben, dadurch daß sie eine Ära der Neubewertung des Menschen als Person und der Beziehungen zwischen den Menschen nach dem Maß der Gerechtigkeit eröffnete Aber der direkte Einsatz des Gottessohnes war nicht in diesem Sinn. . .

 

3. Es ist leicht verständlich, daß dieser Zustand der Armut und der Freiheit hauptsächlich dem Priester entspricht, dem Sprecher Christi bei der Verkündigung der menschlichen Erlösung und dem Verwalter bei der Anwendung ihrer Früchte auf jedem Feld und jeder Lebensstufe. Dazu sagte die Bischofssynode von 1971: „Die Priester sind zusammen mit der gesamten Kirche gehalten, sich soweit wie möglich für eine bestimmte Handlungsweise zu entscheiden, wenn es um die Verteidigung der fundamentalen Menschenrechte, um die ganzheitliche Förderung der menschlichen Person und die Verwirklichung des Friedens und der Gerechtigkeit geht, wobei stets jene Mittel zu benutzen sind, die im Einklang mit dem Evangelium stehen. Dies alles gilt nicht nur im persönlichen, sondern auch im sozialen Bereich; in dieser Hinsicht sollen die Priester den Laien behilflich sein, damit. sie sich in der rechten Weise um die Bildung des eigenen Gewissens bemühen" (Der priesterliche Dienst, zweiter Teil, I, 2: O.R.dt, Nr. 11, 1971, S. 5).

Dieser Text der Synode, der die Einheit der Priester mit allen Gliedern der Kirche im Dienst der Gerechtigkeit und des Friedens ausdrückt, läßt erkennen, daß die Stellung der Priester im Hinblick auf die soziale und politische Tätigkeit nicht identisch ist mit jener der Laien: Das wird noch klarer im Katechismus der Katholischen Kirche ausgesprochen, wo wir lesen: „Es ist nicht Sache der Hirten der Kirche, in die politischen Strukturen und die Organisation des Gesellschaftslebens direkt einzugreifen. Diese Aufgabe gehört zur Sendung der gläubigen Laien, die aus eigenem Ansporn mit ihren Mitbürgern zusammenarbeiten" (Nr. 2442).

Der Laienchrist ist berufen, sich unmittelbar auf diesem Gebiet zu. engagieren, um dazu beizutragen, daß in der Gesellschaft immer mehr die Prinzipien des Evangeliums vorherrschen.. Der Priester setzt sich unmittelbarer in der Nachfolge Christi für die Entfaltung des Gottesreiches ein., Wie Jesus soll er darauf verzichten, sich in der aktiven Politik zu engagieren, besonders wenn sie, wie es fast unausweichlich geschieht, an eine Partei gebunden ist, denn er soll allen Menschen ein Bruder und - sofern gewünscht wird - ein geistlicher Vater sein.

Natürlich gibt es Sonderfälle für Einzelne und Gruppen sowie Situationen, wo es angebracht oder sogar notwendig erscheint, daß sie den mangelhaften und richtungslosen öffentlichen Einrichtungen zu Hilfe kommen und an ihre Stelle treten, um die Sache der: Gerechtigkeit und des Friedens zu unterstützen. Die kirchlichen Institutionen selbst auch auf, höchster Ebene haben in der Geschichte diese Rolle gespielt mit allen Vorteilen, aber auch mit der ganzen Last und den Schwierigkeiten, die daraus erwachsen. Die Vorsehung scheint heute die politische, konstitutionelle und lehrmäßige Entwicklung in eine andere Richtung zu führen. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich fortschreitend mit Institutionen und Mitteln ausgestattet, um die eigenen Aufgaben autonom zu erfüllen (vgl. Gaudium et spes, Nrn. 40, 76). Für die Kirche bleibt deshalb die Aufgabe, die ihr eigentlich zukommt: das Evangelium zu verkünden und sich darauf zu beschränken, die eigene Mitarbeit in allem anzubieten, was dem Gemeinwohl dient, ohne ein politisches Amt anzustreben oder zu übernehmen.

 

4. In dieser Sicht kann man besser verstehen, wieviel von der Bischofssynode 1971 in bezug auf das Verhalten des Priesters im, politischen Leben gesagt wurde. Ihm steht gewiß weiterhin das Recht auf eine eigene politische Meinung zu und auf die Ausübung seines Wahlrechts dem Gewissen entsprechend. Die Synode sagt: „In jenen Verhältnissen, ‚wo verschiedene politische, soziale oder wirtschaftliche Wahlmöglichkeiten legitim bestehen, haben die Priester. wie alle Bürger das Recht, eine eigene Wahl zu treffen. Da jedoch die politischen Zielsetzungen ihrem Wesen nach relativ sind und das Evangelium niemals völlig adäquat und gültig interpretieren, muß. der Priester als Zeuge der zukünftigen Dinge einen gewissen Abstand zu jedwedem politischen Amt oder Einsatz wahren" (Der priesterliche Dienst, zweiter Teil, 1, 2: O.R.dt. Nr. 11, 1971, 5. 5). Der Priester wird sich besonders vor Augen halten, daß eine politische Partei nie mit der Wahrheit des Evangeliums gleichgestellt werden und deshalb im Gegensatz zum Evangelium - nicht Gegenstand einer vollen Zustimmung sein kann. Folglich wird der Priester diese Relativität berücksichtigen, auch wenn Bürger christlichen Glaubens lobenswerterweise Parteien gründen, die sich ausdrücklich am Evangelium inspirieren, und er wird sich auch in der Weise engagieren, daß das Licht Christi ebenfalls die anderen Parteien und sozialen Gruppen erleuchtet. ‚ ‚ ‚

Hinzuzufügen ist, daß das Recht des Priesters, eine eigene persönliche Wahl zu treffen, von den Anforderungen seines Priesteramtes begrenzt. wird. Auch diese Begrenzung kann ein Teil der Armut sein, die nach dem Vorbild Christi zu üben er berufen ist. Tatsächlich kann er manchmal verpflichtet sein, sich von der Ausübung seines Rechtes zu enthalten, um ein gültiges Zeichen der Einheit zu sein und das Evangelium in seiner Fülle verkünden zu können. Noch mehr wird er vermeiden müssen, die eigene Wahl als die allein legitime darzustellen, und innerhalb der christlichen Gemeinschaft wird er daran denken, daß die Laien reife Menschen sind (vgl. ebd.), und er wird sich darum bemühen, ihnen bei der Gewissensbildung zu helfen (ebd.). Er wird möglichst vermeiden, sich Feinde zu schaffen durch Stellungnahmen im politischen Bereich, die das Vertrauen aushöhlen und den seiner Hirtensendung anvertrauten Gläubigen Grund bieten, sich von ihm zu entfernen.

 

5. Die Bischofssynode von 1971 unterstreicht vor allem die Notwendigkeit für den Priester, auf jeden aktiven Einsatz in der Politik zu verzichten: „Die Übernahme eines führenden Amtes (leadership) oder die aktive Durchführung von Kampagnen zugunsten irgendeiner politischen Partei muß für jeden Priester ausgeschlossen bleiben, wenn dies nicht in konkreten und außerordentlichen Umständen vom Wohl der Gemeinschaft wirklich gefordert wird. Dies könnte jedoch nur mit Zustimmung .des Bischofs unter Konsultation des Priesterrates und. - gegebenenfalls - der Bischofskonferenz geschehen" (ebd.). Also besteht die Möglichkeit der Abweichungen von der allgemeinen Regel; sie sind jedoch nur in Ausnahmefällen berechtigt und benötigen .eine entsprechende Autorisation.

Die Priester, die sich in der Hochherzigkeit ihres Dienstes für das Ideal des Evangeliums zur politischen Tätigkeit gedrängt fühlen, um wirksamer zur Gesundung des politischen Lebens beizutragen, indem sie Ungerechtigkeiten, Ausbeutungen und Unterdrückungen aller. Art beseitigen, erinnert die Kirche daran, daß man auf diesem Weg leicht in Parteienkämpfe verwickelt wird und Gefahr läuft, nicht zum Aufbau einer gerechteren Welt, die sie anstreben, sondern zu neuen und schwereren Formen der Ausbeutung der armen Leute beizutragen. Die Priester sollen in jedem Fall wissen, daß sie für diesen aktiven politischen Einsatz weder die Sendung noch das Charisma von oben haben.

Deshalb bete ich, und ich fordere zum Gebet dafür auf, daß in den Priestern immer mehr der Glaube an die eigene Hirtensendung auch zum Wohl der Gesellschaft wächst, worin sie leben. Sie sollen ihre Bedeutung auch für unsere Zeit erkennen und die Erklärung der Bischofssynode von 1971 verstehen: „Die Vorrangstellung der besonderen Sendung, die die ganze Existenz der Priester bestimmt, muß daher stets vor Augen gehalten werden, so daß sie selbst, die eine mit, großem Vertrauen erneuerte Erfahrung bezüglich der göttlichen Dinge besitzen, diese wirksam und mit Freude den Menschen zu verkünden vermögen, die darauf warten" (ebd.).

Ja, ich wünsche mir und bete darum, daß meinen priesterlichen Mitbrüdern von heute und morgen immer mehr dieses Geschenk der geistlichen Erkenntnis verliehen werde, das sie dahin führe, auch im politischen Leben den Weg der von Jesus gelehrten Armut zu verstehen und zu gehen.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Indem ich Euch, liebe deutschsprachige Pilger und Besucher bitte, für die Priester zu beten, daß ihr Glaube an ihre pastorale Sendung wachse, grüße ich Euch alle sehr herzlich. Einen besonderen Gruß richte ich an die Schwestern vom Göttlichen Erlöser aus den Provinzen in Ungarn, in der Slowakei, in Österreich und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika: Möge das Leitthema eures Generalkapitels: „Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68) Euch und Eure Mitschwestern auf dem gemeinsamen Glaubensweg begleiten. Euch allen, Euren lieben Angehörigen und Freunden in der Heimat sowie allen, die uns geistlich verbunden sind, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/280793.rtf.html)





Einfacher Lebensstil für den Priester empfohlen

Ansprache bei der Generalaudienz am 21 Juli 1993

 

1. Zu dem Verzicht, den Jesus von seinen Jüngern gefordert hat, gehört auch der auf die irdischen Güter, insbesondere den Reichtum (vgl. Mt 19,21; Mk 10,21; Lk 12,33; 18,22). Es ist eine an alle Christen gerichtete Forderung in bezug auf alles, was den Geist der Armut betrifft, das heißt den inneren Abstand gegenüber den irdischen Gütern, ein Freisein, das hochherzig macht im Teilen mit den anderen. Die Armut ist eine Lebensweise, die vom Glauben an Christus und der Liebe zu ihm angeregt wird. Sie ist eine geistige Haltung, die auch Übung erfordert im Verzicht auf die Güter nach dem Maß, das den Umständen eines jeden entspricht - sowohl im bürgerlichen Leben als auch in dem Stand, in dem er durch die christliche Berufung in der Kirche lebt, sei es als einzelner, sei es als Mitglied einer bestimmten Personengruppe. Für alle gilt der Geist der Armut. Für jeden ist eine gewisse Praxis dem Evangelium entsprechende Übung erforderlich.

 

2. Die Armut, die Jesus von den Aposteln gefordert hat, ist ein Leitfaden der Spiritualität, der sich mit ihnen nicht erschöpfen noch auf besondere Gruppen beschränken konnte: Der Geist der Armut ist für alle notwendig, an allen Orten und zu allen Zeiten; ihn auszulöschen hieße das Evangelium verraten. Die Treue zum Geist bringt aber weder für die Christen im allgemeinen noch für die Priester die Übung einer totalen Armut mit Verzicht auf jeden Besitz oder sogar die Aufhebung dieses Menschenrechtes mit sich. Das kirchliche Lehramt hat mehrmals diejenigen verurteilt, die eine solche Notwendigkeit behaupteten (vgl. DS 760; 930; 1097), indem es versucht hat, das Denken und Tun auf einen maßvollen Weg zu führen. Es ist jedoch tröstlich festzustellen, daß in der zeitlichen Entwicklung und unter dem Einfluß so vieler Heiliger von gestern und heute im Bewußtsein des Klerus immer stärker ein Ruf zur evangelischen Armut herangereift ist, sowohl im Denken als auch im Tun hinsichtlich der Anforderungen der Priesterweihe. Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in ‘denen der Klerus in fast allen Ländern der Welt lebt, haben dazu beigetragen, daß die Situation wirklicher Armut von Menschen und Einrichtungen Wirklichkeit geworden ist, auch wenn diese ihrer Natur nach viele Mittel benötigten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. In vielen Fällen handelt es sich um einen schwierigen und bedauernswerten Zustand, den die Kirche auf verschiedene Weise zu überwinden sucht hauptsächlich dadurch, daß sie an die Nächstenliebe der Gläubigen appelliert, um von ihnen den nötigen Beitrag zu erhalten, damit sie den Gottesdienst, die karitativen Werke, den Unterhalt der Seelsorger und die missionarischen Initiativen gewährleisten kann. Dieser neuentwickelte Sinn der Armut ist ein Segen für das priesterliche Leben und für das aller Christen, denn er verhilft ihnen dazu, sich besser den Weisungen und Vorschlägen Jesu anzupassen.

 

3. Die evangelische Armut - diese Klarstellung ist notwendig - bedeutet keine Geringschätzung der irdischen Güter, die dem, Menschen von Gott zur Verfügung gestellt werden, damit er sein Leben gestaltet und am Schöpfungsplan mitwirkt. Nach dem II. Vatikanischen Konzil soll der Priester wie jeder andere Christ, weil er die Aufgabe des Lobpreises und der Danksagung hat, die Hochherzigkeit des himmlischen Vaters erkennen und preisen, der sich in den geschaffenen Gütern offenbart (Presbyterorum ordinis, Nr. 17).

Trotzdem - so sagt das Konzil - sollen die Priester, die zwar in der Welt leben, immer daran denken, daß sie, wie der Herr gesagt hat, „nicht von der Welt sind" (Joh 17,14-16), und sich deshalb von jedem ungeordneten Hang befreien, um „das geistliche Unterscheidungsvermögen, durch das man die rechte Haltung zur Welt und ihren Gütern findet", zu erlangen (Presbyterorum ordinis, Nr. 17; vgl. Pastores dabo vobis, Nr. 30). Zugegeben, es handelt sich um ein schwieriges Problem. Einerseits vollzieht „sich ja die Sendung der Kirche inmitten der Welt, und die geschaffenen Güter sind zum Reifen der menschlichen Persönlichkeit unerläßlich". Jesus hat seinen Aposteln nicht verboten, die notwendigen Güter für ihr Leben auf Erden anzunehmen. Im Gegenteil, er hat sogar ihr diesbezügliches Recht bekräftigt, als er bei der Aussendung der Jünger sagte: „Eßt und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn" (Lk 10,7; vgl. Mt 10,10). Der heilige Paulus erinnert die Korinther daran, daß „der Herr denen, die das Evangelium verkündigen, geboten (hat), vom Evangelium zu leben" (1 Kor 9,14). Er selbst schreibt ständig vor: „Wer im Evangelium unterrichtet wird, lasse seinen Lehrer an allem teilhaben was er besitzt" (Gal 6,6). Deshalb ist es recht, daß die Priester zeitliche Güter besitzen und sie „in dem Rahmen gebrauchen, der ihnen durch die Lehre Christi des Herrn und von der Weisung der Kirche gesteckt ist" (Presbyterorum ordinis, Nr. 17). Das Konzil hat es nicht versäumt, dazu konkrete Hinweise zu geben.

Die Verwaltung der Kirchengüter im eigentlichen Sinn soll vor allem „sachgerecht und nach den Richtlinien der kirchlichen Gesetze . ..‚ wenn möglich unter Zuhilfenahme erfahrener Laien" sichergestellt werden. Diese Güter sollen immer verwendet werden „für den rechten Vollzug des Gottesdienstes, für den angemessenen Unterhalt des Klerus und für die apostolischen und karitativen Werke, besonders für jene, die den Armen zugute kommen" (ebd.).

Die von den Priestern durch die Ausübung eines kirchlichen Amtes beschaffenen Güter sind „in erster Linie für ihren standesgemäßen Unterhalt und für die Erfüllung ihrer Standespflichten zu verwenden; was aber davon übrigbleibt, mögen sie dem Wohl der Kirche oder karitativen Werken zukommen lassen". Das ist besonders zu betonen: Das kirchliche Amt darf für die Priester und noch weniger für die Bischöfe keine Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung noch des Gewinns für die Angehörigen sein. „Die Priester sollen darum ihr Herz nicht an Reichtümer hängen, jede Habgier meiden und sich von aller Art weltlichen Handels sorgfältig hüten" (ebd.). In jedem Fall ist zu berücksichtigen, daß sich beim Gebrauch den Güter alles im Licht des Evangeliums abspielt.

 

4. Das gleiche ist im Hinblick auf den Einsatz des Priesters in den weltlichen Aktivitäten zu sagen, das heißt bezüglich der Behandlung von irdischen Angelegenheiten außerhalb des religiösen und kirchlichen Bereichs. Die Bischofssynode von 1971 hat erklärt: „Normalerweise soll deshalb dem priesterlichen Dienst die volle Zeit gewidmet werden. In gar keiner Weise darf nämlich die Beteiligung an den weltlichen Aufgaben den Menschen als vornehmstes Ziel angesehen werden, noch ‚kann diese als Ausdruck den spezifischen Verantwortung den Priester genügen" ‚ (Der priesterliche Dienst, zweiter Teil, 1, 2: O.R.dt., Nr. 11, 1971, 5. 5). Dies war eine Stellungnahme gegenüber den hie und da aufgetauchten Tendenz zur Verweltlichung der Tätigkeit des Priesters in dem Sinn, daß er wie die Laienchristen ein Handwerk oder einen weltlichen Beruf ausüben könne.

Wahr ist, daß es Umstände gibt, unter denen die einzige wirksame Kontaktnahme mit den Kirche in einer Arbeitswelt, die Christus nicht kennt, die Anwesenheit von Priestern sein kann, die eine Tätigkeit in diesen Umwelt ausüben, indem sie sich zum Beispiel Arbeiter unter Arbeitern wenden.

Die Hochherzigkeit dieser Priester ist lobenswert. Jedoch ist zu beachten, daß der Priester, wenn er weltliche Aufgaben und Ämter den Laien übernimmt, Gefahr läuft, seinen kirchlichen Dienst zu einen nebensächlichen Rolle oder zunichte zu machen. Aufgrund dieses Risikos, das von den Erfahrung bestätigt wunde, hatte bereits das Konzil unterstrichen, daß zur Ausübung einen Handarbeit unten den gleichen Lebensbedingungen der Arbeiter die Gutheißung durch die zuständige Obrigkeit erforderlich ist (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 8). Die Synode 1971 gab als Richtlinie an, daß gegebenenfalls diese profane Beschäftigung den Zielsetzungen des Priestertums entsprechen müsse „nach dem Urteil des Ortsbischofs und seines Pnesbyteriums - oder wenn nötig, nach Konsultation der Bischofskonferenz" (Der priesterliche Dienst, zweiten Teil, I, 3: O.R.dt., Nn. 11, 1971, 5. 5).

Andrerseits ist klar, daß es heute wie früher besondere Fälle gibt, wo ein besonders fähigen und gebildeten Priester in einem nicht nein kirchlichen Arbeits- oder Kulturbereich tätig sein kann. Man soll jedoch das Möglichste tun, damit es Ausnahmefälle bleiben. Und auch dann ist die von der Synode festgesetzte Regel zu beachten, will man dem Evangelium und der Kirche treu sein.

 

5. Wir beenden diese Katechese, indem wir uns noch einmal der Gestalt Jesu Christi, des Hohenpriesters, guten Hirten und höchsten Vorbilds der Priester, zuwenden. Er ist das Beispiel der Entsagung von irdischen Gütern für den Priester, der sich der Anforderung der evangelischen Armut entsprechend formen will. Denn Jesus ist in Armut geboren und hat in Armut gelebt. Der heilige Paulus mahnte: „Er, der reich war, wurde euretwegen arm" (2 Kor 8,9). Zu einem jungen Mann, der ihm folgen wollte, sagte Jesus von sich selbst: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" (Lk 9,57).

Diese Worte zeigen eine volle Loslösung von allen irdischen Bequemlichkeiten. Jedoch man darf nicht daraus folgern, daß Jesus im Elend gelebt habe. Andere Abschnitte der Evangelien berichten, daß er Einladungen ins Haus reicher Leute erhielt und annahm (vgl. Mt 9,10-11; Mk 2,15-16; Lk 5,29; 7,36; 19,5-6); er hatte Mitarbeiterinnen, die ihn in den wirtschaftlichen Angelegenheiten unterstützten (Lk 8,2-3; vgl. Mt 27,55; Mk 15,40; Lk 23,55-56), und er war in der Lage, den Armen Almosen zu geben (vgl. Joh 13,29). Jedoch besteht kein Zweifel über sein Leben und seinen Geist der Armut, die ihn auszeichneten.

Derselbe Geist der Armut soll das Verhalten des Priesters prägen, seine Haltung, sein Leben als Seelenhirt und Mann Gottes kennzeichnen und sich ausdrücken im geringen Interesse und Abstand gegenüber Geld, in Verzicht auf jedes habsüchtige Streben nach irdischen Gütern und in einem einfachen Lebensstil, in der Wahl einer bescheidenen und allen zugänglichen Wohnung, im Verzicht auf alles, was Luxus ist oder auch nur dessen Anschein haben könnte, und im wachsenden Bestreben, die unverdienten Gaben Gottes unentgeltlich weiterzugeben im Dienst für Gott und die Gläubigen.

 

6. Wir fügen schließlich hinzu, daß „die Priester und ebenso die Bischöfe", die von Jesus gerufen sind, die Armen nach seinem Beispiel zu evangelisieren, „alles vermeiden (sollen), was den Annen irgendwie Anstoß geben könnte (Presbyterorum ordinis, Nr. 17).

Wenn sie hingegen in sich selbst den evangelischen Geist der Armut nähren, sind sie in der Lage, die eigene Option für die Armen zu zeigen, indem sie sie in Teilhabe, in persönliche und gemeinschaftliche Hilfswerke auch materieller Art für Menschen in Not umsetzen. Das ist heute ein Zeugnis, das so viele Priester, die arm und Freunde der Armen sind, für Christus, der arm war, ablegen.

Es ist eine große Liebesflamme, entfacht im Leben des Klerus und der Kirche. Wenn der Klerus manchmal an einigen Orten unter den Reichen zu sehen war, so fühlt er sich heute mit der ganzen Kirche geehrt, in der ersten Reihe unter den „neuen Armen" zu sitzen. Dies ist ein großer Fortschritt in der Nachfolge Christi auf dem Weg des Evangeliums.

 

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich grüße Euch, liebe deutschsprachige Pilger und Besucher, sehr herzlich. Mein besonderer Gruß gilt Euch, liebe Jugendliche, die Ihr mit einigen Gruppen vertreten seid. Euch, Euren lieben Angehörigen in der Heimat sowie all jenen, die sich uns in diesem Augenblick verbunden wissen, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/210793.rtf.html)





Das Hirtenamt nicht in einem autoritären Stil ausüben

Ansprache bei der Generalaudienz am 7. Juli 1993

 

1. In den vorausgegangenen Katechesen über die Priester haben wir schon mehrmals auf die Bedeutung hingewiesen, welche die Nächstenliebe in ihrem Leben hat. Wir wollen jetzt eingehender darüber sprechen, indem wir von der Wurzel der Nächstenliebe im Leben des Priesters selbst ausgehen. Die Wurzel gründet in seiner Identität als „Mann Gottes". Der erste Johannesbrief lehrt uns: „Gott ist die Liebe (4,8). Weil er „Mann Gottes" ist, muß er ein Mann voll Liebe sein. In ihm wäre keine wahre Gottesliebe - und nicht einmal eine wahre Frömmigkeit, ein wahrer apostolischer Eifer - ohne die Liebe zum Nächsten.

Jesus selbst hat uns auf die Verbindung zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten hingewiesen, so daß „den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen" nicht zu trennen ist von „deinen Nächsten lieben" (vgl. Mt 22,36-40). Deshalb fordert der Autor des genannten Briefes: „Dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben" (1 Joh 4,21).

 

2. Wenn er von sich spricht, beschreibt Jesus diese Liebe als die eines „guten Hirten", der nicht seine Interessen, seinen Vorteil wie der bezahlte Knecht verfolgt. Der Gute Hirt - sagt er - liebt seine Schafe so sehr, daß er für sie sein Leben hingibt (vgl. Joh 10,11.15). Es ist also eine Liebe, die bis zum Heroismus führt.

Wir wissen, mit wieviel Realismus all das im Leben und Sterben Jesu Ausdruck gefunden hat. Diejenigen, die von Christus durch die Priesterweihe den Hirtenauftrag erhalten, sind berufen, in ihrem Leben die heroische Liebe des guten Hirten zu üben und sie ihn ihrem Handeln zu bezeugen.

 

3. Gut sichtbar sind im Leben Jesu die wesentlichen Merkmale der „Hirtenliebe", die er zu seinen „Mitmenschen" hegt und die er seine Mitbrüder, die „Hirten" bittet nachzuahmen. Seine Liebe ist vor allem demütig: „Ich bin gütig und von Herzen demütig" (Mt 11,29). Bezeichnenderweise empfiehlt er seinen Aposteln, auf persönlichen Ehrgeiz und Herrschaftsanspruch zu verzichten, um das Beispiel des „Menschensohnes" nachzuahmen, der „nicht gekommen (ist), um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 1045 Mt 20 28 vgl. Pastores dabo vobis Nr. 21 22).

Daraus folgt daß die Hirtenmission nicht mit einer Haltung der Überlegenheit oder in autoritärem Stil ausgeübt werden darf (vgl. 1 Petr 5,3), der die Gläubigen verunsichern und vielleicht von der Herde entfernen würde. Auf den Spuren Christi, des guten Hirten muß man sich zu einem Geist demütigen Dienens heranbilden (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche Nr 876)

Jesus gibt uns außerdem das Beispiel einer mitleidsvollen Liebe, das heißt voll aufrichtiger und tätiger Teilnahme an den Leiden und Schwierigkeiten der Mitmenschen. Er hat Mitleid mit den Scharen ohne Hirten (Mt 9,36), deshalb ist er besorgt, sie durch seine Worte des Lebens zu führen und „lehrt sie lange" (Mk 6,34). Durch dieses Mitleid heilt er viele Kranke (Mt 14,14) und gibt ihnen ein Zeichen der geistlichen Genesung; er vermehrt das Brot für die Hungernden (Mt 15,32; Mk 8,2), deutliches Symbol der Eucharistie; er empfindet Mitleid für die menschlichen Nöte (Mt 20,34; Mk 1,41), und will Hilfe bringen; er nimmt teil am Schmerz derer, die den Verlust eines lieben Angehörigen beweinen (Lk 7,13; Joh 11,33-35); auch mit den Sündern hat er Erbarmen (vgl. Lk 15,1-2), gemeinsam mit dem Vater, der voll des Mitleids für den verlorenen Sohn ist (vgl. Lk 15,20) und Barmherzigkeit, nicht Opfer will (vgl. Mt 9,10-13). Es fehlt auch nicht an Fällen, in denen er seine Gegner tadelt, weil sie sein Mitleid nicht verstehen (Mt 12,7).

 

4. Dabei ist es bedeutsam, daß der Brief an die Hebräer im Hinblick auf das Leben und den Tod Jesu die Solidarität und das Mitleid als wesentliche Züge des authentischen Priestertums darstellt. Der Brief bekräftigt, daß der Hohepriester „aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt (wird) ... Er ist fähig, für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen" (Hebr 5,1-2). Deshalb mußte auch der ewige Sohn Gottes „in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen" (ebd., 2,17). Darum ist es für uns Christen ein großer Trost zu wissen, daß wir „ja nicht einen Hohen Priester (haben), der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (ebd., 4,15).

Der Priester findet deshalb in Christus das Vorbild einer wahren Liebe zu den Leidenden, den Armen, den Bedrängten und vor allem zu den Sündern, denn Jesus ist den Menschen nahe durch ein ähnliches Leben wie dem unsern; er hat Prüfungen und Bedrängnisse wie wir erlebt; er ist deshalb voll des Mitleids für uns und „ist fähig, für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen" (Hebr 5,2). Und schließlich hilft er wirksam den Menschen in Versuchung, „denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden" (ebd., 2,18).

 

5. Im Hinblick auf die göttliche Liebe stellt das H. Vatikanische Konzil die Priesterweihe als Quelle der Hirtenliebe vor: „Die Priester des Neuen Testamentes werden zwar aufgrund ihrer Berufung und Weihe innerhalb der Gemeinde des Gottesvolkes in bestimmter Hinsicht abgesondert, aber nicht um von dieser, auch nicht von irgendeinem Menschen, getrennt zu werden, sondern zur gänzlichen Weihe an das Werk, zu dem sie Gott erwählt hat. Sie könnten nicht Christi Diener sein, wenn sie nicht Zeugen und Ausspender eines anderen als des irdischen Lebens wären; sie vermöchten aber auch nicht den Menschen zu dienen, wenn diese und ihre Lebensverhältnisse ihnen fremd blieben" (Presbyterorum ordinis, Nr. 3). Es handelt sich um zwei Erfordernisse, die zwei Aspekte des priesterlichen Verhaltens begründen:

„Ihr Dienst verlangt in ganz besonderer Weise, daß sie sich dieser Welt nicht gleichförmig machen; er erfordert aber zugleich, daß sie in dieser Welt mitten unter den Menschen leben, daß sie wie gute Hirten ihre Herde kennen und auch die heimzuholen suchen, die außerhalb stehen, damit sie Christi Stimme hören und eine Herde und ein Hirt sei" (Presbyterorum ordinis, Nr. 3). In diesem Sinn erklärt sich die intensive Tätigkeit des Paulus bei der Spendensammlung für die ärmeren Gemeinden (vgl. 1 Kor 16,1-4) und die Empfehlung, die der Autor des Briefes an die Hebräer gibt, einander zu unterstützen und die Güter mit den anderen zu teilen (koinonía) wie währe Jünger Christi (vgl. Hebr 13,16).

 

6. Der Weisung des Konzils entsprechend soll der Priester, der sich nach dem guten Hirten formen und in sich selbst seine Liebe zu den Menschenbrüdern erzeugen will, sich um einige heute mehr denn je wichtige Dinge bemühen: die eigene Herde zu können (Presbyterorum ordinis, Nr. 3), besonders durch Kontaktnahme, Hausbesuche, freundschaftliche Beziehungen, geplante oder zufällige Begegnungen usw. und immer mit dem Ziel und im Geist des guten Hirten; für die Menschen, die sich an ihn wenden, soll der Priester so wie Jesus eine freundliche Haltung einnehmen, immer bereit und imstande zuzuhören, darauf bedacht, zu verstehen, offen, ehrlich und voll Güte; der Priester soll sich in den Hilfswerken und Initiativen für die Armen und Behinderten einsetzen; er soll vor allem jene Eigenschaften pflegen und entfalten, „die zu Recht in der menschlichen Gesellschaft sehr geschätzt sind: Herzensgüte, Aufrichtigkeit, Charakterfestigkeit und Ausdauer, unbestechlicher Gerechtigkeitssinn, gute Umgangsformen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 3); außerdem Geduld, die Bereitschaft, rasch und hochherzig zu verzeihen, Freundlichkeit, Geselligkeit, die Fähigkeit, verfügbar und dienstbereit zu sein, ohne den Wohltäter spielen zu wollen. Es ist eine Reihe von menschlichen und seelsorglichen Eigenschaften, die die Liebe Christi im Verhalten des Priesters zum Ausdruck bringen muß (vgl. Pastores dabo vobis, Nr. 23).

 

7. Von der Liebe getragen kann der Priester in seinem Dienst dem Beispiel Christi folgen dessen Speise es war den Willen des Vaters zu tun In der liebevollen Zustimmung zu diesem Willen wird der Priester den Ursprung und die Quelle der Einheit seines Lebens finden. Das Konzil bekräftigt: „Die Priester werden ... sich mit Christus vereinigen im Erkennen des väterlichen Willens ... Wenn sie so die Rolle des guten Hirten übernehmen, werden sie gerade in der Betätigung der Hirtenliebe das Band der priesterlichen Vollkommenheit finden, das ihr Leben und ihr Wirken zur Einheit verknüpft" (Presbyterorwn ordinis, Nr. 14). Die Quelle, aus der solche Liebe zu schöpfen ist, bleibt immer die Eucharistie, die „daher Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens (ist), so daß! der Priester in seinem Herzen auf sich beziehen muß, was auf dem Opferaltar geschieht" (Presbyterorum ordinis, Nr. 14). Die Gnade und die Liebe verbreitet sich so vom Altar zum Ambo, zum Beichtstuhl, zum Pfarramt, zur Schule, zum Pfarrzentrum, in die Häuser und Straßen; in die Krankenhäuser, die Verkehrsmittel und in die Medien, überall dort, wo der Priester die Möglichkeit hat,. seinen Hirtenauftrag zu erfüllen: In jedem Fall ist es seine Messe, die sich ausdehnt, seine geistliche Verbundenheit mit Christus, dem Priester und Opfer, die ihn dahin führt, zum Wohl der Mitmenschen „Weizenkorn Gottes zu sein, um als reines!! Brot Christi befunden zu werden" wie der heilige Ignatius von Antiochien sagt (vgl. Epist. ad Romanos, IV, 1).

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

In unserer heutigen Katechese, die wiederum den Priestern und ihrem Dienst gewidmet ist, wollen wir uns der Bedeutung der Nächstenliebe im priesterlichen Leben zuwenden. Die Wurzel dieser Liebe zu den Brüdern und Schwestern liegt in der Identität des Priesters als Mann Gottes begründet. Da Gott selbst Liebe ist (1 Joh 4,8),. muß sich auch der Priester durch wahre Liebe zu Gott, durch tiefe Frömmigkeit, echten apostolischen Eifer und aufrichtige Liebe zum Nächsten auszeichnen.

Jesus selbst beschreibt diese Liebe als diejenige eines guten Hirten der nicht sei nen eigenen Vorteil sucht. Der gute Hirte liebt seine Schafe und ist bereit, für sie sein Leben hinzugeben. Im Leben und Sterben Christi hat diese Haltung in besonderer Weise ihre Verwirklichung erfahren. So sind auch diejenigen, die durch die Priesterweihe Anteil an der Hirtensendung haben, aufgerufen, durch ihr Lebensbeispiel die unüberbietbare Liebe des guten Hirten zu bezeugen. Der Dienst als Hirte darf also keinesfalls aus einer Haltung der Überlegenheit und in autoritärem Stil ausgeübt werden, wodurch die Gläubigen nur abgestoßen und von der Herde entfernt würden. Auf den Spuren Christi, des guten Hirten, werden die Priester ihren Dienst in bescheidener Gesinnung ausüben.

All ihr pastorales Tun soll also geprägt sein vom Geist des guten Hirten: die seelsorglichen Kontakte und Gespräche, die Besuche und die zahlreichen tagtäglichen Begegnungen. Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens ist dabei stets die heilige Eucharistie, wobei der Priester sich im Gebet immer inniger in das Geheimnis Christi zu vertiefen sucht (Presbyterorum ordinis, Nr. 14).

Mit dieser kurzen Betrachtung grüße ich Euch. liebe Schwestern und Brüder aus den deutschsprachigen Ländern, sehr herzlich, ich wünsche Euch erholsame Ferien, in denen Ihr auch Zeit finden möget, Euren Glauben neu zu beleben und zu festigen. Dazu erteile ich Euch und Euren lieben Angehörigen in der Heimat von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/070793.rtf.html)





Der Priester soll in seinem Dienst auf die Hilfe Marias vertrauen

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Juni 1993

 

1. In der Biographie der heiligen Priester findet sich immer die große Bedeutung belegt, die sie Maria in ihrem Priesterleben zuerkannt haben.

Die „Lebensbeschreibungen" finden ihre Entsprechung in den „Lebenserfahrungen" so vieler geliebter und verehrter Priester, die der Herr als wahre Verwalter der göttlichen Gnade unter den ihrer Hirtensorge anvertrauten Menschen oder als Prediger, Kapläne, Beichtväter, Lehrer und Schriftsteller eingesetzt hat. Die geistlichen Lehrer und Führer bestehen auf der Wichtigkeit der Marienverehrung im Leben des Priesters als wirksame Stütze auf dem Weg der Heiligung, als ständige Ermutigung in den persönlichen Prüfungen und als gewaltige Kraft im Apostolat.

Auch die Bischofssynode von 1971 hat diese Stimmen der christlichen Tradition den Priestern von heute überliefert, als sie empfahl: „Der Priester soll seinen Sinn auf das Himmlische richten und teilhaben an der Gemeinschaft der Heiligen; er soll zur Gottesmutter Maria aufschauen, die das Wort Gottes in vollkommenem Glauben angenommen hat. Er soll sie täglich um die Gnade (Gottes) bitten, ihn ihrem Sohne gleichförmig zu machen" (Der priesterliche Dienst, 2. Teil, I,3: O.R.dt. Nr. 11, 1971, 5. 5). Der tiefe Grund der Marienverehrung des Priesters wurzelt in der wesentlichen Beziehung, die zwischen der Mutter Jesu und dem Priestertum der Diener des Sohnes im göttlichen Plan festgelegt wurde. Wir wollen diesen besonderen Aspekt der priesterlichen Spiritualität vertiefen und daraus die praktischen Konsequenzen ziehen.

 

2. Die Beziehung Marias zum Priestertum erwächst vor allem aus der Tatsache ihrer Mutterschaft. Indem, sie durch ihre Zustimmung zur Botschaft des Engels Mutter Christi wurde, ist Maria Mutter des Hohenpriesters geworden. Das ist eine objektive Wirklichkeit: Indem er durch die Fleischwerdung Menschennatur annahm, hat der ewige Sohn Gottes die Voraussetzung erfüllt, um durch seinen Tod und die Auferstehung der einzige Hohepriester der Menschheit zu werden (vgl. Hebr 5., 1). Wir können eine vollkommene Übereinstimmung zwischen Maria und ihrem Sohn im Augenblick der Menschwerdung beobachten. Ja, der Brief an die Hebräer sagt uns, daß Jesus „bei seinem Eintritt in die Welt" eine priesterliche Ausrichtung auf das persönliche Opfer hin nahm, indem er zu Gott sprach: „Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen ... Da sagte ich: Ja, ich komme ...‚ um deinen Willen, Gott, zu tun" (Hebr 10,5-7). Das Evangelium berichtet uns, daß die Jungfrau Maria im gleichen Augenblick dieselbe‘ Bereitschaft ausdrückte: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1,38). Diese vollkommene Übereinstimmung zeigt uns, daß zwischen der Mutterschaft Marias und dem Priestertum Christi ein enger Zusammenhang besteht. Aus derselben Tatsache ergibt sich eine besondere Verbindung des Priesterdienstes mit der seligen Jungfrau Maria.

 

3. Wie wir wissen, hat die seligste Jungfrau ‘ihre Mutterrolle nicht nur durch die leibliche Geburt Jesu, sondern auch durch seine moralische Erziehung erfüllt. Aufgrund der Mutterschaft hatte sie die Aufgabe, das Kind Jesus in angemessener Weise auf seine Priestersendung ‚vorzubereiten, deren Bedeutung sie bei der Ankündigung der Menschwerdung erfaßt hatte.

In der Zustimmung Marias kann man deshalb eine Verbundenheit mit der wesentlichen Wahrheit des Priestertums Christi und der Annahme der Mitarbeit bei seiner Verwirklichung in der Welt erkennen. Damit wurde der tatsächliche Grund für die Rolle gelegt, die Maria auch in der Formung der Diener Christi, der Teilhaber seines Priestertums, zu spielen berufen war. Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis sagte ich: „Jeder Aspekt der priesterlichen Ausbildung kann auf Maria bezogen werden" (Nr. 82).

 

4. Wir wissen außerdem daß die Gottesmutter das Geheimnis Christi voll gelebt hat das sie durch ihr persönliches Nachdenken über die Geschehnisse der Geburt und Kindheit des Sohnes (vgl. Lk 2, 19; 2, 51) immer tiefer erkannt hat. Sie bemühte sich mit Verstand und Herz immer tiefer in den göttlichen Plan einzudringen um bewußt und tatkräftig an ihm mitzuwirken Wer konnte besser als sie die Diener ihres Sohnes heute erleuchten und fuhren damit sie in die unbeschreiblichen Reichtümer seines Geheimnisses eindringen um in Übereinstimmung mit seiner Priester sendung zu handeln?

Maria war auf einzigartige Weise mit dem priesterlichen Opfer Christi und seinem Willen, die Menschheit durch den Kreuzestod zu erlösen, vereint. Sie war die erste und vollkommenste Teilhaberin seines Opfers als „Sacerdos et Hostia". Als solche kann sie denen, die auf Dienstebene am Priestertum ihres Sohnes teilhaben, die Gnade des Ansporns erwirken, damit sie immer mehr den Anforderungen der geistlichen Hingabe entsprechen, die das Priestertum mit sich bringt: besonders die Gnade des Glaubens, der Hoffnung und der Standhaftigkeit in den Prüfungen - Gnaden, die bekanntlich zu einer immer hochherzigeren Teilhabe am Erlösungsopfer anspornen.

 

5. Jesus hat Maria auf Golgota mit einer neuen Mutterschaft betraut als er zu ihr sprach Frau siehe deinen Sohn (Joh 19, 26). Wir dürfen nicht verkennen daß diese Mutterschaft in jenem Augenblick auf einen Priester den Lieblingsjünger bezogen wurde Tatsächlich hatte nach den synoptischen Evangelien auch Johannes beim Abendmahl vom Meister die Vollmacht erhalten das Kreuzesopfer zum Gedächtnis an ihn zu erneuern mit den anderen Aposteln gehörte er zur Gruppe der ersten Priester er ersetzte bei Maria den einzigen Hohenpriester der die Welt verließ. In jenem Augenblick beabsichtigte Jesus gewiß die universale Mutterschaft Marias im Gnadenleben gegenüber allen Jungem von damals und aller Zeiten fest zulegen. Aber wir dürfen nicht vergessen daß diese Mutterschaft zu einer konkreten und unmittelbaren Kraft in bezug auf einen Apostel einen Priester wurde. Und wir können uns denken daß Jesus neben Johannes die lange Reihe seiner Priester von Jahrhundert zu Jahrhundert bis zum Ende der Welt vor Augen hatte Und daß er besonders sie, einen nach dem anderen, wie den Lieblingsjünger der Mutterschaft Marias anvertraute.

Jesus sagte auch zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!" (Joh 19,27). Er gab dem Lieblingsapostel den Auftrag, Maria wie seine eigene Mutter zu behandeln, sie zu lieben, zu ehren und zu beschützen während der Jahre, die sie noch auf Erden zu leben hatte, aber im Licht dessen, was für sie im Himmel geschrieben stand, in den sie aufgenommen und wo sie verherrlicht werden sollte. Diese Worte stehen am Anfang der Marienverehrung: Bemerkenswert ist, daß sie an einen „Priester" gerichtet sind. Können wir vielleicht daraus nicht folgern, daß der „Priester" beauftragt ist, diese Verehrung zu fördern und zu entfalten, und daß er der Hauptverantwortliche dafür ist?

In seinem Evangelium will Johannes unterstreichen, daß „von jener Stunde an sie der Jünger zu sich nahm" (vgl. Joh 19,27). Er hat deshalb sofort der Aufforderung Christi entsprochen und Maria zu sich genommen mit einer den Umständen angemessenen Verehrung. Ich möchte sagen, daß er sich auch unter diesem Aspekt als ein „wahrer Priester", gewiß, ein treuer Jünger Jesu, gezeigt hat.

Maria zu sich nehmen bedeutet für jeden Priester, ihr im eigenen Leben einen Platz einzuräumen indem man in fester Verbundenheit mit ihr bleibt im Denken in der Liebe, im Eifer für das Reich Gottes und in der Verehrung zu ihr (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2673-2679).

 

6. Um was sollen wir Maria, die „Mutter des Priesters", bitten? Heute mehr denn je soll der Priester Maria besonders um die Gnade bitten, das Geschenk Gottes mit dankbarer Liebe anzunehmen und es so hochschätzen, wie sie es im Magnifikat getan hat; die Gnade der Hochherzigkeit in der persönlichen Hingabe, um ihr Beispiel einer „hochherzigen Mutter" nachzuahmen; die Gnade der Reinheit und der Treue in der Verpflichtung zum Zölibat nach ihrem Beispiel als „treue Jungfrau"; die Gnade einer glühenden und erbarmenden Liebe im Licht ihres Zeugnisses der „Mutter der Barmherzigkeit".

Der Priester muß sich immer vor Augen halten, daß er in den Schwierigkeiten, die er hat, auf die Hilfe Marias zählen kann. Auf sie vertraut er und ihr übergibt er sich selbst und seinen Hirtendienst wahrend er sie bittet ihn reiche Frucht tragen zu las sen. Und nicht zuletzt schaut er auf sie als vollkommenes Vorbild seines Lebens und seines Dienstes, denn sie ist, wie das Konzil sagt, diejenige, „die, vom Heiligen Geist geführt, sich selbst ganz dem Geheimnis der Erlösung der Menschen weihte. Diese Mutter des höchsten und ewigen Priesters, die Königin der Apostel und Schützerin ihres Dienstes, sollen die Priester mit kindlicher Ergebung und Verehrung hochschätzen und lieben" (Presbyterorum ordinis, Nr. 18).

Tch rufe meine Mitbrüder im Priesteramt dazu auf, diese „wahre Marienverehrung" immer mehr zu pflegen und aus ihr die praktischen Konsequenzen für ihr Leben und ihren Dienst zu ziehen. Ich fordere alle Gläubigen auf, sich mit uns Priestern zu vereinen in der persönlichen Weihe an die Gottesmutter und im Gebet um alle Gnaden für sie selbst und für die ganze Kirche.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Sehr herzlich heiße ich Euch zu dieser Audienz willkommen. Es ist mir eine besondere Freude, Euch am Grab des Apostels Petrus begrüßen zu können, dessen Fest wir zusammen mit dem heiligen Paulus begangen haben.

Zum Wesen des priesterlichen Amtes, dem Thema unserer Katechesen, kommt ein weiteres Merkmal hinzu: die besondere Rolle Mariens im Leben des Priesters. Das Verhältnis Marias zum Priestertum geht vor allem aus ihrer Mutterschaft hervor. Indem sie durch ihr „Fiat" Christi Mutter wurde, ist sie zugleich Mutter des einzigen Hohenpriesters der Menschheit geworden, der bei seinem Eintritt in die Welt" (Hebr 10,5) sprach: „Schlacht- und Speiseopfer hast du, nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir erschaffen ... Da sagte ich: Ja ich komme ... um deinen Willen, Gott, zu tun (Hebr 10,5.7). Diese vollkommene Übereinstimmung zeigt uns, daß zwischen der Mutterschaft Mariens und dem Priestertum Christi eine innige Verbindung besteht.‘ Maria war auf einzigartige Weise mit dem priesterlichen Opfer Christi und seinem Willen, die Menschheit durch den Kreuzestod zu erlösen, vereint. Sie war die erste und vollkommenste geistliche Teilhaberin seines Opfers als „Sacerdos et Hostia". Auf dem Kalvarienberg hat Jesus Maria eine neue Mutterschaft anvertraut, als er sagte: „Frau, siehe, deinen Sohn" (Joh 19,26). Zu Johannes sagte er: „Siehe, deine Mutter" (Joh 19,27). Mit diesen Worten wurde dem geliebten Apostel aufgetragen, Maria als eigene Mutter zu betrachten, zu lieben und zu verehren.

Mit unserer kurzen Betrachtung grüße ich Euch alle sehr herzlich. Mein besonderer Gruß gilt der ökumenischen Pilgergruppe aus Göttingen,‘ der Seniorengemeinschaft Ulmen und Umgebung sowie der Schülergruppe der Klasse 11 des Gymnasiums Eschenbach.

Euch allen Euren lieben Angehörigen und Freunden in der Heimat sowie allen die Euch geistlich verbunden sind erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/300693.rtf.html)





Die Eucharistie - Herzmitte der priesterlichen Existenz

Ansprache bei der Generalaudienz am 9. Juni 1993

 

Die Gläubigen in aller Welt blicken in diesen Tagen nach Sevilla, wo, wie ihr wißt, der Internationale Eucharistische Kongreß gefeiert wird und wohin ich zu meiner Freude am kommenden Samstag und Sonntag fahren werde.

Zu Beginn unserer Begegnung heute, bei der wir über die Bedeutung der Eucharistie für das spirituelle Leben des Priesters nachdenken werden, lade ich euch herzlich ein, euch im Geist dieser großen und wichtigen Feier anzuschließen, die alle zu einer Erneuerung des Glaubens und der Verehrung der wirklichen Gegenwart Christi in der Eucharistie ruft.

 

1. Die Katechesen, die wir über das geistliche Leben des Priesters halten, gelten vor allem für den Klerus, sind aber an alle Gläubigen gerichtet. Denn es ist gut, daß alle die Lehre der Kirche über das Priesteramt kennen und das, was es von denen erfordert, die damit bekleidet, sich dem erhabenen Bild Christi - des ewigen Priesters und der heiligen Hostie des Heilsopfers - gleichförmig gemacht haben. Dieses Bild ist im Hebräerbrief und in den anderen Texten der Apostel und der Evangelisten dargestellt und wird von der Überlieferung des Denkens und Lebens der Kirche getreu weitergegeben. Auch heute ist es notwendig, daß der Klerus diesem Bild treu bleibt, in dem sich die lebendige Wahrheit Christi, des Priesters und Opfers, widerspiegelt.

 

2. Die Wiedergabe dieses Bildes verwirklicht sich in den Priestern hauptsächlich durch ihre lebendige Teilhabe am eucharistischen Geheimnis, worauf das christliche Priestertum wesentlich hingeordnet und woran es gebunden ist. Das Konzil von Trient hat betont, daß das zwischen Priestertum und Opfer bestehende Band vom Willen Christi abhängt, der seinen Dienern „die Gewalt übertragen hat, (Brot und Wein in) seinen Leib und sein Blut zu verwandeln und diese darzubringen und auszuteilen" (vgl. DS 1764). Hierin liegt ein Geheimnis der Gemeinschaft mit Christus im Sein und im Handeln vor, das sich in einem spirituellen Leben ausdrücken will, das vom Glauben und von der Liebe zur Eucharistie durchdrungen ist.

Der Priester weiß wohl, daß er sich nicht auf seine eigenen Kräfte verlassen kann, um die Ziele des Dienstes zu erreichen, sondern daß er berufen ist, als Werkzeug des siegreichen Handelns Christi zu dienen, dessen Opfertod, auf dem Altar gegenwärtig gesetzt, der Menschheit die Fülle der göttlichen Gaben vermittelt.

Aber er weiß auch, daß er, um an Christi Statt die Wandlungsworte: „Das ist mein Leib" - „Das ist der Kelch ... mein Blut" würdig zu sprechen, in tiefer Vereinigung mit Christus leben und versuchen muß, dessen Antlitz in sich selbst wiederzugeben. Je intensiver er aus dem Leben Christi lebt, um so wahrer kann er die Eucharistie feiern.

Das II. Vatikanische Konzil hat daran erinnert: „Vor allem beim Meßopfer handeln die Priester in besonderer Weise an Christi Statt" (Presbyterorum ordinis, Nr. 13); deshalb kann es ohne Priester kein eucharistisches Opfer geben. Aber das Konzil hat auch betont, daß alle, die dieses Opfer darbringen, ihre Rolle demütig und in enger geistlicher Verbundenheit mit Christus als seine Diener im Dienst der Gemeinschaft spielen sollen. Sie müssen „das nachahmen, was sie vollziehen; weil sie das geheimnisvolle Geschehen des Todes unseres Herrn vergegenwärtigen, sollen sie auch ihren Leib mit seinen Fehlern und Begierden zu ertöten trachten" (Presbyterorum ordinis, Nr. 13). Indem sie das eucharistische Opfer darbringen, sollen die Priester sich selbst mit Christus darbringen, und alle Verzichte und Opfer annehmen, die das Priesterleben erfordert. „Sacerdos et Hostia" mit Christus und wie Christus.

 

3. Wenn der Priester diese ihm und allen Gläubigen als Stimme des Neuen Testamentes und der Überlieferung vorgelegte Wahrheit „spürt", versteht er die dringende Ermutigung des Konzils zur täglichen Eucharistiefeier, die „auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können ein Akt Christi und der Kirche ist (Presbyterorum ordinis Nr. 13) Damals neigte man dazu nur in Anwesenheit von Gläubigen Eucharistie zu feiern Wenn es nach dem Konzil wahr ist daß man sein Möglichstes tun muß um die Gläubigen zum Gottesdienst zu versammeln ist es auch wahr daß das vom Priester auch wenn er allein ist an Christi Statt vollzogene eucharistische Opfer die Wirksamkeit besitzt die von Christus kommt und der Kirche immer neue Gnaden liefert Deshalb empfehle auch ich den Priestern und dem ganzen christlichen Volk den Herrn zu bitten er möge den Glauben hinsichtlich dieser Bedeutung der Eucharistie stärken.

 

4. Die Bischofssynode von 1971 hat die Konzilslehre aufgegriffen und erklärt Die Feier der heiligen Eucharistie bleibt immer auch wenn sie ohne die Teilnahme der Gläubigen geschieht das Zentrum des kirchlichen Lebens und die Herzmitte der priesterlichen Existenz (Der priesterliche Dienst, II., 3: O.R dt., 1971 Nr. 11, S. 5). Ein wichtiges Wort Zentrum des kirchlichen Lebens Die Eucharistie baut Kirche so wie die Kirche ihrerseits eucharistisch begründet ist. Der Priester der beauftragt ist Kirche zu bauen verwirklicht diese Aufgaben im wesentlichen durch die Eucharistie Auch wenn keine Gläubigen teilnehmen hilft er mit die Menschen durch das eucharistische Opfer in der Kirche um Christus zu sammeln. Die Synode spricht außerdem von der Eucharistie als der Herzmitte der priesterlichen Existenz. Das heißt daß der Priester der wünscht persönlich tief mit Christus verbunden zu sein als erster in der Eucharistie das Sakrament findet das diese enge Verbundenheit bewirkt die weiter wachsen und sogar den Grad mystischer Identifizierung erreichen kann.

 

5. Auch auf dieser Stufe so vieler heiliger Priester kapselt sich die Priesterseele nicht ein, denn gerade aus der Eucharistie schöpft sie die „Liebe dessen, der sieh seinen Gläubigen zur Speise gibt" (Presbyterorum ordinis, Nr. 13). Sie fühlt sich deshalb angespornt, sieh ganz den Gläubigen zu schenken, an die sie den Leib Christi austeilt. Und gerade indem sie sieh von diesem Leib nährt, fühlt sie sieh angetrieben, den Gläubigen zu helfen, daß diese sieh ihrerseits derselben Gegenwart öffnen, während sie sieh von seiner unendlichen Liebe nähren, um aus dem Sakrament noch reichere Frucht zu schöpfen.

Zu diesem Zweck kann und soll der Priester die für eine gewinnbringende Eucharistiefeier notwendige Atmosphäre schaffen. Die Atmosphäre des Gebets. Des liturgischen Gebets,! zu dem das Gottesvolk gerufen und erzogen werden sollte. Zum persönlichen betrachtenden Gebet. Dem Gebet gesunder christlicher Volkstraditionen, das die Messe vorbereiten und in gewisser Weise auch! begleiten kann. Das Gebet der heiligen Stätten, der sakralen Kunst, des Kirchenlieds, der musikalischen Aufführungen (besonders mit der Orgel), das in den Formeln und Riten beinahe verkörpert ist und ständig alles belebt und wiederbelebt, damit es an der Verherrlichung Gottes und an der geistlichen Erhebung des christlichen Volkes teilhaben kann, das zur Eucharistiefeier versammelt ist.

 

6. Das Konzil empfiehlt dem Priester über die tägliche Meßfeier hinaus auch besonders „die tägliche Zwiesprache mit Christus dem Herrn beim Besuch und in persönlicher Andacht vor der Heiligsten Eucharistie (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 18) Der Glaube und die Liebe zur Eucharistie können nicht zulassen daß die Gegenwart Christi um Tabernakel unbeachtet bleibt (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1418) Schon im Alten Testament liest man daß Gott in einem Zelt (oder „Tabernakel") wohnte, das „Offenbarungszelt" (Ex 33,7) genannt wurde. Die Offenbarung war von Gott gewollt. Man kann sagen, daß auch im Tabernakel der Eucharistie Christus gegenwärtig ist im Hinblick auf ein Zwiegespräch mit seinem neuen Volk und mit den einzelnen Gläubigen. Der Priester ist als erster gerufen in dieses Offenbarungszelt einzutreten und Christus der im Tabernakel gegenwärtig ist zu einem täglichen Zwiegespräch zu besuchen.

Zum Schluß mochte ich daran erinnern daß der Priester mehr als jeder andere dazu berufen ist an der grundlegenden Verfügung Christi in diesem Sakrament teilzuhaben das heißt an der Gnadenwirkung nach der es benannt ist Verbunden mit Christus dem Priester und Opfer teilt der Priester nicht nur seine Hingabe sondern auch sein Gefühl seine Bereitschaft zur Dankbarkeit gegenüber dem Vater für die Wohltaten, die er der Menschheit, jedem Menschen, dem Priester selbst und all denen erweist, die im Himmel und auf Erden zur Teilhabe an der Herrlichkeit Gottes berufen sind. „Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam ...„ So setzt der Priester den Beschuldigungen und Auflehnungen gegenüber Gott - die man oft in der Welt hört - den gemeinsamen Lobpreis und Segen entgegen, der von denen aufsteigt, die im Menschen und in der Welt die Zeichen einer unendlichen Güte zu erkennen wissen.

 

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Herzlich begrüße ich Euch die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern die Ihr so zahlreich zur heutigen Audienz in die Petersbasilika gekommen seid.

 

Gern erteile ich Euch Euren lieben Angehörigen zu Hause sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/090693.rtf.html)




Der Priester, ein Mann des Gebets

Ansprache bei der Generalaudienz am 2. Juni 1993

 

1. Wir kommen heute auf einige in der vorhergegangenen Katechese bereits angedeutete Begriffe zurück, um noch stärker die Anforderungen und Widerspiegelungen dessen zu unterstreichen, was wir als Wirklichkeit des gottgeweihten Menschen dargestellt haben. Wir können mit einem Wort sagen, daß der nach dem Bild Christi geweihte Priester wie Christus selbst ein Mann des Gebets sein muß. In dieser kurzen Definition ist das ganze spirituelle Leben zusammengefaßt, das dem Priester eine wahre christliche Identität verleiht, ihn als Priester kennzeichnet und zur beseelenden Kraft des Apostolats macht.

Das Evangelium stellt uns Jesus im Gebet vor in allen wichtigen Augenblicken seiner Sendung. Sein öffentliches Leben, das mit der Taufe anfängt, beginnt mit dem Gebet (vgl. Lk 3,21). Auch in der Zeit, als er vor den Scharen häufig predigt, behält er sich lange Gebetspausen vor (Mk 1,35; Lk 5,16).

Bevor er die Zwölf auswählt, verweilt er eine Nacht im Gebet (Lk 6,12). Er betet, bevor er von den Aposteln ein Bekenntnis des Glaubens verlangt (Lk 9,18); er betet nach der wunderbaren Brotvermehrung allein auf dem Berg (Mt 14,23; Mk 6,46); er betet, bevor er die Jünger beten lehrt (Lk 11,1); er betet vor der außerordentlichen Offenbarung der Verklärung, als er genau deshalb auf den Berg gestiegen war, um zu beten (Lk 9,28); er betet, bevor er ein Wunder wirkt (Joh 11,41-42); er betet beim letzten Abendmahl, um dem Vater seine Zukunft und die seiner Kirche anzuvertrauen (Joh 17). In Getsemani betet er, zu Tode betrübt, voll Furcht und Angst zum Vater (Mk 14,35-39 u. par.), und am Kreuz ruft er ihn voll Todesangst (Mt 27,46), aber auch voll grenzenlosem Vertrauen (Lk 23,46). Man kann sagen, daß die ganze Sendung Christi vom Gebet beseelt ist, vom Beginn seines messianischen Dienstes an bis zum äußersten priesterlichen Akt: dem Opfertod am Kreuz, der im Gebet vollendet wurde.

 

2. Diejenigen, die berufen sind, an der Sendung und am Opfertod Christi teilzuhaben, werden durch sein beispielhaftes Vorbild dazu angespornt, in ihrem Leben dem Gebet den Platz einzuräumen, der ihm als Fundament, Wurzel und Gewähr der Heiligkeit im Tun gebührt. Ja, wir lernen von Jesus, daß eine fruchtbare Ausübung des Priesteramtes ohne das Gebet nicht möglich ist, denn es bewahrt den Priester vor der Gefahr, das innere Leben zu vernachlässigen, indem er Aktionismus vorzieht, und vor der Versuchung, sich in die Betriebsamkeit zu stürzen, bis er sich darin verliert.

Nachdem die Bischofssynode von 1971 bekräftigt hat, daß „die gesamte Regel für das priesterliche Leben" in der Weihe Christi, dem Ursprung der Weihe seiner Apostel, zu finden ist, wendet sie die Regel auf das Gebet an mit folgenden Worten:

„Die Priester müssen also dem Beispiel Jesu Christi, der die ganze Zeit im Gebet verbrachte, und der Führung des Heiligen Geistes folgen, in dem wir rufen: ‚Abba, Vater‘, und der Betrachtung des Gotteswortes obliegen. Sie sollen täglich die Gelegenheit benutzen, die Ereignisse des Lebens im Licht des Evangeliums zu überdenken, damit sie zu treuen und aufmerksamen Hörern des Gotteswortes und als wahrhaftige Diener der Verkündigung befunden werden. Sie sollen stets auf das persönliche Gebet, auf die Verrichtung der liturgischen Tageszeiten, auf den häufigen Empfang des Bußsakramentes und vor allem auf die Verehrung des eucharistischen

Geheimnisses bedacht sein" (Der priesterliche Dienst, II,3: O.R.dt., 1971, Nr. 11,

S.5).

