Katholisch Leben!

Den katholischen Glauben kennen, leben, lieben & verteidigen!

kathpedia.com: Gnade



Gnade (lat. gratia) ist die unverdiente und ungeschuldete, als übernatürliche Gabe zu sehende Zuwendung Gottes zum Menschen, also seine Liebe und Huld. Der Glaube ist eine Form der Gnade.

Die ungeschaffene Gnade ist Gott selber, der sich dem Menschen zuwendet und durch seinen Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist schenkt (Einwohnung Gottes in der Seele des Getauften). Dabei wirkt der Heilige Geist als "Lebensspender" (vgl. Nizäno-Konstantinopolitanisches Glaubensbekenntnis).

Als geschaffene Gnade wandelt Gottes Heilswirken den Menschen innerlich um und gibt ihm Anteil am göttlichen Leben: Die heiligmachende Gnade verleiht dem Getauften eine wesensmäßige Heiligkeit, macht ihn zum Kind Gottes und zum Erben des Himmels; die helfende Gnade schenkt eine besondere Hilfe Gottes in der Erleuchtung des Verstandes und der Stärkung des Willens.

Die Gnade Gottes wird mitgeteilt vor allem durch die Sakramente und das Gebet. In der Sünde wendet sich der Mensch gegen die Gnade Gottes.

In der Todsünde verliert der Mensch die Gnade Gottes.

(Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php/Gnade)

 


II Die Gnade


1996 Wir haben unsere Rechtfertigung der Gnade Gottes zu verdanken. Die Gnade ist das Wohlwollen, die ungeschuldete Hilfe, die Gott uns schenkt, um seinem Ruf zu entsprechen. Denn unsere Berufung ist es, Kinder Gottes zu werden [Vgl. Joh 1,12-18], seine Adoptivsöhne [Vgl. Röm 8, 14-17], teilzuhaben an der göttlichen Natur [Vgl. 2 Petr 1,3-4.] und am ewigen Leben [Vgl. Joh 17,3.].


1997 Die Gnade ist eine Teilhabe am Leben Gottes; sie führt uns in das Innerste des dreifaltigen Lebens: Durch die Taufe hat der Christ Anteil an der Gnade Christi, der das Haupt seines Leibes ist. Als ein „Adoptivsohn" darf er nun in Vereinigung mit dem eingeborenen Sohn Gott „Vater" nennen. Er empfängt das Leben des Geistes, der ihm die Liebe einhaucht und der die Kirche aufbaut.


1998 Diese Berufung zum ewigen Leben ist übernatürlich. Sie ist ganz dem ungeschuldeten Zuvorkommen Gottes zu verdanken, denn er allein kann sich offenbaren und sich schenken. Sie geht über die Verstandes- und Willenskräfte des Menschen und jedes Geschöpfes hinaus [Vgl. 1 Kor 2,7-9.].



1999 Die Gnade Christi besteht darin, daß uns Gott ungeschuldet sein Leben schenkt. Er gießt es durch den Heiligen Geist in unsere Seele ein, um sie von der Sünde zu heilen und sie zu heiligen. Das ist die heiligmachende oder vergöttlichende Gnade, die wir in der Taufe erhalten haben. Sie ist in uns der Ursprung des „Heiligungswerkes" [Vgl. Joh 4,14; 7, 38-39].


„Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt" hat (2 Kor 5,17-18).


2000 Die heiligmachende Gnade ist ein bleibendes Geschenk, eine übernatürliche feste Neigung. Sie vervollkommnet die Seele, um sie zu befähigen, mit Gott zu leben und aus seiner Liebe zu handeln. Man unterscheidet die sogenannte habituelle Gnade, das heißt eine bleibende Neigung, entsprechend dem göttlichen Ruf zu leben und zu handeln, von den sogenannten helfenden Gnaden, das heißt dem göttlichen Eingreifen zu Beginn der Bekehrung oder im Verlauf des Heiligungswerkes.


2001 Schon die Vorbereitung des Menschen auf den Empfang der Gnade ist ein Werk der Gnade. Diese ist notwendig, um unser Mitwirken an der Rechtfertigung durch den Glauben und an der Heiligung durch die Liebe hervorzurufen und zu unterstützen. Gott vollendet in uns, was er begonnen hat, „denn er beginnt, indem er bewirkt, daß wir wollen; er vollendet, indem er mit unserem schon bekehrten Wollen mitwirkt" (Augustinus, grat. 17).


„Zwar arbeiten auch wir, aber wir arbeiten nur zusammen mit Gott, der arbeitet. Sein Erbarmen ist uns nämlich zuvorgekommen, damit wir geheilt wurden, und es folgt uns, damit wir, einmal geheilt, belebt werden; es kommt uns zuvor, damit wir gerufen werden, und es folgt uns, damit wir verherrlicht werden; es kommt uns zuvor, damit wir fromm leben, und folgt uns, damit wir für immer mit Gott leben, denn ohne ihn können wir nichts tun" (Augustinus, nat. et grat. 31).


2002 Das freie Handeln Gottes erfordert die freie Antwort des Menschen. Denn Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen und hat ihm zusammen mit der Freiheit die Fähigkeit verliehen, ihn zu erkennen und zu lieben. Die Seele kann nur freiwillig in die Gemeinschaft der Liebe eintreten. Gott berührt das Herz des Menschen unmittelbar und bewegt es direkt. Er hat in den Menschen eine Sehnsucht nach dem Wahren und Guten gelegt, die er allein erfüllen kann. Die Verheißungen des „ewigen Lebens" entsprechen über alle Hoffnung hinaus diesem inneren Verlangen.



