Deutsche Bischofskonferenz
Kommission für caritative Fragen
Caritas als Lebensvollzug der Kirche und als verbandliches Engagement in Kirche und Gesellschaft
Wissenschaftliche Studientagung in Bad Honnef
23. September 1999
/ herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstr. 163, 53113 Bonn
/ erschienen in der Reihe: Die deutschen Bischöfe : Kommissionen Nr. 22
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1. Einleitung
Mit dem vorliegenden Wort wenden wir Bischöfe uns an die Gemeinden wie an alle ehrenamtlichen und beruflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den Gemeinden und in den Einrichtungen der verbandlichen Caritas den Dienst der Caritas tun oder mittragen.
An der Schwelle eines neuen Jahrtausends stehen die Gesellschaft wie auch die Kirche in unserem Land in einem Prozeß vielfältiger und tiefgreifender Veränderungen. Die damit verbundenen Chancen und Gefahren stellen auch die Caritas vor neue Herausforderungen.
Zu seinem 100jährigen Jubiläum im Jahre 1997 hat der Deutsche Caritasverband in einem breitangelegten und intensiv geführten Leitbildprozeß das Profil der Caritasarbeit in den Gemeinden und den Verbänden neu bewußt und nach außen sichtbar gemacht. Das ist ermutigend auf dem Weg in die Zukunft.
In der Vorbereitung auf das große Jubiläumsjahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. das Jahr 1999 unter das Leitwort "Gott - Vater aller Menschen" gestellt und hat es in besonderer Weise der Liebe - der Caritas zugewiesen: "(50) ... Die Liebe mit ihrem doppelten Gesicht als Liebe zu Gott und zu den Schwestern und Brüdern ist die Synthese des sittlichen Lebens der Glaubenden... (51) Muß man aus dieser Sicht und eingedenk dessen, daß Jesus gekommen ist, um ,den Armen das Evangelium zu verkünden' (Mt 11,5; Lk 7,22), die Vorzugsoption der Kirche für die Armen und die Randgruppen nicht entschiedener betonen? Ja, man muß sagen, daß in einer Welt wie der unseren, die von so vielen Konflikten und unerträglichen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten gekennzeichnet ist, der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ein tauglicher Gesichtspunkt der Vorbereitung und Feier des Jubeljahres ist." (Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II., MILLENNIO ADVENIENTE, Bonn 1994, 50f)
Wir Bischöfe greifen diese Einladung auf und machen sie uns zu eigen und wenden uns mit Anerkennung und Dank an alle, die sich die "Caritas Jesu Christi" in ihrer vielfältigen Ausprägung zu ihrem Anliegen machen. Wir möchten sie ermutigen, die Caritas zu tun, sei es in der tätigen Liebe im Alltag des eigenen Lebens bzw. der Gemeinde, sei es in den Diensten der verbandlichen Caritas - beides in wechselseitiger Ergänzung.
2. Die Kultur des Helfens und ihre Pflege
Wenn von der Caritas die Rede ist, denken viele sofort an Fachdienste, Einrichtungen und hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Caritasverbandes. Aber zuerst ist jeder Mensch von Grund auf Mit-mensch. Im biblischen und im christlichen Sinn bedeutet "Caritas" tatkräftige, hilfsbereite Liebe. Darum hat jeder Mit-mensch, jeder Christ seine ureigene Möglichkeit und Aufgabe zu helfen. Die Caritas des einzelnen Christen, der Gemeinden und der verbandlichen Caritas sind aufeinander bezogen, aber nicht identisch.
Die Bereitschaft, zu helfen und die entsprechende Fähigkeit, sich helfen zu lassen, sind Grundgegebenheiten des Lebens und gehören zur menschlichen Kultur. Denn jeder weiß aus der eigenen Erfahrung, daß der Mensch von seiner Geschöpflichkeit her begrenzt und hilfebedürftig ist. Zudem leben wir nicht in einer heilen Welt: Krankheit, Hunger und Durst, Heimatlosigkeit und Fremde, ungerechte Lebensbedingungen und Naturkatastrophen sind Grundgefährdungen des Menschen. Hilfsbereitschaft, die Sorge um den Menschen in Not ist eine Reaktion der Mitmenschlichkeit, der urmenschlichen Solidarität. Jeder Mensch ist aufgerufen zu helfen, wie auch jeder Mensch darauf angewiesen ist, daß ihm geholfen wird.
Es gibt auch heute eine vielfältig wirksame Kultur des Helfens. Sie aufmerksamen Blickes wahrzunehmen, ist nicht immer einfach. Sie wird von anderen gesellschaftlichen Einstellungen - der ungebundenen Freiheit, der Konkurrenz, des individuellen Erfolgs, sowie der Erwartung an Versorgung durch den Staat und professionelle Dienste - überlagert und verdeckt. Um so wichtiger wird es auch in der Kirche, sich auf Spurensuche nach den vielfältigen Ausprägungen der Caritas zu begeben und stützend und begleitend dort anwesend zu sein, wo Menschen füreinander einstehen.
Eine Kultur des Helfens bedarf der Pflege, der öffentlichen Unterstützung und insbesondere der Weitergabe an nachwachsende Generationen. Schreckensmeldungen über wachsende Gewalt und Kriminalität unter Kindern und Jugendlichen machen darauf aufmerksam, wie unverzichtbar es ist, in unserer Gesellschaft eine Atmosphäre zu pflegen, die die Rücksicht und Achtung vor dem anderen einübt und eine Kultur der Solidarität und des Friedens fördert. Von besonderer Bedeutung sind dabei neben den Familien unsere Schulen und Ausbildungseinrichtungen wie auch die Jugendarbeit.
Unter erschwerten äußeren Bedingungen geben auch heute engagierte ehrenamtliche Mitarbeiter den Versuch nicht auf, die Tradition der Hilfsbereitschaft und des Helfens lebendig zu halten und unter den jüngeren Menschen neue Quellen der Solidarität zu erschließen und zu fördern.
In all diesen vielfältigen und unübersehbaren Spuren einer Kultur des Helfens erkennt die Kirche bereits das Wirken des Geistes Gottes. "Jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott" (1 Joh 4,7). Wo immer "Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue" (Mt 23,23) geübt werden, ist Gott bereits verborgen am Werk. Zur Kultur des Helfens in unserem Land gehört aber auch der prophetische Ein- und Widerspruch der Kirche gegen jene Tendenzen, die eine wachsende Rücksichts- und Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen erkennen lassen. Der Pflege der Solidarität, durch die alle füreinander Verantwortung wahrnehmen, stehen heute ein sich ausbreitender Individualismus und eine Mentalität rücksichtsloser Konkurrenz gegenüber. Dies droht zuweilen in eine Un-Kultur zu weisen, die an die Stelle von Hilfe und Ausgleich das Recht des Stärkeren zur Richtschnur des Zusammenlebens erklärt. Solchen Zeichen einer Kultur des Todes nachzugehen und ihnen in Tat und Wort zu widersprechen, gehört heute ebenso zu den Aufgaben der Caritas der Kirche, wie für eine Kultur des Helfens und des Lebens einzustehen. Dabei ist die Caritas der Kirche eingebunden in das gemeinsame kulturelle Erbe unseres Landes, das grundlegend geprägt ist vom Menschenbild des Christentums, welches zugleich auch der tragende Grund für die christliche Caritas ist.
3. Caritas - Teilnahme an Gottes barmherziger Sorge um den Menschen
3.1 Den Menschen sehen aus der Perspektive des Glaubens
Im Mittelpunkt christlicher Caritas steht der Mensch, wie er aus dem christlichen Glauben heraus verstanden wird: Der Mensch ist als Abbild Gottes erschaffen, als das ihm entsprechende Gegenüber. Das ist das Höchste, das die Bibel über den Ursprung und das Ziel des Menschen sagt, nämlich: daß er von Gott herkommt und auf das Bild seines Schöpfers hin geschaffen ist, und zwar als Mann und Frau gemeinsam in wechselseitiger Ergänzung. Beiden kommt die gleiche Würde zu. Gott sagt zum Menschen "Du"; der Mensch darf zu Gott "Du" sagen; er sagt zum anderen Menschen "Du" und kann darum "Ich" sagen. Darin liegt seine personale Würde begründet. Zugleich hat Gott ihm die Welt anvertraut, daß er sie bebaue und pflege. "So ist der Mensch geschaffen und berufen, um als leibhaftes, vernunftbegabtes und verantwortliches Geschöpf in Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer, zu den Mitmenschen und zu allen Geschöpfen zu leben. Das ist gemeint, wenn vom Menschen als Person un von seiner je einmaligen und unveräußerlichen Würde." ("Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit", Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, Bonn 1997, Nr. 93)
Die Bibel weiß aber auch von der Gebrochenheit der Schöpfung; der Mensch ist seiner ursprünglichen Berufung entfremdet. Die Erzählungen von der Ursünde des Menschen, die Erzählungen vom Brudermord Kains an Abel, vom Turmbau zu Babel und von der Sintflut deuten in Bildern die Lebenssituation der Menschen in einer verstörten Welt. Sosehr sich der Mensch nach Glück, Leben, Gerechtigkeit und Liebe sehnt, so kann er doch selbst schuldig werden und der Versuchung zum Bösen erliegen; sein Leben ist und bleibt begrenzt und in vielfältiger Weise bedroht; er lebt in einer Welt, die unbeschadet aller großartigen Leistungen der Menschen doch auch immer tiefgreifend geprägt bleibt durch menschlichen Hochmut und Egoismus und durch vielfache strukturelle Ungerechtigkeiten. In dieser vielfach gestörten und verstörten Welt bezeugt die Kirche eine unzerstörbare Hoffnung: Die Welt und die Menschen in dieser Welt sind nicht sich selbst überlassen; Gott hat sich von Anfang an dieser Welt in Liebe zugewandt und steht trotz aller menschlichen Untreue und Ungerechtigkeit in Treue und Barmherzigkeit zu seiner Schöpfung.