 

3. Das II. Vatikanische Konzil seinerseits hatte nicht versäumt, den Priester auf die Notwendigkeit hinzuweisen, grundsätzlich mit Christus vereint zu sein, und deshalb das beharrliche Gebet empfohlen: „Auf vielfache Weise, vor allem durch das bewährte innere Gebet und frei zu wählende verschiedene Gebetsarten, suchen und erbitten die Priester von Gott inständig jenen Geist echter Anbetung, durch den sie sich zugleich ... Christus, dem Mittler des Neuen Bundes, einen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 18). Wie man sieht, unter den möglichen Gebetsformen lenkt das Konzil die Aufmerksamkeit auf das innere Gebet, das frei von vorgefaßten Formeln ist, nicht das gesprochene Wort erfordert und sich der Führung des Heiligen Geistes in der Betrachtung des göttlichen Geheimnisses anvertraut

 

4. Die Bischofssynode von 1971 dringt auf die „Betrachtung des Gotteswortes" (vgl. Der priesterliche Dienst, 11,3: O.R.dt. 1971, Nr. 11, S. 5). Das Wort „Betrachtung" mit der Betonung des geistlichen Bemühens, das es in sich birgt, soll nicht übermäßig beeindrucken. Man kann sagen, daß für alle - abgesehen von den Lebensformen und -weisen, unter denen das „kontemplative Leben" immer das kostbarste Juwel der Braut Christi, der Kirche, bleibt - der Ruf gilt, das Wort Gottes mit kontemplativen Geist zu hören und zu betrachten, damit es sowohl den Verstand als auch das Herz nährt. Das fördert im Priester die Formung einer Grundhaltung, die Welt mit Weisheit im Hinblick auf ihr letztes Ziel: Gott und seinen Heilsplan, zu betrachten. Die Synode sagt: „Die Ereignisse des Lebens im Licht des Evangeliums zu überdenken" (ebd.). Darin besteht die übernatürliche Weisheit, vor allem als Gabe des Heiligen Geistes, der dazu befähigt, im Licht der „tiefsten Beweggründe", der ewigen Dinge gut zu urteilen Die Weisheit wird so der Hauptfaktor der Gleichgestaltung mit Christus im Denken, Urteilen und Bewerten der bedeutenden und weniger wichtigen Dinge, so daß der Priester - wie jeder Christ und mehr als dieser - in sich das Licht widerspiegelt, die Verbundenheit mit dem Vater, den wirksamen Antrieb, den Rhythmus des Gebets und des Handelns und sozusagen fast den geistlichen Atem Christi. Zu diesem Ziel kann man gelangen, indem man sich vom Heiligen Geist in der Betrachtung des Evangeliums leiten läßt, die die Vereinigung mit Christus fördert und vertieft; sie hilft auch, immer mehr ins Denken des Meisters einzudringen, und stärkt die Verbundenheit von Mensch zu Mensch mit ihm. Wenn der Priester darin beharrt, bleibt er leichter in einem Zustand bewußter Freude, die aus der Wahrnehmung der inneren, persönlichen Vewirklichung des Wortes Gottes erwächst, das er die anderen lehren muß. Darüber sagt das Konzil: „Beim Nachdenken, wie sie (die Priester) die Früchte ihrer eigenen Betrachtung anderen am besten weitergeben können, werden sie noch inniger ‚den unergründlichen Reichtum Christi‘ (Eph 3,8) und die vielfältige Weisheit Gottes verkosten" (Presbyterorum ordinis, Nr. 13). Bitten wir den Herrn, daß er uns eine große Anzahl von Priestern schenke, die im Gebetsieben die Weisheit Gottes entdecken, aufnehmen, kosten und

wie der Apostel Paulus (vgl. ebd.) den übernatürlichen Antrieb spüren, es als wahren Grund ihres Apostolats zu verkünden und auszuspenden (vgl. Pastores dabo vobis, Nr. 47).

 

5. Während das Konzil über das Gebet der Priester spricht, erwähnt und empfiehlt es auch das Stundengebet, das das persönliche Gebet des Priesters mit dem der Kirche vereint. „Beim Breviergebet so heißt es leihen sie ihren Mund der Kirche, die beständig im Namen des ganzen Menschengeschlechtes im Gebet verharrt mit Christus, der ‚allezeit lebt, um für uns einzutreten‘ (Hebr 7,25)" (Presbyterorum ordinis, Nt 13).

Auf Grund der im anvertrauten Sendung der Stellvertretung und Fürbitte ist der Priester zu dieser „offiziellen" Gebetsform, die im Auftrag der Kirche und im Namen nicht nur der Glaubenden, sondern aller Menschen und gewissermaßen aller Wirklichkeiten des Universums ausgeübt wird, ausdrücklich verpflichtet (vgl. CIC., can. 1174,1). Des Priestertums Christi teilhaftig, bittet er für die Anliegen der Kirche der Welt jedes Menschen in dem Bewußtsein Deuter und Träger der universalen Stimme zu sein, die die Herrlichkeit Gottes lobpreist und um die Rettung des Menschen bittet.

 

6. Es ist gut daran zu erinnern, daß die Priester um das Gebetsleben besser zu sichern, zu festigen und zu erneuern, indem sie aus seinen Quellen schöpfen - vom Konzil selbst gehalten sind, über die tägliche Gebetsübung hinaus längere Zeitabschnitte in engster Verbundenheit mit Christus zu verbringen: „Gern sollen sie sich für Tage geistlicher Zurückgezogenheit frei machen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 18). Es empfiehlt ihnen auch „die geistliche Führung hochschätzen" (ebd., Nr. 18). Sie sei für sie gleichsam die Hand eines Freundes oder Vaters, der ihnen auf dem Weg weiterhilft. Und indem sie die diese wohltuende Führung erfahren, werden sie um so mehr bereit sein, ihrerseits diese Hilfe denen anzubieten, die ihrem Hirtendienst anvertraut sind. Das wird vielen Menschen von heute, besonders den Jugendlichen, große Möglichkeiten bieten und ein entscheidender Faktor sein bei der Lösung des Problems der Berufungen, wie die Erfahrung so vieler Generationen von Priestern und Ordensleuten lehrt.

Wir haben schon in der vorhergehenden Katechese auf die Bedeutung des Bußsakraments hingewiesen. Das Konzil empfiehlt dem Priester „die häufig geübte sakramentale Buße" (ebd). Es ist klar, daß derjenige, der den Dienst der Versöhnung der Christen mit dem Herrn durch das Sakrament der Vergebung ausübt, selbst dieses Sakrament empfangen muß. Er wird der erste sein, der sich selbst als Sünder bekennt und an die göttliche Vergebung glaubt, die in der sakramentalen Absolution Ausdruck findet. Bei der Spendung des Sakramentes der Vergebung wird ihm dieses Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit helfen, die Sünder besser zu verstehen. Sagt der Hebräerbrief nicht über den Priester, der aus den Menschen ausgewählt wird:

„Er ist fähig, für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen, da auch er der Schwachheit unterworfen ist" (Hebr 5,2)? Außerdem spornt die persönliche geübte sakramentale Buße den Priester zu einer verstärkten Bereitschaft an, dieses Sakrament den Gläubigen, die darum bitten, zu spenden. Auch das ist äußerst wichtig für die Seelsorge in unserer Zeit.

 

7. Aber den Höhepunkt erreicht das Gebet der Priester in der Eucharistiefeier, die ihre „vornehmliche Aufgabe" ist (Presbyterorum ordinis, Nr. 13). Sie ist von so großer Bedeutung für das Gebetsleben des Priesters, daß ich ihr die nächste Katechese widmen möchte.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Alle Pilger und Besucher deutscher Sprache heiße ich zur heutigen Generalaudienz herzlich willkommen Mein Dank gilt Euch allen die Ihr sehr zahlreich in die Petersbasilika gekommen seid um Euren Aufenthalt in der Ewigen Stadt zugleich zu einem Erlebnis religiöser Besinnung werden zu lassen.

Ich grüße Euch alle sehr herzlich Mein besonderer Gruß gilt den Pilgern aus zahl reichen Pfarreien, die unter der Leitung ihrer Seelsorger gekommen sind, sowie den anwesenden Ministranten und der Gruppe der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Waldbrunn, die in diesem Jahr ihr l00jähriges Bestehen feiert.!

Euch allen, Euren lieben Angehörigen zu Hause sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

 

Der Papst sagte weiter:

 

Der kürzlich in Bosnien erfolgte tragische Tod von Caritashelfern aus Brescia, während sie eine humanitäre Mission zugunsten der vom Krieg heimgesuchten Bevölkerung ausführten, erfüllt mich mit Trauer! und drängt mich, nochmals meine ganze Mißbilligung über den anhaltenden unmenschlichen Krieg auszusprechen Außerdem mochte ich den Angehörigen der Opfer mein tiefempfundenes und herzliches Mitgefühl in diesem schmerzlichen Augenblick bekunden und sie eines besonderen Gebetes an den Herrn zu versichern.

Der Gott des Friedens erleuchte die Herzen aller, auch derer, die ein so schweres Verbrechen verschuldet haben, die Herzen aller - damit man versteht, daß Gewalt und Haß nicht dem Wohl des Landes dienen sondern nur Zerstörung und Tod säen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/020693.rtf.html)




Christus als das vollkommene Vorbild

Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Symposions über „Pastores dabo vobis: Der Priester heute" am 28. Mai 1993

Ehrwürdige Bruder im Bischofsamt,

liebe Brüder und Schwestern!

1. „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,19).

Mit diesen Worten sandte der Herr die Apostel aus das Evangelium den Menschen aller Zeiten, an jedem Ort und in jeder Kultur zu verkünden. Im Gehorsam gegen dieses Gebot des Herrn sind die Bischöfe und ihre Mitarbeiter, die Priester, berufen, in der ganzen Menschheit ohne jede Einschränkung maßgebende Verkünder des Evangeliums zu sein. Sie werden sich um so glaubwürdiger mit dieser weltweiten Sendung identifizieren je mehr ihr Leben durchlässig wird für die Botschaft des Herrn und je besser sie es verstehen diese Botschaft vollständig und mit Liebe weiterzugeben.

Um diesen so grundlegenden Aspekt von Sein und Leben des Priesters darzulegen und zu vertiefen, wurde dieses euer Internationales Symposion mit dem bezeichnenden Titel: „Pastores dabo vobis: Der Priester heute" veranstaltet. Eingefügt in die Thematik der Vollversammlung der Bischofssynode über die Priesterbildung im Kontext der Gegenwart war es die Absicht dieses Treffens einen Überblick von Gedanken und Erwägungen zu bieten die geeignet sind die fruchtbare Anwendung des nachsynodalen Apostolischen Schreibens zu fördern.

Darum ist es mir eine Freude, euch in dieser Sonderaudienz z empfangen und euch alle herzlich zu begrüßen. Vor allem begrüße ich Kardinal José Sanchez, den Präfekten, und Erzbischof Crescenzio Sepe, den Sekretär der Kongregation für den Klerus, denen ich dafür danke, daß sie diese Initiative angeregt haben. Ich begrüße die anwesenden Bischöfe und Priester und alle, die an dem Symposion teilgenommen haben, die Rektoren der Päpstlichen Universitäten in Rom, die Vorsitzenden der einzelnen Sektionen, die Referenten und alle, die zum Gelingen des Kongresses beigetragen haben.

2. Die Identität, das Leben und die Bildung der Priester zu vertiefen ist heute eine von der Neuevangelisierung gestellte Forderung.

Die Identität des Priesters ist eingefügt in den Heilswillen Gottes, der in Christus jeden Menschen in seinem sozio-religiösen Kontext erreichen will. Alles muß also von diesem Horizont ausgehen, und alles muß danach trachten, diesen göttlichen zuvorkommenden Heilsratschluß zu verwirklichen. So wird verständlich, warum der Priester seinem Wesen nach durch das Merkmal, das er durch die Auflegung der Hände und das Weihegebet empfangen hat, auch zum „Hirten" wird. Niemand anderem darf diese Bezeichnung in rechter Weise gegeben werden; nur der darf so genannt werden, der in Übereinstimmung und durch Gleichgestaltung mit dem Priestertum Christi geweihter Diener und Ausspender der heiligen Geheimnisse ist.

Wie notwendig ist es, bei einer so bedeutsamen Wahrheit zu verweilen und über das Bewußtsein nachzudenken, das der Priester von sich selbst als Diener Jesu Christi, des Hauptes und Hirten, haben muß (vgl. Pastores dabo vobis, Nr. 25).

Die Identität, das priesterliche Profil und die Befähigung zum Hirtendienst haben ihre Wurzeln in der Christologie Christus er allein ist das vollkommene Vorbild das heute wie auch in den kommenden Zeiten nachgeahmt werden muß; Denn wirklich: „Sacerdos alter Christus"!

Der Priester ist ein Zeichen Christi, des Priesters und Guten Hirten. Er hat Anteil an der Weihe und Sendung des Herrn, so daß er im Namen Christi, des Hauptes der Kirche, handeln (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 2) und sein Wort, sein Opfer, sein Heilswirken und seinen Hirtendienst fortsetzen kann (vgl. Presbyterorum ordinis, Nrn. 4-6). Die Person Jesu bildet daher den wesentlichen Bezugspunkt, um das Leben und den Dienst des Priesters zu verstehen und ihm Sinn zu geben. „Der Bezug auf Christus ist also der absolut notwendige Schussel für das Verständnis aller Dimensionen priesterlicher Wirklichkeit (Pastores dabo vobis Nr. 12)

Auch die „feste Entschlossenheit der Kirche ... an dem Gesetz festzuhalten, das den zur Priesterweihe nach dem lateinischen Ritus ausersehenen Kandidaten den frei gewählten ständigen Zölibat auferlegt (ebd. Nr. 29) ist in diesem christologischen Kontext zu erkennen. Wie euer Kongreß es gut hervorgehoben hat, handelt es sich ja nicht bloß um eine juridische Norm, sondern um eine auf die Ebene des Kirchenrechts übertragene theologische Wirklichkeit, weil ihre Motivierung in jene „Dynamik des Geschenkes" (vgl. ebd., Nr. 50) eingeschrieben ist, die mit der heiligen Weihe und der auf ihr beruhenden sakramentalen Gleichgestaltung mit Christus in engem Zusammenhang steht.

Die eigentlichen Grunde für den Zölibat sind daher nicht auf psychologischem soziologischem, geschichtlichem oder juridischem Gebiet zu suchen, sondern auf dem mehr im eigentlichen Sinn theologischen und pastoralen oder im priesterlichen Charisma als solchem.

3. Zwischen dem Geschenk des allgemeinen Priestertums und dem besonderen Geschenk des hierarchischen Priestertums besteht ein wesentlicher Unterschied, nicht nur ein Unterschied dem Grade nach (vgl. Pius XII; Mediator Dei, AAS 39 [1947]; Ansprache Magnificate Dominum, AAS 46 [1954] 669; Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium, Nr.10; Presbyterorum ordinis, Nr. 2). Es handelt sich nämlich um Gaben von theologisch unterschiedlicher Natur, die durch verschiedene sakramentale Handlungen verliehen werden und auch verschiedenartige Wirkungen in den Empfängern hervorrufen.

Das theologische Verständnis und die Wertschätzung des königlichen Priestertums der Gläubigen muß immer gleichlaufend begleitet sein vom Verständnis und der Wertschätzung für das Amtspriestertum, dessen Würde wirklich einzigartig ist.

Die auf harmonische, richtige und klare Weise vertiefte Sicht dieser beiden Aspekte bildet einen der heikelsten Punkte im Sein und Leben der Kirche unserer Zeit.

Vor allem in diesen letzten Jahrzehnten haben sich gerade auf einem theologisch und christologisch mißverständlichen Gebiet nicht wenige Probleme „priesterlicher Identität" ergeben in bezug auf das tiefe Gleichgewicht, das die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils über die beiden Modalitäten der Teilhabe am Dienst Christi auszeichnet.

In Pastores dabo vobis wollte ich klarstellen, daß „der Priester die volle Wahrheit seiner Identität darin (findet), sich von Christus herzuleiten, in besonderer Weise an Christus teilzuhaben und eine Weiterführung Christi ... zu sein: Er ist ein lebendiges und transparentes Abbild des Priesters Christus" (Pastores dabo vobis, Nr. 12). Und weiter: „Auf diese Weise wird die Communio-Ekklesiologie entscheidend, um die Identität des Priesters, seine eigenständige Würde, seine Berufung und Sendung im Volk Gottes und in der Welt zu begreifen" (ebd.).

Darum bin ich erfreut, daß einige Referate eures Treffens versucht haben, diese heikle theologische Frage noch eingehender zu untersuchen.

4. Die sakramentale Gleichgestaltung mit Christus erfordert es daß der kirchliche Bildungsweg den Priester zur beständigen Nachfolge des Herrn führe daß er sich mit ihm vereinigt „im Erkennen des väterlichen Willens und in der Hingabe für die Herde (Presbyterorum ordinis Nr. 14). Auf dem Fundament gelehriger Treue gegenüber dem Willen Gottes und der pastoralen Liebe festigen sich das geistliche Leben des Priesters und seine unermüdliche priesterliche Tätigkeit zur Einheit. Die ständige Weiterbildung bei der sich die verschiedenen einzelnen Bildungsaspekte auf dem Fundament der priesterlichen Liebe harmonisch zusammenfügen wird für den Priester das kostbare „Mosaik" der Lebenseinheit bilden müssen (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 14; Pastores dabo vobis, Nr. 72).

Es gilt, in gelehriger Zusammenarbeit mit dem Heiligen Geist einen Bildungsweg zu planen und zu verfolgen, der im Diener des Heiligtums das Wachsen in der Heiligkeit gemäß seiner empfangenen Gabe fördert. So wird er mit all seinen Kräften danach streben, „lebendiges und transparentes Abbild" (Pastores dabo vobis, Nr. 12) der Liebe Jesu Christi, des Priesters, des Hauptes und Hirten, des Bräutigams und des Lehrers, zu sein, der seine Kirche heiligt.

5. Um auf die Herausforderungen einzugehen, die die Neuevangelisierung stellt, wird der Priester heute eine Spiritualität leben müssen, die ständig genährt wird von einem selbstlosen und liebevollen Dienst an den Menschen, in Übereinstimmung mit dem empfangenen apostolischen Auftrag.

Die Hauptrolle im geistlichen Leben und im Bildungsweg muß daher der Feier des heiligen Meßopfers zuerkannt werden, das „die Mitte und die Wurzel" der ganzen priesterlichen Existenz ist; sie findet ihre Ausweitung in einer von Liebe getragenen Verehrung der Gegenwart des Herrn im Tabernakel. Im Meßopfer finden sich die erhabensten Gründe für den Zölibat und für, die Hirtenliebe, die den Priester mit Christus gleichgestalten in der vollkommenen Hingabe seiner selbst an den himmlischen Vater.

Er muß ein Mann sein, der ganz vom Gebetsgeist durchdrungen ist. Je mehr er mit dringenden Dienstaufgaben belastet ist, um so mehr muß er die Kontemplation und den inneren Frieden pflegen in dem Bewußtsein, daß die Seele allen Apostolates in der lebendigen Verbundenheit mit Gott besteht. Die starke, feste und treue Liebe zu Jesus Christus, die transparente und freudige Beobachtung der Disziplin, die Pflege des Gottesdienstes, die Verfügbarkeit zum Dienst, die Verbundenheit mit der Hierarchie wandeln sich in ihm auch zu missionarischem Geist, zu einem Wachstumsferment für die Kirche, zu wahrhaft katholischer Zielsetzung und Garantie für eine echte Evangelisierung.

Verwurzelt in der christozentrischen und kirchlichen Spiritualität, erblüht als ganz besonderes Merkmal die Verehrung der heiligen Jungfrau, der Mutter des Erlösers und Mutter des Priesters als eines „zweiten Christus" - „alter Christus".

Zum Abschluß des Internationalen Symposions fordere ich alle auf, gerade auf Maria zu schauen. Betrachten wir miteinander jene, die durch den Heiligen Geist den Erlöser empfangen und geboren hat. Bitten wir sie, den Samen des Guten zum Wachsen zu bringen, der mit gutem Willen in diesen Tagen ausgestreut wurde, und weiterhin über die Entfaltung der Berufungen und des priesterlichen Lebens in der Kirche zu wachen.

Aus der Heiligkeit des Priesters - davon sind wir alle überzeugt - wird eine mächtige, besonders intensive Welle der Evangelisierung entspringen können, eine wunderbare Kraftquelle für das nahe bevorstehende dritte Jahrtausend.

Mit diesen Wünschen erteile ich euch allen hier Anwesenden und allen Kongreßteilnehmern meinen besonderen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/2000-04/15-10/12.html)




Priester sein - eine Herausforderung zur Heiligkeit

Ansprache bei der Generalaudienz am 26. Mai 1993

 

1. Die ganze aus der Heiligen Schrift erwachsene christliche Tradition spricht vom Priester als dem „Mann Gottes", dem Gott geweihten Mann. „Homo Dei" ist eine Bezeichnung, die für jeden Christen gilt, die Paulus aber insbesondere auf seinen Mitarbeiter Bischof Timotheus bezieht, während er ihm den Gebrauch der Heiligen Schrift empfiehlt (vgl. 2 Tim 3,16). Sie ist nützlich für den Priester und auch für den Bischof aufgrund seiner besonderen Weihe an Gott. Tatsächlich vollzieht sich bereits in der Taufe eine erste und grundlegende. Weihe des Menschen mit der Befreiung vom Bösen und dem Eintritt in einen Zustand besonderer ontologischer und psychologischer Zugehörigkeit zu Gott (vgl. Thomas v. Aquin, Summa Theologica, II-II, q.81, a.8). Die Priesterweihe bekräftigt und vertieft diesen gottgeweihten Zustand, wie die Bischofssynode von 1971 betont hat unter Bezugnahme auf das Priestertum Christi, das dem Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mitgeteilt wird (vgl. Der priesterliche Dienst 1,4: O.R.dt., 1971, Nr. 11, 5. 4).

Die Synode hat hier die Lehre des II. Vatikanischen Konzils aufgegriffen, das die Priester an die Pflicht erinnert, kraft der Taufweihe nach der Vollkommenheit zu streben, und hinzufügt: „Als Priester sind sie jedoch in besonderer Weise zum Streben nach dieser Vollkommenheit verpflichtet. Denn im Empfang des Weihesakramentes Gott auf neue Weise geweiht, sind sie lebendige Werkzeuge Christi des Ewigen Priester geworden, damit sie sein wunderbares Werk, das mit Kraft von oben die ganze menschliche Gesellschaft erneuert hat, durch die Zeiten fortzuführen vermögen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 12). Dies empfahl auch Pius XI. in der Enzyklika Ad catholici sacerdotii vom 20. Dezember 1935 (vgl. AAS 28, 1936, S.10). Nach dem Glauben der Kirche wird also mit der Priesterweihe nicht nur ein neuer Auftrag, ein Amt in der Kirche verliehen, sondern eine neue persönliche „Weihe", verbunden mit dem vom Weihesakrament aufgedrückten Prägemal als geistliches und unauslöschliches Zeichen einer besonderen Zugehörigkeit zu Christus im Sein und folglich im Handeln. Der Anspruch der Heiligkeit im Priester wird also nach dem Anteil am Priestertum Christi als dem Urheber der Erlösung bemessen: Der Diener kann sich nicht der Anforderung entziehen, in sich selbst die Gefühle, die inneren Bestrebungen und Absichten, den Geist des Gehorsams zum Vater und des Dienstes an den Schwestern und Brüdern hervorzubringen, der dem „Hauptmitwirkenden" eigen ist.

 

2. Daraus erwächst im Priester eine Art Gnadenmacht, die ihm erlaubt, in Gemeinschaft mit Christus zu leben und sich zugleich dem Pastoraldienst an den Schwestern und Brüdern zu widmen. Das Konzil lehrt, daß jeder Priester, „seiner Weihestufe entsprechend, Christus vertritt. Darum erhält er auch die besondere Gnade, durch den Dienst an der ihm anvertrauten Gemeinde und am ganzen Volk Gottes besser der Vollkommenheit dessen nachzustreben, an dessen Stelle er steht, und für die Schwäche seiner menschlichen Natur Heilung in der Heiligkeit dessen zu finden, der für uns ein ‚heiliger, unschuldiger, unbefleckter, von den Sünden geschiedener‘ Hoherpriester (Hebr 7,26) geworden ist" (Presbyterorum ordinis, Nr. 12; vgl. Pastores dabo vobis, Nr. 20). Unter diesen Bedingungen wird der Priester zu einer besonderen Nachahmung Christi des Priesters angehalten die Frucht der besonderen Weihegnade ist: eine Gnade der Vereinigung mit Christus, dem Priester und Opfer, und durch diese Verbundenheit eine Gnade des guten Pastoraldienstes an den Schwestern und Brüdern.

Dabei ist es nützlich an das Beispiel des heiligen Paulus zu denken Er lebte als vollkommen geweihter Apostel denn er war von Jesus Christus erobert worden und hatte „alles aufgegeben, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein" (Phil 3,7 12). Er fühlte sich so erfüllt vom Leben Christi, daß er wahrlich sägen konnte:

„Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Und dennoch fügte er nach einem Hinweis auf die besonderen Gnadenerweise, die er als „Diener Christi" empfangen hatte (vgl. 2 Kor 12,2), hinzu, daß er unter einem „Stachel im Fleisch" litt, einer Prüfung, von der er nicht befreit worden war. Trotz seiner dreifachen Bitte an den Herrn bekam er von ihm die Antwort Meine Gnade genügt dir denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit (2 Kor 12 9).

Angesichts dieses Beispiels kann der Priester besser verstehen daß er sich anstrengen muß um die eigene Weihe voll zu leben indem er mit Christus verbunden bleibt und sich von seinem Geist durchdringen läßt, trotz der Erfahrung seinen eigenen menschlichen Schwachen Diese werden ihn nicht daran hindern seinen Dienst zu erfüllen denn ihm wird eine Gnade zuteil „die ihm genügt". Auf diese Gnade muß der Priester vertrauen und sie muß er zu Hilfe nehmen in dem Bewußtsein daß er so nach der Vollkommenheit streben kann in der Hoffnung, immer mehr in der Heiligkeit zu wachsen.

 

3. Die Teilhabe am Priesteramt Christi ruft im Priester unweigerlich auch einen Opfergeist hervor, eine Art „pondus Crucis", eine Kreuzeslast, die sich besonders in der Abtötung kundtut. Das Konzil lehrt: „Christus, den der Vater geheiligt, also geweiht und in die Welt gesandt hat, ‚gab sich selbst für uns dahin, um uns von aller Ungerechtigkeit zu erlösen und sich ein reines Volk zu bereiten, das Gott gefällt und guten Werken nacheifert‘ (Tit 2,14) ... Ähnlich die Priester: Durch die Salbung des Heiligen Geistes geweiht und von Christus ausgesandt, ertöten sie in sich die Werke des Fleisches und geben sich gänzlich dem Dienst an den Menschen hin; so können sie in der Kraft der Heiligkeit, mit der sie in Christus beschenkt sind, zur Mannesvollkommenheit heranreifen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 12).

Im Priester kann der asketische Aspekt des Weges der Vollkommenheit nicht fehlen ohne Verzicht und ohne Kampfe gegen alle Arten von Wünschen und Begierden die ihn die Güter dieser Welt suchen ließen und seinen inneren Fortschritt beeinträchtigten. Die Lehrer der Askese sprechen über diesen „geistlichen Kampf‘, der jedem Junger Christi auferlegt ist aber besonders jedem Diener des Kreuzes der berufen

ist, in sich selbst das Bild dessen wiederzugeben, der „Sacerdos et Hostia", Priester und Opfer, ist.

 

4. Immer muß der Priester eindeutig für die Gnade offen sein und ihr entsprechen denn auch sie kommt von dem der das Wollen und das Vollbringen bewirkt (Phil 2,13) der aber auch den Einsatz der Mittel der Abtötung und der Selbstdisziplin fordert, ohne die der Mensch gleichsam ein undurchlässiger Boden bleibt. Die asketische Tradition hat dem Priester immer als Mittel der Heiligung besonders die angemessene Feier der Messe empfohlen und in gewisser Weise vorgeschrieben; weiter das pünktliche Stundengebet (das „nicht zu kurz kommen darf", wie der heilige Alfons von Liguori sagte), den Besuch des Allerheiligsten Altarsakraments, das tägliche Rosenkranzgebet, die Meditation und den regelmäßigen Empfang des Bußsakraments. Diese Mittel sind immer noch gültig und unerläßlich. Besonderes Gewicht ist auf das Bußsakrament zu legen, dessen regelmäßiger Empfang im Priester eine realistische Selbsterkenntnis fördert und damit folglich das Bewußtsein, daß auch er ein hinfälliger, armer Mensch ist, ein Sünder unter Sündern, welcher der Vergebung bedarf. So gelangt er zur: „Wahrheit über sich selbst" und erzieht sich dazu, vertrauensvoll das göttliche Erbarmen anzurufen (vgl. Reconciliatio et paenitentia, Nr. 31; Pastores dabo vobis, Nr. 26).

Außerdem muß man immer daran erinnern daß wie das Konzil sagt die Priester auf der ihnen eigenen Weise zur Heiligkeit gelangen nämlich durch aufrichtige und unermüdliche Ausübung ihrer Ämter im Geist Christi (Presbyterorum ordinis Nr. 13) Denn die Verkündigung des Wortes ermutigt sie in sich selbst das zu verwirklichen was sie die anderen lehren. Die Feier der Sakramente stärkt sie im Glauben und in der Gemeinschaft mit Christus Der pastorale Dienst insgesamt entfaltet in ihnen die Liebe Als Lenker und Hirten des Volkes Gottes werden sie von der Liebe des guten Hirten angetrieben, ihr Leben für ihre Schafe hinzugeben, auch zum höchsten und letzten Opfer bereit" (Presbyterorum ordinis, Nr. 13). Ihr Ideal wird sein, eine Einheit des Lebens in Christus zu erreichen, indem sie Gebet mit Dienst, Kontemplation mit Aktion verbinden, durch das ständige Erforschen des Willens des Vaters und der Selbsthingabe für die Herde (vgl. Presbyterorum ordinis Nr. 14)

 

5. Andrerseits ist es für den Priester eine Quelle der Ermutigung und der Freude zu wissen, daß das persönliche Bemühen um Heiligung zur Wirksamkeit seines Dienstes beiträgt. „Denn - so lehrt das Konzil - obwohl die Gnade Gottes auch durch unwürdige Diener das Heilswerk durchführen kann, so will Gott doch seine Heilswunder für gewöhnlich lieber durch diejenigen kundtun, die sich dem Antrieb und der Führung des Heiligen Geistes mehr geöffnet haben und darum wegen ihrer innigen Verbundenheit mit Christus und wegen eines heiligmäßigen Lebens mit dem Apostel sprechen können: ‚Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir‘ (Gal 2,20)" (Presbyterorum ordinis, Nr. 12).

Wenn der Priester erkennt, daß er als Werkzeug Christi zu dienen berufen ist, hat er das Bedürfnis, in enger Verbundenheit mit Christus zu leben, um ein tüchtiges Werkzeug des „Hauptmitwirkenden" zu sein. Deshalb versucht er, in sich selbst das „geweihte Leben" (die Gefühle und Tugenden) des einzigen und ewigen Priesters nachzuahmen, der ihm nicht nur seine Vollmacht, sondern auch seinen Opferzustand bei der Verwirklichung des göttlichen Planes mitteilt Sacerdos et Hostia

 

6. Ich schließe mit den Worten des Konzils: „Um ihre pastoralen Ziele einer inneren Erneuerung der Kirche, der Ausbreitung des Evangeliums über die ganze Erde und des Gespräches mit der heutigen Welt zu verwirklichen, mahnt daher die Heilige Synode alle Priester inständig, mit Hilfe der von der Kirche empfohlenen entsprechenden Mittel nach stets größerer Heiligkeit zu streben, um so immer mehr geeignete Werkzeuge für den Dienst am ganzen Gottesvolk zu werden" (Presbyterorum ordinis, Nr. 12). Das ist der wichtigste Beitrag, den wir zum Aufbau der Kirche als Anfang des Gottesreiches in der Welt liefern können.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Mit besonderer Freude heiße ich Euch die Ihr Eure Verbundenheit mit dem Nach folger Petri bekunden wollt, zu dieser Audienz willkommen.

Mit dem innigen Wunsch liebe deutschsprachige Pilger und Besucher Euer Gebet möge dazu beitragen daß die Priester sich als geeignete Werkzeuge Gottes dem Dienst vor Gott und den Menschen widmen grüße ich Euch herzlich Euch Euren lieben Angehörigen in der Heimat sowie allen die uns in froher pfingstlicher Erwartung verbunden sind, erteile ich mit der Bitte um die bestärkende Gnade und den Beistand des Heiligen Geistes von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/260593.rtf.html)





Die überaus vielfältigen Aufgaben des Priesters und Hirten der Gemeinschaft

Ansprache bei der Generalaudienz am 19. Mai 1993

 

1. In den vorhergegangenen Katechesen haben wir die Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe im Bereich des Lehramtes (Unterweisung) und des sakramentalen Dienstes (Heiligung) dargelegt. Heute sprechen wir über ihre Mitwirkung an der pastoralen Leitung der Gemeinschaft. Für die Priester wie für die Bischöfe ist es die Teilhabe am dritten Aspekt des dreifachen „munus" Christi (dem Lehramt, Priesteramt und Hirtenamt): ein Widerschein des höchsten Priestertums Christi, des einzigen Mittlers zwischen den Menschen und Gott, des einzigen Lehrers und einzigen Hirten. In kirchlicher Hinsicht besteht die pastorale Aufgabe hauptsächlich im Dienst an der Einheit, das heißt darin, die Einheit aller im Leib Christi, der die Kirche ist, sicherzustellen (vgl. Pastores dabo vobis, Nr. 16).

 

2. Dazu sagt das Konzil: „Die Priester üben entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht das Amt Christi, des Hauptes und Hirten, aus. Sie versammeln im Namen des Bischofs die Familie Gottes, die als Gemeinschaft von Brüdern nach Einheit verlangt, und führen sie durch Christus im Geist zu Gott dem Vater" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6). Das ist das wesentliche Ziel ihres Wirkens als Hirten und der Vollmacht, die ihnen verliehen wird, damit sie diese ihrer Verantwortungsstufe entsprechend ausüben: die ihnen anvertraute Gemeinde zur vollen Entfaltung des geistlichen und kirchlichen Lebens zu führen. Der Priester und Hirt muß diese Vollmacht ausüben, indem er sich dem Vorbild Christi, des guten Hirten, gleichmacht, der sie nicht durch äußeren Zwang auferlegen wollte, sondern dadurch, daß er die Gemeinschaft durch das innere Wirken seines Geistes formt. Er hat versucht, der Gruppe seiner Jünger und allen, die seine Botschaft annahmen, seine brennende Liebe mitzuteilen, um eine „Gemeinschaft der Liebe" ins Leben zu rufen, die er im richtigen Augenblick auch sichtbar als Kirche errichtet hat. Als Mitarbeiter der Bischöfe und Nachfolger der Apostel erfüllen auch die Priester ihre Sendung in der sichtbaren Gemeinschaft, indem sie diese zur Liebe anspornen, damit sie im Geist Christi lebt.

 

3. Es ist eine mit dem Hirtenauftrag verbundene Forderung, daß der Ansporn nicht von persönlichen Wünschen und Meinungen des Priesters, sondern von der Lehre des Evangeliums getragen wird, wie das Konzil sagt: „Die Priester ... sollen sich ihnen (den Menschen) gegenüber nicht nach Menschengefallen verhalten, sondern so, wie es die Lehre und das christliche Leben erheischt" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6). Der Priester trägt die Verantwortung für die geordnete Arbeit der Gemeinschaft, eine Aufgabe, die zu erfüllen ihm der Bischof die notwendige Vollmacht verliehen hat. Ihm obliegt es, den harmonischen Ablauf der verschiedenen Dienste zu gewährleisten, die für das Wohl aller erforderlich sind; die notwendige Mitarbeit für die Liturgie, die Katechese und die geistliche Führung der Eheleute zu finden; die Entwicklung der verschiedenen geistlichen und apostolischen Vereinigungen oder Bewegungen in harmonischer Zusammenarbeit zu fördern; die karitative Hilfe für die Notleidenden, die Kranken und Einwanderer zu organisieren. Der Priester muß zugleich die Einheit der Gemeinschaft mit dem Bischof und dem Papst sichern und fördern.

 

4. Der gemeinschaftliche Aspekt der Hirtensorge darf jedoch die Bedürfnisse der einzelnen Gläubigen nicht vernachlässigen. Wir lesen im Konzilstext: „Damm obliegt es den Priestern als Erziehern im Glauben, selbst oder durch andere dafür zu sorgen daß jeder Gläubige im Heiligen Geist angeleitet wird zur Entfaltung seiner persönlichen Berufung nach den Grundsätzen des Evangeliums, zu aufrichtiger und tätiger Liebe und zur Freiheit, zu der Christus uns befreit hat" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6).

Das Konzil unterstreicht die Notwendigkeit, jedem Gläubigen zu helfen, damit er seine besondere Berufung entdeckt, als eigene und kennzeichnende Aufgabe des Hirten, der die Persönlichkeit des einzelnen achten und fördern will. Man kann sagen, daß Jesus selbst, der gute Hirt, der „die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen ruft" mit seiner Stimme, die sie kennen (vgl. Joh 10,3-4), durch sein Beispiel den ersten durch sein Beispiel die erste Regel der Einzelseelsorge festgelegt hat: die Bekanntschaft und Freundschaftsbeziehung mit den Menschen. Dem Priester obliegt es jedem zu helfen daß er seine Gaben gut nutzt und auch die aus der Erlösung Christi erwachsene Freiheit richtig ausübt wie der hl Paulus empfiehlt (vgl. Gal 4,3; 5,1.13; vgl. auch Joh 8,36).

Alles muß auf das Üben von „aufrichtiger und tätiger Liebe" ausgerichtet sein. Das heißt, daß die Priester „die Christen auch anleiten (müssen), nicht nur sich selbst zu leben sondern entsprechend den Forderungen des neuen Liebesgebotes mit der Gnadengabe, die jeder empfangen hat, einander zu dienen; so sollen alle ihre Aufgaben in der Gemeinschaft der Menschen christlich erfüllen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6). Deshalb gehört es zur Aufgabe des Priesters, die Pflichten der Liebe in Erinnerung zu rufen; die Anwendung der Liebe im sozialen Leben zu zeigen; eine Atmosphäre der Einheit unter Achtung der Unterschiede zu fördern; Initiativen und Liebeswerke anzuregen, in denen sich für alle Gläubigen große Möglichkeiten eröffnen, besonders durch den neuen Aufschwung im Freiwilligendienst, der als gute Freizeitbeschäftigung und vielfach als Lebensaufgabe bewußt ausgeübt wird.

 

5. Der Priester ist auch persönlich gerufen, sich in den Liebeswerken zu engagieren, manchmal auch in außerordentlicher Form, wie es früher geschehen ist und auch heute üblich ist. Hier drängt es mich, vor allem die einfache, gewohnte, fast unbemerkte, aber ständige und hochherzige Liebe hervorzuheben, die sich nicht so sehr in sichtbaren Werken zeigt - zu denen nicht alle das Talent und die Berufung haben —, sondern in der täglichen Übung der Güte, die hilft, stützt, tröstet in dem Maß, das jedem möglich ist. Es ist klar, daß das Hauptaugenmerk, man kann sagen: die Vorliebe den „Armen und Geringen" gelten soll; denn „ihre Evangelisation ist zum Zeichen messianischen Wirkens gesetzt" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6); ferner den „Kranken und Sterbenden", um die der Priester „am meisten besorgt sein und die er besuchen und im Herrn aufrichten soll" (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 6). Der Priester soll sich „mit besonderem Eifer ... auch der Jugend annehmen, ebenso der Eheleute und Eltern" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6). Er soll besonders den Jugendlichen, die die Hoffnung der Gemeinschaft sind, seine Zeit, seine Kraft und seine Fähigkeiten widmen, um eine christliche Erziehung und das Heranreifen in der Grundsatztreue dem Evangelium gegenüber zu fördern.

Das Konzil empfiehlt dem Priester auch „die Katechumenen und Neugetauften; sie sind schrittweise zur Erkenntnis und Führung eines christlichen Lebens zu erziehen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6).

 

6. Schließlich muß man darauf achten, daß es notwendig ist, jede zu enge Sicht der Ortsgemeinschaft, jede parteiliche und, wie man sagt; lokalpatriotische Haltung zu überwinden, hingegen den Gemeinschaftsgeist zu nähren, der sich auf die Horizonte der Gesamtkirche hin öffnet. Wenn auch der Priester seine Zeit und seine Sorge der ihm anvertrauten Ortsgemeinschaft widmen muß - wie es besonders bei den Pfarrern und ihren direkten Mitarbeitern der Fall ist —, so soll sein Herz offen bleiben für die „Felder, die reif sind zur Ernte", und über alle Grenzen hinaus, sowohl in der weltumspannenden Dimension des Geistes als auch in der persönlichen Teilhabe an den Missionsaufgaben der Kirche, indem er eifrig die Mitarbeit der eigenen Gemeinschaft bei der erforderlichen geistlichen und materiellen Hilfe fördert (vgl. Redemptoris missio, Nr. 67; Pastores dabo vobis, Nr. 32).

„Kraft des Weihesakramentes - bekräftigt der Katechismus der Katholischen Kirche - haben die Priester an der weltweiten Sendung teil, die Christus den Aposteln anvertraut hat. ‚Die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, rüstet sie nicht für irgendeine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung bis an die Grenzen der Erde (Apg 1,8)‘ (Presbyterorum ordinis, Nr. 10) und macht sie ‚stets bereit, das Evangelium überall zu verkünden‘ (Optatam totius, 20)" (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1565).

 

7. In jedem Fall beginnt und endet alles in der Eucharistie hin, die das lebensspendende Prinzip pastoralen Handelns ist. Das Konzil sagt: „Die christliche Gemeinde wird aber nur auferbaut, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat; von ihr muß darum alle Erziehung zum Geist der Gemeinschaft ihren Anfang nehmen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 6).

Die Eucharistie ist die Quelle der Einheit und der vollkommenste Ausdruck der Einheit aller Glieder der christlichen Gemeinschaft. Aufgabe der Priester ist es, dafür zu sorgen, daß sie es wirklich ist. Leider kommt es vor, daß die Eucharistiefeiern manchmal nicht Ausdruck der Einheit sind. Jeder nimmt für sich selbst daran teil und übersieht die anderen.

Die Priester sollen alle mit großer Hirtenliebe auf die Lehre des hl. Paulus hinweisen: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot", das „Teilhabe am Leib Christi" ist (1 Kor 10,16-17). Das Bewußtsein dieser Einheit im Leib Christi wird zu einem Leben in Liebe und wirksamer Solidarität anregen.

Die Eucharistie ist deshalb das lebenspendende Prinzip der Kirche als Gemeinschaft der Glieder Christi: Aus ihr schöpft alles pastorale Handeln Inspiration, Kraft und Ausmaß.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Ich grüße Euch, liebe Schwestern und Brüder, nochmals sehr herzlich. Mein besonderer Gruß gilt dabei den Lesern der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln sowie den zahlreichen Jugendlichen und Schülergruppen. Euch alle, liebe Schwestern und Brüder, lade ich dazu ein, mit mir für die Priester zu beten, die in Treue ihren oft nicht leichten Dienst zu erfüllen suchen.

Euch allen, Euren lieben Angehörigen in der Heimat sowie all jenen, die uns in diesem Augenblick geistlich verbunden sind, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/190593.rtf.html)





Der sakramentale Dienst der Priester besitzt göttliche

Fruchtbarkeit

Ansprache bei der Generalaudienz am 5. Mai 1993

 

1. Als wir über den Evangelisierungsauftrag der Priester sprachen, haben wir gesehen, daß es möglich ist, den Gläubigen mit den Sakramenten und durch die Sakramente eine methodische und wirksame Unterweisung zu erteilen. Tatsächlich ist der Evangelisierungsauftrag des Priesters mit dem Dienst der Heiligung durch die Sakramente wesentlich verbunden (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 893).

Der Dienst am Wort kann sich nicht nur auf die unmittelbare und eigene Wirkung des Wortes beschränken. Die Evangelisierung ist die vorrangige „apostolische Arbeit", die „darauf hingeordnet ist, daß alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl genießen" (Sacrosanctum Concilium, Nr. 10). Und die Bischofssynode von 1971 hat bekräftigt, daß „der Dienst am Gotteswort, richtig verstanden, zu den Sakramenten und zum christlichen Leben hinführt, wie dieses in der sichtbaren Gemeinschaft der Kirche und in der Welt seinen konkreten Ausdruck findet (Der priesterliche Dienst zweiter Teil, I: O.R. dt. Nr. 11, 1971, S. 5).

Jeder Versuch, den priesterlichen Dienst nur auf die Verkündigung oder die Unterweisung zu beschränken wurde einen Grundaspekt dieses Dienstes verkennen Bereits das Konzil von Trient hatte den Vorschlag das Priesteramt nur im Dienst der Verkündigung des Evangeliums zu sehen zurückgewiesen (vgl. DS 1771) Weil auch in jüngster Zeit einige den Dienst am Wort zu einseitig hervorhoben hat die Bischofssynode von 1971 die unauflösliche Verbindung zwischen Gotteswort und Sakramenten unterstrichen Die Sakramente werden nämlich in Verbindung mit der Verkündigung des Gotteswortes vollzogen und entfalten so den Glauben indem sie ihn durch die Gnade stärken.

Die Sakramente dürfen deshalb nicht gering geachtet werden weil durch sie das Wort zu seiner vollen Wirkung gelangt, nämlich zur Gemeinschaft mit dem Mysterium Christi (ebd. O.R. dt., Nr. 11, 1971, S. 5).

 

2. Über diesen einheitlichen Charakter des Verkündigungsauftrages und des sakramentalen Dienstes zögerte die Synode von 1971 nicht zu sagen, daß eine Trennung zwischen Glaubensverkündigung und Sakramentenspendung „die Herzmitte der Kirche selbst spalten und zu einer Glaubenskrise führen" würde (vgl. ebd.: O.R.dt., Nr. 11, 1971,S.5).

Die Synode erkennt jedoch an, daß bei der konkreten Anwendung des Einheitsprinzips unterschiedliche Modalitäten für jeden Priester bestehen können, „denn die konkrete Ausübung des priesterlichen Amtes muß oft auf verschiedene Weise erfolgen, um dadurch besser den besonderen und neuen Situationen entsprechen zu können, in denen das Evangelium zu verkünden ist" (vgl. ebd.: O.R.dt., Nr. 11, 1971, S. 5). Eine weise Anwendung des Prinzips der Einheit muß auch die Charismen berücksichtigen, die jeder Priester empfangen hat. Wenn einige von ihnen die besondere Gabe zu predigen oder zu lehren empfangen haben, müssen sie diese zum Wohl der Kirche nutzen. Hier ist es gut, an den heiligen Paulus zu erinnern, der, obwohl er von der Notwendigkeit der Taufe überzeugt war und dieses Sakrament auch einige Male gespendet hatte, sich dennoch als Abgesandter der Verkündigung des Evangeliums betrachtete und alle seine Kräfte vor allem dieser Form des Dienstes widmete (vgl. 1 Kor 1,14.17). Aber in seiner Verkündigung verlor er das wichtige Werk des Aufbaus der Gemeinschaft nicht aus den Augen (vgl. 1 Kor 3,10), dem es dienen muß.

Das heißt, daß auch heute wie immer in der Geschichte des Hirtendienstes die Arbeitsteilung dahin führen kann, das Schwergewicht auf die Predigt oder auf den Gottesdienst und die Sakramente zu legen je nach den Fähigkeiten der Menschen und der Bewertung der Situationen. Aber man kann nicht bezweifeln, daß Predigt und Lehre für die Priester auch auf höchsten akademischen und wissenschaftlichen Ebenen immer den Dienst der Heiligung durch die Sakramente zum Ziel haben müssen.

 

3 Außer Frage steht in jedem Fall die wichtige Sendung der Heiligung die den Priester aufgetragen ist und die sie vor allem im Gottesdienst und in den Sakramenten ausüben können Zweifellos ist es ein vor allem von Christus vollbrachtes Werk wie die Synode von 1971 betont Das Heil das durch die Sakramente gewirkt wird, kommt nicht von uns, sondern von oben, von Gott; dies verdeutlicht die Vorherrschaft des Wirkens Christi des einzigen Priesters und Mittlers in seinem Leib der die Kirche ist" (ebd.: O.R.dt., 1971, Nr. 11, 5. 5; vgl. auch das nachsynodale Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis, Nr 12) Im gegenwärtigen Heilsplan jedoch bedient sich Christus des priesterlichen Dienstes um die Heiligung der Gläubigen zu bewirken (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 5). Wenn er im Namen Christi handelt, erreicht der Priester die Wirksamkeit des sakramentalen Handelns durch den Heiligen Geist den Geist Christi das Prinzip und die Quelle der Heiligkeit des „neuen Lebens".

Das neue Leben, das der Priester durch die Sakramente erweckt, nährt, wiederherstellt und wachsen läßt, ist ein Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Der Glaube ist das göttliche Grundgeschenk: „Von daher wird die große Bedeutung der Vorbereitung und Glaubensbereitschaft für denjenigen deutlich, der die Sakramente empfängt; ebenso ergibt sich daraus die Notwendigkeit, daß der Spender des Sakramentes in seinem Leben und vor allem in der Art und Weise, wie er die Sakramente einschätzt und verwaltet, von seinem Glauben Zeugnis gibt" (Der priesterliche Dienst, 2. Teil, 1: O.R.dt. 1971, Nr. 11,S.5).

Der von Christus durch die Sakramente vermittelte Glaube geht Hand in Hand mit einer „lebendigen Hoffnung" (1 Petr 1,3), die in den Herzen der Gläubigen eine starke Dynamik des geistlichen Lebens in Gang setzt, ein Streben nach dem, „was im Himmel ist" (Kob3, 1-2). Andrerseits ist der Glaube „in der Liebe wirksam" (Gal 5,6), in der Liebe, die aus dem Herzen des Erlösers strömt und in den Sakramenten fließt, um sich in das gesamte christlichen Leben zu ergießen.

 

4. Der sakramentale Dienst der Priester besitzt also göttliche Fruchtbarkeit. Daran hat das Konzil erinnert.

So führen die Priester in der Taufe „die Menschen dem Volk Gottes zu" (Presbyterorum ordinis, Nr. 5) und sind also verantwortlich nicht nur für einen würdigen Vollzug des Ritus, sondern auch für eine gute Vorbereitung auf ihn durch die Bildung der Erwachsenen im Glauben und bei den Kleinkindern durch die Unterweisung der Familie, damit sie am Geschehen mitwirkt.

Außerdem: „Sie unterweisen sie im Geist Christi des Hirten ihre Sünden reumütig der Kirche im Sakrament der Buße zu unterwerfen, so daß sie sich ständig mehr zum Herrn bekehren, eingedenk seines Wortes: ,Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘ (Mt 4,17)" (Presbyterorum ordinis, Nr. 5). Deshalb müssen auch die Priester selbst in der Haltung von Menschen leben, die die eigenen Sünden und das eigene Bedürfnis nach Vergebung in der Gemeinschaft der Demut und Buße mit den Gläubigen erkennen. Sie werden so die Größe des göttlichen Erbarmens deutlicher bezeugen und denen, die sich schuldbeladen fühlen, himmlischen Trost zusammen mit der Vergebung schenken können.

Beim Ehesakrament ist der Priester anwesend als Leiter der Feier, indem er den Glauben bezeugt und die Zustimmung Gottes annimmt, den er als Diener der Kirche vertritt. Auf diese Weise hat er nicht nur am Ritus, sondern auch an der tieferen Dimension des Sakramentes lebendigen und tiefgreifenden Anteil.

Durch die Krankensalbung schließlich „richten die Priester die Kranken auf‘ (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 5). Es ist eine Aufgabe, die der heilige Jakobus vorsah, der in seinem Brief lehrte: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben" (Jak 5,14). Im Bewußtsein, daß das Sakrament der Krankensalbung dazu bestimmt ist, „aufzurichten" und Reinigung sowie geistliche Kraft zu bringen, wird der Priester sich darum bemühen wollen, daß seine Anwesenheit dem Kranken das wirksame Mitleid Christi vermittelt und Zeugnis gibt von der Liebe Jesu zu den Kranken, denen er einen so großen Teil seiner evangelischen Sendung gewidmet hat.

 

5. Diese Ansprache über die Haltungen, mit denen man den Empfang der Sakramente vorbereiten soll, so daß man sie bewußt und im Geist des Glaubens spendet, wird vervollständigt in den Katechesen, die wir, so Gott will, den Sakramenten widmen werden.

In den nächsten Ansprachen werden wir einen anderen Aspekt der Sendung des Priesters im sakramentalen Dienst behandeln: den Gottesdienst, der besonders in der Eucharistie vollzogen wird.

Wir sagen schon jetzt, daß er der wichtigste Teil seiner kirchlichen Aufgabe ist, der Hauptgrund seiner Weihe, die Zielsetzung, die seinem Leben Sinn und Freude schenkt.

 

 

Enge Beziehung zwischen Schweizerischer Eidgenossenschaft und dem Hl. Stuhl

 

In deutscher Sprache sagte der Papst

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Zur heutigen Generalaudienz heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher sehr herzlich willkommen und möchte meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß Ihr so zahlreich Eure Verbindung zum Nachfolger Petri bekundet.

Der Verkündigungsauftrag des Priesters, von dem wir in den letzten Katechesen gesprochen haben, kann nicht für sich allein betrachtet werden. Jeder Versuch, den priesterlichen Dienst auf Predigt und Lehrverkündigung reduzieren zu wollen, würde einen fundamentalen Aspekt dieses Dienstes verkennen. Schon das Konzil von Trient hatte den Vorschlag verworfen, das Priestertum einzig im Dienst der Verkündigung des Evangeliums zu sehen (vgl. DS, 1771). Die Bischofssynode von 1971 hat die unauflösliche Verbindung zwischen Wort und Sakrament betont (Ench. Vat 4, 1180).

Eine kluge Anwendung dieses Prinzips der Einheit muß auch den Charismen Rechnung tragen, die jeder Priester erhalten hat Das bedeutet, daß auch heute, wie immer in der Geschichte des pastoralen Dienstes, die Aufteilung der Arbeit dazu führen kann, den Akzent auf die Verkündigung oder auf den Gottesdienst und die Sakramente zu legen, je nach Fähigkeiten der Personen und der Beurteilung der Situation. Aber es besteht kein Zweifel darüber, daß Verkündigung und Lehre, auch auf ihrer akademischen und wissenschaftlichen Stufe, immer die Heiligung mittels der Sakramente zum Ziel haben. In der gegenwärtigen Heilsökonomie bedient sich Christus des Priesteramtes, um die Heiligung der Gläubigen zu bewirken.

Der Priester muß die Sakramente der Taufe, der Buße, der Ehe, und der Krankensalbung mit Gewissenhaftigkeit und im Geist des Glaubens vollziehen. In den nächsten Katechesen behandeln wir das Thema des Gottesdienstes und im besonderen der Eucharistiefeier, der wichtigsten Aufgabe des kirchlichen Amtes des Priesters.

Mit dieser kurzen Betrachtung grüße ich Euch alle sehr herzlich. Mein besonderer Gruß gilt den Eltern, Angehörigen, Freunden und Bekannten der Päpstlichen Schweizergarde, die zur feierlichen Vereidigung der Rekruten nach Rom gekommen sind. Der Dienst, den die Gardisten dem Papst über Jahrhunderte hin in Treue erwiesen haben, ist ein beredtes Zeichen der engen und freundschaftlichen Beziehung zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Hl. Stuhl. Möge der Herr allen reich vergelten, was sie in selbstlosem Einsatz dem Nachfolger Petri Gutes erwiesen haben. Euch allen, Euren lieben Angehörigen zu Hause sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/050593.rtf.html)





Der Prediger soll sich nicht auf Menschenweisheit, sondern auf die Kraft Gottes stutzen

Ansprache bei der Generalaudienz am 21. April 1993

 

1. In der Kirche sind wir alle dazu berufen, die Frohbotschaft Jesu Christi zu verkünden, sie immer vollständiger den Glaubenden zu vermitteln (vgl. Kol 3,16) und sie den Nichtglaubenden bekannt zu machen (vgl. 1 Petr 3,15). Kein Christ kann sich dieser Pflicht entziehen, die aus den Sakramenten der Taufe und der Firmung erwächst und unter dem Antrieb des Heiligen Geistes wirksam ist. Deshalb ist zunächst zu sagen, daß die Evangelisierung nicht auf eine einzige Gruppe der Glieder der Kirche beschrankt ist. Und doch sind die Bischöfe dabei die Hauptpersonen und Führer für die ganze christliche Gemeinschaft wie wir zuvor gesehen haben Bei diesem Werk werden sie von den Priester und in einem bestimmten Maß von den Diakonen unterstützt gemäß den Normen und der Gepflogenheit der Kirche sowohl in ältester Zeit als auch in der Zeit der Neuevangelisierung.

 

2. Man kann sagen, daß für die Priester, die Verkündigung des Wortes Gottes die Hauptaufgabe ist (vgl. Lumen Gentium, Nr. 28; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1564), denn das Fundament des persönlichen und gemeinschaftlichen christlichen Lebens ist der Glaube, der vom Wort Gottes geweckt wird und sich von diesem Wort nährt.

Das II. Vatikanische Konzil unterstreicht diesen Evangelisierungsauftrag und setzt ihn in Beziehung zur Formung des Volkes Gottes und zum Recht aller, von den Priestern die Botschaft des Evangeliums zu empfangen (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 4).

Die Notwendigkeit dieser Verkündigung wird vom heiligen Paulus hervorgehoben, der dem Auftrag Christi seine Erfahrung als Apostel hinzufügen kann. Während seiner Evangelisierung, die er in vielen Ländern und verschiedenen Umfeldern ausgeübt hat, sah er, daß die Menschen nicht glaubten, weil ihnen noch niemand die Frohbotschaft verkündet hatte. Er stellte fest, daß nicht alle die Möglichkeit hatten, den ihnen nun offenstehenden Heilsweg zu gehen Deshalb sprach er auch von der Notwendigkeit der Verkündigung im Auftrag Christi Wie sollen sie nun den anrufen an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören wenn niemand verkündigt? Wie aber soll jemand verkündigen wenn er nicht gesandt ist? Darum heißt es in der Schrift Wie sind die Freudenboten willkommen die Gutes verkündigen!" (Rom 10 14 15)

Denen die gläubig geworden waren wollte der Apostel dann das Wort Gottes in Fülle mitteilen. Das sagt er selbst zu den Thessalonikern: „Ihr wißt auch daß wir wie ein Vater seine Kinder, jeden einzelnen von euch ermahnt, ermutigt und beschworen haben, zu leben, wie es Gottes würdig ist, der euch ... beruft" (1 Thess 2,12). Dem Jünger Timotheus gibt der Apostel dringend den Auftrag: „Ich beschwöre Dich bei Gott und bei Christus Jesus ... Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung (2 Tim 4,1-2). In bezug auf die Priester schreibt er folgendes: „Älteste, die das Amt des Vorstehers gut versehen, verdienen doppelte Anerkennung, besonders solche, die sich mit ganzer Kraft dem Wort und der Lehre widmen" (1 Tim 5,17).

 

3. Die Predigt der Priester ist weder eine einfache Redeübung, die einem persönlichen Bedürfnis entspricht, sich auszudrücken und das eigene Denken mitzuteilen, noch kann sie nur in der Wiedergabe einer persönlichen Erfahrung bestehen. Dieser psychologische Wesenszug, der in pastoral-didaktischer Hinsicht eine gewisse Rolle spielen kann, darf weder den Grund noch den Schwerpunkt der Predigt bilden. Die Väter der Bischofssynode von 1971 sagten, daß „die immer ‘vom Evangelium her beleuchteten und gedeuteten Lebenserfahrungen sowohl der Menschen im allgemeinen als auch der Priester weder die einzige noch die hauptsächliche Regel der Predigt sein können" (Ench. Vat. 4,1186).

Die Kirche überträgt den Priestern als Teilhabe an der Mittlerschaft Christi die Mission des Predigens, die aufgrund der Erfordernisse seines Auftrags und ihnen entsprechend auszuüben ist: Die Priester, „die ihrem Dienstgrad entsprechend am Amt des einen Mittlers Jesus Christus (vgl. 1 Tim 2,5) teilhaben, verkünden allen das Wort Gottes" (ebd.). Dieses Wort veranlaßt zum Nachdenken. Es ist ein „göttliches Wort" und deshalb nicht unser „eigenes"; es darf von uns nicht manipuliert, verändert oder nach Belieben angepaßt, sondern muß vollständig verkündet werden. Und weil das „göttliche Wort" den Aposteln und der Kirche anvertraut worden ist, „hat jeder Priester an einer besonderen Verantwortung in der Verkündigung des ganzen Wortes Gottes und in seiner Auslegung dem Glauben der Kirche entsprechend teil", sagten die Väter der Synode von 1971 (Ench. Vat. 4,1183).

 

4. Die Verkündigung des Wortes geschieht in enger Verbindung mit den Sakramenten, durch die Christus das Gnadenleben mitteilt und entfaltet.

Hier ist noch anzumerken, daß die Predigt besonders heute vorwiegend zur Feier der Sakramente und vor allem der heiligen Messe gehört. Außerdem ist festzuhalten, daß bereits durch die Spendung der Sakramente die Verkündigung vollzogen wird sowohl durch den theologischen und katechetischen Reichtum der liturgischen Formeln und Lesungen, die heute in einer allgemein verständlichen, lebendigen Sprache gesprochen werden, als auch durch die pädagogischen Elemente des Ritus.