„Wenn du am Ende deiner sehr guten Werke am siebten Tag geruht hast, dann um uns durch die Stimme deines Buches im voraus zu sagen, daß auch wir am Ende unserer Werke, die deshalb ‚sehr gut‘ sind, weil du sie uns geschenkt hast, am Sabbat des ewigen Lebens in dir ruhen werden" (Augustinus, conf. 13, 36,51).


2003 Die Gnade ist in erster Linie die Gabe des Heiligen Geistes, der uns rechtfertigt und heiligt. Zur Gnade gehören aber auch die Gaben, die der Geist uns gewährt, um uns an seinem Wirken teilnehmen zu lassen und uns zu befähigen, am Heil der andern und am Wachstum des Leibes Christi, der Kirche, mitzuwirken. Dazu gehören die sakramentalen Gnaden, das heißt Gaben, die den verschiedenen Sakramenten zu eigen sind. Dazu gehören aber auch die besonderen Gnaden, die entsprechend dem vom hl. Paulus verwendeten griechischen Ausdruck Charismen genannt werden, der Wohlwollen, freies Geschenk und Wohltat bedeutet 1. Es gibt verschiedene Charismen, manchmal außerordentliche wie die Wunder- oder Sprachengabe. Sie alle sind auf die heiligmachende Gnade hingeordnet und haben das Gemeinwohl der Kirche zum Ziel. Sie stehen im Dienst der Liebe, welche die Kirche aufbaut [Vgl. 1 Kor 12. - Vgl. K. v. Trient: DS 1533-1534].


2004 Unter den besonderen Gnaden sind die Standesgnaden zu erwähnen, welche die Ausübung der Pflichten des christlichen Lebens und der Dienste innerhalb der Kirche begleiten.


„Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig" (Röm 12,6-8).


2005 Da die Gnade übernatürlich ist, entzieht sie sich unserer Erfahrung und ist nur durch den Glauben zu erkennen. Wir können uns also nicht auf unsere Gefühle oder Werke verlassen, um daraus zu folgern, daß wir gerechtfertigt und gerettet sind [Vgl. K. v. Trient: DS 1533-1534.]. Doch nach dem Wort des Herrn: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" (Mt 7,20), können wir, wenn wir an die Wohltaten Gottes in unserem Leben und im Leben der Heiligen denken, darin eine Gewähr dafür erblicken, daß die Gnade in uns am Werk ist. Das ermutigt uns zu einem stets stärkeren Glauben und zu einer Haltung vertrauender Armut.



Diese Haltung wird besonders gut in der Antwort der hl. Jeanne d‘Arc auf eine Fangfrage ihrer kirchlichen Richter veranschaulicht: Befragt, ob sie wisse, daß sie in der Gnade Gottes sei, antwortet sie: „Falls ich nicht in ihr bin, wolle Gott mich in sie versetzen; falls ich in ihr bin, möge Gott mich in ihr bewahren" (Jeanne d‘Arc, proc.).



III Das Verdienst


„Die Schar der Heiligen verkündet deine Größe, denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade" (MR, Präfation von den Heiligen, nach einem Wort des „Lehrers der Gnade", des hl. Augustinus, Psal. 102,7).


2006 Das Wort „Verdienst" bezeichnet im allgemeinen die Vergeltung, die eine Gemeinschaft oder Gesellschaft für die Tat eines ihrer Mitglieder schuldet, die als Wohltat oder Missetat, als etwas zu Belohnendes oder zu Bestrafendes empfunden wird. Verdienste zu vergelten, ist Sache der Tugend der Gerechtigkeit, denn es entspricht dem für sie geltenden Prinzip der Gleichheit.


2007 Gegenüber Gott gibt es von seiten des Menschen kein Verdienst im eigentlichen Sinn. Zwischen ihm und uns besteht eine unermeßliche Ungleichheit, denn wir haben alles von ihm, unserem Schöpfer, empfangen.


2008 Der Mensch hat nur deshalb im christlichen Leben bei Gott ein Verdienst, weil Gott in Freiheit verfügt hat, den Menschen mit seiner Gnade mitwirken zu lassen. Ausgangspunkt für dieses Mitwirken ist immer das väterliche Handeln Gottes, das den Anstoß für das freie Handeln des Menschen gibt, so daß die Verdienste für gute Werke in erster Linie der Gnade Gottes und erst dann dem Glaubenden zuzuschreiben sind. Das Verdienst des Menschen kommt im Grunde Gott zu, denn seine guten Taten gehen in Christus aus den zuvorkommenden und helfenden Gnaden des Heiligen Geistes hervor.


2009 Die Annahme an Kindes Statt macht uns aus Gnade der göttlichen Natur teilhaftig. Sie kann uns darum der ungeschuldeten Gerechtigkeit Gottes entsprechend ein wirkliches Verdienst verleihen. Dies ist ein Recht aus Gnade, das volle Recht der Liebe, die uns zu „Miterben" Christi macht, würdig, „das ewige Leben zu gegebener Zeit zu erlangen" (K. v. Trient: DS 1546). Die Verdienste unserer guten Werke sind Geschenke der göttlichen Güte [Vgl. K. v. Trient: DS 1548]. „Die Gnade ist vorausgegangen; jetzt wird vergolten, was geschuldet ist ... Die Verdienste sind Geschenke Gottes" (Augustinus, serm. 298, 4-5).


2010 Da in der Ordnung der Gnade das erste Handeln Gott zukommt, kann niemand die erste Gnade verdienen, aus der die Bekehrung, die Vergebung und die Rechtfertigung hervorgehen. Erst vom Heiligen Geist und der Liebe dazu angetrieben, können wir uns selbst und anderen die Gnaden verdienen, die zu unserer Heiligung, zum Wachstum der Gnade und der Liebe sowie zum Erlangen des ewigen Lebens beitragen. Der Weisheit Gottes gemäß können selbst zeitliche Güter wie Gesundheit oder Freundschaft verdient werden. Diese Gnaden und Güter sind Gegenstand des christlichen Gebetes. Dieses sorgt für die Gnade, die für unsere verdienstlichen Taten unerläßlich ist.