3.2 Gottes barmherzige Hinwendung zur Welt und zum Menschen
In seinem zweiten Brief an die Korinther spricht Paulus vom "Vater des Erbarmens und Gott allen Trostes" (2 Kor 1,3). Diese Anrede hat ihren Grund in der Offenbarungsgeschichte des Alten Testamentes und endgültig im Leben und in der Verkündigung Jesu. In immer neuen Variationen tritt dieses Bekenntnis zutage: "Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Barmherzigkeit kennzeichnet das Verhalten Gottes gegenüber Israel, gegenüber der Welt. Das Wort Barmherzigkeit enthält sowohl die Haltung der ungeschuldeten Liebe und Treue als auch die Erfahrung der bergenden Mutterliebe.
Diese Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen und in ausdrücklicher Weise gegenüber seinem Volk, erfahren vor allem in der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens, ist zugleich der Grund, daß sich diese Haltung auch in der Lebensordnung Israels fortsetzen soll: Israel soll die von Gott geschenkte Freiheit durch Achtung vor dem Leben, durch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sowie durch ein Zeugnis für die Wahrheit immer neu verwirklichen. "Die Zehn Gebote sind Weisungen zu einem Leben in Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit. Als solche sind sie kein biblisches Sonderethos; sie nehmen vielmehr allgemein-menschheitliche Einsichten auf, bestätigen und bekräftigen sie aufgrund der Erfahrungen in der Geschichte Gottes mit seinem Volk." ("Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit", Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, Bonn 1997, Nr. 97)
3.3 Jesus Christus - die menschgewordene Barmherzigkeit Gottes zur Welt
Der Mensch ist nicht nur erschaffen nach dem Abbild Gottes. Seit Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist, hat Gott Menschenantlitz angenommen. Die Barmherzigkeit Gottes zur Welt hat ein menschliches Gesicht bekommen in Jesus von Nazareth: Er ist die menschgewordene Barmherzigkeit und Caritas Gottes zu uns Menschen, zu unserer Welt. "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3,16)
Das deutsche Wort Barmherzigkeit - wie übrigens auch das lateinische Wort misericordia - enthält die Wortelemente "arm" und "Herz" in dem Sinne "mit dem Herzen bei dem Armen" sein. In diesem Sinne hat die erbarmende Liebe Gottes zu den Menschen und zur Welt ihren stärksten Ausdruck gefunden in der Menschwerdung seines Sohnes. Er ist in die Welt gekommen, ist "mit dem Herzen ganz bei den armen" Menschen, um sie wieder ganz mit dem Vater zu versöhnen. Die Menschen stehen in einer personalen Beziehung zum Vater, der sich seinen Kindern zuneigt und ihnen mehr tut, als Gerechtigkeit gebietet. Auf ihn dürfen die Menschen ihr Vertrauen setzen, zu ihm heimkehren, wenn sie gefehlt haben. Er spricht den Menschen immer neu an, auch wenn dieser das Gespräch abgebrochen hat. Das Erbarmen, das Gott mit den Menschen hat, wird am tiefsten offenbar im Sohn, der den Kreuzestod für die Menschen auf sich nimmt. Im Vertrauen auf ihn dürfen Menschen wagen, selbst die Solidarität mit anderen Menschen zu leben, sich in den Dienst der Mitmenschen zu stellen.
3.3.1 Das Evangelium in Wort und Tat
Jesus verkündet das Heil nicht nur, sondern Menschen, die ihm glaubend begegnen, erfahren, daß sie in ihrem Leben hier und jetzt heil werden. Jesus verkündet das Heil in Worten, in seinem Tun - ja in seinem ganzen Leben: Er selbst ist das Evangelium. Das Matthäus-Evangelium faßt die Sendung Jesu und sein gesamtes öffentliches Wirken in dem einen Satz zusammen: "Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden." (Mt 4, 23)
Das Heil, von dem das Evangelium spricht, meint den ganzen Menschen. Die Evangelien erzählen von Menschen, die körperlich und seelisch krank sind und zugleich im sozialen Umfeld ausgegrenzt, "ausgesetzt" sind. Die Geschichte von der Heilung des Gelähmten deckt eine noch tiefergehende Krankheit auf: die gestörte oder zerstörte Beziehung des Menschen zu Gott.
In Jesus begegnet ihnen der ganz neue, der ganz und gar heile Mensch - er ist das Heil der Menschen im umfassenden Sinne. Er bietet neues Vertrauen an und wer sich ihm anvertraut, erfährt, daß er hier und jetzt angenommen ist; er darf Vertrauen finden zu sich selbst, er gehört wieder zur Gemeinschaft und kann glauben an die Liebe Gottes, die ihm in Jesus begegnet. Die sorgende Caritas Gottes, die in Jesus Christus begegnet, schenkt Liebe, Vergebung, Geborgenheit, Sicherheit und Würde auch schon jetzt in diesem von Krankheit und Leid und Ungerechtigkeit gekennzeichneten Leben. Indem Menschen gesund werden, indem sie erfahren, daß sie angenommen sind und sozial dazugehören; indem Menschen neu an die Liebe glauben und Vertrauen zu sich selbst finden, beginnt anfanghaft das Heil, das in Jesus Christus seinen Grund hat und das endgültig und ganz Wirklichkeit ist, wenn der Mensch in der Lebensfülle Gottes lebt.
3.3.2 Das Heil ist umfassend
Dieses Heil, von dem das Evangelium spricht, darf nicht verkürzt werden auf das individuelle Heil des einzelnen Menschen je für sich. Der Mensch als soziales Wesen ist immer Mitmensch und bedarf der Gemeinschaft; sie gehört mit zu seinen Lebensbedingungen.
Jesus hat sich den Bedingungen dieser Welt unterworfen, eben auch den Bedingungen von Unverständnis, Verrat und Ungerechtigkeit bis hinein in den gewaltsamen Tod am Kreuz. Gott hat ihn aus dem Tode auferweckt und zu einem neuen Leben befreit. Wer zu Jesus Christus gehört, gehört dem Leben. Er muß nicht mehr in Angst und Sorge um sich selbst vergehen; er hat es nicht nötig, sich durch Macht abzusichern, sondern darf so frei sein, sich ganz in die Herausforderungen der Sache und in den Dienst am Menschen zu stellen. Im Tod und in der Auferstehung Jesu ist eine neue Schöpfung angebrochen, ist die Welt von Gott her zu einem neuen Leben befreit. Im Glauben an den Gott des Lebens können Menschen von nun an mitbauen am Reiche Gottes; sie können hier und jetzt schon Tränen trocknen, Trauernde trösten, für das Leben eintreten in der Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde, in der Gott endgültig alle Tränen aus den Augen wischen wird, in der der Tod nicht mehr sein wird und keine Trauer und keine Klage und keine Mühsal (vgl. Offb 21,4). 3.3.3 Caritas der Kirche - Gottes barmherzige Sorge um den Menschen weitertragen
Diese barmherzige Sorge Gottes um den Menschen, die in Jesus offenbar geworden ist, soll sich in der Jüngergemeinde, in der Kirche fortsetzen: Mit denselben Worten, mit denen zuvor die Sendung Jesu beschrieben wurde, sendet Jesus seinerseits die Jünger aus: "...Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben." (Mt 10, 7-9) In der Kraft des Geistes Jesu soll sich in der Kirche diese umfassende Sorge Gottes um die Menschen fortsetzen.