Und trotzdem besteht kein Zweifel, daß die Predigt der Sakramentenspendung vorausgehen, diese begleiten und krönen muß sowohl hinsichtlich der notwendigen Vorbereitung auf ihren Empfang als auch ihrer fruchtbare Umsetzung im Glauben und Leben.

 

5. Das Konzil hat daran erinnert, daß die Verkündigung des göttlichen Wortes die Wirkung hat, den Glauben zu wecken und zu nähren, und zur Entwicklung der Kirche beiträgt. „Durch das Heilswort wird ja der Glaube, durch den sich die Gemeinde der Gläubigen bildet und heranwächst, im Herzen der Nichtgläubigen geweckt", sagt das Konzil (Presbyterorum ordinis, Nr. 4).

Dieser Grundsatz ist immer zu berücksichtigen: Das Ziel, den Glauben zu verbreiten, zu festigen und wachsen zu lassen, muß das Fundament bleiben für jeden Verkünder des Evangeliums und folglich auch für den Priester, der in besonderer Weise und sehr häufig gerufen ist, den „Dienst am Wort" auszuüben. Eine Predigt würde das vom Erlöser gewollte wesentliche Ziel dann nicht erreichen, wenn sie ein Geflecht von personengebundener psychologischer Beweggrunde wäre oder sich in der Darstellung der Probleme ohne sie zu losen oder im Wachrufen von Zweifeln erschöpfte ohne Hinweis auf die Quelle des Lichts des Evangeliums das den Weg der Einzelnen und der Gesellschaften erhellen kann Die Predigt wurde sogar Verwirrung in der öffentlichen Meinung und Schaden unter den Glaubenden selber stiften, deren Recht, den wahren Inhalt der Offenbarung kennenzulernen, auf diese Weise mißachtet würde.

 

6. Das Konzil hat außerdem den Umfang und die Vielfalt der Formen aufgezeigt, welche die authentische Verkündigung des Evangeliums gemäß der Lehre und dem Auftrag der Kirche an die Verkündiger entsprechend annehmen kann: „Die Priester schulden also allen, Anteil zu geben an der Wahrheit des Evangeliums, deren sie sich im Herrn erfreuen. Niemals sollen sie ihre eigenen Gedanken vortragen, sondern immer Gottes Wort lehren und alle eindringlich zur Umkehr und zur Heiligung bewegen, ob sie nun durch eine vorbildliche Lebensführung Ungläubige für Gott gewinnen oder in der ausdrücklichen Verkündigung den Nichtglaubenden das Geheimnis Christi erschließen; ob sie Christenlehre erteilen, die Lehre der Kirche darlegen oder aktuelle Fragen im Licht Christi zu beantworten suchen" (Presbyterorum ordinis, Nr. 4)

Dies sind also die Wege, um gemäß der Kirche das göttliche Wort zu lehren: das Lebenszeugnis, das die Macht der Liebe Gottes entdecken läßt und bewirkt, daß die Sprache des Predigers überzeugt; die Predigt, die den Nichtglaubenden das Geheimnis Christi deutlich macht die Katechese und die Schriftauslegung im Auftrag der Kirche und gemäß ihrer Lehre die Anwendung der geoffenbarten Wahrheit bei der Beurteilung und Losung der konkreten Falle

Unter diesen Voraussetzungen zeigt die Predigt auch heute ihre Schönheit und wirkt anziehend auf die Menschen die sich danach sehnen die Herrlichkeit Gottes zu schauen.

 

7. Diesem Erfordernis von Authentizität und Vollständigkeit der Verkündigung steht das Prinzip der vom Konzil besonders betonten Anpassung der Predigt (vgl. Presbyterorum ordinis, Nr. 4) nicht entgegen.

Es ist klar, daß der Priester sich vor allem mit Verantwortungsbewußtsein und Sinn für wirklichkeitsnahe Bewertung fragen muß, ob das, was er in seiner Predigt sagt, von seinen Zuhörern verstanden wird und sich auf ihre Denk- und Lebensweise auswirken wird Er muß sich außerdem bemühen die eigene Predigt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Zuhörer und die verschiedenen Umstände zu berücksichtigen, die sie dazu bewegen, sich zu versammeln und ihm zuzuhören. Natürlich muß er auch seine Fähigkeiten kennen und um diese wissen; er muß sie in angemessener Weise einsetzen - nicht aus Selbstdarstellung, die ihn außerdem vor den Zuhörern herabsetzen würde, sondern zu dem Zweck, das göttliche Wort besser in den Verstand und ins Herz der Menschen einzupflanzen.

Der Prediger soll sich nicht so sehr auf die natürlichen Fähigkeiten, sondern mehr auf die übernatürlichen Charismen verlassen, die in der Geschichte der Kirche und der kirchlichen Rede bei so vielen heiligen Predigern zu finden waren Denn so fühlt er sich gedrängt den Heiligen Geist um Erleuchtung zu bitten damit er in der an gemessensten und wirksamsten Weise sprechen, sich verhalten und mit seinen Zuhörern in Dialog treten kann.

Das gilt auch für alle die den Dienst des Wortes durch Schriften Veröffentlichungen sowie Rundfunk und Fernsehübertragungen ausüben Auch der Gebrauch dieser Kommunikationsmittel erfordert vom Prediger Sprecher Schriftsteller kirchlichen Berichterstatter und besonders vom Priester die Anrufung und Zuhilfenahme des Heiligen Geistes: ein Licht, das Verstand und Herz belebt.

 

8. Den Weisungen des Konzils entsprechend soll die Verkündigung des göttlichen Wortes in allen Bereichen und allen Gesellschaftsschichten geschehen unter Berücksichtigung auch der Nichtglaubenden. Mag es sich um wahre Atheisten oder häufiger um Agnostiker handeln, um Gleichgültige oder Zerstreute, deren Aufmerksamkeit in angemessener, erfinderischer Weise geweckt werden soll. Es genügt, hier noch einmal auf das Problem hingewiesen zu haben: Es ist schwerwiegend und muß mit vernünftigem Eifer und Ausgewogenheit in Angriff genommen werden. Für den Priester kann es nützlich sein, die weise Überlegung der Bischofssynode von 1971 in Erinnerung zu rufen, die lautete: „Durch die Evangelisierung bereitet der Diener des Wortes die Wege des Herrn mit viel Geduld und Glauben, indem er sich den unterschiedlichen Lebensverhältnissen der einzelnen und der‘ Völker anpaßt" (Ench. Vat. 4, Nr. 1184). Das Gebet um die Gnade des Herrn und um den Heiligen Geist, welcher der immer notwendige göttliche Ausspender ist, wird in noch lebendigerer Weise in all jenen Fällen zu spüren sein, bei denen es sich um zumindest praktischem Atheismus, Agnostizismus, religiöse Unkenntnis und Gleichgültigkeit, ja manchmal um voreingenommene Feindschaft und sogar Wut handelt, die dem Priester die Unzulänglichkeit der menschlichen Mittel vor Augen halten, ‘wenn in den Herzen ein Weg für Gott gebahnt werden soll. Der Priester spürt dann mehr denn je „das Geheimnis der leeren Hände", wie gesagt wurde; aber gerade deshalb soll er an den heiligen Paulus denken, der von ähnlichen Erfahrungen beinahe „gekreuzigt" wurde, aber immer wieder neuen Mut und Vertrauen faßte auf „Gottes Kraft und Gottes Weisheit", die in Christus gegenwärtig sind (vgl. 1 Kor 1,18.29). Er schrieb an die Korinther: „Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch. Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden,, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes" (1 Kor 2,3-5). Das ist heute vielleicht der wichtigste Hinweis für den Prediger.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich grüße alle deutschsprachigen Pilger und Besucher sehr herzlich Mein besonderer Gruß gilt den Dechanten und Pfarrern aus der Diözese Hildesheim der Pilger gruppe des Ferienwerkes Bodensee und den Pilgern der Christlich Sozialen Union Oberpfalz

Möge Euer Besuch in Rom die Berufung und Sendung als Christ in Euch neu er wecken und starken Euch liebe Schwestern und Bruder Euren lieben Angehörigen zu Hause sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/210493.rtf.html)





Die Priester als engste Mitarbeiter des Bischofs

Ansprache bei der Generalaudienz am 31 März 1993

 

1. Wir beginnen heute eine neue Reihe von Katechesen über das Priestertum und die Priester, die bekanntlich die engsten Mitarbeiter der Bischöfe sind und mit diesen die Priesterweihe und -sendung teilen. Ich werde mich eng an die Texte des Neuen Testamentes halten und der Ausrichtung des II. Vatikanischen Konzils folgen, wie es der Stil dieser Katechesen ist Ich beginne meine Ausführungen über dieses Thema mit einem Herzen voll Liebe zu diesen engen Mitarbeitern des Episkopats, und ich bin ihnen nahe und liebe sie im Herrn, wie ich ihnen bereits zu Beginn meines Pontifikats und besonders in meinem ersten Schreiben an die Priester der ganzen Welt zum Gründonnerstag 1979 gesagt habe.

 

2. Zu beachten ist sogleich, daß das Priestertum in allen seinen Stufen eine Teilhabe am Priestertum Christi ist, der nach dem Hebräerbrief der einzige „Hohepriester" des neuen und ewigen Bundes ist, der „ein für allemal sich selbst dargebracht hat" als unermeßlich kostbares Opfer, das unveränderlich und unvergänglich im Mittelpunkt des Heilsplans steht (vgl. Hebr 7,24-28). Keine anderen Priester sind notwendig oder möglich außer bzw. neben dem einzigen Mittler Christus (vgl. Hebr 9,15; Röm 5,15-19; 1 Tim 2,5), dem Verknüpfungs- und Versöhnungspunkt zwischen Gott und den Menschen (vgl. 2 Kor 5,14-20), dem menschgewordenen Wort, voll der Gnade (vgl. Joh 1,1-18), dem wahren „hieréus", dem Priester auf ewig (vgl. Hebr 5,6; 10,21), der „durch sein Opfer die Sünde getilgt hat" (vgl. Hebr 9,26) und im Himmel für die, die an ihn glauben, allezeit eintritt (vgl. ebd., 7,25), bis sie das von ihm errungene und verheißene Erbe erlangen. Niemand anders ist im neuen Bund „hieréus" in diesem Sinn.

 

3. Die Teilhabe am einzigen Priestertum Christi, das in verschiedenen Stufen ausgeübt wird, ist von Christus verfügt worden, der in seiner Kirche unterschiedliche Aufgaben wollte, wie es ein gut organisierter Sozialkörper erfordert, und für die Leitung Verwalter seines Priestertums festgesetzt hat (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1554). Ihnen hat er das Weihesakrament erteilt, um sie offiziell als Priester einzusetzen, die in seinem Namen mit seiner Vollmacht handeln, indem sie das Opfer darbringen und die Sünden nachlassen. Das Konzil lehrt: „Daher hat Christus die Apostel gesandt, wie er selbst vom Vater gesandt war, und durch die Apostel den Bischöfen als deren Nachfolgern Anteil an seiner Weihe und Sendung gegeben. Ihr Dienstamt ist in untergeordnetem Rang den Priestern übertragen worden; als Glieder des Priesterstandes sollten sie, in der rechten Erfüllung der ihnen von Christus anvertrauten Sendung, Mitarbeiter des Bischofsstandes sein" (Presbyterorum ordinis, Nr. 2; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1562).

Dieser Wille Christi geht aus dem Evangelium hervor, von dem wir wissen, daß Jesus dem Petrus und den Zwölf höchste Gewalt in seiner Kirche verliehen, aber Mitarbeiter für ihre Sendung gewollt hat. Bedeutsam ist, was uns der Evangelist Lukas bezeugt, nämlich daß Jesus, nachdem er die Zwölf ausgesandt hatte (vgl. 9,1-6), eine noch größere Anzahl von Jüngern aussendet, um gleichsam auszudrücken, daß die Mission der Zwölf nicht genügt für das Evangelisierungswerk. „Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften in die er selbst gehen wollte (Lk 10, 1)

Zweifellos ist dieser Schritt nur eine Andeutung des Dienstes den Christus später formell einrichten sollte. Aber er zeigt bereits die Absicht des göttlichen Meisters, eine beachtliche Anzahl von Mitarbeitern in den Weinberg zu schicken Jesus hatte die Zwölf aus einer größeren Gruppe von Jungem ausgewählt (vgl. Lk 6 12 13) Junger im Wortsinn der Texte des Evangeliums sind nicht nur diejenigen, die an Jesus glauben, sondern diejenigen, welche ihm folgen, seine Lehre als die eines Meisters annehmen und sich seinem Werk widmen wollen. Und Jesus gewinnt sie für seine Mission. Gerade bei dieser Gelegenheit spricht Jesus die Worte, die Lukas berichtet: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter" (10,2). Er Wies darauf hin, daß seiner Meinung und der ersten Diensterfahrung nach die Zahl der Arbeiter zu klein war. Und das galt nicht nur für damals, sondern gilt für alle Zeiten, auch für unsere Zeit, in der das Problem besonders schwierig geworden ist. Wir müssen es in Angriff nehmen, indem wir uns angespornt und zugleich getröstet fühlen von diesen Worten und - man könnte fast sagen - von diesem Blick

Jesu über die Felder, auf denen Arbeiter für die Ernte nötig sind. Jesus war das Vorbild in dieser Initiative, die man „berufsfördernd" nennen könnte: Er hat außer den zwölf Aposteln noch 72 Jünger ausgesandt.

 

4. Dem Evangelium nach gibt Jesus den 72 Jungem einen ähnlichen Auftrag wie den Zwölf: Die Junger werden gesandt um die Ankunft des Reiches Gottes zu verkünden Sie werden dies im Namen Christi und mit seiner Vollmacht predigen Wer euch hört der hört mich und wer euch ablehnt der lehnt mich ab wer aber mich ablehnt der lehnt den ab der mich gesandt hat (Lk 10, 16).

Die Jünger erhalten wie die Zwölf (vgl. Mk 6, 7; Lk 9, 1) die Vollmacht böse Geister auszutreiben, so daß sie nach den ersten Erfahrungen zu Jesus sagen Herr sogar die Dämonen gehorchen uns wenn wir deinen Namen aussprechen Diese Voll macht wird von Jesus selbst bestätigt Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen Seht ich habe euch die Vollmacht gegeben auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden (Lk 10, 17-19).

Auch für sie handelt es sich darum, mit den Zwölf am Erlösungswerk Christi des einzigen Hohenpriesters des neuen Bundes teilzuhaben der ihnen ebenfalls eine Sendung und Vollmachten verleihen wollte die denen der Zwölf ähnlich sind. Die Einsetzung des Priestertums erfüllt deshalb nicht nur ein praktisches Bedürfnis der Bischöfe die Mitarbeiter brauchen sondern entspringt einer ausdrücklichen Absicht Christi.

 

5. In der Tat sehen wir daß die Priester (presbyteroi) bereits in den christlichen Anfangen vorhanden sind und in der Kirche der Apostel und ihrer Nachfolger der ersten Bischöfe Aufgaben haben (vgl. Apg 11,30; 14,23; 15,2.4.6.22-23,41; 16,4;20,17; 21,18 1 Tim 4,14 5,17.19; Tit 1,5; Jak 5,14; 1 Petr 5,1.5.15; 2 Joh 1;3 Joh 1) Es ist nicht immer leicht in diesen neutestamentlichen Büchern die Priester von den Bischöfen hinsichtlich der ihnen übertragenen Aufgaben zu unterscheiden; aber man sieht bereits in der Kirche der Apostel die beiden Kategorien angedeutet, die an der Sendung und am Priestertum Christi teilhaben und dann in den Werken der nachapostolischen Verfassern wiederzufinden sind und besser hervortreten (wie im Brief an die Korinther von Papst Klemens) den Briefen des hl. Ignatius von Antiochia, im Hirten des Hermas u a) im Sprachgebrauch der Kirche in Jerusalem, in Rom und in den anderen Gemeinschaften des Ostens und des Westens geht man dann dazu über, nur den Leiter und einzigen Hirten der Gemeinschaft Bischof zu nennen, während einer, der im Dienst des Bischofs steht, als Priester bezeichnet wird.

 

6. Entsprechend der christlichen Überlieferung und in Übereinstimmung mit dem im Neuen Testament bestätigten Willen Christi spricht das II. Vatikanische Konzil von den Priestern als denen, die „zwar nicht die höchste Stufe der priesterlichen Weihe haben, aber in der Ausübung ihrer Gewalt von den Bischöfen abhängen; dennoch sind sie mit ihnen in der priesterlichen Würde verbunden" (vgl. Lumen Gentium, Nr. 28 und Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1564). Diese Verbindung wurzelt im Weihesakrament: „Da das Amt der Priester dem Bischofsstand verbunden ist, nimmt es an der Vollmacht teil, mit der Christus selbst seinen Leib auferbaut, heiligt und leitet" (Presbyterorum ordinis, Nr. 2; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1563). Auch die Priester tragen in sich das „Bild Christi, des höchsten und ewigen Priesters" (Lumen Gentium, Nr. 28). Sie haben also teil am Hirtenamt Christi: Und das ist das besondere Merkmal ihres Dienstes, welches auf dem Weihesakrament gründet, das ihnen gespendet wird. Im Dekret Presbyterorum ordinis lesen wir Darum setzt das Priestertum der Amtspriester zwar die christlichen Grundsakramente voraus, wird aber durch ein eigenes Sakrament übertragen. Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so daß sie in der Person des Hauptes Christus handeln können" (Presbyterorum ordinis, Nr. 2; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1563).

Dieses durch die sakramentale Salbung des Heiligen Geistes verliehene Prägemal kennzeichnet diejenigen, die es empfangen, in ganz besonderer Weise in bezug auf die Taufe und die Firmung; hinsichtlich einer tieferen Gleichförmigkeit mit Christus, dem Priester, der sie zu seinen tätigen Dienern im Gottesdienst und in der Heiligung der Schwestern und Bruder macht in bezug auf die amtlichen Vollmachten die im Namen Christi, des Hauptes und Hirten der Kirche, auszuüben sind (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nrn. 1581-1584).

 

7. Das Prägemal in der Seele des Priesters ist auch Zeichen und Träger besonderer Gnaden für die Dienstausübung die gebunden sind an die heiligmachende Gnade welche die Weihe als Sakrament mit sich bringt sowohl in dem Augenblick, wo sie gespendet wird, als auch im Verlauf ihrer ganzen Ausübung und Entwicklung durch den Dienst. Sie erfaßt den Priester und bezieht ihn in eine Ökonomie der Heiligung ein, die der Dienst selbst mit sich bringt zugunsten dessen, der ihn ausübt, und derer, die Nutzen aus ihm ziehen in den verschiedenen Sakramenten und den anderen Tätigkeiten, die ihre Hirten entfalten.

Die gesamte Kirche empfangt die Fruchte der Heiligung die durch den Dienst der Priester und Hirten gewirkt werden: sowohl der Diözesanpriester als auch derer, die unter welchem Namen und in welcher Form auch immer nach Empfang der heiligen Weihe ihre Tätigkeit in Gemeinschaft mit den Diözesanbischöfen und dem Nachfolger Petri ausüben.

 

8. Die tiefe Ontologie der Priesterweihe und der Dynamismus der Heiligung, die sie im Dienst mit sich bringt, schließen gewiß jede weltliche Auslegung des Priesteramtes aus, so als würde sich der Priester einfach darum bemühen, Gerechtigkeit zu schaffen und Liebe in der Welt zu verbreiten. Der Priester hat ontologisch teil am Priestertum Christi, er ist wirklich geweiht, ein „Mann des Heiligen", beauftragt wie Christus zum Gottesdienst, der aufsteigt zum Vater, und zur evangelisierenden Sendung, durch die er die heiligen Dinge, die Wahrheit und die Gnade Gottes, unter den Schwestern und Brüdern verbreitet und austeilt. Das ist die wahre priesterliche Identität, die wesentliche Anforderung des Priesterdienstes auch in der Welt von heute.

 

In deutscher Sprache sagte der Papst:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ich richte einen herzlichen Willkommensgruß an die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Besonders begrüße ich die Kirchenchöre aus der Region Krefeld, die Teilnehmer an der Diözesanwallfahrt von Schülern, Eltern und Lehrern aus dem Bistum Münster, den Kirchenchor Selm sowie die Ministranten der Dompfarrei Speyer und der Pfarrei St. Marien in Neustadt an der Weinstraße.

Euch, liebe Schwestern und Brüder, Euren lieben Angehörigen daheim und all jenen, die uns in diesem Augenblick geistlich verbunden sind, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

(Quelle: http://www.clerus.org/clerus/dati/1999-11/20-5/310393.rtf.html)


PASTORES DABO VOBIS


Nachsynodales Apostolisches Schreiben

von Papst Johannes Paul II.

 
an die Bischöfe, Priester und Gläubigen über die Priesterausbildung im.

Kontext der Gegenwart

 


Einleitung

 

1. "Ich gebe euch Hirten nach meinem Herzen" (Jer 3,15). Mit diesen Worten des Propheten Jeremia verspricht Gott seinem Volk, es nie ohne Hirten zu lassen, die sie sammeln und führen sollen: "Ich werde ihnen (d. h. meinen Schafen) Hirten geben, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen" (Jer 23,4).

Die Kirche als Volk Gottes erlebt immerfort die Verwirklichung dieser prophetischen Ankündigung und hört nicht auf, dem Herrn voll Freude zu danken. Sie weiß, daß Jesus Christus selbst die lebendige, letzte und endgültige Erfüllung der Verheißung Gottes ist-. "Ich bin der gute Hirte" (Joh 10, 11). Der "erhabene Hirte der Schafe" (Hebr 13,20) hat die Apostel und ihre Nachfolger mit dem Auftrag betraut, die Herde Gottes zu weiden (vgl. Joh 21,15ff.; 1 Petr 5,2).

Ohne Priester könnte die Kirche vor allem jenen grundlegenden Gehorsam nicht leben, der die eigentliche Mitte ihrer Existenz und ihrer Sendung in der Geschichte bildet: den Gehorsam gegenüber dem Gebot Jesu "Darum geht zu allen Völkern ... und lehrt sie" (Mt 28,19) und Tut dies zu meinem Gedächtnis" (Lk 22)19; vgl. 1 Kor 11,24); das heißt das Gebot Jesu, das Evangelium zu verkünden und jeden Tag das Opfer seines für das Leben der Welt hingegebenen Leibes und vergossenen Blutes zu erneuern.

Im Glauben wissen wir, daß die Verheißung des Herrn in Erfüllung geht. Gerade diese Verheißung gibt ja der Kirche Anlaß und Kraft, sich angesichts des Reichtums und der zahlenmäßigen Zunahme an Priesterberufen, wie man sie heute in einigen Teilen der Welt feststellen kann, zu freuen; gleichzeitig stellt sie das Fundament und den Ansporn zu einem Bekenntnis größeren Glaubens und stärkerer Hoffnung dar angesichts des besorgniserregenden Priestermangels, der auf anderen Teilen der Welt lastet.

Wir sind alle aufgerufen, das volle Vertrauen in die dauernde Erfüllung der Verheißung Gottes zu teilen, von dem die Synodenväter mit klarer Festigkeit Zeugnis gegeben haben: "Mit vollem Vertrauen in die Verheißung Christi, der gesagt hat: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28,20), und im Bewußtsein des beständigen Wirkens des Heiligen Geistes in der Kirche glaubt die Synode zutiefst, daß in der Kirche die heiligen.

Diener niemals vollständig fehlen werden ... Auch wenn in einigen Gegenden Priestermangel auftritt, wird doch in der Kirche das Handeln des Vaters, der die Berufungen weckt, niemals aufhören (1).

Wie ich zum Abschluß der Synode im Hinblick auf die Krise der Priesterberufe sagte, "besteht die erste Antwort, die die Kirche gibt, in einem Akt totalen Vertrauens auf den Heiligen Geist. Wir sind zutiefst überzeugt, daß uns diese vertrauensvolle Hingabe nicht enttäuschen wird, wenn wir dazu der empfangenen Gnade treu bleiben" (2).

 

2. Der empfangenen Gnade treu bleiben! Denn das Geschenk Gottes hebt die Freiheit des Menschen nicht auf, sondern weckt sie, bringt sie zur Entfaltung und fordert sie ein.

Darum geht das umfassende Vertrauen in die unbedingte Treue gegenüber der Verheißung Gottes in der Kirche mit der schwerwiegenden Verantwortung einher, mitzuwirken beim Tun Gottes, der uns ruft, beizutragen zur Schaffung und Erhaltung von Bedingungen, unter welchen der von Gott gesäte Same Wurzel schlagen und reiche Frucht bringen kann. Die Kirche darf niemals aufhören, den Herrn der Ernte zu bitten, daß er Arbeiter für seine Ernte aussende (vgl. Mt 9,38); sie darf nicht aufhören, sich mit einem klaren und beherzten Berufungskonzept an die jungen Generationen zu wenden und ihnen zu helfen, die Wahrheit des göttlichen Anrufes zu erkennen und ihm großmütig und selbstlos zu entsprechen; und sie darf nicht aufhören, besondere Sorge auf die Ausbildung der Priesteramtskandidaten zu verwenden.

Die Ausbildung sowohl der künftigen Weltpriester wie der Ordenspriester und die eifrige, das ganze Leben lang geltende Sorge um ihre persönliche Heiligung im Amt und um die ständige Weiterbildung und Anpassung ihres pastoralen Einsatzes werden von der Kirche tatsächlich als eine der schwierigsten und wichtigsten Aufgaben für die zukünftige Evangellsierung der Menschheit angesehen.

Diese Bildungstätigkeit der Kirche ist eine Weiterführung des Werkes Christi, auf die der Evangelist Markus mit den Worten hinweist: Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämonen austrieben" (Mk 3,13-15).

Man kann sagen, daß die Kirche in ihrer Geschichte durch die den Kandidaten für das Priesteramt und den Priestern selbst geltende Ausbildungstätigkeit diese Seite des Evangeliums immer von neuem mit Leben erfüllt hat, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität und in verschiedener Weise. Heute freilich fühlt sich die Kirche aufgerufen, das, was der Meister mit seinen Aposteln getan hat, mit neuem Eifer wiederzubeleben; veranlaßt sieht sie sich dazu von den tiefgreifenden und raschen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen unserer Zeit, von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit des jeweiligen Umfeldes, in dem sie das Evangelium verkündet und bezeugt, von der günstigen zahlenmäßigen Entwicklung der Priesterberufe in verschiedenen Diözesen der Welt, von der Dringlichkeit einer neuen Überprüfung der Inhalte und Methoden der Priesterausbildung, von der Sorge der Bischöfe und ihrer Gemeinden wegen des anhaltenden Priestermangels, von der absoluten Notwendigkeit, daß die "Neu-Evangellsierung" ihre ersten "Neu-Evangelisatoren" in den Priestern haben müsse.

Genau in diesem geschichtlichen und kulturellen Rahmen war die letzte ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode angesiedelt, die der "Priesterbildung im Kontext der Gegenwart" gewidmet war, mit der Absicht, fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende des Konzils die Konzilslehre über dieses Thema inhaltlich zu erfüllen und sie im Hinblick auf die heutigen Verhältnisse zu aktualisieren und schärfer zu umreißen (3).

 

3. In Kontinuität mit den Texten des II. Vatikanischen Konzils über den Priesterberuf und die Priesterausbildung (4) sowie in der festen Absicht, deren inhaltsreiche und verbindliche Lehre konkret auf die verschiedenen Situationen anzuwenden, hat sich die Kirche mehrmals mit den Problemen des Lebens, des Amtes und der Ausbildung der Priester auseinandergesetzt.

Die herausragendsten Anlässe dafür waren die Bischofssynoden. Schon auf der ersten im Oktober 1967 abgehaltenen Vollversammlung widmete die Synode fünf Generalsitzungen dem Thema der Erneuerung der Priesterseminare. Diese Arbeit gab den entscheidenden Anstoß zur Abfassung des Dokumentes der Kongregation für das katholische Bildungswesen "Grundordnung für die Ausbildung der Priester" (5).

Vor allem die zweite ordentliche Vollversammlung von 1971 widmete die Hälfte ihrer Arbeiten dem Weihepriestertum. Die Ergebnisse dieser langen synodalen Auseinandersetzung, die in einigen meinem Vorgänger Papst Paul Vl. unterbreiteten und bei der Eröffnung der Synode von 1974 verlesenen "Empfehlungen" neu aufgegriffen und zusammengefaßt wurden, betrafen hauptsächlich die Lehre über das Weihepriestertum und einige Aspekte der priesterlichen Spiritualität und des priesterlichen Dienstes.

Auch bei vielen anderen Gelegenheiten hat das kirchliche Lehramt immer wieder Zeugnis gegeben von seiner Sorge um das Leben und den Dienst der Priester. Man kann wohl sagen, daß es in den Jahren unmittelbar nach dem Konzil keine lehramtliche Außerung gegeben hat, die nicht in irgendeiner Weise, explizit oder implizit, auf die Bedeutung der Anwesenheit von Priestern in der Gemeinde, auf ihre Rolle und ihre Unentbehrlichkeit für die Kirche und für das Leben der Welt eingegangen wäre.

In den allerletzten Jahren ist man sich nun vielerorts der Notwendigkeit bewußt geworden, auf das Thema Priestertum zurückzukommen, und zwar so, daß man sich damit von einem Standpunkt her neu auseinandersetzt, der der heutigen kirchlichen wie kulturellen Situation angemessener ist. Die Aufmerksamkeit hat sich dabei vom Problem der Identität des Priesters zu den Fragen verlagert, die mit dem Ausbildungsgang des Priesterberufes und mit der Lebensqualität der Priester zusammenhängen. In der Tat weisen die neuen Generationen der zum Priesteramt Berufenen ganz andere Wesensmerkmale auf als ihre unmittelbaren Vorgänger, und sie leben in einer in vieler Hinsicht neuen Welt, die in ständiger und rascher Entwicklung begriffen ist. Das alles muß bei der Erstellung und Durchführung der Ausbildungsordnungen für den Priesterberuf berücksichtigt werden.

Die Priester schließlich, die ihr Amt schon länger oder erst seit kurzem ausüben, scheinen heute unter der übermäßigen Zersplitterung in den immer noch zunehmenden pastoralen Tätigkeiten zu leiden und fühlen sich angesichts der Schwierigkeiten der modernen Gesellschaft und Kultur genötigt, neu nachzudenken über ihren Lebensstil und über die Prioritäten des pastoralen Einsatzes, während sie immer deutlicher die Notwendigkeit einer ständigen Weiterbildung erkennen.

Die Überlegungen der Bischofssynode von 1990 galten also der Zunahme von Priesterberufungen sowie der Ausbildung, in der die Kandidaten mit Jesus im Blick auf die Nachfolge besser vertraut werden sollen, während sie sich auf den Empfang der Weihe und das Leben aus diesem Sakrament vorbereiten, das sie Christus, dem Haupt und Hirten, dem Diener und Bräutigam der Kirche nachformt. Die Sorge der Synode galt weiterhin der Erstellung von Plänen für die ständige Weiterbildung, die in der Lage sein sollen, den Dienst und das geistliche Leben der Priester realistisch und erfolgreich zu unterstützen. Desgleichen wollte diese Synode auch auf ein Anliegen der vorhergehenden Synode über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt antworten. Die Laien selbst hatten ja die Bemühungen der Priester im Blick auf die Ausbildung angeregt, damit ihnen bei der Erfüllung der gemeinsamen kirchlichen Sendung angemessene Hilfe geboten werden kann. In der Tat, "je mehr sich das Lalenapostolat entfaltet, desto stärker spürt man das Bedürfnis nach gut ausgebildeten, heiligmäßigen Priestern. So artikuliert das Leben des Volkes Gottes selbst die Lehre des II. Vatikanischen Konzils über die Beziehung zwischen dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen und dem Welhepriestertum. Denn im Mysterium der Kirche hat die Hierarchie Dienstcharakter (vgl. Lumen gentium, 10). je mehr das Verständnis der den Laien eigenen Sendung vertieft wird, desto mehr tritt das hervor, was dem Priester eigen ist" (6).

 

4. In der kirchlichen Erfahrung, wie sie für die Synode kennzeichnend ist, nämlich "einem einzigartigen Erleben der Gemeinschaft der Bischöfe in der Universalität, die den Sinn für die Weltkirche, die Verantwortlichkeit der Bischöfe für die Weltkirche und ihren Auftrag in affektiver und effektiver Gemeinschaft um Petrus stärkte",(7) hat sich klar und deutlich die Stimme der verschiedenen Teilkirchen vernehmen lassen - und bei dieser Synode zum ersten Mal die Stimme einiger Kirchen des Ostens: die einzelnen Teilkirchen haben ihren Glauben an die Erfüllung der Verheißung Gottes verkündet: "Ich gebe euch Hirten nach meinem Herzen" (Jer 3,15), und sie haben ihr pastorales Engagement für die Sorge um geistliche Berufe und um die Ausbildung der Priester erneuert in dem Bewußtsein, daß davon die Zukunft der Kirche, ihre Entfaltung und ihre Heilssendung abhängen.

Indem ich also den reichen Schatz an Überlegungen, Ausrichtungen und Hinweisen, die die Arbeiten der Synodenväter vorbereitet und begleitet haben, wieder aufgreife, verbinde ich mit diesem nachsynodalen Apostolischen Schreiben meine Stimme als Bischof von Rom und Nachfolger des Petrus und wende mich mit ihr an das Herz aller und jedes einzelnen Gläubigen und ganz besonders an das Herz der Priester und Priesteramtskandidaten sowie aller jener, denen der schwierige Dienst ihrer Ausbildung aufgetragen ist. ja, ich möchte mit diesem Apostolischen Schreiben allen Priestern und jedem einzelnen von ihnen, sowohl Welt- wie Ordenspriestern, begegnen. Mit dem Mund und dem Herzen der Synodenväter mache ich mir die Worte und Gefühle der Schlußbotschaft der Synode an das Volk Gottes'' zu eigen: "In Dankbarkeit und Bewunderung richten wir unser Wort an euch, unsere ersten Mitarbeiter in unserem apostolischen Dienst. Euer Dienst in der Kirche ist notwendig und kann durch nichts ersetzt werden. Ihr tragt die Bürde des Priesteramtes und steht in täglichem Kontakt mit den Gläubigen. Ihr seid die Diener der Eucharistie, die Spender der göttlichen Barmherzigkeit im Sakrament der Buße, die Tröster der betrübten Seelen, die Führer aller Gläubigen in den Stürmen und Nöten des Lebens.

Aus ganzem Herzen grüßen wir euch, sagen euch Dank und ermahnen euch, mit freudig bereitem Herzen auf diesem Weg zu verbleiben. Laßt euch nicht entmutigen! Unser Tun ist nicht unser, sondern Gottes Werk.

Er, der uns gerufen und ausgesandt hat, bleibt bei uns alle Tage unseres Lebens. Denn wir tun unser Werk im Auftrag Christi" (8).

 

KAPITEL I

 

AUS DEN MENSCHEN ERWÄHLT

Die Priesterausbildung vor den Herausforderungen am Ende des zweiten

Jahrtausends

 

Der Priester in seiner Zeit

 

5. Jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott" (Hebr 5,1).

Die Worte des Hebräerbriefes sprechen klar von der Menschlichkeit" des Gottesdieners: er kommt von den Menschen und dient den Menschen, indem er Jesus Christus nachahmt, "der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4,15).

Gott ruft seine Priester immer aus einer bestimmten menschlichen und kirchlichen Umgebung, von der sie unweigerlich geprägt werden und in die sie für den Dienst am Evangelium Christi gesandt werden.

Darum hat die Synode das Thema "Priester" in einen bestimmten Kontext gestellt, das heißt in die heutige Situation der Gesellschaft und der Kirche, und Perspektiven auf das dritte Jahrtausend hin eröffnet, wie es sich im übrigen aus der Formulierung des Themas ergibt: "Die Priesterbildung im Kontext der Gegenwart".

Gewiß "gibt es einen Wesenszug des Priesters, der sich nicht verändert: der Priester von morgen muß nicht weniger als der von heute Christus ähnlich sein. Jesus zeigte, als er auf Erden lebte, aus sich selbst heraus das endgültige Gesicht des Priesters, indem er ein Priesteramt verwirklichte, mit dem die Apostel als erste betraut wurden. Es ist dazu bestimmt, fortzudauern und sich in allen Geschichtsperioden unaufhörlich fortzupflanzen. Der Priester des dritten Jahrtausends wird in diesem Sinn die Reihe der Priester fortsetzen, die in den vorhergegangenen Jahrtausenden das Leben der Kirche beseelt haben. Auch im Jahr 2000 wird die priesterliche Berufung weiterhin der Ruf dazu sein, das einzige und ewige Priestertum Christi zu leben" (9). Ebenso gewiß müssen sich das Leben und der Dienst des Priesters "jeder Epoche und jedem Lebensumfeld anpassen ... Wir unsererseits müssen deshalb versuchen, uns so weit wie möglich der höheren Eingebung des Heiligen Geistes zu öffnen, um die Entwicklungslinien der heutigen Gesellschaft zu entdecken, die tiefsten geistlichen Anliegen zu erkennen, die wichtigsten konkreten Aufgaben und anzuwendenden Pastoralmethoden zu bestimmen und so in angemessener Weise den menschlichen Erwartungen zu entsprechen" (10).

Die Synodenväter, die die bleibende Wahrheit des Priesterlichen Dienstes mit den heutigen Erfordernissen und Merkmalen verbinden mußten, haben auf einige notwendige Fragen zu antworten versucht: Welche Probleme und zugleich welche positiven Anstöße vermittelt das heutige soziokulturelle und kirchliche Umfeld in Kindern, Heranwachsenden und jugendlichen, die für ihre ganze Existenz einen Lebensentwurf im Priesterberuf reifen lassen sollen? Welche Schwierigkeiten und welche neuen Möglichkeiten bietet unsere Zeit für die Ausübung eines priesterlichen Dienstes, der kohärent ist mit der Gabe des empfangenen Sakramentes und mit dem Bedürfnis nach einem entsprechenden geistlichen Leben?

Ich lege nun einige Elemente der Situationsanalyse, die die Synodenväter vorgenommen haben, wieder vor, wobei ich mir jedoch dessen bewußt bin, daß die große Vielfalt der soziokulturellen und kirchlichen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern empfiehlt, nur auf die tiefgreifendsten und verbreitetsten Phänomene hinzuweisen, im besonderen auf jene, die sich auf die Probleme der Erziehung und der Priesterausbildung beziehen.

 

Das Evangelium heute: Hoffnungen und Hindernisse

 

6. Vielfältige Faktoren begünstigen, so scheint es, in den heutigen Menschen ein reiferes Bewußtsein der Würde der Person und eine neue Aufgeschlossenheit für die religiösen Werte, für das Evangelium und den priesterlichen Dienst.

So finden wir im Bereich der Gesellschaft trotz vieler Widersprüche ein weithin verbreitetes, starkes Verlangen nach Gerechtigkeit und Frieden, ein ausgeprägteres Verständnis für die Sorge des Menschen um die Schöpfung und um die Achtung vor der Natur, ein offeneres Suchen nach der Wahrheit und dem Schutz des menschlichen Lebens und bei vielen Gruppen der Weltbevölkerung einen wachsenden Einsatz für eine konkretere internationale Solidarität und für eine neue Weltordnung in Freiheit und Gerechtigkeit. Während sich das von Wissenschaft und Technik angebotene Energlepotential immer weiter entwickelt und sich Information und Kultur verbreiten, entsteht auch ein neues Problem im Bereich des Ethischen, nämlich die Frage nach dem Sinn und damit nach einer objektiven Werteskala, die es erlaubt, die Möglichkeiten und Grenzen des Fortschritts festzulegen.

Im eigentlich religiösen und christlichen Bereich brechen ideologische Vorurteile und gewaltsame Abschirmungen gegen die Verkündigung der geistlichen und religiösen Werte zusammen, während neue, unverhoffte Möglichkeiten für die Evangelisierung und die Wiederaufnahme des kirchlichen Lebens in vielen Teilen der Welt entstehen. So sind zu beobachten eine wachsende Verbreitung der Kenntnis der Heiligen Schrift; eine Vitalität und Expansionskraft vieler junger Kirchen mit einer immer wichtigeren Rolle bei der Verteidigung und Förderung der Werte der Person und des menschlichen Lebens: ein leuchtendes Zeugnis des Martyriums seitens der Kirchen Mittel- und Osteuropas wie auch das Zeugnis der Treue und des Mutes anderer Kirchen, die noch immer um des Glaubens willen unter Verfolgungen und Bedrängnissen zu leiden haben (11).

Die Sehnsucht nach Gott und nach einer lebendigen und bedeutungsvollen Beziehung zu ihm scheint heute dort, wo eine glaubwürdige und unverkürzte Verkündigung des Evangeliums fehlt, die Verbreitung einer Religiosität ohne christliches Gottesbild und das vielfältige Anwachsen von Sekten zu begünstigen. Ihre Ausbreitung auch in manchen traditionell christlichen Gebieten ist für alle Angehörigen der Kirche und besonders für die Priester ein ständiger Grund zur Gewissensprüfung über die Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses für das Evangelium, aber zugleich auch ein Zeichen dafür, wie tief und verbreitet die Suche nach Gott ist.

 

7. Aber mit diesen und mit anderen positiven Faktoren sind viele problematische bzw. negative Elemente verflochten.

Weitverbreitet scheint noch immer der Rationalismus zu sein, der im Namen eines reduktiven Wissenschaftsverständnisses die menschliche Vernunft für die Begegnung mit der Offenbarung und mit der göttlichen Transzendenz unempfänglich macht.

Weiterhin ist eine ausgedehnte Verteidigung der personalen Subjektivität festzustellen, die darauf angelegt ist, den Menschen in einen zu echten menschlichen Beziehungen unfähigen Individualismus zu sperren. So versuchen viele, vor allem Kinder und jugendliche, diese Einsamkeit durch verschiedene Ersatzmittel, durch mehr oder weniger ausgeprägte Formen von Genußsucht und Flucht aus der Verantwortung zu kompensieren; als Gefangene des flüchtigen Augenblicks suchen sie, möglichst starke und befriedigende individuelle Erlebnisse im Bereich direkter Emotionen und Gefühle zu "konsumieren", was unweigerlich zur Folge hat, daß sie dem Aufruf zu einem Lebensentwurf, der eine geistliche und religiöse Dimension und ein Bemühen um Solidarität einschließt, gleichgültig, ja wie gelähmt gegenüberstehen. Zudem verbreitet sich auch nach dem Zusammenbruch der Ideologien, die den Materialismus zu einem Dogma und die Ablehnung der Religion zu einem Programm gemacht hatten, überall auf der Welt eine Art praktischer und existentieller Atheismus, der mit einer säkularistischen Auffassung von Leben und Bestimmung des Menschen zusammenfällt. Dieser Mensch, "der ganz mit sich selbst beschäftigt ist, der sich nicht nur zum Mittelpunkt aller Interessen macht, sondern es sogar wagt, sich als Anfang und Grund jeder Wirklichkeit zu bezeichnen", (12) wird zunehmend ärmer um jene "seelische Ergänzung", die er um so nötiger braucht, je mehr die ihm reichlich zur Verfügung stehenden materiellen Güter und Mittel ihm Selbstgenügsamkeit vortäuschen. Es ist nicht mehr nötig, Gott zu bekämpfen, man glaubt, einfach auf ihn verzichten zu können.

In diesem Zusammenhang muß besonders die Zersetzung der Familie und die Trübung oder Verzerrung des wahren Verständnisses der menschlichen Sexualität angeführt werden: Es geht dabei um Phänomene, die sich auf die Erziehung junger Menschen und ihre Verfügbarkeit für einen geistlichen Beruf sehr negativ auswirken. Hinzuweisen ist außerdem auf die Verschärfung der sozialen Ungerechtigkeiten und auf die Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger als Ergebnis eines unmenschlichen Kapitalismus, (13) der den Abstand zwischen reichen und armen Völkern immer weiter vergrößert: Dadurch werden in das Zusammenleben der Menschen Spannungen und Besorgnisse eingeführt, die das Leben der einzelnen und der Gemeinschaften zutiefst erschüttern.

Auch im kirchlichen Bereich sind besorgniserregende negative Erscheinungen zu verzeichnen, die das Leben und den Dienst der Priester direkt beeinflussen. Dazu gehören: die religiöse Gleichgültigkeit bei vielen Gläubigen; der geringe Einfluß der Katechese, die von den viel weiter verbreiteten und mehr auf Gefälligkeit hin ausgerichteten Impulsen der Massenmedien erstickt wird; der mißverstandene theologische, kulturelle und pastorale Pluralismus, dem zwar bisweilen gute Absichten zugrunde liegen, der aber schließlich den ökumenischen Dialog erschwert und die notwendige Einheit des Glaubens gefährdet; das Fortbestehen eines Gefühls des Mißtrauens, ja beinahe der Unduldsamkeit gegenüber dem hierarchischen Lehramt; die einseitigen und einschränkenden Anstöße aus dem Reichtum der Frohbotschaft, die die Verkündigung und das Zeugnis des Glaubens zu einem ausschließlichen Faktor der menschlichen und sozialen Befreiung oder zu einer glaubensentfremdenden Zuflucht in den Aberglauben und eine Religiosität ohne Gott umwandeln" (14).

Ein sehr bedeutsames, wenn auch verhältnismäßig neues Phänomen in vielen Ländern mit alter christlicher Tradition ist das Vorhandensein von dauerhaften Gruppen verschiedener Rassen und verschiedener Religionen auf dem gleichen Territorium. So entwickelt sich immer mehr die multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft. Mag dies auf der einen Seite Gelegenheit zu einem häufigeren und fruchtbareren Dialog, zu einer offeneren Gesinnung, zu Erfahrungen der Annahme und richtigen Toleranz sein, so kann es auf der anderen Seite Anlaß zu Verwirrung und Relativismus sein "vor allem bei Menschen und Bevölkerungen mit nicht wirklich reifem Glauben. Zu diesen Faktoren - und in enger Verknüpfung mit dem wachsenden Individualismus - kommt das Phänomen der Versubjektivierung des Glaubens hinzu. Das heißt, bei einer wachsenden Zahl von Christen ist wegen ihrer subjektiven Zustimmung zu dem, was ihnen gefällt, was ihrer eigenen Erfahrung entspricht, was ihre eigenen Gewohnheiten nicht stört, eine geringere Empfänglichkeit für das gesamte, objektive Ganze der Glaubenslehre zu bemerken. Auch die an sich berechtigte Berufung auf die Unverletzlichkeit des persönlichen Gewissens des einzelnen kann in diesem Zusammenhang gefährliche Züge von Doppeldeutigkeit annehmen.

Darauf beruht auch das immer weiter verbreitete Phänomen der nur mehr partiellen und bedingten Kirchenzugehörigkeit, die auf das Entstehen neuer Priesterberufe, auf das Selbstbewußtsein des Priesters und auf seinen Dienst in der Gemeinde einen negativen Einfluß ausübt.

Schließlich verursacht in vielen Stellen des kirchlichen Lebens noch heute die mangelnde Präsenz und Verfügbarkeit priesterlicher Kräfte sehr ernste Probleme. Die Gläubigen sind oft über lange Zeit allein gelassen und haben häufig auch keinen angemessenen pastoralen Beistand: Darunter leidet das Wachstum ihres christlichen Lebens insgesamt und noch mehr ihre Fähigkeit, sich stärker für die Evangelisierung einzusetzen.

 

Die Situation der Jugend im Blick auf Priesterberuf und Priesterausbildung

 

8. Die zahlreichen Widersprüche und Chancen, von denen unsere Gesellschaften und Kulturen und ebenso die kirchlichen Gemeinschaften gekennzeichnet sind, werden von der Welt der jungen Menschen ganz besonders intensiv und mit unmittelbaren und äußerst gravierenden Auswirkungen auf ihren Reifungsprozeß wahrgenommen, erlebt und erfahren. In diesem Sinn trifft das Erwachen und Sich-Entfalten der priesterlichen Berufung bei Kindern, Heranwachsenden und jugendlichen ständig zugleich auf Hindernisse und Anregungen.

Einen äußert starken, verführerischen Zauber auf die jugendlichen übt die sogenannte "Konsumgesellschaft" aus, die sie zu Sklaven und Gefangenen einer individualistischen, materialistischen und hedonistischen Auslegung des menschlichen Daseins macht. Das materiell verstandene "Wohlergehen" ist dabei, sich als einziges Lebensideal durchzusetzen; ein Wohlergehen, das unter jeder Bedingung und um jeden Preis erlangt werden soll: von daher kommt die Ablehnung von allem, was nach Opfer aussieht, und der Verzicht auf die Anstrengung, geistliche und religiöse Werte zu suchen und zu leben. Die ausschließliche "Sorge" um das Haben verdrängt den Vorrang des Seins, was zur Folge hat, daß die personalen und interpersonalen Werte nicht nach dem Maßstab des unverrechenbaren Schenkens, sondern nach der Logik egoistischen Besitzdenkens und der Instrumentalisierung des Mitmenschen interpretiert werden.

Das spiegelt sich besonders in der Auffassung von der menschlichen Sexualität wider, die ihrer Würde eines Dienstes an der Gemeinschaft und Hingabe zwischen den Personen entkleidet und zu einem bloßen Konsumgut gemacht wird. So führt die affektive Erfahrung vieler junger Menschen nicht zu einem harmonischen, erfreulichen Wachstum der eigenen Persönlichkeit, die sich dem anderen in der Selbsthingabe öffnet, sondern zu einer schwerwiegenden psychologischen und sittlichen Verwirrung, die unweigerlich gewichtige Auswirkungen auf die Zukunft dieser jugendlichen haben muß.

Den Ursprung dieser Neigungen bildet bei sehr vielen jungen Menschen eine verzerrte Freiheitserfahrung. Die Freiheit wird ganz und gar nicht als Gehorsam gegenüber der objektiven und universalen Wahrheit erlebt, sondern als blinde Zustimmung zu den triebhaften Kräften und zum Machtwillen des einzelnen. Dabei wird auf der Ebene der Gesinnung und des Verhaltens das Zerbröckeln des Einvernehmens über die sittlichen Grundsätze sowie auf der religiösen Ebene zwar nicht immer die ausdrückliche Ablehnung Gottes, wohl aber eine religiöse Gleichgültigkeit und ein Leben, das auch in seinen bedeutendsten Augenblicken und in seinen nachhaltigsten Entscheidungen so gelebt wird, als ob es Gott nicht gäbe, irgendwie zur Selbstverständlichkeit. In einem solchen Umfeld wird nicht erst die Realisierung, sondern bereits das Verstehen der Bedeutung einer Berufung zum Priestertum schwierig, die ein spezifisches Zeugnis für den Vorrang des Seins vor dem Haben ist, die Anerkennung des Lebenssinnes als freier und verantwortungsvoller Selbsthingabe an die anderen sowie die Bereitschaft, sich in jener Form ganz in den Dienst des Evangeliums und des Reiches Gottes zu stellen.

Auch im Bereich der kirchlichen Gemeinschaft stellt die Welt der jugendlichen nicht selten ein "Problem" dar. Wenn bei den jugendlichen noch mehr als bei den Erwachsenen eine starke Neigung zur Versubjektivierung des christlichen Glaubens und eine nur teilweise und bedingte Zugehörigkeit zum Leben und zur Sendung der Kirche vorhanden sind, bereitet es in der kirchlichen Gemeinschaft aus einer Reihe von Gründen tatsächlich Mühe, eine auf den heutigen Stand gebrachte mutige Jugendpastoral in Gang zu bringen: Die jugendlichen laufen Gefahr, sich selbst überlassen zu bleiben, ihrer psychischen Zerbrechlichkeit preisgegeben, unbefriedigt und kritisch gegenüber einer Welt von Erwachsenen, die ihnen, da sie den Glauben inkonsequent und ohne Reife leben, nicht als glaubwürdige Vorbilder erscheinen.

Es wird also die Schwierigkeit offenkundig, den jungen Menschen eine unverkürzte und sie gleichzeitig einbeziehende Erfahrung christlichen und kirchlichen Lebens vorzulegen und sie auf diese Haltung hin zu erziehen. Auf diese Weise bleibt die Perspektive des Priesterberufes weit entfernt von den konkreten und lebendigen Interessen der jugendlichen.

 

9. Es fehlt jedoch nicht an positiven Situationen und Anregungen, die im Herzen der heranwachsenden jugendlichen eine neue Verfügbarkeit sowie ein echtes, wirkliches Suchen nach solchen ethischen und spirituellen Werten wecken und fördern, die ihrer Natur nach den geeigneten Boden für einen Berufsweg zur Ganzhingabe an Christus und an die Kirche im Priestertum bieten.

Zunächst ist hervorzuheben, daß einige Phänomene, die in der jüngsten Vergangenheit nicht wenige Probleme verursacht haben - wie z. B. radikale Protestbewegungen, anarchistische Ansätze, utopische Forderungen, wahllose Sozialisierungsformen, Gewaltverhalten -, an Bedeutung abgenommen haben.

Man muß zudem erkennen, daß auch die heutigen jugendlichen mit der für ihr Alter typischen Kraft und Frische Träger von Idealen sind, die sich ihren Weg in der Geschichte bahnen: der Durst nach Freiheit, die Anerkennung des unermeßlichen Wertes der Person, das Bedürfnis nach Authentizität und Transparenz, eine neue Auffassung und ein neuer Stil von Partnerschaft in den Beziehungen von Mann und Frau, die überzeugte und leidenschaftliche Suche nach einer gerechteren, solidarischeren, geeinteren Welt, die Offenheit und der Dialog mit allen und der Einsatz für den Frieden.

Die so reiche und lebendige Entwicklung zahlreicher Formen freiwilligen Dienstes bei vielen jugendlichen unserer Zeit - eines Dienstes, der den vergessensten und bedürftigsten Schichten unserer Gesellschaft gilt - stellt heute ein besonders wichtiges Erziehungsmittel dar, weil sie die jungen Menschen zu einem selbstloseren und offeneren und solidarischeren Lebensstil mit den Armen anspornt und sie darin unterstützt. Dieser Lebensstil vermag das Verständnis, das Verlangen und die Antwort auf eine Berufung zum ständigen und totalen Dienst für die anderen auch auf dem Weg der vollen Weihe an Gott durch ein Leben als Priester zu erleichtern.

Der jüngst erfolgte Zusammenbruch der Ideologien, die sehr kritische Einstellung gegenüber der Welt der Erwachsenen, die nicht immer das Zeugnis eines Lebens bieten, das sich den moralischen und transzendenten Werten anvertraut, die Erfahrung von Altersgefährten, die in die Droge und in die Gewalt auszuweichen versuchen: all das trägt sehr viel dazu bei, die Grundfrage nach solchen Werten, die wirklich in der Lage sind, dem Leben, dem Leiden und dem Tod Bedeutungsfülle zu geben, dringender und unausweichlich zu machen. Bei vielen jugendlichen brechen die religiöse Frage und das Bedürfnis nach Spiritualität wieder deutlicher auf: Von daher erklärt sich das Verlangen nach Einsamkeits- und Gebetserlebnissen, die Rückkehr zum Lesen der Heiligen Schrift, das immer mehr zu einer persönlichen Gewohnheit wird, und zum Studium der Theologie.

Und wie schon im Bereich des freiwilligen Sozialdienstes, so treten die jugendlichen im Bereich der kirchlichen Gemeinschaft immer aktiver und als Vorkämpfer auf, vor allem durch die Teilnahme an den verschiedenen Vereinigungen, von den traditionellen, aber erneuerten bis hin zu denen, die mehr an die neuen geistlichen Bewegungen gebunden sind: Die Erfahrung einer Kirche, die von der Treue zu dem Geist, der sie beseelt, und von den Bedürfnissen einer von Christus fernen Welt, die aber seiner dringend bedarf, zur "Neu-Evangelisierung" gedrängt wird, wie auch die Erfahrung einer Kirche, die immer solidarischer mit dem Menschen und den Völkern ist bei der Verteidigung und Förderung der Würde der Person und der Menschenrechte aller und jedes einzelnen, öffnen das Herz und das Leben junger Menschen für äußerst faszinierende und verpflichtende Ideale, die ihre konkrete Verwirklichung in der Nachfolge Christi und im Priestertum finden können.

Von dieser menschlichen und kirchlichen Situation, die von starker Ambivalenz gekennzeichnet ist, wird man natürlich keinesfalls absehen können, weder in der Berufungspastoral und bei der Ausbildung der künftigen Priester noch auch im Bereich des Lebens und des Dienstes der Priester und ihrer ständigen Weiterbildung. Wenn sich also die verschiedenen "Krisenformen" erfassen lassen, denen die Priester von heute bei der Ausübung ihres Dienstes, in ihrem geistlichen Leben und selbst bei der Interpretation von Wesen und Bedeutung des Priesteramtes ausgesetzt sind, so müssen doch auch mit Freude und Hoffnung die neuen positiven Möglichkeiten festgehalten werden, welche der gegenwärtige Abschnitt der Geschichte den Priestern für die Erfüllung ihrer Sendung bietet.

 

Das Evangelium als Bewertungsmaßstab

 

10. Die komplexe Situation unserer Zeit, die wir sozusagen im Schnellverfahren durch Hinweise anhand von Beispielen umrissen haben, verlangt, sie nicht nur zu kennen, sondern auch und vor allem zu deuten. Nur so wird es möglich sein, eine angemessene Antwort auf die grundlegende Frage zu geben: Wie sind Priester auszubilden, die wirklich auf der Höhe dieser Zeit stehen und imstande sein sollen, die Welt von heute zu evangelisieren? (15)

Die Kenntnis der Situation ist wichtig. Eine bloße Datenerhebung genügt nicht, es bedarf einer "wissenschaftlichen". Untersuchung, auf deren Grundlage dann eine genaue und konkrete Beschreibung der tatsächlichen soziokulturellen und kirchlichen Verhältnisse vorgenommen werden kann.

Noch wichtiger aber ist die Deutung der Situation. Sie wird gefordert von der Ambivalenz und bisweilen Widersprüchlichkeit, von der die Lage gekennzeichnet ist, findet man doch hier tief miteinander verflochten Schwierigkeiten und Erfolge, negative Elemente und manchen Grund zur Hoffnung, Behinderungen und Aufgeschlossenheit, wie auf dem Acker im Evangelium, wo guter Same und Unkraut gesät worden waren und miteinander wuchsen" (vgl. Mt 13,24ff.).

Die Deutung, die zu unterscheiden wissen soll zwischen Gut und Böse, zwischen Hoffnungszeichen und Bedrohungen, ist nicht immer leicht. Bei der Priesterausbildung handelt es sich nicht einfach darum, die positiven Faktoren anzunehmen und sich den negativen frontal zu widersetzen. Es geht darum, gerade bei den positiven Faktoren eine sorgfältige Gewichtung vorzunehmen, damit sie sich nicht voneinander absondern und durch ihre Verabsolutierung und gegenseitige Bekämpfung in Gegensatz zueinander geraten. Dasselbe gilt von den negativen Faktoren, sie dürfen nicht pauschal und unterschiedslos zurückgewiesen werden, denn in jedem von ihnen kann irgendein Wert verborgen sein, der darauf wartet, freigelegt und wieder zu seiner vollen Wahrheit gebracht zu werden.

Der Gläubige findet für die Deutung der geschichtlichen Situation das Erkenntnisprinzip und das Kriterium der konkreten Vollzugsentscheidung in einer neuen und originellen Wirklichkeit, das heißt in der Unterscheidung anhand des Evangeliums; diese Deutung erfolgt im Licht und in der Kraft des Evangeliums, des lebendigen und persönlichen Evangeliums, das Jesus Christus ist, und mit der Gabe des Heiligen Geistes. So erfaßt die Unterscheidung am Maßstab des Evangeliums in der geschichtlichen Situation mit ihren Wechselfällen und Bedingtheiten nicht einfach eine präzis feststellbare "Sachlage", der gegenüber man gleichgültig oder passiv bleiben könnte, sondern sie enthält eine "Aufgabe", eine Herausforderung zur verantwortungsvollen Freiheit des Menschen, sowohl des einzelnen wie der Gemeinschaft. Es ist eine "Herausforderung", die sich mit einem "Anruf" verbindet, den Gott gerade in dieser geschichtlichen Situation vernehmen läßt. Auch in ihr und durch sie ruft Gott den Glaubenden und vorher schon die Kirche auf, daran mitzuwirken, daß "das Evangelium der Berufung und des Priestertums" auch unter den veränderten Lebensumständen seine ewige Wahrheit zum Ausdruck bringt. Auch auf die Priesterausbildung sollen die Worte des Il. Vatikanischen Konzils angewandt werden: "Der Kirche obliegt allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen" (16).

Diese Unterscheidung nach dem Evangelium gründet sich auf das Vertrauen in die Liebe Jesu Christi, der sich stets unermüdlich seiner Kirche annimmt (vgl. Eph 5,29), und der Herr und Meister, Schlüssel zum Himmelreich, Mittelpunkt und Ziel der gesamten Menschheitsgeschichte ist (17). Diese Unterscheidung lebt vom Licht und von der Kraft des Heiligen Geistes, der überall und in jeder Situation den Gehorsam des Glaubens, den freudigen Mut zur Nachfolge Jesu sowie die Gabe der Weisheit weckt, die alles beurteilt selbst aber von niemandem beurteilt werden kann (vgl. 1 Kor 2,15), weil sie auf der Treue des Vaters zu seinen Verheißungen gründet.

So spürt die Kirche, daß sie imstande ist, sich mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen dieser neuen Epoche unserer Geschichte auseinanderzusetzen und auch für die Gegenwart und Zukunft Priester zu gewährleisten, die so gut ausgebildet sind, daß sie überzeugte, leidenschaftliche Träger der "Neu-Evangelisierung", treue und hochherzige Diener Jesu Christi und der Menschen sind.

Wir verhehlen uns keineswegs die Schwierigkeiten. Sie sind weder gering noch leicht. Aber um sie zu überwinden, gibt es unsere Hoffnung, unseren Glauben an die unfehlbare Liebe Christi, unsere Gewißheit, daß für das Leben der Kirche und der Welt der priesterliche Dienst unersetzlich ist.