2011 Die Liebe Christi ist in uns die Quelle all unserer Verdienste vor Gott. Die Gnade vereint uns in tätiger Liebe mit Christus und gewährleistet so den übernatürlichen Charakter unserer Taten und folglich ihren Verdienst vor Gott und den Menschen. Die Heiligen waren sich stets lebhaft bewußt, daß ihre Verdienste reine Gnade sind:


„Nach der Verbannung auf Erden hoffe ich, in der Heimat mich an dir zu erfreuen; aber ich will nicht Verdienste für den Himmel sammeln, sondern allein für deine Liebe arbeiten ... Am Ende dieses Lebens werde ich mit leeren Händen vor dir erscheinen; denn ich bitte dich nicht, o Herr, meine Werke zu zählen. All unsere Gerechtigkeit ist voll Makel in deinen Augen! Ich will mich also mit deiner eigenen Gerechtigkeit bekleiden und von deiner Liebe den ewigen Besitz deiner selbst erlangen" (Theresia vom Kinde Jesu, offr.).


(Katechismus der Katholischen Kirche. Copyright © Libreria Editrice Vaticana)

Glaube - freie Tat des Menschen oder Gnade Gottes?

Kann der Glaube zugleich Geschenk Gottes und freie Tat des Menschen sein? Zeigen Sie an einigen Beispielen auf, wie man sich in der Geschichte der Kirche mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Legen sie dar, wir man heutigen Menschen einen Zugang zu der Einsicht, dass Gnade und Freiheit einander nicht ausschließen, eröffnen kann.



Robert Gollwitzer, Ridlerstr. 21, 80339 München



Gliederung


A. Gott ermöglicht und schenkt uns Freiheit.

B. 1. Definitionen

1.1 Was bedeutet Glaube eigentlich?

1.2. Was bedeutet Gnade?

2. Kann der Glaube zugleich Geschenk Gottes und freie Tat des Menschen sein?

2.1 Das Verhältnis von Glaube als Tat Gottes und Glaube als Tat des Menschen in der Geschichte

2.1.1 In der Bibel

2.1.2 In den ersten christlichen Jahrhunderten und bei den älteren Kirchenvätern

2.1.2.1 Augustinus

2.1.2.2 Pelagius

2.1.3 Im Mittelalter

2.1.4 In der Reformationszeit

2.1.5 Der Gnadenstreit im 16./17. Jahrhundert

2.1.6 Die Situation heute

2.2 Wie eröffnet man heutigen Menschen einen Zugang zu der Einsicht, dass Gnade und Freiheit einander nicht ausschließen?

2.2.1 Besserer Zugang durch Verstehen des theologischen Hintergrundes

2.2.2 Besserer Zugang durch eigenes Beispiel

2.2.3 Besserer Zugang durch menschliche Erfahrung

2.2.4 Maria voll der Gnade

C. Gottes Liebe als ultimativer Zugang



A. Gott ermöglicht und schenkt uns Freiheit.

Christen glauben, dass alles, was sie sind, tun und können, von Gott geschenkte Gaben sind, die es ihnen erst ermöglichen, seine Liebe, sein Angebot zur Vergebung und seinen an uns in der Taufe ergangenen Ruf in Freiheit zu beantworten. Lieben kann schließlich nur der, der seinerseits zuerst geliebt wurde. Gottes Liebe und Annahme versetzt die Menschen erst in die Lage, sich frei entscheiden und den eigenen Weg wählen zu können. Eine Freiheit aber, die – sofern sie sich nicht auf der Annahme genau dieser Liebe Gottes als Antwort auf seinen Ruf gründet – schnell zur Überforderung, zur Getriebenheit werden kann.

Gerade weil Gott die Menschen liebt, schenkt und ermöglicht er ihnen diese Freiheit – als Teil der Menschenwürde. Nur aufgrund dieser Freiheit können sie ihrerseits ihren Weg wählen, andere Menschen lieben und ihnen vergeben – und Gottes Liebe so beantworten. Menschen lieben und vergeben nicht, weil sie so nette Menschen sind, sondern weil sie beides selbst als Geschenk erfahren haben. Ohne dieses Geschenk wäre es dem Menschen gar nicht möglich, sich voll Vertrauen und Gehorsam Gott zuzuwenden. Seine Beziehung zu Gott ist wegen der Sünde gebrochen. Gott alleine kann nun den ersten Schritt tun und uns seine Liebe, seine Gnade in Jesus und seinen Heilswillen anbieten. Im Laufe der Geschichte gab es hierzu aber immer wieder Diskussionen und selbst heute herrscht oft noch Unklarheit und Unverständnis. Göttliche Gnade und menschliche Freiheit sind aber nicht eine Frage von entweder oder sondern eine Einheit. Nicht „oder“ sondern „und“ führt zum Ziel.


B. 1. Definitionen

1.1 Was bedeutet Glaube eigentlich?

„“Ich glaube“ heißt: Der Glaube ist die freie, verantwortliche und unübertragbare Entscheidung des einzelnen Menschen. Zu ihr darf niemand gegen seinen Willen und gegen sein Gewissen gezwungen werden.“ 1

Im Hebräerbrief 11,1 liest man: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ Und in Vers 8: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte“ 2 - ein Hinweis, dass zum Glauben auch eigene Initiative – in diesem Fall der Gehorsam gehört. Abraham setzte seine ganze Hoffnung auf Gott3 - und wird so zum Vater aller, die an Gott glauben. Ein Glaube, der von Jesus vollendet wurde: Glaube wird im NT so zur Nachfolge Jesu.