Aufs erste Hinsehen nehmen wir zuerst die caritativen Aktivitäten wahr, in denen wir selbst aktiv sind und uns um den anderen Menschen sorgen. Von ihrem Grund her wurzelt die Caritas aber in der Liebe Gottes zu uns. Johannes stellt das in seinem ersten Brief unmißverständlich klar: "Nicht darin besteht die Liebe Gottes, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4, 10). Caritas im umfassenden Sinne meint die Liebe Gottes zu den Menschen und ihre Antwort, nämlich die Liebe zu Gott und zugleich die Liebe zum anderen Menschen, zum Nächsten. Erst auf diesem Hintergrund bezeichnet das Wort Caritas im engeren Sinne die christliche Nächstenliebe. Daß die Liebe Gottes zu den Menschen vorausgeht, gibt der Caritas den unveräußerlichen Charakter des Geschenkes und befreit von falschem Leistungsdruck. Gott liebt den Menschen ohne Vorbedingungen und ist darum allem menschlichen Tun voraus.
Caritas von ihrer ursprünglichen Wortbedeutung her meint die Liebe, die sich verschenkt und teilnimmt in Freude und Leid am Leben des anderen Menschen. Sie schafft eine neue Beziehungswirklichkeit und darf darum nicht reduziert werden auf verrechenbare Dienstleistungen. Die christliche Caritas lebt aus der Haltung der Menschenfreundlichkeit, kann aber nicht darauf reduziert werden. Letztlich gründet sie in der Liebe dessen, der sein Leben gelebt und verstanden hat als Dienst für die Menschen, stellvertretend und zugunsten für sie. Im diakonischen Wirken der Kirche ist Christus gegenwärtig, "der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10, 45). Dieses ursprüngliche Selbstverständnis kirchlicher Caritas wird in unserer weithin säkularisierten und plural verfaßten Gesellschaft oft nicht mehr gewußt und noch weniger von allen geteilt. Es ist aber wichtig für die Identität der Caritas.
3.4 Die Magna Charta der christlichen Caritas
3.4.1 "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Mt 25, 40)
Die bekannte Darstellung des Weltgerichtes (Mt 25, 31-46) ist im Laufe der Kirchengeschichte die Magna Charta der Caritas geworden. In einem grandiosen Bild zeigt das Matthäus-Evangelium den Menschensohn, der alle Völker vor seinem Thron versammelt, um über sie Gericht zu halten: "Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich aufgenommen; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen... Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Mt 25,35-40)
Es werden sieben Grundgefährdungen des Menschen aufgezählt. Diese Siebenzahl meint das Ganze: Es geht um die Grundgefährdungen des Menschen insgesamt, um den Menschen in Not. Wer sind die geringsten Brüder und Schwestern? Gegenüber allen einengenden und einschränkenden Auslegungen weitet die Szene den Horizont auf die universale Völkerwelt am Ende der Tage. Alle Menschen, Christen und Nichtchristen in gleicher Weise, sind vom Wort des Menschensohnes betroffen. Alle fragen erstaunt: "Wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben...?". Die Christen sind erstaunt, weil sie den Menschensohn zu kennen glaubten, ihn aber nicht in den geringsten Brüdern erkannten. Die Nichtchristen fragen erstaunt, weil sie mit einer solchen Anrechnung ihrer ehrlichen Liebe nicht gerechnet haben. Für alle gilt als Maßstab die praktizierte Liebe zum Nächsten.
Letztlich hat die Antwort Jesu ihren Grund darin, daß Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist und so den Menschen angenommen hat, sich mit ihm identifiziert. Darin liegen die Würde und Hoffnung der Menschen, aber auch der unlösbare Zusammenhang von Nächstenliebe und Gottesliebe begründet: Gott selbst steht für den Menschen ein. Wenn darum jemand vorbehaltlos den Menschen annimmt und ihm hilft, trifft er bewußt oder unbewußt auch immer den, der sich mit den Menschen identifiziert: Gott in Jesus Christus. Dafür steht der auferstandene Herr ein: Selbst erfüllt vom Heiligen Geist, hat er den Geist ausgegossen über alle Menschen. Dieser Geist Gottes weht, wo er will. Wo immer Menschen sich wirklich der vorbehaltlosen und selbstlosen Liebe öffnen, geschieht es in der Kraft dieses Heiligen Geistes. Das ist die gemeinsame Basis, auf der die Caritas auch zusammenarbeiten kann mit Nichtchristen, die guten Willens sind.
3.4.2 Kirche in der Nachfolge Jesu Christi
Wie Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist, so muß die Caritas Gottes zum Menschen bleibend in der Kirche eine konkrete Gestalt annehmen. Darauf hat das II. Vatikanische Konzil in seiner Konstitution über die Kirche hingewiesen: "Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche "LUMEN GENTIUM",1).
Weil die Liebe wesentlich ein personales Geschehen ist, kann sie immer nur durch Personen gelebt und erfahrbar werden, die sich dem Geist und der Caritas Christi öffnen und zur Verfügung stellen. Institutionen können dabei Rahmen und Hilfe sein, damit Caritas getan werden kann. Wer Hilfe - vor allem in den allgemeinen Lebensrisiken - nicht dem Zufall überlassen will, sondern sie vorhalten und sichern will, muß sie organisieren und institutionalisieren. Seit den Anfängen der Kirche hat die Caritas auch immer organisatorische und institutionelle Formen gesucht. Institutionen können sich aber auch verselbständigen und die Caritas ersticken.
3.4.3 Caritas und "Option für die Armen"
Einen besonderen Akzent hat die Caritas erfahren durch die "Option für die Armen". Das II. Vatikanische Konzil hat die Kirche zu einer Umkehr zu den Armen eingeladen und sieht darin ein entscheidendes Moment der Erneuerung. In der Konstitution über die Kirche wird diese Option für die Armen ausführlich thematisiert:
"Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen mitzuteilen. Christus Jesus hat, "obwohl er doch in Gottesgestalt war..., sich selbst entäußert und Knechtsgestalt angenommen" (Phil 2,6); um unseretwillen "ist er arm geworden, obgleich er doch reich war" (2 Kor 8,9). So ist die Kirche, auch wenn sie zur Erfüllung ihrer Sendung menschlicher Mittel bedarf, nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbstverleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten. Christus wurde vom Vater gesandt, "den Armen die frohe Botschaft zu bringen, zu heilen, die bedrückten Herzens sind" (Lk 4,18), "zu suchen und zu retten, was verloren war" (Lk 19,10). In ähnlicher Weise umgibt die Kirche alle mit ihrer Liebe, die von menschlicher Schwachheit angefochten sind, ja in den Armen und Leidenden erkennen sie das Bild dessen, der sie gegründet hat und selbst ein Armer und Leidender war. Sie müht sich, deren Not zu erleichtern, und sucht, Christus in ihnen zu dienen." (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche "LUMEN GENTIUM", 8)
Wenn sich die Kirche mit ihrer Caritas zu den Armen bekennt und sich mit ihnen solidarisiert, entspricht dies ihrer Würde, und sie werden selbst zu Beteiligten. Die Glaubens- und Lebenserfahrungen der Armen, ihre Weisheit und ihre Menschlichkeit wie auch ihr Elend und ihre Hoffnung prägen das Gesicht der Kirche mit. Die Kirche und ihre Caritas ihrerseits werden entdecken, daß die Armen nicht nur Adressaten des Evangeliums sind, sondern daß sie selbst das Evangelium leben und weitertragen. Sie sind die diejenigen, denen das Geheimnis des Reiches Gottes offenbart ist, das den Weisen und Klugen oft verborgen bleibt (vgl. Mt 11,25).
3.5 Das unterscheidend Christliche der Caritas
3.5.1 Verborgen im Menschlichen
Das Tatzeugnis der Nächstenliebe und das deutende Zeugnis der Verkündigung des Evangeliums gehören unlösbar zusammen. Evangelisierung ist nicht von den Ereignissen abzukoppeln, in denen jede Generation das Leben neu erfährt. Es gibt keine Evangelisierung, ohne daß die Kirche in ihren Diensten den Weg der Armut neu geht, den Paulus im Christuslied in seinem Brief an die Philipper darstellt: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz." (Phil 2,6-8) Etwas von diesem Arm-werden erfahren Christen im Alltag ihres Lebens, erfahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas, die mit Menschen zu tun haben, deren Leben von verschuldetem und unverschuldetem Leid und Unheil geprägt ist, und die nach einer ganzheitlichen Befreiung und nach umfassendem Heil suchen. Und auch die im Hymnus beschriebene Erfahrung bleibt gültig: Indem Gott in Jesus Mensch wird, ist das Göttliche so in das Menschliche eingetaucht, daß es von außen nicht einfach zu unterscheiden ist. Das geschieht auch oft in den Diensten der Caritas: Gott kann in der Zuwendung zum Menschen und in der Begegnung mit ihm bezeugt werden, ohne daß von ihm immer ausdrücklich gesprochen wird. Das unterscheidend Christliche kann nicht immer von außen her eindeutig ausgemacht werden.