 

KAPITEL II

 

DER HERR HAT MICH GESALBT UND GESANDT

Wesen und Sendung des Priesteramtes

 

Der Blick ist auf den Priester gerichtet

 

11. "Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet" (Lk 4,20). Was der Evangellst Lukas von denen sagt, die an jenem Sabbat in der Synagoge von Nazaret anwesend waren und die Darlegung Jesu über die von ihm vorgelesene Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja hörten, läßt sich auf alle Christen anwenden, die ja zu allen Zeiten berufen sind, in Jesus von Nazaret die endgültige Erfüllung der prophetischen Botschaft zu erkennen: "Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehörthabt, erfüllt" (Lk4,21). Dieses "Schriftwort" lautete: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe" (Lk 4,18-19; vgl. Jes 61,1-2). Jesus stellt sich also selbst als den vor, der vom Geist erfüllt ist, den "der Herr gesalbt hat", den "er gesandt hat, damit er den Armen eine gute Nachricht bringe": Er ist der Messias, der Messias, der Priester, Prophet und König ist.

Auf dieses Antlitz Christi sollen die Augen des Glaubens und der Liebe der Christen gerichtet sein. Ausgehend von dieser "Betrachtung" und unter Bezugnahme auf sie haben die Synodenväter über das Problem der Priestausbildung unter den heutigen Lebensbedingungen nachgedacht. Eine Antwort kann dieses Problem nicht ohne eine vorausgehende Reflexion über das Ziel, auf das der Ausbildungsweg hingeordnet sein soll, erfahren: Und das Ziel ist das Priesteramt, genauer der Dienst des Priesters als Teilhabe am Priestertum Jesu Christi in der Kirche. Das Wissen um das Wesen und die Sendung des priesterlichen Dienstamtes ist die unverzichtbare Voraussetzung und zugleich die sicherste Führung und der entschiedenste Ansporn, um in der Kirche den pastoralen Einsatz für die Förderung und das Erkennen der Priesterberufe und für die Ausbildung der bereits zum geweihten Amt Berufenen zur Entfaltung zu bringen.

Die richtige und gründliche Kenntnis vom Wesen und der Sendung des priesterlichen Dienstamtes ist der Weg, den man geben muß - und den die Synode tatsächlich gegangen ist -, um aus der Krise um die Identität des Priesters herauszufinden: "Diese Krise war" - so sagte ich zum Abschluß der Synode - "in den Jahren unmittelbar nach dem Konzil entstanden. Sie hatte ihren Grund in einem irrigen, zuweilen sogar bewußt tendenziösen Verständnis der Lehre des Konzils. Hier liegt ohne Zweifel auch eine der Ursachen für die große Zahl von Verlusten, die die Kirche damals erlitt, Verluste, die den pastoralen Dienst und die Berufungen zum Priestertum, besonders die missionarischen Berufungen schwer getroffen haben. Es scheint, als wäre es der Synode von 1990 gelungen, nach diesen schmerzlichen Verlusten neue Hoffnung einzuflößen, indem sie durch so viele Beiträge, die wir in dieser Aula gehört haben, die priesterliche Identität in ihrer ganzen Tiefe wiederentdecken half. Diese Beiträge haben das Bewußtsein von der spezifischen ontologischen Verbundenheit des Priesters mit Christus, dem Hohenpriester und Guten Hirten, deutlich gemacht. Diese Identität liegt dem Wesen der Ausbildung zugrunde, die im Blick auf das Priestertum und damit das ganze Priesterleben hindurch erfolgen muß. Das war der eigentliche Zweck der Synode"(18). Deshalb hat es die Synode für notwendig gehalten, in zusammenfassender und grundlegender Weise das Wesen und die Sendung des Weihepriestertums so in Erinnerung zu rufen, wie sie der Glaube der Kirche durch die Jahrhunderte ihrer Geschichte anerkannt und das II. Vatikanische Konzil den Menschen unserer Zeit wieder vor Augen gestellt hat (19).

 

Kirche als Mysterium, Communio und Missio

 

12. "Die priesterliche Identität", - schrieben die Synodenväter, "hat wie jede christliche Identität ihren Ursprung in der göttlichen Trinität" (20), die sich den Menschen in Christus offenbart und selbst mitteilt, indem sie in ihm und durch den Geist die Kirche als "Keim und Anfang des Reiches" darstellt (21). Das Apostolische Schreiben Christifideles laici stellt in einer Zusammenfassung der Konzilslehre die Kirche als Mysterium, Communio und Missio vor. Sie "ist Geheimnis, weil die Liebe und das Leben des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die völlig unverdienten Gaben sind für alle, die aus dem Wasser und dem Geist geboren (vgl. Job 3,5), die berufen sind, die Communio Gottes selbst zu leben, zu bezeugen und in der Geschichte anderen mitzuteilen (Sendung)" (22).

Innerhalb des Mysteriums der Kirche als Geheimnis trinitarischer Gemeinschaft in missionarischer Spannung offenbart sich jede christliche Identität und somit auch die spezifische Identität des Priesters und seines Dienstes. Denn der Priester ist kraft seiner sakramentalen Weihe vom Vater gesandt durch Jesus Christus, dem Haupt und Hirten seines Volkes. Ihm ist er in besonderer Weise nachgestaltet, um in der Kraft des Heiligen Geistes im Dienst der Kirche und zum Heil der Welt zu leben und zu wirken (23).

Man kann die im wesentlichen "relationale" Kennzeichnung der Identität des Priesters so verstehen: Durch das Priestertum, das der Tiefe des unaussprechlichen Geheimnisses Gottes, das heißt der Liebe des Vaters, der Gnade Jesu Christi und der Gabe der Einheit des Heiligen Geistes, entspringt, ist der Priester sakramental in die Gemeinschaft mit dem Bischof und mit den anderen Priestern eingebunden, (24) um dem Volk Gottes, das die Kirche ist, zu dienen und alle zu Christus hinzuführen, dem Gebet des Herrn entsprechend: "Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir ... Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" (Joh 17,11.12).

Man kann also das Wesen und die Sendung des Priestertums des Dienstes nur in diesem vielfältigen und reichen Zusammenspiel von Beziehungen bestimmen, die aus der innergöttlichen Trinität kommen und sich in die Gemeinschaft der Kirche, als Zeichen und Werkzeug in Christus für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit, hinein fortsetzen (25). Auf diese Weise wird die Communio-Ekklesiologie entscheidend, um die Identität des Priesters, seine eigenständige Würde, seine Berufung und Sendung im Volk Gottes und in der Welt zu begreifen. Der Bezug auf die Kirche ist deshalb bei der Bestimmung der Identität des Priesters zwar notwendig, aber nicht vorrangig. Als Geheimnis ist die Kirche wesentlich auf Jesus Christus bezogen. Sie ist in der Tatseine Fülle, sein Leib, seine Braut. Sie ist das lebendige "Zeichen" und "Erinnerungsbuch" seiner ständigen Gegenwart und seines Wirkens unter uns und für uns. Der Priester findet die volle Wahrheit seiner Identität darin, sich von Christus herzuleiten, in besonderer Weise an Christus teilzuhaben und eine Weiterführung Christi, des einzigen Hohenpriesters des neuen und ewigen Bundes, zu sein: Er ist ein lebendiges und transparentes Abbild des, Priesters Christus. Das Priestertum Christi, Ausdruck der absoluten "Neuigkeit" der Heilsgeschichte, stellt den einzigen Ursprung und das unersetzliche Modell für das Priestertum des Gläubigen und im besonderen des geweihten Priesters dar. Der Bezug auf Christus ist also der absolut notwendige Schlüssel für das Verständnis aller Dimensionen priesterlicher Wirklichkeit.

 

Die grundlegende Beziehung zu Christus, dem Haupt und Hirten

 

13. Jesus Christus hat in sich selbst das vollkommene und endgültige Wesen des Priestertums des Neuen Bundes geoffenbart: (26) Er hat es während seines ganzen Erdenlebens getan, aber vor allem in dem zentralen Geschehen seines Leidens und Sterbens und seiner Auferstehung.

Wie der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt, ist Jesus, der Mensch ist wie wir und zugleich der eingeborene Sohn Gottes, in seinem Wesen vollkommener Mittler zwischen dem Vater und der Menschheit (vgl. Hebr 8-9), der uns durch die Gabe des Geistes den unmittelbaren Zugang zu Gott erschließt: ,Gott sandte den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater!" (Gal 4,6; vgl. Röm 8,15).

Zur vollen Verwirklichung bringt Jesus sein Wesen als Mittler durch die Selbsthingabe am Kreuz, mit der er uns ein für allemal den Zugang zum himmlischen Heiligtum, zum Haus des Vaters eröffnet (vgl. Hebr 9,24-28). Im Vergleich mit Jesus erscheinen Mose und alle "Mittler" des Alten Testaments zwischen Gott und seinem Volk - die Könige, Priester und Propheten - nur wie "Vorausbilder" und "ein Schatten der künftigen Güter", nicht wie "die Gestalt der Dinge selbst" (vgl. Hebr 10,1).

Jesus ist der angekündigte gute Hirt (vgl. Ez 34), der seine Schafe kennt, der sein Leben für sie hingibt und der alle sammeln will, sodaß es nur eine Herde und einen Hirten geben wird (vgl. Joh 10,10-16). Der Hirt ist gekommen, "nicht um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen" (Mt 20,28); der Hirt, der im österlichen Geschehen der Fußwaschung (vgl. Joh 13,1-20) den Seinen das Vorbild des Dienstes hinterläßt, wie sie ihn aneinander vollziehen sollen, und der sich freiwillig als "unschuldiges Lamm" hingibt, das um unserer Erlösung willen geschlachtet wird (vgl. Joh 1,36; Offb 5,6.12).

Durch das einzigartige und endgültige Opfer am Kreuz überträgt Jesus allen seinen Jüngern die Würde und Sendung von Priestern des neuen und ewigen Bundes. So erfüllt sich Gottes Verheißung an Israel: "Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören" (Ex 19,6). Das ganze Volk des Neuen Bundes - schreibt der hl. Petrus - soll als "ein geistiges Haus" "zu einer heiligen Priesterschaft" aufgebaut werden, "um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen" (1 Petr 2,5). Die Getauften sind die "lebendigen Steine", die das geistige Haus aufbauen, indem sie sich um Christus, den "lebendigen Stein, der ... von Gott auserwählt und geehrt worden ist", zusammenschließen (1 Petr 2,4-5). Die Kirche als das neue priesterliche Volk hat nicht nur in Christus ihr authentisches Bild, sondern empfängt von ihm auch eine wirkliche, ontologische Teilhabe an seinem ewigen und einzigen Priestertum, dem sie sich mit ihrem ganzen Leben anpassen soll.

 

14. Im Dienste dieses universalen Priestertums des Neuen Bundes ruft Jesus im Laufe seiner irdischen Heilssendung einige Jünger zu sich (vgl. Lk 10,1-12), und mit einem besonderen und glaubwürdigen Auftrag beruft und bestellt er die Zwölf, "die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämonen austrieben" (Mk 3,14-15).

Deshalb überträgt Jesus schon während seines öffentlichen Wirkens (vgl. Mt 16,18) und dann in vollem Ausmaß nach seinem Tod und seiner Auferstehung (vgl. Mt 28,16-20; Joh 20;21) Petrus und den Zwölf ganz besondere Vollmachten gegenüber der künftigen Gemeinde und für die Evangellsierung aller Völker. Nachdem er sie zu seiner Nachfolge berufen hat, behält er sie bei sich und lebt mit ihnen, wobei er ihnen durch Wort und Beispiel seine Heilslehre mitteilt, und sendet sie schließlich zu allen Menschen. Für die Erfüllung dieses Auftrags überträgt Jesus den Aposteln kraft einer besonderen österlichen Ausgießung des Heiligen Geistes eben die messianische Vollmacht, die ihm vom Vater zukommt und die ihm mit der Auferstehung voll übertragen worden ist: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,18-20).

Jesus stellt so eine enge Verbindung her zwischen dem Dienst, der den Aposteln anvertraut wurde, und seiner eigenen Sendung: "Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat" (Mt 10,40); "Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat" (Lk 10,16). ja, das vierte Evangelium bekräftigt im Lichte des Ostergeschehens des Todes und der Auferstehung kraftvoll und klar: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20,21; vgl. 13~0; 17,18). Wie Jesus einen Auftrag hat, der ihm direkt von Gott zukommt und, der die Autorität Gottes selbst konkretisiert (vgl. Mt 7,29; 21,23; Mk 1,27; 11,28; Lk 20,2; 24,19), so haben die Apostel einen Auftrag, der ihnen von Jesus zukommt. Und wie "der Sohn nichts von sich aus tun kann" (Job 5,19), also seine Lehre nicht von ihm stammt, sondern von dem, der ihn gesandt hat (vgl. Job 7,16), so sagt Jesus zu den Aposteln: "Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,5): Ihre Sendung kommt nicht von ihnen, sondern ist dieselbe wie die Sendung Jesu. Und das ist nicht aus menschlicher Kraft möglich, sondern durch die "Gabe" Christi und seines Geistes, mithin durch das "Sakrament": "Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert" (Job 20,22-23). Also nicht aus irgendeinem besonderen eigenen Verdienst, sondern einzig und allein durch die unverdiente Teilhabe an der Gnade Christi setzen die Apostel die Heilssendung Christi für die Menschen in der Geschichte fort bis ans Ende der Zeiten.

Zeichen und Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit und Fruchtbarkeit dieser Sendung ist die Einheit der Apostel mit Jesus und in ihm untereinander und mit dem Vater, wie das hohepriesterliche Gebet des Herrn, die Synthese seiner Sendung, bezeugt (vgl. Joh 17,20-23).

 

15. Die vom Herrn eingesetzten Apostel werden ihrerseits nach und nach ihre Sendung dadurch erfüllen, daß sie in verschiedenen, im letzten aber übereinstimmenden Formen andere Männer als Bischöfe, Presbyter und Diakone berufen, um den Auftrag des auferstandenen Jesus zu erfüllen, der sie zu allen Menschen aller Zeiten gesandt hat.

Das Neue Testament betont eindeutig, daß es der Geist Christi selbst ist, der diese von den Brüdern ausgewählten Männer in ihren priesterlichen Dienst einführt. Durch die Geste der Handauflegung (vgl. Apg 6,6; 1 Tim 4,14; 5,22; 2 Tim 1,6), die die Gabe des Geistes weitergibt, werden sie dazu berufen und befähigt, den Dienst der Versöhnung, der wachsamen Sorge für die Herde Gottes und der Verkündigung fortzusetzen (vgl. Apg 20,28; 1 Petr 5,2).

Darum sind die Priester aufgerufen, die Gegenwart Christi, des einen Hohepriesters, dadurch fortzusetzen, daß sie seinen Lebensstil mit ihrem Leben bezeugen und in der ihnen anvertrauten Herde gleichsam an sich selbst transparent werden lassen. Sehr klar und deutlich wird dies im ersten Petrusbrief umschrieben: "Eure Ältesten ermahne ich, da ich ein Ältester bin wie sie und ein Zeuge der Leiden Christi und auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird: Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen" (1 Petr 5,1-4).

Die Priester sind in der Kirche und für die Kirche eine sakramentale Vergegenwärtigung Jesu Christi, des Hauptes und Hirten; sie verkünden mit Vollmacht sein Wort, sie wiederholen sein vergebendes Wirken und sein umfassendes Heilsangebot, vor allem durch die Taufe, die Buße und die Eucharistie, sie sorgen wie er liebevoll bis zur völligen Selbsthingabe für die Herde, die sie in der Einheit sammeln und durch Christus im Geist zum Vater führen. Mit einem Wort, die Priester leben und handeln für die Verkündigung des Evangeliums an die Welt und für den Aufbau der Kirche im Namen und in der Person Christi, des Hauptes und Hirten (27).

Auf diese typische, spezifische Art und Weise nehmen die geweihten Diener an dem einen Priestertum Christi teil. Der Heilige Geist gestaltet sie durch die sakramentale Salbung auf eine neue und spezifische Weise Christus nach, dem Haupt und Hirten, er formt und beseelt sie mit der Hirtenliebe Christi und versetzt sie in der Kirche in die wirkmächtige Lebensaufgabe von Dienern an der Verkündigung des Evangeliums für alle Geschöpfe und Dienern an der Fülle des christlichen Lebens aller Getauften.

Die Wahrheit über den Priester, wie sie aus dem Wort Gottes, das heißt aus Jesus Christus selbst und aus seinem Gründungsplan für die Kirche hervorgeht, wird von der Liturgie in der Präfation der Chrisammesse mit Freude und Dankbarkeit besungen: "Du hast deinen eingeborenen Sohn gesalbt mit dem Heiligen Geist und ihn bestellt zum Hohenpriester des neuen und ewigen Bundes; du hast bestimmt, daß dieses eine Priestertum fortlebe in deiner Kirche. Denn Christus hat dein ganzes Volk ausgezeichnet mit der Würde seines königlichen Priestertums, aus ihm hat er 1 in brüderlicher Liebe Menschen erwählt, die durch Auflegen der Hände teilhaben an seinem priesterlichen Dienste.

In seinem Namen feiern sie immer neu das Opfer, durch das er die Menschen erlöst hat, und bereiten deinen Kindern das Ostermahl. Sie dienen deinem Volk in Werken der Liebe, sie nähren es durch das Wort und stärkenes durch die Sakramente.Ihr Leben sollen sie einsetzen für dich und das Heil der Menschen, dem Vorbild Christi folgen und ihre Liebe und ihren Glauben in Treue bezeugen." (Aus: Meßbuch für die Bistümer des deutschen

Sprachgebietes. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch, 1975.)

 

Im Dienst an Kirche und Welt

 

16. Die grundlegende Beziehung für den Priester ist die zu Jesus Christus, dem Haupt und Hirten: Denn er hat in spezifischer und wirkmächtiger Weise Anteil erhalten an der "Weihe", Salbung und "Sendung" Christi (vgl. Lk 4,18f.). Aber eng verflochten mit dieser Beziehung ist die Beziehung zur Kirche. Es handelt sich nicht einfach um von außen her zusammengeführte "Beziehungen", sondern sie sind in einer Art gegenseitiger Immanenz aus sich heraus miteinander verbunden. Die Beziehung zur Kirche gehört eben zu der einzigartigen Beziehung des Priesters zu Christus, und zwar in dem Sinne, daß die "sakramentale Vergegenwärtigung" Christi die Beziehung des Priesters zur Kirche begründet und beseelt.

In diesem Sinne haben die Synodenväter geschrieben: "Insofern er Christus als Haupt, Hirten und Bräutigam der Kirche repräsentiert, steht der Priester nicht nur in der Kirche, sondern auch der Kirche gegenüber. Das Priestertum gehört zusammen mit dem Wort Gottes und den sakramentalen Zeichen, denen es dient, zu den konstitutiven Elementen der Kirche. Der Dienst des Priesters ist ganz für die Kirche da; der Priester soll die Ausübung des gemeinsamen Priestertums des ganzen Gottesvolkes fördern; er ist nicht nur für die Ortskirche, sondern auch für die Gesamtkirche bestellt (vgl. Presbyterorum ordinis, 10), in Gemeinschaft mit dem Bischof, mit Petrus und unter Perus. Durch das Priestertum des Bischofs ist das Priestertum zweiter Ordnung in die apostolische Struktur der Kirche eingebunden. So tritt der Priester wie der Apostel als Gesandter an Christi Statt auf (vgl. 2 Kor 5,20). Darauf gründet sich der missionarische Wesenszug jedes Priesters (28).

Das geweihte Amt entsteht also mit der Kirche und hat in den Bischöfen und, in Beziehung und Gemeinschaft mit ihnen, in den Priestern einen besonderen Bezug zu dem ursprünglichen Dienst der Apostel, in dessen "Nachfolge" es wirklich steht, auch wenn es im Vergleich zu ihm ganz verschiedene Existenzformen annimmt.

Man darf also nicht meinen, es gäbe das Weihepriestertum früher als die Kirche, denn es steht völlig im Dienst eben dieser Kirche; aber ebensowenig darf man es später als die kirchliche Gemeinschaft ansetzen, so als könnte deren Gründung ohne das Priestertum verstanden werden.

Die Beziehung des Priester zu Jesus Christus und in ihm zu seiner Kirche liegt in der Existenz des Priesters selbst aufgrund seiner sakramentalen Weihe bzw. Salbung und in seinem Tun, das heißt in seiner Sendung bzw. seinem Dienst. Im besonderen "ist der Priester Diener des in der Kirche - in Form von Mysterium, Communio und Missio - gegenwärtigen Christus. Dadurch, daß er Anteil erhalten hat an der, Salbung und, Sendung Christi, kann er dessen Gebet, Wort, Opfer und Hellswirken in die Kirche hinein übersetzen. Er ist also Diener der Kirche als Geheimnis, weil er die kirchlichen und sakramentalen Zeichen der Gegenwart des auferstandenen Christus gegenwärtig setzt. Er ist Diener der Kirche als Gemeinschaft, weil er -verbunden mit dem Bischof und in enger Beziehung zum Presbyterium - Im Zusammenführen der verschiedenen Berufungen, Charismen und Dienste die Einheit der kirchlichen Gemeinschaft aufbaut. Und er ist schließlich Diener der Kirche als Sendung, weil er die Glaubensgemeinschaft zur Verkünderin und Zeugin der frohen Botschaft aufbaut (29).

So erscheint der Priester in seinem eigentlichen Wesen und in seiner sakramentalen Sendung innerhalb der Struktur der Kirche als Zeichen für den absoluten Vorrang und die Unentgeltlichkeit der Gnade, die der Kirche vom auferstandenen Christus als Geschenk zuteil wird. Durch das Weihepriestertum wird sich die Kirche im Glauben bewußt, daß sie ihr Sein nicht sich selbst, sondern der Gnade Christi im Heiligen Geist verdankt. Die Apostel und ihre Nachfolger stehen als Inhaber einer Vollmacht, die ihnen von Christus, dem Haupt und Hirten, zukommt, mit ihrem Dienst der Kirche gegenüber, als sichtbare Fortsetzung und sakramentales Zeichen Christi, der die Kirche und der Welt als ewige und immer neue Hellsquelle gegenübersteht, er, "der die Kirche gerettet hat, denn sie ist sein Leib" (Eph 5,23).

 

17. Das geweihte Amt kann aufgrund seiner Natur nur erfüllt werden, weil der Priester durch die sakramentale Einbeziehung in den Priesterstand mit Christus verbunden ist und sich somit in hierarchischer Gemeinschaft mit seinem Bischof befindet. Das geweihte Amt hat eine radikale "Gemeinschaftsform" und kann nur als "Gemeinschaftswerk" erfüllt werden (30). Mit diesem Gemeinschaftscharakter des Priestertums hat sich das Konzil lange beschäftigt,(31) indem es das Verhältnis des Priesters zu seinem Bischof, zu den anderen Priestern und zu den gläubigen Laien jeweils eigens untersuchte.

Der Dienst der Priester ist vor allem verantwortungsvolle und notwendige Verbundenheit und Mitarbeit am Dienst des Bischofs in der Sorge um die Universalkirche und um die einzelnen Teilkirchen; für den Dienst an ihnen bilden sie zusammen mit dem Bischof ein einziges Presbyterium. Jeder Priester, ob Welt- oder Ordenspriester, ist mit den anderen Mitgliedern dieses Presbyteriums aufgrund des Weihesakraments durch besondere Bande der apostolischen Liebe, des Dienstes und der Brüderlichkeit verbunden. Denn alle Welt und Ordenspriester haben teil an dem einen Priestertum Christi, des Hauptes und Hirten, "sie arbeiten für das gleiche Anliegen, nämlich für den Aufbau des Leibes Christi, der vielfältige Tätigkeiten und vor allem in der heutigen Zeit Neuanpassungen erfordert" (32) und im Laufe der Jahrhunderte mit immer neuen Charismen bereichert wird.

Schließlich stehen die Priester in einer positiven und anregenden Beziehung zu den Laien, denn ihre Gestalt und ihre Aufgabe in der Kirche ersetzen ja nicht das auf die Taufe zurückgehende gemeinsame Priestertum des ganzen Volkes Gottes, sondern fördern es, indem sie es zu seiner vollen kirchlichen Verwirklichung führen. Sie dienen dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe der Laien. Sie anerkennen und unterstützen als Brüder und Freunde die Würde der Kinder Gottes und helfen ihnen, ihre besondere Rolle im Rahmen der Sendung der Kirche voll auszuüben (33).

Das vom Welhesakrament übertragene Amtspriestertum und das gemeinsame oder "königliche" Priestertum der Gläubigen, die sich dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach unterscheiden (34). sind einander zugeordnet, stammen doch beide - in verschiedenen Formen - aus dem einen Priestertum Christi. Das Amtspriestertum bedeutet nämlich nicht an sich einen höheren Grad an Heiligkeit im Vergleich zum gemeinsamen Priestertum der Gläubigen; aber durch das Weihepriestertum wird den Priestern von Christus im Geist eine besondere Gabe verliehen, damit sie dem Volk Gottes helfen können, das ihm verliehene gemeinsame Priestertum getreu und vollständig auszuüben (35).

 

18. Wie das Konzil unterstreicht, rüstet die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, sie nicht für irgendeine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung bis an die Grenzen der Erde (Apg 1,8), denn jeder priesterliche Dienst hat teil an der weltweiten Sendung, die Christus den Aposteln aufgetragen hat" (36). Aufgrund des Wesens ihres Dienstes sollen sie daher von einem tiefen missionarischen Geist und "von jener wahrhaft katholischen Geisteshaltung" durchdrungen und beseelt sein, die sie dazu befähigt, "über die Grenzen der eigenen Diözese, der Nation oder des Ritus zu blicken und für die Bedürfnisse der ganzen Kirche einzustehen, stets bereit, das Evangelium überall zu verkünden" (37).

Außerdem soll der Priester, eben weil er innerhalb des Lebens der Kirche der Mann der Gemeinschaft ist, in der Beziehung zu allen Menschen der Mann der Sendung und des Dialogs sein. Tief verwurzelt in der Wahrheit und in der Liebe Christi und beseelt von dem Wunsch und dem Gebot, seine Heilsbotschaft allen zu verkünden, ist er dazu berufen, zu allen Menschen Beziehungen der Brüderlichkeit, des Dienstes, der gemeinsamen Wahrheitssuche, der Förderung von Gerechtigkeit und Frieden zu knüpfen. An erster Stelle zu den Brüdern und Schwestern der anderen christlichen Kirchen und Konfessionen; aber auch zu dem Gläubigen der anderen Religionen; zu den Menschen guten Willens und ganz besonders zu den Armen und Schwachen und zu allen, die sich, auch ohne es zu wissen oder zu äußern, nach der Wahrheit und nach dem Heil Christi sehnen, gemäß dem Wort Jesu, der gesagt hat: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken; ... ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten'' (Mk 2,17).

Insbesondere die vorrangige pastorale Aufgabe der Neu-Evangelisierung, die das ganze Volk Gottes betrifft und einen neuen Eifer, neue Methoden und eine neue Ausdruckskraft für die Verkündigung und das Zeugnis des Evangeliums fordert, verlangt heute Priester, die radikal und vollständig in das Geheimnis Christi eingetaucht und fähig sind, einen neuen, von der tiefen Verbundenheit mit dem Papst, den Bischöfen und untereinander und von einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den gläubigen Laien gekennzeichneten pastoralen Lebensstil zu verwirklichen in der Achtung und Förderung der verschiedenen Rollen, Charismen und Dienste innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft (38).

"Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt" (Lk 4,21). Hören wir uns diese Worte Jesu noch einmal im Lichte des Weihepriestertums an, das wir in seinem Wesen und seiner Sendung dargelegt haben. Das "Heute", von dem Jesus spricht, weist auf die Zeit der Kirche hin, eben weil es zur Fülle der Zeit, das heißt der Zeit des vollen und endgültigen Heils, gehört und sie bestimmt. Die Salbung und die Sendung Christi, ausgedrückt in dem Schriftwort "Der Geist des Herrn ... hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe..." (Lk 4,18), sind die lebendige Wurzel, aus der die Weihe und die Sendung der "von Christus erfüllten'' (vgl. Eph 1,23) Kirche herauswachsen: Mit der Wiedergeburt in der Taufe ergießt sich auf alle Gläubigen der Geist des Herrn, der sie dafür weiht, ein geistiges Haus und eine heilige Priesterschaft aufzubauen, und sie aussendet, die großen Taten dessen zu verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat (vgl. 1 Petr 2,4-10). Der Priester hat an der Salbung und Sendung Christi in besonderer und wirkmächtiger Weise teil, nämlich durch das Weihesakrament, kraft dessen er in seinem Wesen Jesus Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestaltet wird und die Sendung teilt, im Namen und in der Person Christi selbst "den Armen eine gute Nachricht zu bringen".

In ihrer Schlußbotschaft haben die Synodenväter in wenigen, aber um so reicheren Worten die "Wahrheit", besser das "Geheimnis" und das "Geschenk" des Weihepriestertums so zusammengefaßt: "Unsere Identität hat ihre letzte Quelle in der Liebe des Vaters. Mit dem von ihm gesandten Sohn, dem Hohenpriester und Guten Hirten, sind wir durch das Weihepriestertum in der Kraft des Heiligen Geistes sakramental verbunden. Das Leben und der Dienst des Priesters sind eine Fortsetzung des Lebens und Wirkens Christi selbst. Das ist unsere Identität, unsere wahre Würde, die Quelle unserer Freude und die Zuversicht unseres Lebens (39).

 

KAPITEL III

 

DER GEIST DES HERRN RUHT AUF MIR

Das geistlicbe Leben des Priesters

 

Eine" besondere" Berufung zur Heiligkeit

19. "Der Geist des Herrn ruht auf mir" (Lk 4,18). Der Geist befindet sich nicht nur "über" dem Messias, sondern er "erfüllt" ihn, er durchdringt ihn, er erreicht ihn in seinem Sein und Wirken. Denn der Geist ist der Anfang der "Weihe" und der "Sendung" des Messias: "Der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe . . ." (Lk 4,18) Durch den Geist gehört Jesus vollständig und ausschließlich zu Gott, hat teil an der unendlichen Heiligkeit Gottes, der ihn ruft, ihn erwählt und ihn sendet. So offenbart sich der Geist des Herrn als Quelle der Heiligkeit und Aufruf zur Heiligung.

Dieser selbe "Geist des Herrn" ruht auf mir dem ganzen Volk Gottes, das verstanden wird als Gott "geweihtes" und von Gott "gesandtes" Volk zur Verkündigung des heilbringenden Evangeliums. Die Mitglieder des Volkes Gottes sind "getränkt" und "gezeichnet" vom Geist (vgl. 1 Kor 12,13; 2 Kor 1,21ff, Eph 1,13; 4,30) und zur Heiligkeit berufen.

Im besonderen offenbart und vermittelt uns der Geist die grundlegende Berufung, die der Vater von Ewigkeit her an alle richtet: die Berufung, "heilig und untadelig (zu) leben vor Gott", weil er uns ... im voraus dazu bestimmt hat, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus (Eph 1,4-5). Der Geist offenbart und vermittelt uns nicht nur diese Berufung, er wird in uns auch Anfang und Quelle ihrer Verwirklichung: er, der Geist des Sohnes (vgl. Gal 4,6), macht uns Jesus Christus gleichförmig und läßt uns teilhaben an seinem Leben als Sohn, das heißt an seiner Liebe zum Vater und zu den Menschen: "Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen'' (Gal 5,25). Mit diesen Worten erinnert uns der Apostel Paulus daran, daß das christliche Dasein "geistliches Leben" ist, das heißt ein vom Geist beseeltes Leben, das von ihm zur Heiligkeit bzw. zur vollkommenen Liebe geführt wird.

Die Aussage des Konzils, "daß alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind", (40) findet eine besondere Anwendung auf die Priester: Sie sind nicht nur als Getaufte berufen, sondern auch und ganz besonders als Priester, das heißt mit einer neuen Würde und unter eigenständigen Bedingungen, die sich aus dem Weihesakrament ableiten lassen.

 

20. Eine sehr reiche und anregende Zusammenfassung über das "geistliche Leben" der Priester und die Hingabe und Verantwortlichkeit, zu "Heiligen" zu werden, bietet uns das Konzilsdekret über Dienst und Leben der Priester: "Das Weihesakrament macht die Priester Christus, dem Priester, gleichförmig. Denn sie sind Diener des Hauptes zur vollkommenen Auferbauung seines ganzen Leibes, der Kirche, und Mitarbeiter des Bischofsstandes. Schon in der Taufweihe haben sie, wie alle Christen, Zeichen und Geschenk der so hohen gnadenhaften Berufung zur Vollkommenheit empfangen, nach der sie, bei aller menschlichen Schwäche, streben können und müssen, wie der Herr sagt: Ihr aber sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5,48). Als Priester sind sie jedoch in besonderer Weise zum Streben nach dieser Vollkommenheit verpflichtet. Denn im Empfang des Weihesakramentes Gott auf neue Weise geweiht, sind sie lebendige Werkzeuge Christi, des ewigen Priesters, geworden, damit sie sein wunderbares Werk, das mit Kraft von oben die ganze menschliche Gesellschaft erneuert hat, durch die Zeiten fortzuführen vermögen. jeder Priester vertritt also, seiner Weihestufe entsprechend, Christus. Darum erhält er auch die besondere Gnade, durch den Dienst an der ihm anvertrauten Gemeinde und am ganzen Volk Gottes besser der Vollkommenheit dessen nachzustreben, an dessen Stelle er steht, und für die Schwäche seiner menschlichen Natur Heilung in der Heiligkeit dessen zu finden, der für uns ein heiliger, unschuldiger, unbefleckter, von den Sünden geschiedener Hoherpriester (Hebr 4,26) geworden ist" (41).

Das Konzil betont vor allem die "gemeinsame" Berufung zur Heiligkeit. Diese Berufung hat ihre Wurzel in der Taufe, die den Priester als "Christgläubigen" (Christifidelis), als Bruder unter Brüdern" charakterisiert, der in das Volk Gottes eingebunden und mit ihm verbunden ist in der Freude, die Hellsgaben zu teilen (vgl. Eph 4,4-6) und in der gemeinsamen Verpflichtung, "gemäß dem Geist voranzugehen und dem einen Meister und Herrn zu folgen. Wir denken an das berühmte Wort des hl. Augustinus: Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes ist ein übernommenes Amt, dieses Gnade; jenes bezeichnet Gefahr, dieses Heil und Rettung (42).

Mit gleicher Klarheit spricht der Konzilstext auch von einer "spezifischen" Berufung zur Heiligkeit, genauer von einer Berufung, die sich auf das Weihesakrament als eigentliches und besonderes Sakrament des Priesters gründet, das kraft einer neuen Wei he an Gott realisiert wird. Auf diese Berufung besonderer Art spielt auch der hl. Augustinus an, wenn er dem Satz Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ" noch diese Worte folgen läßt: "Daher werde ich, auch wenn es für mich Grund zu größerer Freude ist, mit euch erlöst als an eure Spitze gestellt worden zu sein, dem Gebot des Herrn folgen und mich mit größtem Einsatz dem Dienst an euch widmen, um nicht gegenüber dem undankbar zu sein, der mich um den Preis erlöst hat, daß er mich zu eurem dienenden Mitbruder gemacht hat (43).

Der Konzilstext fährt fort mit dem Hinweis auf einige Elemente, die notwendig sind, um den Inhalt des "Spezifikums" im geistlichen Leben der Priester näher zu bestimmen. Es sind Elemente, die im Zusammenhang stehen mit der "Weihe" der Priester, die sie Jesus Christus, dem Haupt und Hirten der Kirche, "gleichförmig macht"; mit der "Sendung" als dem kennzeichnenden Dienst der Priester, die sie dazu befähigt und verpflichtet, "lebendige Werkzeuge Christ, des ewigen Priesters", zu sein und "im Namen und in der Person Christi selbst" zu handeln; mit ihrem ganzen "Leben", das dazu berufen ist, auf eigenständige Weise die "Radikalität des Evangeliums (44) zu bekunden und zu bezeugen.

 

Die Gleichgestaltung mit Jesus Christus, dem Haupt und Hirten, und die pastorale Liebe

 

21. Durch das Welhesakrament wird der Priester Jesus Christus als dem Haupt und Hirten der Kirche gleichgestaltet und empfängt als Geschenk eine "geistliche Vollmacht", die Teilhabe an der Autorität bedeutet, mit der Jesus Christus durch seinen Geist die Kirche führt (45).

Dank dieser vom Geist bei der Spendung des Weihesakramentes bewirkten Hellsgnade wird das geistliche Leben des Priesters von jenen Grundhaltungen und Ausdrucksweisen geprägt, geformt und gekennzeichnet, die Jesus Christus als Haupt und Hirt der Kirche eigen und in seiner Hirtenliebe zusammengefaßt sind.

Jesus Christus ist Haupt der Kirche, die sein Leib ist. Er ist "Haupt" in dem neuen, eigentümlichen Sinn des "Diener-Seins", wie seine eigenen Worte bezeugen. "Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,45). Seine ganze Fülle erlangt der Dienst Jesu mit dem Kreuzestod, das heißt mit der totalen Selbsthingabe in Demut und Liebe: "Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,7-8). Die Autorität Jesu Christi als Haupt fällt also mit seinem Dienst zusammen, mit seiner Haltung des Schenkens, mit seiner totalen, demütigen und liebevollen Hingabe gegenüber der Kirche. All dies tat Christus in vollkommenem Gehorsam gegenüber dem Vater: Er ist der einzige wahre leidende Gottesknecht, zugleich Priester und Opfer.

Von dieser Art von Autorität, also vom Dienst gegenüber der Kirche, wird das geistliche Leben jedes Priesters als Anspruch aus seiner Gleichgestaltung mit Jesus Christus, dem Haupt und Diener der Kirche, beseelt und belebt (46). So ermahnte der hl. Augustinus einen Bischof am Tag seiner Weihe: "Wer Haupt des Volkes ist, muß sich zuallererst bewußt sein, daß er der Diener vieler ist. Und verschmähe.nicht, es zu sein, ich wiederhole, verschmähe nicht, der Diener vieler zu sein, denn der allerhöchste Herr hat es nicht verschmäht, unser Diener zu werden" (47).

Das geistliche Leben der Diener des Neuen Bundes wird also von dieser Grundhaltung des Dienstes am Volk Gottes geprägt sein müssen (vgl. Mt 20,24ff; Mk 10,43-44), frei von jeder Anmaßung und von jedem Verlangen, die anvertraute Herde "zu beherrschen" (vgl. 1 Petr 5,2f.). Es geht um einen Dienst, der gern und nach Gottes Willen getan wird: Auf diese Weise werden die "Ältesten" der Gemeinde, also die Priester, Modell" für die Herde sein können, die ihrerseits dazu berufen ist, gegenüber der ganzen Welt diese priesterliche Haltung anzunehmen und der Fülle des menschlichen Lebens und seiner ganzheitlichen Befreiung zu dienen.

 

22. Das Bild von Jesus Christus als dem Hirten der Kirche, die seine Herde ist, greift inhaltlich den Gedanken von Jesus Christus als Haupt und Diener wieder auf und stellt ihn uns mit neuen und sehr eindrucksvollen Nuancen vor. Unter Bezugnahme auf die prophetische Ankündigung des Messias und Erlösers, der vom Psalmisten und vom Propheten Ezechiel jubelnd besungen wird (vgl. Ps 23; Ez 34,11 ff.), stellt sich Jesus selbst als "der gute Hirte" (Joh 10,11. 14) nicht nur Israels, sondern aller Menschen vor (vgl. Job 10,16). Und sein Leben ist ein ununterbrochener Erweis, ja eine tägliche Verwirklichung seiner Hirtenliebe": Er hat Mitleid mit den Menschen, weil sie müde und erschöpft sind wie Schafe, die keinen Hirten haben (vgl. Mt 9,35-36); er sucht die Verlorenen und Verirrten (vgl. Mt 18,12-14) und feiert ihr Wiederheimfinden, er sammelt und verteidigt sie, er kennt sie und ruft sie einzeln beim Namen (vgl. Joh 10,3), er führt sie auf grüne Weiden und zum Ruheplatz am Wasser (vgl. Ps 23,2), er bereitet für sie einen Tisch und nährt sie mit seinem eigenen Leben. Dieses Leben bringt der Gute Hirte durch seinen Tod und seine Auferstehung als Opfer dar, wie es die Liturgie der römischen Kirche besingt: "Auferstanden ist der Gute Hirt. Er gab sein Leben für seine Schafe. Er ist für seine Herde gestorben. Halleluja" (48).

Petrus nennt Jesus den "obersten Hirten" (1 Petr 5,4), weil sein Werk und seine Sendung durch die Apostel (vgl. Joh 21,15ff.) und ihre Nachfolger (vgl. 1 Petr 5,lff.) und durch die Priester in der Kirche fortgeführt werden. Kraft ihrer Weihe werden die Priester Jesus, dem Guten Hirten, gleichgestaltet und sind dazu berufen, seine Hirtenliebe nachzuahmen und mit ihrem Leben zu bezeugen.

Das Sich-Schenken Christi an die Kirche als Frucht seiner Liebe ist gekennzeichnet von jener ursprünglichen Hingabe, die dem Bräutigam gegenüber der Braut eigen ist, woran die heiligen Texte immer wieder erinnern. Jesus ist der wahre Bräutigam, der die Kirche den Wein des Heils darbietet (vgl. Joh 2,11). Er, der "das Haupt der Kirche ist und sie gerettet hat, denn sie ist sein Leib" (Eph 5,23), "hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler, heilig soll sie sein und makellos" (Eph 5,25-27). Die Kirche ist der Leib, in dem Christus, das Haupt, gegenwärtig und wirksam ist, aber sie ist auch die Braut, die als neue Eva aus der geöffneten Seite des Erlösers am Kreuz erwächst: Darum steht Christus "vor" der Kirche, nährt und pflegt" sie (Eph 5,29) durch die Hingabe seines Lebens für sie. Der Priester ist berufen, lebendiges Abbild Jesu Christi, des Bräutigams der Kirche, zu sein: (49) Sicher, er bleibt immer Teil der Gemeinde, als Glaubender zusammen mit allen anderen vom Geist zusammengerufenen Brüdern und Schwestern, aber kraft seiner Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt und Hirten, befindet er sich der Gemeinde gegenüber in dieser Haltung des Bräutigams. "Insofern er Christus als Haupt, Hirt und Bräutigam der Kirche darstellt, steht der Priester nicht nur in der Kirche, sondern auch der Kirche gegenüber" (50). Er ist also dazu berufen, in seinem geistlichen Leben die Liebe des Bräutigams Christus zu seiner Braut, der Kirche, wiederzubeleben. Sein Leben soll auch von diesem Wesensmerkmal erleuchtet und angeleitet werden, das von ihm verlangt, Zeuge der Liebe Christi als des Bräutigams seiner Kirche und somit fähig zu sein, das Volk zu lieben mit neuem, großem und reinem Herzen, mit echtem Abstand zu sich selbst, mit voller, ständiger und treuer Hingabe und zugleich mit einer Art göttlicher "Eifersucht" (vgl. 2 Kor 11,2), mit einer Zartheit, die sich sogar Nuancen der mütterlichen Liebe zu eigen macht und .Geburtswehen" erleidet, bis "Christus in den Gläubigen Gestalt annimnit" (vgl. Gal 4,19).

 

23. Das innere Prinzip, die Kraft, die das geistliche Leben des Priesters, insofern er Christus, dem Haupt und Hirten, nachgebildet ist, beseelt und leitet, ist die pastorale Liebe, die Teilhabe an der Hirtenliebe Jesu Christi. Sie ist unverdientes Geschenk des Heiligen Geistes und zugleich Aufgabe und Appell an die freie und verantwortungsvolle Antwort des Priesters.

Der wesentliche Gehalt der pastoralen Liebe ist die Verfügbarkeit des eigenen Ich als ganzheitliche Selbsthingabe an die Kirche, nach dem Vorbild und in Teilnahme an der Hingabe Christi. "Die pastorale Liebe ist die Tugend, mit der wir Christus in seiner Selbsthingabe und in seinem Dienst nachahmen. Nicht nur was wir tun, sondern unsere Selbsthingabe zeigt die Liebe Christi zu seiner Herde. Die pastorale Liebe bestimmt unser Denken und Handeln, die Art unseres Umgangs mit den Menschen. Und sie erweist sich als besonders anspruchsvoll für uns..." (51).

Empfängerin der Selbsthingabe, als der Wurzel und Synthese der pastoralen Liebe, ist die Kirche. Das galt für Christus, der "die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat" (Eph 5,25); das soll auch für den Priester gelten. Durch die pastorale Liebe, die die Ausübung des Priesteramtes als "amoris officium (52) prägt, "ist der Priester, der die Berufung zum Dienst empfängt, in der Lage, daraus eine Liebesentscheidung zu machen, aufgrund welcher die Kirche und die Seelen zu seinem Hauptinteresse werden. Er selbst wird durch diese konkrete Spiritualität fähig, die Universalkirche und jenen Teil von ihr, der ihm anvertraut ist, zu lieben mit der ganzen Beschwingtheit eines Bräutigams gegenüber der Braut" (53). Die Selbsthingabe hat keine Grenzen, da sie von der apostolischen und missionarischen Beschwingtheit Christi, des Guten Hirten, gekennzeichnet ist, der gesagt hat: "Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten" (Joh 10,16).

Innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft betreibt und erfordert die pastorale Liebe des Priesters ganz besonders seine persönliche Beziehung zu dem in und mit dem Bischof verbundenen Presbyterium, wie das Konzil ausdrücklich schreibt: "Die Hirtenliebe erfordert, daß die Priester, um nicht ins Leere zu laufen, immer in enger Verbindung mit den Bischöfen und mit den anderen Mitbrüdern im Priesteramt arbeiten" (54).

Die Selbsthingabe an die Kirche betrifft die Kirche als Leib und Braut Jesu Christi. Darum bezieht sich die Liebe des Priesters in erster Linie auf Jesus Christus: Nur wenn er Christus als Haupt und Bräutigam liebt und ihm dient, wird die Liebe zur Quelle, zum Kriterium, Maßstab und Anstoß für die Liebe und den Dienst des Priesters an der Kirche als Leib und Braut Christi. Dessen war sich der Apostel Paulus mit klarer Eindringlichkeit bewußt, als er an die Christen der Kirche von Korinth schrieb: "Wir aber sind eure Knechte um Jesu willen" (2 Kor 4,5). Das ist vor allem die ausdrückliche und programmatische Lehre Jesu, wenn er Petrus erst nach dessen dreifacher Liebesbezeugung - ja, einer Liebe, die schon "Vorzugsliebe" ist - den Auftrag erteilt, seine Herde zu weiden: "Zum drittenmal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? ... Petrus sagte zu ihm: Herr, du weißt alles, du weißt, daß,ich dich liebhabe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe. . ." (Joh 21,17).

Die Hirtenliebe, die ihren spezifischen Ursprung im Weihesakrament hat, findet in der Eucharistie ihren vollen Ausdruck und ihre wichtigste Nahrung: "Diese Hirtenliebe erwächst am stärksten aus dem eucharistischen Opfer. Es bildet daher Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens, sodaß der Priester in seinem Herzen auf sich beziehen muß, was auf dem Opferaltar geschieht" (55). Denn in der Eucharistie wird das Kreuzesopfer, die totale Selbsthingäbe Christi an seine Kirche, das Geschenk seines hingegebenen Leibes und seines vergossenen Blutes von neuem gegenwärtig gemacht als erhabenstes Zeugnis dafür, daß er Haupt und Hirt, Diener und Bräutigam der Kirche ist. Eben deshalb erwächst die Hirtenliebe des Priesters nicht nur aus der Eucharistie, sondern findet in ihrer Feier gleichzeitig ihre höchste Verwirklichung, sodaß er aus der Eucharistie die Gnade und Verantwortung empfängt, seine ganze Existenz im Sinn des Opfers Jesu Christi zu prägen.

Diese pastorale Liebe stellt das innere und dynamische Prinzip dar, das die vielfältigen und verschiedenen Tätigkeiten des Priesters zu vereinigen vermag. Durch sie kann der wesentliche und dauernde Anspruch einer Einheit zwischen dem inneren Leben und den vielen Aktivitäten und Verantwortlichkeiten des priesterlichen Dienstes realisiert werden; es handelt sich um ein äußerst dringendes Erfordernis in einem soziokulturellen und ekklesialen Kontext, der stark von Kompliziertheit, Bruchstückhaftigkeit und Zersplitterung gezeichnet ist. Allein die Ausrichtung jedes Augenblicks und jeder Handlung auf die grundlegende und qualifizierende Entscheidung, .das Leben für die Herde hinzugeben", vermag diese Einheit zu gewährleisten, die für die harmonische Ausgeglichenheit und das geistige Gleichgewicht des Priesters lebensnotwendig, ja unerläßlich ist: "Die Priester können diese Lebenseinheit erreichen, wenn sie in der Ausübung ihres Amtes dem Beispiel Christi, des Herrn, folgen, dessen Speise es war, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hatte, um sein Werk zu vollenden ... Wenn sie so die Rolle des Guten Hirten übernehmen, werden sie gerade in der Betätigung der Hirtenliebe das Band der priesterlichen Vollkommenheit finden, das ihr Leben und Wirken zur Einheit verknüpft" (56).

 

Das geistliche Leben in der Ausübung des Priesteramtes

 

24. Der Geist des Herrn hat Christus gesalbt und ihn gesandt, damit er das Evangelium verkünde (vgl. Lk 4,18). Die Sendung ist kein äußerliches Element neben der Weihe, sondern sie stellt deren inneres Lebensziel dar: die Weihe ist um der Sendung willen da. Somit steht nicht nur die Weihe, sondern auch die Sendung unter dem Zeichen des Geistes, unter seinem heiligenden Einfluß.

So war es bei Jesus. So war es bei den Aposteln und bei ihren Nachfolgern. So ist es bei der ganzen Kirche und in ihr bei den Priestern: alle empfangen den Geist als Geschenk und Aufruf zur Heiligung sowohl im eigenen Inneren wie bei der Erfüllung ihrer Sendung (57).

Es besteht also eine innige Beziehung zwischen dem geistlichen Leben des Priesters und der Ausübung seines Dienstes, (58) was das Konzil so formuliert: "Indem sie also den Dienst des Geistes und der Gerechtigkeit erfüllen (vgl. 2 Kor 3,8-9), werden sie (die Priester) im Leben des Geistes gefestigt, sofern sie nur auf Christi Geist, der sie belebt und führt, hören. Gerade die täglichen heiligen Handlungen, wie ihr gesamter Dienst, den sie in Gemeinschaft mit dem Bischof und ihren priesterlichen Mitbrüdern ausüben, lenken sie auf ein vollkommeneres Leben hin. Die Heiligkeit der Priester wiederum trägt im höchsten Maß zur größeren Fruchtbarkeit ihres besonderen Dienstes bei" (59).

"Ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes!" Diese mahnende Aufforderung richtet die Kirche beim Weiheritus an den Priester, wenn ihm die Gaben des heiligen Volkes für das eucharistische Opfer überreicht werden. Das "Geheimnis", dessen Verwalter" (vgl. 1 Kor 4,1) der Priester ist, ist letzten Endes Jesus Christus Selbst, der im Geist Quelle der Heiligkeit und Aufruf zur Heiligung ist. Dieses "Mysterium" erfordert seine Bezeugung im konkreten Lebensvollzug des Priesters. Dazu bedarf es großer Wachsamkeit und eines lebendigen Bewußtseins. Wiederum ist es der Weiheritus, der den vorhin erwähnten Worten die Empfehlung vorausschickt: "Bedenke, was du tust." Schon Paulus mahnte den Bischof Timotheus: "Vernachlässige die Gnade nicht, die in dir ist" (1 Tim 4,14; vgl. 2 Tim 1,6).

Die Beziehung zwischen dem geistlichen Leben und der Ausübung des priesterlichen Dienstamtes kann auch von der pastoralen Liebe her erklärt werden, die ihm durch das Weihesakrament zugeeignet wird. Der priesterliche Dienst muß, eben weil er teilhat am heilbringenden Dienst Jesu Christi, des Hauptes und Hirten, dessen Hirtenliebe, die zugleich die Quelle und der Geist seines Dienstes und seiner Selbsthingabe ist, neu zum Ausdruck bringen und beleben. In seiner objektiven Realität ist der priesterliche Dienst nach dem zitierten Wort des hl. Augustinus "officium amoris": Eben diese objektive Realität gilt als Fundament und Aufforderung zu einem entsprechenden Ethos, das nichts anderes bedeuten kann, als die Liebe vorzuleben, wie der hl. Augustinus gleichfalls darlegt: "Sit amoris officium pascere dominicum gregem" (60) ("Die Pflicht der Liebe soll es sein, die Herde des Herrn zu weiden"). Dieses Ethos des geistlichen Lebens ist nichts anderes als im Bewußtsein und in Freiheit, also im Geist, im Herzen, in den Entscheidungen und Handlungen, die "Wahrheit" des priesterlichen Dienstes als Officium amoris anzunehmen.

 

25. Für ein geistliches Leben, das sich durch die Ausübung des Dienstes entfaltet, ist es wesentlich, daß der Priester das Bewußtsein, kraft des Weihesakramentes und der Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt und Hirten der Kirche, Diener Jesu Christi zu sein, ständig erneuert und weiter vertieft. Ein solches Bewußtsein entspricht nicht nur dem wahren Wesen der Sendung, die der Priester für die Kirche und die Menschheit erfüllt, sondern ist auch entscheidend für das geistliche Leben des Priesters beim Vollzug dieser Sendung. Denn der Priester wird ja von Christus nicht wie eine Sache" erwählt, sondern als "Person": er ist kein träges, passives Werkzeug, sondern ein Lebendiges Werkzeug": so drückt sich das Konzil dort aus, wo es davon spricht, daß die Priester zum Streben nach Vollkommenheit verpflichtet sind (61). Ebenfalls spricht das Konzil von den Priestern als den "Gefährten und Helfern" des "heiligen und heiligenden" Gottes (62).

In diesem Sinne ist die bewußte, freie und verantwortliche Person des Priesters in die Ausübung des Dienstes auf das tiefste miteinbezogen. Die Verbundenheit mit Jesus Christus, die durch die im Sakrament empfangene Weihe und die Gleichgestaltung gewährleistet wird, begründet und erfordert beim Priester eine weitere Bindung, die aus seiner Grundintention", das heißt aus seinem bewußten und freien Willen kommt, durch seinen Dienst das zu tun, was die Kirche zu tun vorhat. Eine Bindung neigt aufgrund ihrer Natur dazu, im Leben möglichst umfassend und tiefgreifend zu werden. Dies geschieht dadurch, daß sie den Verstand, die Gefühle, das Leben, also eine Reihe moralischer und spiritueller "Dispositionen" prägt, die dem amtlichen Handeln des Priesters entsprechen.

Es besteht kein Zweifel, daß die Ausübung des priesterlichen Dienstes, im besonderen die Feier der Sakramente, ihre Heilswirksamkeit von dem in den Sakramenten gegenwärtig gemachten Handeln Jesu Christi selbst erhält. Aber aufgrund eines göttlichen Planes, der die absolute Unverdientheit der Heilsrettung hervorhebt" indem er aus dem Menschen einen "Geretteten" und zugleich - immer und nur mit Jesus Christus - einen "Retter" macht, ist die Wirksamkeit der Dienstausübung auch mitbedingt von der größeren oder geringeren Annahme und Teilnahme (63). Im besonderen beeinflußt die größere oder geringere Heiligkeit des Dieners tatsächlich die Verkündigung des Wortes, die Feier der Sakramente, die Leitung der Gemeinde in Liebe. Das alles bestätigt das Konzil ganz klar: "Die Heiligkeit der Priester ( ... ) trägt in höchstem Maß zur größeren Fruchtbarkeit ihres besonderen Dienstes bei. Denn obwohl die Gnade Gottes auch durch unwürdige Diener das Heilswerk durchführen kann, so will Gott doch seine Hellswunder für gewöhnlich lieber durch diejenigen kundtun, die sich dem Antrieb und der Führung des Heiligen Geistes mehr geöffnet haben und darum wegen ihrer innigen Verbundenheit mit Christus und wegen eines heiligmäßigen Lebens mit dem Apostel sprechen können: Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir (Gal 2,20)" (64).

Das Wissen darum, Diener Jesu Christi, des Hauptes und Hirten, zu sein, bringt auch das dankbare und freudige Bewußtsein mit sich, von Jesus Christus eine einzigartige Gnade empfangen zu haben: die Gnade und das Glück, vom Herrn unverdientermaßen als "lebendiges Werkzeug" seines Heilswirkens erwählt worden zu sein. Diese Erwählung bezeugt die Liebe Jesu Christi zum Priester. Gerade diese Liebe verlangt genauso und noch mehr als jede andere Liebe Erwiderung. Nach seiner Auferstehung stellt Jesus an Petrus die grundlegende Frage nach seiner Liebe: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?" Und auf die Antwort des Petrus folgt die Betrauung mit der Sendung: "Weide meine Lämmer!" (Ich 21,15) Jesus fragt Petrus, ob er ihn liebe, zunächst um ihm seine Herde anvertrauen zu können. Tatsächlich aber ist die freie und zuvorkommende Liebe Jesu selbst die auslösende Ursache dafür, daß er dem Apostel seine Frage stellt und ihm "seine" Schafe anvertraut. Alles Handeln des Priesters zielt dahin, die Kirche zu lieben und ihr zu dienen und ist gleichzeitig darauf ausgerichtet, immer mehr zu reifen in der Liebe zu und im Dienst für Jesus Christus, der Haupt, Hirte und Bräutigam der Kirche ist. Es handelt sich um eine Liebe, die sich stets nur als Antwort auf die zuvorkommende, freie und unverdiente Liebe Gottes in Christus gestaltet. Das Wachsen in der Liebe zu Jesus Christus bestimmt seinerseits das Wachsen in der Liebe zur Kirche: "Wir sind eure Hirten (pascimus vobis), gemeinsam mit euch empfangen wir Nahrung (pascimur vobiscum). Der Herr gebe uns die Kraft, euch so zu lieben, daß wir entweder wirklich oder im Herzen (aut effectu aut affectu) für euch sterben können (65).

 

26. Dank der wertvollen Lehre des II. Vatikanischen Konzils (66) können wir die Bedingungen und Erfordernisse, die Auswirkungen und Früchte der engen Beziehung zwischen dem geistlichen Leben des Priesters und der Ausübung seines dreifachen-Dienstamtes - Dienst des Wortes, Dienst der Sakramente und Dienst der Liebe - erfassen.

Der Priester ist zunächst Diener des Wortes Gottes, er ist geweiht und gesandt, allen das Evangelium vom Reich Gottes zu verkünden, indem er jeden Menschen zum Glaubensgehorsam ruft und die Gläubigen zu einer immer tieferen Kenntnis und Gemeinschaft des Geheimnisses Gottes führt, das uns in Christus geoffenbart und mitgeteilt wurde. Darum muß der Priester zuallererst selber eine große persönliche Vertrautheit mit dem Wort Gottes entwickeln: Für ihn genügt es nicht, dessen sprachlichen oder exegetischen Aspekt zu kennen, der sicher auch notwendig ist; er muß sich dem Wort mit bereitem und betendem Herzen nähern, damit es tief in seine Gedanken und Gefühle eindringt und in ihm eine neue Gesinnung erzeugt - "den Geist Christi" (1 Kor 2,16), sodaß seine Worte, Entscheidungen, Einstellungen und Haltungen zunehmend eine Transparenz, eine Verkündigung und ein Zeugnis des Evangeliums darstellen. Nur wenn er im Wort "bleibt", wird der Priester ein vollkommener jünger des Herrn werden, wird er die Wahrheit erkennen und wirklich frei sein nach Überwindung von allem, was dem Evangelium entgegengesetzt oder fremd ist (vgl. Joh 8,31-32). Der Priester muß der erste "Glaubende" des Wortes sein in dem vollen Bewußtsein, daß die Worte seines Dienstes nicht "seine", sondern die Worte dessen sind, der ihn ausgesandt hat. Er ist nicht der Herr dieses Wortes: er ist Diener. Er ist auch nicht der alleinige Besitzer dieses Wortes: er ist Schuldner gegenüber dem Volk Gottes. Eben weil er evangelisiert und damit er tatsächlich evangelisieren kann, muß der Priester wie die Kirche in dem Bewußtsein wachsen, daß er es nötig hat, selbst ständig evangellsiert zu werden (67). Er verkündet des Wort in seiner Eigenschaft als "Diener", der an der prophetischen Vollmacht Christi und der Kirche teilhat. Um selbst die Gewähr zu haben und den Gläubigen die Gewähr zu geben, daß er das Evangelium vollständig und unversehrt weitergibt, ist der Priester daher berufen, eine besondere Sensibilität, Liebe und Offenheit gegenüber der lebendigen Überlieferung der Kirche und ihres Lehramtes zu entwickeln: Diese stehen dem Wort nicht fern, sondern sie dienen seiner richtigen Auslegung und wachen über seinen authentischen Sinn (68).

Vor allem in der Feier der Sakramente und in der Feier des Stundengebetes soll der Priester die tiefe Einheit zwischen der Ausübung seines Dienstes und seinem geistlichen Leben erfahren und bezeugen: Die der Kirche als ganzer geschenkte Gnade zeigt sich als Ursprung der Heiligkeit und Aufruf zur Heiligung. Auch für den Priester gehört der zentrale Platz sowohl im Dienst wie im geistlichen Leben der Eucharistie, denn sie "enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleis ch, das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben; so werden sie ermuntert und angeleitet, sich selbst, ihre Arbeiten und die ganze Schöpfung mit ihm darzubringen" (69).

Von den verschiedenen Sakramenten und besonders von der jedem von ihnen eigenen, spezifischen Gnade erhält das geistliche Leben des Priesters Prägungen eigener Art. Es wird in der Tat aufgebaut und geformt von den vielfältigen Wesensmerkmalen und Ansprüchen der verschiedenen Sakramente, die vom Priester gefeiert und gelebt werden.