Durch den Glauben verdanken sich die Menschen ganz Gott, vertrauen auf seine Liebe, die sie in Jesus erfahren, auf seine Wirkmächtigkeit4 und führen ein Leben in Jesu Nachfolge – vermittelt durch das Wort und geleitet von den Glaubenswahrheiten. Glaube heißt auch Hoffnung – Hoffnung auf Vollendung der Geschichte und endgültige Gemeinschaft mit Gott. Schließlich ist auch Gemeinschaft mit und in der Kirche, der Welt und vertrauensvolle Gemeinschaft mit Gott im Gebet ein Bestandteil des Glaubens. Glaube ist die Antwort des Menschen auf Gottes in der Taufe gespendete Geschenk der Gnade.5 Er ist mehr als das Fürwahrhalten der Bibel oder von Glaubenswahrheiten. Ebenso wenig nur ein Akt des Willens, eine Gehorsamspflicht oder ein Gefühl. Er ist ein Dialog, in dem Gott schenkt und ruft und der Mensch in Freiheit annimmt und antwortet. Ein Sich-Einlassen auf Gott.6 Ein Weg, der zur Umkehr ruft und zum Loslassen all dessen auffordert, was man als Sicherheit betrachtet, voller Vertrauen auf Gott. Christen wissen sich von Gott geliebt, und können so auch andere lieben. Im hebräischen Wort für Glaube (“aman“: „fest, beständig“) findet man genau dies: Festhalten an Gott, auf festem Grund stehen.7 Schließlich macht der Glaube auch neue Menschen aus uns.8

Gott ermöglicht es durch seine Gnade erst, zu glauben. Trotzdem ist der Glaube auch eine freie Tat des Menschen, die über das hinausgeht, was man mit Empfindungen oder Verstand begreifen kann. Er betrifft den ganzen Menschen, und so muss auch der ganze Mensch antworten. Letztlich ist er auch ein „Vorgeschmack“ von dem, was kommt.9


1.2. Was bedeutet Gnade?

„Was hast du, was du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest“?10

Um das Jahr 700 wurde zum ersten Mal das lateinische Wort „gratia“ von irischen Mönchen mit einem bisher nicht ausschließlich religiös verwendeten Wort übersetzt: „Gnade“ („huldvoll-helfendes sich Neigen“). Damit bezeichnete man einen Vorteil, den man jemand anderes gewährt und der weitaus größer ist als das, was eigentlich zu geben war.11

Wenn man von Gnade spricht, spricht man vor allem vom Heiligen Geist, von „Erlösung“ und von Jesus, der zu uns Menschen auf die Erde kam, damit wir uns Kinder Gottes nennen können und uns das Heil brachte. Außerdem vom „Charisma“ (Gnadengabe, Geistesgabe, Geisteswirkung)12 und von Maria. Gnade verwandelt den Menschen in seinem Innersten und heiligt ihn. Sie kann ungeschaffene Gnade sein (Gottes Liebe), geschaffene Gnade (bereitet den Menschen vor) und als Unterteilung der geschaffenen Gnade die heiligmachende Gnade und die Aktgnade oder helfende Gnade (bestimmt einzelne Akte des Erkennens und Wollens). Gott hat es dem Menschen überlassen, diese Gnade bzw. Erlösung anzunehmen. Eine Entscheidung, die einen Weg eröffnet, der unter anderem von Umkehr und Gehorsam bestimmt wird. Eine „Mitwirkung“ des Menschen ist also unerlässlich.13 Manche meinten nun, die erlösende Gnade Jesu gelte nur wenigen Menschen. Wer in den Himmel oder in die Hölle komme, sei schon bei der Geburt festgelegt (Prädestination). Andere vertraten die Ansicht, dass es zwar nicht auf die Mitwirkung ankommt, wohl aber auf eine Entscheidung, die der Mensch selbst treffen müsse14. Eine freie Annahme, die aber nicht durch die Religion oder gar durch Menschen vermittelt werde.

Die katholische Position: Ursache der Erlösung ist nur das Werk Gottes. Deren Annahme aber erfordert ein „Mitwirken“, eine Beteiligung des Menschen. Wenn sich der Mensch Gott gegenüber öffnet, so sind hier alle Ebenen des Menschseins beteiligt – sein Herz, seine Seele, sein Geist, aber auch sein Körper, indem er Gottes Geboten folgt oder die Sakramente empfängt. Die Gnade und das Heil ist etwas, das Gott uns schenkt, das wir uns also nicht verdient haben oder unsererseits erreichen können. Die Gläubigen sind gerufen, die Gottesherrschaft in kindlicher Haltung als Geschenk anzunehmen.15 Für diesen Schatz16 sollen sie alles eintauschen und die Gute Nachricht weiter geben – in Wort und Tat.

Gnade ist also heilig machend, sie ist ferner unverdient und wird uns von Gott geschenkt17. Sie wird angenommen durch die Taufe, die Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche, Umkehr, Buße, das Halten der Gebote, Gottes- wie Nächstenliebe sowie das Gebet.

Durch das Beispiel von und in Gemeinschaft mit Menschen, die an Jesus glauben und diesen Glauben in Wort und Tat leben, durch die Verkündigung des Wortes und schließlich durch Christus selbst erfahren wir Erlösung durch Jesus und können uns für ihn entscheiden. Das Wort, die Erlösungsbotschaft und das Beispiel müssen ihrerseits eine Anziehungskraft haben (und haben diese auch durch den Heiligen Geist), die den menschlichen Willen zur Entscheidung erst in Gang setzt.18 Eine Ergriffenheit, die uns innerlich verwandelt und sich in tätiger Nächstenliebe und ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi ausdrückt.