3.5.2 Caritas gibt mehr als "Brot allein"
Dir Frage nach dem unterscheidend Christlichen bleibt dennoch berechtigt und ist heute aktuell. Unterscheidet sich die fachliche Hilfe der Caritas von der anderer vergleichbarer Dienste? Die fachliche Qualifikation, die Fach- und Sachkompetenz stehen nicht in Frage. Leistungsfähigkeit und richtige Hilfe gehören zur Qualität der Caritas. Wenn aber heute viel von Fach- und Sachkompetenz gesprochen wird, ist zu bedenken, daß die "Sache" der hilfsbedürftige Mensch ist. Die Caritas meint den ganzen Menschen einschließlich seiner existentiellen Ängste und Sehnsüchte und Fragen und reduziert ihn nicht auf materielle Bedürfnisse. Das Wort Jesu bleibt gültig: "Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt." (Mt 4,4)
Die Caritas in der Nachfolge Jesu will dem Menschen umfassend helfen. So lebensnotwendig es ist, daß der Hunger gestillt wird und daß der Kranke fachlich richtig behandelt wird, so notwendig schuldet ihm die Hilfe der Caritas auch das ermutigende und befreiende und versöhnende Wort, das letztlich im Evangelium seinen Grund hat.
Ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas können viele Grenzsituationen, die sie mit Menschen durchleben, leichter bestehen, wenn sie diese im Vertrauen auf den Heiligen Geist annehmen, von dem auch Jesus erfüllt war. Der Geist Jesu kann auch aus den menschlichen Erfahrungen von Ohnmacht und Verzweiflung befreien zu einem neuen Anfang. Die Caritas steht in einer unlösbaren und wechselseitigen Beziehung sowohl zum Evangelium als auch zum Gottesdienst bzw. zum Gebet. Wo diese Beziehungen verkümmern, versiegt die Quelle der Caritas. Das gilt für die Kirche als ganze wie für jede Gemeinde: Sie lebt daraus, daß das Evangelium in der Kraft des Heiligen Geistes verkündet, daß der Glaube in der Liturgie gefeiert und im Dienst der Caritas immer neu getan wird. Diese Lebensvollzüge bedingen einander.
3.5.3. Die leiblichen und geistigen Werke der Caritas
Die Barmherzigkeit ist Ausdruck der christlichen Nächstenliebe und wird jedem Menschen geschuldet, in besonderer Weise dem Notleidenden und Hilfebedürftigen. Barmherzigkeit ist die Haltung, mit dem Herzen eben auch beim armen Menschen zu sein und ihn als Person in seiner Ganzheitlichkeit wahrzunehmen. Gerade darin schützt sie seine Würde.
In dem bereits oben angesprochenen Bild vom Weltgericht im Matthäus-Evangelium (Mt 25,31-46) werden sieben Grundgefährdungen des Menschen aufgezählt: ich war hungrig, durstig, fremd und obdachlos, nackt, krank, ich war im Gefängnis. Diese Siebenzahl ist im Verständnis der Bibel die runde Zahl, meint das Ganze. Es geht um die Grundgefährdungen des Menschen überhaupt. Von daher nimmt es nicht wunder, daß in der Tradition die Gefährdungen "fremd und obdachlos" zusammengefaßt wurden und daß eine siebte Gefährdung hinzugefügt wurde: tot sein und nicht begraben werden. Darin zeigt sich nämlich, was des Menschen Leben gilt. So haben sich in der christlichen Tradition im Anschluß an diese Szene die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit herausgebildet, zu denen auch gehört, die Toten zu begraben, um darin die Ehrfurcht vor dem Menschen zu bezeugen, der über den Tod hinaus lebt. Der Mensch ist aber nicht nur in seiner leiblichen, sondern auch in seiner geistigen Dimension gefährdet und bedarf der Hilfe. So hat die Frömmigkeitsgeschichte zu den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit sieben geistige Werke der Barmherzigkeit hinzugefügt: den Sünder zurechtweisen, Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Traurige trösten, dem Beleidiger verzeihen, Lästige und Schwierige geduldig ertragen; für Lebende und Tote beten. Diese geistigen Werke der Barmherzigkeit sind gerade in den Beratungsdiensten der Caritas höchst dringlich geworden. Die Caritas hilft dem ganzen Menschen in allen seinen Hilfebedürftigkeiten.
3.5.4 Die Grenzenlosigkeit der Caritas
Die Caritas ist grenzenlos und schließt sogar die Feinde ein; in ihr spiegelt sich die barmherzige Liebe Gottes wider, der "seine Sonne aufgehen läßt über Bösen und Guten, und der regnen läßt über Gerechte und Ungerechte" (Mt 5,45). Die Caritas muß sich um die Wunden des Nächsten kümmern, wer auch immer er ist, unabhängig von seiner Religion, von seiner Rasse, von seiner sozialen oder staatlichen Zugehörigkeit. Sie sieht zunächst nur die Hilfebedürftigkeit dessen, der unter die Räuber gefallen ist. Indem es der Caritas um den Menschen geht, der hier und jetzt in Not ist und Hilfe braucht, bleibt sie gesichert gegen ideologische Engführungen. Diese unbegrenzte Reichweite, die barmherzige Menschlichkeit, die richtige Fachlichkeit, die absichtslose und unmittelbare Hilfe sind innere Kennzeichen der christlichen Liebe. Der Caritas geht es vor allem um die Überwindung des Leidens. Darum muß das getan werden, was die Not des anderen erfordert. Das wird beispielhaft in der Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt (vgl. Lk 10,30ff). Der hilfebedürftige Mensch steht absolut im Vordergrund. 3.5.5 Barmherzige Caritas im sozialen Rechtsstaat? Gehört die Rede von der barmherzigen Caritas der Vergangenheit an? Paßt sie noch in unsere Gesellschaft? Hat sie einen Platz im sozialen Rechtsstaat? Es gehört zu den großen sozialen Fortschritten, daß die Menschen in unserem Land bei den Risiken des Lebens wie Alter, Krankheit, Pflegebefürftigkeit, Berufsunfall, Arbeitslosigkeit auf den Schutz eines breitgefächerten sozialen Sicherungssystems zurückgreifen können.
Die großen Herausforderungen seit der Industrialisierung im vergangenen Jahrhundert, die Herausforderungen durch die sozialen Verwerfungen, durch Kriege und Wirtschaftskrisen und Strukturveränderungen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft können nur durch Sozialpolitik und durch den Aufbau umfassender Sozialversicherungssysteme bewältigt werden. Dadurch wurde die Möglichkeit geschaffen, die Solidarität der zwischenmenschlichen Beziehungen mehr auf Recht und Gerechtigkeit zu gründen und ungerechte Strukturen zu verändern. Der Barmherzigkeit kommt es auch in der Sozialpolitik zu, mit dafür zu sorgen, daß der Mensch im Mittelpunkt aller Bemühungen steht und bleibt. In diesem gesellschaftlichen und sozialpolitischen Kontext hat sich auch die Caritas weiterentwickelt und bietet in einer differenzierten Organisation professionelle Hilfe an. Niemand kann und will dahinter zurück. Allerdings geht mit der Entwicklung der Sozialversicherungssysteme die Tendenz einer wachsenden Verrechtlichung, Rationalisierung und Professionalisierung der Hilfen einher. Davon ist auch die Caritas im Caritasverband betroffen. Für jedes Problem scheint gesorgt zu sein, für alle Aufgaben gibt es Zuständigkeiten. Es gilt das Sachleistungsprinzip. Dienstleistungen werden abgerechnet. Not berührt nicht mehr unmittelbar, sondern wird eher unsichtbar und anonym und bleibt nur für die Zuständigen sichtbar. Das wird dem hilfebedürftigen Menschen oft nicht gerecht.
Ein Hilfesystem, das menschlich bleiben will, muß personale Begegnungen zwischen dem Helfenden und dem Hilfebedürftigen ermöglichen und sichern. Der Sozialstaat, der auf soziale Gerechtigkeit zielt, braucht Impulse aus dem Geiste der Barmherzigkeit, damit die Person im Mittelpunkt aller Bemühungen bleibt und nicht zu einem "Fall" wird, den man bearbeitet. Es gehört zum prophetischen Dienst der Caritas der Kirche, daß sie sich mit ihrem ureigenen Profil der Barmherzigkeit und Liebe in den gesellschaftlichen Diskurs hineinbegibt. Indem der Caritasverband mit seinen vielfältigen professionellen Diensten sich immer neu bemüht um eine Allianz von Fachlichkeit und Evangelium und sich praxisorientiert in die politische Diskussion einbringt, tut er einen unverzichtbaren Dienst für die Gesellschaft, damit sie menschlich bleibt. Insofern er im Zeugnis des Evangeliums gegründet bleibt, kann er den Versuchungen eines total verwalteten und darum nicht mehr menschlichen Helfens widerstehen. Daß sich die Caritas der Kirche auch in Gestalt des Caritasverbandes diese Form der politischen Diakonie abverlangt, ist auch ein Zeichen ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer Verwurzelung in Gott. "Das echte Erbarmen ist sozusagen die tiefste Quelle der Gerechtigkeit. Ist es der letzteren gegeben, zwischen den Menschen ,Recht zu sprechen', wenn sie die Sachgüter nach Gebühr verteilen und tauschen, so ist die Liebe und nur die Liebe (auch jene gütige Liebe, die wir als ,Erbarmen' bezeichnen) fähig, den Menschen sich selbst zurückzugeben." (Enzyklika DIVES IN MISERICORDIA von Papst Johannes Paul II., Bonn 1980, Nr. 14)
4. Gestalten der Caritas - die Caritas gestalten
4.1 Unterschiedliche Gestalten der Caritas in der Geschichte der Kirche
Die "Liebe Gottes", die in die Herzen der Gläubigen "ausgegossen ist durch den Heiligen Geist", der ihnen gegeben ist (Röm 5, 5), hat in der Kirche und in der Welt jeweils ihre Form gesucht und gefunden. Um unter den sich ändernden Bedingungen angemessen auf die Not der Menschen zu antworten, war die Kirche in ihrer 2000jährigen Geschichte stets herausgefordert, die Caritas neu zu gestalten; entsprechend hat die Caritas der Kirche im Wandel der Geschichte immer neu Gestalt angenommen.