Ein eigenes Wort möchte ich dem Bußsakrament vorbehalten, dessen Verwalter und Spender die Priester sind; doch sollen sie auch Empfänger dieses Sakramentes sein und so zu Zeugen von Gottes Mitleid mit den Sündern werden. Das geistliche Leben und das pastorale Wirken des Priesters wie auch der Laien und Ordensleute, die seine Geschwister sind, hängen vom häufigen und bewußten Empfang des Bußsakramentes ab. Ich wiederhole, was ich in dem Apostolischen Schreiben Reconciliatio et paenitentia geschrieben habe: "Die Feier der Eucharistie und der Dienst der anderen Sakramente, der pastorale Eifer, die Beziehung zu den Gläubigen, die Verbundenheit mit den Mitbrüdern, die Zusammenarbeit mit dem Bischof, das Gebetsleben, ja die ganze priesterliche Existenz würden unweigerlich schweren Schaden nehmen, wenn man es aus Nachlässigkeit oder anderen Gründen unterließe, regelmäßig und mit echtem Glauben und tiefer Frömmigkeit das Bußsakrament zu empfangen. Wenn ein Priester nicht mehr zur Beichte geht oder nicht gut beichtet, so schlägt sich das sehr schnell in seinem priesterlichen Leben und Wirken nieder, und auch die Gemeinde, deren Hirte er ist, wird dessen bald gewahr" (70).

Schließlich ist der Priester berufen, die Vollmacht und den Dienst Jesu Christi, des Hauptes und Hirten der Kirche, dadurch im Leben zu bezeugen, daß er die kirchliche Gemeinschaft anregt und führt, das heißt "die Familie Gottes, die als Gemeinschaft von Brüdern nach Einheit verlangt", versammelt und "sie durch Christus im Heiligen Geist zum Vater" führt (71). Dieses ,munus regendi" als Amt der Leitung ist eine sehr heikle und komplizierte Aufgabe, die außer der Aufmerksamkeit für die einzelnen Personen und verschiedenen Berufungen die Fähigkeit einschließt, alle Gaben und Charismen, die der Geist in der Gemeinschaft weckt, zu koordinieren, indem er sie prüft und ihren Wert für die Auferbauung der Kirche im Einklang mit den Bischöfen zur Geltung bringt. Es ist ein Dienst, der vom Priester ein intensives geistliches Leben erfordert, das in reichem Maße jene Eigenschaften und Tugenden aufweist, wie sie den "Vorsteher" und "Leiter" einer Gemeinde, den "Ältesten" im vornehmsten und erhabensten Sinne des Wortes, kennzeichnen. Diese Eigenschaften sind Treue, Konsequenz, Weisheit, Gastfreundlichkeit gegenüber allen, Liebenswürdigkeit und Güte, feste Autorität in den wesentlichen Dingen, Freisein von allzu subjektiven Standpunkten, persönliche Selbstlosigkeit, Geduld, Gefallen am täglichen Einsatz, Vertrauen in das verborgene Wirken der Gnade, das an den Einfachen und Armen offenbar wird (vgl. Tit 1,7f.).

 

Das Leben des Priesters und die Radikalität des Evangeliums

 

27. "Der Geist des Herrn ruht auf mir" (Lk 4,18). Der im Weihesakrament ausgegossene Heilige Geist ist Quelle der Heiligkeit und Aufforderung zur Heiligung, nicht nur weil er dem Priester Christus, dem Haupt und Hirten der Kirche, gleichgestaltet ist und ihm aufträgt, die Sendung des Propheten, Priesters und Königs im Namen und in der Person Christi zu erfüllen, sondern auch, weil er sein tägliches Leben beseelt und belebt, indem er es durch Gaben und Aufgaben, durch Tugenden und Impulse bereichert, die in der Hirtenliebe zusammengefaßt sind. Eine ähnliche Liebe ist die einigende Synthese der evangelischen Werte und Tugenden und bildet zugleich die Kraft, die ihre Entfaltung bis zur christlichen Vollkommenheit unterstützt (72).

 

Die Radikalität des Evangeliums ist für alle Christen ohne Ausnahme ein grundlegender und unverzichtbarer Anspruch, der aus dem Anruf Christi erwächst, ihm aufgrund der vom Geist bewirkten innigen Verbundenheit mit ihm zu folgen und ihn nachzuahmen (vgl. Mt 6,18ff.; 10,37ff.; Mk 8,3438; 10,17-21; Lk 9,57ff.). Dieser Anspruch stellt sich für die Priester wiederum nicht nur, weil sie "in" der Kirche sind, sondern auch, weil sie der Kirche "gegenüber" stehen, insofern sie Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestaltet, zum geweihten Dienstamt zugelassen und bestellt und von seiner Hirtenliebe beseelt sind. Als inneren Kern und äußere Konsequenz dieser Radikalität des Evangeliums gibt es eine reiche Blüte vielfältiger Tugenden und sittlicher Ansprüche, die für das pastorale und geistliche Leben des Priesters entscheidend sind, wie z. B. Glaube, Demut vor dem Geheimnis Gottes, Barmherzigkeit und Klugheit. Bevorzugter Ausdruck dieser Radikalität sind die verschiedenen "evangelischen Räte", die Jesus in der Bergpredigt vorschlägt (vgl. Mt 5-7); unter diesen Räten sind die Lebenshaltungen von Gehorsam, Keuschheit und Armut eng miteinander verbunden (73): Der Priester ist berufen, sie entsprechend jenen Bedingungen und Zielsetzungen und gemäß jenen ursprünglichen Sinngehalten zu leben, die Quelle und Ausdruck der ihm eigenen Identität sind.

 

28. "Zu den Tugenden, die für den Dienst der Priester besonders erfordert sind, muß man als ständige Seelenhaltung die innerste Bereitschaft zählen, nicht den eigenen Willen zu suchen, sondern den Willen dessen, der sie gesandt hat" (vgl. Joh 4,34; 5,30; 6,38) (74). Das ist der Gehorsam, der im Fall des geistlichen Lebens des Priesters einige besondere Wesensmerkmale aufweist. Dieser Gehorsam ist zunächst ein apostolischer" Gehorsam in dem Sinne, daß er die Kirche in ihrer hierarchischen Struktur anerkennt, liebt und ihr dient. Denn priesterlichen Dienst gibt es nur in Gemeinschaft mit dem Papst und mit dem Bischofskollegium, besonders mit dem eigenen Diözesanbischof; ihnen muß der Priester "den kindlichen Respekt und den Gehorsam" entgegenbringen, den er im Ritus der Priesterweihe gelobt hat. Diese Verfügbarkeit" gegenüber den kirchlichen Autoritätsträgern hat nichts Demütigendes an sich, sondern sie entspringt aus der verantwortungsvollen Freiheit des Priesters, der nicht nur die Erfordernisse eines organischen und organisierten kirchlichen Lebens auf sich nimmt, sondern auch jene Gnade der Unterscheidung und Verantwortung bei kirchlichen Entscheidung anerkennt, die Jesus seinen Aposteln und ihren Nachfolgern zugesagt hatte, damit das Geheimnis der Kirche zuverlässig gehütet und der christlichen Gemeinschaft insgesamt auf ihrem gemeinsamen Weg zum Heil gedient werde.

Der richtig motivierte und ohne servile Unterwürfigkeit gelebte echte christliche Gehorsam hilft dem Priester, die ihm übertragene Vollmacht gegenüber dem Volk Gottes mit evangelischer Transparenz auszuüben: ohne autoritäres Verhalten und ohne demagogische Entscheidungen. Nur wer in Christus zu gehorchen vermag, weiß, wie man nach dem Evangelium von anderen Gehorsam einfordern kann.

Der priesterliche Gehorsam stellt zudem einen "Gemeinschaftsanspruch" dar: Es ist nicht der Gehorsam eines einzelnen, der sich individuell mit der Autorität verbindet, er ist vielmehr zutiefst in die Einheit des Presbyteriums eingebunden; als solches ist das Presbyterium berufen, die einträchtige Zusammenarbeit mit dem Bischof und durch diesen mit dem Nachfolger Petri zu leben (75).

Diese Seite des Gehorsams erfordert vom Priester eine beachtliche Askese sowohl in dem Sinne, daß er es sich zur Gewohnheit macht, nicht zu sehr an seinen eigenen Vorlieben oder Standpunkten zu hängen, als auch in der Weise, daß er den Mitbrüdern Raum läßt, damit sie frei vonj eder Eifersucht, Mißgunst und Rivalität ihre Talente und Fähigkeiten zur Geltung bringen können. Der Gehorsam des Priesters ist ein solidarischer Gehorsam, der aus seiner Zugehörigkeit zum einen Presbyterium entspringt und mitverantwortliche Orientierungen und Entscheidungen immer in ihm und mit ihm angeht.

Schließlich ist dem priesterlichen Gehorsam ein besonderer "pastoraler" Charakter eigen. Das heißt, er wird in einem Klima der ständigen Verfügbarkeit, der Bereitschaft gelebt, sich von den Nöten und Bedürfnissen der Herde ergreifen und geradezu "aufzehren" zu lassen. Diese Nöte und Anliegen müssen wirklich berechtigt sein, und manchmal wird eine Auswahl und Überprüfung unumgänglich. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß das Leben des Priesters völlig "in Anspruch genommen" wird von dem Hunger nach dem Evangelium, nach Glauben, nach Hoffnung, nach Gottes Liebe und seinem Geheimnis, wie er in dem ihm anvertrauten Volk Gottes mehr oder weniger bewußt vorhanden ist.

 

29. Unter den evangelischen Räten, schreibt das Konzil, "ragt die kostbar göttliche Gnadengabe hervor, die der Vater einigen gibt (vgl. Mt 19,11; 1 Kor 7,7), die Jungfräulichkeit oder der Zölibat, in dem man sich leichter ungeteilten Herzens (vgl. 1 Kor 7,32-34) Gott allein hingibt. Diese vollkommene Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen wurde von der Kirche immer besonders in Ehren gehalten als Zeichen und Antrieb für die Liebe und als eine besondere Quelle geistlicher Fruchtbarkeit in der Welt" (76). In der Jungfräulichkeit und im Zölibat bewahrt die Keuschheit ihren ursprünglichen Sinngehalt: Die menschliche Geschlechtlichkeit wird dabei als authentischer Ausdruck der Ziele und als wertvoller Dienst an interpersonaler Gemeinschaft und Hingabe gelebt. Dieser Sinngehalt ist in der Jungfräulichkeit voll bewahrt; diese verwirklicht gerade auch im Verzicht auf die Ehe die "bräutliche Bedeutung" des Leibes durch eine persönliche Bindung und Hingabe an Jesus Christus und seine Kirche, die die im jenseits zu erwartende vollkommene und endgültige Gemeinschaft und Hingabe ankündigen und vorwegnehmen: "In der Jungfräulichkeit steht der Mensch auch leiblich in der Erwartung der eschatologischen Hochzeit Christi mit der Kirche; er schenkt sich ganz der Kirche und hofft, daß Christus sich der Kirche schenken wird in der vollen Wahrheit des ewigen Lebens" (77).

In diesem Licht lassen sich die Beweggründe für die Entscheidung leichter verstehen und beurteilen, die die Kirche des Abendlandes vor Jahrhunderten getroffen und an der sie festgehalten hat trotz aller Schwierigkeiten und der Einsprüche, die im Laufe der Zeit dagegen erhoben wurden, nämlich die Priesterwelhe nur Männern zu erteilen, die den Beweis erbringen, daß sie von Gott zur Gabe der Keuschheit in der Lebensform der bedingungslosen und dauerhaften Ehelosigkeit berufen sind.

Die Synodenväter haben ihre Gedanken dazu klar und nachdrücklich in einer wichtigen Vorlage zum Ausdruck gebracht, die es verdient, vollständig und wörtlich wiedergegeben zu werden: Während die in den Ostkirchen geltende Disziplin beibehalten wird, erinnert die Synode in der festen Überzeugung, daß die vollkommene Keuschheit im priesterlichen Zölibat ein Charisma ist, die Priester daran, daß die Keuschheit ein unschätzbares Geschenk Gottes für die Kirche und einen prophetischen Wert für die heutige Welt darstellt. Diese Synode billigt und bekräftigt von neuem und mit Nachdruck alles, was die lateinische Kirche und einige östliche Riten fordern, nämlich daß die priesterliche Würde nur solchen Männern übertragen wird, die von Gott das Geschenk der Berufung zur Keuschheit in der Ehelosigkeit empfangen haben (ohne Vorurteil gegen die Tradition einiger orientalischer Kirchen und gegen die Sonderfälle zum Katholizismus konvertierter verheirateter Geistlicher; für diese Fälle sind in der Enzyklika Pauls Vl. über den priesterlichen Zölibat, Nr. 42, Ausnahmen vorgesehen). Die Synode will bei niemandem den geringsten Zweifel an der festen Entschlossenheit der Kirche aufkommen lassen, an dem Gesetz festzuhalten, das den zur Priesterweihe nach dem lateinischen Ritus ausersehenen Kandidaten den frei gewählten ständigen Zölibat auferlegt. Die Synode drängt darauf, daß der Zölibat in seinem vollen biblischen, theologischen und spirltuellen Reichtum dargestellt und erläutert wird, nämlich als kostbares Geschenk Gottes an seine Kirche und als Zeichen des Reiches, das nicht von dieser Welt ist, Zeichen der Liebe Gottes zu dieser Welt sowie der ungeteilten Liebe des Priesters zu Gott und zum Volk Gottes, sodaß der Zölibat als positive Bereicherung des Priestertums angesehen werden kann" (78).

Besonders wichtig ist es, daß der Priester die theologische Begründung des kirchlichen Zölibatsgesetzes erfaßt. Als Gesetz drückt es noch vor dem Willen des einzelnen, der durch dessen Verfügbarkeit zum Ausdruck gebracht wird, den Willen der Kirche aus. Aber der Wille der Kirche findet seine letzte Begründung in dem Band, das den Zölibat mit der heiligen Weihe verbindet, die den Priester Jesus Christus, dem Haupt und Bräutigam der Kirche, gleichgestaltet. Die Kirche als Braut Jesu Christi will vom Priester mit der Vollständigkeit und Ausschließlichkeit geliebt werden, mit der Jesus Christus, das Haupt und der Bräutigam, sie geliebt hat. Der priesterliche Zölibat ist also Selbsthingabe in und mit Christus an seine Kirche und Ausdruck des priesterlichen Dienstes an der Kirche in und mit dem Herrn.

Für ein angemessenes geistliches Leben des Priesters darf der Zölibat nicht als ein isoliertes oder rein negatives Element , sondern immer als Aspekt einer positiven, ganz spezifischen und charakteristischen Lebensorientierung angesehen und gelebt werden: Er verläßt Vater und Mutter und folgt Jesus, dem Guten Hirten, in eine apostolische Gemeinschaft, um dem Volk Gottes zu dienen. Der Zölibat muß also als unschätzbares Geschenk Gottes, als "Antrieb der Hirtenliebe" (79) als einzigartige Teilnahme an Gottes Vaterschaft und an der Fruchtbarkeit der Kirche und als Zeugnis vor der Welt für das eschatologische Reich in freier und von Liebe getragener Entscheidung angenommen und unablässig erneuert werden. Um sämtliche moralischen, pastoralen und spirituellen Erfordernisse des priesterlichen Zölibats zu leben, braucht es unbedingt das demütige und vertrauensvolle Gebet, wie uns das Konzil lehrt: je mehr in der heutigen Welt viele Menschen ein Leben in vollkommener Enthaltsamkeit für unmöglich halten, um so demütiger und beharrlicher werden die Priester und mit ihnen die ganze Kirche die Gabe der Beständigkeit und Treue erflehen, die denen niemals verweigert wird, die um sie bitten. Zugleich werden sie alle übernatürlichen und natürlichen Hilfen anwenden, die jedem zur Verfügung stehen" (80). Auch wird das Gebet,in Verbindung mit den Sakramenten der Kirche und asketischem Eifer, in schwierigen Situationen Hoffnung, bei Verfehlungen Vergebung und dort, wo es gilt, sich neu auf den Weg zu machen, Vertrauen und Mut einflößen.

 

30. Die evangelische Armut haben die Synodenväter sehr treffend und tiefgründig beschrieben, wenn sie diese Haltung als "Unterordnung aller Güter unter das höchste Gut, nämlich Gott und sein Reich", darstellten (81). Tatsächlich vermag nur der, der das Geheimnis Gottes als einziges und höchstes Gut, als wahren und endgültigen Reichtum betrachtet und lebt, die Armut zu verstehen und zu verwirklichen, die gewiß nicht Geringschätzung und Ablehnung der materiellen Dinge beinhaltet, sondern ein von Herzen dankbarer Gebrauch dieser Güter und zugleich ein freudiger Verzicht auf sie mit großer innerer Freiheit ist, die sich am Willen Gottes ausrichtet.

Die Armut des Priesters nimmt dadurch, daß er im Sakrament der Priesterweihe Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestaltet wird, deutlich pastorale" Merkmale an; mit diesen Merkmalen haben sich die Synodenväter eingehend befaßt und dazu die Konzilslehre (82) wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Sie schreiben unter anderem: "Nach dem Vorbild Christi, der, reich wie er war, aus Liebe zu uns arm geworden ist (vgl. 2 Kor 8,9), sollen die Priester die Armen und Schwachen als Menschen betrachten, die ihnen in besonderer Weise anvertraut sind; und sie müssen imstande sein, durch ein einfaches, strenges Leben Zeugnis zu geben von der Armut, indem sie sich daran gewöhnen, auf überflüssige Dinge bereitwillig zu verzichten" (Optatam totius, 9; CIC, can. 282) (83)." Zwar hat, "wer arbeitet, ein Recht auf seinen Lohn" (Lk 10,7), und der Herr hat denen, die das Evangelium verkündigen, geboten, vom Evangelium zu leben" (1 Kor 9,1-14); aber dieses Recht des Apostels darf absolut nicht mit einem Anspruch verwechselt werden, den Dienst am Evangelium und an der Kirche den Vorteilen und Interessen unterzuordnen, die daraus abgeleitet werden können. Einzig und allein die Armut gewährleistet dem Priester seine Bereitschaft, sich auch unter persönlichen Opfern dorthin senden zu lassen, wo seine Arbeit am dringendsten gebraucht wird. Sie ist die unerläßliche Bedingung und Voraussetzung dafür, daß der Apostel sich dem Geist fügt, der ihn bereitmacht zu "gehen" und, frei von Ballast und Bindungen, nur dem Willen des Meisters zu folgen (vgl. Lk 9,57-62; Mk. 10,17-22).

Der Priester, der persönlich in das Leben der Gemeinde eingebunden. und für sie verantwortlich ist, muß auch bei der Verwaltung der Güter der Gemeinde das Zeugnis einer völligen "Transparenz" bieten; er soll diese Güter niemals so handhaben, als wären sie sein eigenes Vermögen, sondern als etwas, worüber er vor Gott sowie vor den Brüdern und Schwestern, vor allem den Armen gegenüber Rechenschaft ablegen muß. Das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu dem einen Presbyterium wird den Priester anspornen, sich engagiert sowohl für eine gerechtere Verteilung der Güter unter den Brüdern als auch für so etwas wie einen gemeinsamen Gütergebrauch einzusetzen (vgl. Apg 2,42-47).

Die innere Freiheit, die die evangelische Armut schützt und nährt, befähigt den Priester dazu, an der Seite der Schwächsten zu stehen; sich mit ihren Bemühungen um die Errichtung einer gerechteren Gesellschaft zu solidarisieren; mit mehr Einfühlungsvermögen und Fähigkeit die Phänomene zu verstehen und zu unterscheiden, die die wirtschaftliche und soziale Seite des Lebens betreffen, sowie die Option für die Armen zu fördern: Diese macht fähig - ohne jemanden von der Verkündigung und dem Geschenk des Heils auszuschließen -, sich nach dem Vorbild, das Jesus bei der Erfüllung seines prophetischen und priesterlichen Dienstes gegeben hat, den Geringen, den Sündern, den Ausgestoßenen und Randgruppen jeder Art zuzuwenden (vgl. Lk 4,18).

Nicht zu vergessen ist die prophetische Bedeutung der priesterlichen Armut, die in der Wohlstands- und Konsumgesellschaft besonders dringend ist: "Der wirklich arme Priester ist sicherlich ein konkretes Zeichen für die Trennung und Ablehnung und nicht für die Unterwerfung unter den Druck der modernen Welt, die ihr ganzes Vertrauen in das Geld und in die materielle Sicherheit legt" (84).

Jesus Christus, der am Kreuz seine Hirtenliebe in einer abgrundtiefen äußeren und inneren Lebenshingabe zur Vollkommenheit führte, ist das Vorbild und die Quelle für die Tugenden des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut, die der Priester seiner Berufung nach als Ausdruck der pastoralen Liebe zu den Brüdern und Schwestern leben soll. Der Priester soll, wie Paulus an die Christen von Philippi schreibt, "so gesinnt sein", wie Jesus gesinnt war, der sich selbst entäußerte, um in der gehorsamen, keuschen und armen Liebe den Lehr- und Lebensweg zur Vereinigung mit Gott und zur Einheit mit den Menschen zu finden (vgl. Phil 2,5).

 

Einsatz und Einbindung in der Teilkirche

 

31. Wie jedes wahrhaft christliche geistliche Leben hat auch das des Priesters eine wesentliche und unverzichtbare kirchliche Dimension: Es hat teil an der Heiligkeit der Kirche selbst, die wir im Credo als "Gemeinschaft der Heiligen" bekennen. Die Heiligkeit des Christen kommt von jener der Kirche her, sie verleiht ihr Ausdruck und bereichert sie zugleich. Diese kirchliche Dimension hat im geistlichen Leben des Priesters aufgrund seiner spezifischen Beziehung zur Kirche besondere Eigenschaften, Zielsetzungen und Sinngehalte, die immer von seiner Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt und Hirten, von seinem geweihten Amt und von seiner Hirtenliebe her zu verstehen sind.

Aus dieser Sicht muß die Zugehörigkeit des Priesters zur Teilkirche und sein hingebungsvoller Einsatz für sie als geistlicher Wert in seinem Leben angesehen werden. Diese Zugehörigkeit und Hingabe lassen sich ja in der Tat nicht nur durch organisatorische und disziplinäre Ursachen begründen. Im Gegenteil, die Beziehung zum Bischof in dem einen Presbyterium, die Teilnahme an seinem Bemühen um die Kirche, die Hingabe an die am Evangelium orientierte Sorge um das Volk Gottes unter den konkreten Bedingungen von Geschichte und Umwelt einer Teilkirche sind Elemente, von denen man nicht absehen kann, wenn man die eigentliche Gestalt des Priesters und seines geistlichen Lebens beschreibt. In diesem Sinne erschöpft sich die "Inkardination" nicht in einer reinen Rechtsverbindlichkeit, sondern bringt auch eine Reihe von geistlichen und pastoralen Haltungen und Entscheidungen mit sich, die dazu beitragen, dem Berufungsprofil des Priesters eine eigene Physiognomie zu verleihen.

Der Priester muß sich dessen bewußt sein, daß seine Zugehörigkeit zu einer Teilkirche ihrem Wesen nach ein kennzeichnendes Element ist, um eine christliche Spiritualität zu leben. In diesem Sinne findet der Priester gerade in seiner Zugehörigkeit und Hingabe an die Teilkirche eine Quelle für Sinngehalte, für Unterscheidungs- und Aktionskriterlen, die sowohl seiner pastoralen Sendung als auch seinem geistlichen Leben Gestalt geben.

Zum Weg der Vervollkommnung können auch weitere inspirierende Impulse oder Hinweise auf andere Traditionen des spirituellen Lebens beitragen, wenn sie in der Lage sind, das Leben des einzelnen Priesters zu bereichern und das Presbyterium insgesamt durch wertvolle geistliche Gaben zu beleben. Das geschieht im Fall vieler alter und neuer kirchlicher Gemeinschaften, die auch Priester in ihren Kreis aufnehmen: von den Vereinigungen apostolischen Lebens bis zu den Säkularinstituten für Priester, von den verschiedenen Formen kommunitärer Spiritualität bis hin zu den neuen kirchlichen Bewegungen. Priester, die Mitglieder von Orden oder geistlichen Gemeinschaften sind, bedeuten einen geistlichen Reichtum für die gesamte Priesterschaft der Diözese, der sie den Beitrag ganz spezifischer Gnadengaben und qualifizierter Dienste anbieten. Durch ihre Anwesenheit spornen sie die Teilkirche dazu an, ihre Öffnung nach allen Seiten intensiver zu leben (85).

Die Zugehörigkeit des Priesters zur Teilkirche und sein hingebungsvoller Einsatz, bis zur Hingabe des Lebens, für die Auferbauung der Kirche "in der Person" Christ, des Hauptes und Hirten, im Dienst an der ganzen christlichen Gemeinschaft und in herzlicher, kindlicher Beziehung zum Bischof werden von jedem anderen Charisma gestärkt, das von Anfang an zu einem priesterlichen Leben gehört oder sich ihm anschließt (86).

Damit die Fülle der Geistesgaben mit Freude angenommen und zur Ehre Gottes und zum Wohl der ganzen Kirche fruchtbar gemacht wird, ist von seiten aller in erster Linie die Kenntnis und Unterscheidung der eigenen und der Gnadengaben der anderen erfordert. Die Anwendung dieser Charismen muß immer begleitet sein von christlicher Demut, vom Mut zur Selbstkritik, von dem Vorsatz - der Vorrang vor jeder anderen Sorge hat -, mitzuhelfen beim Aufbau der ganzen Gemeinde, in deren Dienst jedes einzelne Charisma gestellt ist. Außerdem wird von allen ein aufrichtiges Bemühen um gegenseitige Wertschätzung und Achtung und um eine aufeinander abgestimmte Bewertung aller im Priestertum vorhandenen positiven und berechtigten Unterschiede gefordert. Auch das alles gehört zum geistlichen Leben und zur ständigen Askese des Priesters.

 

32. Die Zugehörigkeit zur Teilkirche und die Hingabe an sie engen die Tätigkeit und das Leben des Priesters nicht auf die Teilkirche (87) ein: Sie können sie in der Tat gar nicht einengen sowohl wegen der Natur der Teilkirche, wie der des priesterlichen Dienstes. Das Konzil schreibt dazu: "Die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, rüstet sie nicht für irgeneine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung bis an die Grenzen der Erde (Apg 1,8), denn jeder priesterliche Dienst hat teil an der weltweiten Sendung, die Christus den Aposteln aufgetragen hat" (88).

Daraus ergibt sich, daß das geistliche Leben der Priester tief von einem Dynamismus missionarischen Bemühens geprägt sein muß. Es ist ihre Aufgabe, durch die Ausübung des Dienstes und das Zeugnis ihres Lebens die ihnen anvertraute Gemeinde als wahrhaft missionarische Gemeinde zu gestalten. Wie ich in der Enzyklika Redemptoris missio geschrieben habe, "müssen alle Priester ein missionarisches Herz und eine missionarische Mentalität haben. Sie müssen offen sein für die Anliegen der Kirche und der Welt; sie müssen auch die Fernstehenden beachten und vor allem die nichtchristlichen Gruppen in ihrer eigenen Umgebung. Im Gebet und besonders im eucharistischen Opfer mögen sie die Sorge der ganzen Kirche für die ganze Menschheit mittragen" (89).

Wird das Leben der Priester großzügig von diesem missionarischen Geist beseelt, so wird das die Antwort auf jenes zunehmend ernste Problem in der heutigen Kirche, das aus der ungleichen Verteilung des Klerus entsteht, erleichtern. In diesem Sinne hat bereits das Konzil äußerst klare und eindringliche Worte gesprochen: Die Priester mögen also daran denken, daß ihnen die Sorge für alle Kirchen am Herzen liegen muß. Deshalb sollen sich die Priester jener Diözesen, die mit einer größeren Zahl von Berufungen gesegnet sind, gern bereit zeigen, mit Erlaubnis oder auf Wunsch des eigenen Ordinarius ihren Dienst in Gegenden, in Missionsgebieten oder in Seelsorgsaufgaben auszuüben, in denen es an Klerus mangelt" (90).

 

"Erneuere in ihnen den Geist der Heiligkeit"

 

33. Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe . . ." (Lk 4,18). Jesus läßt auch heute in unserem Priesterherzen die Worte wieder erklingen, die er in der Synagoge von Nazaret gesprochen hat. In der Tat enthüllt uns unser Glaube die wirksame Anwesenheit des Geistes Christi in unserem Dasein, in unserem Handeln und in unserem Erleben so, wie das Weihesakrament sie gestaltet, ermöglicht und geformt hat.

Ja, der Geist des Herrn ist der große Hauptakteur unseres geistlichen Lebens. Er schafft in uns das "neue Herz", er beseelt und führt es durch das neue Gesetz" der Liebe, der Hirtenliebe Christi. Entscheidend für die Entfaltung des geistlichen Lebens ist das Bewußtsein, daß dem Priester niemals die Gnade des Heiligen Geistes fehlt - als völlig unverdientes Geschenk und als verantwortungsvolle Aufgabe. Das Wissen um dieses Geschenk begründet und stärkt in den Schwierigkeiten, Versuchungen und Schwächen, die sich auf dem geistlichen Weg einstellen, das unerschütterliche Vertrauen des Priesters.

Ich wiederhole für alle Priester noch einmal, was ich bei einer anderen Gelegenheit an viele von ihnen in der Homilie gesagt habe: "Die priesterliche Berufung ist im wesentlichen eine Berufung zur Heiligkeit in der Form, die aus dem Sakrament der Priesterweihe entspringt. Die Heiligkeit ist Vertrautheit mit Gott, sie ist Nachahmung des armen, keuschen und demütigen Christus sie ist vorbehaltlose Liebe zu den Seelen und Hingabe an ihr wahres Wohl; sie ist Liebe zur Kirche, die heilig ist und uns heiligen will, weil das die Sendung ist, die Christus ihr anvertraut hat. jeder von euch muß heilig sein, um auch den Brüdern zu helfen, ihrer Berufung zur Heiligkeit zu folgen.

Wie sollte man sich nicht Gedanken über die entscheidende Rolle machen, die der Heilige Geist in der dem Priesteramt eigenen Berufung entfaltet? Rufen wir uns die Worte des Ritus der Priesterweihe in Erinnerung, die für die wesentlichen in der sakramentalen Formel gehalten werden: Allmächtiger Gott, wir bitten dich: Gib deinen Knechten die priesterliche Würde. Erneuere in ihnen den Geist der Heiligkeit. Gib, o Gott, daß sie festhalten an dem Amt, das sie aus seiner Hand empfingen; ihr Leben sei für alle Ansporn und Richtschnur.

Durch die Priester-weihe empfangt ihr, meine Lieben, den Geist Christi, der euch ihm ähnlich macht, damit ihr in seinem Namen handeln und in euch seine Empfindungen erleben könnt. Die innige Gemeinschaft mit dem Geist Christi verlangt, während sie die Wirksamkeit der sakramentalen Handlung gewährleistet, die ihr in der Rolle Christi vernehmt, auch in der Glut des Gebetes Ausdruck zu finden, in der Konsequenz der Lebensführung, in der pastoralen Liebe eines Dienstes, der unermüdlich auf das Heil der Brüder ausgerichtet ist. Sie verlangt, mit einem Wort, eure persönliche Heiligung" (91).

 

KAPITEL IV

 

KOMMT UND SEHT

Der Priesterberuf in der Pastoral der Kirche

 

Suchen, folgen, bleiben

 

34. "Kommt und seht!" (Joh 1,39). So antwortet Jesus den beiden Jüngern Johannes des Täufers auf ihre Frage, wo er wohne. Aus seinen Worten erfahren wir, was Berufung bedeutet.

Und so erzählt der Evangelist die Berufung von Andreas und Petrus: Am Tag darauf stand Johannes wieder dort, und zwei seiner jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, daß sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister wo wohnst du? Er antwortete. Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Er traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißtübersetzt. der Gesalbte (Christus). Erführte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus)" (Joh 1,35-42).

Dieser Abschnitt des Evangeliums ist eine der Passagen der Heiligen Schrift, wo das "Geheimnis" der Berufung, in unserem Fall das Geheimnis der Berufung zum Apostel Jesu, beschrieben wird. Dem Abschnitt bei Johannes, der auch für die christliche Berufung als solche wichtig ist, kommt eine symbolhafte Bedeutung für den Priesterberuf zu. Als Gemeinschaft der jünger Jesu ist die Kirche dazu gerufen, diese Szene im Auge zu behalten, die sich in gewisser Weise in der Geschichte ständig wiederholt. Sie ist aufgefordert, den ursprünglichen, persönlichen Sinn der Berufung zur Nachfolge Christi im Priesteramt und die unauflöslichen Bande zwischen der göttlichen Gnade und der menschlichen Verantwortung zu vertiefen, wie sie das Wortpaar, dem wir im Evangelium öfter begegnen, enthält und verdeutlicht: Komm und folge mir nach (vgl. Mt 19,21). Die Kirche ist dringend dazu angehalten, die der Berufung eigene Dynamik, ihre stufenweise konkrete Entwicklung in den einzelnen Phasen - Jesus suchen, ihm folgen und bei ihm bleiben - zu entschlüsseln und zu durchlaufen.

Die Kirche erkennt in diesem "Evangelium der Berufung" das Grundmodell, die Kraft und den Antrieb für ihre Berufungspastoral, das heißt für die ihr aufgetragene Sendung, sich um das Entstehen, das Erkennen und die Begleitung von Berufungen, insbesondere der Berufungen zum Priestertum, zu kümmern. Die Tatsache, daß "der Priesterrnangel gewiß die Betrübnis jeder Kirche ist" (92), erfordert es, daß die Pastoral für die geistlichen Berufe vor allem heute von allen Mitgliedern der Kirche mit neuem, tatkräftigem und entschlossenerem Engagement aufgenommen wird, in dem Bewußtsein, daß die Sorge für die Priesterberufe weder etwas Sekundäres oder Nebensächliches noch ein isoliertes oder ausschnitthaftes Element, sozusagen bloß ein wenn auch wichtiger "Teil" der Gesamtseelsorge der Kirche ist: Vielmehr ist sie, wie die Synodenväter wiederholt bekräftigt haben, eine zutiefst in die allgemeine Pastoral jeder Ortskirche einbezogene Tätigkeit,(93) eine Sorge, die in die sogenannte "normale Seelsorge" integriert und voll mit ihr identifiziert werden muß, (94) eine Dimension, die wesentlich zur Pastoral der Kirche, das heißt zu ihrem Leben und ihrer Sendung, gehört (95).

Ja, die Dimension der Berufung ist der Pastoral der Kirche wesenseigen. Der Grund dafür liegt darfür , daß die Berufung gewissermaßen das tiefgründige. Sein der Kirche noch vor ihrem Wirken definiert. Im Namen Kirche, Ecclesia, selbst wird der ihr eigene tiefere Charakter der Berufung angedeutet, denn die Kirche ist wirklich "zusammerigerufene Versammlung", Versammlung derer, die gerufen bzw. berufen sind: "Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei" (96).

Eine im eigentlichen Sinne theologische Deutung der Priesterberufung und der sie betreffenden Pastoral kann nur aus der Deutung des Geheimnisses der Kirche als Mysterium vocationis erwachsen.

 

Die Kirche und das Geschenk der Berufung

 

35. Jede christliche Berufung hat ihre Grundlage in der unverdienten und zuvorkommenden Erwählung durch den Vater, der uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet [hat] durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen" (Eph 1,3-5).

jede christliche Berufung kommt von Gott, ist Geschenk Gottes. Sie erfolgt jedoch niemals außerhalb oder unabhängig von der Kirche, sondern vollzieht sich immer in der Kirche und durch die Kirche, denn - so ruft uns das II. Vatikanische Konzil in Erinnerung -"Gott hat es gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volk zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll" (97).

Die Kirche vereint in sich nicht nur alle Berufungen, die Gott ihr auf ihrem Hellsweg schenkt, sondern sie erhält selbst ihre Gestalt als Geheimnis der Berufung, als leuchtender, lebendiger Widerschein des Mysteriums der göttlichen Trinität. Die Kirche, "das von der Einheit der Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammengerufene Volk"(98), trägt in der Tat das Geheimnis des Vaters in sich, der, von niemandem gerufen und gesandt (vgl. Röm 11,33 ff.), alle ruft, seinen Namen zu heiligen und seinen Willen zu erfüllen; sie hütet sich das Geheimnis des Sohnes, der vom Vater gerufen und gesandt wurde, allen das Reich Gottes zu verkündigen, und der alle in seine Nachfolge ruft; und sie wahrt das Geheimnis des Heiligen Geistes, der jene für die Sendung heiligt, die der Vater durch seinen Sohn Jesus Christus beruft.

Die Kirche, die aufgrund ihrer angestammten Verfassung "Berufung" ist, ist Erzeugerin und Erzieherin von Berufungen. Sie ist es in ihrem Grunddasein als "Sakrament", als "Zeichen" und "Werkzeug", in dem die Berufung jedes Christen sichtbar wird und sich erfüllt; und sie ist es in ihrem Wirken, das heißt in der Entfaltung ihres Dienstes der Verkündigung des Wortes, der Feier der Sakramente und im Dienst und Zeugnis für die Liebe.

So läßt sich also die wesentliche kirchliche Dimension der christlichen Berufung begreifen: Nicht allein, daß sie aus" der Kirche und ihrer Vermittlung stammt, nicht allein, daß sie "in" der Kirche zu erkennen ist und sich "in" ihr erfüllt, sondern sie nimmt - in dem grundlegenden Dienst an Gott - auch und notwendigerweise Gestalt an als Dienst "an" der Kirche. Die christliche Berufung ist in jeder ihrer Formen ein Geschenk, bestimmt zum Aufbau der Kirche, zum Wachstum des Gottesreiches in der Welt (99).

Was wir von jeder christlichen Berufung sagen, findet seine Verwirklichung in besonderer Weise in der Berufung zum Priestertum: Sie ist der Anruf, sich durch das in der Kirche empfangene Weihesakrament in den Dienst des Gottesvolkes zu stellen mit einer besonderen Zugehörigkeit und Hinordnung zu Jesus Christus, verbunden mit der Vollmacht, im Namen und in der Person" dessen zu handeln, der das Haupt und der Hirte der Kirche ist. Aus dieser Sicht ist zu verstehen, was die Synodenväter schreiben: "Die Berufung jedes Priesters verwirklicht sich grundlegend in der Kirche und für die Kirche: Durch sie kommt eine solche Berufung zur vollen Entfaltung. Daraus folgt, daß jeder Priester seine Berufung vom Herrn durch die Kirche als eine Gnadengabe, eine Gratia gratis data (Charisma) empfängt. Dem Bischof oder dem zuständigen Oberen obliegt es nicht nur, die Eignung und Berufung des Kandidaten zu prüfen, sondern sie auch zu erkennen. Ein derartiges kirchliches Element wohnt der Berufung zum Priesteramt als solchem inne. Der Priesteramtskandidat darf die Berufung nicht aufgrund dessen empfangen, daß er seine persönlichen Bedingungen durchsetzt, sondern dadurch, daß er auch die Normen und Bedingungen annimmt, die die Kirche aufgrund ihrer Verantwortung festsetzt" (100).

 

Berufung als Dialog: Gottes Initiative und die Antwort des Menschen

 

36. Die Geschichte jeder Berufung zum Priester, wie übrigens auch jeder Berufung zum Christen, ist die Geschichte eines unvergleichlichen Dialogs zwischen Gott und dem Menschen, zwischen der Liebe Gottes, der den Menschen ruft, und der Freiheit des Menschen, der in der Liebe Gott antwortet. Diese beiden voneinander untrennbaren Seiten der Berufung, das unverdiente Geschenk Gottes und die verantwortliche Freiheit des Menschen, ergeben sich für uns sehr treffend und wirkungsvoll aus den knappen Worten, mit denen der Evangelist Markus die Berufung der Zwölf schildert:

Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm (Mk 3,13). Wichtig ist einerseits der absolut freie Entschluß Jesu, aber genauso das "Kommen" der Zwölf zu Jesus, das heißt, daß sie "ihm folgen".

Das ist das bleibende Modell, der unverzichtbare Ausgangspunkt für jede Berufung: für die Berufung der Propheten, der Apostel, der Priester, der Ordensleute, der gläubigen Laien, jedes Menschen.

Aber ganz und gar vorrangig, ja entscheidend ist das freie und unverdiente Eingreifen Gottes, der den Menschen ruft. Es ist seine Initiative, uns zu rufen. Das ist zum Beispiel die Erfahrung des Propheten Jeremia: "Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt" (Jer 1,4-5). Dieselbe Wahrheit legt der Apostel Paulus vor, nämlich daß jede Berufung in der ewigen Erwählung in Christus wurzelt, die "vor der Erschaffung der Welt" und nach seinem gnädigen Willen" erfolg ist (vgl. Eph 1,4-5). Der absolute Vorrang der Gnade bei der Berufung findet seine vollkommene Erklärung in dem Wort Jesu: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet" (Joh 15,16).

Wenn die Berufung zum Priester in unmißverständlicher Weise den Vorrang der Gnade bezeugt, dann verlangt die freie und souveräne Entscheidung Gottes, den Menschen zu rufen, absolute Anerkennung; sie kann überhaupt nicht von irgendeinem menschlichen Anspruch erzwungen, durch irgendeine menschliche Entscheidung ersetzt werden.

Die Berufung ist ein Geschenk der göttlichen Gnade und niemals ein Recht des Menschen; deshalb "kann das Priesterleben niemals als ein rein menschliches Unternehmen und die Sendung des Dieners nicht als ein bloß menschliches Vorhaben betrachtet werden" (101). Somit ist im Grunde jeder Stolz und jede Anmaßung von seiten der Berufenen unangebracht (vgl. Hebr 5,4 ff.). Der ganze geistliche Raum ihres Herzens ist erfüllt von staunender, ergriffener Dankbarkeit, von unerschöpflichem Vertrauen und Hoffnung, weil die Berufenen wissen, daß sie sich nicht auf ihre eigenen Kräfte stützen, sondern auf die unbedingte Treue Gottes, der sie ruft. "Er rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm" (Mk 3,13). Dieses "Zu-ihm-Kommen", was heißt, daß sie Jesus "folgten", drückt die freie Antwort der Zwölf auf den Anruf des Meisters aus. So war es bei Petrus und Andreas- "Da sagte ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischer machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm" (Mt 4,19-20). Die gleiche Erfahrung machten Jakobus und Johannes (vgl. Mt 4,21-22). So geschieht es immer: In der Berufung leuchten zugleich die unverdiente Liebe Gottes und die höchstmögliche Wertschätzung der menschlichen Freiheit auf, einer Freiheit, dem Anruf Gottes zuzustimmen und sich ihm anzuvertrauen.

Tatsächlich stehen Gnade und Freiheit nicht im Gegensatz zueinander. Im Gegenteil, die Gnade beseelt und trägt die menschliche Freiheit, indem sie diese von der Knechtschaft der Sünde befreit (vgl. Joh 8,34-36), sie heilt und wird in ihrer Fähigkeit zur Öffnung und Annahme des Gottesgeschenkes bestärkt. Und wenn es nicht angeht, die absolut unverdiente Initiative Gottes, der den Menschen ruft, abzuschwächen, so darf man auch nicht die äußerste Ernsthaftigkeit herunterspielen, mit welcher der Mensch in seiner Freiheit herausgefordert wird. So erteilt der reiche Jüngling der Aufforderung Jesu "Komm und folge mir nach!" eine abschlägige Antwort - ein wenn auch negatives Zeichen seiner Freiheit: "Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen" (Mk 10,22).

Die Freiheit gehört also wesentlich zur Berufung, eine Freiheit, die sich in der positiven Antwort als tiefe persönliche Verbundenheit, als Sich-Verschenken aus Liebe oder, besser, als Sich-Wiederverschenken an den Spender, das heißt an Gott, der uns ruft, als Selbsthingabe darstellt. "Die Berufung", sagte Paul IV., "wird mit der Antwort verglichen. Es kann nur freie Berufungen geben; das heißt nur Berufungen, die spontane, bewußte, selbstlose und totale Angebote der eigenen Person sind ... Darbringung, Hingabe-. Hier liegt praktisch das eigentliche Problem ... Es ist die bescheidene und eindringliche Stimme Christi, die heute wie gestern, ja heute mehr als gestern, sagt: Komm! Damit sieht sich die Freiheit vor ihr größtes Wagnis gestellt: das Wagnis der Hingabe, der Selbstlosigkeit, des Opfers (102).

Die freie Hingabe, die den innersten und wertvollsten Kern der Antwort des Menschen an den ihn rufenden Gott darstellt, findet ihr unvergleichliches Vorbild, ja ihren lebendigen Urgrund in der freien Hingabe Jesu Christi, des Erstberufenen, an den Willen des Vaters: "Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen ... Da sagte ich: Ja, ich komme..., um deinen Willen, Gott, zu tun" (Hebr 10,5-7).

In inniger Gemeinschaft mit Christus war Maria, die Jungfrau und Mutter, das Geschöpf, das mehr als alle die volle Wahrheit der Berufung erlebt hat, denn kein Mensch hat wie sie mit einer so großen Liebe auf die unermeßliche Liebe Gottes geantwortet (103).

 

37. "Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen" (Mk 10,22). Der reiche Jüngling aus dem Evangelium, der dem Ruf Jesu nicht folgt, erinnert uns an die Hindernisse, die die freie Antwort des Menschen blockieren oder unterbinden können: Nicht nur die materiellen Güter können das menschliche Herz den Werten des Geistes und den radikalen Forderungen des Reiches Gottes verschließen, sondern auch manche sozialen und kulturellen Gegebenheiten unserer Zeit können mannigfache Bedrohungen darstellen und den Menschen verzerrte, falsche Ansichten über das wahre Wesen der Berufung aufzwingen und so deren Annahme und Verständnis erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Viele haben eine derart unklare und verworrene Vorstellung von Gott, daß sie in Formen einer Religiosität ohne Gott abgleiten, wo der Wille Gottes zu einem unabänderlichen und unvermeidbaren Schicksal degeneriert, dem sich der Mensch anpassen und mit dem er sich völlig passiv abfinden muß. Aber das ist nicht das Antlitz Gottes, das uns zu offenbaren Jesus Christus in die Welt gekommen ist: In Wirklichkeit ist Gott der Vater, der mit ewiger und zuvorkommender Liebe den Menschen ruft und einen wunderbaren, ständigen Dialog mit ihm aufnimmt, indem er ihn einlädt, als Kind Gottes teilzuhaben an seinem göttlichen Leben. Mit einer falschen Gottesvorstellung vermag der Mensch natürlich auch die Wahrheit über sich selbst nicht zu erkennen, sodaß die Berufung weder in ihrem echten Wert begriffen noch gelebt werden kann: Sie kann nur als eine auferlegte und unerträgliche Last empfunden werden.

Auch manche verzerrten Vorstellungen über den Menschen, die häufig als angeblich philosophische oder "wissenschaftliche" Argumente vertreten werden, verleiten den Menschen mitunter zu der Erklärung, seine Existenz und seine Freiheit seien zur Gänze von äußeren Faktoren aus Erziehung, Psychologie, Kultur und Milieu bestimmt und bedingt. Dann wieder wird die Freiheit als absolute Autonomie verstanden, die Anspruch darauf erhebt, die einzige unanfechtbare Quelle der persönlichen Entscheidungen zu sein und sich als Selbstbestätigung um jeden Preis definiert. Auf diese Weise versperrt sie sich aber den Weg, die Berufung als freien Dialog der Liebe zu begreifen und zu leben, der aus der Selbstmitteilung Gottes an den Menschen erwächst und in die aufrichtige Selbsthingabe des Menschen einmündet.

Im Umfeld der heutigen Zeit gibt es auch die Tendenz, über das Verhältnis des Menschen zu Gott sehr individualistisch und intimistisch zu denken, so als würde der Anruf Gottes den einzelnen Menschen direkt, ohne irgendeine gemeinschaftliche Vermittlung, erreichen und hätte persönlich einen Vorteil für den einzelnen Gerufenen oder lediglich dessen eigenes Heil zum Ziel und nicht die totale Hingabe an Gott im Dienst der Gemeinschaft. Wir begegnen hier also einer weiteren tiefgreifenden und zugleich subtilen Bedrohung, die es unmöglich macht, die kirchliche Dimension zu erkennen und freudig anzunehmen, die jeder christlichen Berufung und insbesondere der des Priesters von allem Anfang an eigen ist: In der Tat gewinnt das Weihepriestertum des Dienstes - wie uns das Konzil in Erinnerung ruft - seine wahre Bedeutung und verwirklicht seine volle Wahrheit über sich selbst nur dadurch, daß es als Dienst verstanden wird und zum Wachstum der christlichen Gemeinschaft und des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen beiträgt (104).

Der hier angedeutete kulturelle Zusammenhang, dessen Einfluß unter den Christen und besonders unter den jungen Menschen durchaus vorhanden ist, hilft uns, die Ausweitung der Krise der Priesterberufe zu verstehen, die von radikalen Glaubenskrisen verursacht und begleitet wird. Das haben die Synodenväter ausdrücklich mit der Feststellung erklärt, daß die Krise der Berufungen zum Priestertum tief im kulturellen Milieu und in der Gesinnung und Praxis der Christen verwurzelt ist (105).

Daraus ergibt sich die Dringlichkeit, daß die Berufungspastoral der Kirche entschieden und vorrangig auf die Wiederherstellung der "christlichen Gesinnung" abzielt, wie sie vom Glauben hervorgebracht und getragen wird. Notwendiger denn je bedarf es einer Evangelisierung, die nicht müde wird, das wahre Antlitz Gottes, den Vater, der in Jesus Christus jeden von uns ruft, und den wahren Sinn der menschlichen Freiheit als Ursprung und Kraft zur verantwortlichen Selbsthingabe darzustellen. Nur so werden die unerläßlichen Grundlagen dafür gelegt werden, daß jede Berufung, einschließlich der zum Priestertum, in ihrer Wahrheit erfaßt, in ihrer Schönheit geliebt und mit völliger Hingabe und tiefer Freude gelebt werden kann.

 

Inhalte und Mittel der Berufungspastoral

 

38. Die Berufung ist gewiß ein unerforschliches Geheimnis, das die Beziehung miteinschließt, die Gott zum Menschen in seiner Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit herstellt, ein Geheimnis, das als ein Anruf wahrgenommen und empfunden wird, der im Innern des Gewissens, in jenem "Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist" (106), eine Antwort erwartet. Aber das hebt die gemeinschaftliche und insbesondere die kirchliche Dimension der Berufung nicht auf: Auch die Kirche ist bei der Berufung jedes Christen präsent und beteiligt.

Im Dienst an der Berufung des Priesters und seinem Werdegang, das heißt an der Entstehung, am Erkennen und an der Begleitung der Berufung, kann die Kirche in Andreas, einem der ersten beiden jünger, die sich in die Nachfolge Jesu begeben, ein Modell finden. Er selbst erzählt seinem Bruder, was ihm widerfahren ist: "Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus)" (Joh 1,41). Und der Bericht von dieser "Entdeckung" eröffnet den Weg zur Begegnung: "Er führte ihn zu Jesus" (Joh 1,42). An der absolut freien Initiative und souveränen Entscheidung Jesu besteht kein Zweifel. Jesus ruft Simon und gibt ihm einen neuen Namen: Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus)" (ebd.). Aber auch Andreas war an dieser Initiative beteiligt: Er hat die Begegnung seines Bruders mit Jesus angeregt.

"Und er führte ihn zu Jesus." Hierin liegt gewissermaßen das Herz der ganzen Berufungspastoral der Kirche, mit der sie sich beim Entstehen und Wachsen der Berufungen engagiert, wobei sie von den Gaben und Verantwortlichkeiten, den Charismen und dem von Christus und seinem Geist empfangenen Dienstamt Gebrauch macht. Die Kirche ist als priesterliches, prophetisches und königliches Volk dazu verpflichtet, das Entstehen und Heranreifen der Priesterberufe durch das Gebet und durch das sakramentale Leben, durch die Verkündigung des Wortes und durch die Glaubenserziehung, durch die Leitung und das Zeugnis der Liebe zu fördern.

In ihrer Würde und Verantwortung als priesterliches Volk verfügt die Kirche im Gebet und in der Feier der Liturgie über die wesentlichen und wichtigsten Elemente der Berufungspastoral. Denn das christliche Gebet, das sich vom Wort Gottes nährt, schafft den Idealraum, damit ein jeder die Wahrheit über sein Dasein und die Identität des persönlichen und unwiederholbaren Lebensplanes, den Gott ihm anvertraut, entdecken kann. Es gilt daher im besonderen, die Kinder und jugendlichen dahin zu erziehen, daß sie am Gebet und an der Betrachtung des Wortes Gottes treu festhalten: Im Schweigen und im Zuhören sollen sie den Ruf des Herrn zum Priestertum wahrnehmen und ihm bereitwillig und selbstlos folgen können.

Die Kirche muß jeden Tag die überzeugende und anspruchsvolle Einladung Jesu annehmen, der uns auffordert: "Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9,38). Mit dem Gehorsam gegenüber dem Gebot Christi vollzieht die Kirche vor allem ein demütiges Glaubensbekenntnis: Damit, daß sie für die Berufe betet, deren ganze Dringlichkeit für ihr Leben und ihre Sendung sie spürt, anerkennt sie, daß die Berufe ein Gottesgeschenk sind und daß man sie in unaufhörlichem und vertrauensvollem Gebet inständig bitten muß. Dieses Gebet, das der Angelpunkt der ganzen Berufungspastoral ist, darf jedoch nicht nur die einzelnen Gläubigen verpflichten, sondern muß die kirchlichen Gemeinschaften insgesamt engagieren. Niemand zweifelt an der Wichtigkeit der einzelnen Gebetsinitativen, der besonderen Gelegenheiten, die dieser Bitte vorbehalten sind, angefangen vom jährlichen Weltgebetstag für die geistlichen Berufe, und am ausdrücklichen Einsatz von Personen und Gruppen, die für das Problem der Priesterberufe besonders empfänglich sind. Aber heute muß aus dem betenden Warten auf neue Berufe zunehmend eine ständige Haltung werden, die in der ganzen christlichen Gemeinschaft und in jedem kirchlichen Umfeld weithin geteilt wird. Auf diese Weise wird die Erfahrung der Apostel im Abendmahlssaal fortleben können, die zusammen mit Maria im Gebet auf die Ausgießung des Geistes warteten (vgl. Apg 1,14), der es nicht versäumen wird, im Volk Gottes weiterhin "Menschen zu berufen, die dem Altar dienen und die Frohe Botschaft mit Festigkeit und Güte verkünden" (107). Als Höhepunkt und Quelle des Lebens der Kirche (108) und besonders jedes christlichen Gebetes hat die Liturgie eine unerläßliche Rolle und einen bevorzugten Einfluß in der Berufungspastoral. Sie stellt in der Tat eine lebendige Erfahrung des Geschenkes Gottes und eine großartige Schule für die Antwort auf seinen Ruf dar. Jede liturgische Feier, vor allem die der Eucharistie, enthüllt uns das wahre Antlitz Gottes, vermittelt uns das Ostergeheimnis, das heißt die "Stunde", für die Jesus in die Welt gekommen ist und auf die er, dem Ruf des Vaters gehorchend, frei und bereitwillig zugegangen ist (vgl. Joh 13,1). Weiterhin offenbart uns die Liturgie das Antlitz der Kirche als eines priesterlichen Volkes und einer in der Vielfalt und Komplementarität der Charismen und Berufungen gut gefügten Gemeinschaft. Das Erlösungsopfer Christi, das die Kirche in dem Mysterium feiert, verleiht dem in der Verbundenheit mit dem Herrn Jesus erlebten Leiden einen besonders kostbaren Wert. Die Synodenväter haben uns dazu angehalten, niemals zu vergessen, daß "durch das Aufopfern der im menschlichen Leben so häufigen Leiden der kranke Christ sich selbst Gott als Opfer darbringt, nach dem Vorbild Christi, der sich für uns alle geheiligt hat (vgl. Joh 17,19), und daß das Aufopfern der Leiden mit dieser Intention von großem Nutzen für die Förderung der Berufe ist" (109).

 

39. Bei der Ausübung ihrer prophetischen Sendung erfährt die Kirche es als eine sie verpflichtende und unverzichtbare Aufgabe, den christlichen Sinngehalt der Berufung, wir könnten auch sagen "das Evangelium der Berufung", zu verkünden und zu bezeugen. Dabei wird sie auch der Dringlichkeit des Apostelwortes gewahr: "Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!" (1 Kor 9,16). Diese Warnung gilt zunächst für uns Bischöfe und geht, zusammen mit uns, alle Erzieher in der Kirche an. Predigt und Katechese müssen immer die ihnen innewohnende Dimension der Berufung zum Ausdruck bringen: Das Wort Gottes erleuchtet die Gläubigen, ihr Leben als Antwort auf den Anruf Gottes zu bewerten, und begleitet sie, wenn sie das Geschenk der persönlichen Berufung im Glauben annehmen.

Aber das alles, so wichtig und wesentlich es auch ist, genügt nicht: Es bedarf unbedingt einer "direkten Verkündigung über das Geheimnis der Berufung in der Kirche, über den Wert des priesterlichen Dienstamtes, über seine dringende Notwendigkeit für das Volk Gottes" (110). Nicht nur daß eine organische und allen Gliedern der Kirche angebotene Katechese Zweifel zerstreut und einseitigen oder falschen Vorstellungen über das Priesteramt entgegentritt, sie öffnet auch die Herzen der Gläubigen für die Erwartung des Geschenkes und schafft günstige Bedingungen für die Entstehung neuer Berufungen. Es ist der Zeitpunkt gekommen, mutig und beherzt vom Leben des Priesters als einem unschätzbaren Wert und einer herrlichen und bevorzugten Weise christlichen Lebens zu sprechen. Die Erzieher und besonders die Priester sollen sich nicht fürchten, die Berufung zum Priestertum klar und nachdrücklich als eine reale Möglichkeit für jene jungen Männer vorzuschlagen, bei denen sich zeigt, daß sie die entsprechenden Gaben und Anlagen besitzen. Man braucht keine Angst zu haben, daß man sie dadurch abhängig macht oder ihre Freiheit einschränkt; im Gegenteil, ein klarer Vorschlag im richtigen Augenblick kann entscheidend sein, um bei den jungen Menschen eine freie und glaubwürdige Antwort auszulösen. Im übrigen beweist die Geschichte der Kirche ebenso wie die vieler Priesterberufungen, die bereits in frühester Jugend entstanden sind, in großem Umfang, wie nützlich die Nähe und das Wort eines Priesters sind. Wichtig ist dabei nicht nur das Wort, sondern gerade auch die Nähe, das heißt ein konkretes und freudiges Zeugnis, das Fragen entstehen läßt und auch endgültige Entscheidungen herbeizuführen vermag.

 

40. Als königliches Volk sieht sich die Kirche in dem "Gesetz des Geistes, der lebendig macht" (Röm 8,2) verwurzelt und von ihm beseelt; es ist im wesentlichen das königliche Gesetz der Liebe (vgl. Jak 2,8) oder "das vollkommene Gesetz der Freiheit (Jak 1,25). Sie erfüllt daher ihre Sendung, wenn sie jeden Gläubigen leitet, seine Berufung in der Freiheit zu entdecken und zu leben und sie in der Liebe zur Erfüllung zu bringen.

Bei ihrer Erziehungsaufgabe zielt die Kirche mit besonderer Aufmerksamkeit darauf ab, in den Kindern und jugendlichen den Wunsch und den Willen zu einer vollen und engagierten Nachfolge Jesu Christi zu wecken. Die erzieherische Tätigkeit, die auch die christliche Gemeinde betrifft, muß sich an den einzelnen Menschen wenden: Denn Gott erreicht mit seinem Ruf das Herz jedes Menschen, und der Geist, der im Innersten jedes Jüngers wohnt (vgl. 1 Joh 3,24), verschenkt sich an jeden Christen mit verschiedenen Gnadengaben und besonderen Offenbarungen. jedem soll also geholfen werden, das Geschenk zu erfassen, das gerade ihm, als einmaliger und unwiederholbarer Person, anvertraut wird und die Worte zu hören, die der Geist Gottes besonders an ihn richtet.

Aus dieser Sicht wird die Sorge um die Berufungen zum Priestertum auch in einem entschlossenen und überzeugenden Angebot geistlicher Führung Ausdruck finden können. Es gilt, die großartige Tradition der persönlichen geistlichen Begleitung wiederzuentdecken, die im Leben der Kirche stets so viele und kostbare Früchte getragen hat: Sie kann in bestimmten Fällen und unter klaren Bedingungen zwar unterstützt, aber niemals durch Formen psychologischer Analyse oder Hilfe ersetzt werden (111). Kinder und jugendliche sollen eingeladen werden, das Geschenk der geistlichen Führung zu entdecken und zu schätzen, es zu prüfen und zu erproben und ihre Erzieher im Glauben mit vertrauensvoller Beharrlichkeit darum zu bitten. Die Priester ihrerseits sollen als erste Zeit und Kraft auf diese Arbeit der Erziehung und der persönlichen geistlichen Hilfe verwenden: Sie sollen nie bedauern, viele andere, selbst schöne und nützliche Dinge vernachlässigt oder hintangestellt zu haben, wenn sich das nicht vermeiden ließ, um ihrem Dienst als Mitarbeiter des Geistes bei der Erleuchtung und Führung der Berufenen treu zu bleiben.

Ziel der Erziehung des Christen ist es, unter dem Einfluß des Geistes dahin zu gelangen, daß er "Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellt" (Eph 4,13) Das tritt dann ein, wenn er durch sein Nachahmen und Teilhaben an der Liebe Christi sein ganzes Leben zu einem Dienst an dieser Liebe macht (vgl. Joh 13,14-15), indem er Gott einen ihm gefälligen Gottesdienst darbringt (vgl. Röm 12,1) und sich an die Mitmenschen verschenkt. Der Dienst an der Liebe ist der grundlegende Sinn jeder Berufung, die in der Berufung des Priesters eine besondere Verwirklichung findet: Denn er ist dazu berufen, die Hirtenliebe Jesu, das heißt die Liebe des guten Hirten, der "sein Leben hingibt für die Schafe" (Joh 10,11), weiterzuleben.