2. Kann der Glaube zugleich Geschenk Gottes und freie Tat des Menschen sein?

„Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag.“19

2.1 Das Verhältnis von Glaube als Tat Gottes und Glaube als Tat des Menschen in der Geschichte

2.1.1 In der Bibel

Glaube ist sowohl Geschenk Gottes als auch Tat des in Freiheit entscheidenden Menschen. Hierin sah man kein Problem und keinen Widerspruch. Paulus weist zunächst auf die Gnade Gottes hin.20. Andere Stellen zeigen die Bedeutung der menschlichen Freiheit auf.21

2.1.2 In den ersten christlichen Jahrhunderten und bei den älteren Kirchenvätern

Auch hier sah man keinen Konflikt zwischen beiden Positionen. Die Kirchenväter betonten besonders die Freiheit des menschlichen Willens, um gnostische Theorien zurück zu weisen, die die Welt als Spielball eines Kampfes zwischen guten und bösen Mächten sahen, dem der Mensch völlig willenlos ausgeliefert sei.

2.1.2.1 Augustinus

Augustinus vertritt nun die Ansicht, dass der Mensch aus eigener Kraft – ohne Gottes Gnade – nichts Gutes tun oder denken kann (im Gegensatz zu Pelagius, der glaubt, dass der Mensch aus eigener Kraft den Willen Gottes tun kann). Er argumentiert sogar, nur wenige Menschen seien zum Glauben und zur ewigen Seligkeit bestimmt – eine Ansicht, die die Kirche zurückgewiesen hat. Nach Augustinus gehören drei Punkte zum Glauben: die verstandesmäßige Erfassung („Ich glaube an Gott“), die Annahme durch den Willen („Ich vertraue Gott“) und aus beidem folgend Glaube als ein Weg der Nachfolge, den man mit und zu Gott geht.

2.1.2.2 Pelagius

Etwa zu Ende des 4. Jh. lehrte Pelagius im Widerspruch zu Augustinus (354-430): er legte großen Wert auf die Freiheit menschlichen Willens. In diesem Willen könne man sich üben und so Jesus nachfolgen. Jesus hätte den Menschen durch sein eigenes Beispiel gezeigt, wie man leben solle. Dementsprechend brauche man Kinder auch nicht zur Vergebung der Sünden zu taufen, da sie ja noch nicht durch das schlechte Beispiel anderer sündigen hätten können. Ebenso wenig könnten sie Jesu Beispiel folgen. Gott habe uns durch seine Barmherzigkeit das Beispiel Christi geschenkt, und dem sei Folge zu leisten. Augustinus erwiderte, dass Menschen ohne die Gnade und Liebe Gottes nichts tun oder denken können. Sie seien im Grunde böse. Allein durch die Gnade Gottes wären sie imstande, dieses Schlechte in ihnen zu besiegen und ein Leben zu führen, wie Gott es von ihnen verlangt. Die Schüler des Pelagius wiederum meinten daraufhin, dann würde ja niemand mehr sündigen können, da es dann ja im Verantwortungsbereich der Gnade Gottes liege, ob wir Gutes oder Böses tun. Augustinus vertrat schließlich die Ansicht, dass es nur wenige Menschen gäbe, die von Gott zum Glauben und zur Seligkeit vorherbestimmt seien – ohne Rücksicht auf die menschliche Freiheit. Dies hat die Kirche zurück gewiesen. Augustinus’ Lehre von der inneren Gnade, die es den Menschen erst ermöglicht, irgendetwas zu tun oder zu denken, wurde jedoch bestätigt.

Das Konzil von Orange (529) kommt schließlich zu dem Entschluss, dass es der inneren Erleuchtung des Heiligen Geistes bedürfe, um die Predigt des Evangeliums gläubig aufzunehmen. Nicht geklärt wurde aber das Verhältnis von Gnade und Freiheit im Glauben. Nachfolger von Pelagius („Semipelagianer“) waren später v.a. im Mönchtum Südfrankreichs zu finden. Diese Tendenzen wurden auf der zweiten Synode in Orange (529) verurteilt.


2.1.3 Im Mittelalter

Im Mittelalter entdeckte man die Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles (384 – 322 vC.) wieder. Thomas von Aquin (1225 – 1274) will Gnade und Freiheit miteinander verbinden. Der Glaube sei zwar eine freie Tat des Menschen, diese werde aber erst durch ein Gnadengeschenk Gottes, die übernatürliche Erhebung der Seele, auf die Ebene der „übernatürlichen Ordnung“ des ewigen Lebens, möglich. Diese Ordnung wurde von Gott durch die Auferweckung Christi begründet. Der Glaube bleibt weiterhin eine freie Tat des Menschen – ermöglicht wird diese Tat aber erst durch die übernatürliche Erhebung der Seele. Und die ist ein Gnadengeschenk Gottes. Später im Mittelalter – und wohl auch bedingt durch einen Vertrauensverlust der Menschen Gott gegenüber im Zuge von Tragödien wie der Pest - wurde wieder mehr Wert auf das eigene Tun gelegt. Durch fromme Werke wollte man sich Gottes Gnade versichern. Die Menschen glaubten, sie könnten Gottes Gnade nur in dem erfahren, was sie tun und so verließ man sich auf Ablässe und Wallfahrten. Man wollte „sicher“ gehen, die Gnade und das Heil zu erreichen.