4.1.1 Zusammengehörigkeit von Sakrament und Sorge für die Armen
In den urkirchlichen Gemeinden waren von Anfang an Sakrament und Armenfürsorge eng miteinander verbunden. Davon geben sowohl die Apostelgeschichte als auch die Briefe des Apostels Paulus Zeugnis. Aus der christlichen Gemeinde der Stadt Rom im 3. Jahrhundert - z.Zt. des Diakons Laurentius - ist uns bereits eine erste Organisationsstruktur der kirchlichen Caritas bekannt. Das Bewußtsein um die enge Verbundenheit von Sakrament und Sorge für die Armen spiegelt sich in dem von Papst Gregor dem Großen überlieferten Wort: "Wenn ein Mensch in Rom des Hungers stirbt, ist der Papst nicht würdig, die Messe zu feiern."
Diese enge Zusammengehörigkeit von Sakrament und Sorge für die Armen gilt in besonderer Weise für die Feier der Eucharistie. Diesem Anspruch wird die Gemeinde, wird die Kirche nur in gebrochener Weise gerecht; darum beginnt sie jede Eucharistiefeier mit dem Bekenntnis der Schuld und der Bitte um Erbarmen. Jeder Christ und jede christliche Gemeinde muß sich daran erinnern lassen, daß auch die Gleichgültigkeit gegenüber den Armen zu den Spaltungen gehört, die dem Sinn der Eucharistie widersprechen (vgl. 1 Kor 11, 18-22).
Im Bereich der organisierten Caritas gibt es zugleich die Gefahr, daß infolge einer zunehmenden Arbeitsteilung der Dienst für die Menschen im bloß Fachlichen stecken bleibt und seine "sakramentale" Seele verliert. Andererseits kann sich auch die Sakramentenpastoral von der konkreten Menschensorge abkoppeln und ihre "caritative" Seele verlieren. Beides gehört zusammen.
4.1.2 Gelebt von prophetischen Gestalten der Caritas
Wenn im Laufe der Geschichte die enge Verbindung von Sakrament und Caritas in Vergessenheit geriet, so fanden sich immer wieder vom Geist geweckte Christen, die sich auf die Seite der Armen stellten und diese Verbindung wiederherstellten. Beispielhaft sei daran erinnert, daß Franz von Assisi in der Begegnung mit einem Aussätzigen vor den Toren Assisis seine Bekehrung erlebte, Elisabeth von Thüringen folgte seinen Spuren und wechselte auf dem Weg von ihrer Burg zum Armenhospital von einer Welt in eine andere. Es ist kein Zufall, daß viele caritative Ordensgemeinschaften die Regel des Dritten Ordens des hl. Franziskus übernahmen.
Kamillus von Lellis, der selbst das Leben in Armut auf der Straße kennengelernt hatte, ging in das Armenspital seiner Zeit und erneuerte die Krankensorge von innen her. Vinzenz von Paul wollte sein Leben ganz den Armen weihen und sammelte Männer und Frauen um sich, die Hauskranke, Findel-, Waisen- und Schulkinder, Greise und Geisteskranke, Galeerensträflinge und die Armen in den Hospitälern betreuten. Bartolomé de Las Casas befreite vor 500 Jahren in dem neu entdeckten Amerika versklavte Indianer, forderte ihre Menschenwürde und Menschenrechte ein und wurde in seinem Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt zu einem Vordenker heutiger Sozialpastoral.
4.1.3 Von der Herausforderung durch die soziale Frage zum Caritasverband
Eine ganz neue Entwicklung zeichnete sich im 18. und 19. Jahrhundert ab. In der Zeit der Industrialisierung mit ihren großen Umbrüchen führten Wanderungsbewegungen und Entwurzelung, Arbeitslosigkeit und Armut zu einer neuen Form sozialen Elends in bislang unbekanntem Ausmaß. In der katholisch-sozialen Bewegung sammelten sich Christen, die die soziale Frage erkannten und sich den Herausforderungen stellten. Persönlichkeiten wie Ritter von Bus, Franz Hitze, Bischof Emmanuel von Ketteler, Adolf Kolping, verliehen ihnen in der Kirche und in der politischen Öffentlichkeit überzeugend Stimme. Die katholische Frauenbewegung verstand sich als soziale Bewegung, deren Gründerinnen Agnes Neuhaus, Ellen Ammann, Helene Weber Nächstenliebe mit politischem Engagement verbanden. In Elisabeth- und Vinzenzvereinen trafen sich Frauen und Männer, die der Not von Kindern, Kranken und Alten wehren wollten. Es ist dies auch die Zeit, in der viele caritative Ordensgemeinschaften entstanden sind; charismatische Persönlichkeiten, z.B. Franziska Schervier, Pauline von Mallinckrodt und Madeleine Delbrêl sammelten Menschen, die aus dem Geist des Evangeliums Antwort geben wollten auf die Not der Zeit. Oft war es die tagtäglich erlebte Not der Menschen vor Ort, die die Christen in einer Gemeinde veranlaßte, eine Ordensgemeinschaft um Hilfe zu bitten; anderswo mochten sich Ordensgemeinschaften selbst anbieten, um mit einer Einrichtung Hilfe zu bringen. Es gibt viele Zeugnisse, die zeigen, wie Gemeinden selbst initiativ geworden sind, indem sie Grund und Boden bereitstellten und zur Gründung eines Armen- oder Krankenhauses schritten. In dieser Zeit entstand ein beachtliches Netzwerk von Krankenhäusern, Schulen, Schwesternstationen, Kindergärten, die eine Antwort auf die Herausforderung der Zeit sind. Aus diesen Wurzeln heraus hat sich auch der heutige Caritasverband entwickelt: Vereinigungen, die sich entsprechend dem Zug der Zeit als zivile Vereine organisierten, Anstalten, gegründet aus einer Stiftung, und Ordensgemeinschaften sind die drei Säulen, aus denen der Caritasverband erwachsen ist. Darüber hinaus sind ebenfalls die katholisch-soziale Bewegung mit den christlichen Arbeitervereinen, die katholische Frauenbewegung und die Gründung des Caritasverbandes nicht voneinander zu trennen; in ihnen stellt sich Ende des letzten Jahrhunderts und Anfang dieses Jahrhunderts das sozialpolitische Engagement der Katholiken in Deutschland dar und bestimmte entscheidend die Entwicklung des Sozialstaates mit. Nicht umsonst hat der Nationalsozialismus versucht, über die Ausschaltung der Caritasverbände und ihrer Einrichtungen die katholische Kirche selbst zu treffen.
4.2 Amt und Geistesgaben in der Caritas der Kirche
Die Sendung der Kirche hat ihren Grund in der Sendung Jesu. Im Sakrament der Taufe und der Firmung wird den Getauften der Heilige Geist geschenkt, daß sie die Sendung Jesu in Wort und Tat weitertragen, jeder mit seinen Fähigkeiten und Begabungen. Das gilt auch für die Sendung zur praktischen Nächstenliebe in der Caritas. Die Getauften tun das als ihren ureigenen Auftrag. Zugleich bleibt aber die Caritas wie Verkündigung und Liturgie in der Verantwortung des Ortsbischofs, der für die Einheit aller Dienste steht.