Darum wird eine glaubwürdige Berufungspastoral niemals müde werden, Kinder und jugendliche zu Einsatzfreude, zum Geist des unentgeltlichen Dienens, zu Opfersinn und zu bedingungsloser Selbsthingabe zu erziehen. Als besonders nützlich erweist sich dabei die Erfahrung des freiwilligen Dienstes, wofür die Empfänglichkeit bei vielen jungen Menschen zunimmt: Wenn es sich dabei um einen vom Evangelium motivierten freiwilligen Dienst handelt, der zur Unterscheidung der Bedürfnisse zu erziehen vermag, der jeden Tag treu und hingebungsvoll gelebt wird, offen für die Möglichkeit einer endgültigen Verpflichtung im geweihten Leben und genährt durch das Gebet, wird er mit größerer Sicherheit ein Leben in selbstlosem und unentgeltlichem Einsatz unterstützen und den, der sich ihm widmet, empfänglicher für die Stimme Gottes machen können, die ihn möglicherweise zum Priesterturn ruft. Zum Unterschied vom reichen Jüngling könnte der Freiwillige die Einladung, die Jesus voll Liebe an ihn richtet, annehmen (vgl. Mk 10,2 1); und er könnte sie annehmen, weil sein einziges Vermögen bereits darin besteht, sich für die anderen hinzugeben und sein Leben " zu verlieren".

 

Wir alle sind verantwortlich für die Priesterberufe

 

41. Die Berufung zum Priester ist ein Gottesgeschenk, das für dessen Erstempfänger sicher ein großes Gut darstellt. Aber sie ist auch ein Geschenk für die ganze Kirche, ein Gut für ihr Leben und ihre Sendung. Die Kirche ist daher gerufen, dieses Geschenk zu hüten, es hochzuschätzen und zu lieben:

 

Sie ist verantwortlich für das Entstehen und Heranreifen der Priesterberufe. Infolgedessen ist das handelnde Subjekt, der Hauptakteur der Berufungspastoral, die kirchliche Gemeinschaft als solche in ihren verschiedenen Ausdrucksformen: von der Universalkirche bis zur Teilkirche und, analog, von dieser bis zur Pfarre und zu allen Mitgliedern des Gottesvolkes.

Um so dringender ist es vor allem heute, da sich die Überzeugung verbreitet und Wurzeln schlägt, daß alle Glieder der Kirche, ohne Ausnahme, die Gnade und die Verantwortung der Sorge um die Berufungen haben. Das II. Vatikanische Konzil hat mit äußerster Klarheit bekräftigt, daß "die Verpflichtung zum Fördern von Priesterberufungen Aufgabe der gesamten christlichen Gemeinschaft ist. Sie erfüllt sie vor allem durch ein wirklich christliches Leben" (112). Nur aufgrund dieser Überzeugung wird es der Berufungspastoral möglich sein, ihr wahrhaft kirchliches Gesicht zu zeigen und ein einmütiges Handeln zu entfalten, wobei sie sich auch spezifischer Organe und angemessener Hilfsmittel im Bereich von Gemeinschaft und Mitverantwortung bedient.

Die Erstverantwortung für die den Priesterberufen geltende Pastoral liegt beim Bischof, (113) der gerufen ist, sie als erster zu leben, auch wenn vielfältige Formen der Mitarbeit entstehen können und sollen. Er ist Vater und Freund in seinem Presbyterium, und seine Sorge ist es vor allem, dem Charisma und dem priesterlichen Dienstamt dadurch " Beständigkeit zu geben", daß er durch das Auflegen der Hände immer neue Kräfte hinzufügt. Er wird dafür sorgen, daß das Anliegen der Berufungspastoral im Gesamtbereich der ordentlichen Seelsorge stets präsent ist, ja voll in sie integriert und gleichsam mit ihr identifiziert wird. Ihm obliegt die Aufgabe, die verschiedenen Berufungsinitiativen zu fördern und zu koordinieren (114).

Der Bischof weiß, daß er vor allem auf die Mitarbeit seiner Priesterschaft zählen kann. Alle Priester sind mit ihm solidarisch und mitverantwortlich bei der Suche und Förderung von Priesterberufen. Denn, wie das Konzil sagt, "obliegt es den Priestern als Erziehern im Glauben, selbst oder durch andere dafür zu sorgen, daß jeder Gläubige im Heiligen Geist angeleitet wird zur Entfaltung seiner persönlichen Berufung" (115). "Diese Pflicht gehört in der Tat mit zur priesterlichen Sendung, durch die der Priester teilhat an der Sorge für die ganze Kirche, damit im Gottesvolk hier auf Erden nie die Arbeiter fehlen" (116). Das Leben der Priester, ihre bedingungslose Hingabe an Gottes Herde, ihr Zeugnis des liebevollen Dienstes für den Herrn und seine Kirche - ein Zeugnis, das gekennzeichnet ist von der Annahme des in der Hoffnung und österlichen Freude getragenen Kreuzes -, ihre brüderliche Eintracht und ihr Eifer für die Evangelisierung der Welt sind der wichtigste und überzeugendste Faktor für die Fruchtbarkeit ihrer Berufung (117).

Eine besondere Verantwortung ist der christlichen Familie aufgetragen, die aufgrund des Ehesakramentes in ganz eigener Weise am Erziehungsauftrag der Kirche, der Lehrmeisterin und Mutter, teilhat. Wie die Synodenväter schrieben, "hat die christliche Familie, die wirklich, eine Art Hauskirche (Lumen gentium, 11) ist, schon immer günstige Voraussetzungen für das Entstehen von geistlichen Berufen geboten und bietet sie auch weiterhin. Da heute die Vorstellung von der christlichen Familie gefährdet ist, muß der Familienpastoral große Bedeutung beigemessen werden, so daß die Familien dadurch, daß sie das Geschenk des menschlichen Lebens großzügig annehmen gleichsam das erste Seminar (Optatam totius, 2) darstellen, in dem die Kinder von Anfang an den Geist der Frömmigkeit und des Gebets und die Liebe zur Kirche erwerben können" (118). In Kontinuität und Einklang mit dem Bemühen der Eltern und der Familie muß die Schule stehen, deren Auftrag es ist, ihre Identität als "Erziehungsgemeinschaft" auch mit einem kulturellen Angebot zu verbinden, das imstande ist, die jungen Menschen über die Dimension der Berufung als angestammten Grundwertes der menschlichen Person aufzuklären. In diesem Sinne kann die Schule, wenn sie in passender Weise durch christlichen Geist bereichert wird (sowohl durch eine gewichtige kirchliche Präsenz in der staatlichen Schule - was von der nationalen Ordnung des jeweiligen Landes abhängt-, als vor allem im Fall der katholischen Schule), "den Kindern und jugendlichen den Wunsch" einflößen, "den Willen Gottes in dem Lebensstand zu erfüllen, der für einen jeden am geeignetsten ist, ohne dabei je die Berufung zum priesterlichen Dienst auszuschließen" (119). Auch die gläubigen Laien, insbesondere die mit der Katechese Beauftragten, die Lehrer und Lehrerinnen, die im pädagogischen Bereich Tätigen sowie alle, die Jugendseelsorge anregen und in Schwung halten, erfüllen mit den je eigenen Mitteln und Möglichkeiten eine wichtige Rolle in der Berufungspastoral: je mehr sie den Geist ihrer eigenen Berufung und Sendung in der Kirche vertiefen, desto klarer werden sie die Bedeutung und die Unersetzlichkeit der Berufung und Sendung des Priesters erkennen können.

Im Rahmen der Gemeinschaften auf Diözesan- und Pfarrebene sollen jene Gruppen geschätzt und gefördert werden, deren Mitglieder ihren Beitrag an Gebet und Leiden für die Priester und Ordensberufe einsetzen sowie moralische und materielle Unterstützung leisten.

Hier sind auch die zahlreichen Gruppen, Bewegungen und Vereinigungen gläubiger Laien zu erwähnen, die der Heilige Geist in der Kirche entstehen und wachsen läßt, um eine stärker missionarisch geprägte christliche Präsenz in der Welt zu gewährleisten. Diese verschiedenen Zusammenschlüsse von Laien erweisen sich als ein besonders fruchtbares Feld für das Entstehen geistlicher Berufe, als echte Stätten des Angebots und Wachsens von Berufungen. In der Tat haben viele jugendliche gerade innerhalb und dank dieser Vereinigungen den Ruf des Herrn wahrgenommen, ihm auf dem Weg des Priestertums zu folgen, und mit ermutigender Selbstlosigkeit auf diesen Ruf geantwortet (120).

Die verschiedenen Gruppen und Mitglieder der Kirche, die in der Berufungspastoral engagiert sind, werden ihre Aufgabe um so wirksamer erfüllen, je mehr sie der kirchlichen Gemeinschaft als ganzer, angefangen bei der Pfarre, das Gespür und die Einsicht dafür vermitteln können, daß das Problem der Priesterberufe keineswegs einigen "Beauftragten" (den Priestern im allgemeinen und speziell den im Priesterseminar Tätigen) überlassen werden kann; denn als "ein zentrales Anliegen der Kirche selbst" (121) muß es im Zentrum der Liebe jedes Christen zu seiner Kirche stehen.

 

KAPITEL V

 

ER SETZTE ZWÖLF EIN, DIE ER BEI

SICH HABEN WOLLTE

Die Ausbildung der Priesteramtskandidaten

 

In der Nachfolge Christi leben wie die Apostel

 

42. Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämonen austrieben" (Mk 3,13-15).

"Die er bei sich haben wollte": Aus diesen Worten läßt sich unschwer die mit der Berufung zusammenhängende Begleitung der Apostel durch Jesus herauslesen. Nachdem er sie gerufen hatte und ehe er sie aussandte, ja ehe er sie zum Predigen aussenden konnte, verlangt Jesus von ihnen eine "Zeit" der Ausbildung, in der sich ein Verhältnis tiefer Verbundenheit und Freundschaft zwischen dem Herrn und ihnen herausbilden sollte. Für sie hat er eine gründlichere Unterweisung vorgesehen als für das Volk (vgl. Mt 13,11) und er will, daß sie Zeugen seines stillen Gebetes zum Vater sind (vgl. Joh 17,1-26; Lk 22,39-45). In ihrer Sorge um die Priesterberufe nimmt die Kirche aller Zeiten Maß am Vorbild Christi. Die konkreten Formen, mit denen sich die Kirche in der Berufungspastoral engagiert, die die Berufungen zum Priestertum nicht nur erkennen, sondern auch "begleiten" soll, waren und sind zum Teil noch immer sehr verschieden. Aber der Geist, der sie beseelen und stärken muß, bleibt derselbe: Es geht darum, nur diejenigen zum Priestertum zu führen, die berufen sind, und sie erst nach angemessener Ausbildung zuzulassen. Diese zielt bei den Kandidaten auf eine bewußte und freie Antwort der Zustimmung und des Sich-ergreifen-Lassens der ganzen Person von Jesus Christus, der zur innigen Vertrautheit mit ihm und zur Teilnahme an seiner Heilssendung ruft. In diesem Sinne stellt das "Seminar" in seinen verschiedenen Gestalten und ähnlich das "Ausbildungshaus" der Ordenspriester nicht zuerst einen materiellen Ort oder Raum dar, sondern einen geistlichen Raum, eine Lebensstrecke, eine Atmosphäre, die einen Ausbildungsprozeß begünstigt und gewährleistet, so daß der von Gott zum Priestertum Berufene durch das Weihesakrament zu einem lebendigen Bild Jesu Christi, des Hauptes und Hirten der Kirche, werden kann. Die Synodenväter haben in ihrer Schlußbotschaft unmittelbar und gründlich die grundlegende und kennzeichnende Bedeutung der Ausbildung der Priesteramtskandidaten erfaßt, wenn sie sagen: "Das Leben im Seminar, der Schule des Evangeliums, ist ein Leben in der Nachfolge Christi, wie es die Apostel vorgelebt haben; von ihm lassen sich die Kandidaten einführen in den Dienst am Vater und an den Menschen unter der Führung des Heiligen Geistes; sie lassen sich Christus, dem Guten Hirten, gleichgestalten für einen besseren priesterlichen Dienst in Kirche und Welt. Sich für das Priestertum ausbilden lassen heißt, eine persönliche Antwort auf die entscheidende Frage Christi zu geben: ,Liebst du mich?. Für den künftigen Priester kann die Antwort nur die Ganzhingabe seines Lebens sein" (122).

Es geht darum, diesen Geist, der in der Kirche niemals verschwinden darf, unter den sozialen, psychologischen, politischen und kulturellen Gegebenheiten der heutigen Welt weiterzugeben, die allerdings nicht nur kompliziert, sondern auch ganz unterschiedlich sind, wovon die Synodenväter in bezug auf die verschiedenen Teilkirchen Zeugnis ablegten. Desgleichen konnten die Synodenväter mit nachdenklicher Sorge, aber auch mit großer Hoffnung von dem in allen ihren Kirchen vorhandenen Bemühen erfahren, die Methoden der Ausbildung der Priesterkandidaten zu untersuchen und sie auf den heutigen Stand zu bringen, und sie haben lange und ausgiebig darüber nachgedacht.

Das vorliegende Apostolische Schreiben will den Ertrag der Synodenarbeiten zusammenfassen, indem es an einige gewonnene Gesichtspunkte anknüpft, einige unverzichtbare Ziele aufzeigt und die Fülle an Erfahrungen und bereits positiv bewährten Ausbildungswegen allen zur Verfügung stellt. In diesem Schreiben wird zwischen der Grundausbildung und der ständigen Weiterbildung klar unterschieden, ohne freilich je das tiefe Band zu vergessen, das sie verbindet und das aus beiden einen einzigen organischen Weg christlichen und priesterlichen Lebens machen soll. Dieses Schreiben befaßt sich mit den verschiedenen Dimensionen der Ausbildung - der menschlichen, geistlichen, intellektuellen und pastoralen - sowie auch mit dem Milieu und mit den Verantwortlichen der Ausbildung der Priesteramtskandidaten.

 

I. Die Dimensionen der Priesterbildung

 

Die menschliche Bildung als Fundament der gesamten Priesterbildung

 

43. "Ohne eine angemessene menschliche Bildung entbehrte die ganze Priesterausbildung ihrer notwendigen Grundlage" (123). Diese Behauptung der Synodenväter benennt nicht nur eine täglich von der Vernunft empfohlene und von der Erfahrung bestätigte Voraussetzung, sondern bringt eine Forderung zum Ausdruck, die ihre tiefere und eigentliche Begründung im Wesen des Priesters und seines Dienstes findet. Der Priester, der dazu berufen ist, Lebendiges Abbild" Jesu Christi, des Hauptes und Hirten der Kirche, zu sein, muß versuchen, im Maße des Möglichen in sich jene menschliche Vollkommenheit widerzuspiegeln, die im menschgewordenen Sohn Gottes aufleuchtet und mit einzigartiger Wirksamkeit in seinem Verhalten gegenüber den anderen, so wie die Evangelisten es darstellen, durchscheint. Das Dienstamt des Priesters besteht dann darin, daß er das Wort verkündet, das Sakrament feiert und die christliche Gemeinde "im Namen und in der Person Christi" in der Liebe führt, wobei er sich aber immer und nur an konkrete Menschen wendet: "Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott" (Hebr 5,1). Darum enthüllt die menschliche Bildung des Priesters ihre eigentliche Bedeutung in bezug auf die Empfänger seiner Sendung: Damit sein Dienst menschlich möglichst glaubwürdig und annehmbar ist, muß der Priester seine menschliche Persönlichkeit so formen, daß er sie für die anderen bei der Begegnung mit Jesus Christus, dem Erlöser des Menschen, zur Brücke und nicht zum Hindernis macht. Der Priester muß nach dem Vorbild Jesu, der wußte, was im Menschen ist" (Joh 2,25; vgl. 8,3-11), in der Lage sein, die menschliche Seele in ihrer Tiefe zu kennen, die Schwierigkeiten und Probleme zu erfassen, die Begegnung und den Dialog zu erleichtern, Vertrauen und Zusammenarbeit zu bewirken und ausgewogene, objektive Urteile abzugeben.

Die zukünftigen Priester müssen also nicht nur für eine persönlich richtige und angemessene Reife und Selbstverwirklichung, sondern gerade auch im Hinblick auf ihren Dienst eine Reihe menschlicher Eigenschaften ausbilden, die für die Auferbauung ausgeglichener, starker und freier Charaktere notwendig sind. Solche Persönlichkeiten sollen fähig sein, die Last der pastoralen Verantwortlichkeiten zu tragen. Die Kandidaten müssen also erzogen werden: zu Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Achtung vor jedem Menschen, Gerechtigkeitssinn, Einhaltung des gegebenen Wortes, zu echtem Mitgefühl, zu einem konsequenten Lebensstil und besonders zu Ausgewogenheit im Urteil und Verhalten (124). Ein einfaches und verpflichtendes Programm für diese menschliche Formung wird vom Apostel Paulus den Philippern vorgeschlagen. "Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, lobenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!" (Phil 4,8). Interessant ist die Feststellung, daß Paulus gerade für diese zutiefst menschlichen Eigenschaften sich selbst seinen Gläubigen als Vorbild hinstellt: "Was ihr gelernt und angenommen", - so fährt er unmittelbar fort -"gehört und an mir gesehen habt, das tut!" (ebd. 4,9).

Besonders wichtig ist die Beziehungsfähigkeit zu den anderen Menschen. Sie bildet ein wirklich wesentliches Element für jemanden, der berufen ist, für eine Gemeinde Verantwortung zu tragen und "Gemeinschaftsmensch" zu sein. Das verlangt vom Priester, daß er weder arrogant noch streitsüchtig ist, sondern liebenswürdig, gastfreundlich, aufrichtig in dem, was er sagt und denkt, (125) klug und diskret, selbstlos und dienstbereit, fähig, lautere und brüderliche Beziehungen persönlich anzubieten und bei allen zu wecken, bereit, zu verstehen, zu verzeihen und zu trösten (vgl. auch 1 Tim 3,1-5; Tit 1,7-9). Die Menschheit unserer Zeit, die sich vor allem in den Ballungsgebieten der Großstädte häufig zu Vermassung und Einsamkeit verurteilt sieht, wird immer empfänglicher für den Wert der Gemeinschaft: Das ist heute eines der beredtsten Zeichen und einer der wirksamsten Wege zur Durchsetzung der Botschaft des Evangeliums.

In diesen Zusammenhang fügt sich als kennzeichnendes und entscheidendes Moment die Ausbildung des Priesterkandidaten zur gefühlsmäßigen Reife ein, als Ergebnis der Erziehung zur wahren und verantwortungsvollen Liebe.

 

44. Die Reifung des Gefühlslebens setzt voraus, daß man sich der zentralen Stellung der Liebe im menschlichen Dasein bewußt ist. Es ist, wie ich in der Enzyklika Redemptor hominis geschrieben habe, tatsächlich so, daß "der Mensch nicht ohne Liebe leben kann. Er bleibt für sich selbst ein unbegreifliches Wesen; sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm nicht die Liebe geoffenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er sie nicht erfährt und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält" (126).

Es handelt sich um eine Liebe, die den ganzen Menschen, in seinen physischen, psychischen und geistigen Dimensionen und Komponenten, miteinbezieht und die in der ,bräutlichen Bedeutung" des menschlichen Leibes zum Ausdruck kommt, dank der sich der Mensch dem anderen hingibt und ihn annimmt. Um das Verständnis und die Verwirklichung dieser "Wahrheit" der menschlichen Liebe geht es der richtig verstandenen Sexualerziehung. Man muß in der Tat in weiten Kreisen eine soziale und kulturelle Situation feststellen, "die menschliche Geschlechtlichkeit banalisiert, weil sie diese in verkürzter und verarmter Weise interpretiert und lebt, indem sie sie einzig mit dem Leib und dem egoistisch verstandenen Vergnügen in Verbindung setzt" (127). Häufig weist der Zustand der Familien, aus denen die Priesterberufe hervorgehen, diesbezüglich viele Mängel und bisweilen auch schwere Störungen auf.

In einem solchen Kontext wird eine Erziehung zu verantworteter Geschlechtlichkeit immer schwieriger, aber auch dringender, die wahrhaft und voll menschlich ist und daher der Achtung und Liebe zur Keuschheit Raum schafft, "als einer Tugend, die die wahre Reifung der Person fördert und sie befähigt, die, bräutliche Bedeutung des Leibes zu achten und zu entfalten" (128). Die Erziehung zur verantwortungsvollen Liebe und zur gefühlsmäßigen Reife der Person erweist sich nun als ganz und gar unverzichtbar für den, der als Priester zum Zölibat berufen ist, das heißt dazu, mit der Gnade des Geistes und mit der freien Antwort seines eigenen Willens, mit der Gesamtheit seiner Liebe und seiner Sorge für Jesus Christus und die Kirche verfügbar zu sein. Im Hinblick auf die Zölibatsverpflichtung muß die gefühlsmäßige Reife imstande sein, in die menschlichen Beziehungen unbeschwerter Freundschaft und tiefer Brüderlichkeit eine große, lebendige und persönliche Liebe zu Jesus Christus miteinzuschließen. Wie die Synodenväter geschrieben haben: "Wenn die gefühlsmäßige Reifung geweckt werden soll, ist die Liebe Christi von größter Bedeutung, die als ganzheitliche Hingabe fortwirkt. Der zum Zölibat berufene Kandidat wird deshalb in der Reife des Gefühlslebens eine feste Stütze finden, um die Keuschheit in Treue und mit Freude zu leben" (129).

Da das Charisma der Ehelosigkeit, auch wenn es glaubwürdig und erwiesen ist, die Veranlagungen und Neigungen des Gefühls- und des Trieblebens bestehen läßt, benötigen die Priesterkandidaten eine affektive Reife, die fähig ist zu Klugheit, zum Verzicht auf alles, was sie gefährden kann, zum sensiblen Umgang mit Körper und Geist, zu Hochachtung und Respekt in den zwischenmenschlichen Beziehungen mit Männern und Frauen. Eine wertvolle Hilfe dabei kann eine angemessene Erziehung zur wahren Freundschaft bieten, nach dem Vorbild brüderlicher Zuneigung, wie sie Christus selbst in seinem Erdendasein vorgelebt hat (vgl. Joh 11,5).

Die menschliche Reife, und besonders die im Bereich des Gefühlslebens, verlangt eine klare und starke Formung zu einer Freiheit, die Gestalt annimmt als überzeugter und liebenswürdiger Gehorsam gegenüber der "Wahrheit" des eigenen Seins, gegenüber dem "Sinngehalt" der eigenen Existenz, das heißt als Gehorsam gegenüber der "aufrichtigen Hingabe seiner selbst" als Weg und Hauptinhalt der authentischen Selbstverwirklichung (130). So verstanden, erfordert die Freiheit, daß die menschliche Person wahrhaft Herrin über sich selbst ist: Sie ist entschlossen, die verschiedenen Formen des Egoismus und Individualismus, die das Leben jedes einzelnen beeinträchtigen, zu bekämpfen und zu überwinden, und bereit, sich in selbstloser Hingabe und im Dienst am Nächsten den anderen gegenüber zu öffnen. Das ist wichtig für die Antwort auf die Berufung, speziell auf die zum Priestertum und für die Treue zu diesem Weg und den mit ihm verbundenen Verpflichtungen auch in schwierigen Augenblicken. Hilfe kann auf diesem Erziehungsweg zu einer reifen, verantwortlichen Freiheit vom Gemeinschaftsleben des Priesterseminars kommen (131).

Mit der Bildung zur verantwortlichen Freiheit eng verbunden ist die Gewissensbildung im moralischen Bereich: Diese enthüllt, während sie im Innersten des eigenen "Ich" darauf drängt, den sittlichen Verpflichtungen zu entsprechen, die tiefe Bedeutung eines solchen Gehorsams: nämlich eine bewußte und freie und daher aus Liebe gegebene Antwort auf den Anruf Gottes und seiner Liebe zu sein. "Die menschliche Reife des Priesters", schreiben die Synodenväter, "muß besonders die Bildung seines Gewissens einschließen. Damit er seine Verpflichtungen gegenüber Gott und der Kirche getreu zu erfüllen und die Gewissen der Gläubigen weise zu führen vermag, muß sich der Kandidat nämlich angewöhnen, auf die Stimme Gottes zu hören, der im Herzen zu ihm spricht, und seinem Willen mit Liebe und Festigkeit nachkommen" (132).

 

Die spirituelle Formung: In Gemeinschaft mit Gott und auf der Suche nach Christus

 

45. Wenn die menschliche Bildung im Rahmen einer Anthropologie erfolgt, die die ganze Wahrheit des Menschen erfaßt, öffnet und vervollkommnet sie sich in der geistlichen Formung. jeder Mensch ist, da er von Gott geschaffen und durch das Blut Christi erlöst wurde, dazu berufen, "aus Wasser und Geist von neuem geboren (vgl. Joh 3,5) und "Kind im Sohn Gottes" zu werden. In diesem eindrucksvollen Plan Gottes liegt das Fundament der grundlegend religiösen Dimension des menschlichen Seins, die übrigens von der einfachen Vernunft intuitiv erkannt und anerkannt wird: Der Mensch ist offen für das Transzendente, für das Absolute; er besitzt ein Herz, das unruhig ist, bis es Ruhe findet im Herrn (133).

Bei diesem nicht unterdrückbaren religiösen Grundbedürfnis setzt der Erziehungsprozeß eines geistlichen Lebens ein und entfaltet sich. Dieses Leben wird als Beziehung zu und Gemeinschaft mit Gott verstanden. Nach der Offenbarung und der ihr entsprechenden christlichen Glaubenserfahrung besitzt die geistliche Formung die unverkennbare Ursprünglichkeit, die aus der "Neuheit" der Christusbotschaft stammt. Denn "sie ist das Werk des Geistes und verpflichtet die Person in ihrer Ganzheit; sie führt ein in die tiefe Gemeinschaft mit Jesus Christus, dem Guten Hirten; sie führt zu einer Unterordnung des ganzen Lebens unter den Geist, in einer kindlichen Haltung gegenüber dem Vater und in einer vertrauensvollen Zugehörigkeit zur Kirche. Sie ist verwurzelt in der Erfahrung des Kreuzes, um in einer tiefen Gemeinschaft zur ganzen Fülle des Ostergeheimnisses führen zu können" (134).

Es handelt sich, wie man sieht, um eine geistliche Formung, die allen Gläubigen gemeinsam ist, die aber entsprechend jenen Sinngehalten und Merkmalen gestaltet werden will, die sich aus der Identität des Priesters und seines Dienstes. herleiten. Und wie für jeden Gläubigen in bezug auf sein Wesen und seine christliche Existenz im Sinn der "neuen Schöpfung" in Christus, die im Geiste lebt, die geistliche Formung den zentralen Einheitsgrund bildet, so stellt für Jeden Priester die geistliche Formung die Mitte dar, die sein Priestersein und sein Wirken als Priester zusammenhält und belebt. In diesem Sinne stellen die Synodenväter fest, daß "beim Fehlen einer geistlichen Formung die pastorale Ausbildung ohne Grundlage vorgenommen würde (136) und daß die geistliche Formung gleichsam das wichtigste Element in der Priestererziehung darstellt"(137).

Der wesentliche Inhalt der geistlichen Formung für einen klar konzipierten Ausbildungsweg zum Priestertum wird von dem Konzilsdekret Optatam totius gut umschrieben: Bei der geistlichen Formung "sollen die Alumnen lernen, in inniger und steter Gemeinschaft mit dem Vater durch seinen Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist zu leben. Durch die heilige Weihe werden sie einst Christus dem Priester gleichförmig; so sollen sie auch lernen, ihm wie Freunde in enger Gemeinschaft des ganzen Lebens verbunden zu sein. Sein Pascha-Mysterium sollen sie so vorleben, daß sie das Volk, das ihnen anvertraut wird, darin einzuführen vermögen. Sie sollen angeleitet werden, Christus zu suchen: in der gewissenhaften Meditation des Gotteswortes, in der aktiven Teilnahme an den heiligen Geheimnissen der Kirche, vor allem in der Eucharistie und im Stundengebet, im Bischof, der ihnen die Sendung gibt, und in den Menschen, zu denen sie gesandt werden, vor allem in den Armen, den Kindern und den Kranken, den Sündern und Ungläubigen. Die seligste Jungfrau Maria, die von Christus Jesus bei seinem Tod am Kreuz dem jünger als Mutter gegeben wurde, sollen sie mit kindlichem Vertrauen lieben und verehren".

 

46. Der Konzilstext verdient es, daß sorgfältig und liebevoll über ihn nachgedacht wird; daraus lassen sich dann leicht einige grundlegende Wertvorstellungen und Erfordernisse für den spirituellen Bildungsweg des Priesteramtskandidaten gewinnen.

Zunächst werden der Wert und die Notwendigkeit herausgestellt, Jesus Christus "in enger Gemeinschaft verbunden zu sein". Die Verbundenheit mit dem Herrn Jesus, die sich auf die Taufe gründet und durch die Eucharistie genährt wird, will im Leben jedes Tages dadurch Ausdruck finden, daß sie dieses Leben radikal erneuert. Die enge Gemeinschaft mit der göttlichen Trinität, das heißt das neue Leben der Gnade, die Menschen zu Kindern Gottes macht, stellt die "Neuartigkeit" des Glaubenden dar: eine Neuartigkeit, die das Sein und das Tun miteinbezieht. Sie macht das "Geheimnis" der christlichen Existenz aus, die unter dem Einfluß des Geistes steht: Diese Neuartigkeit muß folglich auch das "Ethos" im Leben des Christen prägen. Diesen wunderbaren Gehalt der christlichen Existenz, der auch die Herzmitte des geistlichen Lebens ist, hat uns Jesus mit dem Gleichnis vom Weinstock und von den Reben gelehrt: "Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer ... Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,1.4f.).

In der modernen Kultur fehlt es gewiß nicht an geistlichen und religiösen Werten, und allem gegenteiligen Anschein zum Trotz hungert und dürstet es den Menschen auch heute unablässig nach Gott. Aber der christliche Glaube läuft nicht selten Gefahr, als eine Religion unter vielen betrachtet und auf eine bloße Sozialethik im Dienst des Menschen verkürzt zu werden. So wird seine umwälzende Neuartigkeit in der Geschichte nicht immer sichtbar: Er ist "Geheimnis", er ist das Heilsgeschehen vom Sohn Gottes, der Mensch wird und allen, die ihn aufnehmen, "Macht gibt, Kinder Gottes zu werden" Uoh 1,12), er ist die Verkündigung, ja das Geschenk eines persönlichen Liebes- und Lebensbundes Gottes mit dein Menschen. Nur wenn die künftigen Priester durch eine angemessene geistliche Formung dieses "Geheimnis" in seiner Tiefe kennengelernt und in wachsendem Maße erfahren haben, werden sie den anderen diese erstaunliche und seligmachende Botschaft mitteilen können (vgl. 1 Joh 1,1-4).

Der Konzilstext kennzeichnet, obgleich er um die absolute Transzendenz des christlichen Geheimnisses weiß, die enge Verbundenheit der künftigen Priester mit Jesus durch den nuancierten Ausdruck der Freundschaft. Sie ist kein vermessener Anspruch, den der Mensch von sich aus stellt. Sie ist einfach das unschätzbare Geschenk Christi, der zu seinen Aposteln gesagt hat: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe" (Joh 15,15)

Der Konzilstext weist dann auf einen weiteren großen spirituellen Wert hin: die Suche nach Jesus. "Sie sollen angeleitet werden, Christus zu suchen." Das ist, zusammen mit dem quaerere Deum, ein klassisches Thema der christlichen Spiritualität, das gerade im Zusammenhang mit der Berufung der Apostel seine spezifische Anwendung findet. Wenn Johannes davon berichtet, wie die ersten beiden jünger Jesus folgen, macht er deutlich, welchen Stellenwert diese "Suche" einnimmt. Es ist Jesus selbst, der die Frage stellt: "Was wollt ihr?" Und die beiden antworten: "Rabbi, wo wohnst du?" Der Evangelist fährt fort: "Er antwortete: Kommt und steht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm" (Joh 1,37-39). Das geistliche Leben dessen, der sich auf das Priestertum vorbereitet, wird in gewissem Sinne von dieser Suche beherrscht: von ihr und vom "Finden" des Meisters, um ihm zu folgen, um bei ihm zu bleiben. Auch im Dienst und im Leben des Priesters wird dieses "Suchen" weitergehen müssen, so unerschöpflich ist das Geheimnis der Nachahmung und Teilnahme am Leben Christi. Ebenso muß das Jinden" des Meisters weitergehen, um die anderen auf ihn hinzuweisen, besser noch, um in den anderen das sehnsüchtige Verlangen zu wecken, den Meister zu suchen. Ein solcher Prozeß ist tatsächlich möglich wenn den Menschen eine Lebenserfahrung bezeugt wird, die sich als mitteilenswert erweist. Das war der Weg, den Andreas einschlug, als er seinen Bruder Simon zu Jesus brachte: Andreas, so schreibt der Evangelist Johannes, "traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus). Er führte ihn zu Jesus" (Joh 1,41-42). Und so wird auch Simon als Apostel in die Nachfolge des Messias berufen: Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus)" (Joh 1,42).

Aber was bedeutet die Suche nach Jesus im geistlichen Leben? Und wo ist er zu finden? "Rabbi, wo wohnst du?" Das Konzilsdekret Optatam totius scheint einen dreifachen Weg anzugeben, der durchlaufen werden soll: die gewissenhafte Meditation des Gotteswortes, die aktive Teilnahme an den heiligen Geheimnissen der Kirche, der Liebesdienst an den "Kleinen". Das sind drei große Werte und Anforderungen, die den Inhalt der geistlichen Formung des Priesterkandidaten weiter bestimmen.

 

47. Ein wesentliches Element der geistlichen Formung ist die von Betrachtung und Gebet begleitete Lesung des Gotteswortes (lectio divina), das demütige und liebevolle Hinhören auf den, der spricht. Denn im Licht und in der Kraft des Gotteswortes kann die eigene Berufung entdeckt, verstanden, geliebt und befolgt und die eigene Sendung so erfüllt werden, daß die ganze Existenz ihre eine und radikale Bedeutung darin findet, Zielpunkt für das Wört Gottes zu sein, der den Menschen ruft, und Ausgangspunkt für das Wort des Menschen, der Gott antwortet. Die Vertrautheit mit dem Wort Gottes wird den Weg der Umkehr nicht nur in der Weise erleichtern, daß eine Abwendung vom Bösen erfolgt, um dem Guten anzuhängen, sondern auch in dem Sinn, daß im Herzen die Gedanke Gottes genährt werden, so daß der Glaube als Antwort auf Gottes Wort zum neuen Kriterium für die Beurteilung und Bewertung von Menschen und Dingen, von Ereignissen und Problemen wird.

Nur wenn wir uns dem Wort Gottes in seiner Wesenswahrheit nähern und es aufnehmen, ermöglicht es uns tatsächlich die Begegnung mit Gott selbst, mit Gott, der zum Menschen spricht; es ermöglicht uns die Begegnung mit Christus, dem Wort Gottes, der Wahrheit, die zugleich auch der Weg und das Leben ist (vgl. Joh 14,6). Es geht darum, die "Schriften" zu lesen und dabei auf die "Worte", auf das "Wort" Gottes, zu hören, wie uns das Konzil in Erinnerung bringt: "Die Heiligen Schriften enthalten das Wort Gottes und, weil inspiriert, sind sie wahrhaft Wort Gottes (138). Und ebenso sagt das Konzil: "In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,7) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen" (139).

Das liebevolle Kennenlernen und die vom Gebet begleitete Vertrautheit mit dem Wort Gottes sind von besonderer Bedeutung für den prophetischen Dienst des Priesters, für dessen angemessene Durchführung diese Haltung zu einer unumgänglichen Voraussetzung wird, vor allem im Zusammenhang mit der "Neu-Evangelisierung", zu der die Kirche heute aufgerufen ist. Das Konzil ermahnt: "Darum müssen alle Kleriker, besonders Christi Priester und die anderen, die sich als Diakone oder Katecheten ihrem Auftrag entsprechend dem Dienst des Wortes widmen, in beständiger heiliger Lesung und gründlichem Studium sich mit der Schrift befassen, damit keiner von ihnen werde zu einem, hohlen und äußerlichen Prediger des Wortes Gottes, ohne dessen innerer Hörer zu sein (hl. Augustinus, Serm. 179, 1 - PL 38, 966)" (140).

Die erste und grundlegende Form einer Antwort auf das Wort Gottes ist das Gebet, das zweifellos einen wesentlichen Wert und ein zentrales Erfordernis der geistlichen Formung darstellt. Diese soll die Priesteramtskandidaten dazu anleiten, den echten Sinn des christlichen Gebets kennenzulernen und zu erfahren, daß es nämlich eine lebendige und persönliche Begegnung mit dem Vater durch den eingeborenen Sohn unter der Einwirkung des Geistes ist,

ein Dialog, der zur Teilnahme an der Sohnes beziehung Jesu zum Vater wird.

Daß der Priester "Gebetserzieher" sein soll, ist sicher kein nebensächlicher Aspekt seiner Sendung. Aber nun wenn der Priester in der Schule des betenden Jesus ausgebildet worden ist und sich darin weiterbildet, wird er die anderen in der gleichen Schulung ausbilden können. Die Menschen wollen den Priester so haben: "Der Priester ist der Mann Gottes, der Gott gehört und an Gott erinnert. Wenn der Hebräerbrief von Christus spricht, stellt er ihn vor als einen barmherzigen und treuen Hohepriester vor Gott (Hebr 2,17) ... Die Christen hoffen, im Priester nicht nur einen Menschen zu finden, der sie aufnimmt, sie gern anhört und ihnen aufrichtige Sympathie entgegenbringt, sondern auch und vor allem einen Menschen, der ihnen hilft, auf Gott zu schauen und auf ihn zuzugehen. Deshalb ist es notwendig, daß der Priester zu einer tiefen Verbundenheit mit Gott erzogen wird. Diejenigen, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten, müssen verstehen, daß der ganze Wert ihres Priesterlebens davon abhängt, inwieweit sie sich selbst Christus und durch Christus dem Vater schenken" (141).

Angesichts des lärmenden Treibens und aufgeregter Unruhe, wie sie in unseren Gesellschaften so häufig zu beobachten sind, ist die Gebetserziehung auch und zuerst Erziehung zum tief menschlichen Verständnis und zum religiösen Wert der Stille. sie bildet die unerläßliche geistliche Atmosphäre, um die Gegenwart Gottes zu erfassen und sich von ihr ergreifen zu lassen (vgl. 1 Kön 19,11 ff.).

 

48. Höhepunkt des christlichen Gebets ist die Eucharistie, die sich ihrerseits als "Höhepunkt und Quelle" der Sakramente und des Stundengebets erweist. Und ganz notwendig für die geistliche Formung jedes Christen und insbesondere jedes Priesters ist die liturgische Erziehung, verstanden als lebendige Einbeziehung in das Paschamysterium Jesu Christi, der, gestorben und auferstanden, in den Sakramenten der Kirche gegenwärtig und wirksam ist. Die Gemeinschaft mit Gott, Stütze des ganzen geistlichen Lebens, ist Geschenk und Frucht der Sakramente; und gleichzeitig ist sie Aufgabe und Verantwortung, die die Sakramente der Freiheit des Glaubenden übertragen, damit eben diese Gemeinschaft in den Entschlüssen, Entscheidungen, Haltungen und Tätigkeiten seines Alltagslebens lebendig ist. In diesem Sinne ist die "Gnade", die das christliche Leben "neu" macht, die Gnade des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, der seinen heiligen und heiligmachenden Geist weiter in den Sakramenten ausgießt. Auf diese Weise wird das "neue Gesetzt", das die Existenz des Christen leiten und regeln soll, von den Sakramenten in das "neue Herz" eingeschrieben. Es ist das Gesetzt der Liebe zu Gott und den Menschen als Antwort und Fortsetzung der von den Sakramenten zum Ausdruck gebrachten und mitgeteilten Liebe Gottes zum Menschen. Von daher läßt sich unmittelbar die Bedeutung einer "vollen, bewußten und tätigen" (142). Teilnahme an der Feier der Sakramente für die Gabe und Aufgabe jener "Hirtenliebe" begreifen, die die Seele des priesterlichen Dienstes bildet.

Das gilt vor allem für die Teilnahme an der Eucharistie, die zum Gedächtnis des Opfertodes Christi und seiner glorreichen Auferstehung als "Sakrament der Frömmigkeit, Zeichen der Einheit und Band der Liebe" (143) gefeiert wird; sie ist das Ostermahl, bei dem "wir Christus empfangen, unsere Seele mit Gnade erfüllt und uns das Unterpfand der zukünftigen Herrlichkeit geschenkt wird" (144). In ihrer Berufung zum Dienst am Heiligen sind die Priester also vor allem Diener beim Meßopfer (145): Ihre Rolle ist ganz und gar unersetzlich, denn ohne Priester kann es kein Eucharistieopfer geben.

Das erklärt die zentrale Bedeutung der Eucharistie für das Leben und den Dienst des Priesters; dies gilt folglich auch für die geistliche Ausbildung der Kandidaten zum Priesterberuf. Ich wiederhole schlicht und einfach und mit größter Sachlichkeit: "ES ist daher notwendig, daß die Seminaristen jeden Tag an der Eucharistiefeier teilnehmen, damit sie später in ihrem Priesterleben diese tägliche Feier zur Regel machen. Sie sollen außerdem dazu erzogen werden, die Eucharistiefeier als den wichtigsten Augenblick des Tages zu betrachten, an dem sie aktiv teilnehmen; sie sollen sich aber nie mit einem nur gewohnheitsmäßigen Mitvollzug begnügen. Endlich sollen die Priesteramtskandidaten zu den inneren Haltungen erzogen werden, die die Eucharistie fördert: zur Dankbarkeit für die von oben empfangenen Wohltaten, denn Eucharistie ist Danksagung; zur Haltung der Hingabe, die sie drängt, das eigene persönliche Opfer mit dem eucharistischen Opfer Christi zu vereinen; zur Liebe, die von einem Sakrament genährt wird, das Zeichen der Einheit und der Mitbeteiligung ist; zu dem Verlangen nach Betrachtung und Anbetung des in den eucharistischen Gestalten wirklich gegenwärtigen Christus" (146).

Dringend geboten ist der Hinweis, daß im Rahmen der geistlichen Ausbildung die Schönheit der sakramentalen Versöhnung und die Freude daran wiederentdeckt werden sollte. In einer Kultur, die Gefahr läuft, durch neu hervorgeholte, sehr subtile Formen der Selbstrechtfertigung unglücklicherweise das "Sündenbewußtsein" und infolgedessen die trostreiche Freude über das Geschenk der Vergebung (vgl. Ps 51,24) und über die Begegnung mit Gott, "der voll Erbarmen ist" (Eph 2,4), zu verlieren, ist es dringend notwendig, die künftigen Priester zur Tugend der Buße zu erziehen, die von der Kirche in ihren liturgischen Feiern und in den verschiedenen Abschnitten des Kirchenjahres weise genährt wird und ihre Fülle im Sakrament der Versöhnung findet. Daraus entspringen der Sinn für Askese und innere Disziplin, der Opfergeist und die Bereitschaft zum Verzicht, die Annahme der Mühe und des Kreuzes. Es handelt sich um Elemente des geistlichen Lebens, die sich nicht selten als besonders schwierig für viele Priesteramtskandidaten herausstellen, die in relativ bequemen und wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen sind und infolge der durch die Massenmedien verbreiteten Verhaltensmodelle und Ideale nicht gerade sensibel und empfänglich für eben diese Elemente gemacht worden sind; das trifft auch in Ländern zu, wo die Lebensverhältnisse einfacher und die Situation der Jugend strenger ist. Darum, aber vor allem um die "radikale Selbsthingabe" nach dem Vorbild Christi, des Guten Hirten, gerade im Leben des Priesters zu verwirklichen, haben die Synodenväter geschrieben: "Es ist notwendig, den Kandidaten den Sinn für das Kreuzesgeschehen einzuprägen, das in der Mitte des Ostergeheimnisses steht. Dank dieser Identifikation mit dem als Knecht gekreuzigten Christus vermag die Welt, selbst in der von Säkularismus, Gewinn- und Genußsucht geprägten Kultur unserer Zeit, den Wert der Einfachheit, des Schmerzes und auch des Martyriums wiederzuentdecken" (147).

 

49. Zur geistlichen Formung gehört auch, Christus in den Menschen zu suchen. Das geistliche Leben ist sicher innerliches Leben, Leben inniger Vertrautheit mit Gott, Leben des Gebets und der Kontemplation. Aber gerade die Begegnung mit Gott und mit seiner väterlichen Liebe zu allen stellt unvermeidlich die Forderung nach der Begegnung mit dem Nächsten, der Hingabe an die anderen in dem demütigen und selbstlosen Dienst, den Jesus, als er den Aposteln die Füße wusch, allen als Lebensprogramm aufgetragen hat: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (Job 13,15).

Die Hinführung zu der großherzigen und freiwilligen Selbsthingabe, die auch von der normalerweise für die Vorbereitung auf das Priestertum gewählten Gemeinschaftsform begünstigt wird, stellt eine unverzichtbare Voraussetzung für den dar, der berufen ist, zur Erscheinung und Transparenz des Guten Hirten zu werden, der sein Leben hingibt (vgl. Job 10, 11. 15). In dieser Hinsicht verfügt die geistliche Formung über eine innere pastorale bzw. karitative Dimension, die sie entfalten muß. Dabei kann sie sich auch vorteilhaft einer richtigen, das heißt einer tiefen und zarten Verehrung des Herzens Jesu bedienen, wie die Synodenväter hervorheben: "Die künftigen Priester in der Herz-Jesu-Spiritualität zu formen, heißt ein Leben führen, das der Liebe und Zuneigung Christi, des Priesters und Guten Hirten, entspricht: seiner Liebe zum Vater im Heiligen Geist, seiner Liebe zu den Menschen bis zur Aufopferung seines Lebens" (148).

Der Priester ist also der Mann der Liebe, und er ist dazu berufen, die anderen zur Nachahmung Christi und zu dem neuen Gebot von der brüderlichen Liebe zu erziehen (vgl. Joh 15,12). Aber das erfordert, daß er selber sich ständig vom Geist zur Liebe Christi erziehen läßt. In diesem Sinne muß die Vorbereitung auf den Priesterberuf eine ernsthafte Bildung zur Liebe einschließen, im besonderen zur vorrangigen Liebe für die "Armen", in denen der Glaube die Gegenwart Jesu entdeckt (vgl. Joh 25,40), und zur barrnherzigen Liebe für die Sünder.

In der Perspektive dieser liebenden Selbsthingabe findet die Erziehung zum Gehorsam, zur Ehelosigkeit und zur Armut in der geistlichen Formung des künftigen Priesters ihren angemessenen Platz (149). In diesem Sinne liegt auch die Aufforderung des Konzils: "Die Alumnen müssen mit voller Klarheit verstehen, da sie nicht zum Herrschen oder für Ehrenstellen bestimmt sind, sondern sich ganz dem Dienst Gottes und der Seelsorge widmen sollen. Mit besonderer Sorgfalt sollen sie im priesterlichen Gehorsam, in armer Lebensweise und im Geist der Selbstverleugnung erzogen werden, so daß sie sich daran gewöhnen, auch auf erlaubte, aber unnötige Dinge bereitwillig zu verzichten und dem gekreuzigten Christus ähnlich zu werden" (150).

 

50. Die geistliche Formung dessen, der zu einem ehelosen Leben berufen ist, muß den künftigen Priester mit besonderer Sorgfalt darauf vorbereiten, den Zölibat in seinem eigentlichen Wesen und in seinen wahren Zielsetzungen, also in seinen evangeliumsgemäßen geistlichen und pastoralen Begründungen kennenzulernen, zu achten, zu lieben und zu leben. Voraussetzung und Inhalt dieser Vorbereitung ist die Tugend der Keuschheit, die alle menschlichen Beziehungen kennzeichnet und die dazu anleitet, "nach dem Beispiel Christi eine aufrichtige, menschliche, brüderliche, persönliche und opferfähige Liebe zu allen und zu jedem einzelnen zu erproben und zu bekunden" (151).

Die Ehelosigkeit der Priester trägt das Merkmal der Keuschheit. Ihre prägenden Charakteristika lassen sich im Blick auf die Priester so umschreiben: "Sie verzichten um des Himmelreiches willen (vgl. Mt 19,12) auf die eheliche Gemeinschaft, bangen dem Herrn mit ungeteilter Liebe an, wie sie dem Neuen Bund in besonderer Weise entspricht; sie geben Zeugnis für die Auferstehung in der künftigen Welt (vgl. Lk 20,36) und gewinnen besonders wirksame Hilfe zur ständigen Übung jener vollkommenen Liebe, die sie in ihrer priesterliche Arbeit allen alles werden läßt" (152). In diesem Sinne kann der priesterliche Zölibat weder als eine bloße Rechtsnorm noch als eine ganz äußerliche Bedingung für die Zulassung zur Priesterwelhe angesehen werden. Er ist vielmehr als ein Wert zu begreifen, der tief mit der heiligen Weihe verbunden ist, die den Priester Jesus Christus, dem Guten Hirten und Bräutigam der Kirche gleichförmig macht, und daher als die Wahl einer größeren und ungetellten Liebe zu Christus und zu seiner Kirche und in voller, freudiger Verfügbarkeit des Herzens für den priiesterlichen Dienst. Der Zölibat ist als eine besondere Gnade, als ein Geschenk anzusehen: "Nicht alle können es erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist" (Mt 19,11). Gewiß handelt es sich um eine Gnade, die ihren Empfänger nicht von der bewußten und freien Antwort entbindet, sondern diese mit einzigartiger Kraft von ihm fordert. Dieses Charisma des Geistes schließt auch die Gnade ein, daß derjenige, der sie empfängt, das ganze Leben treu bleibt und mit Selbstlosigkeit und Freude die damit verbundenen Verpflichtungen erfüllt. In der Ausbildung zum priesterlichen Zölibat muß das Bewußtsein vom "kostbaren Geschenk Gottes" (153) gewährleistet sein; es wird zum Gebet und zur Wachsamkeit anleiten, damit das Geschenk vor allem, was es bedrohen könnte, geschützt wird.

Der ehelos lebende Priester wird seinen Dienst im Volk Gottes besser erfüllen können. Indem er den evangelischen Wert der Jungfräulichkeit bezeugt, wird er insbesondere die christlichen Eheleute dazu anhalten können, das "große Sakrament" der Liebe des Bräutigams Christus zu seiner Braut, der Kirche, in seiner Fülle zu leben, so wie auch seine Treue im Zölibat für die Treue der Eheleute hilfreich sein wird (154).

Die Bedeutung und die Schwierigkeit der Hinführung zur priesterlichen Ehelosigkeit, insbesondere unter den heutigen sozialen und kulturellen Gegebenheiten, haben die Synodenväter zu einer Reihe von Anträgen veranlaßt, deren bleibende Gültigkeit im übrigen von der Weisheit der Mutter Kirche bestätigt wird. Ich lege sie hier als Kriterien wieder vor, die bei der Erziehung zur Keuschheit im Zölibat befolgt werden sollten: "Die Bischöfe sollen zusammen mit den Rektoren und den Spirituälen der Seminare Grundsätze festlegen, Kriterien und Hilfen anbieten für den Unterscheidungsprozeß auf diesem Gebiet. Von größter Wichtigkeit für die Erziehung zur Keuschheit im Zölibat sind die Sorge des Bischofs und das brüderliche Leben unter den Priestern. Im Seminar, das heißt in seinem Ausbildungsprogramm, soll der Zölibat mit aller Klarheit, ohne jede Doppeldeutigkeit und in seinem positiven Gehalt, dargestellt werden. Der Seminarist soll über einen hinreichenden Grad psychischer und sexueller Reife sowie über ein eifriges und echtes Gebetsleben verfügen und unter der Führung eines geistlichen Begleiters stehen. Der Spiritual soll dem Seminaristen dabei helfen, daß er zu einer reifen und freien Entscheidung gelangt, die sich auf die Wertschätzung der priesterlichen Freundschaft und der Selbstbeherrschung sowie auch auf die Annahme der Einsamkeit und auf ein in rechter Weise verstandenes physisches und psychologisches Persönlichkeitsbild gründet. Darum sollen die Seminaristen die Lehre des II. Vatikanischen Konzils, die Enzyklika Sacerdotalls caelibatus und die 1974 von der Kongregation für das katholische Bildungswesen herausgegebene Instruktion über die Erziehung zum priesterlichen Zölibat gut kennen. Damit der Seminarist den priesterlichen Zölibat in freier Entscheidung um des Himmelreiches willen auf sich nehmen kann, ist es notwendig, daß er um die christliche und wahrhaft menschliche Natur sowie um den Zweck der Geschlechtlichkeit in der Ehe und im Zölibat Bescheid weiß. Es ist auch notwendig, die gläubigen Laien über die dem Zölibat eigenen evangelischen, spirituellen und pastoralen Motivationen zu unterweisen, so daß sie den Priestern durch Freundschaft, Verständnis und Zusammenarbeit behilflich sein können" (155).

 

Die wissenschaftliche Ausbildung: Das Mühen um Glaubenseinsicht

 

51. Die wissenschaftliche Ausbildung ist, obwohl sie einen ihr eigenen Sondercharakter hat, eng mit der menschlichen und geistlichen Formung verbunden; dies zeigt sich darin, daß sie eine notwendige Ausdrucksform dieser Dimensionen darstellt: Sie nimmt nämlich Gestalt an als ein nicht unterdrückbares Bedürfnis des Verstandes, mit dem der Mensch "am Licht des göttlichen Geistes teilnimmt" und eine Weisheit zu erwerben sucht, die sich ihrerseits auf die Erkenntnis Gottes und auf die Verbundenheit mit ihm öffnet (156). Die wissenschaftlich-intellektuelle Ausbildung der Priesteramtskandidaten findet ihre charakteristische Rechtfertigung in der Natur des geweihten Dienstes selbst und beweist ihre aktuelle Dringlichkeit angesichts der Herausforderung der Neu-Evangelisierung", zu welcher der Herr die Kirche an der Schwelle des dritten Jahrtausends aufruft. "Wenn schon jeder Christ", schreiben die Synodenväter, "bereit sein soll, den Glauben zu verteidigen und die Hoffnung, die in uns lebt, zu bezeugen (vgl. 1 Petr 3,15), um wieviel mehr müssen dann die Priesteramtskandidaten und die Priester sich sorgfältig um den Wert der intellektuellen Bildung in der Erziehung und in der Seelsorgstätigkeit kümmern, da sie sich zum Heil der Brüder und Schwestern um eine Unsere vertiefte Kenntnis der göttlichen Geheimnisse bemühen sollen (157). Unsere heutige Situation, die schwer gezeichnet ist von religiöser Gleichgültigkeit und einem verbreiteten Mißtrauen in bezug auf die tatsächliche Fähigkeit der Religion, zur objektiven und universalen Wahrheit zu gelangen und außerdem von den durch die Entdeckungen in Wissenschaft und Technik hervorgerufenen neuen Problemen und Fragen geprägt ist, erfordert mit Nachdruck ein hervorragendes Niveau der intellektuellen Ausbildung. Diese Ausbildung soll die Priester dazu befähigen, dem so geschilderten Umfeld das unwandelbare Evangelium Christi zu verkünden und es angesichts der legitimen Erfordernisse der menschlichen Lebenswirklichkeit glaubwürdig zu machen. Hinzugefügt sei außerdem, daß das in unseren Tagen nicht nur im Bereich der menschlichen Gesellschaft, sondern auch der kirchlichen Gemeinschaft sehr ausgeprägte Phänomen des Pluralismus eine besondere Begabung zu kritischer Unterscheidung verlangt: Das ist ein weiterer Grund, der die Notwendigkeit einer sehr ernsthaften intellektuellen Ausbildung beweist.

Diese "pastorale" Begründung der wissenschaftlichen Ausbildung bestätigt noch einmal das, was bereits über die Einheit des Erziehungsprozesses in seinen verschiedenen Dimensionen gesagt wurde. Der engagierte Einsatz für das Studium, der einen Großteil des Lebens des Kandidaten während seiner Vorbereitung auf das Priestertum einnimmt, ist in der Tat keine äußerliche und nebensächliche Komponente seines menschlichen, christlichen und geistlichen Hineinwachsens in die Berufung: In Wirklichkeit kommt der künftige Priester durch das Studium, vor allem der Theologie, zu einer engen Verbindung mit dem Wort Gottes, wächst in seinem geistlichen Leben und bereitet sich auf die Erfüllung seines pastoralen Dienstes vor. Das ist der vielfältige und einheitliche Zweck des Theologiestudiums, der vom Konzil ausgewiesen (158) und vom Instrumentum laboris der Synode wieder vorgelegt wurde: "Die intellektuelle Formung wird, damit sie in pastoraler Hinsicht wirksam sein kann, in einen von der persönlichen Gotteserfahrung geprägten geistlichen Ausbildungsgang integriert, um so ein bloß angelerntes Wissen zu überwinden und zu jener Einsicht des Herzens zu gelangen, die zuerst zu sehen vermag und danach imstande ist, das Geheimnis Gottes den Menschen mitzuteilen" (159).

 

52. Ein wesentliches Element der intellektuellen Ausbildung ist das Studium der Philosophie, das zu tieferem Verständnis und zur besseren Deutung der menschlichen Person, ihrer Freiheit und ihrer Beziehungen zur Welt und zu Gott anleitet. Die philosophische Ausbildung erweist sich als sehr dringend, nicht nur wegen der Bande, die zwischen den philosophischen Themen und den in der Theologie im höheren Licht des Glaubens erforschten Heilsgeheimnissen bestehen," (160) sondern auch angesichts einer weitverbreiteten kulturellen Situation, die den Subjektivismus zum Kriterium und Maßstab der Wahrheit erhebt: Nur eine gesunde Philosophie kann den Priesteramtskandidaten helfen, ein reflektiertes Bewußtsein von der Grundbeziehung zu entwickeln, die zwischen dem menschlichen Geist und jener Wahrheit besteht, die sich uns in Jesus Christus voll enthüllt. Nicht unterschätzt werden darf auch die Bedeutung der Philosophie für die Garantie jener "Wahrheitsgewißheit", die es allein auf der Grundlage der persönlichen Ganzhingabe an Jesus Christus geben kann. Man kann unschwer verstehen, daß einige sehr konkrete Fragen, wie die Identität des Priesters und sein apostolischer und missionarischer Einsatz, tief mit der keineswegs abstrakten Frage nach der Wahrheit verbunden sind: Wenn man über die Wahrheit keine Gewißheit haben kann, wie ist es dann möglich, sein ganzes Leben aufs Spiel zu setzen und die Kraft aufzubringen, sich ernsthaft des Lebens der anderen anzunehmen?

Die Philosophie hilft dem Kandidaten nicht wenig, die intellektuelle Bildung um den "Wahrheitskult" zu bereichern: Gemeint ist eine Art liebevoller Verehrung der Wahrheit, die zu der Erkenntnis führt, daß die Wahrheit nicht nach menschlichen Maßstäben geschaffen, sondern dem Menschen von der höchsten Wahrheit, Gott, als Geschenk gegeben wird; gemeint ist ferner die Überzeugung, daß die menschliche Vernunft, sei es auch begrenzt und manchmal mit Schwierigkeiten, die objektive und universale Wahrheit, auch jene, die Gott und den radikalen Sinn der Existenz betrifft, zu erreichen vermag; einbezogen ist weiterhin die Erfahrung, daß selbst der Glaube nicht von der Vernunft und von der Mühe, seine Inhalte zu "denken", absehen kann, wovon der große Geist des Augustinus Zeugnis gab: "Ich wollte mit dem Verstand das sehen, was ich glaubte, und ich habe viel diskutiert und mich abgemüht" (161).

Hilfreich für ein tieferes Verständnis des Menschen und der gesellschaftlichen Phänomene und Perspektiven in bezug auf eine so weit wie möglich i karnierte" pastorale Tätigkeit können auch die sogenannten "Humanwissenschaften" sein, wie die Soziologie, die Psychologie, die Pädagogik, die Wirtschafts- und Politikwissenschaft, die Kenntnis der sozialen Kommunikationsformen. Und selbst in dem sehr präzisen Bereich der positiven oder deskriptiven Wissenschaften helfen diese dem künftigen Priester, die von Christus gelebte "Gleichzeitigkeit" ins Heute zu übertragen. "Christus hat sich", sagte Paul IV., Für einige Menschen zum Zeitgenossen gemacht und mit ihnen in ihrer Sprache gesprochen. Die Treue zu ihm verlangt, daß diese Gleichzeitigkeit fortdauert" (162).

 

53. Die intellektuelle Ausbildung des künftigen Priesters stützt sich vor allem auf das Studium der Sacra doctrina, der Theologie, und baut auf dieser Grundlage auf. Der Wert und die Authentizität der wissenschaftlichen Ausbildung hängen von der gewissenhaften Respektierung des der Theologie eigenen Wesens ab, das die Synodenväter so zusammengefaßt haben: "Die wahre Theologie stammt aus dem Glauben und will zum Glauben hinführen" (163). Das ist die Auffassung, die die Kirche und insbesondere ihr Lehramt ständig vertreten haben. Und das ist auch die Linie, der die großen Theologen folgten, die im Laufe der Jahrhunderte das Denken der Kirche bereichert haben. Der hl. Thomas drückt sich äußerst klar aus, wenn er sagt, der Glaube sei der Habitus der Theologie, das heißt ihr dauerndes Wirkungsprinzip, (164) und "die ganze Theologie ist darauf hingeordnet, den Glauben zu nähren" (165).

Der Theologe ist also vor allem ein Glaubender, ein Mann des Glaubens. Aber er ist ein Glaubender, der sich über seinen Glauben Rechenschaft gibt (fides quaerens intellectum), um zu einem tieferen Verständnis eben dieses Glaubens zu gelangen. Die beiden Aspekte, der Glaube und das gereifte Nachdenken, sind tief miteinander verbunden und verflochten: Ihre enge Zuordnung und Durchdringung entscheidet über die wahre Natur der Theologie und infolgedessen über die Inhalte, die Möglichkeiten und den Geist, nach denen die Sacra doctrina aufbereitet und studiert wird.