2.1.4 In der Reformationszeit

Martin Luther vertrag die Theorie der „Sola Gratia“ (vgl. auch „Sola Fide“ – allein durch den Glauben wird man gerechtfertigt): Gnade wird geschenkt, und zwar durch einen Glauben, der alles an sich geschehen lässt. Werke sind ein reiner Ausfluss des Glaubens bzw. dessen Früchte. Röm 3,28 bewegte ihn zu dieser Erkenntnis, die im Widerspruch zum Kontext22 wie zu anderen Stellen steht.23 Der menschliche Wille bleibt hier völlig passiv und lässt Gottes vergebende Sünderliebe an sich geschehen. Im Licht der damaligen Zeit war diese Theorie aber eine Art Befreiung von der Angst, nicht genügen zu können.

Das Konzil von Trient bestätigte wieder das Miteinander vom Glauben als Geschenk Gottes und freier Tat des Menschen – eine reine Passivität der Gläubigen lehnte man ab. Der Glaube umfasst dementsprechend auch die Werke der Liebe, die ihn praktisch ausdrücken.24 Der Mensch habe eine Mitwirkungspflicht bei der Gnade. Tut er dies nicht, bleibe er im Unheil. In einem gab das Konzil von Trient aber Luther recht: Heil für den Menschen sowie dessen Mitwirkung gibt es allein durch Gottes zuvorkommende Gnade.25 Grundsätzlich aber wand man sich mit dem „Rechtfertigungsdekret“ klar gegen die Reformation.


2.1.5 Der Gnadenstreit im 16./17. Jahrhundert

Ein Problem damals war die Frage, ob man eigentlich noch von der Allmacht Gottes reden kann, wenn es letztlich von der freien Annahme des Menschen abhängt, ob sein Heil auch wirksam wird. Wie also ist das Verhältnis von Vorbestimmung – der Erwählung und Berufung eines jeden Menschen – und der menschlichen Freiheit? Theologen der Dominikaner sowie der Jesuiten gerieten hier in eine heftige Auseinandersetzung. Der Papst entschied sich für keine der beiden Seiten und verbot nur die Verketzerung.


2.1.6 Die Situation heute

Man bewegt sich wieder aufeinander zu – im Bewusstsein der geschichtlichen Hintergründe damals (sowie wohl auch der persönlichen Situation Luthers) und aufbauend auf den Gemeinsamkeiten, die lange Zeit vernachlässigt wurden. Beide Seiten gestehen falsche Interpretationen der Absicht der jeweils anderen Seite ein und verstehen, wohl auch aneinander vorbei geredet zu haben.26 Luther wollte die Menschen (und sich selbst) von der Angst befreien, die sie von der Liebe Gottes trennte. Die Angst, ob man denn genug getan hätte, um eine Heilsgewissheit zu haben. Steht jedoch die Gnade Gottes befreiend am Anfang menschlichen Tuns, wäre diese Sorge vom Tisch allerdings auf Kosten der menschlichen Freiheit. Differenzen gibt es noch hinsichtlich des lutherischen Prinzips des „Solus Deus“ (Gott alleine steht im Mittelpunkt) oder etwa betreffend der Frage, ob die Kirche nur passiv die Heilsgnade Gottes empfängt oder sie auch daran mitwirken und sie weiter geben darf.

Die heutige kath. Position ist, dass durch die Sünde die Beziehung zu Gott gebrochen ist und der Mensch von sich aus nicht den ersten Schritt machen könne. Hierfür bedarf es des Gnadengeschenks Gottes.

In Deutschland waren es Theologen wie Karl Rahner oder Hans Urs von Balthasar, in Frankreich etwa Henri de Lubac, die die moderne Gnadenlehre geprägt haben.


2.2 Wie eröffnet man heutigen Menschen einen Zugang zu der Einsicht, dass Gnade und Freiheit einander nicht ausschließen?

2.2.1 Besserer Zugang durch Verstehen des theologischen Hintergrundes

„Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Dtn 3,19)

Durch die Gnade Gottes können die Menschen selbstlos für andere da sein, anderen verzeihen und selbst Verzeihung suchen und damit bereits jetzt das Reich Gottes Realität werden lassen und Erfüllung in der Liebe Gottes finden. Der Geist Gottes gibt Gaben – oder „Früchte“ – die erst dazu befähigen, zu lieben und dieser Liebe Ausdruck zu verleihen.27 Durch Gottes Gnade sind die Gläubigen frei. Freiheit aber befreit nicht von Verantwortung – durch Gottes Gnade jedoch kann diese Freiheit erst wahrgenommen werden. Die Menschen können nun auch anderen dieses Geschenk gönnen28, auf die Verurteilung anderer verzichten29 und im Gehorsam keine lästige Erfüllung von Pflichten, sondern eine Tat der selbstlosen Liebe sehen. Gnade ist das Wort und der Geist Gottes, das in den Menschen wirkt30, zur Nachfolge Christi ruft und befreit. Gott schenkt sich selbst und gibt durch dieses Gnadengeschenk all das, was man braucht, um ihn und die Mitmenschen in Liebe annehmen und gleichzeitig den Glauben verkünden und verteidigen zu können31. Vor deren Existenz, hat er seine Kinder schon in Liebe auserwählt und ihnen so die Möglichkeit verschafft, uns sich als solche zu bezeichnen32.

Berufung als persönlicher Anruf Gottes gilt letztlich dem Dienst an und für Gott in der Welt, in der wir leben33 - im Dialog und in der Gemeinschaft mit anderen und mit Gott. Eine Berufung zur Erfüllung des Willens Gottes in totaler Hingabe des Menschen. Eine Berufung, bei der Gott das, wozu er ruft, auch selbst schenkt und mit dem Beschenkten ist.34 Der letzte Grund dieser Freiheit kann aber nur in etwas Absolutem – außerhalb des Menschen zu suchenden – zu finden sein. So verweist gerade diese menschliche Freiheit auf Gott. Die Tatsache, dass Gott die Menschen als unverwechselbare Individuen geschaffen hat, versetzt diese erst in die Lage zur Selbstbestimmung. Diese Selbstbestimmung bedeutet im Rahmen der Gewissensentscheidung auch eine Entscheidung über die eigene Identität. Der Mensch kann frei entscheiden, auf das Gewissen zu hören und somit zu bestimmen, wer oder was er sein will und ob bzw. wie er dem Ruf Gottes Folge leisten will. Diese Freiheit des Gewissens wurde auch vom 2. Vatikanischen Konzil ausdrücklich bestätigt (GS 16, 17 und 50). Auch hier also eine enge Beziehung zwischen der Freiheit des Menschen und der Gnade Gottes (hier vorläufig vertreten vom Ur-Gewissen).