Die Geschichte der Caritas zeigt, daß viele Männer und Frauen bewußt oder unbewußt aus dem Heiligen Geist ihre Berufung gelebt haben, lange bevor das II. Vatikanische Konzil dieses Verständnis auf unsere Zeit hin so ausführlich dargelegt hat. Sie haben mit ihrem Charisma und durch ihr caritatives Zeugnis das Gesicht der Kirche und der Welt verändert. Vor diesem Hintergrund ist auch die Gestalt der Caritas heute zu sehen. Sie geschieht durch die vielen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gemeinden und Verbänden. In der Zeit der frühen Kirche mochte der Bischof in einer überschaubaren Stadt und in einer einfach strukturierten Gesellschaft den Armendienst mit seinen Diakonen direkt wahrnehmen; in einer differenzierten und komplexen Gesellschaft kann der Bischof seiner Berufung, "Pater pauperum" (Vater der Armen) zu sein, nur angemessen nachkommen, indem er sich in den Dienst der Berufung und Charismen der vielen Getauften stellt, um mit ihnen ein Netzwerk der helfenden Hände zu knüpfen, das in unserer Zeit not tut.
4.3 "Knoten" im Netz der Caritas
Im Netz der Caritas wird man mehrere "Knoten" unterscheiden müssen, die aber zuinnerst zusammenhängen.
4.3.1 Initiativen im Lebensraum der Menschen
Die konkrete Not der Menschen wird am ehesten in unmittelbarer Betroffenheit wahrgenommen, sei es von den in Not Geratenen selbst, sei es von Menschen, die ihnen nahestehen. Diese Sensibilität für die Not und Hilfebedürftigkeit des Nächsten vor Ort ist oft der Anstoß für Initiativen, Selbsthilfegruppen, Arbeitskreise, die eine Antwort suchen. Für solches Engagement gibt es vielfältige Beispiele:
4.3.1.1 in Familien
In vielen Familien wird lebenslang bindende Verantwortung füreinander gelebt: Ehepartner füreinander, Eltern für ihre Kinder, Kinder für ihre Eltern und Großeltern und Geschwister füreinander. In einer Zeit, in der Bindungen stark in Frage gestellt werden, stehen Millionen von Familienmitgliedern trotz aller Belastungen in Not und Leid füreinander ein, auch und gerade jenseits individuellen Nutzens. Ohne bisher auf Anerkennung ihrer Leistungen durch Wirtschaft und Politik rechnen zu können, legen Eltern das Fundament an Humanität, ohne das der einzelne wie die Gesellschaft nicht existieren können. Dasselbe gilt für das erstaunliche Maß an Verantwortung vieler erwachsener Kinder für ihre Eltern, wenn diese nicht mehr ein selbständiges Leben führen können. Ganz zu schweigen von Familien, die viele Jahre oder sogar lebenslang behinderten oder chronisch kranken Familienmitgliedern ein Leben in Geborgenheit und Zuwendung ermöglichen.
4.3.1.2 in Selbsthilfegruppen
Ein unübersehbares Zeichen der nicht versiegenden Solidarität in unserer Gesellschaft sind Gruppen, in denen sich Menschen, die von gleichen Notlagen betroffen sind, zur gegenseitigen Hilfe zusammenschließen. Wo früher häufig Resignation, Rückzug und falsche Formen der Betreuung anzutreffen waren, gewinnen von Leid und Unrecht betroffene Menschen gemeinsam ihre Selbstbestimmung und Selbstachtung zurück. Sie erleben, daß sie gemeinsam mehr erreichen können als jeder einzelne für sich. Sie erfahren unmittelbar, daß sie beim Helfen Empfangende und Beschenkte, Gebende und Nehmende sind. Sie strafen alle jene Lügen, die in unserer Gesellschaft nur Eigeninteresse und Beschränkung auf das eigene Selbst wahrzunehmen meinen.
4.3.1.3 im ehrenamtlichen Einsatz füreinander
Durch diese wachsende Vielfalt solidarischer Selbsthilfe ist der helfende ehrenamtliche Dienst füreinander nicht überflüssig geworden. Im Gegenteil! Auch ohne eigene, unmittelbare Betroffenheit entdecken Menschen im anderen die Schwester oder den Bruder, die jetzt jene Hilfe brauchen, die sie morgen vielleicht selbst benötigen. Im Engagement für andere sehen sie eine Chance, ihr Leben bewußt zu gestalten, so daß es dadurch reicher und sinnvoller wird. Viele von ihnen suchen auch die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, um in ihrem Engagement Rückhalt und Bestätigung zu erfahren. Das Ehrenamt erfährt dabei eine Veränderung und wird vielfältiger. Zahlreiche Menschen nehmen Ehrenämter wahr und lassen sich in die Pflicht nehmen, für andere kontinuierlich da zu sein, wie z.B. in den verschiedenen Feldern kirchlicher, verbandlicher, politischer, gesellschaftlicher oder betrieblicher Mitverantwortung. Andere nehmen ohne Mitgliedschaft und Bindung an einen Verband zeitlich befristete Aufgaben wahr. Aktuelle Not ist oft der Anlaß, der zum Engagement und zur Überwindung der passiven Zuschauerrolle beiträgt. Flüchtlingshilfen, Initiativen für alleinstehende Wohnungslose, Hilfsaktionen für Gemeinden in Ländern Osteuropas sind u. a. solche Beispiele. Charakteristisch ist heute immer, daß die Helferinnen und Helfer auch selbst mitüberlegen und mitentscheiden wollen, was zu tun ist und wie es getan werden soll. Sie wollen als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst genommen und nicht nur Handlager sein.
4.3.1.4 in Mitverantwortung für die Eine Welt
In einer Welt, die immer mehr zusammenwächst und in der die ferne Not bis vor die eigene Haustür reicht, wachsen die Bereitschaft und Fähigkeit der Menschen, bisher geltende Hilfegrenzen zu überschreiten. Das zeigt sich nicht nur bei den großen kirchlichen Hilfswerken wie Adveniat, Misereor, Missio, Renovabis und Caritas international, sondern in der Bereitschaft vieler, sich bei anderen Hilfsaktionen zu beteiligen. Vor diesem Hintergrund kommt den zahlreichen Eine- bzw. Dritte Weltgruppen ihre besondere Bedeutung zu. Sie weiten das Bewußtsein auf die eine Welt hin, arbeiten mit an einer Brücke der Verständigung und tun einen wichtigen Friedensdienst.
4.3.2 in Initiativen auf der Gemeindeebene
Ziel der Caritas der Kirche ist es, hinzuführen zur Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit Gott. Das wird Wirklichkeit in der Gemeinde, die sich aufbaut und lebt aus der Verkündigung des Glaubens, aus der Feier der Sakramente und aus der tätigen Caritas gegenüber dem Nächsten. Es gehört darum zum Leben der Gemeinde, daß sie sensibel ist für die Not vor Ort, daß sie die Initiativen praktischer Caritas wahrnimmt und unterstützt. Für viele Menschen sind diese Initiativen auch Wege, den Glauben für ihr Leben neu zu entdecken und Zugang zur Kirche zu finden.
Vor diesem Hintergrund ist z.B. zu würdigen, wenn Sternsinger alljährlich auf Straßen und in den Häusern um Spenden bitten, wenn Jugendliche ein Freiwilliges Soziales Jahr annehmen, wenn ehrenamtlich tätige Helfergruppen, Caritas- und Vinzenzkonferenzen in Wohnbezirken Familien oder Alleinstehende aufsuchen, kranke und alte Menschen zu Hause oder im Krankenhaus und im Pflegeheim besuchen, Begegnung und Hilfe vermitteln und damit die Brücke zur Gottesdienstgemeinde bauen wollen. Es geschieht vieles in wechselseitiger Hilfe, im gegenseitigen Trösten und Raten - und das oft mit viel Phantasie und Engagement.
Pfarrgemeinderäte und Sachausschüsse entwickeln Projekte wie Wärmestuben für Wohnungslose, Mittagstische für Alleinstehende, Kochkurse für Flüchtlinge und Asylbewerber in der Gemeinde. In der Schulaufgabenhilfe sind Erwachsene und Schüler helfend tätig, bemühen sich, Fremde mit unserer Sprache vertraut zu machen. Im humanen Umgang mit Sterben und Tod hat sich mit der Hospizbewegung eine neue Form von Hilfe und Unterstützung herausgebildet. Wegen der besonderen Bedeutung dieser Frage haben sich die deutschen Bischöfe damit in einer eigenen Handreichung ausführlich befaßt (Erklärung der Pastoralkommission "Die Hospizbewegung - Profil eines hilfreichen Weges in katholischem Verständnis" vom 23. September 1993, in: Die deutschen Bischöfe 47, Bonn 1996). In manchen Gemeinden haben sich Initiativen gebildet, um gegen die langandauernde Massenarbeitslosigkeit anzugehen. Sie sind nicht bereit, Arbeitslose ihrem individuellen Schicksal zu überlassen, sondern nehmen die Herausforderung an und suchen in Solidarität mit den Betroffenen nach positiven Wegen der Überwindung.