Da der Glaube, Ausgangs- und Zielpunkt der Theologie, dann ein persönliches Verhältnis des Glaubenden zu Jesus Christus in der Kirche bewirkt, verfügt auch die Theologie über innere christologische und ekklesiale Merkmale, die der Priesterkandidat bewußt übernehmen soll. Dies gilt nicht nur wegen der Auswirkungen auf sein persönliches Leben, sondern auch wegen der Konsequenzen für seinen Seelsorgsdienst. Wenn das Wort Gottes angenommen wird, läuft der Glaube hinaus auf ein radikales ja" des Glaubenden zu Jesus Christus, dem vollen und endgültigen Wort Gottes an die Welt (vgl. Hebr 1,lff.). Folglich hat die theologische Reflexion ihren Mittelpunkt in der Zugehörigkeit zu Jesus Christus als der Weisheit Gottes: Die reife Reflexion, das reife Nachdenken muß sich als Teilhabe am "Denken" Christi (vgl. 1 Kor 2,16) in der menschliche Form einer Wissenschaft (scientia fidel) verstehen. Gleichzeitig fügt der Glaube den Glaubenden in die Kirche ein und läßt ihn Anteil nehmen am Leben der Kirche als Glaubensgemeinschaft. Folglich besitzt die Theologie eine kirchliche Dimension, weil sie eine gereifte Reflexion über den Glauben der Kirche seitens des Theologen darstellt, der selbst Glied der Kirche ist (166).

Diese christologischen und ekklesialen Perspektiven, die zum Wesen der Theologie gehören, helfen mit, bei den Priesteramtskandidaten in Verbindung mit wissenschaftlicher Strenge eine große, lebendige Liebe zu Jesus Christus und seiner Kirche zur Entfaltung zu bringen: Indem diese Liebe ihr geistliches Leben nährt, bewirkt sie schon eine Orientierung auf die selbstlose Erfüllung ihres Dienstes. Genau das war schließlich die Absicht des II. Vatikanischen Konzils das die Neugestaltung der kirchlichen Studien anregte. Es wollte die verschiedenen philosophischen und theologischen Disziplinen besser aufeinander abgestimmt sehen; "sie sollen harmonisch darauf hinstreben, den Alumnen immer tiefer das Mysterium Christi zu erschließen, das die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht, sich ständig der Kirche mitteilt und im priesterlichen Dienst in besonderer Weise wirksam wird" (167).

Wissenschaftliche Ausbildung und geistliches Leben, im besonderen das Gebetsleben, begegnen und stärken sich gegenseitig, ohne im geringsten der theologischen Forschung etwas von ihrem Ernst noch dem Gebet etwas von seiner spirituellen Würze zu nehmen. Der hl. Bonaventura ermahnt uns: "Niemand solle glauben, daß ihm die Lektüre ohne die Geistsalbung, das spekulative Denken ohne das gefühlsbetonte Frohlocken, das Tun ohne die Frömmigkeit, das Wissen ohne die Liebe, der Verstand ohne die Demut, das Studium ohne die göttliche Gnade, die Selbstbetrachtung ohne die von Gott eingegossene Weisheit genüge" (168).

 

54. Die theologische Ausbildung ist eine sehr komplexe und verpflichtende Aufgabe. Sie soll den Priesteramtskandidaten dazu führen, eine Sicht der von Gott in Jesus Christus geoffenbarten Wahrheiten und der Glaubenserfahrung der Kirche zu erhalten, die vollständig und einheitlich sein soll: Daher kommt die zweifache Forderung, "alle" christlichen Wahrheiten kennenzulernen, ohne willkürliche Auswahlentscheidungen zu treffen und sie in organischer Form zu erfassen. Das erfordert, daß dem Alumnen dabei geholfen wird, eine Synthese vorzunehmen, die Frucht der Beiträge der verschiedenen theologischen Disziplinen sein soll, deren spezifische Eigenart erst in ihrer tieferen Zuordnung echten Wert gewinnt.

In ihrer reifen Reflexion über den Glauben bewegt sich die Theologie in zwei Richtungen. Die erste drückt sich im Studium des Wortes Gottes aus und zielt auf das in der Heiligen Schrift enthaltene, in der lebendigen Überlieferung der Kirche gefeierte und gelebte und vom Lehramt der Kirche glaubwürdig ausgelegte Wort. Daraus ergibt sich ein Zusammenhang zwischen dem Studium der Heiligen Schrift, "die die Seele der ganzen Theologie sein muß", (169) dem Studium der Kirchenväter und der Liturgie, der Kirchengeschichte und den Verlautbarungen des Lehramtes. Die zweite Richtung ist die Sicht des Menschen als Gesprächspartner Gottes: Im Blickpunkt steht der Mensch, der gerufen ist, die Fides und das christliche Ethos zu "glauben", zu "leben" und den anderen "mitzuteilen". Daraus ergibt sich das Studium der Dogmatik, der Moraltheologie, der Theologie des geistlichen Lebens, des Kirchenrechts und der Pastoraltheologie.

Der Bezug zum glaubenden Menschen veranlaßt die Theologie, einerseits besonders auf die ständige grundlegende Beziehung zwischen Glaube und Vernunft zu achten sowie andererseits auf einige Erfordernisse, die mehr mit der sozialen und kulturellen Lage von heute zusammenhängen. In die erste Gruppe gehört das Studium der Fundamentaltheologie, die die christliche Offenbarung und ihre Weitergabe in der Kirche zum Gegenstand hat. In der zweiten Gruppe sind Fächer zu finden, die als Antworten auf heute stark empfundene Probleme eine entschiedenere Entwicklung erfahren haben und erfahren. So etwa das Studium der kirchlichen Soziallehre, die "in den Bereich der Theologie, insbesondere der Moraltheologie, gehört" (170) und die zu den "wesentlichen Bestandteilen" der Neu-Evangelisierung" zählt, deren Werkzeug sie darstellt (171). Dasselbe gilt vom Studium der Missionswissenschaft, des Ökumenismus, des Judentums, des Islam und der anderen Religionen.

 

55. Die theologische Ausbildung in der heutigen Zeit muß einigen Problemen Aufmerksamkeit schenken, die nicht selten im Leben der Kirche Schwierigkeiten, Spannungen und Verwirrungen auslösen. Man denke an das Verhältnis zwischen den Verlautbarungen des Lehramtes und den theologischen Diskussionen, das sich nicht immer so gestaltet, wie es sein sollte, das heißt im Zeichen der Zusammenarbeit. Sicher "haben das lebendige Lehramt der Kirche und die Theologie trotz verschiedener Gaben und Funktionen letzten Endes dasselbe Ziel: das Volk Gottes in der Wahrheit zu erhalten, die frei macht und es so zum Licht der Völker zu machen. Dieser Dienst an der kirchlichen Gemeinschaft setzt den Theologen in wechselseitige Beziehung zum Lehramt. Dieses lehrt authentisch die Lehre der Apostel und, während es aus der theologischen Arbeit Nutzen zieht, weist die Einwände gegen den Glauben und seine Entstellungen zurück und schlägt mit der von Jesus Christus empfangen Vollmacht neue Vertiefungen, Erläuterungen und Anwendungen der geoffenbarten Lehre vor. Die Theologie hingegen gewinnt auf dem Weg der Reflexion eine immer tiefere Erkenntnis des Gotteswortes, das in der Schrift enthalten ist und von der lebendigen Überlieferung der Kirche unter der Führung des Lehramtes weitergegeben wird; sie versucht, die Belehrung über die Offenbarung vor der Instanz der Vernunft klarzustellen und gibt ihr schließlich eine organische und systematische Gestalt" (172). Wenn jedoch - aus einer Reihe von Gründen - diese Zusammenarbeit nachläßt, gilt es, keine Mißverständnisse und Verwirrungen aufkommen zu lassen, indem man "die gemeinsame Lehre der Kirche" sorgfältig zu unterscheiden weiß "von den Meinungen der Theologen und von Tendenzen", die rasch vergehen (den sogenannten , Modena) (173). Es gibt kein "Parallel-Lehramt", denn das einzige Lehramt ist das des Petrus und der Apostel, des Papstes und der Bischöfe (174).

Ein anderes Problem, das man vor allem dort wahrnimmt, wo die Seminar studien akademischen Institutionen übertragen werden, betrifft das Verhältnis zwischen der wissenschaftlichen Ausrichtung der Theologie und ihrer pastoralen Zielsetzung. Es handelt sich in Wirklichkeit um zwei Wesensmerkmale der Theologie und ihrer Unterweisung, die einander nicht widersprechen, sondern die, wenn auch unter verschiedenen Perspektiven, am vollen "Verständnis des Glaubens" mitwirken. Denn der pastorale Charakter der Theologie bedeutet nicht eine Theologie, die weniger doktrinell oder sogar ihrer Wissenschaftlichkeit beraubt wäre; er bedeutet hingegen, daß sie die künftigen Priester befähigt, die Botschaft des Evangeliums mit Hilfe der kulturellen Möglichkeiten ihrer Zeit zu verkünden und die Seelsorgstätigkeit einer authentischen theologischen Anschauung entsprechend zu konzipieren. So wird ein Studium, das die strenge Wissenschaftlichkeit der einzelnen theologischen Disziplinen respektiert, einerseits zur möglichst vollständigen und gründlichen Ausbildung des Seelsorgers als Glaubenslehrer beitragen; andererseits wird die angemessene Sensibilität für die pastorale Zielsetzung das ernsthafte wissenschaftliche Studium der Theologie für die künftigen Priester ausgesprochen fruchtbar machen.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der heute stark vernehmbaren Forderung nach der Evangelisierung der Kulturen und nach der Inkulturation der Glaubensbotschaft. Es ist ein überwiegend pastorales Problem, das in größerem Umfang und mit mehr Sensibilität in die Ausbildung der Priesteramtskandidaten Eingang finden muß: "Unter den heute gegebenen Verhältnissen, wo in manchen Gegenden der Welt die christliche Religion als etwas sowohl für die alten wie die modernen Kulturen Fremdes angesehen wird, ist es von großer Wichtigkeit, daß bei der ganzen intellektuellen und menschlichen Ausbildung die Dimension der Inkulturation für notwendig und wesentlich gehalten wird" (175). Aber das erfordert zuvor eine authentische Theologie, die sich von den katholischen Grundsätzen zur Inkulturation inspirieren läßt. Diese Grundsätze verbinden sich mit dem Geheimnis der Menschwerdung des Gotteswortes und mit der christlichen Anthropologie und erhellen den authentischen Sinn der Inkulturation: Sie will angesichts der verschiedensten und manchmal gegensätzlichen Kulturen, die es in den verschiedenen Teilen der Welt gibt, gehorsam gegenüber dem Gebot Christi sein, allen Völkern bis an die äußersten Grenzen der Erde das Evangelium zu verkünden. Ein solcher Gehorsam bedeutet weder Synkretismus noch einfache Anpassung der Verkündigung des Evangeliums, sondern meint die Tatsache, daß das Evangelium voll Lebenskraft in die Kulturen eindringt, in sie hineinwächst, indem es deren kulturelle Elemente, die mit dem Glauben und mit dem christlichen Leben nicht vereinbar sind, überwindet und ihre Werte in das Heilsmysterium, das von Christus kommt, hineinintegriert (176). Das Problem der Inkulturation kann von besonderem Interesse sein, wenn die Priesteramtskandidaten selbst aus autochthonen Kulturen kommen: Sie werden angemessene Ausbildungswege benötigen, sei es um die Gefahr zu überwinden, weniger anspruchsvoll im Blick auf die Erziehung zu den menschlichen, christlichen und priesterlichen Werten zu sein, sei es um die guten und authentischen Elemente ihrer Kulturen und Traditionen zur Geltung zu bringen (177).

 

56. Im Gefolge der Lehre und der Richtlinien des II. Vatikanischen Konzils und der von der Grundordnung für die Ausbildung der Priester gegebenen Anwendungshinweise ist in der Kirche eine umfangreiche Weiterentwicklung der Ausbildung in den philosophischen und vor allem den theologischen Lehrfächern in den Seminaren zum Abschluß gekommen. Auch wenn in einigen Fällen noch weitere Verbesserungen und Entwicklungen erforderlich sind, so hat diese Anpassung an die heutigen Erfordernisse insgesamt dazu beigetragen, das Erziehungsangebot im Rahmen der intellektuellen Ausbildung immer qualifizierter zu machen. Diesbezüglich "haben die Synodenväter erneut mehrmals und mit aller Klarheit die Notwendigkeit, ja Dringlichkeit bekräftigt, daß in den Seminaren und Ausbildungshäusern der grundlegende Studienplan eingeführt werde, und zwar sowohl in seiner gesamtkirchlichen Fassung wie in den Sonderbestimmungen der einzelnen Nationen oder Bischofskonferenzen" (178).

Entschieden entgegengetreten werden muß der Tendenz, die Ernsthaftigkeit und den Verpflichtungscharakter der Studien abzuschwächen, eine Tendenz, die sich in manchen kirchlichen Kreisen auch als Folge einer unzureichenden und lückenhaften Grundvorbereitung der Alumnen, die den philosophischen und theologischen Studiengang beginnen, bemerkbar macht. Gerade die gegenwärtige Situation verlangt in zunehmendem Maße Lehrer, die wirklich insgesamt auf der Höhe der Zeit stehen und imstande sind, sich sachkundig und mit klaren, eindeutigen Argumenten den Sinnfragen der heutigen Menschen zu stellen, auf die allein das Evangelium Jesu Christi die ganze und endgültige Antwort gibt.

 

Die pastorale Ausbildung: In Kommunikation mit der Liebe Jesu Christi, des Guten Hirten

 

57. Die gesamte Ausbildung der Priesteramtskandidaten ist dazu bestimmt, sie in besonderer Weise darauf vorzubereiten, die Kommunikation mit der Liebe Christi, des Guten Hirten, zu verwirklichen. Diese Ausbildung muß daher in ihren verschiedenen Aspekten einen im wesentlichen pastoralen Charakter haben. Das unterstrich das Konzilsdekret Optatam totius in bezug auf die Priesterseminare sehr klar: "Die gesamte Ausbildung der Alumnen muß dahin zielen, daß sie nach dem Vorbild unseres Herrn Jesus Christus, des Lehrers, Priesters und Hirten, zu wahren Seelenhirten geformt werden; sie müssen also zum Dienst am Wort vorbereitet werden, daß sie das geoffenbarte Gotteswort immer besser verstehen, durch Meditation mit ihm vertraut werden und es in Wort und Leben darstellen; zum Dienst des Kultes und der Heiligung, daß sie in Gebet und im Vollzug der heiligen Liturgie das Heilswerk durch das eucharistische Opfer und die Sakramente vollziehen; zum Dienst des Hirten, daß sie den Menschen Christus darstellen können, der nicht kam, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben` (Mk 10,45; vgl. Joh 13,12-17), und daß sie, indem sie Diener aller werden, so viele gewinnen" (vgl. 1 Kot 9,19) (179).

Der Kozilstext besteht auf der tiefgreifenden Zuordnung, die zwischen den verschiedenen Aspekten der Ausbildung - der menschlichen, geistlichen und intellektuellen - besteht; und zugleich drängt er auf ihre besondere pastorale Zielbestimmung. In diesem Sinne vermittelt die pastorale Zielsetzung der menschlichen, geistlichen und intellektuellen Dimension ganz bestimmte Inhalte und Wesensmerkmale und kann so für die gesamte Ausbildung der künftigen Priester das einheitsstiftende Spezifikum sein.

Wie jede andere Ausbildung entfaltet sich auch die pastorale Dimension mittels der reiflichen Überlegung und der operativen Anwendung, und sie schlägt ihre lebendigen Wurzeln in einem Geist, der die Stütze sowie die Antriebs- und Entfaltungskraft vor allem darstellt.

Erfordert ist daher das Studium einer richtigen und eigenen theologischen Disziplin: der Pastoral- oder praktischen Theologie, die eine wissenschaftliche Reflexion über die Kirche in ihrer täglichen Auferbauung in der Geschichte durch die Kraft des Geistes ist: Es geht also um ein Nachdenken über die Kirche als allumfassendes Heilssakrament", (180) als lebendiges Zeichen und Werkzeug des Heilstat Jesu Christi im Wort, in den Sakramenten und im Dienst der Liebe. Die Seelsorge ist weder nur eine Kunst noch ein Gefüge von Ratschlägen, Erfahrungen und Methoden; sie besitzt ihre volle theologische Würde, weil sie aus dem Glauben die Grundsätze und Kriterien für das pastorale Wirken der Kirche in der Geschichte bezieht, einer Kirche, die jeden Tag die Kirche selbst "hervorbringt", wie es der hl. Beda Venerabilis sehr gelungen ausgedrückt hat: Nam et Ecclesia quotidie gignit Ecclesiam" (181).

Unter diesen Grundsätzen und Kriterien kommt dem Maßstab der evangelischen Unterscheidung in der soziokulturellen und kirchlichen Situation, innerhalb der sich das pastorale Wirken vollzieht, besondere Bedeutung zu.

Das Studium der Pastoraltheologie soll die Seelsorgstätigkeit durch die Übernahme einiger Diensttätigkeiten erleuchten, die die Priesteramtskandidäten mit notwendiger Abstufung und stets im Einklang mit den anderen Ausbildungsverpflichtungen verwirklichen sollen: Es handelt sich um pastorale "Erfahrungen", die in eine echte pastorale Lehrzeit" einfließen können, die auch von längerer Dauer sein kann und methodisch überprüft werden muß. Das Studium und die Seelsorgstätigkeiten verweisen aber auf eine innere Quelle, die die Ausbildung stets zu bewahren und neu zu erschließen haben wird: die immer tiefere Verbundenheit mit der Hirtenliebe Jesu. Wie sie das Prinzip und die Kraft seines Heilswirkens gewesen ist, so muß sie dank der Ausgießung des Heiligen Geistes im Weihesakrament das Prinzip und die Kraft des priesterlichen Dienstes darstellen. Es handelt sich um eine Ausbildung, die nicht nur eine wissenschaftliche seelsorgerische Kompetenz und eine operative Fähigkeit sicherstellen muß, sondern sie soll auch und vor allem das Wachstum einer Seinsweise in Verbundenheit, in Gemeinschaft mit eben den Gesinnungen und Haltungen Christi, des Guten Hirten, gewährleisten: "Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht" (Phil 2,5).

 

58. So verstanden kann sich die pastorale Ausbildung sicher nicht auf die eines einfachen Lehrlings beschränken, der sich mit irgendeiner pastoralen Technik vertraut machen will. Das Erziehungsangebot des Seminars übernimmt die Verantwortung für eine gediegene Einführung in die Sensibilität für den Hirtendienst und in die bewußte und reife Übernahme seiner Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig soll dieses Bemühen den Kandidaten innerlich daran gewöhnen, die Probleme einzuschätzen und Prioritäten und Möglichkeiten bei ihrer Lösung festzulegen, und zwar immer auf der Grundlage klarer Glaubensbegründungen und entsprechend den theologischen Ansprüchen der Seelsorge selbst.

Durch die einführende und schrittweise Erprobung im Dienst sollen die künftigen Priester in die lebendige pastorale Tradition ihrer Teilkirche eingegliedert werden können; sie sollen lernen, den Horizont ihres Geistes und ihres Herzens für die Dimension der Mission des kirchlichen Lebens zu öffnen; sie sollen sich üben in einigen ersten Formen der Zusammenarbeit untereinander und mit den Priestern, zu denen sie geschickt worden sind. Letzteren obliegt in Verbindung mit dem Angebot des Seminars eine pastorale Erziehungsverantwortung von nicht geringer Bedeutung.

Bei der Wahl geeigneter Orte und Dienste für das Einüben pastoraler Erfahrungen wird man die Pfarre als Lebenszelle der ausschnitthaften und spezifizierten Seelsorgserfahrungen, durch die sich die Priesterkandidaten mit den besonderen Problemen ihres künftigen Berufes konfrontiert sehen, sorgfältig berücksichtigen müssen. (182). Die Synodenväter haben in diesem Zusammenhang eine Reihe konkreter Beispiele vorgeschlagen: den Besuch von Kranken; die Sorge um Emigranten, Asylanten und Nichtseßhafte; den Eifer der Liebe, der in verschiedene soziale Aktivitäten umgesetzt wird. Im besonderen schreiben sie dazu: "Es ist notwendig, daß der Priester Zeuge der Liebe Christi ist, der, umherzog und Gutes tat" (Apg 10,38); der Priester muß auch das sichtbare Zeichen für die Sorge der Kirche sein, die Mutter und Lehrerin ist. Und da der Mensch unserer Zeit von so viel Mißgeschick heimgesucht wird - das gilt besonders von dem Menschen, der von einer unmenschlichen Armut, von blinder Gewalt und ungerechter Macht überfallen wird -, ist es notwendig, daß der zu jedem guten Werk bereite und gerüstete Mann Gottes (vgl. 2 Tim 3,17) die Rechte und die Würde des Menschen fordernd geltend macht. Man hüte sich jedoch davor, falschen Ideologien anzuhängen und zu vergessen, daß die Welt, während sie den Fortschritt fördern will, allein durch das Kreuz Christi erlöst wird" (183).

Diese und andere Seelsorgstätigkeiten erziehen den künftigen Priester dazu, seine Sendung durch "vollmacht" in der Gemeinde als "Dienst" zu erleben und Abstand zu nehmen von jeder Haltung der Überlegenheit oder der Ausübung einer Macht, die nicht immer und allein durch die pastorale Liebe gerechtfertigt wäre.

Für eine angemessene Ausbildung ist es notwendig, daß die verschiedenen Erfahrungen der Priesterkandidaten einen klaren "Dienst" charakter annehmen, in enger Verbindung mit den anderen Erfordernissen, die zur Vorbereitung auf das Priesteramt gehören, und (keineswegs zum Nachteil des Studiums) in Beziehung zu den Diensten der Verkündigung des Wortes, der Liturgie und der Leitung. Diese Dienste können zur konkreten Umsetzung der Beauftragungen des Lektorats, des Akolythats und des Diakonamtes werden.

 

59. Da die Seelsorgstätigkeit ihrer Natur nach dazu bestimmt ist, die Kirche zu beseelen, die in ihrem Wesen Mysterium, Communio und Missio ist, wird die pastorale Ausbildung diese kirchlichen Dimensionen in der Ausübung des priesterlichen Dienstes kennen und leben müssen.

Als grundlegend erweist sich das Bewußtsein, daß die Kirche "Mysterium", Geheimnis, göttliches Werk, Frucht des Geistes Christi, wirksames Zeichen der Gnade, Gegenwärtigkeit der Trinität in der christlichen Gemeinschaft ist: Ein solches Bewußtsein wird den Priester, ohne deshalb den ihm eigenen Verantwortungssinn zu schwächen, davon überzeugen, daß das Wachstum der Kirche das unverdiente Werk des Geistes ist und daß sein - von derselben göttlichen Gnade der freien Verantwortlichkeit des Menschen anvertraute - Dienst der vom Evangelium so verstandene Einsatz des "unnützen Knechtes" (vgl. Lk 17,10) ist.

Das Bewußtsein, daß die Kirche "Gemeinschaft" ist, wird den Priesteramtskandidaten auf die Verwirklichung einer kommunikativen Pastoral in engem Zusammenwirken mit den verschiedenen kirchlichen Personen vorbereiten: Priester und Bischof, Diözesan und Ordenspriester, Priester und Laien. Aber Voraussetzung für eine solche Zusammenarbeit ist die Kenntnis und Achtung der verschiedenen Gaben und Charismen, der verschiedenen Berufungen und Verantwortlichkeiten, die der Geist den Gliedern des Leibes Christi anbietet und anvertraut; sie verlangt einen lebendigen und gewissenhaften Sinn für die eigene Aufgabe und die Identität des anderen in der Kirche; sie verlangt gegenseitiges Vertrauen, Geduld, Milde, Verständnis und Wartefähigkeit; sie hat ihre Wurzel vor allem in einer Liebe zur Kirche, die größer ist als die Liebe zu sich selbst und zu den partikulären Vereinigungen, denen man angehört. Besonders wichtig ist es, die künftigen Priester auf die Zusammenarbeit mit den Laien vorzubereiten. "Sie sollen - wie das Konzil sagt - gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit verstehen können" (184). Auch die jüngste Synode hat auf der Hirtensorge für die Laien bestanden: "Der Alumne muß fähig werden, die gläubigen Laien, vor allem die jugendlichen, mit den verschiedenen Berufungen (Ehe, soziales Engagement, Apostolat, Dienste und Verantwortlichkeiten im pastoralen Bereich, Ordensleben, rechte Gestaltung des politischen und gesellschaftlichen Handelns, wissenschaftliche Forschung und Lehre) bekannt zu machen und sie darin einzuführen. Vor allem ist es notwendig, die Laien im Blick auf ihre Berufung dazu anzuhalten, daß sie die Welt mit dem Licht des Evangeliums durchdringen und umgestalten, indem sie dies als ihre Aufgabe erkennen und respektieren" (185).

Schließlich wird das Bewußtsein von der Kirche als "missionarischer" Gemeinschaft dem Priesteramtskandidaten helfen, die missionarische Grunddimension der Kirche und ihrer verschiedenen pastoralen Tätigkeiten zu lieben und aus ihr zu leben, weiterhin für alle Möglichkeiten offen und verfügbar zu sein, die sich der Verkündigung des Evangeliums heute bieten, nicht zu vergessen den wertvollen Dienst, den diesbezüglich der Einsatz der sozialen Kommunikationsmittel leisten kann und Soll (186). Auch sei nicht vergessen, daß es um die Vorbereitung auf einen Dienst geht, der vom einzelnen Kandidaten die konkrete Verfügbarkeit dem Heiligen Geist und dem Bischof gegenüber fordern kann, sich aussenden zu lassen, um das Evangelium jenseits der Grenzen seines Landes zu verkünden" (187).

 

II. Das Umfeld der Priesterausbildung

 

Die Ausbildungskommunität des Priesterseminars

 

60. Die Notwendigkeit des Priesterseminars - und analog des Ordenshauses - für die Ausbildung der Priesteramtskandidaten, die vom II. Vatikanischen Konzil (188) mit Nachdruck bekräftigt wurde, ist nun von der Synode mit folgenden Worten aufs neue beteuert worden: "Die Einrichtung des Priesterseminars als der beste Ausbildungsort muß sich wieder durchsetzen als normaler, auch materieller Raum eines kommunitären und hierarchischen Lebens, ja als das eigentliche Haus für die Ausbildung der Priesteramtskandidaten, mit Oberen, die sich mit ganzer Kraft dieser Aufgabe widmen. Diese Einrichtung hat im Laufe der Jahrhunderte sehr viele Früchte gebracht und erbringt sie weiterhin in der ganzen Welt" (189).

Das Seminar stellt eine Zeitstrecke und einen Lebensraum dar; vor allem aber stellt es sich vor als eine Erziehungsgemeinschaft, die auf dem Weg ist: Diese Gemeinschaft wird vom Bischof gefördert, um dem, der vom Herrn gerufen wird, zu dienen wie die Apostel, die Möglichkeit zu bieten, die Ausbildungserfahrung, die der Herr den Zwölfen vorbehalten hat, wiederzuerleben. Tatsächlich wird in den Evangelien eine lange, innige Gewohnheit, mit Jesus zu leben, als notwendige Voraussetzung für den apostolischen Dienst hingestellt. Sie verlangt von den Zwölf, auf besonders deutliche und eigenartige Weise die - irgendwie allen Jüngern empfohlene - Loslösung vom gewohnten Milieu, von der bisherigen Arbeit, selbst von den liebsten Neigungen (vgl. Mk 1,16-20; 10,28; Lk 9,23.57-62; 14,25-27). Wir haben schon mehrmals die Überlieferung des Markus angeführt, der die tiefen Bande hervorhebt, die die Apostel mit Christus und untereinander verbinden: Ehe sie ausgesandt werden, um zu predigten und zu hellen, will Jesus "sie bei sich haben" (Mk 3,14).

Die ureigene Identität des Seminars besteht darin, daß es auf seine Weise in der Kirche eine Fortsetzung der engen apostolischen Gemeinschaft rund um Jesus ist, die auf sein Wort hört, die auf dem Weg zur Erfahrung von Ostern ist, in Erwartung des Geistes als Geschenk zur Sendung.

Eine solche Identität stellt das maßgebende Ideal dar, das das Seminar in den verschiedenen Gestalten und in den vielfältigen Wechselfällen, die es als menschliche Einrichtung in der Geschichte zu verzeichnen hat, dazu anspornt, eine konkrete Realisierung zu finden, die den Werten des Evangeliums entspricht, an denen es sich inspiriert und von denen her es in der Lage ist, auf Situation und Erfordernisse in der jeweiligen Zeit zu antworten.

Das Seminar ist an sich eine Ur-Erfahrung des Lebens der Kirche: In ihm ist der Bischof gegenwärtig durch das Amt des Rektors und den von ihm beseelten Dienst der Mitverantwortung und Gemeinschaft mit den anderen Erziehern für das apostolische und pastorale Wachstum der Alumnen. Die verschiedenen Mitglieder der Seminargemeinschaft, die vom Geist zu einer einzigen Bruderschaft vereint werden, wirken, jeder seiner Gabe entsprechend, zum Wachstum aller im Glauben und in der Liebe zusammen, damit sie sich in angemessener Weise auf das Priestertum und somit darauf vorbereiten, die heilbringende Gegenwart Jesu Christi, des Guten Hirten, in der Kirche und in der Geschichte fortzuleben.

Bereits unter einem menschlichen Gesichtspunkt muß das Priesterseminar bestrebt sein, "eine Kommunität zu werden, die aus einer tiefen Freundschaft und Liebe lebt, so daß sie wahrhaft als Familie angesehen werden kann, in der die Freude vorherrscht (190). Unter dem christlichen Gesichtspunkt muß das Seminar - so die Synodenväter weiter - als "kirchliche Gemeinschaft", als "Gemeinschaft der jünger des Herrn, in der die Liturgie gefeiert wird (was das Leben mit dem Geist des Gebets durchdringt), Gestalt annehmen, jeden Tag geformt durch die Lesung und Betrachtung des Gotteswortes und durch das Sakrament der Eucharistie und in der Übung der brüderlichen Liebe und Gerechtigkeit, eine Kommunität, in der im Fortschritt des Gemeinschaftslebens und im Leben jedes einzelnen Mitgliedes der Geist Christi und die Liebe zur Kirche erstrahlen" (191). Zur Bestätigung und konkreten Entfaltung der kirchlichen Grunddimension des Seminars schreiben die Synodenväter weiter: "Als kirchliche Gemeinschaft - sei sie diözesan, überdiözesan oder vom Ordensleben geprägt - nährt das Seminar den Sinn der Kandidaten für die Verbundenheit mit ihrem Bischof.und mit ihrem Presbyterium, so daß sie an ihren Hoffnungen und an ihren Angsten teilnehmen und diese Öffnung auf die Bedürfnisse der Gesamtkirche auszuweiten wissen" (192).

Wesentlich für die Ausbildung der Kandidaten zum Priesteramt und zum priesterlichen Dienst, der seinem Wesen nach kirchlich ist, ist es, daß das Seminar nicht als etwas Äußerliches und Oberflächliches, das heißt lediglich als ein Wohn- und Studienplatz, empfunden wird, sondern verinnerlicht und tiefer gesehen wird: als eine spezifisch kirchliche Gemeinschaft, eine Kornmunität, die die Gruppenerfahrung der um Jesus vereinten Zwölf wiedererlebt (193).

 

61. Das Seminar ist also eine kirchliche Erziehungsgemeinschaft, ja eine erziehende Gemeinschaft besonderer Art. Und es ist das besondere Ziel, ihre Physlognomie zu bestimmen: Dabei geht es um die helfende Wegbegleitung der künftigen Priester beim Erkennen der Berufung, es müssen Hilfen geboten werden, ihr zu entsprechen; wichtig ist schließlich die Vorbereitung auf den Empfang des Weihesakramentes mit den ihm eigenen Gnaden und Verantwortlichkeiten, durch die der Priester Jesus Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestaltet und befähigt und verpflichtet wird, an seiner Heilssendung in Kirche und Welt teilzunehmen.

Als Erziehungsgemeinschaft ist das ganze Leben des Seminars mit seinen verschiedenen Ausdrucksformen in der menschlichen, geistlichen, intellektuellen und pastoralen Ausbildung der künftigen Priester engagiert: Es ist eine Ausbildung, die zwar viele gemeinsame Aspekte mit der menschlichen und christlichen Ausbildung aller Glieder der Kirche, aber doch Inhalte, Bedingungen und Wesensmerkmale aufweist, die sich in spezifischer Weise von dem gesetzten Ziel herleiten, auf das Priestertum vorzubereiten.

Die Inhalte und Formen dieser Erziehungstätigkeit erfordern also, daß das Seminar seine eigene gewissenhafte Planung hat, das heißt ein Lebensprogramm, das gekennzeichnet ist sowohl durch seine Geschlossenheit und Einheitlichkeit als auch durch seine Abstimmung bzw. Übereinstimmung mit dem einzigen Ziel, das die Existenz des Seminars rechtfertigt: die Ausbildung der künftigen Priester.

In diesem Sinne schreiben die Synodenväter: Als Erziehungsgemeinschaft muß [das Seminar] einem klar definierten Programm dienen, das als charakteristisches Merkmal eine einheitliche Leitung in der Person des Rektors und seiner Mitarbeiter aufweist. Es braucht weiterhin den Zusammenhang der Lebensordnung mit der Bildungstätigkeit und den Grundforderungen eines Gemeinschaftslebens, das die zentralen Ausbildungsverpflichtungen umfaßt. Dieses Programm muß ohne Zögern und Unentschiedenheit der besonderen Zielsetzung dienen, die allein die Existenz des Seminars rechtfertigt, nämlich die Ausbildung der künftigen Priester zu Hirten der Kirche" (194). Damit die Planung wirklich passend und wirksam ist, müssen die großen inhaltlichen Linien durch einige Sonderbestimmungen, die das Gemeinschaftsleben regeln sollen und dabei auch geeignete Mittel und zeitliche Perspektiven benennen, konkreter ins Detail umgesetzt werden.

Hier gilt es, noch einen anderen Gesichtspunkt hervorzuheben: Die Erziehungsarbeit ist ihrer Natur nach die Begleitung der konkreten geschichtlichen Personen, die auf dem Weg sind, bestimmte Lebensideale zu wählen und ihnen treu zu bleiben. Gerade deshalb muß es die Erziehungsarbeit fertigbringen, die klare Orientierung auf das Berufsziel hin, die Notwendigkeit, ernsthaft auf dieses Ziel zuzugehen, die sorgfältige Betreuung des "Wanderers", das heißt des konkreten Menschen, der sich auf diese Herausforderung und damit auf eine Reihe von Situationen, Problemen, Schwierigkeiten und ganz unterschiedliche Wegerfahrungen und Wachstumsphasen einläßt, harmonisch in Einklang zu bringen. Das erfordert kluge Flexibilität, die keineswegs falsche Kompromisse bedeutet, weder hinsichtlich der Werte noch des bewußt und frei gelebten Verpflichtungscharakters der priesterlichen Lebensform. Solche Flexibilität bedeutet vielmehr wahre Liebe und aufrichtigen Respekt für den, der sich in seiner ganz persönlichen Lage auf dem Weg zum Priestertum befindet. Das gilt nicht nur in bezug auf die einzelne Person, sondern auch in bezug auf die verschiedenen sozialen und kulturellen Umfelder, innerhalb derer die Seminare leben, und auf ihre jeweils unterschiedliche Geschichte. In diesem Sinne verlangt die Erziehungsarbeit eine ständige Erneuerung. Die Synodenväter haben auch bezüglich der Gestaltung des Seminarlebens mit Nachdruck festgestellt: "Abgesehen von der Gültigkeit der klassischen Formen des Seminars wünscht die Synode, daß die Konsultationsarbeit der Bischofskonferenzen über die heutigen Erfordernisse der Ausbildung so fortgeführt wird, wie es im Dekret Optatam totius (Nr. 1) und auf der Synode von 1967 festgelegt wurde. Entsprechend sollen die Ausbildungsordnungen der einzelnen Nationen oder Riten revidiert werden, sei es auf Ersuchen der Bischofskonferenzen, sei es bei apostolischen Visitationen in den Seminaren der verschiedenen Nationen. Dadurch soll es möglich werden, verschiedene Ausbildungsformen einzubringen, die sich bewährt haben und den Bedürfnissen der eingeborenen Völker und ihrer Kultur, der Berufungen von Erwachsenen, der Missionsberufe usw. entsprechen müssen" (195).

 

62. Die Zielsetzung des Priesterseminars und die ihm eigene Ausbildungsordnung erfordern es, daß die Priesteramtskandidaten, die dort eintreten, schon eine gewisse Vorbereitung hinter sich haben. Eine solche Vorbereitung warf - zumindest bis vor einigen Jahrzehnten - keine besonderen Probleme auf, als nämlich die Priesteramtskandidaten für gewöhnlich aus den "Kleinen Seminaren" hervorgingen und das christliche Leben der Gemeinden mit Leichtigkeit allen ohne Unterschied eine recht ordentliche christliche Unterweisung und Erziehung bot.

Die Situation hat sich vielerorts geändert. Es besteht eine starke Diskrepanz zwischen dem Lebensstil und der elementaren Formung der Kinder, Heranwachsenden und jugendlichen einerseits, auch wenn diese Christen - und mitunter engagiert - im Leben der Kirche sind, und dem ganz anderen Lebensstil des Seminars und seiner erzieherischen Erfordernisse andererseits. In diesem Zusammenhang stelle ich - gemeinsam mit den Synodenvätern -die Frage, ob es eine angemessene Zeit der Vorbereitung geben solle, die der Seminarausbildung vorausgeht: "Es ist von Nutzen, daß es eine menschliche, christliche, intellektuelle und geistliche Vorbereitungsphase für die Kandidaten gebe, die sich für den Eintritt in das Priesterseminar bewerben. Die Kandidaten müssen ihrerseits bestimmte Eigenschaften aufweisen: die rechte Absicht, einen genügenden Grad menschlicher Reife, eine möglichst umfassende Kenntnis der Glaubenslehre, eine gewisse Vertrautheit mit den Gebetsweisen und dem Brauchtum, das der christlichen Tradition entspricht. Sie sollen auch die ihrem Lebensraum gemäßen Einstellungen mitbringen, durch die das Bemühen um die Suche nach Gott und die Suche nach dem Glauben seinen Ausdruck findet (vgl. Evangelii nuntiandi, 48)" (196).

"Eine möglichst umfassende Kenntnis der Glaubenslehre", von der die Synodenväter sprechen, ist schon vor Beginn des Theologiestudiums erforderlich: eine intelligentla fidel läßt sich nicht entfalten, wenn man die fides in ihren Inhalten nicht kennt. Eine solche Lücke wird künftig durch den neuen Weltkatechismus leichter geschlossen werden können.

Während die Überzeugung von der Notwendigkeit solch einer dem Priesterseminar vorausliegenden Vorbereitung allgemein geteilt wird, ist die Beurteilung ihrer Inhalte und Charakteristika bzw. ihrer vorrangigen Zielsetzung unterschiedlich: ob es sich mehr um eine geistliche Formung zur Unterscheidung einer Berufung oder um eine intellektuelle und kulturelle Ausbildung handeln solle. Andererseits können die zahlreichen und tiefgreifenden Unterschiede nicht außer acht gelassen werden, die nicht nur in bezug auf die einzelnen Kandidaten bestehen, sondern auch in bezug auf die verschiedenen Regionen und Länder. Dies legt noch eine Phase weiterer Überlegungen und Sammlung von Erfahrungen nahe, damit die verschiedenen Elemente dieser vorgängigen Vorbereitung oder "propädeutischen Phase" in angemessenerer und klarerer Weise umrissen werden können: Dauer, Ort und Themen einer solchen Zeitphase, die überdies auf die folgenden Ausbildungsjahre im Seminar abgestimmt werden muß.

In diesem Sinne nehme ich die von den Synodenvätern formulierte Frage auf und lege sie der Kongregation für das Katholische Bildungswesen erneut vor: "Die Synode bittet darum, daß die Kongregation für das Katholische Bildungswesen alle Informationen über die anfänglich schon gemachten oder derzeitigen Erfahrungen sammeln möge. Zu gegebener Zeit möge die Kongregation den Bischofskonferenzen die Informationen zu diesem Thema zuleiten'' (197).

 

Das Kleine Seminar und andere Formen der Berufungsbegleitung

 

63. Nach dem Zeugnis einer breiten Erfahrung äußert sich die Berufung zum Priester in einem anfänglichen Moment oftmals in den Jahren der Präadoleszenz oder den allerersten Jahren der Jugend. Und auch bei denjenigen, die sich zum Eintritt ins Seminar erst nach Ablauf einer längeren Zeit entscheiden, kann nicht selten festgestellt werden, daß der Ruf Gottes bereits in weit zurückliegenden Lebensabschnitten gegenwärtig war. Die Kirchengeschichte bezeugt durchgängig die Existenz von Berufungen, die der Herr an Menschen in frühem Kindesalter richtet. Der heilige Thomas erklärt beispielsweise die Vorliebe Jesu für den Apostel Johannes mit dessen "zartem Alter" und zieht daraus folgenden Schluß: "Dies läßt uns verstehen, daß Gott diejenigen auf besondere Weise liebt, die sich seinem Dienst von frühester Jugend auf ergeben" (198).

Die Kirche nimmt sich durch die Einrichtung der Kleinen Seminare dieser Samenkörner der Berufung an, die ins Herz der Kinder gelegt sind und läßt ihnen eine aufmerksame, wenngleich anfängliche vernünftige Begleitung angedeihen. In verschiedenen Teilen der Welt leisten die Kleinen Seminare nach wie vor eine wertvolle erzieherische Arbeit, die auf die Wahrung und Entfaltung der Berufung zum Priester gerichtet ist, damit die Alumnen sie leichter wahrnehmen können und besser in der Lage sind, ihr zu entsprechen. Ihr Erziehungsangebot zielt darauf, in maßvoller und gestufter Weise jene menschliche, kulturelle und geistliche Bildung zu fördern, die den jungen Menschen hinführt, den Weg im Priesterseminar auf angemessener und solider Grundlage aufzunehmen.

"Dazu angeleitet werden, Christus dem Erlöser mit großherzigem Sinn und reinem Herzen nachzufolgen": dies ist das Ziel des Kleinen Seminars, wie es im Dekret Optatam totius angegeben ist, das die erzieherische Grundgestalt dieser Einrichtung folgendermaßen umreißt: Die Alumnen sollen "unter der väterlichen Leitung der Oberen und durch entsprechende Mitarbeit der Eltern ... ein Leben führen, wie es zu Alter, Sinnesart und Entwicklung der jungen Menschen paßt und mit den Grundsätzen einer gesunden Psychologie in Einklang steht. Eine hinreichende Lebenserfahrung und der Umgang mit der eigenen Familie dürfen nicht fehlen" (199).

Das Kleine Seminar wird in der Diözese auch ein Bezugspunkt für die Berufungspastoral sein können, mit geeigneten Formen offener Annahme und Informationsangeboten für diejenigen jugendlichen, die auf der Suche nach ihrer Berufung sind oder die sich bereits entschieden haben, dieser Berufung zu folgen, aber aus verschiedenen Umständen - familiären oder schulischen - den Eintritt ins Seminar aufschieben müssen.

 

64. Dort, wo keine Möglichkeit zur Einrichtung eines Kleinen Seminars, das "in vielen Regionen notwendig und sehr hilfreich zu sein scheint", gefunden werden kann, ist die Errichtung anderer Institutionen vorzusehen, wie es etwa die "geistlichen Gruppen" für Heranwachsende und jugendliche sein könnten (200). Obwohl sie keine festen Einrichtungen sind, vermögen diese Gruppen in einem gemeinschaftlichen Rahmen eine systematische Anleitung zu bieten für die Prüfung und das Wachsen einer Berufung. Obwohl die betreffenden Kinder und jugendlichen in ihrer Familie leben und in ihrer Gemeinde Umgang pflegen, die ihnen auf ihrem Entscheidungsweg zur Seite steht, dürfen sie nicht alleingelassen werden. Sie brauchen eine bestimmte Gruppe oder eine Bezugsgemeinschaft, der sie sich anschließen, um jenen spezifischen Weg der Berufung zu vollenden, den die Gabe des Geistes in ihnen begonnen hat.

Wie es in der Kirchengeschichte stets vorgekommen ist, und mit einer bestimmten Charakteristik von ermutigender Neuheit und Häufigkeit auch unter den gegenwärtigen Bedingungen der Fall ist, läßt sich das Phänomen von Priesterberufungen im Erwachsenenalter feststellen, nach einer mehr oder weniger langen Erfahrung christlichen Lebens im Laienstand und beruflicher Tätigkeit. Es ist nicht immer möglich - und oft auch nicht geraten -, Erwachsene aufzufordern, den Ausbildungsgang im Priesterseminar zu durchlaufen. Vielmehr muß man - nach einer sorgfältigen Unterscheidung der Echtheit dieser Berufungen - für die Ausgestaltung eines spezifischen Typs von Ausbildungsbegleitung Sorge tragen, um so - vermittels Zweckmäßiger Anpassungen - die notwendige geistliche und geistige Ausbildung sicherzustellen (201). Eine rechte Beziehung zu den anderen Priesteramtskandldaten und Zeiten der Anwesenheit in der Seminargemeinschaft vermögen die volle Eingliederung dieser Berufungen in das eine Presbyterium und ihre innige und herzliche Gemeinschaft mit ihm zu gewährleisten.

 

III. Die Träger der Priesterausbildung

 

Die Kirche und der Bischof

 

65. Weil die Ausbildung der Priesteramtskandidaten zur Sorge der Kirche um Berufungen gehört, ist zu sagen, daß die ganze Kirche als solche das gemeinschaftliche Subjekt ist, welches die Gnade und die Verantwortung hat, diejenigen zu begleiten, die der Herr ruft, seine Diener im Priesteramt zu werden.

In diesem Sinn hilft uns der Blick auf das Mysterium der Kirche, den Standort und die Aufgabe besser zu bestimmen, die ihren Gliedern - sei es als einzelnen, sei es als Gliedern eines Leibes - in der Ausbildung der Priesteramtskandidaten zukommt.

Nun ist die Kirche ihrem tiefsten Wesen nach das "Gedächtnis", das "Sakrament" der Gegenwart und des Handelns Jesu Christi mitten unter uns und für uns. Seiner Heilsgegenwart ist der Ruf zum Priestertum zu verdanken: nicht allein der Ruf, sondern auch die Begleitung, damit der Gerufene die Gnade des Herrn besser zu erkennen und ihr in Freiheit und Liebe zu antworten vermöge. Der Geist Jesu ist es, der bei der Unterscheidung und auf dem Weg der Berufung erleuchtet und stärkt. Es geschieht also kein eigentliches Werk der Ausbildung zum Priestertum ohne den Einfluß des Geistes Christi. Jeder menschliche Ausbilder muß sich dessen voll bewußt sein. Denn wie wäre es möglich, eine so vollkommen geschenkte und radikal wirksame Kraftquelle zu übersehen, die ihr entscheidendes" Gewicht" im Engagement für die Ausbildung auf das Priestertum hin hat! Und wie wäre es möglich, sich nicht über jeden menschlichen Ausbilder freuen zu können, der - in gewissem Sinne - für den Priesteramtskandidaten einen sichtbaren Stellvertreter Christi darstellt? Wenn die Priesterausbildung wesentlich die Hinführung des künftigen "Hirten" zum Bild des Guten Hirten Jesus Christi ist -wer kann dann außer Jesus selbst, kraft der Ausgießung seines Geistes, jene pastorale Liebe schenken und zur Reife bringen, die Er bis zur totalen Selbsthingabe gelebt hat (vgl. Joh 15,13; 10, 11) und von der er will, daß sie entsprechend auch von allen Priestern wiederbelebt wird?

Erster Repräsentant Christi in der Priesterausbildung ist der Bischof. Man könnte vom Bischof - von jedem Bischof - sagen, was der Evangelist Markus uns in dem schon mehrfach zitierten Text sagt: "Und er rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte . . ." (Mk 3,13-14). In der Tat bedarf der innere Ruf des Geistes der Anerkennung seiner Authentizität durch den Bischof. Wenn alle zum Bischof "kommen" können, insofern er Hirt und Vater aller ist, können dies in einer besonderen Weise seine Priester aufgrund der gemeinsamen Teilhabe am selben Priestertum und Amt: Der Bischof - sagt das Konzil - muß sie als "Brüder und Freunde" betrachten und behandeln (202). Und dies läßt sich analog auch von denen sagen, die sich auf das Priestertum vorbereiten. Was das "bei sich haben wollen" anbelangt, also den Wunsch, mit dem Bischof zu sein, folgt daraus bereits als höchst bedeutungsvoll für seine Verantwortlichkeit im Hinblick auf die Ausbildung der Priesteramtskandidaten, daß der Bischof sie häufig besuchen und auf bestimmte Weise bei ihnen "sein" sollte.

Die Anwesenheit des Bischofs hat einen ganz besonderen Wert, nicht nur weil es der Seminargemeinschaft hilft, ihr Hineingenommensein in die Ortskirche und ihre Gemeinschaft mit dem Oberhirten, der sie leitet, zu leben, sondern auch, weil es eben jenes seelsorgliche Ziel beglaubigt und fördert, die das Spezifikum der gesamten Ausbildung der Priesteramtskandidaten ausmacht. Vor allen Dingen bietet der Bischof durch seine Anwesenheit und die Gemeinsamkeit mit den Priesteramtskandidaten in allem, was den pastoralen Weg der Ortskirche angeht, einen wesentlichen Beitrag zur Formung des "sensus Ecclesiae", diesem für die Ausübung des Priesteramtes zentralen geistlichen und seelsorglichen Wert.

 

Die Erziehungsgemeinschaft des Seminars

 

66. Die Erziehungsgemeinschaft des Seminars bildet sich um verschiedene Ausbilder herum: den Rektor, den Spiritual, die Oberen und die Professoren. All diese müssen sich mit dem Bischof zutiefst verbunden fühlen, den sie auf unterschiedlicher Basis und in mannigfaltiger Weise repräsentieren, und sie müssen untereinander überzeugte und herzliche Gemeinschaft und Zusammenarbeit pflegen: Diese Einheit der Erzieher ermöglicht nicht nur eine angemessene Verwirklichung des Erziehungsprogramms, sondern bietet den Priesteramtskandidaten auch und vor allem ein bezeichnendes Beispiel sowie die konkrete Einführung in jene kirchliche Gemeinschaft, die einen Grundwert christlichen Lebens und seelsorglichen Dienstes bildet.

Offensichtlich hängt die Wirksamkeit der Ausbildung zum großen Teil von der - nach allgemein menschlichem Maßstab und nach dem des Evangeliums - reifen und starken Persönlichkeit der Ausbilder ab. Besonders wichtig wird daher die sorgfältige Auswahl der Ausbilder einerseits sowie deren Bemühen, sich selbst immer besser zur Erfüllung der ihnen anvertrauten Aufgabe zu befähigen, andererseits. Im Bewußtsein, daß gerade die Auswahl und Ausbildung der Verantwortlichen für die Priesterausbildung zentrales Gewicht in der Vorbereitung der Priesteramtskandidaten hat, haben die Synodenväter sich intensiv mit der Profilbeschreibung der Ausbilder beschäftigt. Im einzelnen haben sie geschrieben: "Die Aufgabe der Ausbildung der Priesteramtskandidaten erfordert gewiß nicht nur eine bestimmte besondere Vorbereitung seitens der Ausbilder, die wirklich technisch, pädagogisch, geistlich, menschlich und theologisch sein soll, sondern auch Gemeinschaftssinn und den Geist einmütiger Zusammenarbeit bei der Entfaltung des Ausbildungsprogramms, so daß die Einheit im pastoralen Wirken des Seminars unter der Leitung des Rektors stets gewahrt bleibt. Die Gruppe der Ausbilder soll Zeugnis eines wirklichen Lebens nach dem Evangelium und totaler Hingabe an den Herrn sein. Es ist zweckmäßig, daß sie eine gewisse Dauerhaftigkeit aufweist und daß ihr gewöhnlicher Aufenthaltsort in der Seminargemeinschaft sei. Sie soll innigst verbunden sein mit dem Bischof als dem Erstverantwortlichen in der Priesterausbildung" (203).

Zuerst und vor allem müssen sich die Bischöfe ihrer großen Verantwortung um die Ausbildung derer bewußt sein, die mit der Erziehung der künftigen Priester beauftragt werden sollen. Für dieses Amt müssen Priester mit beispielhaftem Lebenswandel gewählt werden, die im Besitz verschiedener Eigenschaften sind: "menschliche und geistliche Reife, seelsorgliche Erfahrung, berufliche Kompetenz, Festigkeit in der eigenen Berufung, Kooperationsfähigkeit, ihrem Amt entsprechende Kenntnisse in den Humanwissenschaften (besonders der Psychologie), Kenntnisse über die Formen von Gruppenarbeit" (204).

Unter Wahrung der Unterscheidung von forum internum und forum externum, der erforderlichen Freiheit bei der Wahl der Beichtväter und der Klugheit und Diskretion, die für die Aufgabe des Spirituals notwendig sind, soll sich die priesterliche Gemeinschaft der Ausbilder solidarisch fühlen in der Verantwortung bei der Erziehung der Priesteramtskandidaten. Ihr kommt an erster Stelle, doch stets mit Bezug auf die maßgebliche zusammenfassende Beurteilung durch den Bischof und den Rektor, die Aufgabe zu, die Eignung der Kandidaten zu fördern und festzustellen, was ihre geistliche, menschliche und geistige Befähigung angeht, vor allem bezüglich des Geistes des Gebetes, der profunden Aneignung der Glaubenslehre, der Fähigkeit zu wahrer Brüderlichkeit und des Charismas des Zölibats (205).

Vergegenwärtigt man sich - wie die Synodenväter es auch getan haben - die Hinweise des Nachsynodalen Schreibens Christifideles Laici und des Apostolischen Schreibens Mulieris dignitatem, (206) die den Nutzen und den gesunden Einfluß der Spiritualität der Laien und des weiblichen Charismas auf jeden Erziehungsvorgang hervorheben, so ist es zweckmäßig, in klugem und den verschiedenen kulturellen Kontexten angepaßtem Maß auch die Mitarbeit von Laien - Männern und Frauen - in die Ausbildungstätigkeit an den künftigen Priestern einzubeziehen. Diese sind mit Sorgfalt auszuwählen, im Rahmen der kirchlichen Gesetzgebung und gemäß ihren besonderen Begabungen sowie ihren nachgewiesenen Fähigkeiten. Es ist statthaft, von ihrer Mitarbeit, die zweckmäßigerweise auf die vorrangige erzieherische Verantwortung der Ausbilder in der Priestererziehung hingeordnet und ihr eingegliedert ist, gute Früchte für ein ausgewogenes Wachsen des "sensus Ecclesiae" und für eine genauere Wahrnehmung der eigenen priesterlichen Identität seitens der Priesteramtskandidaten zu erwarten (207).

 

Die Theologieprofessoren

 

67. Diejenigen, die die künftigen Priester in die heilige Lehre einführen und sie mit ihrem Unterricht in der Theologie begleiten, haben eine besondere erzieherische Verantwortung, die erfahrungsgemäß oft kaum weniger entscheidend für die Entfaltung der priesterlichen Persönlichkeit ist als die der anderen Erzieher.

Die Verantwortung der Theologiedozenten liegt - noch vor dem Lehr-Verhältnis, das sie mit den Priesteramtskandidaten aufzubauen haben - in der Konzeption, die sie selbst vom Wesen der Theologie und des Priesteramtes haben müssen, sowie in dem Geist und dem Stil, dem gemäß sie ihr theologisches Lehren entfalten. In diesem Sinn haben die Synodenväter zurecht bekräftigt, daß "sich der Theologe bewußt bleiben muß, bei seinem Lehren keine aus sich selbst stammende Ermächtigung zu haben, sondern daß er die Glaubenseinsicht letztlich im Namen des Herrn und der Kirche erschließt und weitergibt. Auf diese Weise übt der Theologe, ungeachtet des Gebrauchs aller wissenschaftlichen Möglichkeiten, sein Amt im Auftrag der Kirche aus und arbeitet bei seinem Lehrauftrag mit dem Bischof zusammen. Deshalb stehen die Theologen und die Bischöfe im Dienst der Kirche selbst bei der Vertiefung des Glaubens, sie sollen wechselseitiges Vertrauen entfalten und pflegen und in diesem Geist auch die Spannungen und Konflikte überwinden (vgl. dazu ausführlicher die Instruktion der Glaubenskongregation über Die kirchliche Berufung des Theologen)" (208).

Der Theologiedozent muß - wie jeder andere Erzieher auch - in Gemeinschaft mit all den anderen Personen bleiben, die an der Ausbildung der künftigen Priester beteiligt sind, und herzlich mit ihnen zusammenarbeiten und so mit wissenschaftlicher Genauigkeit, Großherzigkeit, Demut und Eifer seinen ihm eigenen qualifizierten Beitrag leisten. Dieser besteht nicht allein in der Vermittlung einer bloßen Lehre - auch wenn es sich dabei um die heilige Lehre handelt -, sondern vor allem in einer Darlegung der Grundperspektive, die im göttlichen Plan alles menschliche Wissen und die verschiedenen Lebensformen umfaßt.

Insbesondere bemessen sich die Eigentümlichkeit und der Ausbildungsbeitrag der Theologiedozenten nach dem Maß, in dein sie zuerst und vor allem "Männer des Glaubens sind und erfüllt von der Liebe zur Kirche; überzeugt davon, daß die Kirche als solche das Subjekt ist, das der Kenntnis des christlichen Mysteriums entspricht, und insofern überzeugt davon, daß ihr Lehrauftrag ein wirkliches kirchliches Amt ist; reich an seelsorglichern Gespür für die Unterscheidung nicht nur der Inhalte, sondern auch der angemessenen Formen für ihre Amtsausübung. Insbesondere ist von dem Dozenten volle Treue zum Lehramt verlangt. Sie lehren ja im Namen der Kirche und sind deshalb Zeugen des Glaubens" (209).

 

Die Heimatgemeinden, die geistlichen Gemeinschaften und die

Jugendverbände

 

68. Die Heimatgemeinden, aus denen ein Priesteramtskandidat stammt, üben - trotz der notwendigen Trennung, die die Berufswahl mit sich bringt -weiterhin einen Einfluß auf die Ausbildung des künftigen Priesters aus, der keineswegs gleichgültig ist. Sie müssen sich daher der ihr zukommenden Mitverantwortung bewußt sein.

Vor allem ist hier an die Familie zu erinnern: Die christlichen Eltern, wie auch die Geschwister und die anderen Glieder des engeren Kreises der Familie, werden niemals versuchen, den künftigen Priester auf die engen Grenzen einer allzu menschlichen - wenn nicht gar äußerlich-weltlichen - Logik festzulegen, selbst wenn sie dabei von aufrichtiger Empfindung geleitet sind (vgl. Mk 3,20-21.31-35). Von eben jenem Vorsatz geleitet", den Willen Gottes zu erfüllen", werden sie vielmehr den Ausbildungsweg mit dem Gebet, mit Hochachtung, mit gutem Beispiel in den häuslichen Tugenden und geistlicher wie materieller Unterstützung - vor allem in schwierigen Momenten -zu begleiten wissen. Die Erfahrung zeigt, daß in vielen Fällen diese mannigfaltige Unterstützung sich als entscheidend für den Priesteramtskandidaten erwiesen hat. Auch wenn die Eltern und Familien der Berufswahl gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen, kann die klare und ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer Ansicht und der Ansporn, der hieraus erwächst, eine große Hilfe sein, die priesterliche Berufung in bewußterer und entschiedenerer Weise zur Reife zu führen.

Ein grundlegender Zusammenhang besteht zwischen den Familien und der Pfarrgemeinde, und die eine wie die andere passen sich in das Gefüge der Glaubenserziehung ein; oft spielt dann die Pfarrgemeinde - mit einer besonderen Jugendseelsorge und Berufungspastoral - eine die Aufgabe der Familie ergänzende Rolle. Vor allem leistet die Gemeinde einen ihr eigenen und besonders wertvollen Beitrag zur Ausbildung des künftigen Priesters, insofern sie die unmittelbarste ortsgebundene Verwirklichung des Mysteriums der Kirche ist. Die Pfarrgemeinde soll den jungen Mann auf dem Weg zum Priestertum weiterhin als lebendigen Teil ihrer selbst empfinden, sie soll ihn mit dem Gebet begleiten, ihn in den Zeiten der Ferien herzlich aufnehmen, ihn anerkennen und bei der Ausformung seiner priesterlichen Identität fördern, indem sie ihm zweckmäßige Möglichkeiten und starke Anreize bietet, seine Berufung zum priesterlichen Leben zu erproben.

Auch die geistlichen Gemeinschaften und Jugendverbände, Zeichen und Bestätigung der Lebendigkeit, die der Geist der Kirche zusichert, können und sollen zur Ausbildung der Priesteramtskandidaten beitragen, insbesondere jener, die aus der christlichen, geistlichen und apostolischen Erfahrung solcher Gruppierungen hervorgehen. Die jugendlichen, die ihre grundlegende Formung in solchen Gruppierungen erhalten haben und die sich in ihrer Erfahrung von Kirche auf sie beziehen, sollten sich nicht genötigt fühlen, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen und die Beziehungen zu der Umgebung abzubrechen, die zur Festigung ihrer Berufung beigetragen hat. Sie sollten ebensowenig die typischen Züge der Spiritualität tilgen, die sie dort erlernt und gelebt haben, mit all dem Guten, Auferbauenden und Bereichernden, das diese enthalten (210) . So bleibt auch für sie diese ursprüngliche Umgebung eine Quelle der Hilfe und Unterstützung auf dem Ausbildungsweg hin zum Priestertum.