Das Gewissen ist das „Herz“ des Menschen, seine „Mitte“. Hier begegnet er sich selbst und seiner Eigenverantwortlichkeit. Gott hat nicht nur Gaben gegeben, sondern damit auch Auf-Gaben verbunden. Gaben, die – im Verbund mit anderen Menschen, mit Werten/Normen und schließlich auch mit Gott - weiterentwickelt und genährt werden müssen. Nur so wird man in die Lage versetzt, sich verantwortungsvoll und frei entscheiden zu können.

Gottes Gnade lässt sich auch durch die Eucharistie vermitteln: Im griechischen Wort „eucharistein“ findet man sowohl Gottes Geschenk der Gnade in Christus und das durch ihn kommende Heil, als auch das Annehmen dieses Geschenks durch den Menschen. Gottes Gnade und das freie Annehmen derselben stehen also einander nicht widersprüchlich gegenüber, sondern stellen einen Dialog dar, bei dem der Mensch Gott begegnet. Ein Dialog, der durch den in der Taufe empfangenen Geist Christi und das daraus resultierende Leben in seiner Nachfolge erst ermöglicht wird.


2.2.2 Besserer Zugang durch eigenes Beispiel

Das Verständnis um die Beziehung von Gnade und Freiheit kann auch durch das eigene Beispiel vermittelt werden. Indem man einerseits Zeugnis ablegt von seinem tiefen Glauben, seiner Spiritualität und Demut vor dem Herrn und dem Nächsten und andererseits diesen Glauben und die Annahme der Liebe Gottes durch die freie Entscheidung – ohne Zwang und Furcht - im täglichen Leben zum Ausdruck bringt. So kann man anderen zeigen, dass Gottes Gnade kein Joch ist, sondern erst zur Freiheit befähigt. Dass man vom einen nichts wegnehmen muss, wenn man das andere mehren will.


2.2.3 Besserer Zugang durch menschliche Erfahrung

Viele Dinge lassen sich durch die eigene Erfahrung leichter erschließen. Vertrauen oder Liebe etwa sind etwas, wozu jeder seinen Teil beitragen muss. Jeder muss sich öffnen und dem anderen hingeben. Bei beiden gibt es einen aktiven wie einen passiven Part – einen Part des Gebens und des Nehmens. Liebe ist ein Geschenk – und nicht etwas, was man sich irgendwie verdienen kann. Sie will aber auch erlangt werden – und dafür hat man durchaus etwas zu tun. Auch der Glaube ist nicht etwas, was wir uns mit unseren guten Werken „verdienen“ oder „erarbeiten“ können. Er wird letztlich durch die Gnade Gottes erst ermöglicht, ist also ein Geschenk. Ein Geschenk allerdings, das angenommen und gelebt werden will – etwa durch tätige Nächstenliebe, in vertrauensvoller Hingabe an Gott im Gebet oder im Rahmen des Empfangs der Sakramente.35

Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist z.B. etwas, das erst einmal unverdient geschenkt wird. Es liegt aber dann im weiteren Verlauf des Lebens auch an den Kindern, diese Liebe anzunehmen und zu erwidern – um ihrerseits im Alter unter Umständen die Versorgung und Pflege der Eltern zu übernehmen. Auch hier ist die Liebe ein wechselseitiges Geben und Nehmen, wird aber letztendlich erst durch die Eltern, die uns in die Welt gesetzt und zuerst geliebt haben, ermöglicht.

Wenn ein Mann etwa seine Ehefrau liebt und ihr vertraut, muss sie sich gleichzeitig öffnen und die Liebe auch annehmen und erwidern – wieder ein gegenseitiges Geben und Nehmen also. Beide Partner sind sich bewusst, dass die Liebe des jeweils anderen ein Geschenk ist und nichts, was sie durch eigene Leistung erreicht haben.

Die Freiheit, die Gott uns schenkt, bedeutet eine Verpflichtung für uns („Mitwirkung in der Gnade“ versus „Heilsgewissheit“)36: Wir können uns in Freiheit von Gott abwenden oder uns ihm zuwenden – und das jederzeit. Da das Reich Gottes bereits jetzt angebrochen ist und Jesus der endzeitliche Richter ist, treffen die Menschen jedoch mit ihrem Ja oder Nein zu ihm bereits jetzt eine endgerichtliche Entscheidung.37 Jetzt sollen die Gläubigen Gottes Gnade wie ein Kind annehmen - im Bewusstsein, dass sie mit leeren Händen und völlig hilflos vor Gott stehen und sein Geschenk so annehmen.38

2.2.4 Maria voll der Gnade

Im NT wird Maria als „voll der Gnade“ beschrieben.39 Sie wurde von Gott erwählt und hat diesen Ruf glaubend beantwortet40 - ein Vorbild für Gläubige heute. Damit verwirklicht sie auch die an Israel gegebene Verheißung. Die Antwort Marias ist aber nicht ihre eigene Leistung, sondern wurde durch die Gnade Gottes erst ermöglicht. Durch diese Antwort ermöglicht sie das Kommen der Gnade selbst, musste also genau deshalb „voll der Gnade“ sein.41 Sie ist gleichsam die Erfüllung der Hl. Schrift.42 An Maria zeigt sich, dass es eine Unterscheidung von Gnade oder Freiheit nicht gibt.