Das Gemeinsame Wort der Kirchen "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" stellt das ausführlich dar. Es gibt viele ermutigende Beispiele, die einladen weiterzutun, was andere bereits getan haben. Im Engagement dieser vielen Frauen und Männer, der Jugendlichen und Kinder wird die Caritas nach wie vor als Lebensvollzug der Kirche getan. Für viele wird darin die Zugehörigkeit zur Kirche praktisch und erfahrbar Die Gemeinde wird erst vollständig, wenn sich die kranken, behinderten oder alten Menschen, trotz der räumlichen Ferne zur Gottesdienstgemeinde, als aktive Glieder ihrer Gemeinde verstehen und von der Gemeinde auch als solche wahrgenommen und angenommen sind. Sichtbar und spürbar wird diese lebendige Zugehörigkeit zur Gemeinde u.a. dadurch, daß sie den Helfern hundertfach in Dankbarkeit und Freude zurückschenken und deren Tun oft durch ihr Gebet und Opfer erst möglich und vollständig machen. Früh verband sich mit der rückhaltlosen, persönlichen Zuwendung zum einzeln Menschen in Not das Eintreten der Caritas für die Zuständereform in Staat und Gesellschaft. Seitdem gehören die persönliche Hilfe und das sozialpolitische, öffentliche Handeln zugunsten gerechterer gesellschaftlicher Strukturen für die Caritas der Kirche untrennbar zusammen wie zwei Seiten ein und derselben Medaille.
In der Nachfolge Jesu existiert die Kirche nicht für sich selbst. Sie hat eine Sendung für alle Menschen und Völker (Mt 28,19).
"Die Kirche hat damit einen öffentlichen Auftrag und eine Verantwortung für das Ganze des Volkes und der Menschheit." ("Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit", Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, Bonn 1997, Nr. 100) Damit hat auch die Arbeit der Caritas einen öffentlichen Auftrag und eine politische Dimension. Es geht darum, aus dem Geist des Evangeliums den Lebensraum der Menschen in unserem Land nach den Prinzipien der Solidarität und der Gerechtigkeit mitzugestalten. Um diesem Auftrag gerecht zu werden, hat die Caritas in unserem Land die Gestalt des Verbandes angenommen.
4.3.3 Caritasverband und Professionalisierung der Caritas
In Deutschland haben sich vor gut 100 Jahren caritative Bewegungen, Gemeinschaften und Einrichtungen organisiert und zum Caritasverband zusammengeschlossen. Dieser Zusammenschluß wurde von hellsichtigen Bischöfen, Priestern und Laien von verschiedenen Seiten vorangetrieben mit dem Ziel, daß die caritative Tätigkeit der Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen und damit ein Instrument geschaffen wurde, um die Sozialpolitik aus christlicher Verantwortung mitzugestalten.
Im "Charitasverband für das katholische Deutschland" schlossen sich unter der Initiative und Inspiration von Lorenz Werthmann zuerst caritative Vereine, Ordensgemeinschaften und caritative Anstalten zusammen. Zugleich verstärkte dieser Zusammenschluß auch die Professionalisierung in den verschiedenen Bereichen kirchlicher Caritas. Der Caritasverband sollte das Feld der Caritas erforschen, die Information unter den verschiedenen Einrichtungen und Diensten ermöglichen und zugleich eine qualifizierte Aus- und Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Selbstverständnis der kirchlichen Caritas sicherstellen. Der Caritasverband steht heute an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft bzw. Staat und nimmt eine Brückenfunktion wahr: Er ist der von den deutschen Bischöfen anerkannte Zusammenschluß der kirchlichen Caritas und von daher eindeutig Caritas der Kirche und nimmt zugleich als freier Wohlfahrtsverband seine Funktion wahr im gesellschaftlichen Bereich.
4.3.3.1 Der Ort des Deutschen Caritasverbandes heute
Mit dem Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ist der Ort des Deutschen Caritasverbandes neu beschrieben worden: Der soziale Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland weist darin eine Besonderheit aus, daß nach seiner Verfassung die öffentliche und freie Wohlfahrtspflege partnerschaftlich und subsidiär zusammenarbeiten. Der Caritasverband als Teil der Caritas der Kirche ist im sozialen Hilfesystem des Staates eine selbständige Säule mit eigenen Profil. Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. So bringt der Caritasverband die Lebens- und Glaubenserfahrung der Kirche zugleich mit der fachlichen Qualität, welche er im Dienst an den Menschen entwickelt hat, in die sozialpolitische Diskussion ein und nimmt die Mitverantwortung der Kirche für die Gestaltung des Lebensraumes der Menschen wahr. In besonderer Weise hat sich in den Jahren die Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche herausgebildet. Caritas und Diakonie sind ein bewährtes Feld der Ökumene geworden.
4.3.3.2 Zur Identität der verbandlichen Caritas
Der Caritasverband steht heute sowohl nach innen als auch nach außen für die Qualität der Hilfe aus dem Geiste christlicher Caritas und ist Zusammenschluß und Träger für viele Fachdienste. Die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Dienste, die dem hilfebedürftigen Menschen zur Verfügung stehen, gehört zur Qualität der Caritas. In dem Sinne nimmmt der Caritasverband auch ergänzend die Dienste wahr, die für die einzelne Gemeinde eine Überforderung sind.
Die Identität des Caritasverbandes gründet darin, daß er Teil der Kirche ist unter der Aufsicht des zuständigen Bischofs. Träger und Leitungspersonen tragen die Verantwortung für den kirchlichen Charakter, indem sie Zielsetzung und Tätigkeit, Organisationsstruktur und Leitung an der Glaubens- und Sittenlehre und an der Rechtsordnung der Kirche ausrichten entsprechend den jeweils gültigen Ordnungen (z.B. Satzung, Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse). Von daher ergeben sich differenzierte Bedingungen für die Möglichkeit der Mitarbeit von katholischen, nichtkatholischen christlichen und nichtchristlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Damit lassen sich auch der Ort und die Identität hauptberuflicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas beschreiben. Ergänzend zu dem Weg, den das Leitbild des Deutschen Caritasverbandes eröffnet, lassen sich noch diese Elemente nennen:
- Durch ihre Taufe und Firmung nehmen sie in der Kirche an der Sendung Jesu teil und haben ihren ureigenen Auftrag, Menschen zu helfen.
- Ihre beruflichen Fähigkeiten und ihre fachliche Kompetenz sind ein Ausdruck ihres Charismas und eine besondere Chance, die Hilfe der Caritas wirksam werden zu lassen.
- Insofern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hauptberuflich beim Caritasverband tätig sind, stehen sie im Auftrage der Kirche, im Auftrage des Bischofs; sie nehmen teil an seiner Verantwortung, daß die Caritas der Kirche wirksam getan werden kann zum Wohl und Heile der Menschen.
4.4 Spannungsfeld von Caritas der Gemeinde und Caritasverband
4.4.1 Sakrament und Caritas gehören zusammen
Verbandliche Caritasarbeit und Caritas der Gemeinde gehören zusammen und ergänzen einander. Dieses ergänzende Zusammenspiel zu gewährleisten, ist eine dauernde Aufgabe.
Die hauptberufliche professionelle Arbeit ist in der Gefahr, daß sie den Kontakt zu den Gemeinden verliert und sich der Wurzel nicht mehr genügend bewußt ist, aus denen die christliche Caritas lebt. Andererseits ist in den Gemeinden sowohl in der Praxis als auch im Bewußtsein manchmal nicht genügend klar, daß es neben der eucharistischen Gegenwart Christi im Sakrament auch die Gegenwart des Herrn in den Brüdern und Schwestern gibt, der uns in den Hungernden, in den Kranken und Alten, in den Behinderten, Obdachlosen und Heimatlosen anblickt. Die urkirchliche Zusammengehörigkeit von Sakrament und Armenfürsorge ist nicht mehr allgegenwärtig; sie muß sowohl in der Theologie als auch in der Praxis der Kirche wiederbelebt werden. Gemeindliche Caritas hat sich dort entwickelt, wo Gemeinden das soziale Umfeld als Herausforderung annehmen.