Die Gelegenheit zur Glaubenserziehung und zu christlichem und kirchlichem Wachstum, die der Geist so vielen jugendlichen durch mannigfache Arten von Gruppierungen, Bewegungen und Gemeinschaften unterschiedlicher, am Evangelium orientierter Sinneshaltungen schenkt, sollen als inspirierende Gabe innerhalb der institutionellen Struktur und im Dienst an ihr wahrgenommen und gelebt werden. Eine Bewegung oder eine bestimmte Spiritualität ist ja "keine Alternativstruktur zur kirchlichen Institution. Sie ist hingegen Quelle einer Präsenz, die ihre existentielle und geschichtliche Authentizität ständig erneuert. Der Priester soll also in einer Bewegung Licht und Wärme finden, die ihn zur Treue gegenüber seinem Bischof befähigt, die ihn bereit macht für die Aufträge der Institution und die ihn die kirchliche Disziplin beachten läßt, so daß der Schwung seines Glaubens und die Freude an seiner Treue fruchtbarer werden" (211).

Es ist deshalb erforderlich, daß die jugendlichen, die aus geistlichen Gemeinschaften und kirchlichen Verbänden kommen, in der neuen Kommunität des Seminars, in der sie vom Bischof zusammengeführt worden sind, "den Respekt vor den anderen geistlichen Wegen sowie den Geist des Dialogs und der Zusammenarbeit" lernen und daß sie sich zustimmend und aus vollem Herzen an den Ausbildungsvorgaben des Bischofs wie an den Erziehern im Seminar orientieren und sich ihrer Leitung wie ihrer Beurteilung mit aufrichtigem Vertrauen überlassen (212). Diese Einstellung bereitet ja die genuine priesterliche Lebensentscheidung zum Dienst inmitten des Gottesvolkes, in der brüderlichen Gemeinschaft des Presbyteriums und in Gehorsam gegenüber dem Bischof vor und nimmt sie gewissermaßen vorweg.

Die Teilhabe des Seminaristen und des Diözesanpriesters an bestimmten Formen von Spiritualität oder bestimmten kirchlichen Gruppierungen ist sicherlich als solche ein förderliches Element des Wachstums und der priesterlichen Mitbrüderlichkeit. Aber diese Teilhabe darf die Ausübung des Amtes und das geistliche Leben, wie sie dem Diözesanpriester eigentümlich sind, nicht beeinträchtigen, sondern muß sie vielmehr unterstützen. Er "ist und bleibt der Hirte der Gesamtheit. Er ist nicht nur der Vollamtliche, für alle erreichbar, sondern er steht auch der Versammlung vor - namentlich an der Spitze der Pfarren -, damit alle den Zugang zur Gemeinschaft und zur sie verbindenden Eucharistie finden, den sie zurecht erwarten, welches immer ihr religiöses Empfinden oder ihr apostolisches Engagement sei" (213).

 

Der Kandidat selbst

 

69. Schließlich darf nicht vergessen werden, daß der Priesteramtskandidat selbst sich als notwendige und unvertretbare Hauptperson der eigenen Ausbildung sehen muß: jede Ausbildung, auch die zum Priester, ist letztlich eine Art Selbst-Bildung. Niemand kann uns ja in unserer eigenen verantwortlichen Freiheit vertreten, die uns als Einzelpersonen zukommt.

Sicherlich muß auch und gerade der künftige Priester in dem Bewußtsein voranschreiten, daß für seine Ausbildung die Hauptperson schlechthin der Heilige Geist ist, der in der Gabe des neuen Herzens den Menschen nach dem Bild Jesu Christi, des Guten Hirten, gestaltet und ihm gleichförmig macht. In diesem Sinn bekräftigt der Kandidat die ihm eigene Freiheit auf die radikalste Weise,

wenn er das formende Gestalten des Geistes an seiner eigenen Persönlichkeit bejaht. Dies bedeutet seitens des Priesteramtskandidaten aber auch, daß er die menschlichen Vermittlungsformen, derer sich der Geist bedient, annimmt. Daher erweist sich das Handeln der verschiedenen Erzieher wirklich und in vollem Umfang nur dann als wirksam, wenn der künftige Priester ihm seine persönliche Überzeugung und herzliche Zusammenarbeit entgegenbringt.

 

KAPITEL VI

 

ICH RUFE DIR INS GEDÄCHTNIS- ENTFACHE

DIE GNADE GOTTES WIEDER, DIE DIR ZUTEIL

GEWORDEN IST

Die Weiterbildung des Priesters

 

Die theologischen Gründe für die "formatio perrnanens "

 

70. "Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist" (2 Tim 1,6).

Die Worte des Apostels an den Bischof Timotheus lassen sich mit voller Berechtigung auf jene Weiterbildung anwenden, zu der alle Priester aufgerufen sind, kraft der "göttlichen Gabe", die sie bei der heiligen Weihe empfangen haben. Die Worte führen uns dazu, die ungeteilte Wahrheit und die unverwechselbare Eigenheit der Priesterbildung als Lebensprozeß zu erfassen. Dabei hilft uns auch ein anderer Text des Apostels Paulus, in dem es -wiederum an Timotheus gerichtet - heißt: "Vernachlässige die Gnade nicht, die in dir ist und die dir verliehen wurde, als dir die Ältesten aufgrund prophetischer Worte gemeinsam die Hände auflegten. Dafür sollst du sorgen, darin sollst du leben, damit alle deine Fortschritte offenbar werden. Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören" (1 Tim 4,14-16).

Der Apostel fordert Timotheus auf, die göttliche Gabe "wiederzubeleben" bzw. wiederzuentfachen, so wie man es mit der Glut tut. Das bedeutet, die göttliche Gabe anzunehmen und im Leben zu verwirklichen, ohne dabei jemals jenes "immerwährend Neue" zu verlieren oder zu vergessen, das jedem Geschenk Gottes eigen ist, der alles neu macht (vgl. Offb, 21,5), und so diese Gabe in ihrer unüberbietbaren Frische und ursprünglichen Schönheit lebendig zu halten.

Aber ein solches "Wiederbeleben" ist nicht nur der Erfolg eines Bemühens, das der persönlichen Verantwortlichkeit des Timotheus anheimgestellt wäre, es ist nicht nur das Ergebnis einer Anstrengung seiner Erinnerungsfähigkeit und seiner Willenskraft. Es ist die Wirkung einer gnadenhaften Dynamik, die der göttlichen Gabe selbst zutiefst innewohnt: Gott selbst also ist es, der seine eigene Gabe wiederbelebt, oder besser, der all den außerordentlichen Reichtum an Gnade und Verantwortung freisetzt, der in diesem Geschenk eingeschlossen ist.

Mit der sakramentalen Ausgießung des Heiligen Geistes, der heiligt und sendet, wird der Priester Jesus Christus, dem Haupt und Hirten der Kirche, gleichgestaltet und ausgesandt zur Erfüllung des seelsorglichen Amtes. Auf diese Weise ist der Priester auf immer und unauslöschlich in seinem Sein als Amtsträger Christi und der Kirche gezeichnet, er ist eingefügt in eine fortdauernde und unumkehrbare Lebensform, und er ist mit einem seelsorglichen Amt beauftragt, das - im Sein des Priesters verwurzelt - seine ganze Existenz beansprucht und ebenfalls fortdauernd ist. Das Weihesakrament teilt dem Priester die sakramentale Gnade, die Hirtenliebe Christi mit, die ihn nicht nur der Heils-Vollmacht und des Heils-Dienstes Jesu teilhaftig macht, sondern auch seiner pastoralen "Liebe"; gleichzeitig versichert es den Priester all derjenigen Gnadengaben, die ihm jeweils dann gegeben werden, wenn sie für eine würdige und vollkommene Erfüllung des empfangenen Dienstamtes notwendig oder nützlich sind.

Die Weiterbildung findet so ihr eigentliches Fundament und ihre ursprüngliche Begründung im Wirkgeschehen des Weihesakramentes.

Sicher fehlen keineswegs auch einfach menschliche Gründe, die den Priester zur Realisierung einer Weiterbildung veranlassen. Sie ist ein Erfordernis fortschreitender Selbstverwirklichung: jedes Leben ist ein unablässiger Weg auf weitere Reifung hin, und diese vollzieht sich durch beständige Ausbildung. Sie ist überdies ein Erfordernis des priesterlichen Amtes, und sei es nur seinem allgemeinen und allen anderen Berufen in der gleichen Weise eigenen Wesen nach. im Blick auf den Dienst am anderen. Es gibt heutzutage keinen Beruf, kein Engagement, keine Arbeit, die nicht eine beständige Bemühung um ein Leben im Heute erforderte, wenn man aktuell und wirkungsvoll sein möchte. Das Erfordernis, "Schritt zu halten" mit dem Gang der Geschichte, ist ein anderer menschlicher Grund für die Weiterbildung.

Diese und andere Gründe werden allerdings motiviert und näherhin qualifiziert durch die bereits genannten theologischen Gründe, die sich noch weiter vertiefen lassen.

Das Weihesakrament läßt sich - aufgrund seines Wesens als Zeichen", wie es allen Sakramenten eigen ist - als Wort Gottes auffassen, das es auch wirklich ist - als Wort Gottes, der ruft und sendet. Es ist der stärkste Ausdruck für Berufung und Sendung des Priesters. Im Weihesakrament ruft Gott den Kandidaten "coram Ecclesia" "ins" Priestertum. Das "komm und folge mir nach" Jesu gelangt zu seiner vollen und endgültigen Kundgabe in der sakramentalen Feier seiner Kirche: es äußert sich und teilt sich mit durch die Stimme der Kirche, die im Munde des Bischofs hörbar wird, der betet und die Hände auflegt. Und der Priester gibt im Glauben Antwort auf den Ruf Jesu: "Ich komme und folge dir nach." Von diesem Moment an beginnt die Antwort, die sich als Lebensentscheidung mit den Jahren im Priestertum in zahllosen anderen Antworten je neu ausdrücken und behaupten muß, die alle grundgelegt und belebt sind vom ja" der heiligen Weihe.

In diesem Sinne kann man von einer Berufung "im" Priestertum sprechen. In der Tat fährt Gott damit fort, zu rufen und zu senden und so seinen Heilsplan in der geschichtlichen Entfaltung des priesterlichen Lebens wie auch der Wechselfälle von Kirche und Gesellschaft zu offenbaren. Und in eben dieser Perspektive tritt die Bedeutung einer Weiterbildung zutage: sie ist erforderlich, um diesen beständigen Ruf oder Willen Gottes unterscheiden und ihm Folge leisten zu können. So wird der Apostel Petrus auch dann noch gerufen, nachdem der Auferstandene ihm seine Herde anvertraut hat: Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrekken, und ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!" (Joh 21,17-19). Es gibt also ein ''folge mir nach", das das Leben und die Sendung des Apostels begleitet. Es ist ein "Folge mir nach", das den Aufruf und den Anspruch zur Treue bis in den Tod (vgl. Joh 21,22) bezeugt, ein ''folge mir nach", das eine Nachfolge Christi bis zur totalen Selbsthingabe im Martyrium bedeuten kann (214).

Die Synodenväter haben dem Grund, der die Notwendigkeit einer Weiterbildung belegt und zugleich sein tiefstes Wesen enthüllt, Ausdruck gegeben, indem sie ihn als "Treue" gegenüber dem priesterlichen Amt und als "beständigen Bekehrungsvorgang" (215) bezeichnet haben. Es ist der mit dem Sakrament ausgegossene Heilige Geist, der den Priester in dieser Treue stützt, der ihn begleitet und ihn auf dem Weg unablässiger Bekehrung anspornt. Die Geistgabe setzt die Freiheit des Priesters nicht außer Kraft, sondern regt sie an, mit ihr in verantwortlicher Weise zusammenzuwirken und in der Weiterbildung eine ihm übertragene Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise ist die Weiterbildung Ausdruck und Anspruch der Treue des Priesters seinem Amt und, mehr noch, seinem eigenen Sein gegenüber. Sie bedeutet also gleichermaßen Liebe zu Jesus Christus und Einklang mit sich selbst. Aber sie ist auch ein Liebeshandeln gegenüber dem Volk Gottes, zu dessen Dienst der Priester bestellt ist. Mehr noch, sie ist Handeln echter und wirklicher Gerechtigkeit: er steht gegenüber dem Gottesvolk in der Pflicht, insofern er gerufen ist, ihm jenes grundlegende "Recht" zuzuerkennen und in ihm zu bestärken, nämlich Empfänger des Wortes Gottes, der Sakramente und des Liebesdienstes zu sein, was der ursprüngliche und unaufgebbare Gehalt pastoralen Dienstes des Priesters ist. Die Weiterbildung ist notwendig dafür, damit der Priester diesem Recht des Volkes in der erforderlichen Art und Weise Genüge tun kann.

Seele und Grundgestalt dieser Weiterbildung ist die pastorale Liebe: Der Heilige Geist, der die pastorale Liebe eingießt, führt und begleitet den Priester zu einem immer tieferen Verständnis des Christus-Mysteriums, das in seinem Reichtum unergründlich ist (vgl. Eph 3,14ff.) und hilft ihm - als dessen Widerschein - zu einem Verständnis des Mysteriums der priesterlichen Sendung. Die pastorale Liebe selbst drängt den Priester, die Erwartungen, Bedürfnisse, Probleme und sensiblen Lebensbereiche der Menschen, denen sein Amt gilt, immer mehr zu verstehen: der Menschen, die sich in ihren konkreten Situationen persönlicher, familiärer und sozialer Art angenommen fühlen müssen.

Auf all dieses zielt die Weiterbildung, verstanden als ein bewußtes und freies Eingehen auf die Dynamik der pastoralen Liebe und des Heiligen Geistes, der ihre Quelle ist und aus dem sie beständig gespeist wird. In diesem Sinn ist die Weiterbildung ein Erfordernis, das dem Geschenk des sakramentalen Amtes selbst innewohnt und sich zu jeder Zeit als notwendig offenbart. Heute erweist sie sich aber als besonders dringlich, nicht nur aufgrund der rasanten gesellschaftlichen und kulturellen Veränderung der Menschen und der Völker, unter denen das Priesteramt vollzogen wird, sondern auch wegen der "Neuevangelisierung", die den wesentlichen und unaufschiebbaren Auftrag der Kirche am Ende des zweiten Jahrtausends darstellt.

 

Die verschiedenen Dimensionen der Weiterbildung

 

71. Die Weiterbildung der Welt- wie der Ordenspriester ist die natürliche und absolut notwendige Fortsetzung jenes Bildungsprozesses der priesterlichen Persönlichkeit, der im Seminar oder im Ordenshaus seinen Ausgang genommen und dort auf dem Ausbildungsgang mit Blick auf die Weihe entfaltet worden ist.

Die Wahrnehmung und Anerkennung der bestehenden inneren Zusammengehörigkeit zwischen der Ausbildung, die der Priesterweihe vorausgeht und jener, die darauf folgt, ist von besonderer Bedeutung. Wenn es nämlich Unausgewogenheiten oder gar einen Bruch zwischen diesen beiden Ausbildungsphasen gäbe, würden daraus unmittelbar schwerwiegende Konsequenzen für die seelsorgliche Tätigkeit und die brüderliche Gemeinschaft unter den Priestern - besonders denen unterschiedlichen Alters - folgen. Die Weiterbildung ist nicht nur eine Wiederholung der im Seminar angeeigneten Ausbildung, die bloß neu vorgelegt oder mit neuen Anwendungshinweisen versehen wäre. Sie vollzieht sich mit Inhalten und vor allem unter Zuhilfenahme von Methoden, die verhältnismäßig neu sind, als eine lebendige Wirklichkeit, die - im Grunde ein und dieselbe - in ihrem Voranschreiten (so sehr auch die Wurzeln in der Seminarausbildung ruhen) Anpassungen, Erneuerungen und Veränderungen benötigt, ohne freilich der Gefahr von Brüchen zwischen diesen Phasen oder von falschen Dauerlösungen zu erliegen.

Und umgekehrt ist es notwendig, daß vom Priesterseminar an die spätere Weiterbildung grundgelegt und daß der Sinn der künftigen Priester für dieses Anliegen geöffnet wird, indem ihre Notwendigkeit, ihre Vorteile und ihr Geist dargelegt sowie die Bedingungen für ihre Verwirklichung sichergestellt werden.

Eben weil die Weiterbildung eine Fortsetzung der Seminarausbildung ist, kann ihr Ziel nicht eine sozusagen bloß professionelle Anpassung sein, die man durch die Aneignung einiger neuer pastoraler Techniken erhielte. Sie sollte eher die Art und Weise darstellen, mit der ein allgemeiner und ganzheitlicher beständiger Reifungsvorgang lebendig gehalten wird, nämlich einerseits durch die Vertiefung aller Dimensionen der Ausbildung (menschlich, geistlich, intellektuell und pastoral) und andererseits durch das Herstellen ihres inneren und lebendigen ureigenen Zusammenhangs untereinander. Ausgangs- und Bezugspunkt wird dabei immer die pastorale Liebe sein müssen.

 

72. Eine erste Vertiefung betrifft die menschliche Dimension der Priesterbildung. Vom täglichen Umgang mit den Menschen hier und vom Mitleben ihres Alltags muß der Priester die menschliche Empfindungsfähigkeit erweitern und vertiefen, die es ihm erlaubt, die Bedürfnisse zu verstehen und die Anliegen aufzunehmen, die unausgesprochenen Fragen wahrzunehmen, die Hoffnungen und Erwartungen, die Freuden und die Mühen gemeinsamen Lebens zu teilen sowie zur Begegnung mit allen und zum Gespräch mit allen fähig zu sein. Insbesondere dadurch, daß der Priester die menschliche Erfahrung des Leidens in seinen unterschiedlichen Erscheinungweisen - vom Elend bis zur Krankheit, vom Ausgestoßensein bis zum Bildungsmangel, zu Einsamkeit, zu materieller und sittlicher Armut - kennt und teilt, d. h. sich innerlich davon betreffen läßt, bereichert er die eigene Menschlichkeit und macht sie glaubwürdiger und transparenter in einer wachsenden und leidenschaftlichen Liebe zum Menschen.

Bei dem Bemühen, seine menschliche Reife zu vervollkommnen, empfängt der Priester eine besondere Hilfe durch die Gnade Jesu Christi: die Liebe des Guten Hirten drückt sich ja nicht nur im Geschenk des Heils für die Menschen aus, sondern auch in der konkreten Lebensgemeinschaft mit ihnen. Es handelt sich dabei um ein Leben, dessen Freude und Leid Jesus als das Wort, das "Fleisch" geworden ist (vgl. Joh 1, 14), erfahren wollte, dessen Mühen er wahrnehmen, dessen Gefühle er teilen, dessen Schmerz er lindern wollte; in einem Leben als Mensch unter Menschen und mit den Menschen eröffnet Jesus Christus die höchste, ureigentlichste und vollkommenste Ausdrucksform des Menschseins: wir sehen ihn, wie er auf der Hochzeit zu Kana feiert, wie er eine befreundete Familie besucht, wie er sich um die hungrige Menge kümmert, die ihm gefolgt ist, wie er kranke oder gar tote Kinder ihren Eltern zurückgibt, wie er über den Verlust des Lazarus weint ...

Vom Priester, der in seiner menschlichen Empfindungsfähigkeit zu immer größerer Vollkommenheit gelangt ist, soll das Gottesvolk etwas sagen können, das dem vergleichbar ist, was der Hebräerbrief über Jesus sagt: "Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4,15).

Die fortdauernde Priesterbildung hinsichtlich ihrer geistlichen Dimension ist ein Erfordernis des neuen Lebens nach dem Evangelium, zu dem der Priester in besonderer Weise vom Heiligen Geist gerufen ist, der im Weihesakrament ausgegossen wird. Der Geist, der den Priester weiht und ihn nach dem Bild Jesu Christi, des Hauptes und Hirten, gestaltet, schafft eine Verbindung, die - im Sein des Priesters selbst angelegt - danach verlangt, in persönlicher Weise angeeignet und gelebt zu werden, d. h. bewußt und frei, durch eine immer reichere Lebens- und Liebesgemeinschaft und ein immer intensiveres und radikaleres Teilen der Empfindungen und Haltungen Jesu Christi. In dieser Verbindung zwischen dem Herrn Jesus und dem Priester, einer ontologischen und psychologischen, einer sakramentalen und sittlichen Verbindung, besteht das Fundament und zugleich die Kraft für Jenes "Leben aus dem Geist und jene "Radikalität des Evangeliums", wozu jeder Priester gerufen ist und die von der Weiterbildung in ihrem geistlichen Aspekt begünstigt wird. Dieses Bemühen um Weiterbildung erweist sich auch in bezug auf das Priesteramt als notwendig, nämlich für seine Glaubwürdigkeit und geistliche Fruchtbarkeit. "Bist du Seelsorger?" fragte sich der hl. Karl Borromäus. Und er antwortete darauf in einer Ansprache an die Priester auf folgende Weise: "Vernachlässige darüber nicht die Sorge für dich selbst, und sei andern gegenüber nicht so freigebig, daß für dich selbst nichts übrigbleibt. Du mußt zwar an die Seelen denken, deren Vorsteher du bist, aber nicht so, daß du dich selbst vergißt. Erkennt, Brüder, daß nicht allen Männern der Kirche in gleicher Weise dasselbe notwendig ist. Es gibt das innere Gebet, das allen unseren Handlungen vorausgeht, sie begleitet und ihnen folgt: Ich will dir singen, sagt der Prophet, und erkennen (vgl. Ps 100,1). Spendest du die Sakramente, lieber Bruder, so bedenke, was du tust. Feierst du die Messe, so bedenke, was du darbringst. Singst du im Chor, bedenke, mit wem du sprichst und was du sagst. Leitest du die Seelen, so bedenke, mit wessen Blut sie reingewaschen sind, und, alles, was ihr tut, geschehe in Liebe (1 Kor 16,14). Alle Schwierigkeiten, die wir notwendig Tag für Tag in großer Zahl erfahren - wir sind ja in sie hineingestellt -, werden wir leicht überwinden können. Auf diese Weise gewinnen wir die Kraft, Christus in uns und in anderen zu gebären'' (216).

Besonders das Gebetsleben bedarf beim Priester beständiger "Erneuerung". Die Erfahrung lehrt ja, daß man beim Beten nicht von einem angelegten Vorrat zehren kann: jeden Tag ist es erforderlich, nicht nur die äußere Treue bei der Einhaltung von Gebetszeiten neu zu gewinnen, besonders derjenigen Zeiten, die der Feier des Stundengebetes gewidmet sind und derer, die der persönlichen Wahl überlassen und nicht von festen Abläufen und terminlichen Vorgaben des liturgischen Dienstes abgesichert sind. Es geht dabei auch und vor allem um die beständige Suche nach einer wirklichen persönlichen Begegnung mit Jesus und um ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Vater, um eine tiefe Erfahrung des Geistes.

Wenn der Apostel Paulus von allen Gläubigen sagt, daß sie gehalten sind, "zum vollkommenen Menschen zu werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darzustellen" (Eph 4,13), dann kann dies in besonderer Weise auf die Priester angewandt werden, die zur Vervollkommnung der Liebe und somit zur Heiligkeit gerufen sind, und dies auch, weil gerade ihr seelsorgliches Amt sie als lebendige Vorbilder für alle Gläubigen haben will.

Auch die intellektuelle Dimension der Ausbildung verlangt nach Fortsetzung und Vertiefung im Leben des Priesters, insbesondere durch das Studium sowie ein ernsthaftes und engagiertes Mühen um Vergegenwärtigung des kulturellen Lebens. In der Tellnahme an der prophetischen Sendung Jesu und eingefügt in das Mysterium der Kirche als Lehrmeisterin der Wahrheit, ist der Priester gerufen, den Menschen in Jesus Christus das Antlitz Gottes zu offenbaren und damit das wahre Antlitz des Menschen selbst" (217). Aber das verlangt seitens des Priesters eine Suche nach diesem Antlitz und dessen Betrachtung in Verehrung und Liebe (vgl. Ps 26,7; 41,2): nur so kann er es anderen nahebringen. In besonderem Maße erweist sich auch die Fortsetzung des theologischen Studiums als erforderlich, damit der Priester in Treue den Dienst am Wort erfüllen kann, in der Verkündigung des Wortes ohne Verwirrungen und Zwei, deutigkeiten, in seiner Abhebung von den bloßen menschlichen Meinungen, selbst wenn diese hochgerühmt und weit verbreitet sein sollten. Auf diese Weise wird er dem Gottesvolk wirklich dienen, indem er ihm hilft, jedem, der danach fragt, ein Zeugnis christlicher Hoffnung zu geben (vgl. 1 Petr 3,15). Außerdem "ist der Priester, wenn er sich bewußt und beständig dem theologischen Studium widmet, zu einer Aneignung des urtümlichen kirchlichen Reichtums auf sichere und persönliche Weise in der Lage. Er kann daher die Sendung erfüllen die von ihm verlangt, den Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der wahren katholischen Lehre zu begegnen und die Neigung zur Zwietracht und zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Lehramt und der Tradition bei sich und bei anderen zu überwinden" (218).

Der pastorale Aspekt der Weiterbildung kommt in dem folgenden Wort des Apostels Petrus gut zum Ausdruck: "Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat" (1 Petr 4,10). Um jeden Tag gemäß der empfangenen Gnade zu leben, ist es erforderlich, daß der Priester ein immer offenerer Mensch wird für die Annahme der pastoralen Liebe Jesu Christi, die ihm durch seinen Geist im Sakrament geschenkt ist, das er empfangen hat. So wie alles Tun des Herrn Frucht und Zeichen seiner pastoralen Liebe gewesen ist, so ist auch das Wirken des Priesters in seinem Dienstamt. Die pastorale Liebe ist Gabe und - damit verbunden - Aufgabe, ist Gnade und Verantwortung, der es treu zu sein gilt: es gilt daher, sie anzunehmen und aus ihr die lebendige Tatkraft bis hin zu den äußersten Beanspruchungen zu beziehen. Wie schon gesagt, treibt die pastorale Liebe den Priester dazu an, die Lebenssituation der Menschen, zu denen er gesandt ist, immer besser zu verstehen; die geistlichen Umstände zu unterscheiden, in die hinein die Anrufe des Geistes ergehen; die passendsten Methoden und die nützlichsten Formen zu finden, um heute sein Dienstamt ausüben zu können. So durchdringt und stärkt die pastorale Liebe die menschlichen Anstrengungen des Priesters für sein pastorales Wirken, damit es gegenwärtig, glaubwürdig und wirkungsvoll werden kann. Aber all das erfordert eben eine beständige pastorale Weiterbildung.

Der Weg zur Reife verlangt nicht nur, daß der Priester darin fortfährt, die verschiedenen Dimensionen seiner Ausbildung zu vertiefen; sondern er verlangt auch und vor allem, daß er diese Dimensionen immer harmonischer miteinander in Einklang zu bringen weiß und so fortschreitend eine Zusammenführung aller Aspekte im Blick auf ihre innere Einheit anpeilt. Eben diese wird von der pastoralen Liebe gewährleistet, die ja die verschiedenen Aspekte nicht nur aufeinander abstimmt und vereint, sondern sie auch näherhin qualifiziert, indem sie sie als Aspekte innerhalb der Ausbildung des Priesters überhaupt kennzeichnet. So ergeben sich die Kennzeichen des Priesters als Hinweis, als lebendiges Bild, als Dienst Jesu, des Guten Hirten.

Die Weiterbildung hilft dem Priester, der Versuchung zu widerstehen, sein Dienstamt auf einen Aktivismus zu reduzieren, der zum Selbstzweck wird; es auf eine unpersönliche Sakramentenversorgung zu reduzieren oder dieses Amt gar zu einer Beamtenfunktion im Dienst der kirchlichen Organisation degenerieren zu lassen. Allein die dauernde Weiterbildung hilft dem Priester dabei, das "Mysterium", das er in sich trägt, zum Wohl der Kirche und der Menschheit mit wachsamer Liebe zu behüten.

 

Der tiefere Sinn der Welterbildung

 

73. Die verschiedenen, einander ergänzenden Dimensionen der Weiterbildung helfen uns, ihren tieferen Sinn zu erfassen: sie zielt darauf, dem Priester dabei zu helfen, Diener im Geist Jesu und - nach Art Jesu - des Guten Hirten zu sein und so zu wirken.

Die Wahrheit muß getan werden! So ermahnt uns der hl. Jakobus: "Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst" (Jak 1,22). Die Priester sind dazu gerufen, die "Wahrheit dessen zu tun, was sie sind" bzw. ihre Identität und ihr Dienstamt in der Kirche und für die Kirche "in der Liebe" zu leben (vgl. Eph 4,15). Sie sind dazu gerufen, sich immer lebendiger die göttliche Gabe bewußt zu machen, ihrer stets eingedenk zu bleiben. Genau dies meint die Aufforderung des Paulus an Timotheus: "Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt" (2 Tim 1,14).

Es wurde im ekklesiologischen Zusammenhang schon mehrfach darauf hingewiesen, daß man die tiefere Bedeutung der priesterlichen Weiterbildung auch in bezug auf ihr Dasein und ihren Vollzug in der Kirche als Mysterium, Communio und Missio betrachten kann.

Innerhalb der Kirche als "Mysterium" ist der Priester vermittels seiner Weiterbildung gerufen, das Bewußtsein der ganzen und staunenswürdigen Wahrheit seines Seins im Glauben zu bewahren und zu entfalten: Er ist Diener Christi und "Diener der Diener Christi" (vgl. 1 Kor 4,1). Paulus fordert die Christen ausdrücklich auf, ihn gemäß dieser Bestimmung zu betrachten; aber zuallererst lebt er selbst im Bewußtsein der erhabenen Gabe, die er vom Herrn empfangen hat. So sollte es bei jedem Priester sein, wenn er in der Wahrheit über seine Berufung bleiben will. Doch das ist allein im Glauben möglich, allein mit dem Blick, der sich der Sehweise Christi bedient.

In diesem Sinn muß man sagen, daß die Weiterbildung darauf zielt, zu gewährleisten, daß der Priester ein Glaubender sei und es mehr und mehr werde: daß er sich stets in seiner Wahrheit betrachte, und zwar mit den Augen Christi. Er muß diese Wahrheit mit dankbarer und freudiger Liebe schützen. Er muß seinen Glauben erneuern, wenn er das Priesteramt ausübt: sich als Diener Christi empfinden, als Sakrament der Liebe Gottes zum Menschen, sooft er Vermittler und lebendiges Werkzeug der Gnadenmitteilung Gottes an die Menschen ist. Er muß eben diese Wahrheit in den Mitbrüdern wiederfinden: sie ist die Grundlage der Wertschätzung und der Liebe gegenüber den anderen Priestern.

 

74. Die Weiterbildung hilft dem Priester - innerhalb der Kirche als "Gemeinschaft''-, das Bewußtsein zu vervollkommnen, daß sein Dienstamt letztlich darauf hingeordnet ist, die Familie Gottes zusammenzurufen als eine von Liebe beseelte Gemeinde und sie durch Christus im Heiligen Geist zum Vater zu führen (219).

Der Priester muß wachsen im Bewußtsein der tiefen Gemeinschaft, die ihn an das Gottesvolk bindet: er befindet sich nicht nur der Gemeinde "gegenüber", sondern vor allem "in" ihr. Er ist Bruder unter Brüdern und Schwestern. Kraft der Taufe - bezeichnet mit der Würde und Freiheit der Kinder Gottes im eingeborenen Sohn - ist der Priester Glied dieses einen Leibes Christi (vgl. Eph 4,16). Das Bewußtsein dieser Gemeinschaft mündet in das Bedürfnis, die Mitverantwortung für die eine gemeinsame Hellssendung anzuregen und zu entfalten mit lebhafter und herzlicher Anerkennung aller Charismen und Aufgaben, die der Geist den Gläubigen für die Auferbauung der Kirche schenkt. Vor allem in der Erfüllung des seelsorglichen Amtes, das seinem Wesen nach auf das Wohl des Gottesvolkes hingeordnet ist, muß der Priester seine tiefe Gemeinschaft mit allen leben und bezeugen, gemäß den Worten Pauls VI.- "Wir müssen uns zu Brüdern der Menschen machen, gerade indem wir ihre Hirten, Väter und Lehrer sein wollen. Die Atmosphäre des Dialogs ist die Freundschaft. Mehr noch, der Dienst" (220).

In einem noch genauer bestimmten Sinn ist der Priester gerufen, das Bewußtsein dafür zu vervollkommnen, Glied der Ortskirche zu sein, der er inkardiniert ist, d. h. in die er durch eine ebenso rechtliche wie geistliche und pastorale Verbindung eingefügt ist. Ein solches Bewußtsein setzt die besondere Liebe zur eigenen Gemeinde voraus und entfaltet sie. Diese ist ja wirklich das lebendige und dauernde Ziel der pastoralen Liebe, die das Leben des Priesters begleiten muß und die ihn anleitet, mit dieser seiner Gemeinde ihre Lebensgeschichte und -erfahrung in ihrem Reichtum und ihren Gebrechen, ihren Schwierigkeiten und Hoffnungen zu teilen sowie in ihr und für sie zu ihrem Wohl zu arbeiten. Das heißt also, sich gleichermaßen von der eigenen Gemeinde bereichert zu fühlen wie zu ihrer Auferbauung aktiv in Anspruch genommen zu sein. Dabei wird - als einzelner und zusammen mit den anderen Priestern - das pastorale Wirken fortgesetzt, durch das sich jene Mitbrüder hervorgetan haben, die ihm vorausgegangen sind. Es ist ein unaufhebbares Erfordernis der pastoralen Liebe gegenüber der eigenen Gemeinde und gegenüber künftigen Formen des Dienstamtes in ihr, daß der Priester sich mit sorgsamem Eifer darum bemüht, Nachfolger im priesterlichen Dienst zu finden.

Der Priester muß auch wachsen im Bewußtsein der Gemeinschaft, die zwischen den verschiedenen Gemeinden besteht, eine Gemeinschaft, die eben darin wurzelt, daß es "Kirchen" sind, die vor Ort die eine und universale Kirche Christi mit Leben erfüllen. Ein solches Bewußtsein der Kirchengemeinschaft untereinander wird den "Austausch der Gaben" fördern, und zwar zunächst einmal der lebendigen und persönlichen Gabe, die die Priester selbst darstellen. Daraus rührt die Verfügbarkeit, mehr noch, das großherzige Engagement für die Verwirklichung einer gleichmäßigen Verteilung des Klerus (221). Bei den einzelnen Gemeinden ist vor allem an jene zu denken, die "keine eigenen Berufungen haben können, da ihnen die Freiheit genommen ist", wie auch jene "Gemeinden, die erst jüngst Verfolgungen entronnen sind, und an die armen, denen schon seit langer Zeit und von vielerlei Seite großherzig und brüderlich geholfen worden ist und nach wie vor geholfen wird" (222).

Innerhalb der Kirchengemeinschaft ist der Priester gerufen, in seiner Weiterbildung besonders in und mit dem eigenen Presbyterium in Gemeinschaft mit dem Bischof zu wachsen. Das Presbyterium ist seiner vollen Wahrheit nach ein Mysterium: es ist)a eine übernatürliche Wirklichkeit, da diese Gemeinschaft im Weihesakrament wurzelt. Dieses ist ihre Quelle und ihr Ursprung; es ist der" Ort" ihres Entstehens und Wachsens. In der Tat "sind die Priester durch das Welhesakrament mit einem persönlichen und unauflöslichen Band mit Christus, dem Hohenpriester, verbunden. Die Weihe wird ihnen als einzelnen gespendet, aber sie sind hineingenommen in die Gemeinschaft des Presbyteriums, verbunden mit dem Bischof" (Lumen gentium, 28; Presbyterorum ordinis, 7 und 8) (223).

Dieser sakramentale Ursprung verlängert sich in den Raum der priesterlichen Amtsausübung hinein als Schritt vom Mysterium zum Ministerium. "Die Einheit der Priester mit dem Bischof und untereinander ist keine äußerliche Hinzufügung zur Eigenart ihres Dienstes, sondern bringt dessen Wesen zum Ausdruck, insofern sie die Sorge Christi, des Hohenpriesters, für die Belange des Volkes ist, das von der Einheit der Heiligsten Dreifaltigkeit zusammengeführt wird" (224). "Diese priesterliche Einheit, gelebt im Geist pastoraler Liebe, macht die Priester zu Zeugen Jesu, der zum Vater gebetet hat, "daß alle eins seien" (Joh 17,21).

Die Grundzüge des Presbyteriums sind also die einer wahren Familie, einer Brüderlichkeit, deren Bande nicht solche des Fleisches und des Blutes sind, sondern der Welhegnade: einer Gnade, die die menschlichen, psychologischen, emotionalen, freundschaftlichen und geistlichen Beziehungen unter den Priestern aufnimmt und erhebt; einer Gnade, die sich ausbreitet und entfaltet, die sich verdeutlicht und konkretisiert in den unterschiedlichen Formen gegenseitiger Hilfeleistung, nicht nur geistlicher, sondern auch materieller Art. Die Brüderlichkeit unter Priestern schließt niemanden aus, kann und muß aber ihre Präferenzen haben: es sind dies solche, die dem Evangelium gemäß sind und vor allem jenen gelten, die am meisten der Hilfe und der Ermutigung bedürfen. Solch eine Brüderlichkeit "läßt den jungen Priestern besondere Sorge zuteil werden, bleibt in herzlichem und brüderlichem Gespräch mit denen mittleren und vorgerückten Alters und mit denen, die sich aus verschiedenen Gründen in Schwierigkeiten befinden; diese Brüderlichkeit läßt auch die Priester, die diese Lebensform verlassen haben oder ihr nicht entsprechen, nicht nur nicht im Stich, sondern folgt ihnen mit noch größerer brüderlicher Sorge" (225).

Zu dem einen Presbyterium gehören - auf einen anderen Titel hin - auch die Ordenspriester, die in einer Ortskirche leben und arbeiten. Ihre Anwesenheit stellt eine Bereicherung für alle Priester und für die verschiedenen von ihnen gelebten Charismen dar. Diese Ordenspriester sind dabei ein lebendiger Anruf, daß die Priester im Verständnis für das eigene Priestertum wachsen sollen, sie leisten ihren Beitrag, die Weiterbildung der Priester anzuregen und zu begleiten. Die Gabe des Ordenslebens ist im Gefüge einer Diözese -sofern sie begleitet wird von aufrichtiger Wertschätzung und der rechten Respektierung der Eigenheiten eines jeden Instituts und einer jeden geistlichen Tradition - eine Horizonterweiterung für das christliche Zeugnis und trägt auf mannigfache Weise zur Bereicherung der priesterlichen Spiritualltät bei, vor allem hinsichtlich einer rechten Beziehung und gegenseitigen Einflußnahme zwischen den Werten der Ortskirche und der Kirche des ganzen Gottesvolkes. Die Ordensleute ihrerseits werden darauf achten, daß sie einen Geist echter Kirchengemeinschaft bewahren und eine herzliche Teilnahme am Leben der Diözese und an den pastoralen Entscheiden des Bischofs bekunden, indem sie das ihnen eigene Charisma bereitwillig für die Auferbauung aller in Liebe zur Verfügung stellen (226).

Schließlich läßt sich im Rahmen der Kirchengemeinschaft und des Presbyteriums dem Problem der Einsamkeit des Priesters besser begegnen, mit dem sich die Synodenväter beschäftigt haben. Es gibt eine Einsamkeit, die zur Erfahrung eines jeden gehört und etwas ganz Normales ist. Es gibt aber auch eine Einsamkeit, die aus bestimmten Schwierigkeiten entsteht und ihrerseits neue Probleme aufwirft. In diesem Sinne "sind die aktive Zugehörigkeit zum Presbyterium einer Diözese, die regelmäßigen Kontakte mit dem Bischof und mit den anderen Priestern, die gegenseitige Zusammenarbeit, das gemeinschaftliche und brüderliche Leben unter Priestern wie auch die Freundschaft und der herzliche Umgang mit den Gläubigen, die in den Pfarrgemeinden mitarbeiten, überaus nützliche Hilfsmittel zur Überwindung der Folgen von Einsamkeit, die der Priester hin und wieder erleben kann" (227).

Die Einsamkeit schafft aber nicht nur Probleme, sondern bietet auch positive Möglichkeiten für das Leben des Priesters: "Wenn sie im Geist der Hingabe angenommen und in der innigen Beziehung mit dem Herrn Jesu Christus gesucht wird, kann die Einsamkeit eine Gelegenheit für das Gebet und das Studium sein sowie eine Hilfe für die Heiligung und das menschliche Wachstum (228).

Zweifelsohne ist eine bestimmte Form von Einsamkeit ein notwendiges Element der ständigen Weiterbildung. Jesus wußte sich oft allein zurückzuziehen, um zu beten (vgl. Mt 14,23). Die Fähigkeit, eine recht verstandene Einsamkeit zu pflegen, ist eine unverzichtbare Bedingung für die Sorge um das geistliche Leben. Es handelt sich um ein von der Anwesenheit des Herrn erfülltes Alleinsein, das uns - im Licht des Geistes - mit dem Vater in Verbindung setzt. In diesem Sinn sind die Sorge um das Schweigen und die Suche nach Zeiten und Orten der "Wüste" notwendig für eine umfassende persönliche Weiterbildung, sei es auf intellektuellem, sei es auf geistlichem und pastoralem Gebiet. In diesem Sinne kann man sagen, daß zu wirklicher brüderlicher Gemeinschaft unfähig ist, wer die eigene Einsamkeit nicht recht zu leben versteht.

 

75. Die Zielbestimmung der Weiterbildung besteht darin, im Priester das Bewußtsein für seine Teilnahme an der Heilssendung der Kirche wachsen zu lassen. In der Kirche als "Sendung" hat die Weiterbildung nicht nur einen Platz als notwendige Bedingung, sondern auch als unverzichtbares Mittel dafür, den Sinn der Sendung beständig ins rechte Licht zu rücken und ihre getreue und großzügige Verwirklichung zu gewährleisten. Durch diese Weiterbildung erfährt der Priester Hilfe darin, das ganze verpflichtende Gewicht, aber zugleich auch die leuchtende Gnade beim Vollzug seiner Sendung wahrzunehmen: die Inpflichtnahme läßt ihn einerseits nicht ruhen - wie Paulus soll er sagen können: "Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, ich das Evangeliun nicht verkünde!'' (1 Kor 9,16); auf der anderen Seite erfährt sich der Priester ausdrücklich oder unausgesprochen von den Menschen ständig und dringlich eingefordert, die Gott unermüdlich zum Heil ruft.

Allein einer angemessenen Weiterbildung gelingt es, den Priester in all dem, was für sein Dienstamt bzw. seine Treue wesentlich und entscheidend ist, zu stärken gemäß den Worten des Apostels Paulus: "Von Verwaltern aber verlangt man, daß sie sich treu erweisen" (1 Kor 4,2). Der Priester soll treu sein ungeachtet der verschiedensten Schwierigkeiten, denen er begegnet, auch unter den widrigsten Bedingungen und in verständlicher Ermüdung, treu mit allen Kräften, über die er verfügt, und bis an sein Lebensende. Das Zeugnis des Paulus sollte für jeden Priester Beispiel und Ansporn sein: "Niemand geben wir", schreibt er an die Christen von Korinth, "auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht getadelt werden kann. In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, unter der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, durch Fasten, durch lautere Gesinnung, durch Erkenntnis, durch Langmut, durch Güte, durch den Heiligen Geist, durch ungeheuchelte Liebe, durch das Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken, bei Ehrung und Schmähung, bei übler Nachrede und bei Lob. Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig; wir werden verkannt und doch anerkannt; wir sind wie Sterbende, und seht: wir leben; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles" (2 Kot 6,3-10).

 

In jedem Alter und jeder Lebenslage

 

76. Die Weiterbildung muß - eben weil sie "fortdauernd" ist - die Priester immer begleiten, d. h. in jeder Phase und Lebenslage sowie auch auf jeder Ebene kirchlicher Verantwortung: dabei sind selbtsverständlich die Möglichkeiten und Charakteristika zu sehen, die mit dem Wechsel von Lebensphasen, Lebenslagen und anvertrauten Aufgaben zusammenhängen.

Die Weiterbildung nimmt zunächst und vor allem die jungen Priester in die Pflicht: Sie bedarf einer Häufigkeit und Regelmäßigkeit von entsprechenden Veranstaltungen, die die Jungen Priester - während diese die Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit der im Seminar genossenen Ausbildung beibehalten -fortschreitend dazu führt, den einzigartigen Reichtum der "Gabe" Gottes, nämlich des Priestertums, zu verstehen und im Leben zu verwirklichen und ihren auf den Dienst ausgerichteten Möglichkeiten und Einstellungen Ausdruck zu verleihen. Dazu gehört auch eine immer überzeugtere und verantwortlichere Einfügung in das Presbyterium und somit in die Gemeinschaft und Mitverantwortung mit allen Mitbrüdern.

Wenn auch ein gewisses Sättigungsgefühl verständlich ist, das im jungen Priester, kaum daß er das Seminar verlassen hat, angesichts von neuen Studieneinheiten und Veranstaltungen aufkommen mag, so muß doch der Gedanke als vollkommen falsch und gefährlich zurückgewiesen werden, wonach die Priesterausbildung in dem Augenblick abgeschlossen sei, in dem die Zeit im Seminar endet.

Durch die Teilnahme an den Weiterbildungsmaßnahmen können sich die jungen Priester wechselseitige Hilfe anbieten, verbunden mit dem Erfahrungsaustausch und gemeinsamer Besinnung auf die konkrete Umsetzung jenes Ideals von Priestertum und Amtsausübung, das sie sich während der Seminarzeit angeeignet haben. Zu gleicher Zeit kann ihre aktive Teilnahme an den Bildungsveranstaltungen des Presbyteriums Beispiel und Ansporn für die anderen, schon älteren Priester sein, wenn sie auf diese ein Zeugnis für ihr Zugehörigkeitsgefühl zum Presbyterium und für ihren leidenschaftlichen Eifer für die Ortskirche geben, die gut ausgebildeter Priester bedarf. Für die Begleitung der jungen Priester in dieser ersten, äußerst wichtigen Phase ihres priesterlichen Lebens und Dienstamtes ist es höchst zweckmäßig (wenn nicht heutzutage gar schlechthin notwendig), ein darauf abgestimmtes stützendes Gefüge einzurichten mit Personen, die sich für die Anleitung und Weiterbildung eignen, so daß die jungen Priester darin auf organische und beständige Weise im Amt die notwendigen Hilfen für ihren priesterlichen Dienst zu finden vermögen. Anläßlich der regelmäßigen Zusammenkünfte - ausreichend lang und häufig, möglichst in einer gemeinsamen Umgebung, in Art eines festen Aufenthalts - werden ihnen wertvolle Momente der Entspannung, des Gebetes, der Besinnung und des brüderlichen Austauschs miteinander geboten. So ist es ihnen leichter möglich, ihrem Leben als Priester von Anfang an eine am Evangelium ausgerichtete Perspektive zu geben. Sollten die einzelnen Ortskirchen nicht in der Lage sein, ihren jungen Priestern diese Hilfe anbieten zu können, wird es zweckmäßig sein, daß sich die benachbarten Kirchen zusammenschließen, gemeinsam Mittel verfügbar machen und entsprechende Programme ausarbeiten.

 

77. Die Weiterbildungstellt eine Verpflichtung auch für die Priester im mittleren Alter dar. De facto gibt es eine Vielzahl von Risiken, die gerade aufgrund dieser Altersstufe eintreten können, wie zum Beispiel ein übertriebener Aktivismus und eine gewisse Routine bei der Amtsausübung. Der Priester ist dann versucht sich einzubilden, daß die eigeneyersönliche Erfahrung, die sich nun schon bewährt hat, keiner kritischen Uberprüfung durch irgendwen mehr bedürfe. Nicht selten leidet er auf dieser Altersstufe an einer Art gefährlicher innerer Müdigkeit, die Zeichen resignierter Enttäuschung angesichts von Schwierigkeiten und Mißerfolgen ist. Die Antwort auf diese Situation wird von der Weiterbildung gegeben, von einer fortdauernden und ausgewogenen kritischen Überprüfung seiner selbst und seines Handelns, von der beständigen Suche nach Motivationen und Hilfsmitteln für die eigene Sendung: auf diese Weise hält der Priester den Geist wachsam und bereit für die immerwährenden und doch auch immer neuen Formen der Suche nach dem Heil, mit denen viele Menschen an den Priester - als einen "Mann Gottes" - herantreten.

Die Weiterbildung muß auch die - wegen der schon vorgerückten Zahl an Lebensjahren- als alt bezeichneten Priester angehen, die in einigen Ortskirchen sogar den zahlenmäßig umfangreichsten Teil des Presbyteriums bilden. Das Presbyterium muß dem treuen Dienst, den sie Christus und der Kirche geleistet haben, seine Dankbarkeit bezeugen und der Lage der alten Priester seine konkrete Solidarität erweisen. Für diese Priester bedeutet Weiterbildung nicht so sehr die Verpflichtung zum Studium, zum Leben im Heute und zur kulturellen Auseinandersetzung, als vielmehr die eindeutige und wichtige Bestätigung ihrer Aufgabe, zu deren Ausübung im Presbyterium sie nach wie vor gerufen sind: nicht allein durch die Fortführung ihres Amtes als Seelsorger (und sei es auch in anderen Formen), sondern auch durch die Möglichkeit, dank ihrer Lebenserfahrung und ihrer Erfahrung im Apostolat, ihrerseits zu wirkungsvollen Begleitern und Helfern für andere Priester zu werden.

Auch diejenigen Priester, die sich aufgrund von schwerer Belastung oder Krankheit in einem Zustand der seelisch-moralischen Ermüdung befinden, können Hilfe durch eine Weiterbildung erfahren, die sie ermuntert, ernsthaft und kraftvoll ihren Dienst an der Kirche fortzusetzen; sich weder gegenüber der Gemeinde noch gegenüber dem Presbyterium abzukapseln, die äußerlichen Aktivitäten zu verringern und sich denjenigen Handlungen in seelsorglichen Beziehungen oder im eigenen geistlichen Leben zu widmen, die in der Lage sind, die Motivationen und die Freude an ihrem Priestertum zu verstärken. Die Weiterbildung hilft ihnen vor allem, die Überzeugung lebendig zu halten, die sie selbst ihren Gläubigen eingeprägt haben, daß sie nämlich weiterhin aktive Glieder für den Aufbau der Kirche sind, auch und gerade kraft ihres Einswerdens mit Jesus Christus als dem Leidenden und mit so vielen anderen Brüdern und Schwestern, die in der Kirche am Leidensweg des Herrn teilhaben und darin die geistliche Erfahrung des Paulus wiederbeleben, der schreibt: Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt" (Kol 1,24) (229).

 

Die Verantwortlichen für die Weiterbildung

 

78. Die Bedingungen, unter denen sich derzeit das Priesteramt häufig und vielerorts entfaltet, machen ein ernsthaftes Bemühen um die Ausbildung nicht einfach: die sich vervielfachenden Aufgaben und Dienste, die Komplexität menschlichen Lebens im allgemeinen und des Lebens der christlichen Gemeinden im besonderen, der Aktivismus und die Kurzatmigkeit, die weite Bereiche unserer Gesellschaft kennzeichnen, nehmen den Priestern oft die Zeit und die unverzichtbaren Energien, daß sie "auf sich selbst achten" (vgl. 1 Tim 4,16).

Dies muß in allen die Verantwortung dafür wachsen lassen, daß die Schwierigkeiten überwunden werden, mehr noch, daß sie eine Herausforderung werden, eine Weiterbildung zu erarbeiten und zu verwirklichen, die in angemessener Weise auf die Großartigkeit der göttlichen Gabe und auf das Gewicht der Anfragen und Erfordernisse unserer Zeit eingeht.

Die Verantwortlichen für die Weiterbildung der Priester sind in der Kirche als "Gemeinschaft" zu suchen. In diesem Sinne ist es die gesamte Ortskirche, die - unter der Leitung des Bischofs - mit der Verantwortung betraut wird, die Weiterbildung der Priester auf verschiedene Weise anzuregen und für sie Sorge zu tragen. Die Priester sind nicht für sich selbst da, sondern für das Gottesvolk: deshalb stellt sich die Weiterbildung, gerade insofern sie die menschliche, geistliche, geistige und pastorale Reife der Priester gewährleistet, als ein Gut dar, dessen Empfänger das ganze Gottesvolk ist. Im übrigen führt eben die Ausübung des seelsorglichen Dienstamtes zu einem beständigen und fruchtbaren gegenseitigen Austausch zwischen dem Glaubensleben der Priester und der Gläubigen. Gerade die Beziehung zwischen dem Priester und der Gemeinde, die Lebens-Gemeinschaft zwischen ihnen, stellt -sofern sie klug gepflegt und eingesetzt wird - einen grundlegenden Beitrag zur Weiterbildung dar, die allerdings nicht auf die eine oder andere Begebenheit oder Einzelinitiative eingeschränkt werden kann, sondern sich auf das Ganze des priesterlichen Amtes und Lebens erstreckt und es durchzieht. Die christliche Erfahrung einfacher und demütiger Menschen; der geistliche Elan von Menschen, die von der Liebe zu Gott ergriffen sind; die beherzte Umsetzung des Glaubens ins Leben seitens derjenigen Christen, die in vielerlei Verantwortlichkeiten in Staat und Gesellschaft eingebunden sind: dies

alles wird ja vom Priester wahrgenommen, und während er es durch seinen priesterlichen Dienst zum Leuchten bringt, entdeckt er darin auch eine kostbare geistliche Nahrung. Auch die Zweifel, die Krisen und die Unsicherheiten angesichts der unterschiedlichsten persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die Versuchung zur Verweigerung oder zur Verzweiflung im Augenblick des Schmerzes, der Krankheit, des Todes: kurz, alle schwierigen Umstände, denen die Menschen auf ihrem Glaubensweg begegnen, werden vom Priester brüderlich mit ihnen zusammen gelebt und aufrichtig in seinem Herzen miterlitten, und in seiner Suche nach Antworten für die anderen ist er beständig angespornt, sie insbesondere für sich selbst zu finden. So kann und soll das ganze Gottesvolk in allen seinen Gliedern einen wertvollen Beitrag zur Weiterbildung seiner Priester leisten. In diesem Sinne muß es den Priestern Zeiträume für das Studium und für das Gebet lassen; von ihnen das verlangen, wofür sie von Christus gesandt worden sind und nichts anderes; Mitarbeit in den verschiedenen Bereichen der pastoralen Sendung anbieten, besonders in jenen, die die Förderung des Menschlichen und den Dienst der Liebe betreffen, herzliche und brüderliche Beziehungen mit ihnen pflegen; in den Priestern das Bewußtsein zu stärken, daß sie nicht "Herren über den Glauben", sondern "Helfer zur Freude" aller Gläubigen sind (vgl. 2 Kor 1,24).

Die Verantwortung der Ortskirche für die Ausbildung der Priester konkretisiert und bestimmt sich in bezug auf die verschiedenen Glieder, die diese gemeinsam übernehmen, angefangen beim Priester selbst.

 

79. In einem gewissen Sinn ist wirklich er, der einzelne Priester, in der Kirche der Erstverantwortliche für die Weiterbildung: Tatsächlich obliegt jedem Priester die Pflicht, verwurzelt im Sakrament der Weihe, treu zu sein gegenüber der Gabe Gottes und dem Geschehen täglicher Bekehrung, die von der Gabe selbst kommt. Die Vorschriften und Normen der kirchlichen Autorität diesbezüglich reichen ebensowenig wie das Beispiel der anderen Priester, die Weiterbildung schmackhaft zu machen, wenn der einzelne nicht persönlich von ihrer Notwendigkeit überzeugt ist und nicht entschieden ist, die Gelegenheiten, Zeiten und Formen dafür zu nutzen. Die Weiterbildung erhält die Jugendlichkeit des Geistes, die niemand von außen auferlegen kann, sondern die jeder fortwährend in sich selbst wiederfinden muß. Nur wer den Wunsch, zu lernen und zu wachsen immer lebendig erhält, besitzt diese Jugendlichkeit".

Grundlegend ist die Verantwortung des Bischofs und mit ihm des Presbyteriums. jene des Bischofs gründet in der Tatsache, daß die Priester durch ihn ihr Priestertum empfangen und mit ihm die pastorale Sorge um das Gottesvolk teilen. Er ist verantwortlich für jene Weiterbildung, die dafür zu sorgen hat, daß all seine Priester der Gabe und dem empfangenen Dienstamt in besonderer Weise treu sind, so wie das Gottesvolk sie will und mit Recht will. Diese Verantwortung führt den Bischof in Gemeinschaft mit seinem Presbyterium dazu, einen Plan und ein Programm zu entwerfen, die geeignet sind, die Weiterbildung zu gestalten, nicht als etwas Vorübergehendes, sondern als systematisches, inhaltliches Konzept, das sich schrittweise entfaltet und zu einer genauen Vorgehensweise wird. Der Bischof wird seine Verantwortlichkeit leben, nicht nur indem er seinem Presbyterium Orte und Zeiten der Weiterbildung sichert, sondern indem er persönlich anwesend ist und in überzeugter und herzlicher Weise selbst daran teilnimmt. Oft wird es angemessen oder auch notwendig sein, daß die Bischöfe mehrerer angrenzender Diözesen oder einer Kirchenregion sich untereinander abstimmen und ihre Kräfte vereinen, um qualifiziertere und wirklich anregende Initiativen für die Weiterbildung anbieten zu können, wie es Kurse biblischer, theologischer und pastoraler Erneuerung sind, Wochen der Zusammenkunft, Konferenzzyklen, Zeiten der Reflexion und Überprüfung auf dem pastoralen Weg des Presbyteriums und der Kirchengemeinde.

Der Bischof erfüllt seine Verantwortung, wenn er sich um den Beitrag sorgt, der von den Fakultäten und den theologischen und pastoralen Instituten kommen kann, von den Seminaren, von den Organen und Verbänden, die Priester, Ordensleute und gläubige Laien vereinen, die in der Priesterfortbildung beschäftigt sind.

Im Bereich der Ortskirchen ist den Familien ein bedeutender Platz vorbehalten: sie sind - insofern sie "Hauskirchen" sind - der konkrete Ausgangspunkt des Lebens der kirchlichen Gemeinschaften, die von den Priestern geistlich bewegt und geleitet werden. Insbesondere ist die Rolle der "Kernfamilie" hervorzuheben. Diese kann, vereint und in gemeinsamem Sinne, einen ganz besonders wichtigen Beitrag zur Sendung des Sohnes leisten. Weil sie den Plan der Vorsehung zur Erfüllung bringt, der sie als Ort für den Samen der Berufung haben wollte, als Wiege und Schutz, als unerläßliche Hilfe für sein Wachstum und seine Entwicklung, soll die Familie des Priesters, in größter Achtung dieses Sohnes, der sich entschieden hat, sich Gott und den Nächsten zu widmen, stets verbleiben als eine treue, ermutigende Zeugin seiner Sendung, sie mit Hingabe und Ehrfurcht unterstützen und mit ihm teilen.

 

Zeiten, Formen und Mittel der Weiterbildung

 

80. Wenn auch jeder Moment eine Gnadenzeit sein kann (vgl. 2 Kor 6,2), in der der Heilige Geist den Priester zu einem unmittelbaren Wachstum im Gebet, im Studium und im Erkennen der eigenen seelsorglichen Verantwortung führt, so gibt es doch "bevorzugte" Momente, sollten sie auch allgemeinerer und festgefügter Art sein.

Hier ist besonders an die Begegnungen des Bischofs mit seinem Presbyterium zu denken, seien sie liturgischer Art (besonders die gemeinsame Feier der Chrisammesse am Gründonnerstag), pastoraler oder kultureller Art, also zur Abstimmung des seelsorglichen Handelns und zum Studium bestimmter theologischer Probleme.

Es gibt überdies die Zusammenkünfte zur Pflege der priesterlichen Spiritualität wie die geistlichen Exerzitien, die Besinnungstage usw. Sie sind eine Gelegenheit für geistliches und pastorales Wachstum, für längeres und ruhiges Gebet, für eine Rückkehr zu den Wurzeln des Priesterseins, um Frische und Motivation für Treue und pastoralen Schwung wiederzufinden.

Wichtig sind auch die Treffen zum Studium und zu gemeinsamer Reflexion: Sie verhindern die kulturelle Verarmung und die Versteifung auf bequeme Positionen auch im pastoralen Bereich, die Ergebnis geistiger Trägheit ist; sie gewährleisten eine reifere Zusammenschau der verschiedenen Elemente des geistlichen, kulturellen und apostolischen Lebens; sie öffnen Geist und Herz gegenüber neuen Herausforderungen der Geschichte und gegenüber neuen Aufrufen, die der Geist an die Kirche richtet.

 

81. Zahlreich sind die Hilfen und Mittel, derer man sich bedienen kann, damit die Weiterbildung zu einer immer wertvolleren Lebenserfahrung für die Priester werde. Unter ihnen erinnern wir an die verschiedenen Formen gemeinsamen Lebens unter den Priestern (vita communis), die es, wenn auch in verschiedener Weise und Intensität, immer in der Geschichte der Kirche gibt: "Heute ist es unmöglich, sie nicht zu empfehlen, vor allem denen, die am selben Ort leben oder pastoral tätig sind. Über den Nutzen für das pastorale Leben und deren Aktionen hinaus bietet dieses gemeinsame Leben des Klerus allen, den Mitbrüdern im Priesteramt und den Laien, ein leuchtendes Beispiel der Liebe und der Einheit" (230).

Andere Hilfen können von Priestergemeinschaften, besonders den priesterlichen Säkularinstituten gegeben werden, deren typisches Merkmal die Gebundenheit an die Diözese ist, kraft derer die Priester sich noch enger an den Bischof binden, und die "einen Weihestand bilden, in dem die Priester durch Gelübde oder andere heilige Bande dazu geweiht sind, die evangelischen Räte mit Leben zu erfüllen" (231). Alle von der Kirche approbierten Formen "priesterlicher Brüderlichkeit" sind nützlich, nicht nur für das geistliche, sondern auch für das apostolische und pastorale Leben.

Auch die Praxis der geistlichen Begleitung trägt nicht wenig zugunsten der Weiterbildung von Priestern bei. Sie ist ein klassisches Mittel, das nichts an Wer