C. Gottes Liebe als ultimativer Zugang

„Gottes Liebe ist vollständig, bedingungslos, absolut und hört nie auf. Der Zustand der Gnade – Gottes Einstellung uns gegenüber – ist ewig. Wir sind diejenigen, die sich verändern. Manchmal gelingt es uns, zu glauben, dass uns Gott bedingungslos, absolut und für immer liebt. Das ist Gnade! Und manchmal gelingt es uns nicht, zu glauben, dass Gott uns liebt, weil wir hart zu uns selbst sind und Schuld, Furcht und Lasten mit uns tragen. Biblisch gesehen ist das die größte Sünde: Nicht an die gute Nachricht zu glauben, nicht die bedingungslose Liebe Gottes anzunehmen. Wenn wir nicht mehr glauben, dass Gott uns liebt, können wir auch uns selbst nicht mehr lieben. Wir müssen Gott erlauben, uns ohne Unterlass zu erfüllen. Dann finden wir auch in unseren eigenen Leben die Kraft, Liebe weiterzugeben.“43

Gott will von seinen Kindern nicht (nur) gute Taten, sondern unbedingtes Vertrauen. Ein Vertrauen, das sich der eigenen Bedürftigkeit bewusst ist und die ganze Hoffnung auf ihn setzt. Dann können sie seinem Beispiel folgen und Sünder und Menschen am Rande der Gesellschaft mit dergleichen Selbstlosigkeit lieben.

Seine Zuwendung befreit die Menschen zu einer neuen Begegnung mit ihm und anderen, zu neuer Erkenntnis und Erfahrung.


Literaturliste

Deutsche Bischofskonferenz, Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bd. I, Don Bosco, München 4. Aufl. 1989

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart, 1980

Gisbert Grishake, Gnade – Geschenk der Freiheit. Eine Hinführung, Topos Plus 2004

Richard Rohr, Radical Grace. Daily Meditations, St. Anthony Messenger Press, Cincinatti, Ohio 1995

Theologie im Fernkurs, Kath. Akademie Domschule, Der christliche Glaube: Grundkurs, Würzburg 1986


1 Deutsche Bischofskonferenz, Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bd. I, München (Don Bosco), 4. Aufl. 1989, S. 43-44 (vgl. hierzu auch Gal 3,26 f)

2 Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart, 1980

3 Vgl. Röm 4,12; Gen 12,1-3; Gen 15,6; Hebr 11,8-14; Röm 4,18

4 Vgl. Lk 17,6; Mk 11,23; Mt 17,20; 21,21

5 Vgl. Apg 2,38; 22,16; Röm 6,1-4; 1 Kor 6,11; 12,13; Gal 3,26-27; Eph 5,25-27; Kol 2,11-12; Titus 3,5; 1 Petr 3,18-22 (vgl. auch www.karl-leisner-jugend.de: Erläuterungen zur evangelikalen Kritik an der katholischen Kirche. 09.09.2007 sowie www.catholic.com: Baptismal Grace 06.09.2007)

6 Vgl. Mk 5,25-34; Mt 8,10; Mk 11,22 f

7 Vgl. Jes 7,9

8 Vgl. Galater 6,15; 2 Kor 5,17

9 Vgl. 1 Kor 13,12

10 Vgl. 1 Kor 4,7 – vgl. auch Joh 1,12 und Joh 1,16

11 Vgl. auch Gnade – Geschenk der Freiheit. Eine Hinführung von Gisbert Greshake, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2004, S. 10-11

12 Vgl. Mt 25,14-30 und 1 Kor 12

13 vgl. auch 2 Petr 2,20-22

14 vgl. evangelikale Christen heute

15 Vgl. Mk 10,15 par.; Lk 15,11,32; 18,9-14)

16 Vgl. Mt 13,44

17 Vgl. Röm 6,23

18 Vgl. Phil 3,12

19 Vgl. Joh 6,44; siehe auch: Röm 5,20 u. 6,1-2; Joh 10,29; aber: 15,16

20 Röm 9,16 – vgl. auch 2 Kor 3,4-6

21 Dtn 30,19 – vgl. auch Joh 9,41 und 15,24; Joh 3,18

22 Vgl. Röm 2,6 bzw. die Beschneidung in 2,17-29

23 Vgl. Jak 2,17

24 Vgl. Gal 5,6; Jak 2,17

25 Vgl. D 1551

26 Vgl. „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche“

27 Galaterbrief 5,22

28 Vgl. Mt 20,1-6

29 Vgl. Lk 7,36-50

30 Vgl. 1 Thess 2,13

31 Vgl. Röm 12,4-8

32 vgl. Eph 1,4-6

33 Vgl. Eph 4,7-16: Röm 12

34 Vgl. 1 Sam 3; Jer 1,4-10; Mk 1,16-20; Joh 1,35-51

35 Vgl. etwa Joh 2,25

36 Vgl. Phil 2,12

37 Vgl. Mk 10,23.25; Lk 12,15.16-20

38 Vgl. Mk 10,15; Mt 6,33; Lk 12,31

39 Vgl. Lk 1,28

40 Vgl. Lk 1,38

41 Vgl. Das von Papst Pius IX im Jahr 1854 verkündete Dogma von der unbefleckten Empfängnis – siehe DS 2803, NR 479

42 Vgl. Jes 7,14

43 Richard Rohr, Radical Grace. Daily Meditations, St. Anthony Messenger Press, Cincinatti, Ohio 1995, (eigene Übersetzung)