4.4.2 Subsidiarität: wechselseitige Ergänzung von hauptberuflicher und ehrenamtlicher Arbeit
Bedauerlicherweise wird in Gemeinden die Sorge um den andern Menschen nicht mehr immer als Auftrag aller verstanden, sondern eher als Engagement einiger Personen und Gruppen, oder sie wird dem Caritasverband ganz überlassen. Bisweilen hat der Auf- und Ausbau der verbandlichen Caritas - wenn auch ungewollt - in den Gemeinden dazu beigetragen, ihre Verantwortung an den Verband abzugeben, zumal sich viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohnehin angesichts der komplexen Not überfordert fühlen und froh sind, wenn ihnen langjährig geleistete Dienste von beruflichen Mitarbeitern des Verbandes abgenommen werden. Wichtig und entscheidend ist, daß das umfangreiche Angebot des Caritasverbandes als ein Angebot der Kirche für ihre Gemeinden erkannt wird. Wenn beide Partner, berufliche und ehrenamtliche, in einer sich ergänzenden Zusammenarbeit tätig werden, kann die Gemeindewerdung durch die Caritas erfahrbar werden als eine gemeinsame Aufgabe von Gemeinde und Verband. Professionelle Mitarbeiter bringen ihre Qualifikation ein; ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verband und in den Gemeinden bringen ihre Fähigkeiten aus Ausbildung, Beruf und Familie, die Kenntnis von den Lebensbedingungen der Gemeinde sowie ihre Nähe zu den Hilfesuchenden ein. Am Beispiel der "Sozialstation" sowie der ehrenamtlichen Dienste im Krankenhaus und Altenwohnheim wird deutlich, wie professionelle ambulante Dienste in die Gemeinde hineinwirken und zugleich durch ehrenamtliche Dienste aus der Gemeinde ergänzt und vervollständigt werden. Eine ganze Reihe entlastender Dienste könnten aufgezählt werden, von den pflegerischen bis zu den hauswirtschaftlichen, von den Entlastungshilfen für pflegende Angehörige, von der Hospizbewegung über Einkaufshilfen, Vorlesen und Botengänge bis hin zum Zuhören und Zeitschenken.
5. Kirche für die Menschen und die Gesellschaft
Persönliches caritatives Engagement wie verbandliche Caritas bringen zum Ausdruck, wofür die Kirche in dieser Gesellschaft, in dieser Welt steht. Gemeinsam bilden sie - wie sich Johannes Paul II. in der jüngsten Sozialenzyklika ausdrückt - eine "Großbewegung zur Verteidigung und zum Schutz der Würde des Menschen" (Enzyklika CENTESIMUS ANNUS von Papst Johannes Paul II., Bonn 1991, 3). Überall dort, wo Menschen als einzelne oder als Gruppen der Würde des Menschen mehr Raum zu geben suchen, können sie mit der Kirche und ihrer Caritas als treue Verbündete rechnen. Wo immer sich die Würde des Menschen als bedroht erweist, kann es die Kirche in ihrer caritativen Identität nicht unberührt lassen.
5.1 Anwalt für die Würde des Menschen Dabei steht die Caritas vor immer neuen, sich schnell verändernden Herausforderungen. Heute sind es vornehmlich wachsende Armut, besonders auch unter den Jüngeren, Massenarbeitslosigkeit, der drohende Ausschluß ganzer Gruppen von der gesellschaftlichen Teilhabe und die spürbare Verhärtung der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber den Schwächeren insgesamt, die die Caritas der Kirche zum Handeln in der persönlichen Zuwendung wie im politisch-anwaltlichen Engagement drängen. Caritas als Ausdruck kirchlicher Hilfe und als Anwalt für die Würde des Menschen läßt sich dabei immer weniger von nur einer Ebene der Kirche oder durch eine spezielle Organisation allein realisieren, sondern verlangt eine Vielfalt von Handlungszentren. Als Gemeinschaften, die die Erinnerung an das zuvorkommende Heilshandeln Gottes vor Ort wachhalten, sind die Gemeinden aufgefordert, Gottes Heil zu bezeugen, indem sie sich aktiv einsetzen für Menschen, die in ihrer Würde bedroht sind. "Dieser Mensch ist der Weg der Kirche" (Enzyklika REDEMPTOR HOMINIS von Papst Johannes Paul II., Bonn 1979, 14), insbesondere der an den Rand gedrängte, in Not geratene Mensch. Das macht es notwendig, auch auf der Ebene jeder Diözese Schwerpunkte zugunsten derer zu setzen, die in ihrer Würde bedroht sind. Die katholische Kirche in Deutschland als eine der großen Institutionen unseres Landes ist herausgefordert, ihr öffentliches Gewicht für jene in die Waagschale zu werfen, deren Kräfte nicht reichen, um selbst auf ihre Not aufmerksam zu machen und auf Abhilfe zu drängen. Dazu gehört heute das entschiedene Eintreten für das eigenständige Lebensrecht des ungeborenen Kindes und nochmals besonders des Kindes mit einer Behinderung. Dazu gehört auch die entschiedene Sorge, daß Kinder und junge Menschen voll Vertrauen und Hoffnung in ihre Lebenswelt hineinwachsen können. In einer Situation, in der soziale Einrichtungen zunehmend unter ökonomische Zwänge geraten, haben wir in unserem Land noch nicht endgültig den Beweis erbracht, daß die Achtung und Ehrfurcht vor der Würde des altersverwirrten und schwerstpflegebedürftigen Menschen wie des behinderten Menschen auf Dauer gesichert sind.
5.2 Politische Diakonie der Caritas und des Caritasverbandes
Eine vielgestaltige Kirche, die für andere da ist, schafft auch die besten Voraussetzungen für das sozial-caritative Engagement der Christen und der Kirche in den modernen, verbandlichen Strukturen. Als eine vermittelnde Institution zwischen staatlichen und privaten Kräften der Wohlfahrtspflege einerseits und der persönlichen Hilfe von Mensch zu Mensch andererseits kommt der verbandlichen Caritas in den Anstrengungen unserer Gesellschaft zur Wahrung von Humanität und Gerechtigkeit eine eher wachsende Bedeutung zu. Dies gilt auch für die notwendigen Anstrengungen, sozialstaatliche und wohlfahrtspflegerische Institutionen auf der europäischen Ebene zu entwickeln und zu gestalten.
Das stellt die Caritas vor große Herausforderungen. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in unserem Land wie auch in einem geeinten Europa verändern sich tiefgreifend. Die Freie Wohlfahrtpflege hat ihre gewohnte Vorrangstellung verloren und muß ihre Dienste unter wettbewerbsähnlichen Bedingungen auf einem offenen Markt anbieten und leisten. Zugleich ist der Grundkonsens in den gemeinsamen Wertüberzeugungen unter den Bedingungen der pluralen Gesellschaft brüchig geworden; das betrifft u.a. das Verständnis vom Menschen und vom Leben des Menschen.
Diese veränderte Situation bringt den Caritasverband zunehmend vor die Frage, wie er in den verschiedenen Einrichtungen und Diensten aus seinem Selbstverständnis heraus die Arbeit tun kann und seine Identität überzeugend wahren kann. Als Anstellungsträger kann er dabei in schwierige Konflikte geraten.
5.3 Das eigene Profil zeigen
Fachlich qualifizierte Caritas wie gemeindliche Caritas sind aufeinander verwiesen. Nur beide gemeinsam können die christlich geprägte soziale Qualität der Lebensräume gewährleisten. Angesichts des gegenwärtigen wirtschaftlichen Umbruchs (Rückgang der Staatsleistungen für caritative Dienste, Deckelung der Versicherungsleistungen, Abnahme der Kirchensteuermittel etc.) in unserem Land ist auf Dauer mit Einschränkungen des Einsatzes der Fachcaritas zu rechnen. Wenn die besondere Qualität der caritativen Fachdienste und Einrichtungen erhalten bleiben soll, werden die Gemeinden auf Dauer mehr Verantwortung und Engagement auch für die finanzielle Sicherung (z.B. Stiftungen etc.) der Fachcaritas übernehmen müssen. Der Caritasverband wird deutlich sein eigenes Profil zeigen müssen. Er wird neue Formen der Zusammenarbeit ehrenamtlicher und hauptberuflicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln und die Vernetzung der caritativen Dienste in der Kirche vorantreiben. Aber auch die dringenden Anliegen und großen Nöte in anderen Ländern und Regionen der Welt werden die Arbeit der Caritas mehr als heute bestimmen.
Aus der Kirche, die für die Menschen da ist und lebt, wachsen der verbandlichen Caritas immer neu die notwendigen Kräfte für ihre gesellschaftliche Aufgabe zu: Das sind die Menschen, die bereit sind, sich von der Not anderer unmittelbar in Dienst nehmen zu lassen, Mitarbeiter, die ihre Fachlichkeit mit dem Geist des Evangeliums zu verbinden wissen, und das ist eine aus der Mitte des Glaubens und der Theologie kommende Hochschätzung, die die Fähigkeit verleiht, die eigenen Grenzen von institutioneller Trägheit und Eigeninteresse immer wieder aufs neue zu überschreiten.
Überall dort, wo die Kirche heute glaubwürdig als Bewegung im Interesse der Menschenwürde in Erscheinung tritt, kann sie mit hoher Zustimmung rechnen. Dies gilt sowohl für die am kirchlichen Leben teilnehmenden Gemeindemitglieder, als auch für den wachsenden Kreis der Distanzierten. Wie das hohe Ansehen der verbandlichen Caritas in der Gesellschaft insgesamt verdeutlicht, reicht ihre Anerkennung auch über den Kreis der Gläubigen hinaus. So wird der gelebte Einsatz der Kirche für die Schwächeren in der Gesellschaft heute ein überzeugendes Zeichen einer Glaubenspraxis der Kirche, die "zur Welt gekommen ist".
(Quelle: www.dbk.de)